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Mittwoch, 18. Januar 2017

Drei Mann in einem Boot (1961) Helmut Weiss


Georg (Heinz Erhardt), Harry (Hans-Joachim Kulenkamff) und Jo (Walter Giller)...
Inhalt: Die Werbefachleute Jerome (Walter Giller), genannt „Jo“, und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen ein paar ruhige Tage am Bodensee verbringen. In der Sonne liegen und über einen neuen Slogan für einen Kunden nachdenken – die ideale Kombination aus Urlaub und Arbeit. Doch ganz will die Konzentration auf das Wesentliche nicht funktionieren. Jo hat Grit (Ina Duscha) kennengelernt und ist frisch verliebt und Harry muss feststellen, dass ihm Julischka (Ida Boros) hinterher gefahren ist, mit der er zuvor Schluss gemacht hatte. Eine für sie nicht akzeptable Entscheidung, weshalb sie ständige Aufmerksamkeit einfordert. 

...fahren in einem kleinen Motorboot vom Bodensee aus den Rhein entlang
In seiner Not erwirbt der gelernte Kapitän spontan ein kleines Motorboot, um sich auf dem Bodensee zurückziehen zu können. Während Jo eher unwillig mit an Bord kommt, ergreift der Kunsthändler Georg Nolte (Heinz Erhardt) die Gelegenheit, nachdem er zufällig ein Gespräch der beiden Männer über Harrys Plan belauscht hatte. Seine Frau Carlotta (Loni Heuser) lässt ihm keinen Moment der Ruhe, um ein wenig am Bodensee zu angeln. Für sie zählen nur gesellschaftliche Anlässe und Geschäftstermine, weshalb er ohne sie zu informieren spontan mit Jo und Harry in See sticht. Doch so einfach gibt es kein Entrinnen. Carlotta und die zurückgestoßene Julischka machen sich auf die Verfolgung...


Im Gegensatz zu Helmut Weiss' kurz zuvor herausgekommenem Film "Vertauschtes Leben" (1961) und dem 1962 folgenden "Auf Wiedersehen am blauen Meer" hat sich "Drei Mann in einem Boot" seine Popularität bis heute bewahrt. Das ist einerseits den drei Hauptdarstellern zu verdanken, andererseits fehlt dem Film der gehobene Zeigefinger der beiden anderen Helmut Weiss-Werke, die in dieser Phase der soziokulturellen Veränderungen in der BRD mit ihrer Warnung vor dem moralischen Verfall nicht allein standen. Ein Großteil dieser Filme, die gleichzeitig den Voyeurismus ihrer Betrachter bedienten, sind heute vergessen. Auch in "Drei Mann in einem Boot" lassen sich diese Tendenzen wiederfinden, aber der Film nahm sich schlicht weniger ernst.










Ursprünglich wollten Jo und Harry Arbeit und Freizeit kombinieren...
"Drei Mann in einem Boot...ganz zu schweigen vom Hund" beruft sich auf den gleichnamigen, zu seiner Zeit sehr populären Roman von Jerome K.Jerome, den der britische Schriftsteller 1889 herausbrachte. Aus der Ich-Perspektive beschrieb er den zweiwöchigen Ausflug dreier Freunde mit einem Ruder-Boot auf der Themse, der aber nur die Rahmenhandlung für eine Vielzahl komischer Geschichten und Anekdoten abgab. Auch in der Verfilmung von 1961 ist Jerome (Walter Giller) mit an Bord eines kleinen Motorschiffs, mit dem drei Männer erst auf dem Bodensee und dann auf dem Rhein herumschippern. Doch darüber hinaus hat der Film mit der Buchvorlage kaum etwas gemeinsam. Jerome lässt sich "Jo" nennen (wahrscheinlich war der Name damals im deutschen Film zu ungewöhnlich) und der Anlass für die Bootsreise war kein Ausflug unter männlichen Freunden, sondern die Flucht vor den Frauen.

...und Georg wollte in Ruhe angeln. Sie hatten aber die Rechnung ohne...
Obwohl die Männer im Filmtitel dominieren, beherrschen die Frauen die Szenerie als fordernde, kritisierende und kontrollierende Persönlichkeiten. Ganz konkret in Person von Carlotta Nolte (Loni Heuser), der Frau des Kunsthändlers Georg Nolte (Heinz Erhardt), und der ehemaligen Geliebten des Werbefachmanns Harry Berg (Hans-Joachim Kulenkampff), Julischka (Ida Boros), genannt „Fee“ von Wendorf, eine üppig gebaute ungarische Blondine mit entsprechend klischeehaftem Temperament. Besagte „Fee“ legt nicht nur Wert auf Luxus, sie räkelt sich auch im rosa Negligee in Erwartung ihres geliebten Harry auf dem Hotelzimmer. Womit sie als ernsthafte Partnerin schon disqualifiziert ist, zumal sie jede Zuwiderhandlung gegen ihren Willen ignoriert - auch das Harry ihre Beziehung beendet hatte. Angesichts ihres exaltierten und nervigen Auftretens, wäre es interessant gewesen, warum er überhaupt mit ihr zusammen war, aber solche komplexen Hintergedanken sparte der Film aus. Entscheidend war, dass Harrys Fluchtinstinkte auf eine breite Zustimmung trafen.

...Carlotta (Loni Heuser) und Julischka (Ida Boros) gemacht
Das galt auch für Georg Noltes Motivation. Seine Gattin Carlotta verkörpert den weiblichen Gegenentwurf zur emotionalen Julischka – die allein Vernunftgründe gelten lassende Unternehmergattin, die nur den nächsten Geschäftstermin im Blick hat. Anstatt irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen im gehobenen Ambiente beizuwohnen, will Georg am Bodensee in Ruhe angeln gehen. Flieht der eine Mann vor permanenter Aufdringlichkeit, sehnt sich der Andere nach den einfachen Genüssen des Lebens. Beide suchen nur ihre Ruhe auf dem kleinen Motorboot und haben die Sympathien auf ihrer Seite. Jo, der Dritte im Bunde, schließt sich ihnen aus Solidarität an, denn er hat den weiblichen Idealtyp abbekommen – die junge und schöne Grit (Ina Duscha). Dass es sich um die Tochter seines Mitstreiters Georg handelt, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, nur dass sie aus wohlhabender Familie kommt und angemessen selbstbewusst auftritt. Ihr Flirt wird schnell konkret, denn viel Zeit bleibt der Handlung nicht, bevor die Männer in See stechen, aber das aus ihrer Liebelei etwas Ernsthaftes werden wird, ist schon klar – nur der vermeintlich gestrenge Papa muss noch überzeugt werden.

Steuerfrau Beetje Ackerboom (Susanne Cramer)...
Im weiteren Verlauf der Handlung kommt noch eine vierte weibliche Protagonistin hinzu, die einerseits die nicht mehr genehme Julischka bei Harry ersetzen sollte, die dank der Schweizer Polizei – sie hatte keinen gültigen Pass – aus dem Verkehr gezogen wird, andererseits für die Rückbesinnung auf die weiblichen Werte stand. Zuerst gibt Beetje Ackerboom (Susanne Kramer) die toughe Steuerfrau eines Lastschiffs, die die Männer anzupacken weiß, aber als sie ausrutscht und von den drei Helden aus dem Rhein gefischt wird, entdeckt sie ihre weiche Seite. Der gelernte Seemann Harry hat es ihr gleich angetan und bei ihrer nächsten Verabredung trägt sie statt Arbeitsklamotten ein langes Kleid. Auch die Männer blieben nicht von Klischees verschont, aber mit den spaßigen Anspielungen auf ihre Unfähigkeit zu kochen und Ordnung zu halten, die regelmäßig in Slapstick-Einlagen mündeten, konnten sie gut leben. Am Ende - nach der allgemeinen Versöhnung - übernahmen wieder die Frauen ihr angestammtes Ressort und sorgten für Ordnung.

...legt eine rasante Wandlung hin
Angesichts der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den beliebten Stars Erhardt, Kulenkampff und Giller konnte diese Sympathie-Gewichtung kaum überraschen, zudem „Drei Mann in einem Boot“ den Geschlechter-Kampf von der lässigen Seite nahm und sogar Julischka noch ein versöhnliches Ende gönnte. Trotz der Leichtigkeit eines Rhein-Ausflugs mit Landschaftsaufnahmen, die nochmals tief in die Heimatfilm-Kiste griffen, lässt der hier verbreitete Humor den Konflikt zwischen den traditionellen Geschlechterrollen und einer im Wandel befindlichen Sozialisation, Anfang der 60er Jahre, nicht übersehen. Frivolitäten wechselten mit Moralpredigten und Anflüge weiblicher Emanzipation trafen auf das Beharren männlicher Hoheit. Regisseur Helmut Weiss und sein Autor Wolf Neumeister nahmen diese Entwicklung in ihrem folgenden gemeinsamen Film "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962) deutlich schwerer und winkten kräftig mit der Moralkeule, hier dagegen blieben sie noch zurückhaltend.

Jo bei der schnellen Überzeugung von Grit (Ina Duscha)
Das war auch den männlichen Darstellern zu verdanken, deren anklingende Macho-Allüren Niemand ernst nahm. Walter Giller und mehr noch Heinz Erhardt ironisierten mit ihrem Spiel die klassische männliche Autoritätsperson. Entsprechend endet der Film gegen die Erwartungshaltung, als eine Hand sanft den Nacken des Fahrers eines us-amerikanischen Cabriolets krault. Sie gehört Jo und am Steuer sitzt seine Braut Grit. 






"Drei Mann in einem BootDeutschland 1961Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Margarete Reinhardt, Richard Billinger, Wolf NeumeisterDarsteller : Heinz Erhardt, Walter Giller, Hans-Joachim Kulenkampff, Susanne Cramer, Ida Boros, Loni Heuser, Ina Duscha, Bum Krüger, Sepp Rist, Rolf Wanka, Willy Reichert, Laufzeit : 91 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

 "Die Feuerzangenbowle" (1944)

Mittwoch, 22. Juli 2015

Schlagerparade (1953) Erik Ode

Inhalt: Walter Lorenz (Walter Giller) arbeitet gegen geringe Bezahlung als Klavierspieler und Dirigent an der Musik-Akademie von Professor Hochstätter (Alexander Engel), die ständig in Geldnöten ist. Während der Professor die klassische Ausbildung bevorzugt, ist Walter auf der Suche nach dem ultimativen Schlager, von dem er sich den Durchbruch erhofft. Dank der Sängerin Sherry Sommer (Nadia Tiller) bekommt er einen Auftrag als Arrangeur bei einem Revuetheater und nutzt die Gelegenheit, vom Orchester eine seiner Kompositionen spielen zu lassen, wird jedoch vom Direktor als missliebiger Konkurrent rausgeworfen.

Friedl Hensch und die Cyprys
Wie bei seiner Freundin Barbara Blanc (Germaine Damar), die Nichte des Professors und eine begabte Tänzerin ohne Engagement, geht ohne Protektion nichts. Verleger und Produzenten sind nicht bereit, Newcomer zu fördern. Als sich Barbara bei dem Musikverleger Otto Bonnhoff (Walter Gross) für Walters Komposition „Sei lieb zu mir“ einsetzen will, nutzt sie einen unbeobachteten Moment, um die Noten in einen Brief-Umschlag des bekannten Komponisten Fred Pauli (Karl Schönböck) zu stecken, der gerade von der Post gebracht worden war. Im Glauben „Sei lieb zu mir“ sei von Pauli, bringt Bonnhoff das Stück groß raus und macht es zu einem Erfolg…


Von der Operette zur Starparade – der „Schlagerfilm“ wird zum eigenständigen Genre

Walter (Walter Giller) mit Bob (Harald Juhnke) und Cherry Sommer (Nadja Tiller)
Während der Heimatfilm trotz aller Ressentiments einen festen Platz in der deutschen Filmgeschichte besitzt, gilt der Schlagerfilm als beiläufige Sub-Genre-Erscheinung - gut daran zu erkennen, dass die zeitliche Einordnung und Abgrenzung schwer fällt. Der Filmwissenschaftler Jürgen Trimborn erkannte im Schlagerfilm eine Ablösung des Heimatfilms Ende der 50er Jahre (siehe „Der deutsche Heimatfilm der fünfziger Jahre. Motive, Symbole und Handlungsmuster“, Köln: Teiresias-Vlg. Leppin 1998). Daraus folgernd werden die frühen 60er Jahre häufig als Hochphase des Genres angesehen, um im gleichen Atemzug große Stars wie Vico Torriani, Catarina Valente oder Peter Alexander aufzuzählen. Deren Karrieren befanden sich aber schon ab Mitte der 50er Jahre im Dauerhoch, abgesehen davon, dass sie nicht die Ersten waren, die dank des Schlagerfilms groß raus kamen.

Germaine Damar in einer Tanzszene
Mit der Luxemburgerin Germaine Damar wurde Anfang der 50er Jahre eine begabte junge Tänzerin für den Musikfilm entdeckt, die bald schon im aufkommenden Schlagerfilm reüssierte, als dessen erster Vertreter "Schlagerparade" gelten kann. Nicht nur wegen des konkreten Filmtitels, sondern dank eines sich langsam wandelnden Musikgeschmacks. Neben den bekannten Schlagern der Vorkriegszeit, Operetten- und Volksmusik sowie diversen Orchesterklängen traten zunehmend Interpreten in die Öffentlichkeit, deren Lieder textlich und musikalisch auf die Modernisierung der Gesellschaft nach dem Krieg reagierten. Zudem wurde „Schlagerparade“ die dritte Produktion der neu gegründeten „Melodie Film“, die zu den Initiatoren des Schlagerfilms gehörte und dem Metier bis 1960 („Schlager-Raketen“) treu blieb – ein weiteres Indiz für die parallel zum Heimatfilm aufkommende Popularität des Genres.

Ein Hauch von Rock'n Roll - die Mundharmonika-Solisten
Erik Ode sammelte seine ersten Musikfilm-Erfahrungen bei der Verfilmung der Franz Lehàr-Operette „Land des Lächelns“ (1952), bei der er gemeinsam mit dem Heimatfilm-Regisseur Hans Deppe („Schwarzwaldmädel“ (1950)) Regie führte. Mehr noch steht der gebürtige Italiener, Liedtexter („Ich hab‘ noch einen Koffer in Berlin“) und Drehbuchautor Aldo von Pinelli beispielhaft für die nahe Verwandtschaft der Genres. In den Nachkriegsjahren einer der aktivsten Drehbuchautoren im Heimatfilm („Die Alm an der Grenze“, 1951), wechselte er ab „Südliche Nächte“ (1953) zu einem führenden Vertreter des Schlagerfilms („Wenn die Conny mit dem Peter“, 1958). Die Handlung von „Südliche Nächte“, der zwei Monate vor „Schlagerparade“ in die Kinos kam und ebenfalls von der „Melodie Film“ produziert wurde, spielte im Umfeld eines Varieté-Theaters und zeigte frühe Anklänge an touristische Werbung, die im sogenannten „Tourismusfilm“ der späten 50er Jahre ihr Blüte erlebte. Pinellis Partner am Drehbuch von „Schlagerparade“ war Hans Fritz Köllner, mit verantwortlich für den NS-Propaganda-Film „Fronttheater“ (1942), der Kriegshandlungen und Gesangs-Auftritte zur Ablenkung der Soldaten kombinierte. Köllners Schwerpunkt blieb auf dem Musikfilm („Stern von Rio“ (1955)), er schrieb aber auch das Drehbuch zu dem Heimatfilm „So lange noch die Rosen blüh‘n“ (1956).


Eigenarten des Schlagerfilms

Johannes Heesters "Man müsste Klavier spielen können"
Angesichts dieser Gemengelage aus Operetten-, Varietè-, Heimat- und Tourismusfilm scheint die Abgrenzung zum „Schlagerfilm“ fast unmöglich. Tatsächlich lässt sich kaum ein einschlägiger Film finden, der keine stilistischen Anleihen bei den Genre-Verwandten nahm, späte Vertreter wie „Wenn die Musik spielt am Wörthersee“ (1962) sind häufig fast bis zur Unkenntlichkeit mit dem Heimatfilm verwoben (siehe „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Trotzdem zeichnen schon „Schlagerparade“ eigenständige, abgrenzende Genre-Merkmale aus, auch wenn die Musikauswahl noch die Übergangsphase vom traditionellen Musikfilm widerspiegelte. Neben dem französischen Chansonnier Maurice Chevalier, den Wiener Sängerknaben und Johannes Heesters, der den Vorkriegs-Schlager „Man müsste Klavier spielen können“ intonierte, traten aktuelle Stars wie Rudi Schuricke, das Cornell-Trio oder Friedl Hensch und die Cyprys auf – offensichtlich sollten unterschiedliche Bedürfnisse befriedigt werden.

Maurice Chevalier
Im späteren Schlagerfilm nahmen die altmodischen Nummern zwar ab, aber die Vielfalt blieb signifikant für ein Genre, dessen Musikstil im Gegensatz zum Heimatfilm oder einer Operetten-Verfilmung nicht homogen war. Der Schlagerfilm verstand sich als „Große Starparade“ -  wie sich ein unter der Regie von Paul Martin im folgenden Jahr herauskommender Genre-Vertreter folgerichtig nannte – und damit als Bühne für bekannte, aber auch junge aufkommende Sänger wie Peter Alexander, Udo Jürgens oder Catarina Valente. Neben reinen Schauspielern traten die Künstler je nach Gewichtung der Handlung in fiktiven Rollen oder unter ihrem eigenen Namen auf. Zu einer Zeit, in der nur wenige Deutsche einen eigenen Fernseher besaßen, war das oft die einzige Möglichkeit, von Schallplatten her bekannte Stars in Aktion sehen zu können – nicht ohne Grund verlief der Niedergang des Schlagerfilms parallel zum endgültigen Durchbruch des aktuelleren Fernsehens.

Fred Pauli (Karl Schönböck) vor dem RIAS-Tanzorchester
Ebenso signifikant für den Schlagerfilm ist eine Story, die nur den Rahmen für die Show-Nummern abgibt. Die oft wiederholte Kritik an den vorhersehbaren Handlungsmustern erstaunt deshalb, denn die Oberflächlichkeit ist quasi genre-immanent, Originalität eine Ausnahme. Das erste Interesse galt den Interpreten, um die eine Story gestrickt wurde, die meist in Künstlerkreisen spielte und mit einem größeren Show-Block endete. Der Vorteil lag auf der Hand – dank der Möglichkeit aufwendiger Choreografien war das Programm attraktiver und die komprimierte Auftrittsform beließ noch gewisse zeitliche Freiheiten für die Handlung.


„Schlagerparade“ 1953

Barbara (Germaine Damar) und Walter (Walter Giller) mit Max Balduweit (Bully Buhlan)
Die „Schlagerparade“ wurde in dieser Hinsicht prototypisch. Komponist Walter (Walter Giller) und Tänzerin Barbara (Barbara Blanc) bilden ein junges, erfolgloses Künstlerpaar, dass auf Grund fehlender Beziehungen keine Chance erhält. Erst dank einer Verwechslung und des fairen Star-Komponisten Fred Pauli (Karl Schönböck) löst sich am Ende bei einer großen Show-Veranstaltung alles zum Guten auf. So weit, so bekannt. Und doch ist „Schlagerparade“ ein positives Beispiel dafür, wie entspannt, witzig und ohne Moralkeule eine solche Rahmenhandlung ablaufen kann.

Verleger (Walter Gross) mit Sekretärin (Ruth Stephan) und Laufbursche (Wolfgang Jansen)
Giller und Damar geben ein lässiges Paar ab, das sich auch mal küsst, ohne gleich vom Heiraten zu sprechen. Im Gegenteil. Dafür ist Sänger Bully Buhlan zuständig in der Rolle des Warenhausverkäufers Max Balduweit. Er schwärmt für Fräulein Angelika (Renate Danz), Tochter von Walters Zimmer-Vermieterin Frau Gabler (Loni Heuser). Balduweit besorgt Walter auch einen Job im Warenhaus, kann aber nicht verhindern, dass dieser noch am selben Tag wieder rausgeschmissen wird, weil er den Flügel in der Instrumenten-Abteilung nachts zum Komponieren nutzte. Wenn Balduweit gegenüber Walter von seinem Traum eines kleinen Gebrauchtwagens und späterer Heirat spricht, dann lässt der Film keinen Zweifel daran, was er davon hält – die Sympathien gehören eindeutig dem unangepassten Walter. Auch Angelika macht ihrem Verehrer klar, dass er lockerer werden muss, will er eine Chance bei ihr haben. Getragen von den gut aufgelegten Nebendarstellern Nadja Tiller, Ruth Stephan, Walter Gross, Wolfgang Jansen und Harald Juhnke blieb die Handlung jederzeit in einem leichtfüßigen, unterhaltsamen Fluss.

Aus heutiger Sicht mag das brav wirken, war im Zeitkontext aber erstaunlich modern und offen gegenüber der häufig als „brotlose Kunst“ verschrienen Tätigkeit eines Musikers. Auch die sanfte Kritik an dem nur Altbewährtes fördernden Musikverleger wurde trotz des „Happy-Ends“ nicht abgeschwächt. Ihm war der abschließende Erfolg nicht zu verdanken, sondern Fred Pauli, dessen wiederholt geäußerten Worte, er hätte auch einmal klein angefangen, wie ein Plädoyer für den Mut zu Neuem klingt – so neu wie der damals junge Schlagerfilm. Das ändert aber nichts daran, dass es wenige Genres gibt, die schneller vom Zeitgeist überholt wurden. Die Meinung über diese semi-dokumentarischen Filme basiert fast immer auf dem persönlichen Geschmack an den musikalischen Darbietungen, kombiniert mit einer Kritik an der hohlen Story. Doch Schlagerfilme – und darin liegt der entscheidende Unterschied zu den verwandten Genres – waren Filme für den Moment. Aus diesem heraus verdienen sie eine Beurteilung und da schneidet „Schlagerparade“ sehr gut ab.

"Schlagerparade" Deutschland 1953, Regie: Erik Ode, Drehbuch: Aldo von Pinelli, Hans Fritz Köllner, Darsteller : Germaine Damar, Walter Giller, Nadja Tiller, Karl Schönböck, Walter Gross, Ruth Stephan, Loni Heuser, Harald Juhnke, Renate Danz, Bully Buhlan, Wolfgang Jansen, Laufzeit : 93 Minuten

Samstag, 25. Oktober 2014

Die Herren mit der weißen Weste (1970) Wolfgang Staudte

Inhalt: Die Ankunft des Box-Promoters Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) in Berlin erzeugt große mediale Aufmerksamkeit, denn Stiegler war schon vor seinem Weggang in die USA kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil – 10 Jahre hatte Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) vergeblich versucht, Stiegler seine kriminellen Machenschaften nachzuweisen, bis ihn seine Pensionierung stoppte. Auch nach seiner Rückkehr plant Stiegler sogleich ein großes Ding. Während er wie gewohnt in der Öffentlichkeit auftritt und auf den Rängen des Olympiastadions Platz nimmt, sollen seine Bandenmitglieder die Zuschauereinnahmen des Bundesliga-Spiels ausrauben.

Doch der Plan misslingt, denn die Kasse ist schon leer geräumt. Offensichtlich ist ihnen Jemand zuvor gekommen. Stiegler ahnt nicht, dass sich die Beute im Hause Zänkers befindet, wo der Gerichtsrat gemeinsam mit seinen Gesangskameraden den Erfolg feiert. Natürlich heimlich, denn sein mit im Haus lebender Schwiegersohn (Walter Giller) ist der für die Untersuchung des Raubs verantwortliche Polizei-Inspektor und darf nichts davon erfahren. Schließlich haben die Pensionäre noch mehr vor…

"Die Herren mit der weißen Weste" erschien schon 2013 als DVD, aber die am 14.08.2014 von der PIDAX veröffentlichte Blue-Ray bedeutet qualitativ einen Quantensprung und wird dem Spätwerk Staudtes gerecht, von dem PIDAX auch schon die Fernsehserie "Kommissariat 9" (1975) herausbrachte. "Die Herren mit der weißen Weste" verfügt nicht mehr über Staudtes gesellschaftskritischen Biss, kann aber in seiner unangestrengten Inszenierung als Kleinod innerhalb der damaligen deutschen Komödienlandschaft überzeugen.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 











Fähnchen schwenkend stehen die Massen am Straßenrand, während die US-Army ihre jährliche Militärparade im Westteil der damals geteilten Stadt Berlin abhält. Für den Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) genau die richtige Kulisse, um mit seiner Altherren-Clique das nächste Ding zu drehen, denn die rasselnden Panzerketten setzen jede Alarmanlage außer Betrieb. Während der Juwelier fröhlich den vorbeifahrenden Waffengattungen zujubelt, wird hinter seinem Rücken die Auslage geräumt - und erneut zieht Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) den Kürzeren, der es ebenfalls auf die wertvollen Stücke abgesehen hatte, aber nur noch gähnende Leere vorfindet.

Horst Wendtland, in den 60er Jahren dank des großen Erfolgs der Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmreihen zu einem der führenden Produzenten in Deutschland aufgestiegen, verpflichtete als Regisseur Wolfgang Staudte, um das von ihm selbst verfasste Script zu "Die Herren mit der weißen Weste" in Szene zu setzen. Ein in zweierlei Hinsicht seltener Vorgang. Wendtland schrieb nur wenige Drehbücher und Staudte verfilmte in der Regel eigene Stoffe. Bis zu "Herrenpartie" (1964), der solch vehemente, teils persönliche Kritik erfuhr, dass er heute als das Ende der langjährigen gesellschaftskritischen Phase in Staudtes Schaffen gilt - eine etwas oberflächliche Betrachtung, da einige seiner späteren Arbeiten wie der selbst produzierte Film "Heimlichkeiten" (1968) inzwischen nahezu unbekannt sind.

"Die Herren mit der weißen Weste" scheint diese These dagegen zu bestätigen, denn die Gauner-Komödie um den Gangster Stiegler, den Gerichtsrat Zänker während seiner Amtszeit nie überführen konnte, jetzt aber gemeinsam mit seinen pensionierten Kameraden sowie seiner Schwester Elisabeth (Agnes Windeck) hinters Licht führt, ist reines Unterhaltungskino. Auch wenn der Film aus heutiger Sicht wieder über einigen Charme verfügt, wirkte er 1970 angesichts der aktuellen politischen Ereignisse und soziokulturellen Veränderungen mit seinen Heinz-Erhardt-Reimen und Running-Gags über Schwerhörigkeit aus der Zeit gefallen und bekräftigte die jungen Filmemacher in ihrer Haltung, die Wolfgang Staudte schon seit Beginn der 60er Jahre zu "Opas Kino" zählten. Zudem reihte sich der Film in die damalige Komödienlandschaft ein, die nach außen hin Modernität behauptete, letztlich aber bürgerliche Werte verteidigte – die Langhaarigen gehören zu Stieglers Gangsterbande und die sexuell freizügig auftretende Susan (Hannelore Elsner) ist natürlich ein Flittchen.

Dem ließe sich entgegnen, dass hier auch die seriösen Honoratioren munter und ohne Unrechtsbewusstsein stehlen, aber sie handeln selbstverständlich nicht aus eigennützigen Motiven, sondern um dem Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Zwar gewitzt und ohne Gewalt vorgehend, können ihre Taten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um Selbstjustiz handelt. Die Exekutive in Person von Zänkers Schwiegersohn, Inspektor Walter Knauer (Walter Giller), wird als sympathisch, aber wirkungslos wenig ernst genommen und spätestens wenn der mit Zänker befreundete Kommissar Berg (Siegfried Schürenberg) ankündigt, nach seiner Pensionierung ebenfalls zu der Senioren-Gang stoßen zu wollen, ist das Urteil über die Durchschlagskraft der Polizei gesprochen. Mit der kritischen Betrachtung verheimlichter Flecken, die sich auf den angeblich „weißen Westen“ diverser Herren befinden, hat Wendtlands Story nichts zu tun, sondern variierte komödiantisch die Meinung, dass Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln bekämpft werden müssten.

Dass der Film trotzdem ohne Peinlichkeiten und revanchistische Tendenzen auskam, ist nicht nur den sehr guten Darstellern und der zwar altmodischen, aber kurzweiligen Inszenierung zu verdanken, sondern das Staudte die Chose nicht besonders ernst nahm. So wie es Mario Adorf gelang, „Dandy“ Ziegler sympathische Züge zu verleihen, kann die Pensionisten-Gang den Spaß an ihrem kriminellen Tun nicht leugnen. Die Überführung des Gangsters wird so zu einem willkommenen Nebeneffekt ohne besondere Langzeitwirkung, denn die Herren (und Dame) wollen schließlich weiter ihrem Hobby frönen. Besonders Martin Held als Gerichtsrat gab hier einen Gegenentwurf zu seiner Rolle als Staatsanwalt mit NS-Vergangenheit aus Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“(1959). Sein Auftreten ist von Humor und Toleranz geprägt – trotz seines jahrelangen vergeblichen Versuchs, Ziegler zu überführen, verfällt er nie in irgendeine Form von Fanatismus.

Auch die Besetzung weiterer wichtiger Rollen wirkt wie ein Stelldichein vertrauter Staudte- und Horst Wendtland-Darsteller. Siegfried Schürenberg in seiner aus den Wallace-Filmen gewohnten Rolle des Polizei-Vorgesetzten, Walter Giller, in „Rosen für den Staatsanwalt“ noch Martin Helds Gegenspieler, diesmal als dessen Schwiegersohn und Rudolf Platte als Klein-Ganove mit Herz, der in „Herrenpartie“ den Chor-Leiter einer Herren-Gesangsgruppe spielte. Apropos Gesangsgruppe – dieses auch in „Die Herren mit der weißen Weste“ wiederholt auftretende Motiv erinnert nicht zufällig an Staudtes Satire über die Verdrängung der Gräueltaten der Wehrmacht im 2.Weltkrieg. In „Herrenpartie“ noch mit der Inbrunst des kulturellen Sendungsbewusstseins intoniert, dient die Gesangsprobe hier als vorgetäuschter Anlass für konspirative Treffen – das deutsche Liedgut erklingt vom Band.

Es sind diese ironischen, auch das eigene Werk zitierenden Momente, die Staudtes Film von typischer Komödien-Ware dieser Zeit unterscheiden. Sie gaben ihm die Gelegenheit, kleine Spitzen gegen die Mitnahme-Mentalität auszuteilen und wiesen die Fähnchen schwenkenden Massen am Rand der Militär-Parade als nützliche Idioten aus, hinter deren Rücken es sich leicht ein Ding drehen ließ.



"Die Herren mit der weißen Weste" Deutschland 1970, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Horst Wendlandt, Darsteller : Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Agnes Windeck, Hannelore Elsner, Sabine Bethmann, Herbert Fux, Rudolf Platte, Heinz Erhardt, Siegfried Schürenberg, Willi Reichert, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte:

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Schloss Gripsholm (1963) Kurt Hoffmann

Inhalt: Kurt (Walter Giller) wird von seinem Verleger gefragt, ob er nicht noch einmal eine schöne Liebesgeschichte schreiben könnte. Er reagiert skeptisch, aber als der Verleger nachhakt, ob er allein in den Urlaub nach Schweden fahren will und Kurt verneint, ist die Sache für ihn beschlossen.

Lydia (Jana Brejchová), die er nur "Prinzessin" nennt - und die ihn im Gegenzug mit Peter und anderen Namen anspricht - böte tatsächlich mehr als genug Stoff für eine Liebesgeschichte, denn seit er sie vom gegenüberliegenden Bürohochhaus entdeckt hatte, war aus ihnen trotz seiner ungeschickten Balzversuche ein Paar geworden. Weshalb sie ohne das fehlendende Einverständnis von Frau Kremser (Agnes Windeck), bei der Lydia zur Untermiete wohnte und die ein Auge auf ungebetene Herrenbesuche hatte, beschlossen, gemeinsam in Urlaub zu fahren...


Nach der "Spessart" - Fortsetzung "Das Spukschloss im Spessart" (1960), erlebte Regisseur Kurt Hoffmann Anfang der 60er Jahre eine weniger erfolgreiche Phase mit dem Musical "Schneewittchen und die sieben Gaukler" (1962) sowie der Adaption eines Erich-Kästner Theaterstücks "Liebe will gelernt sein" (1963), die sein letztes Jahrzehnt als Filmschaffender einläutete, in dem er sich größtenteils Literaturverfilmungen widmete. Neben zwei Neuinterpretationen der Curt-Goetz-Theaterstücke "Dr.med. Hiob Praetorius" (1965) und "Hokuspokus" (1966) mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle, galt sein Augenmerk dem Roman des israelisch-österreichischen Schriftstellers Moscheh Ya’akov Ben-Gavriêl "Das Haus in der Karpfengasse" über die Judenverfolgung in Prag, nachdem die Tschechei 1939 von Deutschland annektiert worden war, und den zwei während der Zeit des Nationalsozialismus verbotenen Kurt Tucholsky Novellen "Rheinsberg" und "Schloss Gripsholm".

Hoffmann hatte mit "Wir Wunderkinder" (1958) und den satirischen Spessart-Filmen schon bewiesen, dass er Unterhaltung und dezente Gesellschaftskritik geschickt kombinieren konnte, aber mit diesen drei Romanvorlagen begab er sich auf dünnes Eis, wie auch in der zeitgenössischen Kritik nachzulesen ist. Wurde dem zuerst als Dreiteiler im Fernsehen gezeigten "Das Haus in der Karpfengasse" (1965) trotz filmtechnischer Beanstandungen die historische und politische Relevanz zugestanden, galt seine erste Tucholski-Umsetzung "Schloss Gripsholm. Eine Sommergeschichte" als  "anspruchslose Kinounterhaltung" (Film-dienst) oder "zu einem betulichaufgekratzten Kinostück abgemildert" (Der Spiegel). Auch dem 1967 folgenden "Rheinsberg" wurde mit "ebenso gutherzig wie bieder" (Lexikon des internationalen Films) und "anspruchslose Unterhaltung ab 14" (Evangelischer Filmbeobachter) das gesellschaftskritische Potential der Tucholsky-Vorlage abgesprochen.

Zu beiden Filmen schrieb Herbert Reinecker das Drehbuch, doch während er die 1912 erschienene Novelle "Rheinsberg" zu ihrer Entstehungszeit spielen ließ, versetzte er den schon unter dem Eindruck des wachsenden Einflusses der Nationalsozialisten in Deutschland entstandenen "Schloss Gripsholm" von 1931 in die bundesrepublikanische Gegenwart von 1963 - ein Risiko, das Hoffmann bei seinen späteren Literaturverfilmungen nicht mehr einging, welches die Rezeption des Films aus heutiger Sicht aber besonders interessant werden lässt. Der Wegfall der kompletten Sequenz um das kleine Mädchen, das unter einer sadistischen, deutschen Internatsleiterin leidet - eine konkrete Anspielung auf die Faschisten - wurde von Hoffmann und Reinecker nicht nur mit dem zeitlichen Sprung in die 60er Jahre begründet, sondern insgesamt als unpassend empfunden. Eine solche Konstellation wäre im damaligen, wie im gegenwärtigen Schweden unrealistisch gewesen, weshalb sie von dem anfänglichen Versuch, diese Parallelstory zu integrieren, wieder abließen.

Möglicherweise übertrieb Tucholsky im Eindruck der damaligen Ereignisse bewusst die dramatischen Umstände um das Mädchen, aber durch den Verzicht darauf nahm die Verfilmung der Vorlage den kontrastierenden Schatten und betonte nur die frech-fröhliche Liebesgeschichte zwischen Kurt (Walter Giller) und Lydia (Jana Brejchová). Diese wiederum wurde von Tucholsky so modern angelegt, dass sie keine zeitliche Anpassung benötigte. Im Gegenteil war es Anfang der 60er Jahre nach wie vor ungewöhnlich, als unverheiratetes Paar gemeinsam in Urlaub zu fahren – auch die Rolle von Agnes Windeck als Tugendwächterin Frau Kessler, bei der Lydia zur Untermiete wohnt, war noch zeitgemäß. Kurts Reaktion auf den Wunsch seines Verlegers, noch einmal eine Liebesgeschichte zu verfassen, „Liebe? – Wer glaubt heute noch an die Liebe?“ konnte Reinecker wörtlich aus der Novelle übernehmen, denn die von Walter Giller in einem modernen Büro-Hochhaus mit Blick über die Stadt Hamburg gesprochenen Worte, haben bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren. Das gilt auch für eine Vielzahl weiterer Dialoge, die Tucholsky direkt zitierten und dem Film eine intelligente - auch sentimentale Situationen souverän umschiffende - Leichtigkeit verliehen.

Während Walter Giller sehr gut Ernsthaftigkeit und Verliebtheit zusammen brachte, wirkt Jana Brejchovás Spiel angepasst an den damaligen 60er Jahre Frauengeschmack. Die junge tschechische Darstellerin war schon seit Mitte der 50er Jahre bekannt für ihr natürliches Spiel, aber ihre Verkörperung einer lebenslustigen und trotz ihrer offensiven Herangehensweise, unschuldig wirkenden jungen Frau orientierte sich mehr an Liselotte Pulvers Piroschka in Kurt Hoffmann 1955 gedrehten Film „Ich denke oft an Piroschka“ als an eine Großstädterin in der BRD der 60er Jahre. Der Spiegel vermisste das „Missingsch“ an der Figur der Lydia - ein Dialekt, der entsteht, wenn ein plattdeutsch sprechender Mensch versucht Hochdeutsch zu reden - aber diese Eigenart ließ sich kaum authentisch transportieren. Entscheidender sind die Szenen, in denen Lydia ständig mit ihrer hohen Stimme vor irgendwelchen Herren herum scharwenzelt, die selbstverständlich komplett begeistert sind von der kessen, hübschen jungen Frau – eine Kreation, die nicht von Tucholsky stammte, der die Figur der Lydia mit dunkler Stimme sprechen ließ und sie emanzipierter gestaltete.

Vielleicht war es zur Entstehungszeit des Films notwendig, den Charakter einer unverheirateten jungen Frau, die offensichtlich Sex mit einem Mann hat, für ein großes Kinopublikum auf diese Weise abzuschwächen, aber glücklicherweise beschränkte sich der Film damit auf seine erste Hälfte. In dem Moment, in dem Kurt und Lydia ihr Zimmer auf „Schloss Gripsholm“ beziehen, verlieh Jana Brejchová ihrer Rolle deutlich ernsthaftere Züge, wirkte nachdenklicher und weniger sprunghaft. Zudem bereicherten Hanns Lothar als Kurts bester Freund Karlchen sowie Nadja Tiller als ihre Freundin Billie die Szenerie, was „Schloss Gripsholm“ erheblich aufwertete. Wie konkret das damalige Publikum die „Menage a trois“ zwischen den beiden Freundinnen und Kurt empfunden haben wird, ist heute schwer zu sagen – Kurt Hoffmann nahm sie ernst, ohne ihr zuviel Bedeutung beizumessen. Für den Gesamteindruck des Films spielte diese von Tucholsky gewagte Konstellation keine wesentliche Rolle, sondern bestätigte nur dessen grundsätzlich liberalen Charakter.

Die Kritik an Hoffmanns Version von Tucholskys „Schloss Gripsholm“ ist hinsichtlich des Abschliffs einiger Ecken und Kanten gerechtfertigt, ändert aber nichts daran, dass die im Film entwickelten Geschlechterrollen und Lebensentwürfe heute noch modern wirken. Das Thema „Heiraten“ zieht sich zwar wie ein roter Faden durch die Handlung, wird aber eher spielerisch bedient und letztlich offen gelassen – angesichts aktueller Liebes-Komödien eine geradezu provokative Lässigkeit. Hoffmann agierte weniger konkret als Tucholsky, aber er gab unmissverständliche Zeichen seiner Haltung. Einmal legt Walter Giller in seiner Rolle ein Buch zur Seite, das er zuvor gelesen hatte. Einen Moment ist das Cover zu sehen und lässt den Titel „Die Kapitulation oder Der real existierende Katholizismus“ erkennen. Geschrieben wurde die ebenfalls 1963 erschienene, kontrovers diskutierte „Streitschrift“ von Carl Amery, einem „linken Nonkonformisten“ (Der Spiegel), der darin als praktizierender Katholik die Katholische Kirche in Deutschland und ihre Rolle während des Nationalsozialismus heftig kritisierte.

 „Schloss Gripsholm“ als „anspruchslose Kinounterhaltung“ abzuqualifizieren, konnte nur aus dem unmittelbaren Vergleich mit Tucholskys Novelle entstehen, lässt sich aber nicht mehr aufrecht erhalten – im Vergleich zu heutigen Liebesfilmen wirkt Hoffmanns Film intelligent, frisch und gewagt.

"Schloss Gripsholm" Deutschland 1963, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Kurt Tucholsky (Novelle), Darsteller : Walter Giller, Jana Brejchová, Nadja Tiller, Hanns Lothar, Agnes Windeck, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Tonio Kröger (1964) Rolf Thiele

Inhalt: Tonio Kröger (Jean-Claude Brialy), inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller, ist von Deutschland nach Italien gezogen, um dort zu schreiben. Doch seine Erinnerungen schweifen immer wieder ab in seine Vergangenheit. Als Junge (Mathieu Carrière) war er mit seinem Klassenkameraden Hans Hansen (Thomas Thomsen), einem hübschen, blonden Knaben befreundet, den er versucht für Schillers „Don Carlos“ zu begeistern, dessen Lieblingsstelle er für Hans zitiert. Dieser verspricht ihm zwar, „Don Carlos“ zu lesen, aber insgeheim weiß Tonio, dass er nie wirklich mit ihm befreundet sein wird – zu unterschiedlich sind der vergeistigte Junge, dessen Schulleistungen sehr zu wünschen lassen, und der allseits beliebte, sportliche und in der Schule erfolgreiche Hans.

Tonio, zunehmend mit sich im Widerstreit zwischen dem eigenen künstlerischen Anspruch und dem Wunsch, ein Teil der großen Masse sein zu wollen, begibt sich nach München zu seiner langjährigen Freundin, der russischen Künstlerin Lisaweta Iwanowna (Nadja Tiller), um sich mit ihr intellektuell auseinanderzusetzen. Doch es hält ihn nicht lange und es zieht in weiter nach Dänemark, ein Weg, der ihn wieder in seine Heimatstadt Lübeck zurückführt…


Die Verfilmung der 1903 von Thomas Mann herausgegebenen Erzählung "Tonio Kröger" erfüllte jede Voraussetzung an eine authentische und intellektuell stimmige Umsetzung. Die autobiographische Züge aufweisende Schilderung eines jungen aufstrebenden Schriftstellers, der sich zerrissen fühlt zwischen seinem Künstlerdasein, das ihn zum Einzelgänger werden ließ, und der Sehnsucht nach einem Leben ohne innere Zweifel, eingebettet in die bürgerliche Gemeinschaft, wurde von Erika Mann - der Tochter des Autors und selbst Schriftstellerin - in eine Drehbuchform gewandelt. Gemeinsam mit Ennio Flaiano, einem der bedeutendsten Autoren der 50er und 60er Jahre, der an fast allen Filmen Federico Fellinis beteiligt war. Nach "Tonio Kröger" verfasste er mit Erika Mann noch das Drehbuch zu Rolf Thieles folgendem Film "Wälsungenblut" (1965), erneut nach einer Novelle Thomas Manns. Beide Drehbücher entstanden zwischen seinen Arbeiten zu Fellinis Filmen "Otto e mezzo" (Achteinhalb, 1963) und "Giulietta degli spiriti" (Julia und die Geister, 1965).

Die Darstellerriege liest sich ähnlich exquisit. Jean-Claude Brialy, der 1961 in Jean-Luc Godards "Une femme est une femme" (Eine Frau ist eine Frau) neben Jean-Paul Belmondo spielte, gehörte zu den renommiertesten jungen französischen Darstellern seiner Zeit, und ist als erwachsener Tonio Kröger ebenso eine Idealbesetzung wie Mathieu Carrière als junger Tonio. Neben dem Protagonisten, dessen persönliche Sicht auf die Menschen, die Orte seines Verweilens - Siena, München, seine Heimatstadt Lübeck (in der Novelle neutraler als Stadt an der Ostsee benannt, von Erika Mann im Drehbuch konkretisiert) bis zur dänischen Küste - und auf das Leben schlechthin im Mittelpunkt steht, kommen alle übrigen Beteiligten über kurze Berührungspunkte nicht hinaus. Trotzdem wurden die Nebenrollen mit Gert Fröbe, Theo Lingen, Rudolf Forster, Günther Lüders, Beppo Brem, Walter Giller und nicht zuletzt dessen Frau Nadja Tiller, Thieles bevorzugter Darstellerin, ausgezeichnet besetzt.

Zudem gelang es den beiden Drehbuchautoren, den Geist der Erzählung beizubehalten, sie gleichzeitig aber filmisch zu straffen. Tonios Gedanken werden in der etwas altmodisch klingenden, wunderbar malerischen Sprache des Autors wörtlich zitiert, während der lineare Aufbau der Erzählung in eine dynamischere Form gebracht wurde. Der Beginn des Films in Italien, dem Herkunftsland seiner Mutter, der er auch seinen Vornamen zu verdanken hat, für den er in Deutschland gehänselt wurde (Tonio ist die Kurzform von Antonio), ist frei erfunden - in Manns Novelle zieht Tonio nach dem Tod seines Vaters und der Wiederverheiratung seiner Mutter nach München. Thiele nutzte dessen Aufenthalt in Siena, um Konstellationen zu erzeugen, die bei dem Protagonisten Erinnerungen an seine Jugend in Lübeck wecken, die der Film in Rückblenden erzählt. Besonders prägend war für Tonio die Begegnung mit seinem Klassenkameraden Hans Hansen (Thomas Thomsen) und der blonden Inge (Rosemarie Lücke) aus seinem Tanzkurs (großartig Theo Lingen als affektierter, frankophiler Tanzlehrer), die für ihn den gesunden, hübschen, blauäugigen Idealtypus darstellten. Er bemühte sich um eine Freundschaft zu Hans Hansen, kommt aber über die Stellung eines gelittenen Begleiters nicht hinaus.

Die Figur Hans Hansens orientierte sich an Thomas Manns früh verstorbenen Mitschüler Armin Martens, über den Thomas Mann 1955, ein halbes Jahr vor seinem Tod, an einen ehemaligen Klassenkameraden schrieb: "Denn den habe ich geliebt – er war tatsächlich meine erste Liebe, und eine zartere, selig-schmerzlichere war mir nie mehr beschieden [...] Aber ich habe ihm im „Tonio Kröger“ ein Denkmal gesetzt." Ohne Zweifel gelang es Erika Mann und Rolf Thiele, diese Emotionen zu vermitteln und die Melancholie und innere Tragik eines Menschen zu transportieren, der das Leben zu genau begriffen hat, um es in einfache Kategorien unterteilen zu können. Und der gleichzeitig Diejenigen beneidet, die sich darüber keine Gedanken machen - eine generelle Thematik, mit der "Tonio Kröger" nicht allein ist.

Angesichts dieses künstlerisch gelungenen und gleichzeitig unterhaltenden Films, stellt sich die Frage, warum diesem sowohl Anerkennung, als auch Langlebigkeit versagt blieben. Ein Zitat aus einer zeitgenössischen Kritik im Spiegel könnte darauf eine Antwort geben: "Rolf Thiele, des deutschen Films gedankenverlorener Problem-Erotiker, hat dieser vierten Nachkriegs-Verfilmung eines Thomas-Mann-Werkes echte Mann-Zitate, aber mehr noch echten Thiele-Touch mitgegeben". Begründet wird diese plakative Aussage nur rudimentär mit der Szene, in der Tonio Kröger in Siena die Wohnung einer Prostituierten durch ein Fenster verlässt und auf einem Friedhof landet - eine, wie die gesamte Szenerie in Siena, von Thiele ersonnene Ausgangssituation.

Tatsächlich sind es aber gerade diese Szenen, die "Tonio Kröger" von reinen Literaturverfilmungen unterscheiden, die häufig zu ästhetischen Fingerübungen verkommen. So gesetzt die Worte hier wirken und historisch genau das Umfeld gestaltet wurde, so spürbar bleibt auch die Gegenwart Mitte der 60er Jahre und eine sich ankündigende Zeit gesellschaftlicher Veränderungen. Tonios heimliches Begehren, seine intellektuellen Gespräche mit seiner Münchner Freundin, der russischen Malerin Lisaweta Iwanowna (Nadja Tiller), die einsamen Tage an der Ostsee, wo er mit der Fröhlichkeit feiernder Massen konfrontiert wird oder sein Rückweg in die Heimatstadt, verbunden mit den Erinnerungen an seine Außenseiterrolle, spiegeln die Unsicherheit einer Phase wider, die sich im Umbruch befand. Eine Qualität, die auch schon Thomas Manns Original im Jahr 1903 ausdrückte, bezogen auf seine damalige Position. Das es Thiele gelang, dieses Gefühl individuell in die Gegenwart zu transportieren, macht die Qualität seines Films aus.

"Tonio Kröger" Deutschland 1964, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erika Mann, Ennio Flaiano, Darsteller : Jean-Claude Brialy, Nadja Tiller, Mathieu Carriére, Gert Fröbe, Walter Giller, Theo Lingen, Beppo Brem, Günther LüdersLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Thiele: