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Freitag, 2. Mai 2014

Ein Herz spielt falsch (1953) Rudolf Jugert

Zum 90.Geburtstag von Ruth Leuwerik am 23.04.2014:

Inhalt: Peter van Booven (O.W. Fischer), ständig pleite und von seinen Gläubigern verfolgt, will die junge Gerda (Gertrud Kückelmann) dazu überreden, ihr gemeinsames Kind abtreiben zu lassen. Mehr als ein kurzes Abenteuer wäre das zwischen ihnen nicht gewesen und sie würden auch nicht zusammenpassen. Ohne ihr Unglück weiter zu beachten, begibt er sich zu dem Chefarzt Professor Linz (Carl Wery), der mit seinem Vater befreundet war, um ihn um einen Eingriff bei Gerda zu bitten. Zuerst ihm wohlwollend begegnend, verweigert der Arzt empört Van Boovens Ansinnen und wirft ihn aus seiner Praxis.

Als er aus dem Krankenhaus tritt, begegnet er Sybilla Zander (Ruth Leuwerik), einer ehemaligen Klassenkameradin, die sich wegen ihrer Schmerzen am Hinterkopf bei dem mit ihr befreundeten Professor untersuchen lassen will. Er erkennt die unscheinbare, allein stehende junge Frau aus reichem Hause sofort wieder, die sich nicht verändert hat – schon während der Schulzeit hatte er sie „Alte Schachtel“ genannt. Wenig später kehrt er nochmals ins Krankenhaus zurück, da er seinen Hut vergaß, und wird zufällig Zeuge eines Gesprächs unter Ärzten, in dem Professor Linz seine tödliche Diagnose äußert. Sybilla hat seiner Meinung nach nur noch sechs Monate zu leben. Wieder in seiner kleinen Wohnung, erfährt er von seiner Vermieterin (Lina Carstens), dass ein ungehobelter Kerl nach ihm gefragt hätte, der bald wieder kommen will. Peter van Booven fasst einen perfiden Plan…


Ein Abenteurer, dem die Gläubiger im Nacken sitzen und dessen einzige Reaktion darauf, dass seine Geliebte schwanger ist, darin liegt, sich bei einem Arzt um eine Abtreibung zu bemühen, hört in dessen Praxis zufällig mit, dass eine frühere Klassenkameradin an einem unheilbaren Tumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Zwar machte er sich schon damals über das altmodische, unscheinbare Aussehen der Industriellentochter lustig, aber angesichts des verlockenden Erbes, dass auf einen Schlag seine Probleme lösen könnte, setzt er seinen gesamten Charme ein, um ihre frühere Bekanntschaft wieder aufzufrischen. Mit Erfolg, denn die nach einer Operation noch geschwächte junge Frau, die nichts von ihrem tatsächlichen Zustand weiß - der mit ihr befreundete Arzt wagt es nicht, sie über ihren baldigen Tod aufzuklären - freut sich über dessen Aufmerksamkeiten und verliebt sich in den attraktiven Mann.

Angesichts dieser Schmonzette überrascht es nicht, dass der Text als Fortsetzungsroman Anfang der 50er Jahre in der "Hör Zu" veröffentlicht wurde, geschrieben von deren langjährigen Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster. Entsprechend geringschätzig fielen die Kommentare der zeitgenössischen Kritiker ("oberflächlich konstruiert", "konventionell und falsch im Stoff") für einen Filmplott aus, der auch in heutigen Komödien vorstellbar wäre. Erst die Zusammenführung zweier gegensätzlicher kaum vorstellbarer Menschen unter emotional zugespitzten Bedingungen, die folgerichtig zu geschlechtsimmanenten Charakter Veränderungen führen - aus dem hässlichen Entchen wird ein schöner Schwan und aus dem egoistischen Schwerenöter ein verantwortungsvoller Ehemann. Äußerlich beschreitet "Ein Herz spielt falsch" genau diesen Weg, aber es wird deutlich, wie zeitlos, konkret und stimmig Regisseur Rudolf Jugert und seine Drehbuchautorin Erna Fentsch, Ehefrau von Carl Wery und mehrfache Mitstreiterin Jugerts („Ich heiße Niki“, 1952), die Romanvorlage umsetzten.

Dank seines Charmes vermied O.W. Fischer eine gänzlich unsympathische Gestaltung des berechnend vorgehenden männlichen Protagonisten Peter van Booven, aber an Konsequenz ließ er es nicht missen. Die von ihm schwangere Gerda (Gertrud Kückelmann) weist er zurück, bis sie sich das Leben nehmen will. Mit der Erinnerung an seinen verstorbenen Vater versucht er dessen Freund Professor Linz (Carl Wery) zu einer Abtreibung zu überreden und für den Blumenstrauß, mit dem er bei seiner früheren Klassenkameradin Sybilla Zander (Ruth Leuwerik) am Krankenbett Eindruck schinden will, verkauft er ein Andenken an den gefallen Sohn seiner Vermieterin (Lina Carstens). Selbst heute ließe sich kaum ein männlicher Filmstar auf das Risiko ein, eine ähnlich negativ besetzte Hauptfigur zu spielen, die Anfang der 50er Jahre zudem gegen die sehr viel konservativeren moralischen Standards verstieß. So überzeichnet diese Figur angelegt wurde, so authentisch vermittelt sie die häufig gebrochenen Lebensläufe in der Nachkriegszeit. O.W. Fischer spielte van Booven als Getriebenen, der nach dem Krieg die Kontrolle über sein Leben verloren hat und dem jedes Mittel recht ist, um seiner Notlage zu entkommen. Trotz dessen Charakterlosigkeit fiel es damals nicht schwer, sich mit dessen Situation zu identifizieren.

Ruth Leuwerik verkörperte das Gegenteil – eine altmodisch wirkende junge Frau, die von geradezu atemberaubender Verlässlichkeit und innerer Ruhe ist. Schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit nannte sie Van Booven eine „Alte Schachtel“, aber diese Bezeichnung erweist sich hier als Prädikat. Denn im Gegensatz zu den üblichen Geschichten vom „Hässlichen Entchen“ ändert sie sich nicht, sondern gewinnt in den Augen des Betrachters gerade dadurch, dass sie sich selbst treu bleibt. Ruth Leuwerik, die zuvor schon zwei Filme an der Seite Dieter Borsches gedreht hatte und mit „Königliche Hoheit“ (1953, Regie Harald Braun) noch im selben Jahr eine weitere Zusammenarbeit folgen ließ, wurde durch „Ein Herz spielt falsch“ endgültig zum großen Filmstar. Zwei weitere gemeinsame Filme mit O.W. Fischer unter der Regie Helmut Käutners („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und „Ludwig II.: Glanz und Elend eines Königs“ (1955)) gaben Ruth Leuwerik erneut die Gelegenheit, einen selbstbewussten und eigenständigen Frauen - Typus zu spielen, der auch viel über ihre enge Zusammenarbeit mit Braun, Käutner und Jugert aussagt, die die frühen Jahre ihrer Karriere prägten und mit denen sie auch später wiederholt zusammen arbeitete.

Harald Braun, der einen Großteil der Käutner-Filme der 50er Jahre produzierte (bis er früh 1960 starb), besetzte sie erstmals in einer Hauptrolle in „Vater braucht eine Frau“ (1951) und Rudolf Jugert, seit Käutners erstem Film „Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) als Regie-Assistent an dessen Seite tätig - bis er 1948 in „Film ohne Titel“ selbst erstmals die Regie übernahm – profitierte in „Ein Herz spielt falsch“ ungemein von Leuweriks exaktem und unaufgeregtem Spiel. Ihre Präsenz, die auch in den letzten Minuten des Films, als ihr Tod unmittelbar bevorsteht, jedes Abgleiten in Kitsch verhindert und O.W. Fischers schnelle Wandlung vom Saulus zum Paulus in den Hintergrund drängt, verlieh dem Film die notwendige Seriosität, um hinter dem klischeehaften Treiben den Angriff auf die damaligen Moralvorstellungen zu erkennen. „Ein Herz spielt falsch“ klingt zwar nach schicksalsschwerem Liebesdrama, aber Jugerts ein hohes Tempo vorlegender Unterhaltungsfilm wagte die Grobheit menschlicher Abgründe um eine zentrale Frauenfigur, die sich keinen gängigen Vorurteilen anbiederte.

"Ein Herz spielt falsch" Deutschland 1953, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Hans-Ulrich Hörster, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Carl Wery, Getrud Kückelmann, Lina Carstens, Günther Lüders, Gert Fröbe, Ernst F. Fürbringer, Rudolf VogelLaufzeit : 98 Minuten

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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Die Wahrheit über Rosemarie (1959) Rudolf Jugert

Inhalt: Nachdem Heinz Pohlmann (Jan Hendricks), der als Hauptverdächtiger galt, aus Mangel an Beweisen entlassen werden musste, verfügt der ermittelnde Kommissar (Hans Elwenspoek) über keine neue Spur im Mord an der Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee). Als der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) ihn besucht und mit den Worten beginnt, dass zwei Menschen die junge Frau umgebracht hätten, horcht er auf  - von zwei Mördern war er bisher nicht ausgegangen. Doch Guttberg versteht seinen Hinweis in psychologischer Hinsicht, denn neben dem ausführenden Täter wäre Rosemarie Nitribitt selbst schuld an ihrem Tod, wahrscheinlich schon mit ihrer ersten Entscheidung nach der Entlassung aus der Erziehungsanstalt, die ihr angebotene Arbeitsstelle nicht anzutreten, sondern stattdessen auf den Strich zu gehen.

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, beginnt Guttberg die Geschichte der Nitribitt detailliert nachzuerzählen. In Frankfurt/Main angekommen leiht sie sich von einer älteren Prostituierten 80 Mark, um sich ein paar passende Klamotten zu kaufen. Obwohl sie mit diesem Startgeld schnell Gewinn macht, zahlt sie es nicht zurück, als sie erfährt, dass ihre Kollegin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo diese kurz darauf stirbt. Um an potente Kunden heranzukommen, begibt sie sich zur Anbahnung in Bars, was strafrechtlich verboten ist. Als sie beinahe von einer Polizeikontrolle erwischt wird, kommt ihr der ältere russische Geschäftsmann Alexander Woltikoff zu Hilfe (Walter Rilla), der sie als seine Begleiterin ausgibt. Er gesteht ihr, dass er sich in sie verliebt hat und sie für sich allein haben möchte…



Daran, um welche Wahrheit es sich in "Die Wahrheit über Rosemarie" handelt, lässt der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) gegenüber dem ermittelnden Kommissar (Hans Elwenspoek) von Beginn an keinen Zweifel: zwei Personen haben seiner Meinung nach Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee) getötet - ihr von der Polizei gesuchter (und bis heute nicht entdeckter) Mörder und sie selbst. Drehbuchautor J.J.Bartsch, der auch das Drehbuch zu Jugerts Vorgängerfilm "Die feuerrote Baronesse" (1959) schrieb und im Heimatfilm ("Die Prinzessin von St. Wolfgang", 1957) und Kriegsfilm-Genre ("Die grünen Teufel von Monte Cassino", 1958) zuvor an der Seite von Regisseur Harald Reinl tätig war, versuchte gar nicht erst, erhellende Fakten hinsichtlich des Kriminalfalls zu finden, sondern konzentrierte sich allein auf die Figur der jungen Frau aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die - anstatt die Chancen zu nutzen, die ihr staatlicherseits geboten wurden - auf den Strich ging und damit letztlich die Hauptschuld an ihrem frühen Tod trug.

"Die Wahrheit über Rosemarie" ist in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit, unterstützt von einfachsten psychologischen Weisheiten, die nur eindeutige kausale Zusammenhänge kennen, nahezu unerträglich und weist darin Parallelen zu Veit Harlans "Anders als du und ich (§175)" (1957) auf - nur dass es sich hier statt um Homosexualität um Prostitution handelt. Beide Filme verfolgten eine ähnliche Intention – ein gewisses Mitleid für die vom Virus der Unmoral Befallenen heuchelnd, sollte der semi-dokumentarische Stil zuerst die Gefahren des Verfalls demonstrieren, um daraufhin erzieherische, eine negative Vorbildwirkung verhindernde Maßnahmen zu propagieren. Zynisch ließe sich feststellen, der Tod der Frankfurter Edel-Prostituierten wäre den Machern entgegen gekommen, so folgerichtig wird er hier als Konsequenz ihres Lebensstils dargestellt.

Unterschiedlicher zu Rolf Thieles schon ein Jahr zuvor in die Kinos gekommener „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) hätten Intention und Storyanlage kaum sein können. Während Thieles Film die Ereignisse um Rosemarie für einen satirischen Rundumschlag auf die verlogene Scheinmoral in der Wirtschaftswunder - BRD nutzte, in der die von Nadja Tiller gespielte Rosemarie trotz ihrer Berufswahl die sympathischste Figur abgab, spielte Belinda Lee ein Mädchen aus der Gosse, das dank ihrer Schönheit zwar auch Männer aus besseren Kreisen zu betören wusste, nie aber ihre primitive Herkunft überwinden konnte. Anstatt wohl situierte und verheiratete Freier in den Mittelpunkt zu stellen, die bei ihren Geschäftsterminen in der Großstadt Frankfurt Ablenkung von ihrem bürgerlichen Leben suchten, zauberte „Die Wahrheit über Rosemarie“ einen reichen älteren Herren russischer Herkunft (Walter Rilla) hervor, der es angeblich sehr ernst mit Rosemarie Nitribitt meint. Er verzeiht ihr Vorleben, finanziert Wohnung und Auto, verlangt aber, dass sie ihm treu ist, wenn er sich auf Geschäftsreise befindet.

Die gesamte Konstellation hat nur die Funktion, zu untermauern, dass Rosemarie ihre Chancen, ein bürgerliches Leben zu führen, nicht nutzte. Wieso ausgerechnet die junge, ihn kaum beachtende Prostituierte Gefühle, die „sich nicht kaufen lassen“, bei ihm erzeugt haben soll, bleibt das Geheimnis des älteren Herrn. Entsprechend wenig nimmt sie ihn und seine Bedingungen ernst und gerät in die Bredouille, als er sie zu sich nach Cannes einlädt und nach ihrem Verhalten während seiner Abwesenheit fragt. Nur weil sie lügt beendet er ihre Beziehung, hätte sie ihm gestanden, weiter als Prostituierte gearbeitet zu haben, hätte er ihr angeblich großzügig verziehen – eindeutiger konnte der Film die Schuld nicht zuweisen. Um zu begründen, wieso sie sich trotz dieser Zurückweisung einen luxuriösen Stil in Frankfurt samt Mercedes-Cabrio leisten konnte, ließ der Film den honorigen Russen noch in derselben Nacht an einem Herzinfarkt sterben, was die Nitribitt sofort dazu nutzt, Anspruch auf sein Erbe zu erheben, obwohl es dafür kaum eine Rechtsgrundlage gegeben haben dürfte.

Ausgehend von ihrer Vergangenheit bis zu ihrer Entlassung aus der Erziehungsanstalt – die einzigen echten Fakten, an denen sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ orientierte – erscheint die Charakterisierung der Nitribitt als etwas einfältiges, ungebildetes Mädchen realistischer als die schnell zur eleganten Dame reifende Prostituierte in Thieles Film. Doch das egoistische und zickige Auftreten, mit dem Belinda Lee in ihrer Rolle auch die wenigen ihr wohl gesonnenen Menschen vergrault, wirkt unglaubwürdig - selbst Karl Lieffen als sich um sie bemühender Zuhälter ist dagegen ein echter Sympathieträger - denn die real unscheinbarere Rosemarie Nitribitt wäre so kaum erfolgreich gewesen. Offensichtlich wollte der Film keinen Moment den Eindruck entstehen lassen, dass es irgendeinen, auch nur minutiösen Grund gäbe, um als Prostituierte zu arbeiten. Den einzig liebenden Mann ignorierte Rosemarie, während alle anderen Freier den Eindruck hinterlassen, jederzeit auf sie verzichten zu können oder sie sogar betrügen (Karl Schönböck). Selbst der Luxus, mit dem sie sich umgibt, verliert seine Wirkung, angesichts einer ständig unzufriedenen jungen Frau, die nichts zu schätzen weiß.

So einseitig wertend ihr Niedergang generell geschildert wurde, stehen besonders zwei Szenen signifikant für die moralische Haltung des Films. Paul Dahlke, der schon in Harlans „Anders als du und ich (§175)“ den Kampf gegen die Homosexualität antrat, spielt hier den braven, unscheinbaren Ehemann Reimer, der unter der Kontrolle einer wenig liebenswürdigen Ehefrau steht. Heimlich zweigt er sich Geld ab, bis er genügend zu besitzen glaubt, um zu Rosemarie Nitribitt gehen zu können. Erstmals scheint der Film die bürgerliche Scheinmoral aufzugreifen, aber Reimer will keinen Sex, sondern für Informationen über seine verschwundene Schwägerin zahlen, von der er glaubt, dass sie in den Prostitutionssumpf gezogen wurde. Verzweifelt prügelt er auf die junge Frau ein – eine Reaktion, die der Film keineswegs kritisch betrachtete, trotz der Scham, die Reimer danach empfindet. Ebenso eindeutig sind die Ausführungen des Polizeipsychologen, der am Beispiel seines Sohnes Fred (Claus Wilcke) demonstriert, dass es nur der richtigen Erziehung bedarf, um gegenüber den Versuchungen der Prostitution resistent zu sein. Rosemarie Nitribitt verliebt sich in den gut aussehenden jungen Mann und wendet alle weiblichen Tricks an, um ihn zu verführen – bis sie sich sogar vor ihm entblößt. Doch dank seiner "geistig gesunden" Haltung empfindet er nur Ekel.

„Die Wahrheit über Rosemarie“ ließe sich ähnlich wie Harlans Abhandlung über die Homosexualität nur im historischen Kontext als moralisches Abbild der späten 50er Jahre betrachten, bediente der Film nicht gleichzeitig die Sensationsgier der Zuschauer. Produzent Wolf C.Hartwig hatte schon mit seinem ersten Film „Adolf Hitler – ein Volk, ein Reich, ein Führer: Dokumente der Zeitgeschichte“ (1953) den Weg eines semi-dokumentarischen Stils betreten, mit dem er ein umstrittenes, aber beim Publikum attraktives Thema auf die Leinwand bringen konnte. Mit seinem nachfolgenden Film „Liebe, wie die Frau sich wünscht“ (1957) begann seine Beschäftigung mit dem Sex, die auf direktem Weg zum „Schulmädchen-Report“ (1970) führen sollte. Unter der Regie von Rudolf Jugert, der im Jahr darauf erneut mit Belinda Lee „Der Satan lockt mit Liebe“ (1960) unter der Produktion Hartwigs folgen ließ, widmete sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ nur vordergründig einem realen Thema, dass Hartwig vor allem dazu nutzte, tiefe Einblicke in das Prostitutions-Gewerbe zu wagen.

Entsprechend nehmen die Szenen einer meist leicht geschürzten Belinda Lee bei der Ausführung ihrer Arbeit einen wesentlich größeren Teil ein als in Thieles Nitribitt - Film. Damit wies „Die Wahrheit über Rosemarie“ schon auf das spätere „Schulmädchenreport“ – Rezept hin. Begleitet von dem scheinbar seriösen Kommentar eines Psychologen wurde um Verständnis geworben, gleichzeitig aber moralischer Anstand gepredigt, um den Freiraum für die Darstellung gesellschaftlich tabuisierter Themen zu erhalten. Das relativiert die Handlung aus heutiger Sicht ein wenig, ändert aber nichts daran, dass der Film im Vergleich zu Thieles - auch das spätere Bild der Rosemarie Nitribitt prägende - Gesellschafts-Satire zurecht in Vergessenheit geriet.

"Die Wahrheit über Rosemarie" Deutschland 1959, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: J.Joachim Bartsch, Darsteller : Belinda Lee, Wolfgang Büttner, Claus Wilcke, Walter Rilla, Karl Lieffen, Paul Dahlke, Hans Nielsen, Karl Schönböck, Lina CarstensLaufzeit : 95 Minuten

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Sonntag, 10. November 2013

Er kann's nicht lassen (1962) Axel von Ambesser

Inhalt: Pater Brown (Heinz Rühmann) lässt sich auch als Gemeindepfarrer der kleinen Insel Evert's Rock, auf die er vom Bischof strafversetzt wurde, nicht unterkriegen. Rigoros mischt er sich in einen Streit um ein Fässchen Whiskey ein, was ihm nur wenige Sympathiepunkte bei den hart gesottenen irischen Schmugglern einbringt. Als er in einem unzugänglichen Kellergewölbe des Pfarrhauses ein wertvolles Gemälde findet, das kurz darauf gestohlen wird, kann er deshalb auf keine Informationen von Seiten der Einheimischen hoffen. Der Diebstahl geschah ausgerechnet in dem Moment, als er beim Bischof (Rudolf Forster) zum Rapport antreten musste, weil er mit dem Fund erneut Schlagzeilen verursacht hatte – mit dem Ergebnis, dass er sofort wieder auf die Insel zurückkehren soll, um das Bild wieder zu beschaffen.

Selbstverständlich gelingt Brown dieses Unterfangen, aber er verschont die Diebe, indem er sie zur Beichte bittet – niemals zuvor war die Kirche so gut gefüllt, wie an diesem Tag. Dieser Erfolg verhindert zwar seine Strafversetzung in den Innendienst, aber trotzdem muss er mit seiner Haushälterin (Lina Carstens) den Gang in eine neue Gemeinde antreten. Angeblich bestand dort das einzige Verbrechen der letzten sieben Jahre aus dem Diebstahl eines Golfballs, aber schon auf seiner Fahrt zum Pfarrhaus wird er Zeuge eines heftigen Streits zwischen seit langem verfeindeten Nachbarn…


Auch wenn "Er kann's nicht lassen" am Ende von "Das schwarze Schaf" (1960) als Fortsetzung schon angekündigt wurde, dauerte es beinahe zwei Jahre bis Heinz Rühmann als "Pater Brown" wieder auf die Leinwand zurückkehrte - nicht zum letzten Mal, denn Lucio Fulci sollte ihn 1967 in der internationalen Produktion "Operazione San Pietro" (Die Abenteuer des Kardinal Braun) erneut auf das Publikum loslassen, aber das hatte mit den gemütlichen Schwarz-Weiß-Krimis der frühen 60er Jahre um den detektivisch begabten Geistlichen nichts mehr gemeinsam. Dagegen wurde "Er kann's nicht lassen" dem sehr erfolgreichen Erstling stark nachempfunden, weshalb es überrascht, dass der Cast fast vollständig ausgetauscht wurde - nur die unverzichtbaren Lina Carstens und Heinz Rühmann gehörten erneut zur Crew.

Wie weit Rühmann selbst darauf Einfluss nahm, bleibt Spekulation, aber mit Axel von Ambesser übernahm ein Regisseur die Leitung, der zuvor schon "Der Pauker" (1958) und "Der brave Soldat Schwejk" (1960) mit ihm gedreht hatte - Kameramann Ashley hatte bei "Das schwarze Schaf" das erste Mal am Regiepult gestanden. Sieht man von Siegfried Lowitz einmal ab, der Browns besten Freund Flambeau im ersten Teil spielte und hier nur einmal kurz erwähnt wird, spielte der Austausch der übrigen Darstellerriege keine entscheidende Rolle. Rudolf Forster als Bischof gab ganz offiziell den Nachfolger und gehörte wie Grit Boettcher und Siegfried Wischnewski ebenso dem damaligen Mabuse/Edgar-Wallace-Darstellerkreis an, wie die Kollegen in "Das schwarze Schaf". Bemerkenswerter ist dagegen, dass mit Egon Eis ganz offiziell der Mann das Drehbuch übernahm, der seit "Der Frosch mit der Maske" (1959) entscheidend an der Entwicklung der Edgar-Wallace-Filmreihe beteiligt war - dem Film selbst ist das nicht positiv anzumerken.

Zwar setzte "Er kann's nicht lassen" erneut auf die Qualitäten seines Hauptdarstellers, schneidet im direkten Vergleich aber schlechter ab. War "Das schwarze Schaf" noch klar gegliedert in einen kurzen Kriminalfall zu Beginn, um den Charakter des Priesters mit detektivischem Spürsinn einzuführen, bevor sich der restliche Film einem komplexen Mordkomplott widmete, kann sein Nachfolger den typischen Hang zur krampfhaften Steigerung nicht leugnen. Dass Brown (Heinz Rühmann) beim Bischof (Rudolf Forster) antreten muss, weil er ein wertvolles Bild gefunden hat - womit er erneut auf den Titelseiten der Zeitungen landete - , von diesem aber sofort wieder zurückgeschickt wird, weil er den just während seiner Anreise begangenen Diebstahl des Bildes aufklären soll, um nach dessen Wiederbeschaffung doch in eine angeblich besonders harmlose Gemeinde versetzt zu werden, ist mindestens eine Wendung zu viel.

Die Macher konnten der Versuchung nicht widerstehen, Szenen, die im ersten Film gut angekommen waren, verstärkt zu bedienen. Die Auseinandersetzungen zwischen Pater Brown und dem Bischof gehörten in "Das schwarze Schaf" zu den Höhepunkten, waren aber sinnvoll platziert und überzeugten in ihrer Kritik an einer wenig liberalen kirchlichen Haltung. Dagegen ist Browns Versuch, die Münzsammler - Leidenschaft des Bischofs herauszufordern, völlig unnötig, wie auch der Einsatz von körperlicher Gewalt. Wahrscheinlich wurden die Judo-Szenen aus "Der Pauker" hier zum Vorbild, so dass Regisseur Von Ambesser und Heinz Rühmann darauf zurückgriffen und Brown sich mit einem Schulterwurf über die Kaimauer gegen einen Angreifer verteidigt. Abgesehen davon, dass sich ein paar hartgesottene irische Kerle kaum davon einschüchtern lassen, ist es gerade die Intelligenz, gepaart mit der friedlichen Aura des Geistlichen, die diese Figur so außergewöhnlich werden lässt. Endgültig ins Alberne verfällt der Film am Ende mit einer Verfolgungsjagd, die sowohl film- als auch storytechnisch nicht zu dem - trotz Rühmanns humorvollem Spiel - letztlich ernsthaften Kriminalfilm passt.

Den damaligen Kinobesuchern wird es egal gewesen sein, denn die Ansicht des Erstlings lag schon fast zwei Jahre zurück und ein unmittelbarer Vergleich war nur schwer möglich. Zwar fehlte „Er kann’s nicht lassen“ die atmosphärische Dichte und innere Schlüssigkeit des Vorgängerfilms, aber Heinz Rühmann blieb seiner Verkörperung des detektivisch begabten Pfarrers treu - letztlich die entscheidende Komponente für den Erfolg. Zudem ließ auch der Nachfolger für die Entstehungszeit erstaunlich liberale Ansichten erkennen, auch wenn die Kritik an der katholischen Kirche dezenter ausfiel. Der junge Mann, der seine Drogenabhängigkeit überwunden hat, und seine Freundin (Grit Boettcher), die mit ihm in "Wilder Ehe" zusammenlebt, werden zu Sympathieträgern, für die sich Brown einsetzt. Aus heutiger Sicht erscheint das wenig gewagt, zumal die moralischen Standards am Ende wieder in Ordnung gebracht werden, aber es trägt zum Vergnügen bei der Ansicht dieser im besten Sinn altmodischen Filme bei, auch wenn „Er kann’s nicht lassen“ zeitweise ein wenig aus der seriösen Spur gerät.

"Er kann's nicht lassen" Deutschland 1962, Regie: Axel von Ambesser, Drehbuch: Egon Eis, Carl Merz, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Rudolf Forster, Grit Boettcher, Ruth Maria Kubitschek, Siegfried Wischnewski, Horst Tappert, Laufzeit : 91 Minuten

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Montag, 16. September 2013

Das schwarze Schaf (1960) Helmut Ashley

Inhalt: Nach dem Ende der sonntäglichen Messe wird direkt neben dem Kirchengebäude ein Toter entdeckt, der offensichtlich mit einem Hammer erschlagen wurde. Nachdem Inspector Graven (Herbert Tiede) erfahren hatte, dass nur ein sehr großer Mann einen solchen Schlag hätte ausführen können, steht sein Urteil fest und er schreitet zur Verhaftung. Doch Pater Brown (Heinz Rühmann) durchschaut im Gegensatz zu ihm den tatsächlichen Tatvorgang und kann den Täter überführen.

Damit schützt er den zu unrecht Verdächtigten vor einer Verurteilung, was ihm entsprechende Zeitungsberichte einbringt, nicht aber die Anerkennung des Bischofs (Friedrich Domin), der zwar die positiven Aspekte seines detektivischen Spürsinns sieht, diese aber im Sinne der Kirche nicht dulden kann. Um weitere Nebentätigkeiten zu unterbinden, versetzt er Pater Brown zu einer neuen Gemeinde, in der es schon viele Jahre keine Verbrechen mehr gegeben hat…


Dass Heinz Rühmann in "Das schwarze Schaf", der Ende 1960 in die Kinos kam, erstmals die Romanfigur "Father Brown" des englischen Kriminalbuchautors G.K. Chesterton verkörperte, hatte mehrere Ursachen. Zwei Jahre zuvor hatte er einen Polizeioffizier in "Es geschah am hellichten Tag" (1958) gespielt, an dessen Drehbuch neben Friedrich Dürrenmatt auch Hans Jacoby beteiligt war, der seit "Vater sein dagegen sehr" (1957) an den meisten Rühmann-Filmen dieser erfolgreichen Phase mitgearbeitet hatte. Gemeinsam mit István Békeffy schrieb er Heinz Rühmann die Rolle des "Pater Brown", wie die Figur in der deutschen Version heißt, auf den Leib - ein gottesfürchtiger, moralisch integrer Mann, dem Obrigkeitsdenken, Vorurteile und blinder Gehorsam fremd sind.

Diese Konstellation hatte neben der altersgerechten Rolle für den knapp 60jährigen Rühmann den Vorteil, dass sie keine Relativierungen benötigte, wie sie in seinen Filmen mit Familienanhang in der Regel vorgesehen wurden. Der katholische Priester Pater Brown (Heinz Rühmann) ist nur seiner Haushälterin Mrs. Smith (Lina Carstens) verpflichtet, die gezwungen ist, seine ständigen Umzüge mitzumachen. Und natürlich Gott, dessen Güte er für die Entstehungszeit des Films erstaunlich liberal auslegte. Nicht nur der ehemalige Einbrecher Flambeau (Siegfried Lowitz) gehört zu seinen Freunden, auch sonst erweist sich Pater Brown als tolerant. Souverän bewältigt er den ersten, zur Einführung des Protagonisten nur kurz geschilderten Kriminalfall des Films damit, dass er eine junge Prostituierte zu Hilfe holt, um ihren als Mörder überführten Vater dazu zu überreden, sich der Polizei zu stellen. Die sachliche Schilderung dieser Situation kommt ohne moralische Fingerzeige aus, womit sich der Film deutlich von seinen in dieser Zeit entstandenen Filmen wie "Ein Mann geht durch die Wand" (1959) oder "Max, der Taschendieb" (1962) unterschied, in denen Rühmanns Verstöße gegen die bürgerliche Ordnung jeweils in gesellschaftlicher Anpassung endeten.

Hier dagegen nicht. Auch wenn die Kirchenführung in Person des Bischofs (Friedrich Domin) gelassen auftritt und Browns Verdienste durchaus zu schätzen weiß, hinterlässt sie einen ungerechtfertigt strengen Eindruck. Aus heutiger Sicht einer säkular geprägten Gesellschaft wirkt diese Kritik an der katholischen Kirche zwar sehr dezent, bewies 1960 aber Mut, auch wenn Chesterton seine "Father Brown"-Romane freier auslegte. Sein "Father" war als "Weltgeistlicher" kein an einen festen Ort gebundener Priester, so dass er auch in einem Gefängnis in Chicago arbeiten konnte. Die meisten Fälle fanden aber in England statt, dessen Bewohner größtenteils der "Church of England" angehören, weshalb das Umfeld keineswegs so homogen wie im Film ausfiel. Um das in Deutschland gewohnte christliche Ambiente mit dem britisch geprägten Hintergrund verbinden zu können, wurde die Handlung ins streng katholische Irland verlegt. Angesichts dieser Bemühungen wird deutlich, dass Heinz Rühmanns Interpretation eines unvoreingenommenen Geistlichen, der konsequent seinen Überzeugungen folgt, auch wenn diese gegen die Anordnungen seiner Vorgesetzten verstoßen, im Zeitkontext modern angelegt war.

Zu Hilfe kam ihm dabei die allgemeine Begeisterung für Kriminalfilme im deutschen Kino, die seit der Edgar-Wallace-Verfilmung "Der Frosch mit der Maske" (1959) große Erfolge feierten - ein weiterer Anlass für die Entstehung der Pater Brown-Filme. Mit Fritz Rasp und Siegfried Lowitz gehörten zudem zwei prägende Edgar-Wallace-Darsteller der ersten Stunde zur Besetzung, aber die Einflussnahme erfolgte gegenseitig. Komponist Martin Böttcher wurde mit der Pater Brown-Erkennungsmelodie bekannt, bevor er im Jahr darauf begann („Der Fälscher von London“, 1961), auch die Musik zu Edgar-Wallace-Filmen zu schreiben. 1962 landete er mit der Musik zum Karl May-Film "Ein Schatz im Silbersee" seinen größten Erfolg. Auch Helmut Ashley, der nach vielen Jahren als Kameramann erstmals Regie führte, sollte zwei Jahre später die Leitung eines Edgar-Wallace-Films ("Das Rätsel der roten Orchidee" (1962)) übernehmen. Beim zweiten Pater-Brown Film "Er kann's nicht lassen" (1962) war zudem Egon Eis, unter dem Pseudonym Trygve Larsen einer der Initiatoren der Wallace-Reihe, für das Drehbuch verantwortlich und die "Omnia Deutsche Film Export", maßgeblich an der "Mabuse" - Filmreihe ("Die 1000 Augen des Doktor Mabuse" (1960)) beteiligt, übernahm den Vertrieb.

Entsprechend wenig fiel „Das schwarze Schaf“ stilistisch aus dem Rahmen. Etwas weniger reißerisch als die Wallace-Filme oder das „Mabuse“ – Franchise angelegt, ist den klar strukturierten Schwarz-Weiß-Bildern ihr Bemühen um die Darstellung einer anrüchigen „Halbwelt“ deutlich anzumerken. Auch die klischeehaften Charaktere können ihre deutsche Herkunft nicht verleugnen, vermitteln weder irisches Lokalkolorit, noch Internationalität und könnten eins zu eins in einem Edgar-Wallace-Film mitspielen. Ähnliches ließe sich zu dem wie gewohnt konstruierten Kriminalfall feststellen, dessen Aufklärung nicht nur das „Kaninchen aus dem Hut“, sondern den vollkommen unnötig geäußerten Hinweis eines Beteiligten benötigt - gäbe es nicht Heinz Rühmann als Pater Brown. Seine differenziert gespielte Figur besitzt deutlich mehr Profil als die üblichen Polizeioffiziere in den Wallace-Krimis, weshalb seine Eigensinnigkeit, gepaart mit Humor dem „Schwarzen Schaf“ bis heute einen vergnüglichen, altmodischen Charme verleihen kann.

"Das schwarze Schaf" Deutschland 1960, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Hans Jacoby, István Bekéffy, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Siegfried Lowitz, Fritz Rasp, Karl Schönböck, Friedrich Domin, Maria SebaldtLaufzeit : 89 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Ashley:

Freitag, 19. Juli 2013

Wir Wunderkinder (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: 1913 – in Neustadt, einem kleinen Ort in der Provinz, steht ein großes Ereignis bevor. Zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals soll ein Ballonfahrer nach Leipzig fliegen, um Kaiser Wilhelm II. die Ehre zu erweisen. Alle Bürger und Honoratioren der Stadt sind auf dem Feld angetreten, um dem Ballonfahrer die Ehre zu erweisen, nur die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisenfeld (Elisabeth Flickenschild), die am Rand des Felds in ihrem Wagen lebt, stört und wird von der Polizei entfernt. Allerdings haben auch die beiden Jungs Hans Boeckler und Bruno Tiches Unsinn im Kopf, doch während Hans erwischt und bestraft wird, gelingt es Bruno ungesehen in den Korb des Ballons zu klettern. Als dieser nur wenige hundert Meter entfernt wieder notlanden muss, ist die Angelegenheit so peinlich, dass Bruno ungestraft in der Schulklasse von seinen Erlebnissen mit Kaiser Wilhelm berichten darf.

Dieses Ereignis ist signifikant für den weiteren Lebensweg von Hans Boeckler (Hansjörg Felmy) und Bruno Tiches (Robert Graf), denn während Boeckler in den 20er Jahren unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Philosophie in München studiert, macht Tiches Karriere bei der NSDAP…


Nach seinem großen Erfolg mit "Das Wirtshaus im Spessart", der Anfang 1958 in die Kinos gekommen war und Kurt Hoffmann die Gelegenheit gegeben hatte, hinter dem neckischen Treiben der Räuber satirische Spitzen auf Land und Leute loszulassen, nahm er sich mit der Romanvorlage "Wir Wunderkinder" von Hugo Harting einen deutlich kritischeren Stoff vor. Harting, dessen Roman "Ich denke of an Piroschka" Hoffmann 1955 ebenfalls verfilmt hatte, erzählt darin parallel zwei deutsche Lebensläufe, beginnend 1913 kurz vor dem Beginn der 1.Weltkriegs, noch zur Zeit Kaiser Wilhelms II., bis Mitte der 50er Jahre in der jungen Bundesrepublik Deutschland, die gerade die "Wirtschaftswunderjahre" erlebte.

Schon die erste Szene ist symptomatisch für die zukünftige Entwicklung der beiden Protagonisten - während der Knabe Hans Boeckel beim Start einer Ballonfahrt zur 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht bei Leipzig wegen ungebührlichen Benehmens zu Strafarbeiten verdonnert wird, wird sein Klassenkamerad Bruno Tiches zum gefeierten Helden, weil der Ballon, in dessen Korb er verbotenerweise geklettert war, schon nach wenigen hundert Metern notlanden musste. Eine peinliche Angelegenheit für den Ballonfahrer und die Honoratioren der Stadt, weshalb Brunos schöne Geschichten von seinem persönlichen Empfang bei Kaiser Wilhelm II. erfolgreich die Runde machen dürfen. Dieses Geschick beweist Bruno Tiches (Robert Graf) auch in seiner weiteren Karriere - ist er nach dem Ende des 1.Weltkriegs noch beflissener Angestellter des örtlichen Bankhauses, dem potentesten Arbeitgeber der Kleinstadt, will er Mitte der 20er Jahre nichts mehr mit seinen jüdischen Arbeitgebern zu tun haben und geht nach München, um sich der NSDAP anzuschließen.

Dort trifft er auch wieder auf Hans Boeckel (Hansjörg Felmy), der in München Philosophie studiert. Doch damit enden die Parallelen, denn während Boeckel nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 seinen Job als Feuilletonist bei der Zeitung verliert, macht Tiches Partei-Karriere. Boeckel bittet ihn erstmals um Hilfe, aber als dieser von ihm verlangt, Parteimitglied zu werden, bekennt er Farbe und lehnt ab  - mit der Konsequenz, dass er nur noch im Lager arbeiten darf. Nach dem 2. Weltkrieg begegnen sie sich zufällig wieder, um festzustellen, dass sich an ihren Rollen nichts geändert hat. Boeckel versucht noch mit Tauschhandel Nahrung für seine Familie aufzutreiben, während Tichel unter geändertem Namen schon zum erfolgreichen Geschäftsmann mutiert ist, der vom Schwarzmarkt profitiert - die Basis für seinen kommenden Reichtum und damit Einfluss und hohes Ansehen in der Bundesrepublik Deutschland wird gelegt.

Mit Bruno Tiches verkörperte Robert Graf überzeugend einen Typus, der der Realität sehr nahe kam. Er benötigte dafür nur wenige satirische Spitzen, denn Tiches ist kein Fanatiker, sondern ein Opportunist, der ein Gespür für den eigenen Vorteil hat. Sein Charakter lässt deutlich werden, dass Anpassungsfähigkeit und positive Selbstdarstellung die wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg sind. Eine bis heute gültige Regel, die nach dem 2.Weltkrieg besonders eklatant verdeutlichte, dass es zu keinem Bruch gekommen war, sondern das Diejenigen, die zuvor schon das Sagen hatten, auch danach über den größten Einfluss verfügten - notfalls indem sie ihren Namen und ihre Historie änderten. Der Dialog zwischen Tiches und Boeckel nach dem Krieg ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Wieder stilisiert sich Tiches zu einem Mann hoch, der erneut den Karren für Deutschland "aus dem Dreck zieht", wie er es auch schon in den 30er Jahren formulierte, und Boeckels damalige Ablehnung der Nationalsozialisten ist für ihn nur ein Anzeichen für dessen Unfähigkeit, sich klar zu positionieren  - wie üblich solche Argumentationen in der Nachkriegszeit gewesen sind, lässt sich leicht vorstellen.

Die Figur des Hans Boeckel ist dagegen idealisierter angelegt, auch wenn sich Felmy Mühe gab, eine gewisse Tatenlosigkeit auszustrahlen. Selbst das Schicksal geliebter und befreundeter Menschen - seine erste Freundin Vera (Wera von Frydtberg), auf die er jahrelang gewartet hatte, da sie ihre Lungenkrankheit in der Schweiz auskurieren musste, geht zu ihrem Vater nach Paris, und auch seinem früheren Klassenkameraden Siegfried Stein (Pinkas Braun), Sohn des jüdischen Bankiers seiner Heimatstadt, gelingt gerade noch rechtzeitig die Flucht - lässt ihn lange Zeit nicht erkennen, welche Gefahren von den Nationalsozialisten ausgehen. Er, der Ende der 20er Jahre seinen Doktor in Philosophie machte, hielt sie für eine vorübergehende Erscheinung und seine abschließende Aussage, mit "Tinte kann man kein brennendes Haus löschen" gab ihm Absolution. Denn abgesehen von dieser Passivität, ist Boeckel ein hehrer Charakter, der sich nicht einmal von der süßen Dänin Kirsten (Johanna von Koczian) an Silvester in Versuchung bringen lässt, da er noch mit Vera verlobt ist, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Erst als diese Beziehung geklärt ist, läuten die Hochzeitsglocken für ihn und Kirsten in Dänemark, auch wenn sie sich dafür gegen ihre Familie durchsetzen muss, die dem deutschen Bräutigam skeptisch gegenüber steht.

Die Konfrontation zwischen dem armen Schlucker Hans Boeckel und dem erfolgreichen Bruno Tiches konnte so abgeschwächt werden, denn während Boeckel über eine glückliche Familie mit zwei kleinen Kindern verfügt, lebt Tiches in unmoralischen Verhältnissen. Geschieden von seiner ersten Frau Evelyne Meisegeier (Ingrid van Bergen) hat er sich längst eine Jüngere zugelegt. Die gesamte Konstellation um die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisegeier (Elisabeth Flickenschild), die zu Zeiten Wilhelm II. noch als "Zigeunerin" abgelehnt wurde, dann als Schwiegermutter zu Tiches Entourage gehörte, um nach dem Krieg nach Argentinien "auszuwandern", atmet noch den Zeitgeist der 50er Jahre - zwar ironisierte der Film damit die Verlogenheit der Nationalsozialisten hinsichtlich deren Standards von Moral und Rassenideologie, bediente damit aber gleichzeitig bestehende Vorurteile. Autor Hugo Hartung sah in Familie Meisegeier, die sich vom Außenseiter zum glühenden Nazi wandelte (der Sohn der Familie lässt von Beginn an keinen Zweifel an seinem Antisemitismus), noch Potential, erkennbar an seinem letzten 1971 erschienenen Roman mit dem Titel "Wir Meisegeiers - der Wunderkinder 2.Teil".

Wie gewohnt von Kurt Hoffmann schwungvoll und unterhaltsam inszeniert, käme "Wir Wunderkinder" über einen nur latent kritischen Film nicht hinaus, gäbe es nicht die beiden Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, mit denen er erstmals in "Das Wirtshaus im Spessart" zusammen gearbeitet hatte. Sie zeigen "Wir Wunderkinder" als "Film im Film", den sie von einer Bühne aus mit Kommentaren und Klaviermusik begleiten. Die Konzessionen, zu denen der Film in den 50ern noch gezwungen war, werden von ihnen deftig und unmissverständlich unterlaufen - wenn Bruno Tiches am Ende in einen Fahrstuhlschacht fällt und stirbt, dann enthebt Wolfgang Müller dieses scheinbare "Happy-End" gleich wieder. Während der Film die Bilder einer Beerdigung zeigt, zu der alle einflussreichen Persönlichkeiten aufmarschiert sind, um dem „verdienten Deutschen“ Tiches die letzte Ehre zu erweisen, erwähnt er, dass es so viele kaputte Fahrstühle nicht gibt, die angesichts der anderen "Tiches" repariert werden müssten - Kurt Hoffmann war nie kritischer als in „Wir Wunderkinder“, aber trotz des Gewinns eines "Golden Globes" als bester fremdsprachiger Film gehört er bis heute zu seinen weniger bekannten Werken.

"Wir Wunderkinder" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Annemarie Selinko (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Robert Graf, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt, Lina Carstens, Ingrid van Bergen, Ralf Wolter, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Mittwoch, 1. Mai 2013

Himmel ohne Sterne (1955) Helmut Käutner



Inhalt: Anfang der 50er Jahre - unter dramatischen Umständen flieht Anna Kaminski (Eva Kotthaus) über die innerdeutsche Grenze, die zwar noch einen provisorischen Charakter hat, aber schon streng bewacht wird. Leicht verletzt auf der westdeutschen Seite angekommen, trifft sie dort den Grenzsoldaten Carl Altmann (Erik Schumann), der ihr Hilfe anbietet. Ohne darauf einzugehen, begibt sie sich in das nahe gelegene Städtchen und sucht Otto (Gustav Knuth) und Elsbeth Friese (Camilla Spira) auf, die wenig erfreut über ihren Besuch sind, denn Anna ist die Mutter ihres Enkelsohns Jochen, der hier bei seinen Großeltern lebt.

Ihr Sohn war im Krieg gefallen und hatte Anna nicht mehr geheiratet. Durch die Trennung Deutschlands hatten sie entschieden, den Enkelsohn bei sich zu behalten, weil er es im Westen besser hätte. Als Anna auch diesmal zum wiederholten Male den Jungen mitnehmen will, verweigern sie ihr diese Bitte mit der Begründung, dass sie ihn schließlich mit ihrem Einverständnis adoptiert hätten. Doch Anna flieht in der Nacht mit Jochen und bittet Carl Altmann nun doch um Hilfe, um ihn über die Grenze zu schmuggeln. Willi (Georg Thomalla), ein Freund von Altmann, hilft ihr dabei, indem er sie in seinem LKW versteckt, doch als sie in der DDR ankommen, ist der Junge verschwunden...


Anna Kaminskis (Eva Kotthaus) Schicksal kam Ende des zweiten Weltkriegs sicher nicht selten vor. Als ihr Freund an die Front befohlen wurde, war sie schwanger von ihm und an eine Hochzeit nicht zu denken. Nachdem dieser im Krieg fiel, blieb sie als allein erziehende Mutter mit einem unehelichen Kind zurück. In ihrer Not wandte sie sich an die Eltern ihres Freundes, die Ihre Hilfe allerdings an die Bedingung einer Adoption ihres Enkelkindes knüpften, in die Anna gezwungenermaßen einwilligte. Diese Vorgeschichte, die sich nur aus wenigen Worten Annas erschließt, liegt zum Beginn der Filmhandlung schon einige Jahre zurück, aber sie ist die Ursache für das dramatische Geschehen und typisch für Regisseur Helmut Käutner.

Schon in seinen ersten, noch während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Filmen, betonte er die Verlogenheit der allgemeinen Moralvorstellungen, die den realen menschlichen Bedürfnissen widersprach und sie zu einem Verhalten zwang, dass erst die späteren tragischen Folgen ermöglichte („Große Freiheit Nr.7“, 1943). Die Nachkriegsjahre hatten in der moralischen Strenge nicht nachgelassen, obwohl die gemeinsamen Erfahrungen im Krieg Verständnis für Annas Situation hätte erzeugen müssen. Doch erst der moralische Druck als uneheliche Mutter zwang sie zum Einverständnis in die Adoption. Anfang der 50er Jahre hatte sich ihre finanzielle Situation geändert, weshalb Anna in der Lage wäre, ihren Sohn Jochen wieder zu sich zu holen, aber zwei Fakten behindern ihren Wunsch – rechtlich ist Jochen das Adoptivkind seiner Großeltern und die neue innerdeutsche Grenze verläuft ausgerechnet zwischen den beiden unweit von einander entfernten Heimatorten.

Helmut Käutner nahm sich als einer von Wenigen schon Mitte der 50er Jahre der Teilung Deutschlands an, weshalb "Himmel ohne Sterne" nur ein Film werden konnte, der auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs provozieren musste. Dabei hätte es sich der westdeutsche Regisseur in seiner Anklage an die Trennung Deutschlands leicht machen können, in dem er die politischen Umstände und damit besonders die sowjetische Besatzungsmacht angeprangert hätte, aber das entspräche nicht Käutners Linie, der die Ursachen nie im Grossen, sondern immer im Kleinen suchte. "Ich habe die Grenze nicht gemacht!" legt er seinen Protagonisten häufig in den Mund, aber er lässt kein Zweifel daran, dass die tatsächlichen Probleme untereinander eben doch selbst erzeugt sind und die Umstände immer als Ausrede dafür herhalten müssen.

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Nebenfigur Mischa Bjelkin, einem sehr jungen sowjetischen Soldaten, von Horst Buchholz in einer seiner ersten Rollen mit erstaunlicher Zurückhaltung gespielt, auch bedingt dadurch, dass seine Umgebung kein Russisch versteht. Er verdeutlicht, dass für Jeden eine Wahl in seinen Entscheidungen besteht, auch ohne sich davon Vorteile zu versprechen. Gegensätzlich charakterisiert Käutner dagegen die westdeutsche Seite, die - dank des schnell eintretenden wirtschaftlichen Erfolgs in der jungen BRD - nur noch wenige Gedanken an die kommunistisch regierten Landsleute in der DDR verschwendet. Die Wahl der sympathischen Darsteller Camilla Spira und Gustav Knuth als Großeltern Elsbeth und Otto Friese, die den adoptierten Enkelsohn nicht mehr hergeben wollen, ist geschickt, denn Käutner vermeidet damit Einseitigkeiten und demonstriert authentisch, wie schnell sich die Menschen damals an die neue Situation gewöhnt hatten, besonders, wenn sie persönlich davon profitierten.

Auch den DDR-Alltag zeigte Käutner ohne Beschönigungen, vermeidet dabei aber für die Zeit typische Abqualifizierungen. So zeigt sich auch, dass es für Anna, die in einem volkseigenen Betrieb arbeitet (sehr gut Siegfried Lowitz als korrekter, aber nicht unmenschlicher Leiter), in der DDR leichter ist, als allein erziehende Mutter ihr Leben zu organisieren, obwohl sie sich sogar noch um ihre Großeltern (Lucie Höflich, Erich Ponto) kümmern muss, die sie nicht allein lassen will, weshalb für sie eine Flucht in den Westen nicht in Frage kommt. Wer aus heutiger Sicht glaubt, erst nach dem Bau der Mauer wurde es schwierig in den Westen zu fliehen, wird hier eines Besseren belehrt, denn auch wenn Anfang der 50er Jahre die Perfektion der späteren „Todesstreifen“ noch nicht bestand, so galt schon der Schießbefehl der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten.

Auch in "Himmel ohne Sterne" spielt Käutner wieder seine Stärke aus, eine Vielzahl von Darstellern so agieren zu lassen, dass ein komplexes Geflecht an Beziehungen entsteht. Selbst kleine Rollen sind hervorragend besetzt (Georg Thomalla, Josef Offenbach, Wolfgang Neuss) und die Wahl der beiden Hauptrollen (der Sachse Erik Schumann als westdeutscher Grenzer, die aus der BRD stammende Eva Kotthaus als Anna) ist intelligent, besonders da beide damals von der DEFA besetzt wurden. Man spürt an jeder Einstellung des Films, wie ernst es Käutner damit war, ein ausgewogenes Bild beider Seiten zu zeigen. Betonte er in seinen Filmen aus der nationalsozialistischen Zeit noch die individuelle Freiheit des Einzelnen, die im Widerspruch zur äußeren Reglementierung stand, scheinen die Beteiligten hier nicht in der Lage zu sein, sich aus den ihnen aufgesetzten Strukturen und Vorurteilen zu befreien.

"Himmel ohne Sterne" fehlt jeglicher Optimismus, positive Momente entstehen nur im Verhalten einzelner Menschen, die aber wenig am Fortlauf des Dramas ändern können. In dieser Konsequenz wirkt der Film manchmal übertrieben melodramatisch, da er die Umstände so aneinander reiht, dass sich alles zum Negativen fügen muss, womit er sich auf einer Linie mit den Filmen Douglas Sirks befindet. Indem Käutner nicht einmal den Liebenden zugesteht, sich über bestehende Grenzen hinweg zu setzen, und ihnen damit einiges ihrer Reputation nimmt, geht er weit über die übliche Sezierung einer gesellschaftlichen Situation hinaus. "Himmel ohne Sterne" ist keine differenzierte Analyse, sondern eine unparteiische Anklage, etwas an den bestehenden Zuständen zu ändern – nicht erstaunlich, dass der unbequeme Film bis heute die ihm zustehende Anerkennung nicht erfahren hat.

"Himmel ohne Sterne" Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Darsteller : Eva Kotthaus, Erik Schumann, Horst Buchholz, Siegfried Lowitz, Erich Ponto, Wolfgang Neuss, Josef Offenbach, Georg Thomalla, Lina Carstens, Gustav Knuth, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner: