Freitag, 19. Juli 2013

Wir Wunderkinder (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: 1913 – in Neustadt, einem kleinen Ort in der Provinz, steht ein großes Ereignis bevor. Zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals soll ein Ballonfahrer nach Leipzig fliegen, um Kaiser Wilhelm II. die Ehre zu erweisen. Alle Bürger und Honoratioren der Stadt sind auf dem Feld angetreten, um dem Ballonfahrer die Ehre zu erweisen, nur die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisenfeld (Elisabeth Flickenschild), die am Rand des Felds in ihrem Wagen lebt, stört und wird von der Polizei entfernt. Allerdings haben auch die beiden Jungs Hans Boeckler und Bruno Tiches Unsinn im Kopf, doch während Hans erwischt und bestraft wird, gelingt es Bruno ungesehen in den Korb des Ballons zu klettern. Als dieser nur wenige hundert Meter entfernt wieder notlanden muss, ist die Angelegenheit so peinlich, dass Bruno ungestraft in der Schulklasse von seinen Erlebnissen mit Kaiser Wilhelm berichten darf.

Dieses Ereignis ist signifikant für den weiteren Lebensweg von Hans Boeckler (Hansjörg Felmy) und Bruno Tiches (Robert Graf), denn während Boeckler in den 20er Jahren unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Philosophie in München studiert, macht Tiches Karriere bei der NSDAP…


Nach seinem großen Erfolg mit "Das Wirtshaus im Spessart", der Anfang 1958 in die Kinos gekommen war und Kurt Hoffmann die Gelegenheit gegeben hatte, hinter dem neckischen Treiben der Räuber satirische Spitzen auf Land und Leute loszulassen, nahm er sich mit der Romanvorlage "Wir Wunderkinder" von Hugo Harting einen deutlich kritischeren Stoff vor. Harting, dessen Roman "Ich denke of an Piroschka" Hoffmann 1955 ebenfalls verfilmt hatte, erzählt darin parallel zwei deutsche Lebensläufe, beginnend 1913 kurz vor dem Beginn der 1.Weltkriegs, noch zur Zeit Kaiser Wilhelms II., bis Mitte der 50er Jahre in der jungen Bundesrepublik Deutschland, die gerade die "Wirtschaftswunderjahre" erlebte.

Schon die erste Szene ist symptomatisch für die zukünftige Entwicklung der beiden Protagonisten - während der Knabe Hans Boeckel beim Start einer Ballonfahrt zur 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht bei Leipzig wegen ungebührlichen Benehmens zu Strafarbeiten verdonnert wird, wird sein Klassenkamerad Bruno Tiches zum gefeierten Helden, weil der Ballon, in dessen Korb er verbotenerweise geklettert war, schon nach wenigen hundert Metern notlanden musste. Eine peinliche Angelegenheit für den Ballonfahrer und die Honoratioren der Stadt, weshalb Brunos schöne Geschichten von seinem persönlichen Empfang bei Kaiser Wilhelm II. erfolgreich die Runde machen dürfen. Dieses Geschick beweist Bruno Tiches (Robert Graf) auch in seiner weiteren Karriere - ist er nach dem Ende des 1.Weltkriegs noch beflissener Angestellter des örtlichen Bankhauses, dem potentesten Arbeitgeber der Kleinstadt, will er Mitte der 20er Jahre nichts mehr mit seinen jüdischen Arbeitgebern zu tun haben und geht nach München, um sich der NSDAP anzuschließen.

Dort trifft er auch wieder auf Hans Boeckel (Hansjörg Felmy), der in München Philosophie studiert. Doch damit enden die Parallelen, denn während Boeckel nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 seinen Job als Feuilletonist bei der Zeitung verliert, macht Tiches Partei-Karriere. Boeckel bittet ihn erstmals um Hilfe, aber als dieser von ihm verlangt, Parteimitglied zu werden, bekennt er Farbe und lehnt ab  - mit der Konsequenz, dass er nur noch im Lager arbeiten darf. Nach dem 2. Weltkrieg begegnen sie sich zufällig wieder, um festzustellen, dass sich an ihren Rollen nichts geändert hat. Boeckel versucht noch mit Tauschhandel Nahrung für seine Familie aufzutreiben, während Tichel unter geändertem Namen schon zum erfolgreichen Geschäftsmann mutiert ist, der vom Schwarzmarkt profitiert - die Basis für seinen kommenden Reichtum und damit Einfluss und hohes Ansehen in der Bundesrepublik Deutschland wird gelegt.

Mit Bruno Tiches verkörperte Robert Graf überzeugend einen Typus, der der Realität sehr nahe kam. Er benötigte dafür nur wenige satirische Spitzen, denn Tiches ist kein Fanatiker, sondern ein Opportunist, der ein Gespür für den eigenen Vorteil hat. Sein Charakter lässt deutlich werden, dass Anpassungsfähigkeit und positive Selbstdarstellung die wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg sind. Eine bis heute gültige Regel, die nach dem 2.Weltkrieg besonders eklatant verdeutlichte, dass es zu keinem Bruch gekommen war, sondern das Diejenigen, die zuvor schon das Sagen hatten, auch danach über den größten Einfluss verfügten - notfalls indem sie ihren Namen und ihre Historie änderten. Der Dialog zwischen Tiches und Boeckel nach dem Krieg ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Wieder stilisiert sich Tiches zu einem Mann hoch, der erneut den Karren für Deutschland "aus dem Dreck zieht", wie er es auch schon in den 30er Jahren formulierte, und Boeckels damalige Ablehnung der Nationalsozialisten ist für ihn nur ein Anzeichen für dessen Unfähigkeit, sich klar zu positionieren  - wie üblich solche Argumentationen in der Nachkriegszeit gewesen sind, lässt sich leicht vorstellen.

Die Figur des Hans Boeckel ist dagegen idealisierter angelegt, auch wenn sich Felmy Mühe gab, eine gewisse Tatenlosigkeit auszustrahlen. Selbst das Schicksal geliebter und befreundeter Menschen - seine erste Freundin Vera (Wera von Frydtberg), auf die er jahrelang gewartet hatte, da sie ihre Lungenkrankheit in der Schweiz auskurieren musste, geht zu ihrem Vater nach Paris, und auch seinem früheren Klassenkameraden Siegfried Stein (Pinkas Braun), Sohn des jüdischen Bankiers seiner Heimatstadt, gelingt gerade noch rechtzeitig die Flucht - lässt ihn lange Zeit nicht erkennen, welche Gefahren von den Nationalsozialisten ausgehen. Er, der Ende der 20er Jahre seinen Doktor in Philosophie machte, hielt sie für eine vorübergehende Erscheinung und seine abschließende Aussage, mit "Tinte kann man kein brennendes Haus löschen" gab ihm Absolution. Denn abgesehen von dieser Passivität, ist Boeckel ein hehrer Charakter, der sich nicht einmal von der süßen Dänin Kirsten (Johanna von Koczian) an Silvester in Versuchung bringen lässt, da er noch mit Vera verlobt ist, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Erst als diese Beziehung geklärt ist, läuten die Hochzeitsglocken für ihn und Kirsten in Dänemark, auch wenn sie sich dafür gegen ihre Familie durchsetzen muss, die dem deutschen Bräutigam skeptisch gegenüber steht.

Die Konfrontation zwischen dem armen Schlucker Hans Boeckel und dem erfolgreichen Bruno Tiches konnte so abgeschwächt werden, denn während Boeckel über eine glückliche Familie mit zwei kleinen Kindern verfügt, lebt Tiches in unmoralischen Verhältnissen. Geschieden von seiner ersten Frau Evelyne Meisegeier (Ingrid van Bergen) hat er sich längst eine Jüngere zugelegt. Die gesamte Konstellation um die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisegeier (Elisabeth Flickenschild), die zu Zeiten Wilhelm II. noch als "Zigeunerin" abgelehnt wurde, dann als Schwiegermutter zu Tiches Entourage gehörte, um nach dem Krieg nach Argentinien "auszuwandern", atmet noch den Zeitgeist der 50er Jahre - zwar ironisierte der Film damit die Verlogenheit der Nationalsozialisten hinsichtlich deren Standards von Moral und Rassenideologie, bediente damit aber gleichzeitig bestehende Vorurteile. Autor Hugo Hartung sah in Familie Meisegeier, die sich vom Außenseiter zum glühenden Nazi wandelte (der Sohn der Familie lässt von Beginn an keinen Zweifel an seinem Antisemitismus), noch Potential, erkennbar an seinem letzten 1971 erschienenen Roman mit dem Titel "Wir Meisegeiers - der Wunderkinder 2.Teil".

Wie gewohnt von Kurt Hoffmann schwungvoll und unterhaltsam inszeniert, käme "Wir Wunderkinder" über einen nur latent kritischen Film nicht hinaus, gäbe es nicht die beiden Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, mit denen er erstmals in "Das Wirtshaus im Spessart" zusammen gearbeitet hatte. Sie zeigen "Wir Wunderkinder" als "Film im Film", den sie von einer Bühne aus mit Kommentaren und Klaviermusik begleiten. Die Konzessionen, zu denen der Film in den 50ern noch gezwungen war, werden von ihnen deftig und unmissverständlich unterlaufen - wenn Bruno Tiches am Ende in einen Fahrstuhlschacht fällt und stirbt, dann enthebt Wolfgang Müller dieses scheinbare "Happy-End" gleich wieder. Während der Film die Bilder einer Beerdigung zeigt, zu der alle einflussreichen Persönlichkeiten aufmarschiert sind, um dem „verdienten Deutschen“ Tiches die letzte Ehre zu erweisen, erwähnt er, dass es so viele kaputte Fahrstühle nicht gibt, die angesichts der anderen "Tiches" repariert werden müssten - Kurt Hoffmann war nie kritischer als in „Wir Wunderkinder“, aber trotz des Gewinns eines "Golden Globes" als bester fremdsprachiger Film gehört er bis heute zu seinen weniger bekannten Werken.

"Wir Wunderkinder" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Annemarie Selinko (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Robert Graf, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt, Lina Carstens, Ingrid van Bergen, Ralf Wolter, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

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