Montag, 15. Juli 2013

Haie und kleine Fische (1957) Frank Wisbar

Inhalt: 1940 – der 18jährige Hans Teichmann (Hansjörg Felmy) und seine Kameraden Gerd Heyne (Horst Frank), Emil Stollenberg (Thomas Braut) und Vögele (Ernst Reinhold) treten ihren ersten Dienst als angehende Offiziere auf dem Minensuchboot „Albatros“ an, und lassen sich ihre gute Laune auch nicht von dem unfreundlichen Empfang durch Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) vermiesen. Im Gegenteil – schon bald überqueren Teichmann und ein Freund den nahe gelegenen See mit ihrer Jolle, bis sie fast mit einem Motorboot zusammen stoßen, dem Teichmann unfreundliche Worte hinterher ruft.

Zurecht wie er findet, auch als er erfährt, dass die Frau seines Flotillen-Chefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) am Steuer saß. Zur Strafe muss er ihr beim Einkauf und der Einrichtung der Wohnung helfen, aber die Nähe zu der jungen und hübschen Frau Engelmann (Sabine Bethmann) empfindet Teichmann zunehmend als Vergnügen. Als er sie küsst, wehrt sie sich einen Moment nicht, weist ihn dann aber von sich, womit sein Job bei ihr beendet ist. Kurz darauf sticht er mit dem Minensuchboot in See, wo es zu dramatischen Ereignissen kommt, in die auch sein Flotillen-Chef verwickelt wird…


Obwohl der Kriegsfilm seit der "08/15" - Trilogie (1954/55) erfolgreich in den deutschen Kinos lief, hielten sich die Produzenten mit der Darstellung von Kampfhandlungen merklich zurück. Das änderte sich mit "Der Stern von Afrika" und "Haie und kleine Fische", die kurz nacheinander im Herbst 1957 in die deutschen Lichtspielhäuser kamen. Basierte "Der Stern von Afrika" noch auf der Biografie eines bekannten Kampffliegers und stand in der Tradition zuvor entstandener Kriegsfilme, die der Thematik auf diese Weise einen seriösen Anstrich geben sollte ("Canaris" 1954), verarbeitete der sonst unbekannt gebliebene Schriftsteller Wolfgang Ott in "Haie und kleine Fische" seine persönlichen Erfahrungen als Soldat der Marine und wirkte auch am Drehbuch der Verfilmung mit.

Sein überraschender Erfolg als Autor stand signifikant für die damalige Sehnsucht nach Stoffen, die das Erleben eines durchschnittlichen Soldaten im Krieg wiedergaben, weshalb "Haie und kleine Fische" stilbildend für die zukünftigen Kriegsfilme werden sollte. Im Mittelpunkt steht der angehende Marine-Offizier Hans Teichmann (Hansjörg Felmy), der als gerade 18jähriger kurz nach Kriegsbeginn auf einem Minensuchboot dient, bevor er 1941 an Bord eines U-Bootes versetzt wird. Das gab Regisseur Frank Wisbar die Gelegenheit, zuerst Gefechte auf See zu zeigen, bevor er die intensiven Erlebnisse der Männer unter Wasser mit der Enge an Bord, Luftknappheit und Torpedoangriffen wiedergab, die vom Gegner mit Echolot-Suche und Wasserbomben beantwortet wurden. Geschickt verband Wisbar dazu originale Aufnahmen mit gespielten Szenen, was einen authentischen Eindruck hinterlässt, auch wenn einzelnen davon die Studio-Atmosphäre anzumerken ist.

Regisseur Frank Wisbar hatte zum Zeitpunkt seines ersten deutschen Films nach dem Krieg schon eine bewegte Vergangenheit hinter sich. Mit "Anna und Elisabeth" war er 1933 erstmals bei den Nationalsozialisten angeeckt, die seinen Film als Verstoß "gegen das gesunde Volksempfinden" betrachteten, bevor er mit "Fährmann Maria" (1936) zwar wenig Begeisterung bei Joseph Göbbels auslöste, aber einen exemplarischen Fantasy-Film mit Sybille Schmitz in der Hauptrolle ablieferte. 1946 drehte er mit "Strangler of the swamp" ein Remake des Films in Hollywood, nachdem er 1938 in die USA emigriert war, da seine halbjüdische Frau unter die Rassegesetze fiel. Erfolg hatte er dort erst, als er begann, für das Fernsehen zu arbeiten und daraufhin eine eigene Produktionsgesellschaft aufbaute. Seine Rückkehr nach Deutschland wurde von der Intention begleitet, die jüngere Vergangenheit aufzuarbeiten, weshalb er nach "Haie und kleine Fische" mit "Hunde, wollt ihr ewig leben" (1958), "Nacht fiel über Gotenhafen" (1959) und "Fabrik der Offiziere" (1960) drei weitere während des 2.Weltkriegs spielende Filme herausbrachte, die trotz ihres offensichtlichen Unterhaltungscharakters eine kritische Betrachtungsweise versuchten.

Die bemerkenswerteste Szene in "Haie und kleine Fische" erinnert direkt an Wisbars Schicksal. Horst Frank, der Teichmanns Freund und Kameraden Gerd Heyne spielt, der gerade zum Oberleutnant befördert wurde, sinniert angesichts des Todes seines Vaters im KZ Bergen-Belsen darüber, was denn wäre, wenn er eine Frau heiratet, die nicht jüdisch wäre wie seine Großeltern. Dann wären seine Kinder Achtel-Juden und hätten eine Überlebenschance - nur kurz danach erschießt er sich selbst. Abgesehen von dieser kurzen, spät im Film angeordneten Sequenz, die verdeutlicht, dass die nationalsozialistische Ideologie in jeden Lebensbereich eindrang, taucht sie im übrigen Film nicht mehr auf. Stattdessen verkörperte Hansjörg Felmy den Typus des unangepassten Burschen, der zwar freiwillig zur Marine geht und auch für sein Vaterland kämpfen will, darüber hinaus aber jede soldatische Disziplin vermissen lässt und auch einen Vorgesetzten schlägt, wenn es der moralischen Gerechtigkeit dient  - eine idealisierte Mischung aus Kriegsheld und antiautoritärem Geist, die mehr die Coolness der 50er Jahre, als das Soldatenleben in der Wehrmacht abbildete.

Der Beginn des Films erinnert entsprechend an eine Sommerfrische. Während ihr Vorgesetzter Leutnant Pauli (Siegfried Lowitz) nur Wert auf korrekte Kleidung und respektvolles Grüßen legt, darüber hinaus aber nichts vom soldatischen Handwerk versteht, vergnügt sich Teichmann mit Freunden beim Segeln und hilft der Frau seines Flottillenchefs Erich Wegener (Heinz Engelmann) "zur Strafe" für freche Bemerkungen beim Einkaufen und Einrichten der Wohnung. Da es sich bei Frau Engelmann (Sabine Bethmann) zudem um eine hübsche und junge Frau handelt, kann Charmeur Teichmann einfach nicht dagegen an, mit ihr anzubändeln - zwar wird er von ihr zurückgewiesen, aber nur weil es Sitte und Anstand so verlangen. Die "Tragik" dieser verhinderten Liebesgeschichte, die sich durch die gesamte Handlung zieht, kann ihren konstruierten und unrealistischen Charakter zwar nicht ablegen, förderte aber Hansjörg Felmys Reputation als ganzer Kerl und Womanizer.

Felmy, der auch in "Der Stern von Afrika" mitspielte (ebenso wie Horst Frank), gab die wichtige Identifikationsfigur, die die linear erzählte und sich vorhersehbar entwickelnde Story unbedingt benötigte. Seine Kriegserlebnisse - Lebensgefahr, Erfolg, Mannschaftsfeiern, aber auch großes Leid und der Verlust enger Freunde - deckten sich mit den Erfahrungen vieler Betrachter, ohne das schwierige Themen wie Kriegsverbrechen oder ideologische Verflechtungen berührt wurden. Selbst der Feind wird auch in den gefährlichsten Momenten kaum einmal sprachlich verdammt, so dass der Film keinen Moment vermitteln kann, warum es überhaupt zum Krieg gekommen war und welche Ziele damit verfolgt wurden. Schuld daran sind abstrakt die "Haie" - also die Nationalsozialisten - die die "kleinen Fische" - die Soldaten  - einem gefährlichen und sinnlosen Abenteuer aussetzten. Diesen Abenteuer-Charakter vermittelt zumindest der Film, der Teichmann die Gelegenheit gibt, zu zeigen, dass er ein mutiger Kämpfer ist, der sich damit letztlich auch den Respekt seines U-Boot-Kommandanten Jochen Lüttke verdient, den Wolfgang Preiss als autoritären Offizier gibt, der für den ängstlichen Berichterstatter - kein Soldat und der Partei nahe stehend - nur Verachtung übrig hat. Seine Bemerkungen wirken aus heutiger Sicht kleinlich und unsouverän, sprachen den ehemaligen Soldaten aber aus dem Herzen.

"Haie und kleine Fische" galt zum Zeitpunkt seiner Entstehung als "Anti-Kriegsfilm" und an Frank Wisbars Intention lässt sich auch nicht zweifeln, aber gleichzeitig wird deutlich, welche Kompromisse notwendig waren, um mit einem Kriegsfilm an der Kinokasse Erfolg zu haben. Aus heutiger Sicht wirkt der Film nicht nur verharmlosend, sondern regelrecht naiv in der völligen Abwesenheit einer alles beherrschenden Diktatur. Zudem spielte Felmy den Soldaten in einer Mischung aus kernigem Held und Freigeist, wie er in der Realität nicht hätte überleben können, mit der die Identifikation 1957 aber leicht fiel. Dass der Film Kampfhandlungen konkret zeigte und Teichmann am Ende als Einer von Wenigen überlebte, genügte schon als Kritik an einem Krieg, der noch nicht lange genug vorbei war, um ihn in auch nur annähernd ermessen zu können.

"Haie und kleine Fische" Deutschland 1957, Regie: Frank Wisbar, Drehbuch: Alf Teichs, Wolfgang Ott (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Horst Frank, Wolfgang Preiss, Sabine Bethmann, Mady Rahl, Siegfried LowitzLaufzeit : 98 Minuten

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