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Donnerstag, 7. April 2016

Banditen der Autobahn (1955) Géza von Cziffra

In der Nachtbar: Wolfgang Wahl, Hans Christian Blech, Charles Regnier
Inhalt: Einer gerissenen Diebesbande unter der Leitung von Paul Barra (Charles Regnier) gelingt es immer wieder der Polizei zu entkommen. Erst suchen sie sich ein potentes Opfer, dann stoppen sie dessen Fahrzeug nachts auf der Autobahn, berauben ihn und schlagen ihn nieder. Die Polizei weiß nicht, dass der Opel danach im Laderaum eines Getränkelasters verschwindet, den Franz Möller (Wolfgang Wahl) entspannt an den Kontrollen vorbei lenkt. Um sich nicht weiter an der Nase herumführen zu lassen, beschließt die Polizeiführung Straßensperren aufzustellen - mit der klaren Anweisung nach dem zweiten Durchbruch von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Kurt Heinze (Erich Scholz), dem sein Chef zu seiner Freude seinen Porsche für eine Dienstfahrt überlassen hatte, ahnt davon nichts. Seine Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz), die ihn auf der Fahrt begleitet, hatte das Radio ausgestellt, als die Warnung durchgesagt wurde. Im Anblick der nächtlichen Straßensperren und ohne die vergessenen Papiere unterwegs, gerät der junge Mann in Panik, hält nicht an und wird nach der zweiten Straßensperre tödlich von Maschinengewehr-Kugeln getroffen. Geschossen hatte Willi Kolanski (Hans Christian Blech). Die Polizei spricht ihn von jeder Schuld frei, aber die Öffentlichkeit hat dazu eine andere Meinung. Außerdem erfährt Kolanski, dass der Witwer Heinze (Paul Hörbiger) auf diese Weise auch seinen dritten und jüngsten Sohn verloren hat, nachdem die beiden Älteren im Krieg gefallen waren. Er beschließt, sich um ihn zu kümmern…


"Banditen der Autobahn" gehört in die Reihe der Nachkriegs-Filme, die trotz ihrer attraktiven Thematik und prominenten Besetzung vor und hinter der Kamera schnell in Vergessenheit gerieten und auch nicht im TV-Zeitalter der 60er und 70er Jahre ankamen. Die Frage nach dem Grund, macht diese Filme so interessant, denn meist entziehen sie sich einer eindeutigen Genre-Zuordnung, liefern überraschende Einsichten und vermitteln einen Eindruck ihrer Entstehungszeit.

Das gilt auch für "Banditen der Autobahn", den die PIDAX erstmals a08.04.2016 auf DVD herausbrachte. Nicht nur, dass der Film vom Krimi bis zur Satire eine Vielzahl an Stilen vereinte, er wagte unter dem Deckmantel des Unterhaltungsfilms einen Blick in die damalige Realität - eher wenig förderlich für den Publikumserfolg(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 







Vorfreude auf die Porsche-Fahrt: Kurt, Freundin Eva und Chef
Maschinengewehrsalven hallen durch die Nacht. Ein Porsche hatte zwei Straßensperren der Polizei durchbrochen und damit den Schießbefehl ausgelöst. Der Fahrer stirbt, erweist sich aber als unschuldig. Er bekam den Wagen von seinem Chef für einen Geld-Transport überlassen, hatte aber die Papiere vergessen und war beim Anblick der Sperren auf der Autobahn in Panik geraten. Anlass für die polizeiliche Maßnahme waren die unaufgeklärten nächtlichen Überfälle auf der Autobahn, bei denen wiederholt Fahrer ausgeraubt und niedergeschlagen wurden. Der schwarze Opel Kapitän, mit dem die Räuber ihre Opfer zum Halten zwangen und danach entkamen, blieb spurlos verschwunden, egal wie schnell die Polizei vor Ort war und an den Ausfahrten kontrollierte. Angesichts des markigen Filmtitels "Banditen auf der Autobahn“ ein zu erwartendes Szenario, das sich aber schon nach wenigen Minuten erschöpft. Vielleicht der Grund dafür, warum der Film trotz der Mitwirkung der Kölner Polizei, die hier mehrfach beim Martinshorn gesättigten Großeinsatz auf der nachts nur spärlich befahrenen Autobahn gezeigt wurde, weder zur gängigen Krimi-TV-Ware gehören sollte, noch darüber hinaus Erwähnung fand.

Wolfgang Neuss singt über die Autofahrer und die Polizei...
Offensichtlich plante Regisseur Géza von Cziffra, Mitte der 50er Jahre im Komödien- und Musikfilm-Fach erfolgreich zu Hause („Musikparade“, 1956), etwas Besonderes, denn er hatte sich Robert Thoeren und Wolfgang Neuss an seine Seite geholt. Für den gebürtigen Österreicher Thoeren, der 1933 nach Frankreich emigriert war und später US-amerikanischer Staatsbürger wurde, war es die zweite Mitwirkung an einem Drehbuch in deutscher Sprache - nach "Abenteuer in Wien" (1952), einer österreichisch-US-amerikanischen Co-Produktion. Auf seiner Idee zu „Fanfare d’amour“ (Frankreich 1935) basierte Billy Wilders „Some like it hot“ (Manche mögen’s heiß, USA 1959), die zuvor schon von Kurt Hoffmann in „Fanfaren der Liebe“ (1951) neu verfilmt wurde. Zuletzt hatte er am Drehbuch zu „La minute de vérité“ (Geständnis einer Nacht, Frankreich 1952) mitgewirkt, später folgte der Entwurf zum Drama „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ (1956) und die Thomas Mann Adaption „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957). Auch für Wolfgang Neuss, der Von Cziffra schon seine erste Kinorolle in „Der Mann der sich selber suchte“ (1950) verdankte, war die Beteiligung an einem Film-Drehbuch Neuland. Sein Beitrag blieb aber streng kabarettistisch, denn er trat im Film als Chansonnier auf einer Kleinkunst-Bühne auf.

...Kolanskis Begleitung (Ingrid van Bergen) gefällt`s
Mit an Bord waren zudem sein Dauer-Partner Wolfgang Müller als Friseurgehilfe mit frecher Schnauze, Paul Hörbiger als demütiger Witwer, der zwei seiner Söhne im Krieg verloren hatte, bevor sein Jüngster Opfer der Polizeikugeln auf der Autobahn wurde, sowie Hans-Christian Blech als Polizist und unfreiwilliger Todesschütze, der parallel als harter Hund in der "08/15" (1954) – Trilogie reüssierte. Eine bunte Mischung, zu der noch Charles Regnier in der Rolle eines kultivierten Gang-Anführers mit Vorliebe für klassische Musik stieß, sowie die vielseitige Eva-Ingeborg Scholz, ebenfalls gerade in „08/15“ aktiv. Herausgekommen ist ein Unikat, das sich jeder Genre-Zuordnung verweigert. Zuerst Kriminalfilm wandelt sich „Banditen der Autobahn“ in Richtung Satire und Gesellschaftskritik, wird zur Sozialstudie mit dramatischen Elementen, bevor am Ende die Krimi-Handlung wieder aufgenommen wird.

Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) reagiert kühl auf Kolanski
Das Drehbuch schlug entsprechende Kapriolen. Wirkt Willi Kolanski (Hans-Christian Blech) nach seinen tödlichen Schüssen auf den unglücklichen Porsche-Fahrer noch professionell abgebrüht, bekommt er plötzlich Gewissensbisse. Beim Friseur muss er sich anhören, dass bei der Polizei nur schießwütige ehemalige Wehrmachtssoldaten beschäftigt sind, dann macht sich Wolfgang Neuss bei einem Kabarettbesuch per Chanson über die Uniformierten lustig. Verärgert verlässt Kolanski das Etablissement, während sich seine Begleitung (Ingrid van Bergen) köstlich amüsiert. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, sammelt er Geld für den Vater (Paul Hörbiger) des getöteten Fahrers, um sofort als Untermieter in dessen Wohnung zu ziehen – in das verwaiste Zimmer des Jungen, in dem ein gemeinsames Bild mit dessen Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) steht, die mit im Porsche saß. Da trifft es sich gut, dass er in einer Nachtbar nach 10 Jahren seinem alten Freund und Armee-Kameraden Franz Möller (Wolfgang Wahl) wieder begegnet, der als Fahrer zur Bande der Autobahn-Verbrecher gehört. Und schon schließt sich der Kreis.

Der Gangsterboss (Charles Regnier) in seiner möblierten Unterkunft
Offensichtlich beschränkte sich der knapp 40jährige Kolanski während der 10 Jahre nach dem Kriegsende ausschließlich auf seine Polizei-Arbeit, denn weder verfügt er über soziale Bindungen, noch sonstige Verpflichtungen. Ein klassischer Drehbuch-Kniff, um dem Helden unbelastet ein neues Leben andichten zu können. Doch so konstruiert die Story-Anlage daher kam, so authentisch blieb der Film im Detail. „Banditen der Autobahn“ gab keinen Wirtschaftswunder-Optimismus wieder, sondern die Situation eines Landes nur wenige Jahre nach dem Kriegsende. Der Wunsch nach einem geordneten bürgerlichen Leben ist vorherrschendes Motiv der Protagonisten. Selbst die Mitglieder der Autobahn-Banditen leben in einer möblierten Wohnung und vertreiben sich die Abende in einem einfachen Nacht-Lokal. Als ihnen der Boden im Kölner Raum zu heiß wird, reicht ihr Geld gerade noch, um das Benzin Richtung Baden-Württemberg bezahlen zu können. Mehr Broterwerb als schillerndes Gangsterleben.

Weniger konkret, aber unmissverständlich ist der sexuelle Subtext des Films. Schon in einer frühen Szenen ziehen männliche Finger eine weibliche Hand vom Radio zurück und stellen es aus - der Grund dafür, warum der Liebhaber die Warnung der Polizei vor dem Schießbefehl auf der Autobahn überhörte. Ob es Eva Bergers Hand war, bleibt offen, aber für sie war die Beziehung mit dem jungen Mann eine Chance, ihrem bisherigen Leben zu entkommen, wie sie später einmal gegenüber Kolanski ausführt. Begriffe wie „Geliebte“ und „Animierdame“ fielen nicht im Film, um die weibliche Hauptfigur nicht zu diskreditieren, aber täuschen konnte man damit Niemand. Die Nachtbar, in der sie als Tänzerin arbeitet, ist das eigentliche Zentrum des Films.

Zwar versuchte die „Illustrierte Filmbühne“ (Beilage der PIDAX-DVD) mit Begriffen wie „untadeliger Beamter“ und „Lohn für seinen selbstlosen Einsatz“ in gewohnter Manier Eindeutigkeit herzustellen, konnte damit aber die Ambivalenz eines Films nicht überspielen, dessen Qualität in seiner Uneinheitlichkeit liegt. Ist die äußerliche Anlage noch konventionell und an der üblichen Erwartungshaltung orientiert, entwickelt der Film besonders im zentralen Teil einen pessimistischen Drive, der viel von der damaligen Realität widerspiegelt.


"Banditen der AutobahnDeutschland 1955, Regie: Géza von Cziffra, Drehbuch: Géza von Cziffra, Wolfgang Neuss, Rolf Thoeren, Darsteller : Eva Ingeborg Scholz, Hans Christian Blech, Paul Hörbiger, Charles Regnier, Wolfgang Wahl, Ellen Schwiers, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Josef Offenbach, Ingrid van BergenLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Cziffra:

"Die Beine von Dolores" (1957)

Freitag, 15. Januar 2016

Immer wenn der Tag beginnt (1957) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Nachdem der Stadtschulrat sie kaum zu Wort kommen ließ, sondern ihr vermittelt hatte, dass er ihr nach zweimaligem Verstoß gegen die Vorschriften nur auf Grund des Lehrermangels eine weitere Chance gibt, führt Frau Dr. Burkhardts (Ruth Leuwerik) Weg direkt zum Schiller-Gymnasium, wo Direktor Cornelius (Hans Söhnker) über sie befinden soll. Dieser erweist sich als so autoritär, wie humorvoll, und nimmt sie gerne als einzige Frau ins Kollegium auf. Einzig hat er Bedenken, die Mathematik- und Physik-Lehrerin ausgerechnet bei der Oberprima einsetzen zu müssen.

Eine unbegründete Sorge, denn die junge Frau weiß sich durchzusetzen, stellt aber im Gegenteil schnell fest, dass die Klasse in Richtung Abitur-Prüfung hinter dem Lehrplan liegt. Zudem trifft sie in der nahe gelegenen Pension von Frl. Richter (Agnes Windeck) zu ihrer Überraschung auf einen der Schüler - Martin Wieland (Christian Wolff), dessen getrennt lebende Eltern sich nur finanziell um ihren Sohn kümmern. Aus Frau Dr. Burghardts Sicht ein unhaltbarer Zustand, der ihre Aufgabe zusätzlich erschwert.


Ruth Leuwerik 1924 - 2016
In Erinnerung an Ruth Leuwerik, mit 91 Jahren gestorben am 12.01.2016

Schon in den 70er Jahren, als meine Kino-Sozialisation begann, gehörte Ruth Leuwerik zu den vergangenen Stars. Seit 1963 war sie kaum noch im Kino zu sehen, auch ihre TV-Präsenz blieb auf wenige Rollen beschränkt. Wiederholt wurden vor allem ihre Adels-Rollen in "Königliche Hoheit" (1953) und "Königin Louise" (1957), jeweils an der Seite von Dieter Borsche, mit dem sie damals ein "Traumpaar " bildete. Dass zwischen beiden Filmen vier Jahre lagen - im damaligen Filmgewerbe eine Ewigkeit - und diese Rollen eher untypisch für beide Darsteller waren, wurde ignoriert. Dieser Eindruck blieb auch an mir haften und den jetzigen Nachrufen zu ihrem Tod ist dieser Einfluss noch immer anzumerken.

Inzwischen wird die Modernität ihrer Frauenrollen und ihr selbstbestimmtes Auftreten zwar wieder betont, aber die dazu gehörigen Filme sind größtenteils in Vergessenheit geraten - auch weil sich die damalige Tragweite nicht mehr ermessen lässt. Themen, wie die Pädagogik-Diskussion in "Immer wenn der Tag beginnt" wirken inzwischen veraltet, auch lassen sich manche Konzessionen ans Publikum hinsichtlich der emanzipatorischen Ausrichtung nicht übersehen. Filme wie Käutners "Die Rote" (1962), die darauf verzichteten, sind bis heute aus der Öffentlichkeit verschwunden. Tatsächlich ist Ruth Leuweriks Schönheit und ihr Spiel auch gemessen an heutigen Klischees von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit geprägt. Es gilt mehr denn je, sie wieder zu entdecken.



Die knapp 30 Filme, die Ruth Leuwerik während ihrer Kino-Karriere zwischen 1952 und 1963 drehte, besitzen eine bemerkenswerte Signifikanz - ihre Beschränkung auf eine überschaubare Anzahl an Regisseuren, mit denen sie wiederholt zusammenarbeitete,  nahm einen fast symmetrischen Verlauf. Ihr Karrierebeginn stand unter dem Einfluss von Helmut Käutner und dessen künstlerischem Umfeld. Nach Harald Braun ("Vater braucht eine Frau" (1952) und "Königliche Hoheit" (1953)), häufiger Produzent von Käutners Filmen, und dessen früheren Regie-Assistenten Rudolf Jugert („Ein Herz spielt falsch“, 1953), besetzte Käutner selbst Ruth Leuwerik in der Hauptrolle zwei seiner Filme („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und "Ludwig II: Glanz und Elend eines Königs" (1955)). Auch gemeinsam mit Rolf Thiele entstand ein früher Film ("Geliebtes Leben" (1952)).

Sieht man von dem früh verstorbenen Harald Braun ab, ließ sie ihre Filmkarriere mit denselben Regisseuren Anfang der 60er Jahre wieder ausklingen. Thiele drehte mit ihr "Auf Engel schießt man nicht" (1960), Jugert "Die Stunde, in der du glücklich bist" (1961) und unter Käutner spielte sie noch dreimal, darunter in „Die Rote“ (1962) und "Das Haus in Montevideo" (1963). Einzig Alfred Vohrer konnte sie noch für zwei spätere Kinofilme gewinnen („Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1971)). In den fünf Jahren zwischen diesen beiden Phasen - im Zenit ihrer Popularität - arbeitete sie fast ausschließlich an der Seite von Wolfgang Liebeneiner. Nach dem großen Erfolg von "Die Trapp-Familie" (1956) und "Königin Louise" (1957) entstanden bis 1960 ("Eine Frau fürs ganze Leben") sieben gemeinsame Filme.

"Immer wenn der Tag beginnt" markiert als vierter Film dieser Reihe zwar die Mitte ihres Schaffens, blieb aber im Schatten ihrer großen Filmerfolge, obwohl George Hurdalek erneut das Drehbuch verfasste. Diesmal orientierte er sich weder an einer Biografie ("Die Trapp-Familie"), noch wählte er einen historischen Stoff wie in "Königin Louise", sondern entwarf ein Gegenwarts-Szenario. Hurdalek - 1942 am Propaganda-Film "Fronttheater" beteiligt - , der als Co-Autor vieler Käutner- und Jugert-Filme zum Bindeglied zwischen Früh- und Hochphase in Ruth Leuweriks Karriere wurde, betrat damit keineswegs Neuland. Im Jahr zuvor hatte er für das Drogen-Drama "Ohne dich wird es Nacht" (1956) das Drehbuch geschrieben, wenige Jahre später folgte die gesellschaftskritische Satire „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959).

„Immer wenn der Tag beginnt“ nahm sich scheinbar die seit 1956 populären „Halbstarken“-Filme zum Vorbild, die mit ihrem moralischen Gestus auf die sich verändernden soziokulturellen Veränderungen in der Bundesrepublik reagierten. Der damals 19jährige Christian Wolff spielte 1957 nach „Anders als du und ich“ und „Die Frühreifen“ schon seine dritte Rolle als schwer erziehbarer Jugendlicher, dessen Zukunft wegen des behaupteten moralischen Niedergangs gefährdet ist. Diesmal gab er den Oberprimaner Martin Wieland, ein verwöhntes Scheidungskind, das alleine in einer nahegelegenen Pension wohnt und seine um die Welt jettenden Eltern nur selten zu sehen bekommt. Die „Schule am Harthof“ in München, deren moderne, transparente Architektur von der jungen Demokratie, wie vom allgemeinen Unternehmergeist zeugte, bildete den stimmigen Hintergrund für das mit souveräner Autorität von Oberstudiendirektor Wolfgang Cornelius (Hans Söhnker) geleitete Jungen-Gymnasium.

„Wir haben die jungen Menschen geistig fit zu machen – für die Wissenschaft, für ihren Beruf“

lautet sein Credo gegenüber der neuen Lehrerin Frau Dr.Burkhardt (Ruth Leuwerik), die schon zweimal versetzt werden musste, weil sie gegen Auflagen verstoßen hatte. Im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten ist sie der Meinung, dass der familiäre Hintergrund und damit die psychische Situation eines Schülers bei der Beurteilung eines Vergehens mit berücksichtigt werden sollte. Sie hatte einem Mädchen, das gestohlen hatte, nicht nur Geld geliehen, sondern sie auch vor der Polizei geschützt, weil sie von ihren berufstätigen Eltern vernachlässigt wurde. Cornelius argumentiert gegen diese Sichtweise mit der schieren Anzahl an Schülern – bei 1600 Gymnasiasten sei es unmöglich, die individuelle Situation des Einzelnen zu berücksichtigen. Einzig Disziplin sei gefragt.

Schon die Eingangssequenz, in der die Konfliktlinie zwischen der damaligen Auffassung von konservativer und moderner Lehrmethodik gezogen wurde, lässt deutlich werden, dass Hurdalek und Liebeneiner die Thematik nur sanft ausloteten. Der Direktor wirkt trotz seiner autoritären Haltung diskussionsbereit und die Mathematik- und Physik-Lehrerin legt höchsten Wert auf gutes Benehmen. Einzig das Fehlverhalten von Eltern wird von ihr als Ursache für die Probleme einzelner Schüler betrachtet – eine Mitte der 50er Jahre aufkommende Meinung, als erste Tendenzen sich verändernder Familienstrukturen, besonders hinsichtlich der Mutter-Rolle, spürbar wurden. Für die peinlichste Situation des Films sorgt entsprechend Martin Wielands Mutter (Christl Mardayn), die bei einem überraschenden Besuch ohne jegliches Feingefühl in eine Jugend-Party platzt und ihren Sohn blamiert. Kein Wunder, dass er sich in seine Lehrerin verliebt.

Abgesehen von dieser Szene, bleibt das auffälligste Merkmal des Films seine Unauffälligkeit. Weder die Unterrichtsstunden mit der Oberprima – seit der „Feuerzangenbowle“ (1944) klassischer Komödien-Stoff – noch deren Jazz-Begeisterung wurden für zugespitzte Situationen genutzt. Konflikte zwischen den Schülern gibt es nicht. Auf Sex oder Kriminalität, wie in den „Halbstarken-Filmen“ üblich, wurde gänzlich verzichtet. Selbst der Tod eines Schülers und das vom Hausmeister (Joseph Offenbach) entdeckte Tagebuch, in dem Martin über seine Liebe zu seiner Lehrerin fantasiert, können kaum Dramatik erzeugen. Innerhalb dieses unaufgeregten Szenarios wird schon die Entscheidung, bei einer Beerdigung Jazz zu spielen, zum Wagnis. Dass ganz am Ende noch Cornelius seine Studienrätin heiratet, kann nur als Konzession ans Publikum verstanden werden. Angeblich hatten sie sich gleich zu Beginn ineinander verliebt – zu spüren war es nicht.

Es ist diese untertemperierte Emotionalität, mit der „Immer wenn der Tag beginnt“ besticht, der keinen Moment die im Zentrum stehende souveräne Frauenrolle durch Gefühlswallungen diskreditierte. Sicherlich war das meist respektvolle Auftreten sowohl des Lehrer-Kollegiums, als auch der Primaner geschönt, so wie eine Frau innerhalb des männlich geprägten Umfelds im Film als Ausnahme verstanden werden wollte, aber das lässt nicht übersehen, wie sehr Ruth Leuwerik gegen damalige Klischees anspielte. Sie verband Schönheit, Intelligenz, Humor und Selbstbewusstsein zu einer starken Persönlichkeit, hinter der der sonstige Film nur eine Nebenrolle einnahm.

"Immer wenn der Tag beginnt" Deutschland 1957, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: George Hurdalek, Wolfgang Liebeneiner, Utz Utermann, Darsteller : Ruth Leuwerik, Hans Söhnker, Christian Wolff, Agnes Windeck, Friedrich Domin, Joseph Offenbach, Rex Gildo, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Donnerstag, 11. Juli 2013

Die toten Augen von London (1961) Alfred Vohrer

Inhalt: Erneut wird eine Leiche in der Themse gefunden, die keinerlei Gewaltspuren aufweist, weshalb die Polizei von „Tod durch Ertrinken“ ausgehen muss. Nur Inspector Holt (Joachim Fuchsberger) glaubt nicht an ein Unglück, da es sich jedes Mal um reiche ältere Herren aus Übersee handelte, die keine Verwandten mehr haben, dafür ihr Leben aber bei der selben Gesellschaft versichert hatten. Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), der Chef des Unternehmens, wirkt nicht nur seriös, sondern zeigt sich auch ehrlich betroffen. Inspector Holt ahnt nicht, dass Judd von „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) erpresst wird, wundert sich aber über dessen Umgang – auch sein Sekretär Edgar Strauss (Klaus Kinski) ist ein alter Bekannter der Polizei.

Um einen Zettel mit Blindenschrift entziffern zu können, die sie bei einer der Leichen gefunden haben, holt sich die Polizei Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die als ehemalige Blinden-Betreuerin dazu in der Lage ist. Inspector Long glaubt, dass die „Bande der blinden Hausierer“ unter der Leitung des „Blinden Jack“ (Ady Berber) wieder aktiv ist, den er im Blindenheim vermutet. Doch Reverend Dearborn (Dieter Borsche), der das Heim seit einiger Zeit leitet, hat Jack schon länger nicht mehr gesehen…


Der fünfte von der Rialto produzierte Edgar-Wallace-Film brachte einige Neuerungen, die zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen der inzwischen etablierten Reihe führen sollten. Erstmals unterbrach mit Alfred Vohrer ein neuer Regisseur die bisher alternierende Besetzung von Harald Reinl und Jürgen Roland. Roland hatte mit seiner ironischen Umsetzung des vierten Wallace-Streifens "Der grüne Bogenschütze" (1961) seinen Abschied genommen und Reinl, der normalerweise an der Reihe gewesen wäre, kam erst wieder beim siebten Wallace-Film "Der Fälscher von London" (1961) zum Zuge, da das Drehbuch zum geplanten "Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961) - der dann als sechster Film herauskam - noch überarbeitet werden musste.

Neben Alfred Vohrer traten weitere Akteure ins Rampenlicht, die prägend für die Wallace-Reihe werden sollten, allen voran Klaus Kinski, der hier in der Rolle des Sekretärs eines Versicherungsunternehmens noch einen für seine Verhältnisse gemäßigten Charakter spielte. Abgesehen von seinem Auftritt in der weniger bekannten Wallace-Verfilmung "Der Rächer" (1960), die nicht von der Rialto produziert wurde, steht  "Die toten Augen von London" für den Beginn eines nervösen, zum Irrsinn neigenden Verbrecher -Typus, auf den Klaus Kinski noch in vielen weiteren Genre-Filmen festgelegt sein sollte. Auch Dieter Borsche und Karin Baal als "Love-Interest" von Joachim Fuchsberger - immerhin schon zum dritten Mal in der männlichen Hauptrolle besetzt - traten erstmals in einem Wallace-Film auf, blieben aber seltene Gäste der Reihe. Dagegen begann hier der ehemalige österreichische Freistilringer Ady Berber seine Karriere als "Monster vom Dienst", die ihm bis zu seinem frühen Tod 1966 noch einige Rollen in diversen Kriminalfilmen, darunter zwei weiteren Wallace-Streifen („Das indische Halstuch“, 1963), einbringen sollte.

Das Drehbuch zu "Die toten Augen von London" übernahm ein alter Bekannter, denn mit Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen auftretend - setzte wieder der schon für die ersten beiden Wallace-Filme verantwortliche Autor die 1924 erschienene Romanvorlage "The dark eyes of London" in ein filmisches Konzept um. Entsprechend konservativ und deutlich ernsthafter als "Der grüne Bogenschütze" näherte sich Alfred Vohrer seinem ersten Wallace-Film und setzte dabei verstärkt auf die typischen Merkmale der Reihe. Nebelschwaden, starker Kontrast der Schwarz-Weiß Bilder (im Vorspann wurde erstmals Farbe eingesetzt) und beliebte Orte wie dunkle Hafengegenden, verwinkelte Gassen oder anrüchige Nacht-Clubs bildeten den Hintergrund für eine klassische Story, in der es an Leichen nicht mangeln durfte. Selbst der obligatorisch besetzte Eddie Arent als Sgt. „Sunny“ Harvey wurde entgegen seinen beiden letzten Auftritten wieder deutlich zurückgefahren und gibt einen ernsthaften Polizeibeamten mit kleinen Schrullen.

Opfer werden reiche, ältere Herren aus Übersee, die über keine weitere Verwandtschaft verfügen, aber hohe Versicherungen auf ihr Leben abgeschlossen haben  – zwar gelten sie offiziell als ertrunken, aber ihr doch sehr präzises Profil lässt auf eine perfide Planung schließen. Inspector Larry Holt (Joachim Fuchsberger) begreift schnell, dass die Männer ermordet wurden, kann seinen Verdacht aber nicht beweisen. Eine Spur führt zu der Greenwich-Versicherung, bei der alle Toten ihr Leben abgesichert hatten, aber Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), Rechtsanwalt und Chef des Unternehmens, dessen Bruder und Partner vor kurzem verstorben war, wirkt seriös und ist zudem Leidtragender der überraschenden Sterbefälle, da er gezwungen ist, die Versicherungssummen auszuzahlen. Bewegung kommt in die Angelegenheit als mit Gordon Stewart ein Mann in der Themse aufgefunden wird, der sein Erbe noch zuvor seiner Tochter vermacht hatte, die aber bei der Geburt gestorben sein soll, was nicht nur den Tätern zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Trotz vieler undurchsichtiger Vorgänge und Nebenfiguren, gelang es Alfred Vohrer den Überblick zu bewahren, weshalb die Story nachvollziehbar bleibt, auch wenn die Zufälle sich wie gewohnt häufen. Selbst hinter Nora Ward (Karin Baal) - ursprünglich dem Inspector nur zur Seite gestellt, um die Zettel mit Blindenschrift zu entziffern, die den Leichen zugesteckt wurden und ihn auf die Spur des von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) geleiteten Blindenheims bringen - verbirgt sich noch ein typisches Wallace-Geheimnis. Weniger geheimnisvoll entwickelte sich hingegen die Liebesgeschichte zwischen Nora und dem Inspector, der auf seine Macho-Allüren zwar größtenteils verzichtete, an Noras zukünftiger Rolle als Ehefrau und Mutter aber keinen Zweifel ließ – so viele Leichen auch die Themse herunter schwimmen, die moralische Ordnung blieb gewahrt.

Alfred Vohrer gelang mit „Die toten Augen von London“ ein großer Erfolg, der ihn zum wichtigsten und meist beschäftigten Regisseur der Reihe werden ließ. Er nahm die wesentlichen Standards der Reihe, die Harald Reinl schon in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) etabliert hatte, wieder auf, und entwickelte sie konsequent weiter, dabei weniger auf Humor, als auf eine ernsthafte Handlung setzend. Kombiniert mit den „Toten Augen“, mit denen der „Blinde Jack“ (Ady Berber) und Reverend Dearborn in die Kamera starren, entstand eine gruselige Atmosphäre, die die konventionelle Story vergessen ließ.

"Die toten Augen von London" Deutschland 1961, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Egon Eis, Wolfgang Lukschy, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Ida Ehre, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Harry Wüstenhagen, Eddie Arent, Joseph Offenbach, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Schmutziger Engel" (1958) 

Sonntag, 5. Mai 2013

Der Meineidbauer (1956) Rudolf Jugert


Inhalt: Als Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) erfährt, dass der Vater ihrer zwei Kinder, mit dem sie nicht verheiratet war, tödlich verunglückt ist, trauert sie um ihn, fühlt sich aber abgesichert, da er ihr versprochen hatte, ihr und den Kindern seinen Bauernhof zu vererben. Sie weiß nicht, das dessen jüngerer Bruder Mathias (Carl Wery) das Testament schon vor dessen Tod geöffnet hatte und einen Brief an ihn schickte, in dem er seine Enttäuschung darüber ausdrückte, den Hof nicht selbst zu erben.

Als sie ihre Stellung als Bäuerin einnehmen will, erklärt ihr Mathias, es gäbe kein Testament, was er auch vor Gericht beeidet, womit er Paula und ihre Kinder dazu zwingt, wieder zu ihrer Mutter zu ziehen, die in den Bergen eine ärmliche Schankwirtschaft betreibt. Doch der Gerichtsdiener (Joseph Offenbach) hatte in den Sachen des Verstorbenen den Brief gefunden, in dem dieser sich über das Testament beklagte, und beginnt ihn zu erpressen...


Regisseur Rudolf Jugert hatte viele Jahre an der Seite Helmut Käutners als Regie-Assistent gearbeitet, bevor er 1948 mit "Film ohne Titel" erstmals selbst Regie führte, nicht zufällig nach einem Drehbuch Käutners. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte er sich auf das Regie-Fach, drehte später mit "Nachts auf den Straßen" (1952) noch einen weiteren Film auf Basis eines von Käutner verfassten Drehbuchs, spezialisierte sich aber zunehmend auf den Unterhaltungsfilm, etwa mit Liebesdramen ("Illusion in Moll" (1952)) oder Romanverfilmungen ("Rosen im Herbst" (1955) nach Theodor Fontane). Heimatfilme gehörten nicht zu seinem Repertoire, weshalb "Der Meineidbauer" vordergründig aus seinem Schaffen heraus sticht, aber tatsächlich handelte es sich vor allem um eine Verfilmung des Dreiakters von Ludwig Anzengruber, auch wenn der Film einige für das Heimatfilm-Genre typische Merkmale aufweist.

Wie populär das 1871 in Wien uraufgeführte "Volksstück" war, wird daran deutlich, dass es sich schon um die vierte Filmversion handelte, deren letzte erst 15 Jahre zurücklag. Zwar entschlackte Drehbuchautorin Erna Fentsch - Ehefrau des Hauptdarstellers Carl Wery - Anzengrubers Bühnenstück, verzichtete auch auf einige Protagonisten, aber an der Ausgangssituation änderte sie trotz der in der damaligen Gegenwart spielenden Handlung nichts. Anzengrubers Intention, die Konsequenzen eines Fehlverhaltens noch für die kommenden Generationen aufzuzeigen, basierte auf einer Realität, die ihre Gültigkeit Mitte der 50er Jahre noch nicht verloren hatte.

Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) war von dem Vater ihrer zwei Kinder, dem Gutsbesitzer Jakob Ferner, nie geheiratet worden, weshalb sie im Dorf einen schlechten Leumund besitzt und ihre Tochter und ihr Sohn ständigen Hänseleien ausgesetzt sind. Als Jakob nach einem Unfall im Krankenhaus stirbt, glaubt sie seinen Hof zu erben, da er ein Testament zu ihren Gunsten aufgesetzt hatte. Als sie dieses zum Nachweis aus dem Geheimfach des Sekretärs hervor holen will, ist es verschwunden. Sie ahnt nicht, dass Mathias Ferner (Carl Wery), der sein Leben lang als Knecht auf dem Hof seines Bruders beschäftigt war und nach dem Tod seiner Frau allein für seinen Sohn Franz (Hans von Bosordy) verantwortlich ist, das Testament verschwinden ließ, nachdem er es - fassungslos über den Inhalt - geöffnet hatte.

Seine Behauptung, von einem Testament nie etwas gewusst zu haben, hatte er vor Gericht beeidet, worauf hin er den Bauernhof zugesprochen bekam. Als unverheiratete Frau mit zwei unehelichen Kindern galt Paulas entgegengesetzte Meinung nichts. Doch Ferner hatte den Fehler begangen, seinem Bruder noch einen Brief an dessen Krankenbett zu schicken, in dem er das Testament erwähnt hatte. Nach dessen Tod fährt er zum Nachlassgericht, in der Hoffnung den Brief, der ihn des Meineids überführen würde, wieder zurück zu bekommen. Doch dieser befindet sich nicht unter den letzten Habseligkeiten des Toten, weshalb er sie bei Gericht belässt und beruhigt nach Hause fährt. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dem Gerichtsdiener Ludwig Demuth (Joseph Offenbach) der Brief entgegen fällt, als er die Sachen ein letztes Mal untersucht. Bis dieser überraschend auf seinem Bauernhof auftaucht, um ihn zu erpressen.

Diese Konstellation widerspricht Anzengrubers ursprünglicher Intention, der das Wissen über den Meineid innerhalb der Familie beließ, um die gegenseitige Schuld noch zuzuspitzen. In seiner Fassung wurde der damals 12jährige Franz Zeuge der Lüge seines Vaters, profitierte aber selbst von der Erbschaft und hielt den Mund, auch als er zusehen musste, wie Paula (im Original "Vroni") und ihre Kinder vom Hof gejagt wurden. Er trägt entsprechend eine Mitschuld an deren Situation. Für einen Heimatfilm wäre deshalb die Wiederbegegnung mit Paulas inzwischen erwachsen gewordener Tochter Marei (Christiane Hörbiger) moralisch zu zwiespältig geworden. Zehn Jahre nachdem Paula gezwungen wurde, mit ihren Kindern zu ihrer Mutter zurückzukehren, die hoch in den Bergen eine schlecht beleumundete Schankwirtschaft betrieb, sollten sich Franz und Marei möglichst unbeschwert ineinander verlieben können - dabei kam ein außerhalb der Familie stehender Erpresser durchaus gelegen.

Trotz dieser Konzession an einen Unterhaltungsfilm, überzeugen die psychologisch genauen Dialoge zwischen der betrogenen Paula und dem sich moralisch im Recht glaubenden Mathias, die auf die qualitative Basis des Theaterstücks zurückzuführen sind. Diesen Charakter verliert der Film nie vollständig, auch wenn in der zweiten Hälfte versucht wird, mit Naturaufnahmen die auf wenige Räume beschränkte Handlung aufzubrechen. Obwohl die Gespräche zwischen dem Erpresser Demuth und dem "Meineidbauer" nicht in der literarischen Vorlage vorkommen, gehören sie in ihrer raffinierten Gestaltung zu den Höhepunkten des Films. Offenbach gelingt es, seine Forderung aus einer passiven, kleinbürgerlichen Haltung heraus zu formulieren, die beinahe den Eindruck entstehen lässt, er hätte ein legitimes Anrecht auf die erpresste Summe, während aus Carl Werys Spiel das schlechte Gewissen spricht, welches es ihm unmöglich macht, sich zu wehren.

Heidemarie Hatheyers Rolle ist dagegen von einem Selbstbewusstsein geprägt, das im Widerspruch zu ihrer Abhängigkeit steht und den Film in seiner zweiten Hälfte zunehmend in Richtung Heimatfilm drängt. Ihrer Situation fehlt die Tragik des Theaterstücks, denn ihre "Schankwirtschaft" hat mehr den Charakter eines Ausflugslokals für städtische Touristen - zudem inmitten einer idyllischen Landschaft gelegen - als den eines finsteren Molochs. Auch ihr früheres moralisches Ansehen spielt scheinbar keine Rolle mehr - der Chef der Grenzpolizei (Attila Hörbiger) möchte sie heiraten - und ihr Haus wirkt keineswegs ärmlich. Einzig aus ihren Worten ist ihre Verbitterung heraus zu hören und ihr Sohn Jakob (Heino Hallhuber), der gegen das Gesetz verstößt, bereitet ihr  Sorgen.

Anstatt den inneren Konflikt zu vertiefen, der bei Anzengruber für die weiteren dramatischen Ereignisse verantwortlich ist, verlegt "Der Meineidbauer" diesen in den Außenraum. Jakob versucht die finanzielle Situation seiner Mutter durch Schmuggeln aufzubessern, wodurch er mit den Grenzpolizisten in einen gefährlichen Konflikt gerät - ein typisches Motiv für den Heimatfilm, in dem Kriminalität häufig als Reaktion auf eine tragisch erhöhte Situation geschildert wurde. Die Schuld daran trägt allein Mathias, da er diese erst durch seinen Meineid herauf beschworen hatte. Auch hier gelingt es dem Film, trotz der wesentlich eindimensionaler gestalteten Charaktere, wieder zu den Ursprüngen der Vorlage zurückzukehren. Das Drama nimmt im Anzengruberschen Sinn seinen Lauf, auch wenn gewisse Konzessionen an den Mitte der 50er Jahre sehr populären Heimatfilm nicht zu übersehen sind.

"Der Meineidbauer" Deutschland 1956Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Ludwig Anzengruber (Bühnenstück), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Carl Wery, Christiane Hörbiger, Hans von Bosordy, Joseph Offenbach, Attila Hörbiger, Laufzeit : 100 Minuten

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Mittwoch, 1. Mai 2013

Himmel ohne Sterne (1955) Helmut Käutner



Inhalt: Anfang der 50er Jahre - unter dramatischen Umständen flieht Anna Kaminski (Eva Kotthaus) über die innerdeutsche Grenze, die zwar noch einen provisorischen Charakter hat, aber schon streng bewacht wird. Leicht verletzt auf der westdeutschen Seite angekommen, trifft sie dort den Grenzsoldaten Carl Altmann (Erik Schumann), der ihr Hilfe anbietet. Ohne darauf einzugehen, begibt sie sich in das nahe gelegene Städtchen und sucht Otto (Gustav Knuth) und Elsbeth Friese (Camilla Spira) auf, die wenig erfreut über ihren Besuch sind, denn Anna ist die Mutter ihres Enkelsohns Jochen, der hier bei seinen Großeltern lebt.

Ihr Sohn war im Krieg gefallen und hatte Anna nicht mehr geheiratet. Durch die Trennung Deutschlands hatten sie entschieden, den Enkelsohn bei sich zu behalten, weil er es im Westen besser hätte. Als Anna auch diesmal zum wiederholten Male den Jungen mitnehmen will, verweigern sie ihr diese Bitte mit der Begründung, dass sie ihn schließlich mit ihrem Einverständnis adoptiert hätten. Doch Anna flieht in der Nacht mit Jochen und bittet Carl Altmann nun doch um Hilfe, um ihn über die Grenze zu schmuggeln. Willi (Georg Thomalla), ein Freund von Altmann, hilft ihr dabei, indem er sie in seinem LKW versteckt, doch als sie in der DDR ankommen, ist der Junge verschwunden...


Anna Kaminskis (Eva Kotthaus) Schicksal kam Ende des zweiten Weltkriegs sicher nicht selten vor. Als ihr Freund an die Front befohlen wurde, war sie schwanger von ihm und an eine Hochzeit nicht zu denken. Nachdem dieser im Krieg fiel, blieb sie als allein erziehende Mutter mit einem unehelichen Kind zurück. In ihrer Not wandte sie sich an die Eltern ihres Freundes, die Ihre Hilfe allerdings an die Bedingung einer Adoption ihres Enkelkindes knüpften, in die Anna gezwungenermaßen einwilligte. Diese Vorgeschichte, die sich nur aus wenigen Worten Annas erschließt, liegt zum Beginn der Filmhandlung schon einige Jahre zurück, aber sie ist die Ursache für das dramatische Geschehen und typisch für Regisseur Helmut Käutner.

Schon in seinen ersten, noch während der Zeit des Nationalsozialismus entstandenen Filmen, betonte er die Verlogenheit der allgemeinen Moralvorstellungen, die den realen menschlichen Bedürfnissen widersprach und sie zu einem Verhalten zwang, dass erst die späteren tragischen Folgen ermöglichte („Große Freiheit Nr.7“, 1943). Die Nachkriegsjahre hatten in der moralischen Strenge nicht nachgelassen, obwohl die gemeinsamen Erfahrungen im Krieg Verständnis für Annas Situation hätte erzeugen müssen. Doch erst der moralische Druck als uneheliche Mutter zwang sie zum Einverständnis in die Adoption. Anfang der 50er Jahre hatte sich ihre finanzielle Situation geändert, weshalb Anna in der Lage wäre, ihren Sohn Jochen wieder zu sich zu holen, aber zwei Fakten behindern ihren Wunsch – rechtlich ist Jochen das Adoptivkind seiner Großeltern und die neue innerdeutsche Grenze verläuft ausgerechnet zwischen den beiden unweit von einander entfernten Heimatorten.

Helmut Käutner nahm sich als einer von Wenigen schon Mitte der 50er Jahre der Teilung Deutschlands an, weshalb "Himmel ohne Sterne" nur ein Film werden konnte, der auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs provozieren musste. Dabei hätte es sich der westdeutsche Regisseur in seiner Anklage an die Trennung Deutschlands leicht machen können, in dem er die politischen Umstände und damit besonders die sowjetische Besatzungsmacht angeprangert hätte, aber das entspräche nicht Käutners Linie, der die Ursachen nie im Grossen, sondern immer im Kleinen suchte. "Ich habe die Grenze nicht gemacht!" legt er seinen Protagonisten häufig in den Mund, aber er lässt kein Zweifel daran, dass die tatsächlichen Probleme untereinander eben doch selbst erzeugt sind und die Umstände immer als Ausrede dafür herhalten müssen.

Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Nebenfigur Mischa Bjelkin, einem sehr jungen sowjetischen Soldaten, von Horst Buchholz in einer seiner ersten Rollen mit erstaunlicher Zurückhaltung gespielt, auch bedingt dadurch, dass seine Umgebung kein Russisch versteht. Er verdeutlicht, dass für Jeden eine Wahl in seinen Entscheidungen besteht, auch ohne sich davon Vorteile zu versprechen. Gegensätzlich charakterisiert Käutner dagegen die westdeutsche Seite, die - dank des schnell eintretenden wirtschaftlichen Erfolgs in der jungen BRD - nur noch wenige Gedanken an die kommunistisch regierten Landsleute in der DDR verschwendet. Die Wahl der sympathischen Darsteller Camilla Spira und Gustav Knuth als Großeltern Elsbeth und Otto Friese, die den adoptierten Enkelsohn nicht mehr hergeben wollen, ist geschickt, denn Käutner vermeidet damit Einseitigkeiten und demonstriert authentisch, wie schnell sich die Menschen damals an die neue Situation gewöhnt hatten, besonders, wenn sie persönlich davon profitierten.

Auch den DDR-Alltag zeigte Käutner ohne Beschönigungen, vermeidet dabei aber für die Zeit typische Abqualifizierungen. So zeigt sich auch, dass es für Anna, die in einem volkseigenen Betrieb arbeitet (sehr gut Siegfried Lowitz als korrekter, aber nicht unmenschlicher Leiter), in der DDR leichter ist, als allein erziehende Mutter ihr Leben zu organisieren, obwohl sie sich sogar noch um ihre Großeltern (Lucie Höflich, Erich Ponto) kümmern muss, die sie nicht allein lassen will, weshalb für sie eine Flucht in den Westen nicht in Frage kommt. Wer aus heutiger Sicht glaubt, erst nach dem Bau der Mauer wurde es schwierig in den Westen zu fliehen, wird hier eines Besseren belehrt, denn auch wenn Anfang der 50er Jahre die Perfektion der späteren „Todesstreifen“ noch nicht bestand, so galt schon der Schießbefehl der ständig patrouillierenden Grenzsoldaten.

Auch in "Himmel ohne Sterne" spielt Käutner wieder seine Stärke aus, eine Vielzahl von Darstellern so agieren zu lassen, dass ein komplexes Geflecht an Beziehungen entsteht. Selbst kleine Rollen sind hervorragend besetzt (Georg Thomalla, Josef Offenbach, Wolfgang Neuss) und die Wahl der beiden Hauptrollen (der Sachse Erik Schumann als westdeutscher Grenzer, die aus der BRD stammende Eva Kotthaus als Anna) ist intelligent, besonders da beide damals von der DEFA besetzt wurden. Man spürt an jeder Einstellung des Films, wie ernst es Käutner damit war, ein ausgewogenes Bild beider Seiten zu zeigen. Betonte er in seinen Filmen aus der nationalsozialistischen Zeit noch die individuelle Freiheit des Einzelnen, die im Widerspruch zur äußeren Reglementierung stand, scheinen die Beteiligten hier nicht in der Lage zu sein, sich aus den ihnen aufgesetzten Strukturen und Vorurteilen zu befreien.

"Himmel ohne Sterne" fehlt jeglicher Optimismus, positive Momente entstehen nur im Verhalten einzelner Menschen, die aber wenig am Fortlauf des Dramas ändern können. In dieser Konsequenz wirkt der Film manchmal übertrieben melodramatisch, da er die Umstände so aneinander reiht, dass sich alles zum Negativen fügen muss, womit er sich auf einer Linie mit den Filmen Douglas Sirks befindet. Indem Käutner nicht einmal den Liebenden zugesteht, sich über bestehende Grenzen hinweg zu setzen, und ihnen damit einiges ihrer Reputation nimmt, geht er weit über die übliche Sezierung einer gesellschaftlichen Situation hinaus. "Himmel ohne Sterne" ist keine differenzierte Analyse, sondern eine unparteiische Anklage, etwas an den bestehenden Zuständen zu ändern – nicht erstaunlich, dass der unbequeme Film bis heute die ihm zustehende Anerkennung nicht erfahren hat.

"Himmel ohne Sterne" Deutschland 1955, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Darsteller : Eva Kotthaus, Erik Schumann, Horst Buchholz, Siegfried Lowitz, Erich Ponto, Wolfgang Neuss, Josef Offenbach, Georg Thomalla, Lina Carstens, Gustav Knuth, Laufzeit : 104 Minuten

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