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Sonntag, 6. März 2016

Perle der Karibik (1981) Manfred Stelzer

Inhalt: Diethard (Diethard Wendtland) arbeitet als Vertreter für Lexika und lebt allein in einer neu bezogenen Sozialbauwohnung in einem noch im Bau befindlichen Block. Sein Tagesablauf ist gut organisiert und er hat ein paar Ersparnisse zur Seite gelegt, aber zu seinem Glück fehlt ihm noch eine Ehefrau. Auch Kontaktanzeigen brachten bisher keinen Erfolg – trotz des Stichworts „Idealer Partner". Entsprechend aufmerksam reagiert er, als er die asiatische Ehefrau eines Kunden (Horst Pinnow) kennenlernt. Sie wurde dem Mittvierziger von einem auf ausländische Frauen spezialisierten Institut vermittelt.

Diethard hebt sein Geld ab und investiert es nicht nur in eine Ehefrau, sondern auch in die Einrichtung seiner Wohnung. Der erste Weg, nachdem er die junge Frau aus der Karibik (Alisa Saltzmann) am Flughafen abholte, führt sie zum Standesamt, wo die Ehe sogleich geschlossen wird. Auch das weitere Zusammenleben als Mann und Frau wurde von Diethard schon exakt vorausgeplant…






Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Perle der Karibik" (wie der Film ohne Artikel korrekt heißt) lief am letzten Tag des 15. Hofbauer-Kongresses und konfrontierte mich mit meiner Vergangenheit. Der über einen Abzweig des Stadtrings gebaute terrassierte Wohnblock, der in Stelzers Film eine wichtige atmosphärische Rolle einnahm, ließ mich sofort erschaudern, als ich ihn 1982 das erste Mal sah. Und übte gleichzeitig eine große Faszination auf mich aus. Bis heute gehört er für mich zu den prägnantesten Gebäuden der westberliner Phase bis zum Mauerfall.

Dank Stelzer, der ein Jahr zuvor noch auf der Baustelle drehte, erhielt ich einen Einblick in den Komplex, der mir bisher verwehrt blieb. Ganz abgesehen davon, dass mir 1982 nicht bewusst war, wie neu der Wohnblock war, der ähnlich wie das nicht weit entfernt liegende raumschiffartige Kongresszentrum in einer Zeit - Mitte der 70er Jahre - konzipiert wurde, die noch vom unbedingten Fortschrittglauben geprägt war. Anfang der 80er Jahre zeigten sich erste Risse - eine Entwicklung, die in Stelzers Film gegenwärtig ist.


Die Geschichte vom deutschen Mann, der sich eine Ehefrau aus dem Ausland besorgt, war 1981 nicht mehr neu. Das Institut, an das sich Diethard (Diethard Wendtland) wendet, um per Katalog eine Bestellung aufzugeben, hatte sich auf die Vermittlung solcher Ehen spezialisiert. Ein nicht ganz billiger Service, der aber professionell abgewickelt wird: pünktlich erreicht die gewünschte junge Frau (Alisa Saltzman) den Flughafen in Berlin-Tegel, ausgestattet mit den geeigneten Papieren, um sofort am Standesamt geheiratet werden zu können. Diethard hatte alle Vorbereitungen abgeschlossen, war zuvor schon in eine neue Wohnung in einem noch im Bau befindlichen Block eingezogen und hatte sie ehegerecht mit Doppelbett und Einbauküche eingerichtet. Exakter lässt sich ein solches Arrangement auch in heutigen Internet-Zeiten kaum planen.

Ebenso wenig hat sich die landläufige Meinung über diese Art der Beziehungsanbahnung in den letzten Jahrzehnten geändert und Regisseur Manfred Stelzer bemühte sich auch nicht, gängige Klischees außer Kraft zu setzen. Herr Diethard ist ein besonders steifes Exemplar Mann, dessen geringe Fähigkeit zur Empathie offensichtlich beim Verkauf von Lexika aufgebraucht wird. Bei einem Termin hatte der Vertreter die asiatische Ehefrau eines Kunden kennengelernt, der sich sehr zufrieden über diese Verbindung äußerte. Einzig das undurchdringliche ständige Lächeln seiner Frau irritiere ihn, gab dieser zu bedenken, weshalb Diethard sich für eine andere Variante entschied - eine „Perle der Karibik“. Mit der vorhersehbaren Konsequenz. Zwischen den Beiden entsteht keine Nähe und das Arrangement scheitert.

Gerade auf Grund der klaren Voraussetzungen – sie sucht wirtschaftliche Sicherheit, er eine Sexualpartnerin und Hausfrau – besitzen diese nach jahrtausendealten Regeln geschlossenen Verbindungen nicht selten gute Chancen. Hätte der Regisseur einen umgänglichen Typ Mann in den Mittelpunkt gestellt, hätte ihre Beziehung vielleicht halten können. Doch darum ging es Manfred Stelzer nicht. Die organisierte Eheschließung zweier Menschen unmittelbar nach ihrer ersten Begegnung geschieht hier im Stil einer Versuchsanordnung. Über ihre genaue Herkunft und die näheren Beweggründe der jungen Frau erfährt der Zuschauer ebenso wenig, wie über die Vergangenheit und sozialen Umstände des 41jährigen Diethard. Im Stil seiner vorherigen Dokumentarfilme („Monarch“ (1980)) nutzte Stelzer die Thematik der Partnervermittlung für den Blick auf sein eigentliches Interesse – auf Deutschland.

Im Hintergrund das Bauschild mit der innenliegenden Autobahn...
Berlin-West Anfang der 80er Jahre ist ein Ort der Kälte. Der noch im Bau befindliche Neubaublock, den Stelzer als Hintergrund wählte, ist bis heute eines der markantesten Beispiele für die Schaffung neuen Wohnraums bei größtmöglicher Verkehrs-Mobilität. Turmartig erhebt sich der Wohn-Koloss über die Stadtautobahn. Detailliert ist das im Film nicht zu sehen, aber wiederholt fängt die Kamera das Bauschild ein und konfrontiert die junge Frau aus der Karibik mit den noch aktiven Bautätigkeiten, sobald sie die vier Wände der Sozialbauwohnung verlässt. Ihr Versuch, diese in einen aus ihrer Sicht lebenswerten Raum zu verwandeln, scheitert sowohl an den baulichen Voraussetzungen, als auch an ihrem Ehemann, der die aus seiner Sicht artfremde Nutzung mit Pflanzen und Früchten ablehnt.

...und Beanboats (Alisa Saltzman) Blick hoch zu den Terrassen.
Erneut ließe sich die mangelnde Toleranz und Flexibilität des Ehemanns als Ursache anführen, aber Diethard ist weder frustriert, noch besonders autoritär. Und er bemüht sich, seiner neuen Frau die Eingewöhnung zu erleichtern. Er besorgt vermeintlich vertraute Utensilien aus ihrer Heimat und ist auch beim Haushaltsgeld nicht knausrig. Seine Unzufriedenheit und aufkommende Strenge entstehen aus seiner Fassungslosigkeit gegenüber dem Verhalten der jungen Frau, die aus seiner Sicht das Geld für unnütze Dinge ausgibt, die Wohnung verschandelt und die Aufgaben einer Hausfrau nicht erfüllt. Diethard steht bei Stelzer für den Geist eines gut organisierten, allein rationale Beweggründe gelten lassenden Deutschlands, kombiniert mit einer männlichen Haltung, die durch ein Jahrzehnt Emanzipation verunsichert ist. Diethards Ehe mit einer Frau aus dem Ausland entsprang nicht zuletzt auch dem Wunsch nach der Aufrechterhaltung der gewohnten Geschlechterrollen.

In Stelzers Film werden Form und Inhalt zu einer Einheit. „Die Perle der Karibik“ ist klar strukturiert und linear erzählt. Der Film interessiert sich weder für Vergangenheit, noch Zukunft, sondern beschreibt eine Gegenwart, in der für das Irrationale und Spontane kein Platz vorhanden ist. Es wird nicht als Chance, sondern als Bedrohung empfunden. Stelzer stilisierte Deutschland auf diese Weise zu einem Ort, an dem selbst Lebensfreude bis in die privatesten Nischen organisiert wird. Dank seines dokumentarischen Stils und des Verzichts auf emotionale Zuspitzungen bewahrte Stelzer die notwendige Distanz zu seinen Protagonisten und urteilte nicht. Seine generelle Sicht spiegelt die zwangsläufige Konsequenz wider. Die junge Frau aus der Karibik verschwindet und Diethard setzt sein normiertes Leben allein fort - verloren sind sie Beide.

"Perle der Karibik" Deutschland 1981, Regie: Manfred Stelzer, Drehbuch: Manfred Stelzer, Wolfgang Quest, Axel Voigt, Darsteller : Diethard Wendtland, Alisa Saltzman, Alfred Edel, Horst Pinnow, Gertrud HoffmannLaufzeit : 81 Minuten

Montag, 25. Mai 2015

Deadlock (1970) Roland Klick

Inhalt: Gleißend brennt das Sonnenlicht auf einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Mann, der alleine durch die wüstenähnliche Einöde wankt und sich kaum auf den Beinen halten kann. Trotzdem trägt er den metallenen Koffer weiter bei sich bis ihn die Hitze übermannt und er leblos an einer staubigen Straße liegen bleibt. Als er mit seinem alten LKW vorbei fährt, sieht ihn Charles Dump (Mario Adorf) und springt heraus, interessiert sich aber nur für den Koffer. Das viele Geld darin lässt ihn einen großen Stein packen, um den Mann endgültig zu töten, aber er kann sich nicht überwinden und lässt ihn in der Hoffnung zurück, dass er dort von allein stirbt.

Dump, der seit Jahren in einem heruntergekommenen, von den ehemaligen Arbeitern verlassenen Lager lebt, sieht in dem Geld eine Chance, endlich von hier wegzukommen. Dass der Mann, dem er es gestohlen hat, noch lebt, hält er plötzlich wieder für ein Risiko und dreht mit seinem LKW um. Doch inzwischen hat sich Kid (Marquardt Bohm) erholt und zwingt ihn mit seiner Maschinenpistole, ihn mitzunehmen. Nur ein kurzer Triumpf für ihn, denn im Lager verlassen ihn erneut die Kräfte…


"Bübchen" (1968)
Um die Wirkung von "Deadlock" auf den damaligen Betrachter nachvollziehen zu können, ist es notwendig sich die Reaktion anzusehen, die Roland Klicks zweiter Langfilm nach „Bübchen“ (1968) auslöste. Nicht nur das er dafür kritisiert wurde, "zu stark auf Action gesetzt“ und sich stilistisch am als zynisch und gewalttätig angesehenen Italo-Western orientiert zu haben, die Konsequenz ging so weit, dass sein Film aus dem Wettbewerb von Cannes ausgeladen wurde. Ihm erging es ähnlich wie etwa dem Regie-Kollegen Rudolf Thome mit „Rote Sonne“ (1970), in dem Marquardt Bohm ebenfalls die männliche Hauptrolle spielte – trotz einer modernen Bildsprache und der Abkehr von gewohnten Erzähl-Strukturen, fanden sie als Autorenfilmer des „neuen deutschen Kinos“ keine Anerkennung, da sie sich aus Sicht der Kritiker zu sehr typischen Unterhaltungskriterien anbiederten.

"Deadlock" (1970)
Der Irrsinn dieser Einschätzung steigert sich noch bei der vergleichenden Hinzuziehung seines Erstlings „Bübchen“. Obwohl Roland Klick darin mit skalpellartigen Schnitten die Mechanismen deutschen Kleinbürgertums freilegte, ohne eine wertende Haltung einzunehmen, wurde auch „Bübchen“ keine Anerkennung zuteil – zu nah geriet sein Film an die tatsächlichen deutschen Befindlichkeiten. Auch wohlmeinende Kritiken sehen in „Deadlock“ einen thematischen Wandel  zu „Bübchen“ – hier die stilisierte Gangster-Story in einer wüstenähnlichen Landschaft, dort die Schilderung deutschen Alltags in einer tristen Nachkriegs-Wohnsiedlung am Rande Hamburgs – aber dieser Eindruck täuscht. Betrachtet man die zwei ersten stehenden Einstellungen beider Filme, werden die Parallelen sichtbar. In „Bübchen“ fängt die Kamera einen nicht weniger inhaltsleeren, neutralen Ort ein als in „Deadlock“, wo Marquard Bohm vor Schwäche torkelnd durch eine von der Sonne aufgeheizte felsige Einöde langsam auf die Kamera zuläuft. Die Gemeinsamkeiten setzen sich fort in einer Story, die das unreflektiert selbstzerstörerische Verhalten seiner Protagonisten nicht begründet, sondern in zwangsläufiger Konsequenz abbildet.

Kid (Marquard Bohm) läuft schwer verletzt mit einem metallenen Koffer durch die unendlich scheinende Sandwüste. Die Inszenierung seines Zusammenbruchs verweist schon früh auf die enge Verzahnung der Filmmusik von „Can“ zu der Hoffnungslosigkeit, die den gesamten Film prägt. Ihr Rhythmus und die Schnitte zwischen der unbarmherzigen Sonne und dem erschlaffenden Körper Kids (Marquard Bohm) werden zu einer sich steigernden Einheit bis es zu dessen Zusammenbruch kommt. Zufällig findet ihn Charles Dump (Mario Adorf), der mit seinem LKW auf dem Weg zu seinem Lager ist, leblos im Staub liegen. Nur wenig interessiert an dem Mann, gilt sein Blick schnell dem Koffer, der sehr viel Geld und eine Single enthält. Anstatt Kid zu helfen, will er ihn zuerst töten, zögert, fährt davon, kehrt wieder zurück, um ihn doch zu beseitigen. Zu spät, denn inzwischen konnte sich Kid wieder aufrappeln und zwingt Dump mit seinem Maschinengewehr, ihn mit dem LKW mitzunehmen. Doch im Lager verlieren ihn wieder die Kräfte und Dump hat erneut Oberwasser.

Diese ersten zwanzig Minuten, in denen Dump und Kid sich - ständig verändernde Positionen einnehmend - begegnen, sind bis ins Detail in ihrer psychologischen Tiefe beobachtet. Adorf spielte einen Lagerleiter, der seit Jahren in einem verlassenen Camp haust, in dem nur noch eine gealterte Prostituierte (Betty Segal) und deren Tochter (Mascha Elm-Rabben) vor sich hin vegetieren. Alles wirkt provisorisch, unfertig und heruntergekommen. Dump sieht das Geld als Chance, endlich von diesem Ort („Deadlock“ bedeutet sinngemäß ausweglos) wegzukommen. Gleichzeitig ist er aber nicht mehr dazu in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Sein Verhalten wechselt zwischen übertriebener Gewalttätigkeit und weinerlichem Selbstmitleid – der Grund dafür, warum Kid am Leben bleibt. Mario Adorf lieferte ein weiteres Glanzstück als zerrissener Charakter, während Marquard Bohm ähnlich wie in "Rote Sonne" wieder ein Beispiel jugendlicher Coolness abgab, das auch heute noch jeden Attraktivitätswettbewerb gewinnen würde, gerade weil es so typisch für diese Zeit Anfang der 70er Jahre ist.

Klicks Film in die Nähe des Italo-Western zu rücken, bleibt an der Oberfläche. Wie schon in „Bübchen“ nutzte der Regisseur Stilmittel populärer Filme, um die inneren Befindlichkeiten seiner Protagonisten zugespitzt herauszuarbeiten. „Deadlock“ wird zu einer Studie über Konsequenz, innere Stärke und Selbsteinsicht, die jedem Autorenfilm des „neuen deutschen Films“ zur Ehre gereicht hätte. Marquard Bohm entwickelte eine Gefühlskälte und Fatalismus in seinem Charakter, die noch stärker hervortritt, als sein Partner Anthony Sunshine (Anthony Dawson), ein gealterter Gangster, im Camp auftaucht. Klick inszenierte ihn zwar im Stil eines Revolverhelden, doch seine äußerliche Coolness erweist sich als Fassade, die langsam zu bröckeln beginnt. Während Dump seine Unsicherheit mit übertriebenen und anbiedernden Gesten auszugleichen versucht, nutzt Sunshine diese mit sadistischem Gestus für seine Zwecke aus, woran erst dessen Schwäche und mangelndes Selbstbewusstsein gegenüber dem jüngeren Kid deutlich wird. Ein Wechselspiel, das auf einen tödlichen, westernartigen Showdown zuläuft.

Entsprechend scheint das Etikett „Western“ nahe liegend, aber Klick folgte in dem abschließenden Duell nicht den Regeln des Genres, sondern blieb seiner eigenen Linie treu. Die von einer springenden Nadel erzeugten, sich ständig wiederholenden zwei Töne, lassen in ihrer Penetranz nicht nur die sengende Hitze fühlbar werden, sondern transportieren die nihilistische Botschaft einer degenerierten und egoistischen Sozialisation. Im Italo-Western gehörte der unmenschliche Zynismus zum guten Ton optischer Coolness, in „Deadlock“ bohrte er sich ins Gedächtnis des Betrachters.

"Deadlock" Deutschland 1970, Regie: Roland Klick, Drehbuch: Roland KlickDarsteller : Marquard Bohm, Mario Adorf, Anthony Dawson, Mascha Elm-Rabben, Betty SegalLaufzeit : 88 Minuten

Mittwoch, 19. November 2014

Frankfurt Kaiserstraße (1981) Roger Fritz

Inhalt: Rolf (Dave Balko) möchte noch ein letztes Mal mit seiner Freundin Susanne (Michaela Karger) schlafen, bevor er am nächsten Tag seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr in Frankfurt antreten muss. Leider werden sie von ihrem Vater (Horst Richter) gestört, der gar nicht begeistert von Rolf ist, und dessen Vater ebenfalls froh ist, dass sein Sohn für 15 Monate aus dem Taunus-Städtchen verschwindet. Doch sie haben die Rechnung ohne Susanne gemacht, die spontan entscheidet, nach Frankfurt zu ziehen, um in der Nähe Rolfs zu bleiben – zu ihrem Onkel Ossi (Kurt Raab), der in einer festen Beziehung mit Tonino (Gene Reed) in der Kaiserstraße lebt.

Dort entwickeln sich parallel dramatische Ereignisse. Von Johnny Klewer (Hanno Pöschl) eingefädelt, verüben zwei seiner Männer einen Bombenanschlag auf einen konkurrierenden Geschäftsmann. Es geht um die Macht in der Drogen- und Bordell-Szene. Klewer ist für seine geschickte Anwerbung junger Prostituierter bekannt. Erst gibt er sich charmant und großzügig, bis er die verliebten Mädchen auf den Strich schickt. Auch die hübsche Susanne fällt ihm sofort ins Auge…


Roger Fritz, Ende des 2. Weltkriegs knapp 9 Jahre alt, wuchs als Mitglied der ersten Nachkriegs-Generation inmitten der sozialen Veränderungen der 50er Jahre auf und erlebte intensiv die Phase früher Jugendauflehnung und des Rock'n Roll, wie sie in dem nach einem Will Tremper Drehbuch entstandenen Film "Die Halbstarken" (1956) thematisiert wurde. Nicht zufällig verdankte er einer Bildreportage über diesen Film den Start seiner Karriere als Schauspieler, denn die Nähe zum Zeitgeist zeichnete auch seinen weiteren Fortgang als Drehbuchautor und Regisseur aus. Nachdem er Luchino Visconti bei dessen Episode für "Boccaccio '70" (1962) assistiert hatte, schuf er mit Filmen wie "Mädchen, Mädchen" (1967) oder "Mädchen mit Gewalt" (1970) exemplarische Werke über die entstehenden sozialen Konflikte auf Grund der fortschreitenden sexuellen Liberalisierung und Emanzipationsbewegung.

Danach folgte ein Jahrzehnt mit TV-Arbeiten und intensiverer Schauspiel-Tätigkeit bis Fritz parallel zu seinen Engagements unter der Regie Rainer Werner Fassbinders ("Berlin Alexanderplatz" (1980), "Lili Marleen" (1981)) noch einen letzten Kinofilm drehte - ausgerechnet eine Produktion der "Lisa-Film", die ihren Erfolg seit Mitte der 60er Jahre Exploitation-Filmen ("El caníbal" (Jungfrau unter Kannibalen, 1980)) oder Sex-Komödien ("Drei Schwedinnen in Oberbayern" (1977)) verdankte. Auch "Frankfurt Kaiserstraße" schien diese Erwartungen zu erfüllen, denn keine Großstadt-Region hatte Anfang der 80er Jahre einen schlechteren Ruf in Sachen Drogen-Kriminalität und Prostitution als Frankfurts Bahnhofsviertel – genau der richtige Stoff für ein Publikum, dass nach moralischen Abgründen gierte.

Entsprechend plakativ kommt der Film zur Sache. Nachdem Hauptdarstellerin Michaela Karger, eine ganz dem damaligen Schönheitsideal entsprechende junge Frau, in ihrer Rolle als noch nicht 18jährige Susanne in einer Liebesszene mit ihrem Freund Rolf (Dave Balko) blank gezogen hatte, wird der zentrale Handlungsort „Frankfurt Kaiserstraße“ mit einem perfiden Bomben-Anschlag zwischen rivalisierenden Banden vorgestellt. Hanno Pöschl als schmierig-schöner Zuhälter Johnny Klewer versucht auf diese Weise sein Macht-Territorium auszubauen und verfügt selbstverständlich über die notwendigen Aufreißer-Utensilien wie Cabriolet und ein feudales Liebesnest, um naive Mädchen erst verliebt und dann zu Prostituierten zu machen. Die Story bemühte sich gar nicht erst, irgendein Klischee auszulassen, sondern entwarf vor dem Hintergrund von Bordellen, Nachtclubs und Sex-Shops einen anti-bürgerlichen Mix, in denen Gewalt und wechselnde Sexual-Partner selbstverständlich zu sein scheinen.

Trotz dieser reißerischen Anlage, widerstand Roger Fritz der naheliegenden Versuchung, die Vorurteile gegenüber den hier lebenden Menschen zu bestätigen, sondern nahm sie ernst mit ihren alltäglichen Problemen. Damit bewies er erneut Gespür für eine Zeit, deren liberale Anmutung täuschte. Zwar hatten sich die sozialen Veränderungen in den 70er Jahren manifestiert, wurde die Pornografie legalisiert und der Paragraf 1356 BGB modernisiert, der bis 1977 geregelt hatte, dass Frauen nur mit Erlaubnis des Ehemanns (oder Vaters) eine Arbeit annehmen durften, aber in den Köpfen war das vielfach noch nicht angekommen. Besonders der Kontrast Stadt/Land war nach wie vor groß, weshalb Susannes spontane Entscheidung, ihr Elternhaus und damit ihren autoritären Vater (Horst Richter) zu verlassen und zu ihrem schwulen Onkel Ossi (Kurt Raab) nach Frankfurt zu ziehen, kein selbstverständlicher Schritt war. Sie will in Rolfs Nähe sein, der dort seinen Wehrdienst antreten muss.

Auch dessen Ärger mit seinem Vater, als dieser erfährt, dass er mit der Tochter des örtlichen Gasthofbesitzers eine intime Beziehung hat, weshalb er Schwierigkeiten innerhalb der dörflichen Gemeinschaft befürchtet, beruhte auf einer tief verankerten Doppelmoral, die Susannes Vater Sex  mit seiner Angestellten erlaubte, die Liebesbeziehung zwischen den beiden jungen Menschen aber untersagte. In der Beschreibung dieses Konfliktpotentials, das sich mit Susannes Ankunft in der ihr unbekannten Großstadt noch steigert, verzichtete Fritz auf Übertreibungen. Zwar bekommt Rolf – nicht bereit, sich klaglos unterzuordnen -  Probleme bei der Grundausbildung mit seinem Zugführer, braucht Susanne einen Job und tauchen erste Missverständnisse zwischen den Liebenden auf, die sich jeweiligen Versuchungen ausgesetzt sehen, aber davon erzählt der Film mit einer nachvollziehbaren Normalität, die in direktem Gegensatz zum hartgesottenen „Kaiserstraßen“-Klischee steht.

Susannes strenger Vater steckt seiner Tochter noch Geld zu, bevor sie ihn in Richtung Frankfurt verlässt. Die Szenen bei der Bundeswehr kommen trotz des geltungsbedürftigen Obergefreiten, Saufgelagen und Rolfs kurzem Knastaufenthalt wegen unerlaubter Entfernung von der Truppe ohne die typischen Militär-Extreme aus, sondern beschreiben das stimmige Bild einer Armee zwischen autoritärer Vergangenheit und langsam durchdringender Demokratisierung. Obwohl Rolf fremdgeht, hat die Liebesbeziehung zwischen ihm und Susanne noch eine Chance, aber besonders der selbstbewussten, ihre Sexualpartner frei wählenden Chris (Ute Zielinski) und dem schwulen Paar Tonino (Gene Reed) / Onkel Ossi begegnete Fritz mit einer Selbstverständlichkeit und Sympathie, die keineswegs die Meinung der damaligen Mehrheit widerspiegelte.

Vielleicht lässt sich darin der Grund finden, warum „Frankfurt Kaiserstraße“ trotz der Sex-Szenen und seines Exploitation-Charakters nie den Status eines „Party-Films“ erlangte und heute nahezu vergessen ist. Der von Roger Fritz mit Laiendarstellern (für Michaela Karger, Ute Zielinski und Rolf Belko blieben es die einzigen tragenden Rollen) und Kollegen aus dem Fassbinder-Kreis (Kurt Raab, Hanno Pöschl, Isolde Barth) gedrehte Film passt in kein Schema – reißerisch und plakativ aufgemacht, verbirgt sich dahinter ein sensibler, über das Frankfurter Lokalkolorit hinausgehender Blick in die frühen 80er Jahre, verbunden mit einem hohen Maß an Toleranz für seine Figuren. Leider wurde es Roger Fritz‘ letzte Regie-Arbeit.

Lief als Eröffnungsfilm des 1. Auswärtigen Sondergipfel des Hofbauer Kommando in Frankfurt/Main vom 07. bis 09.11.2014

"Frankfurt Kaiserstraße" Deutschland 1981, Regie: Roger Fritz, Drehbuch: Georg EnsorDarsteller : Michaela Karger, Dave Balko, Hanno Pöschl, Kurt Raab, Ute Zielinski, Gene ReedLaufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Roger Fritz: