Montag, 25. Mai 2015

Deadlock (1970) Roland Klick

Inhalt: Gleißend brennt das Sonnenlicht auf einen mit einem Maschinengewehr bewaffneten Mann, der alleine durch die wüstenähnliche Einöde wankt und sich kaum auf den Beinen halten kann. Trotzdem trägt er den metallenen Koffer weiter bei sich bis ihn die Hitze übermannt und er leblos an einer staubigen Straße liegen bleibt. Als er mit seinem alten LKW vorbei fährt, sieht ihn Charles Dump (Mario Adorf) und springt heraus, interessiert sich aber nur für den Koffer. Das viele Geld darin lässt ihn einen großen Stein packen, um den Mann endgültig zu töten, aber er kann sich nicht überwinden und lässt ihn in der Hoffnung zurück, dass er dort von allein stirbt.

Dump, der seit Jahren in einem heruntergekommenen, von den ehemaligen Arbeitern verlassenen Lager lebt, sieht in dem Geld eine Chance, endlich von hier wegzukommen. Dass der Mann, dem er es gestohlen hat, noch lebt, hält er plötzlich wieder für ein Risiko und dreht mit seinem LKW um. Doch inzwischen hat sich Kid (Marquardt Bohm) erholt und zwingt ihn mit seiner Maschinenpistole, ihn mitzunehmen. Nur ein kurzer Triumpf für ihn, denn im Lager verlassen ihn erneut die Kräfte…


"Bübchen" (1968)
Um die Wirkung von "Deadlock" auf den damaligen Betrachter nachvollziehen zu können, ist es notwendig sich die Reaktion anzusehen, die Roland Klicks zweiter Langfilm nach „Bübchen“ (1968) auslöste. Nicht nur das er dafür kritisiert wurde, "zu stark auf Action gesetzt“ und sich stilistisch am als zynisch und gewalttätig angesehenen Italo-Western orientiert zu haben, die Konsequenz ging so weit, dass sein Film aus dem Wettbewerb von Cannes ausgeladen wurde. Ihm erging es ähnlich wie etwa dem Regie-Kollegen Rudolf Thome mit „Rote Sonne“ (1970), in dem Marquardt Bohm ebenfalls die männliche Hauptrolle spielte – trotz einer modernen Bildsprache und der Abkehr von gewohnten Erzähl-Strukturen, fanden sie als Autorenfilmer des „neuen deutschen Kinos“ keine Anerkennung, da sie sich aus Sicht der Kritiker zu sehr typischen Unterhaltungskriterien anbiederten.

"Deadlock" (1970)
Der Irrsinn dieser Einschätzung steigert sich noch bei der vergleichenden Hinzuziehung seines Erstlings „Bübchen“. Obwohl Roland Klick darin mit skalpellartigen Schnitten die Mechanismen deutschen Kleinbürgertums freilegte, ohne eine wertende Haltung einzunehmen, wurde auch „Bübchen“ keine Anerkennung zuteil – zu nah geriet sein Film an die tatsächlichen deutschen Befindlichkeiten. Auch wohlmeinende Kritiken sehen in „Deadlock“ einen thematischen Wandel  zu „Bübchen“ – hier die stilisierte Gangster-Story in einer wüstenähnlichen Landschaft, dort die Schilderung deutschen Alltags in einer tristen Nachkriegs-Wohnsiedlung am Rande Hamburgs – aber dieser Eindruck täuscht. Betrachtet man die zwei ersten stehenden Einstellungen beider Filme, werden die Parallelen sichtbar. In „Bübchen“ fängt die Kamera einen nicht weniger inhaltsleeren, neutralen Ort ein als in „Deadlock“, wo Marquard Bohm vor Schwäche torkelnd durch eine von der Sonne aufgeheizte felsige Einöde langsam auf die Kamera zuläuft. Die Gemeinsamkeiten setzen sich fort in einer Story, die das unreflektiert selbstzerstörerische Verhalten seiner Protagonisten nicht begründet, sondern in zwangsläufiger Konsequenz abbildet.

Kid (Marquard Bohm) läuft schwer verletzt mit einem metallenen Koffer durch die unendlich scheinende Sandwüste. Die Inszenierung seines Zusammenbruchs verweist schon früh auf die enge Verzahnung der Filmmusik von „Can“ zu der Hoffnungslosigkeit, die den gesamten Film prägt. Ihr Rhythmus und die Schnitte zwischen der unbarmherzigen Sonne und dem erschlaffenden Körper Kids (Marquard Bohm) werden zu einer sich steigernden Einheit bis es zu dessen Zusammenbruch kommt. Zufällig findet ihn Charles Dump (Mario Adorf), der mit seinem LKW auf dem Weg zu seinem Lager ist, leblos im Staub liegen. Nur wenig interessiert an dem Mann, gilt sein Blick schnell dem Koffer, der sehr viel Geld und eine Single enthält. Anstatt Kid zu helfen, will er ihn zuerst töten, zögert, fährt davon, kehrt wieder zurück, um ihn doch zu beseitigen. Zu spät, denn inzwischen konnte sich Kid wieder aufrappeln und zwingt Dump mit seinem Maschinengewehr, ihn mit dem LKW mitzunehmen. Doch im Lager verlieren ihn wieder die Kräfte und Dump hat erneut Oberwasser.

Diese ersten zwanzig Minuten, in denen Dump und Kid sich - ständig verändernde Positionen einnehmend - begegnen, sind bis ins Detail in ihrer psychologischen Tiefe beobachtet. Adorf spielte einen Lagerleiter, der seit Jahren in einem verlassenen Camp haust, in dem nur noch eine gealterte Prostituierte (Betty Segal) und deren Tochter (Mascha Elm-Rabben) vor sich hin vegetieren. Alles wirkt provisorisch, unfertig und heruntergekommen. Dump sieht das Geld als Chance, endlich von diesem Ort („Deadlock“ bedeutet sinngemäß ausweglos) wegzukommen. Gleichzeitig ist er aber nicht mehr dazu in der Lage, Entscheidungen zu treffen. Sein Verhalten wechselt zwischen übertriebener Gewalttätigkeit und weinerlichem Selbstmitleid – der Grund dafür, warum Kid am Leben bleibt. Mario Adorf lieferte ein weiteres Glanzstück als zerrissener Charakter, während Marquard Bohm ähnlich wie in "Rote Sonne" wieder ein Beispiel jugendlicher Coolness abgab, das auch heute noch jeden Attraktivitätswettbewerb gewinnen würde, gerade weil es so typisch für diese Zeit Anfang der 70er Jahre ist.

Klicks Film in die Nähe des Italo-Western zu rücken, bleibt an der Oberfläche. Wie schon in „Bübchen“ nutzte der Regisseur Stilmittel populärer Filme, um die inneren Befindlichkeiten seiner Protagonisten zugespitzt herauszuarbeiten. „Deadlock“ wird zu einer Studie über Konsequenz, innere Stärke und Selbsteinsicht, die jedem Autorenfilm des „neuen deutschen Films“ zur Ehre gereicht hätte. Marquard Bohm entwickelte eine Gefühlskälte und Fatalismus in seinem Charakter, die noch stärker hervortritt, als sein Partner Anthony Sunshine (Anthony Dawson), ein gealterter Gangster, im Camp auftaucht. Klick inszenierte ihn zwar im Stil eines Revolverhelden, doch seine äußerliche Coolness erweist sich als Fassade, die langsam zu bröckeln beginnt. Während Dump seine Unsicherheit mit übertriebenen und anbiedernden Gesten auszugleichen versucht, nutzt Sunshine diese mit sadistischem Gestus für seine Zwecke aus, woran erst dessen Schwäche und mangelndes Selbstbewusstsein gegenüber dem jüngeren Kid deutlich wird. Ein Wechselspiel, das auf einen tödlichen, westernartigen Showdown zuläuft.

Entsprechend scheint das Etikett „Western“ nahe liegend, aber Klick folgte in dem abschließenden Duell nicht den Regeln des Genres, sondern blieb seiner eigenen Linie treu. Die von einer springenden Nadel erzeugten, sich ständig wiederholenden zwei Töne, lassen in ihrer Penetranz nicht nur die sengende Hitze fühlbar werden, sondern transportieren die nihilistische Botschaft einer degenerierten und egoistischen Sozialisation. Im Italo-Western gehörte der unmenschliche Zynismus zum guten Ton optischer Coolness, in „Deadlock“ bohrte er sich ins Gedächtnis des Betrachters.

"Deadlock" Deutschland 1970, Regie: Roland Klick, Drehbuch: Roland KlickDarsteller : Marquard Bohm, Mario Adorf, Anthony Dawson, Mascha Elm-Rabben, Betty SegalLaufzeit : 88 Minuten

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