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Sonntag, 27. November 2016

Verdammt die jungen Sünder nicht (Morgen beginnt das Leben, 1961) Hermann Leitner

Dr. Behrmann (Josef Kastrel) bemüht sich um die junge Mutter (Cordula Trantow)
Inhalt: Die Schreie ihres neugeborenen Babys können Silvia (Cordula Trantow) kein Lächeln ins Gesicht zaubern, denn die 17jährige hatte es nicht gewollt. Aus einem ärmlichen Elternhaus stammend, der Vater schon lange abgehauen, hatte sie versucht mit einer guten Ausbildung diesem Teufelskreis zu entkommen. Doch dann wurde sie schwanger und der Kindsvater verließ sie. Jetzt befindet sie sich in einer Abteilung für junge unverheiratete Mütter, die von Dr. Behrmann (Josef Kastrel) geleitet wird, der sich für seine Patientinnen einsetzt. Er möchte Silvia die Freude am eigenen Kind vermitteln, aber sie tut sich schwer. 

Ruth (Corny Collins) findet Freds (Michael Heltau) Cabrio cool
Ganz anders verläuft dagegen das Leben der Gymnasiastin Ruth (Corny Collins), die wohlbehütet aufwächst. Ihre Eltern Oskar (Werner Hinz) und Vera (Magda Schneider) sehen es zwar nicht gern, wie freizügig sich ihre Tochter anzieht und mehr Party als Schule im Kopf hat, aber sie wollen ihr auch Freiheiten lassen. Nachdem Ruth betrunken und ohne Führerschein einen Autounfall mit dem Wagen eines Freundes verursacht hatte, ändert sich ihre Strategie. Besonders ihr Vater hält es für notwendig, die Zügel anzuspannen, was Ruth aber nur noch tiefer in einen Kreis von Gaunern hineintreibt, die ihr Geld mit Autodiebstählen und Sex-Fotos verdienen… 


Pitt (Rainer Brandt) und Fred haben neue Objekte im Blick:
Regisseur Hermann Leitner, Jahrgang 1927, war Mitte 30 als er nach 1962 begann, nur noch für das Fernsehen zu arbeiten - nicht nur gemessen am Durchschnittsalter von Regisseuren noch ein junger Mann. Trotzdem hatte er zu diesem Zeitpunkt schon mehr als zehn Kinofilm in einer Art Querschnitt des populären Kinos in der BRD der späten 50er Jahre abgedreht: Heimatfilm ("Pulverschnee nach Übersee", 1956), Kriminalkomödie ("Lilli - ein Mädchen aus der Großstadt", 1958) und Musik-/Tourismusfilm ("Glück und Liebe in Monaco", 1959). Sogar ins exotisch, abenteuerliche Fach hatte er sich mit der Fortsetzung von "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" (1956) gewagt. "Liane: die weiße Sklavin" (1957) wurde ebenso ein Erfolg an der Kinokasse wie seine anderen, meist kunterbunten Unterhaltungsfilme. 

Gymnasiastinnen - Ruth und ihre Klassenkameradin Eva (Getraud Jesserer)
Umso mehr fallen die drei Film-Dramen aus dem Rahmen, mit denen Hermann Leitner Anfang der 60er Jahre seine Kino-Karriere beendete, sieht man von dem Heimatfilm „Heimweh nach dir, mein grünes Tal“ (1961) einmal ab (bei der Veröffentlichung von „Liane, die Tochter des Dschungels“ im selben Jahr handelte es sich um einen Zusammenschnitt der beiden 50er Jahre Filme). Wartete der erste dieser drei Filme "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch mit einem veritablen Kino-Star auf - Hans Söhnker - und integrierte Elemente des damals populären Schlagerfilms, nahm dessen Nachfolger den trockenen Charakter eines Schul-Lehrfilms an. „Verdammt die jungen Sünder nicht“, der in Leitners Heimatland Österreich gleichzeitig unter dem Titel „Morgen fängt das Leben an“ herauskam, erzählt die Geschichte zweier 17jähriger Mädchen aus unterschiedlichen sozialen Schichten, begleitet von den analytischen Betrachtungen eines allgegenwärtig scheinenden Arztes.

Dr. Behrmanns Ratschläge beginnen zu fruchten...
Neben diesem existieren einige weitere Berührungspunkte im Leben der beiden jungen Frauen. Gegen Ende des Films landen sie sogar in derselben Schlafunterkunft im städtischen Fürsorgeheim, ohne sich näher kennenzulernen. Das war auch nicht beabsichtigt, denn ihr jeweiliger Entwicklungsprozess sollte exakt entgegengesetzt verlaufen und sowohl Gefahren wie Chancen vermitteln – ganz gemäß dem deutschen Verleihtitel „Verdammt die jungen Sünder nicht“. Als „Sünderin“ taucht gleich in der ersten Einstellung Silvia Reimers (Cordula Trantow) auf, die gerade ihr Kind zur Welt bringt. Unehelich natürlich, vom Vater keine Spur. Ein Fall für das Jugendamt, das sich der jungen Frau verständnisvoll annimmt. Dr. Behrmann (Josef Kastrel) weiß zwar von Silvias schwieriger Herkunft - ihre arbeitslose Mutter (Gaby Banschenbach) hatte gerade selbst erst ein Kind von ihrem Liebhaber bekommen - aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass aus dem grundanständigen Mädchen noch etwas werden kann.

...und Silvia nimmt sich zunehmend ihres Kindes an
Schon die Besetzung dieser Rolle mit der damals 18jährigen Cordula Trantow gab die Richtung vor, denn sie hatte in "Wegen Verführung Minderjähriger" die brave Teenager-Tochter eines Lehrer-Ehepaars gespielt, die noch ohne die frühreife Attitüde ihrer von Marisa Mell verkörperten Klassenkameradin auftrat. Fast ist man geneigt, zu hinterfragen, wie sie schwanger werden konnte, so bescheiden und sexuell zurückhaltend sie hier erneut spielte. Nicht überraschend beginnt sich Silvia langsam an ihren kleinen Sohn zu gewöhnen, den sie zu Beginn noch zur Adoption freigeben wollte, und macht sich auch auf die Suche nach dem Kindsvater, der sie verlassen hatte. Es ist Hermann Leitner, der diesmal auch am Drehbuch mitwirkte, zugute zu halten, dass er auch die Schwierigkeiten dieses Prozesses einbezog, aber das lässt nicht die Idealisierung eines „gefallenen Mädchens“ übersehen, dass hier als unrealistisches Beispiel für eine gelungene Resozialisierung herhalten musste.

Ihre Tochter bereitet ihnen Sorgen (Werner Hinz und Magda Schneider)
Das verlieh dem Film einen verständnisvollen Habitus, der die gewünschte pädagogische Wirkung unterstützen sollte. Eine übliche Strategie im „Moral-Film“ der späten 50er/frühen 60er Jahre, der der vom Absturz bedrohten Figur immer ein positives Beispiel gegenüberstellte. Als „gefährdet“ gilt hier Ruth Jüttner, gespielt von der inzwischen schon 27jährigen Corny Collins, seit Jahren eine feste Größe im so genannten „Halbstarken-Film“ ("Schmutziger Engel" (1958)). Leitners Intention wird an der Gestaltung des sozialen Umfelds deutlich, in dem die Gymnasiastin Ruth aufwächst. Eine Art Vorzeigefamilie in der BRD, Anfang der 60er Jahre: Vater (Werner Hinz), gut verdienender Angestellter, streng und gerecht, Mutter (Magda Schneider, hier in ihrer letzten Kinorolle zu sehen), Hausfrau, ausgleichend und nachsichtig, gepflegte Wohnung, geordnete Verhältnisse.

Ruth landet auf der Polizeiwache
Und selbstverständlich kümmern sie sich um ihre kecke Tochter und versuchen ihr die Flausen auszutreiben. Als Ruth eifersüchtig, weil sich der von ihr bevorzugte Kerl um eine Andere kümmert, mit dessen VW Käfer losfährt - betrunken und ohne Führerschein - landet sie schnell am nächsten Laternenpfahl. Für die teure Reparatur will Vater Oskar sie in die Pflicht nehmen, damit sie die Folgen ihres Fehlverhaltens spürt. Eine nachvollziehbare pädagogische Maßnahme, die bei Ruth aber nicht fruchtet. Anstatt ihren Stubenarrest abzusitzen, haut sie heimlich ab, um in einer stadtbekannten Bar selbst Geld für die Reparatur zu verdienen. Ganz harmlos natürlich, wie ihr Fred (Michael Heltau) versichert. Ein Typ mit Sportwagen, der bei Ruth sehr gut ankommt, und gemeinsam mit seinem Freund Pitt (Rainer Brandt) in Leitners Film als Sündenbock herhalten muss. Für Heltau ("Schloss Hubertus", 1954) ein eher untypisches Rollenfach, aber Rainer Brandt war früh auf den verschlagenen Mädchenverführer festgelegt. Hier betätigte er sich mit Autoschiebereien und als Fotograf von Nackt-Aufnahmen. Einen Job, den er in seiner Rolle in "Straßenbekanntschaften auf St.Pauli" (1968) wiederholte.

Vater Oskar Jüttner erweist sich als beratungsresistent und setzt auf Härte
Die Botschaft dahinter war klar. Da konnte das Elternhaus noch so seriös sein – gegen die Versuchungen von Sex und Materialismus half bei schweren Fällen wie Ruth nur professionelle Hilfe. Doch anstatt auf die pädagogischen Ratschläge des Doktors einzugehen, der der unverheirateten Mutter Silvia den Weg in Richtung eines geordneten Lebens weisen konnte, setzt Vater Oskar nur auf mehr Strenge und bringt seine Tochter damit auf direkten Weg ins staatliche Fürsorgeheim, aus dem sie bei erster Gelegenheit wieder ausbricht. Der tiefe Fall der Ruth wurde in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ genauso zugespitzt wie die Resozialisierung Silvias. Ein Hinterfragen ihrer Situation, basierend auf ihrer bürgerlichen Erziehung, findet bei Ruth nicht einmal ansatzweise statt. Selbst als ihre Klassenkameradin Eva (Gertraud Jesserer) davor zurückscheut, mit ihr zu Pitt und Fred in ein Haus zu gehen, wo diese angeblich Modefotos von ihnen machen wollen, weckt das kein Misstrauen bei ihr.

Ruth lässt sich von Pitt und Fred zu gewagten Aufnahmen überreden
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, wieso ein junger Regisseur wie Hermann Leitner, nur wenig älter als die handelnden Personen in seinem Film, einen solch konservativen Standpunkt einnehmen konnte? – Ein täuschender Eindruck, denn Leitner nahm den Titel seines Films ernst. Zwar stellte er die vorherrschenden pädagogischen Ansichten nicht in Frage und gab – wie im „Moral-Film“ üblich – der sich verändernden Sozialisation nach dem Krieg die Schuld an der Verführung der Jugend, aber er ließ seine Protagonistinnen nicht fallen. Ein Mann wie Dr. Behrmann, so professoral und altbacken sich sein Verständnis für die Situation der Mädchen heute anhören mag, dachte für die damalige Zeit tolerant. Leitners im Stil einer technischen Versuchsanordnung angelegtes Drehbuch war entsprechend notwendig. Nur mit einer klaren Ausrichtung – hier das gefallene, aber grundanständige Mädchen, dort die in Versuchung geratene junge Frau aus gutem Elternhaus – ließ sich Verständnis beim Publikum aufbauen.

Bei Gerda (Chris van Loosen) ist das nicht mehr notwendig
Ob der Film die angestrebte Wirkung erzielte, ist fraglich, denn Leitner, der mit "Liane: die weiße Sklavin" (1957) schon früh ein einschlägiges Werk mit erotischem Subtext abgeliefert hatte, nutzte den angeprangerten gesellschaftlichen Verfall gleichzeitig als Attraktion. Ein im moralisch konnotierten Problemfilm dieser Phase gewohntes Bild, das den Weg in Richtung Sex-Film in der BRD bereitete, der in seinen Anfängen noch vielfach den pädagogischen Zeigefinger einsetzte ("Sünde mit Rabatt", 1968). Allein die Gewichtung in Richtung optischer Freizügigkeit änderte sich. Doch auch in „Verdammt die jungen Sünder nicht“ besitzen die Szenen um Fred und Pitt schon den höchsten Unterhaltungswert. Zuerst gehört noch Walter (Walter Wilz) dazu, der ihnen die geklauten Autos neu lackiert, aber bei ihm handelt es sich um Silvias Ex-Freund und Vater ihres Kindes, wie sich später herausstellt, weshalb ihm die Läuterung zugestanden wird. Gerda (Chris van Loosen), blonder Mittelpunkt der erotischen Aufnahmen und sexuell aktiv, wurde dieser Prozess dagegen nicht mehr zugetraut, obwohl sie sich eine ernsthafte Beziehung mit Walter wünscht. Soweit ging das Verständnis nun doch nicht. 

"Verdammt die jungen Sünder nicht" Österreich 1961, Regie: Hermann Leitner, Drehbuch: Hermann Leitner, August Rieger, Wolfgang Schnitzler, Darsteller : Corny Collins, Cordula Trantow, Werner Hinz, Magda Schneider, Josef Krastel, Chris van Loosen, Rainer Brandt, Michael Heltau, Gertraud Jesserer, Walter WilzLaufzeit : 81 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Hermann Leitner:

 "Wegen Verführung Minderjähriger" (1961)

Sonntag, 27. Juli 2014

Wegen Verführung Minderjähriger (1960) Hermann Leitner

Inhalt: Dr. Rugge (Hans Söhnker) ist ein anerkannter Lehrer am örtlichen Lizeum. Besonders die 17jährige Inge (Marisa Mell), die mit Rugges Tochter Karin (Cordula Trantow) in eine Klasse geht, schwärmt für ihn. Die hübsche junge Frau verbringt gerne ihre Freizeit mit ihrem Freund Paul (Walter Wilz) in Beatclubs und Bars – im Gegensatz zu Karin, die sich bei einer gemeinsamen Verabredung vehement gegen die Avancen von Pauls Freund wehrt.

Karin ist entsprechend skeptisch, als Dr. Rugge Inge bei sich aufnimmt, nachdem ihr mit ihm befreundeter Vater tödlich verunglückte. Sie bemerkt im Gegensatz zu ihrer Mutter (Heli Finkenzeller), die Inge ebenfalls freundlich begegnet, dass diese in ihren Vater verliebt ist und alles daran setzt, ihn für sich zu gewinnen…


Die ab Mitte der 50er Jahre aufkommende Welle an Filmen, die direkt an die Einhaltung der noch sehr konservativ geprägten Moralvorstellungen appellierten, übernahm diese Aufgabe von dem die Kinolandschaft bis dahin bestimmenden Heimatfilm. War die Idealisierung von Ehe und Familie, verbunden mit den gewohnten Geschlechterrollen, in den frühen Nachkriegsjahren noch selbstverständlich, verlor der Heimatfilm diese Vorbildwirkung in den späten 50er Jahren. Reagierend auf die wachsende wirtschaftliche Prosperität und aufkommende Reiselust der Deutschen lag das Gewicht des Heimatfilms zunehmend auf einer komödiantischen Handlung mit Gesangseinlagen in touristisch ansprechender Umgebung (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1958"). Parallel entstanden in Folge des großen Erfolgs von "Die Halbstarken" (1956) Filme, die konkreter auf die sich verändernde Sozialisation nach dem Krieg eingingen - sowohl um die Sensationsgier des Publikums zu befriedigen, als auch um vor den ausschließlich als negativ beschriebenen Konsequenzen zu warnen.

Dieser Prozess lässt sich auch im Werk des österreichischen Regisseurs Hermann Leitner nachvollziehen, der seine Karriere als Regie-Assistent bei "Der Hofrat Geiger" (1948) begann, eine Komödie im frühen Heimatfilm-Gewand, die 1961 mit "Mariandl" ein Remake erfuhr. Mit "Pulverschnee nach Übersee" (1956) und "Ferien auf Immenhof" (1957) gehörten seine ersten Regie-Arbeiten ebenfalls dem Genre an, bevor er mit "Lilli, ein Mädchen aus der Großstadt" (1958) einen zeitgenössischeren Stoff verfilmte, der sich im Rahmen einer Kriminal-Komödie mit der sich wandelnden Rolle der Frau in der Gesellschaft befasste. Mit den Dramen "Wegen Verführung Minderjähriger", "Verdammt die jungen Sünder nicht" (1961) und "Wenn beide schuldig werden" (1962) versuchte Leitner, der in den beiden folgenden Film auch am Drehbuch mitwirkte, eine seriöse Betrachtung der sich verändernden Sozialisation nach dem Krieg und zeigte deren aus seiner Sicht negativen Folgen auf.

Die Parallelen zwischen "Wegen Verführung Minderjähriger" zu Veit Harlans Homosexuellen-Drama "Anders als du und ich" (1957) sind offensichtlich - nicht nur wegen der als Rahmenhandlung fungierenden Gerichtsverhandlung, die dem Thema den Charakter von übergeordneter staatlicher Bedeutung verleihen sollte, sondern auch in der Formulierung der Schuldfrage. Nicht der Einzelne trägt Schuld, sondern die "modernen Zeiten", die damit als eine Art Krankheitsbild ausgewiesen wurden, gegen die es auch ein Gegenmittel geben musste. Wie innerhalb dieser moralisch konnotierten Dramen üblich, wird auch in "Wegen Verführung Minderjähriger" nur das äußere Bild propagiert, ohne zu hinterfragen, woran Ehen tatsächlich scheitern. Allein die wiederholte Bemerkung, ein Mann Anfang 50 wäre "im gefährlichen Alter" - nebenbei der Titel eines Films von 1954, in dem Söhnker auch die Hauptrolle spielte - suggeriert eine rein von außen kommende Gefährdung, gegen die nur angemessene Maßnahmen seitens der Ehefrau getroffen werden müssten. Die Anklage "Wegen Verführung Minderjähriger", der sich der Studienrat Dr. Stefan Rugge (Hans Söhnker) ausgesetzt sieht und von deren Entstehung er im Rückblick vor Gericht berichtet, wird entsprechend als Konsequenz aus der mangelhaften Vorsorge gegen diese zunehmenden Gefahren betrachtet.

Leitners nach einem Drehbuch Wolfgang Schnitzlers entstandener Film versuchte den Spagat zwischen erhobenem Zeigefinger und gleichzeitigem Verständnis und verzichtete im Gegensatz zu Harlan in „Anders als du und ich“ auf direkt Beschuldige. Zu verdanken ist das dem Spiel Hans Söhnkers, der in seiner Rolle als seriöser Studienrat konsequent bleibt, die 17jährigen Inge (Marisa Mell) nicht bloß stellt, sondern die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Zwar sind die Rollen seiner jederzeit fair und ohne Eifersucht handelnden Ehefrau (Heli Finkenzeller) und seiner Tochter (Cordula Trantow) - den unschuldigen Teenager verkörpernd - idealisiert, aber Marisa Mell kann in einer ihrer ersten Rollen, in dem sie schon früh auf den Typus der Verführerin festgelegt wurde, als ehrlich Verliebte überzeugen.

Entscheidend für die Wirkung des Films ist aber, dass er die Sache beim Namen nennt. Es gibt Partys, fordernde junge Männer und willige Mädchen. Der Mittelteil des Films wird von einem zwar vergleichsweise braven Jazz- und Schlager-Konzert bestimmt, wird aber zum Ausgangspunkt des ersten Kusses zwischen Inge und ihrem Lehrer und führt später konsequenterweise zum Sex. Ob viele Betrachter damals die Mär von den angeblich früher entwickelten Mädchen nach dem Krieg ernsthaft glaubten, die quasi ohne eigenes Zutun zu Verführerinnen wehrloser Männer im „gefährlichen Alter“ wurden, darf bezweifelt werden. Die Warnung davor kam sowieso zu spät – die Zeiten ließen sich nicht mehr zurückdrehen und „Wegen Verführung Minderjähriger“ zeigt auch, warum.

"Wegen Verführung Minderjähriger" Österreich 1960, Regie: Hermann Leitner, Drehbuch: Wolfgang Schnitzler, Darsteller : Hans Söhnker, Marisa Mell, Heli Finkenzeller, Cordula Trantow, Walter WilzLaufzeit : 95 Minuten 

Nächtlicher Überraschungsfilm beim 13. Hofbauer-Kongress zu Nürnberg vom 24. bis 28.07.2014 

weitere im Blog besprochene Filme von Hermann Leitner:

"Verdammt die jungen Sünder nicht" (1961)

Sonntag, 3. November 2013

An heiligen Wassern (1960) Alfred Weidenmann

Inhalt: Roman Blatter (Hansjörg Felmy) verabschiedet sich schnell von seiner geliebten Binja (Cordula Trantow), um zu seiner Mutter und Schwester zu gehen, denn eine Glocke kündigt eine große Gefahr an, die über dem hoch in den Schweizer Alpen gelegenen Bergdorf liegt. Roman versucht seine Mutter Fränzi (Gisela von Collande) zu beruhigen, indem er die Wahrscheinlichkeit als gering erachtet, dass er oder sein Vater von dem Los erwischt werden, das sie zwingt, in der Bergwand die hölzerne Wasserleitung zu reparieren, von der das Überleben des gesamten Ortes abhängt – es gäbe genug andere Männer, die dafür in Frage kämen. Doch damit kann er sie nicht beruhigen, denn sie hat schon viele Männer sterben sehen, auf die das Los gefallen war.

Zudem ahnt Roman nicht, dass sein Vater Seppi Blatter (Karl John) wenig später im Wirtshaus des reichsten Bewohners des Ortes, Hans Waldisch (Gustav Knuth), am Tisch sitzt und verhandelt. Dieser hat ihm angeboten, seine Schulden zu entlassen und noch Geld drauf zu legen, wenn Blatter sich freiwillig für den gefährlichen Job meldet. Er lässt sich überreden und unterschreibt einen Vertrag, aber nachdem nachts die Lawinen wie erwartet die Leitung zerstört hatten, sieht sich Waldisch der Kritik der anderen Dorfbewohner ausgesetzt und auch Fränzi spricht bei ihm vor, um ihn zu bitten, den Vertrag zu zerreißen. Widerwillig setzt auch er sich in der Dorfkirche dem Losverfahren aus, aber obwohl Waldisch den Vertrag zuvor verbrannt hatte, meldet sich Seppi Blatter freiwillig. Zuerst verläuft seine Arbeit wie geplant, aber gerade als das Wasser wieder durch die intakte Leitung fließt, verliert er die Kontrolle und stürzt in den Tod. Das gesamte Dorf trauert, aber bald kehrt wieder der Alltag ein und Waldisch setzt seinen Plan fort, den Tourismus zu fördern – nur Roman will sich damit nicht zufrieden geben…


Die Heimatfilm-Welle hatte ihren Zenit längst überschritten, als Regisseur Alfred Weidenmann und Drehbuchautor Herbert Reinecker mit "An heiligen Wassern" 1960 noch spät das Genre für sich entdeckten. Diese Entscheidung war überraschend, da ihre bisherige Zusammenarbeit - Reinecker war seit dem nationalsozialistischen Propagandafilm "Die jungen Adler" (1944) an beinahe allen Filmen Weidenmanns als Autor beteiligt - keine Berührungspunkte zu dem Erfolgs-Genre aufwies. Im Gegenteil galt ihr Interesse, nachdem sie Anfang der 50er Jahre wieder in der Film-Branche tätig werden durften, einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und dem daraus resultierenden Krieg ("Canaris" (1954) und "Der Stern von Afrika" (1957)), auch wenn ihre frühen Versuche im westdeutschen Film, die jüngste Historie aufzuarbeiten, umstritten blieben. Mit dem gesellschaftskritischen Kriminalfilm "Alibi" hatten sie sich zudem schon 1955 auf ein Gebiet gewagt, das erst in den 60er Jahren Popularität erlangen sollte.

Bei einer genaueren Analyse des Films wird deutlich, dass "An heiligen Wassern" mit dem klassischen Heimatfilm der 50er Jahre nur noch wenig gemeinsam hat. Die Story basiert auf der gleichnamigen Romanvorlage des Schweizer Heimatschriftstellers Jakob Christoph Heer, in dem dieser vor den Gefahren der beginnenden Tourismuswelle für die traditionelle Lebensweise der Bergbevölkerung warnte, gleichzeitig aber auch Chancen darin erkannte. Der 1898 herausbrachte und 1932 schon einmal verfilmte Roman, wurde von Weidenmann und Reinecker in einer Mischung aus dokumentarischem Charakter und dem Zeitgeist der Wirtschaftswunderjahre auf die Leinwand gebracht, indem sie die archaische Lebensweise der Bergbevölkerung mit einem dynamisch und optimistisch auftretenden Hansjörg Felmy in der Hauptrolle verbanden, der Ende der 50er Jahre zu einem der populärsten Mimen im deutschen Kino aufgestiegen war.

Aus dem Off erklärt zu Beginn eine Stimme, wie abhängig die hoch gelegenen Bergdörfer von dem Gletscherwasser waren, das sie über hölzerne Rinnen bis zu einem Sammelbecken im Ort führten. Gezwungenermaßen musste die Rinne entlang der Felswände, hoch über dem Tal, gebaut werden und war dem Wetter schutzlos ausgesetzt. Wurden Teile davon von einer Lawine zerstört, wurde per Los ein Mann des Dorfes dazu bestimmt, in die Felswand abzusteigen, um die Wasserversorgung wieder herzustellen – ein lebensgefährliches Unterfangen, dass einem Todesurteil gleich kam. Weidenmann widmet das erste Drittel seines Films ausführlich diesen Vorgängen, dabei nur wenige dramatische Elemente hinzufügend. Mehr als der junge Roman Blatter (Hansjörg Felmy) spielt der Ortsvorsteher und als Besitzer des Gasthauses „Zum Bären“ reichste Bürger der Stadt, Hans Waldisch (Gustav Knuth), die wichtigste Rolle in der frühen Phase des Films. Er versucht Seppi Blatter (Karl John), Romans Vater, mit dem Versprechen, ihm seine Schulden zu erlassen, dazu zu überreden, sich freiwillig für die Reparatur der Leitung zu melden, auch weil er Angst hat, dass das Los auf ihn selbst fallen könnte.

Gustav Knuth, einer der beliebtesten Nebendarsteller des deutschen Films, spielte hier entgegen seines sonstigen Rollenklischees nicht den Sympathieträger, sondern einen geschäftstüchtigen Mann, der dank seines Kapitals nicht nur den größten Einfluss im Ort hat, sondern auch vom aufkommenden Tourismus in den Alpen profitieren kann. Die Besetzung Knuths verweist darauf, dass Reinecker in der Charakterisierung dieser Rolle ein eindeutiges Gut-/Böse-Schema verhindern wollte, denn Waldisch ist kein hartherziger Despot, sondern bleibt immer auch ein Gemütsmensch, der in der Lage ist, eigene Fehler einzusehen. Als die Dorfbewohner davon erfahren, dass er Seppi Blatter kaufen wollte, gerät er in die Kritik – auch Fränzi Blatter (Gisela von Collande) bittet ihn, den von ihrem Mann unterschriebenen Vertrag zu vernichten – weshalb er widerwillig darauf eingeht. Trotzdem meldet sich Blatter beim Losverfahren freiwillig und stirbt, nachdem es ihm gelungen war, den Wasserlauf wiederherzustellen. Offensichtlich wollten Weidenmann und Reinecker die klischeehaften, meist künstlich hochstilisierten Konflikte im Heimatfilm vermeiden, weshalb selbst nachvollziehbare Auseinandersetzungen zurückhaltend inszeniert wurden.

Roman Blatter ist zwar mit der Tochter des „Bären“ - Wirts Binja (Cordula Trantow) liiert, aber auch als Roman von ihrem Vater des Gasthauses verwiesen wird, weil er sich darüber beklagte, dass die Bevölkerung nach dem Tod seines Vaters schnell wieder zur Tagesordnung überging, wird die Beziehung zwischen den Liebenden nicht in Frage gestellt. Auch der Streit zwischen dem jungen Mann und seinem möglichen zukünftigen Schwiegervater wirkt im Vergleich zur Genre-üblichen Dramatik unterschwellig – weder werden Hassgefühle geäußert, noch entsteht der Eindruck, als ständen sich auf ewig verfeindete Antipoden gegenüber. Diese pragmatische, immer den Konsens im Auge behaltende Sichtweise, zeigt sich im bemerkenswertesten Dialog des Films, als Creszens Waldisch (Margrit Rainer), die zweite Ehefrau des „Bären“-Wirts, ihre Ehe ganz unter dem Gesichtspunkt der gemeinsamen Aufgabe, ihren Gasthof an die Erfordernisse eines wachsenden Tourismus anzupassen, unterordnet. Sie verständen sich doch gut, fügt sie gegenüber ihrem Ehemann noch hinzu, dessen verdutzte Miene fast Mitleid erregen könnte – wann wurde im Heimatfilm jemals eine funktionierende Beziehung so ehrlich charakterisiert?

Der Nachteil dieser Bemühung um Differenzierung liegt in der fehlenden Dramatik des Films. Obwohl sich „An heiligen Wassern“ zu Beginn ganz den archaischen Bedingungen der Bergwelt unterordnet – das die Handlung in der damaligen Gegenwart, Ende der 50er Jahre, spielen soll, ist ihr zuerst nicht anzumerken – entsteht nie der Eindruck einer lebensfeindlichen, kargen Umwelt, wie sie etwa Luis Trenker in „Der Berg ruft“ (1938) entwarf. Bedingt durch die ausschließlich hochdeutsch sprechenden Darsteller und deren glatte, wohl genährte Gesichter, stellt sich trotz traditioneller Kleidung, Gesänge und einer stimmigen Umgebung keine authentisch wirkende Situation ein. Selbst die Szenen am Hang können die Gefahr, in die sich die Männer begeben, nicht vermitteln – der Tod von Seppi Blatter geschieht ohne eine zuvorige dramatische Zuspitzung. Als größter Fremdkörper erweist sich jedoch Hansjörg Felmy, dessen dynamisches Auftreten wenig von einem das karge Leben im Schweizer Hochgebirge gewohnten Naturburschen, aber viel von einem fleißigen, aufstrebenden jungen Bundesrepublikaner besitzt.

Ihm gegenüber steht mit dem von Hanns Lothar gespielten Thöni Grieg, dem Neffen der neuen Frau des „Bären“-Wirts, die einzige negative Figur des Films. Mit ihm kommen Schallplatten, moderne Musik, Tanz und Flirt ins Hochgebirge, was zwar Vorteile bei der Betreuung weiblicher Touristen bringt, Griegs Anerkennung bei der örtlichen Bevölkerung aber gegen Null fahren lässt. Dieser weiß sich dann auch nicht anders zu helfen, als zuerst dilettantisch Briefe zu fälschen, um dann überhastet die Postkasse mitzunehmen. Diese klischeehafte, den unsoliden Charakter moderner Jugendlicher verkörpernde Figur wirkt wie eine Konzession an die Publikumserwartung, um zumindest noch ein wenig Spannung in eine Story zu zwingen, die letztlich nur einen Schuldigen kennt - die veraltete Technik, die dank eines die Traditionen hochhaltenden, sich den Neuerungen der Gegenwart aber nicht verschließenden jungen Mannes, der drei Jahre nach Indien geht, um das Ingenieur-Handwerk zu lernen, bald der Vergangenheit angehören wird.

Dass Weidenmann in „An heiligen Wassern“ auf Tourismuswerbung, künstliche Eifersuchtsdramen, eindimensionale Charaktere und klischeehaften Humor größtenteils verzichtete, ist dem Film positiv anzurechnen, leider fehlen ihm gleichzeitig die dramatischen Zuspitzungen, die letztlich die Attraktivität des Genres ausmachten. Zudem klingt Roman Blatter am Ende gönnerhaft, als er auf die Bemerkung eines der Arbeiter an der neuen Wasserleitung, die Menschen hier wären noch primitiv, mit den Worten „nicht primitiv, sondern einfach“ antwortet. Daraus sprach keine Heimatverbundenheit, sondern ein wohlwollender Ingenieur, der die Zukunft anpackt – die 50er Jahre waren vorbei, der Wiederaufbau hatte einen Großteil der Kriegsschäden beseitigt und die Menschen brauchten die „Heile Welt“ in den Heimatfilmen nicht mehr.

"An heiligen Wassern" Schweiz 1960, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Jakob Christoph Heer (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Cordula Trantow, Gustav Knuth, Hanns Lothar, Karl John, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944)
"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957)

Dienstag, 25. Juni 2013

Die Brücke (1959) Bernhard Wicki

Inhalt: April 1945 - die 16jährigen Jungen der Schulklasse eines kleinen Ortes hoffen, dass sie noch zur Wehrmacht eingezogen werden, um Deutschland zum Sieg zu verhelfen. Zwar haben auch sie die alltäglichen Probleme Jugendlicher mit Eltern oder der ersten Liebe, aber vorherrschend bleibt ihre Begeisterung für einen Krieg, dessen Verlauf sie genau verfolgen, dabei jedes Wort der nationalsozialistischen Propaganda aufsaugend. Ihr Lehrer hatte diese Sichtweise lange Zeit unterstützt, sie aber angesichts der immer näher kommenden us-amerikanischen Armee inzwischen aufgegeben.

Doch seine Einsicht kommt zu spät. Voller Begeisterung folgen die Jungen dem Einzugsbefehl, obwohl die Erwachsenen ihre Rekrutierung für sinnlos halten. Dank der Einflussnahme ihres Lehrers und der Einsicht der Wehrmachts-Offiziere kommen sie nicht an die Front, sondern erhalten einen Wachposten an einer strategisch unwichtig scheinenden Brücke…



"Die Brücke" war nicht nur Bernhard Wickis erster abendfüllender Spielfilm, er gilt zudem als der erste deutsche Anti-Kriegsfilm, der das unmenschliche System des Nationalsozialismus ungeschönt wieder gegeben hat. "Die Brücke" wurde mit Preisen überhäuft bis hin zu einem "Golden Globe Award" und der Nominierung für den "Oscar" als bester fremdsprachiger Film - eine Vielzahl an Auszeichnungen, wie sie bis heute kaum ein anderer deutscher Film aufzuweisen hat, weshalb es nicht erstaunt, dass "Die Brücke" als einziger deutscher Film der Nachkriegszeit in den Filmkanon zur Schulbildung aufgenommen wurde. Angesichts seiner Entstehungszeit, Ende der 50er Jahre, als die damals populären Kriegsfilme noch den anständigen, nur unter einem mörderischen Regime leidenden Wehrmachtssoldaten in den Mittelpunkt stellten, erstaunt der allgemeine Konsens, den "Die Brücke" national wie international erfuhr, der dem Film einen bis heute andauernden Bekanntheitsgrad zusicherte.

Die Entstehung von "Die Brücke" hat eine längere Vorgeschichte, auch wenn die Story auf dem autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister basiert, der diesen 1958 unter dem Pseudonym Manfred Gregor veröffentlichte. Bernhard Wicki, in St.Pölten bei Wien geborener Schweizer Staatsbürger, wuchs zeitweise in Deutschland auf und machte sein Abitur in Bad Warmbrunn, Schlesien, bevor er später nach Berlin ging. Dort wurde er 1939 wegen seiner Mitgliedschaft bei der "Bündischen Jugend" verhaftet und war mehrere Monate im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung arbeitete er erst in Österreich, später wieder in Deutschland als Theaterschauspieler, bevor er Anfang 1945 mit seiner Frau Agnes Fink das Land verließ und in die Schweiz übersiedelte. Ab 1950 gehörte er zum Ensemble des bayrischen Staatsschauspiels in München, von wo aus er seine Filmkarriere begann.

Die Begegnung mit Helmut Käutner wurde zum entscheidenden Schritt in Richtung einer engagierten kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. In Käutners 1954 entstandenem Film "Die letzte Brücke", der konsequent am Beispiel jugoslawischer Partisanen und einer deutschen Ärztin den Wahnsinn des Krieges demaskierte, spielte Wicki seine erste Hauptrolle. „Die letzte Brücke“ erfuhr internationale Anerkennung, kam für die Deutschen aber zu früh und ist heute fast vergessen. In "Die Zürcher Verlobung" (1957) spielte er ein weiteres Mal unter Käutner, bei dessen Film "Monpti" (1957) er als Regie-Assistent erstmals hinter der Kamera stand. Zuvor hatte er eine Rolle in Laslo Benedeks Film "Kinder, Mütter und ein General" (1955) übernommen, der früh die gleiche Thematik einer verführten Jugend behandelte, die kurz vor dem Ende des Krieges sinnlos geopfert wurde. Doch obwohl der Film ebenfalls den "Golden Globe Award" als bester fremdsprachiger Film gewann, ist er heute nahezu unbekannt. Ähnliches gilt für "Unruhige Nacht", der mit Bernhard Wicki als Priester unter der Regie des ehemaligen Widerstandskämpfers Falk Harnack 1958 entstand und die letzte Nacht eines Soldaten vor seiner Abordnung nach Stalingrad beschreibt.

Angesichts der engagierten und die Zeit des Nationalsozialismus kritisch betrachtenden Werke, an denen allein Bernhard Wicki beteiligt war, stellt sich die Frage, warum "Die Brücke" heute eine so singuläre Bedeutung besitzt und quasi als erster Anti-Kriegsfilm gilt? - Wickis an den expressiven Schwarz-Weiß-Bildern der Stummfilmzeit orientierte Optik, verleiht dem Ort des Geschehens eine karge, grobkörnige Anmutung, der Storyaufbau erfolgt zügig und ist klar strukturiert in drei Teile gegliedert - das Leben der Jugendlichen als Vorgeschichte, ihre Musterung und Stationierung an der Brücke, das eskalierende Gefecht - wodurch der beabsichtigte dokumentarische Charakter entstehen konnte. Mit dieser gestalterischen Konsequenz entfernte sich Wicki vom typischen deutschen Nachkriegskino, womit er dem allgemeinen Konsens eher widersprach, zumal in einer Phase, in der die Bereitschaft zur selbstkritischen Analyse noch kaum vorhanden war – Helmut Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) und Wolfgang Staudtes „Kirmes“ (1960) scheiterten bei Publikum wie Kritik grandios.

Entscheidend für den Erfolg des Films ist die konsequent aus dem Blickwinkel der 16jährigen Jungen erzählte Story, mit der Wicki Angriffspunkte vermied. Typisch war der Vorwurf einer klischeehaften Darstellung von Nationalsozialisten oder mangelnde Authentizität der realen Hintergründe, klassische Totschlagargumente, mit denen jeder kritische Ansatz zunichte gemacht werden konnte. Auch in „Die Brücke“ gibt es einen NSDAP-Bürgermeister, der seine Frau angeblich in Sicherheit bringt, um sich mit seiner Geliebten amüsieren zu können, so wie ein Vater eine Liebesbeziehung mit der jungen Angestellten seines Friseurladens hat, in die sein Sohn heimlich verliebt ist. Doch das bleiben kleine Geschichten am Rande, immer aus der Sicht der Jungen erzählt. Dagegen widmet sich Wicki ausführlich der Jugendliebe zwischen Klaus (Volker Lechtenbrink) und Franziska (Cordula Trantow), die ihren Höhepunkt hat, als sich Franziska beim Abschied einen Kuss erhofft, Klaus aber nur seine ihr zuvor geschenkte Uhr zurückhaben möchte, die er bei seinem soldatischen Einsatz angeblich benötigt. Der leere Blick des Mädchens, wenn er - sie kaum noch beachtend – mit kindlich wirkender Begeisterung seiner Mutter von dem Einzugsbefehl am Telefon berichtet, bleibt in Erinnerung - eine Szene, auf die sich Alle einigen können.

„Die Brücke“ vermischte typische Verhaltensweisen pubertärer junger Männer und die ihnen von einem mörderischen Regime anerzogenen Begriffe von Ehre und Vaterland, um die Ausbeutung auch der Jüngsten für eine sinnlose Sache zu verdeutlichen – doch den Hintergrund einer Gesellschaft, die diese Haltung erst ermöglichte, beleuchtete er nicht. Im Gegenteil reagieren die Erwachsenen fassungslos auf die Einberufungsbefehle der Jungen, die fast losgelöst von der sonst vorherrschenden Meinung voller Hoffnung in den Kampf ziehen. Auch die Soldaten, allen voran Heilmann (Günter Pfitzmann), halten nichts von dem Einsatz der „Volksfront“, mit der die Nationalsozialisten die Rekrutierung alter Menschen und Jugendlicher rechtfertigten, und versuchen die Jungen vor ihrem eigenen Eifer zu schützen. Neben dem diktatorischen System steht einzig der Lehrer, der seinen Schülern den selbst zerstörerischen Corps-Geist eintrichterte, als Schuldiger dar, hat seinen Fehler aber inzwischen eingesehen und versucht noch, die Jungen zu retten. Die tragischen Ereignisse, die zum Tod fast aller Jugendlicher führen, wirken wie eine Verkettung unglücklicher Umstände, gespeist aus Misstrauen und falschem Gehorsam, aber auch normalem männlichen Imponiergehabe, etwa wenn der Jüngste von ihnen bei einem Fliegerangriff stehen bleibt, weil ihn seine Kameraden zuvor in einer ungefährlichen Situation, bei der er sofort zu Boden gegangen war, ausgelacht hatten. 

Bernhard Wickis Film hat den Vorteil einer hohen Identifikation mit den jugendlichen Darstellern um Fritz Wepper, Folker Bohnet oder Michael Hinz - für fast Jeden von ihnen wurde „Die Brücke“ der Startschuss einer langen Karriere - weshalb die schonungslosen Bilder der verzweifelten und tödlich verwundeten Jungen ihre Wirkung bis heute nicht verloren haben. Das ihre Erziehung und Verblendung nur in einem Umfeld geschehen konnte, welches diesen Geist generell transportierte, lässt der Film hingegen weg, womit er ähnliche Kompromisse einging wie beinahe alle kritischen Filme dieser Phase - dank der Konzentration auf die Jugendlichen, fällt die oberflächliche Gestaltung der Erwachsenen nur weniger ins Gewicht. Für seine Entstehungszeit, aber auch wegen seiner Zugänglichkeit für ein junges Publikum, bleibt „Die Brücke“ ein wichtiger Beitrag des deutschen Films, sein singulärer Charakter steht dagegen signifikant für die Schwierigkeiten einer Vergangenheitsbewältigung, die sich hier auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte.

"Die Brücke" Deutschland 1959, Regie: Bernhard Wicki, Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier, Bernhard Wicki, Manfred Gregor (Roman), Darsteller : Fritz Wepper, Folker Bohnet, Michael Hinz, Volker Lechtenbrink, Günter Pfitzmann, Cordula Trantow, Siegfried Schürenberg, Laufzeit : 98 Minuten