Posts mit dem Label Hans Nielsen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hans Nielsen werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 20. November 2016

Das blaue Meer und Du (1959) Thomas Engel


Direktor Heidebrink (Hans Nielsen) lässt sich von Helga (Karin Dor) überreden...
Inhalt: Eigentlich wollte Dr. Fred Bürkner (Fred Bertelsmann) seinem Chef Heidebrink (Hans Nielsen) nur seine neueste Erfindung, eine Selbstbewusstseins-Pille, vorstellen, aber dieser hat andere Pläne mit ihm vor. Seine Tochter Helga (Karin Dor) und deren französische Freundin Suzy (Renate Ewert) hatten ihm gerade offeriert, nur per Anhalter an die jugoslawische Küste reisen zu wollen, wo sie einen Archäologie-Professor besuchen wollen. Für den sorgenden Vater Heidebrink eine Horror-Vorstellung, weshalb er den braven Fred zum Aufpasser der Mädchen ernennt. Dieser scheint ihm besonders geeignet, da er nicht zu bemerken scheint, dass ihm alle Frauen-Herzen in der Firma zufliegen.

...und Fred (Fred Bertelmann) soll es wieder richten
Der Plan scheint einfach. Fred fährt zu einem verabredeten Ort, wo Heidebrink seine Tochter und deren Freundin an der Straße aussteigen lässt, und nimmt sie mit. Zufällig hat er dasselbe Ziel. Doch ein anderer Fahrer kommt ihm zuvor, der nur zu gerne die hübschen jungen Frauen mitnimmt und Fred muss sehen, dass er ihnen auf den Fersen bleibt.






"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Thomas Engels Film "Das blaue Meer und Du" war nach "Der lachende Vagabund" (1958) sein zweiter Film mit dem in den 50er Jahren erfolgreichen Sänger und Schauspieler Fred Bertelmann. Beide Filme, in denen Bertelmann als polyglotter Deutscher der Reiselust quasi voranschritt, wurden zu "Tourismusfilmen" in Reinkultur. Als Genre tritt der "Tourismusfilm" heute kaum in Erscheinung, da er sich vom Schlagerfilm nur wenig abgrenzte und sich stark an einem Zeitgeist orientierte, der sich vehement wandelte. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 

"Denk ich an Capri, dann denk ich auch an Tina, sie liebte einen Lord,
aber als sie mich sah, die schöne Signorina, lief sie ihm gleich fort, lief sie ihm gleich fort."

Fred Bertelmann als deutscher Tourist in "Der lachende Vagabund" (1958)
sang Fred Bertelmann in seinem Nummer 1-Hit von 1957 "Der lachende Vagabund“, auf dessen Basis auch der gleichnamige Film unter der Regie von Thomas Engel 1958 herauskam. Die Inszenierung dieses Lieds gleich in der ersten Szene des Films, sagt viel aus über das Männerbild der späten 50er Jahre. Mit einem großen Fotoapparat um den Hals, die Füße in Socken und Sandalen, schmetterte der Frauenschwarm das Lied vor der malerischen Kulisse eines Ortes an der jugoslawischen Adria-Küste. Ein Bild von einem deutschen Touristen, das der Betrachter vor Augen haben sollte, um die Charakterisierung des Hauptdarstellers in "Das blaue Meer und du" nachvollziehen zu können, der ein Jahr später unter der Leitung des nahezu identischen Kreativ-Teams entstand.

Bei den Anfangs-Credits noch mit einer anderen Blondine an der Seite...
Neben Regisseur Engel waren die Drehbuchautoren Fritz Böttger und Per Schwenzen, Kameramann Hans Hölscher und Produzent Willi Seyn erneut mit an Bord, diesmal unterstützt von Arthur Brauner. Zudem gab Hans Nielsen wieder einen Generaldirektor und Ursula Herking seine weibliche Begleitung. Doch anders als im "lachenden Vagabund" spielte Fred Bertelmann hier zu Beginn keinen Frauenhelden, sondern einen schüchternen Wissenschaftler, der mit einer Pille experimentiert, die Selbstbewusstsein verleihen soll. Nötig hätte er sie nicht, denn alle Frauen in der Fabrik von Generaldirektor Heidebrink (Hans Nielsen) sind Fred verfallen, der ihre schmachtenden Blicke und eindeutigen Angebote aber nicht wahrnimmt. Warum der Mann so gut bei den Frauen ankam? - Siehe oben.

...gilt Freds Aufmerksamkeit bald nur noch Helga
Doch selbst mit diesen Vorkenntnissen fällt der Zugang zu „Das blaue Meer und du“ nicht leicht, denn der Film wurde ganz auf einen Star zugeschnitten, dessen Film- und Sänger-Karriere Anfang der 60er Jahre schon beendet war und der auch im aufkommenden TV-Zeitalter kaum noch eine Rolle spielte. Im Gegensatz zur damals 21jährigen, ausnahmsweise einmal erblondeten Karin Dor, die in den 60er Jahren zum Kino-Star aufstieg, hier dem männlichen Helden aber noch als williges Love-Interest diente. An ihrer Seite stand mit der früh verstorbenen Renate Ewert eine weitere Schönheit, die sich für Chris Howland erwärmen sollte, der als einziger Solist neben dem Star gesanglich in Erscheinung treten durfte. Lieber gab Bertelmann allein den Titelsong viermal zum Besten.

 Helga landet mit Freundin Suzy (Renate Ewert) zuerst im falschen Auto
Diese Konzentration auf einen Star war im Schlagerfilm der späten 50er Jahre keineswegs unüblich, weshalb sich der Vergleich zu Peter Alexander aufdrängt und damit die Frage, warum dessen Popularität über Jahrzehnte andauerte und seine Filme heute noch beliebt sind? – Die Antwort darauf ist einfach. Alexander nahm sich selbst nicht allzu ernst. Im Gegensatz zu Bertelmann, dessen Versuch in „Das blaue Meer und du“ zu Beginn einen weltfremden Wissenschaftler zu mimen, krachend scheiterte. Daran änderte auch die Selbstbewusstseins-Pille nichts, die dem Ganzen einen ironischen Beigeschmack verleihen sollte. Ob mit oder ohne Pille – Dr. Fred Bürkner (Fred Bertelmann) blieb immer Herr der Lage.

Doch bald gibt es Anhalter-Romantik pur
Offensichtlich diente diese Vorgeschichte nur dazu, zu begründen, warum Direktor Heidebrink ausgerechnet ihn damit beauftragt, auf Tochter Helga (Karin Dor) aufzupassen, die sich partout nicht davon abbringen ließ, mit ihrer französischen Freundin Suzy (Renate Ewert mit falschem französischen Akzent) von Berlin per Anhalter an die jugoslawische Adria-Küste zu fahren. Schließlich schien der brave Mann gegenüber Frauen resistent zu sein. Da stellt sich nur die Frage, warum er in einem schicken, immer offenen Cabriolet statt mit einer braven Familienkutsche unterwegs ist? – So viel Coolness musste bei Bertelmann offensichtlich sein. Mit den Schüchternheitsanfällen, die Peter Alexander sehr überzeugend spielen konnte, hatte das nichts zu tun. Auch nicht als die beiden jungen Damen nach einigen Verwirrungen endlich neben ihm auf der Vorderbank Platz genommen hatten. Klar, dass sich Helga sofort in Fred verliebt.

Die ersten touristischen Ziele tauchen auf....
Das im Tourismus-Film beliebte Motiv, per Anhalter zu reisen, hatte in „Das blaue Meer und du“ seinen ursprünglichen Zweck verloren. Keine knappen Finanzen führten mehr zu der Wahl dieses Mittels wie in "Unter Palmen am blauen Meer" (1957), sondern allein die Abenteuerlust zweier junger Damen aus reichem Hause. Der moralische Zeigefinger ließ nicht lange auf sich warten. Erst geraten Helga und Suzy an einen geifernden Handlungsreisenden, dann an einen LKW-Fahrer, der ihnen die Leviten liest. Die pädagogische Wirkung verpuffte bei den beiden höheren Töchtern, da Fred in die Rolle des anständigen Autofahrers schlüpfte und ordentlich Anhalter-Romantik verbreitete, aber bei den Zuschauern, die den Trick kannten, sollte sie ankommen.

...und mit Christopher (Chris Howland) ein Mann für Suzy
Dank der ausführlichen Wegschilderung werden erst nach einer guten halben Stunde touristische Ziele sichtbar, dann aber gleich mit einem Aha-Effekt: die berühmte Brücke von Mostar, von wo aus die beiden jungen Frauen weiter an der Adria-Küste entlang zu Professor Petrovic fahren wollen, dem eigentlichen Ziel ihrer Reise. Gut, dass Fred zufällig denselben Weg hat. Weniger überzeugend ist die Drehbuch-Wendung, dass besagter Professor gerade zu einem Termin nach Dubrovnik fahren muss, obwohl er seine Gäste erwartet. Diese Gelegenheit nutzt sein Nachbar Christopher Greenwood (Chris Howland), um sich stattdessen als Archäologie-Gelehrter auszugeben, denn er hatte ein Bild von Suzy gesehen und hofft so, sie näher kennenzulernen. Dass beide Männer gegenüber den Frauen noch in Erklärungsnot geraten werden, ist da schon abzusehen, aber ein wenig Drama sollte noch in die Ferienidylle einziehen.

Der Urlaub kann beginnen
Anders als in "Unter Palmen am blauen Meer", der vor dem Hintergrund eines kleinen idyllischen Orts am Mittelmeer in Italien spielte, durfte Jugoslawien in „Das blaue Meer und du“ seine touristische Vielfalt ausspielen. Neben Sehenswürdigkeiten und Meeresblick sollten Bootsfahrten, Strandleben, Folklore-Veranstaltungen, Restaurants und Tanzabende bei Live-Musik (zur wenig jugoslawischen Musik der Nilsen-Brothers) Urlaubs-Feeling vermitteln. Eine Kulisse, vor der sich die zwei Paare schnell näher kommen. Auch Direktor Heidebrink und seine in ihn verliebte Chef-Sekretärin (Ursula Herking) fliegen aus Sorge noch hinterher – sie hatten von Fred ein paar Tage nichts gehört – um vor Ort dann ebenfalls in den Urlaubs-Modus zu verfallen.

Besuch in Dubrovnik inclusive
„Das blaue Meer und du“ wurde ein Tourismusfilm par excellence. Alltägliche Dinge oder reale Anlässe verschwanden zunehmend aus dem Fokus. Weder die zu Beginn eingeführte „Selbstbewusstseins-Pille“ (Fred schmeißt sie irgendwann weg, gebraucht hatte er sie sowieso nicht), noch der eigentliche Anlass für den Aufenthalt in Jugoslawien – der Besuch des Archäologie-Professors zwecks Weiterbildung – waren noch von Bedeutung. Selbst die Bedenken des Vaters hinsichtlich der Gefahren, die auf junge Mädchen auf einer solchen Reise lauern, hatten sich in Luft auf gelöst. Dabei passierte genau das, wovor er sich gefürchtet hatte: ein paar Kerle machten sich an seine Tochter und deren Freundin heran. Doch schließlich handelte es sich bei diesen um die männlichen Stars des Films - der „reale“ Hintergrund ihrer Rollen war da schon vergessen. Chris Howland wurde gar nicht erst einer angedichtet.

Das galt auch für die sonst im deutschen Unterhaltungsfilm gewohnten Happy-End-Zutaten. Mindestens eine angekündigte Hochzeit war zu erwarten, um die verliebten Blicke und sanften Küsse zu legitimieren. Darauf verzichtete „Das blaue Meer und du“ konsequent und endete wie er bei den Credits begonnen hatte – Fred Bertelmann singend vor traumhafter Kulisse mit einer Blondine an seiner Seite. Weitere Abwechslung in Zukunft nicht ausgeschlossen. 


 

"Das blaue Meer und Du" Deutschland 1959, Regie: Thomas EngelDrehbuch: Fritz Böttger, Per Schwenzen, Fred IgnorDarsteller : Fred Bertelmann, Karin Dor, Renate Ewert, Hans Nielsen, Ursula Herking, Chris HowlandLaufzeit : 88 Minuten

Montag, 31. Oktober 2016

Die zornigen jungen Männer 1960 Wolf Rilla


Inhalt: Während auf St.Pauli ein Pfarrer öffentlich vor einer großen Menschenmenge gegen die Verrohung der bürgerlichen Sitten anredet, befindet sich Fred Ploetz (Hansjörg Felmy), erfolgreicher Jung-Unternehmer einer Hamburger Werbe-Agentur, voll in seinem Element. Umgeben von hübschen Models feilt er an seiner nächsten Bilder-Strecke. Doch diesmal fällt ihm eine junge Frau ins Auge, die sich ihm nicht wie üblich an den Hals schmeißt. Die hübsche Studentin Kirsten (Gisela Tantau) ist so selbstbewusst wie anständig, eine Mischung die Fred ernsthaft zu interessieren beginnt. Er bemüht sich um sie und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er zuvor ständig wechselnde weibliche Bekanntschaften bevorzugte.

Seine neue Liebe hält ihn aber nicht davon ab, einen wenig seriösen Auftrag von einem seiner wichtigsten Kunden, dem Unternehmer Pflueger (Hans Nielsen), anzunehmen. Er soll dafür sorgen, dass ein Oberarzt, dessen Forschungsarbeit Pflueger aus geschäftlichen Gründen ein Dorn im Auge ist, die Reputation verliert. Ploetz plant schon seine Vorgehensweise, aber als er feststellt, dass es sich bei dem Arzt Dr.Schneider (Horst Frank) um einen alten Kriegskameraden handelt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Doch Pflueger hat auch die attraktive Irene (Dawn Addams) auf Dr.Schneider angesetzt.

Es dauert etwas, bis Fred (Hansjörg Felmy) zornig wird
"The angry young men" ist ein stehender Begriff für eine gegen ihre Väter-Generation aufbegehrende männliche Jugend, im 50er Jahre Hollywood-Kino personifiziert durch James Dean und Marlon Brando, in Deutschland in abgeschwächter Form durch Horst Buchholz ("Die Halbstarken" (1956)). Bei den "zornigen jungen Männern" in Wolf Rillas Film von 1960 handelte es sich dagegen um Enddreißiger, beruflich schon situiert, aber noch ohne familiäre Bindungen. Geschuldet war diese Situation der besonderen Lage nach dem Ende des Krieges. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder hatten zwar eine sich wandelnde Sozialisation zur Folge, die moralische Standards und Geschlechterrollen zu verändern begann, insgesamt war die bundesdeutsche Gesellschaft 1960 aber noch sehr konservativ. Allein Männer trafen geschäftliche Entscheidungen und um bei der älteren Generation ernst genommen zu werden, bedurfte es eines angemessenen gesellschaftlichen Status.

Anwalt Faber (Joachim Fuchsberger) verweigert die Glorifizierung der Armee
Stellvertretend stehen die drei Hauptfiguren für prägende Berufsgruppen der jungen Republik: der Leiter einer Werbe-Agentur, der Oberarzt und der Rechtsanwalt. Gespielt wurden sie von drei populären Darstellern - Hansjörg Felmy, Horst Frank und Joachim Fuchsberger - die real jünger waren als die von ihnen verkörperten Männer des Jahrgangs 1922, deren Freundschaft noch auf ihrer gemeinsamen Zeit als Soldaten während des Kriegs fußte. Nur Joachim Fuchsberger, Jahrgang 1927, wurde 1943 noch eingezogen, Felmy und Frank waren dafür zu jung. Deutlich wird an dieser Konstellation nicht nur, wie bindend diese gemeinsame Erfahrung mehr als ein Jahrzehnt später noch war, sondern dass sich daraus ein moralischer Anspruch ableitete. Als Fred Ploetz (Hansjörg Felmy) in dem Arzt, gegen den er im Auftrag des Großindustriellen Pflueger (Hans Nielsen) integrieren soll, seinen alten Kameraden Gerd Schneider (Horst Frank) wieder erkennt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Zuvor ausschließlich an Geld und Vergnügen interessiert, beginnt Ploetz umzudenken. Die gemeinsame Soldatenzeit wird zum Ausgangspunkt seiner Läuterung und zur Auflehnung gegen die Machenschaften des rücksichtlosen Geschäftemachers.

Partytime bei Fred...
Fred Ploetz steht nicht nur im Mittelpunkt der Handlung, sondern ist die einzige Figur, der eine Entwicklung zugestanden wird, auch wenn der Anlass dafür aus heutiger Sicht konstruiert wirkt. An ihm, dem Werbefachmann - ein Berufsbild, das erst durch die Wirtschaftswunderjahre und dem damit aufkommenden Konsum populär wurde - arbeitete sich der moralisch aufklärerische Gestus des Films ab. Ploetz ist ein Hallodri, der seine Werbe-Firma nicht nur für zahlreiche Frauenbekanntschaften nutzt, sondern sich Jedem andient, der ihn ordentlich bezahlt. Hemmungen kennt er nicht, was sich auch in seinen Partys zeigt, die er großzügig mit viel Alkohol und Sex veranstaltet. Den Auftrag seines Großkunden Pflueger, die Forschungsarbeit des Oberarztes verschwinden zu lassen, nimmt er sofort an. Darin hatte dieser nachgewiesen, dass die von Pfluegers Firma in Lebensmitteln verwendeten chemischen Zusatzstoffe krebsverursachend sind. Das hätte Einfluss auf ein neues, lückenhaftes Lebensmittelgesetz, dass der Bundestag verabschieden will. 

"Die Handlung und die Figuren des Films sind frei erfunden, sollten dennoch Ähnlichkeiten mit bestehenden Zuständen erkennbar sein, so sind diese wohl unvermeidlich" (zu Beginn des Films eingeblendete Texttafel)

...und dessen Erkenntnisse im Krankenhaus dank Dr.Schneider
Der gebürtige Berliner und englische Staatsbürger Wolf Rilla, der als Kind mit seinen Eltern 1934 aus Deutschland emigriert war, und im Gegensatz zu seinem Vater, dem Schauspieler Walter Rilla, nach dem Krieg nicht mehr zurückkehrte, schuf mit „Die zornigen jungen Männer“ seinen einzigen deutschen Film nach einem Drehbuch des Schriftstellers Wolf Berthold. Dieser wurde in den 50er Jahren bekannt für seine in Illustrierten veröffentlichten „Tatsachenromane“, die in ihrer Mischung aus Kolportage, Unterhaltung und Gesellschaftskritik den Nerv der Zeit trafen und heute ein authentisches Bild des damaligen Lebensgefühls vermitteln können. Nach seinen Vorlagen waren zuvor „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) über einen Serienmörder während der Zeit des Nationalsozialismus und der Anti-Kriegsfilm „Kriegsgericht“ (1958) entstanden, er entwarf aber auch ein zeitgenössisches Bild der Bundesrepublik in „Madeleine Tel.13 62 11“ (1958) und "Am Tag als der Regen kam" (1959), deren Schwerpunkt auf den sozialen Veränderungen nach dem Krieg lag.

Dr.Schneider (Horst Frank) erliegt der attraktiven Irene (Dawn Addams)...
Deren Mischung aus Gesellschaftskritik und moralischem Zeigefinger prägte auch „Die zornigen jungen Männer“. Die ernsthafte Thematik der Lebenmittelverunreinigung wird überdeckt von der Schilderung einer vergnügungssüchtigen Jugend. Die Offenlegung der Doppel-Moral des Staates, der eine Frau wegen „Beihilfe zur Unzucht“ verurteilen will, weil sie den Verlobten ihrer Untermieterin vor deren Hochzeit in ihrer Wohnung übernachten ließ, gleichzeitig aber gerne die Steuereinnahmen aus dem horizontalen Gewerbe einnimmt, wird kontrastiert von einem rückständigen Frauenbild. Diese ambivalente Haltung zeigte sich auch in den Charakterisierungen der Protagonisten. Horst Frank wird in seiner Rolle als Oberarzt zwar eine Schwäche für das weibliche Geschlecht zugestanden, die ihm beinahe zum Verhängnis wird, aber in seiner beruflichen Position bleibt er integer und standfest. Joachim Fuchsberger ist als Anwalt ganz charakterfester Profi. Ihre traditionellen Berufe werden nicht in Frage gestellt, das moderne Bild des Werbe-Grafikers, der sein Geld vor allem mit Fotos von leicht bekleideten Frauen zu verdienen scheint, dagegen schon.

...wie von Generaldirektor Pflueger (Hans Nielsen) beabsichtigt
Dass Hansjörg Felmy in seiner Rolle nicht vollständig demontiert wird, verdankt er dem Drehbuch-Trick, seine Verfehlungen in die Vergangenheit zu verlegen. Schon in einer der ersten Szenen des Films begegnet er der hübschen Studentin Kirsten (Gisela Tantau) und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er in den Jahren zuvor nur wechselnde Affären hatte. Er beginnt eine ernsthafte Beziehung mit Kirsten und entdeckt sein Gewissen wieder. Trotzdem kommt er nicht ganz ungeschoren davon – so viel Strafe musste sein. Auch Hans Nielsen als gewissenloser Unternehmer Pflueger muss sich am Ende eine Niederlage eingestehen, aber der Film wagte nicht, die Rolle des Kapitalisten ernsthaft in Frage zu stellen. Als er erkennt, dass er diesmal an einen stärkeren Gegner gekommen ist, bewahrt er Contenance und zieht die Konsequenzen. Dass er bei seinem nächsten geschäftlichen Vorhaben mit mehr Skrupel vorgehen wird, ist deshalb nicht zu erwarten.

Die eigentlichen Verlierer in „Die zornigen jungen Männer“ sind die Frauen, genauer die beiden gegensätzlich gezeichneten weiblichen Protagonistinnen. Die englische Darstellerin Dawn Addams, im deutschen Film auf die Rolle der „Femme fatale“ festgelegt ("Die feuerrote Baronesse" (1959)), prostituiert sich im Auftrag Pfluegers, um den Oberarzt Schneider in eine verfängliche Situation zu bringen. Nach einer gemeinsamen Nacht klagt sie ihn fälschlich der Vergewaltigung an. Aus der Klemme hilft ihm dessen cooler Kamerad, Anwalt Dr.Jürgen Faber (Joachim Fuchsberger), der den Spieß einfach umdreht. Er macht sich an die attraktive Irene (Dawn Addams) heran, die sich in ihn verliebt und ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Bevor sie im Bett landen, klärt Faber sie über seine wahren Absichten auf und fordert sie auf, ihre Anklage wieder zurückzuziehen, wenn sie verhindern will, dass ihre Liason bekannt wird. Sie hat keine Wahl, denn als Frau wäre sie diskreditiert und vor Gericht unglaubwürdig.

Moralpredigt
Die Studentin Kirsten ist das genaue Gegenteil von Irene, ein anständiges Mädchen. Obwohl Fred es ernst mit ihr meint, begeht er in einer Stress-Situation bei einer seiner Partys den Fehler, sie wegen ihrer Bravheit zu provozieren. Sie solle sich ihre Komplexe abreagieren und mit ein paar Anderen schlafen – einen Vorschlag, den sie noch in der gleichen Nacht umsetzt. Fred reagiert geschockt, ist sich seiner Schuld aber bewusst und macht ihr keine Vorwürfe. Doch das hilft Kirsten nicht mehr, die gegen die moralischen Prämissen verstoßen hatte. Mitten im Verkehr steigt sie aus seinem Auto und verschwindet verzweifelt in der Menge. Die Botschaft an die weiblichen Betrachter war eindeutig. Schon zu Beginn des Films spricht ein auf St.Pauli gegen die Verrohung der Sitten öffentlich auftretender Pfarrer direkt die Frauen an, die mit 20 nur an ihr Vergnügen denken, mit 30 aber ohne Freunde alleine in einer Dachkammer hausen werden. 

„Ein Film voller Pseudoproblematik, der seine Illustriertenherkunft nicht verbergen kann.“ (Lexikon des internationalen Films)

„Die zornigen jungen Männer“ wurde von der Filmkritik wenig positiv besprochen, aber das erklärt nicht, warum der unterhaltsame und abwechslungsreiche, zudem prominent besetzte Streifen fast vollständig aus dem Kino-Gedächtnis verschwand. So inkonsequent seine Mischung aus moralischem Zeigefinger und Gesellschaftskritik sein mochte, sie entsprach dem damaligen Zeitgeist. Deutlich wird in Wolf Rillas Film, dass die „sexuelle Revolution“ 1960 schon voranschritt. Freds Aufforderung an Kirsten griff früh einen Slogan aus den 68ern auf, wurde hier aber noch als negatives Beispiel eines dekadenten Lebenswandels hingestellt. Geholfen hat es nicht. Dem Film erging es wie vielen „Moral-Filmen“ seiner Zeit, die einerseits vor den Verwerfungen einer sich wandelnden Sozialisation warnten, gleichzeitig aber die Sex-Thematik als Aufhänger nutzten. Kombiniert mit der Kritik an einem Wirtschaftswunder-Kapitän – so dezent und wenig generell diese auch ausfiel – wagte sich Rilla damit gleich zweifach auf vermintes Feld. Offensichtlich zu früh, aber heute ein sehr guter Grund, den Film wieder zu entdecken. 

"Die zornigen jungen MännerDeutschland 1960Regie: Wolf RillaDrehbuch: Will Berthold (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Joachim Fuchsberger, Horst Frank, Dawn Addams, Hans Nielsen, Gisela Tantau, Armin Dahlen, Laufzeit : 83 Minuten