Posts mit dem Label Wolfgang Neuss werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wolfgang Neuss werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 7. April 2016

Banditen der Autobahn (1955) Géza von Cziffra

In der Nachtbar: Wolfgang Wahl, Hans Christian Blech, Charles Regnier
Inhalt: Einer gerissenen Diebesbande unter der Leitung von Paul Barra (Charles Regnier) gelingt es immer wieder der Polizei zu entkommen. Erst suchen sie sich ein potentes Opfer, dann stoppen sie dessen Fahrzeug nachts auf der Autobahn, berauben ihn und schlagen ihn nieder. Die Polizei weiß nicht, dass der Opel danach im Laderaum eines Getränkelasters verschwindet, den Franz Möller (Wolfgang Wahl) entspannt an den Kontrollen vorbei lenkt. Um sich nicht weiter an der Nase herumführen zu lassen, beschließt die Polizeiführung Straßensperren aufzustellen - mit der klaren Anweisung nach dem zweiten Durchbruch von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Kurt Heinze (Erich Scholz), dem sein Chef zu seiner Freude seinen Porsche für eine Dienstfahrt überlassen hatte, ahnt davon nichts. Seine Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz), die ihn auf der Fahrt begleitet, hatte das Radio ausgestellt, als die Warnung durchgesagt wurde. Im Anblick der nächtlichen Straßensperren und ohne die vergessenen Papiere unterwegs, gerät der junge Mann in Panik, hält nicht an und wird nach der zweiten Straßensperre tödlich von Maschinengewehr-Kugeln getroffen. Geschossen hatte Willi Kolanski (Hans Christian Blech). Die Polizei spricht ihn von jeder Schuld frei, aber die Öffentlichkeit hat dazu eine andere Meinung. Außerdem erfährt Kolanski, dass der Witwer Heinze (Paul Hörbiger) auf diese Weise auch seinen dritten und jüngsten Sohn verloren hat, nachdem die beiden Älteren im Krieg gefallen waren. Er beschließt, sich um ihn zu kümmern…


"Banditen der Autobahn" gehört in die Reihe der Nachkriegs-Filme, die trotz ihrer attraktiven Thematik und prominenten Besetzung vor und hinter der Kamera schnell in Vergessenheit gerieten und auch nicht im TV-Zeitalter der 60er und 70er Jahre ankamen. Die Frage nach dem Grund, macht diese Filme so interessant, denn meist entziehen sie sich einer eindeutigen Genre-Zuordnung, liefern überraschende Einsichten und vermitteln einen Eindruck ihrer Entstehungszeit.

Das gilt auch für "Banditen der Autobahn", den die PIDAX erstmals a08.04.2016 auf DVD herausbrachte. Nicht nur, dass der Film vom Krimi bis zur Satire eine Vielzahl an Stilen vereinte, er wagte unter dem Deckmantel des Unterhaltungsfilms einen Blick in die damalige Realität - eher wenig förderlich für den Publikumserfolg(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 







Vorfreude auf die Porsche-Fahrt: Kurt, Freundin Eva und Chef
Maschinengewehrsalven hallen durch die Nacht. Ein Porsche hatte zwei Straßensperren der Polizei durchbrochen und damit den Schießbefehl ausgelöst. Der Fahrer stirbt, erweist sich aber als unschuldig. Er bekam den Wagen von seinem Chef für einen Geld-Transport überlassen, hatte aber die Papiere vergessen und war beim Anblick der Sperren auf der Autobahn in Panik geraten. Anlass für die polizeiliche Maßnahme waren die unaufgeklärten nächtlichen Überfälle auf der Autobahn, bei denen wiederholt Fahrer ausgeraubt und niedergeschlagen wurden. Der schwarze Opel Kapitän, mit dem die Räuber ihre Opfer zum Halten zwangen und danach entkamen, blieb spurlos verschwunden, egal wie schnell die Polizei vor Ort war und an den Ausfahrten kontrollierte. Angesichts des markigen Filmtitels "Banditen auf der Autobahn“ ein zu erwartendes Szenario, das sich aber schon nach wenigen Minuten erschöpft. Vielleicht der Grund dafür, warum der Film trotz der Mitwirkung der Kölner Polizei, die hier mehrfach beim Martinshorn gesättigten Großeinsatz auf der nachts nur spärlich befahrenen Autobahn gezeigt wurde, weder zur gängigen Krimi-TV-Ware gehören sollte, noch darüber hinaus Erwähnung fand.

Wolfgang Neuss singt über die Autofahrer und die Polizei...
Offensichtlich plante Regisseur Géza von Cziffra, Mitte der 50er Jahre im Komödien- und Musikfilm-Fach erfolgreich zu Hause („Musikparade“, 1956), etwas Besonderes, denn er hatte sich Robert Thoeren und Wolfgang Neuss an seine Seite geholt. Für den gebürtigen Österreicher Thoeren, der 1933 nach Frankreich emigriert war und später US-amerikanischer Staatsbürger wurde, war es die zweite Mitwirkung an einem Drehbuch in deutscher Sprache - nach "Abenteuer in Wien" (1952), einer österreichisch-US-amerikanischen Co-Produktion. Auf seiner Idee zu „Fanfare d’amour“ (Frankreich 1935) basierte Billy Wilders „Some like it hot“ (Manche mögen’s heiß, USA 1959), die zuvor schon von Kurt Hoffmann in „Fanfaren der Liebe“ (1951) neu verfilmt wurde. Zuletzt hatte er am Drehbuch zu „La minute de vérité“ (Geständnis einer Nacht, Frankreich 1952) mitgewirkt, später folgte der Entwurf zum Drama „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ (1956) und die Thomas Mann Adaption „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957). Auch für Wolfgang Neuss, der Von Cziffra schon seine erste Kinorolle in „Der Mann der sich selber suchte“ (1950) verdankte, war die Beteiligung an einem Film-Drehbuch Neuland. Sein Beitrag blieb aber streng kabarettistisch, denn er trat im Film als Chansonnier auf einer Kleinkunst-Bühne auf.

...Kolanskis Begleitung (Ingrid van Bergen) gefällt`s
Mit an Bord waren zudem sein Dauer-Partner Wolfgang Müller als Friseurgehilfe mit frecher Schnauze, Paul Hörbiger als demütiger Witwer, der zwei seiner Söhne im Krieg verloren hatte, bevor sein Jüngster Opfer der Polizeikugeln auf der Autobahn wurde, sowie Hans-Christian Blech als Polizist und unfreiwilliger Todesschütze, der parallel als harter Hund in der "08/15" (1954) – Trilogie reüssierte. Eine bunte Mischung, zu der noch Charles Regnier in der Rolle eines kultivierten Gang-Anführers mit Vorliebe für klassische Musik stieß, sowie die vielseitige Eva-Ingeborg Scholz, ebenfalls gerade in „08/15“ aktiv. Herausgekommen ist ein Unikat, das sich jeder Genre-Zuordnung verweigert. Zuerst Kriminalfilm wandelt sich „Banditen der Autobahn“ in Richtung Satire und Gesellschaftskritik, wird zur Sozialstudie mit dramatischen Elementen, bevor am Ende die Krimi-Handlung wieder aufgenommen wird.

Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) reagiert kühl auf Kolanski
Das Drehbuch schlug entsprechende Kapriolen. Wirkt Willi Kolanski (Hans-Christian Blech) nach seinen tödlichen Schüssen auf den unglücklichen Porsche-Fahrer noch professionell abgebrüht, bekommt er plötzlich Gewissensbisse. Beim Friseur muss er sich anhören, dass bei der Polizei nur schießwütige ehemalige Wehrmachtssoldaten beschäftigt sind, dann macht sich Wolfgang Neuss bei einem Kabarettbesuch per Chanson über die Uniformierten lustig. Verärgert verlässt Kolanski das Etablissement, während sich seine Begleitung (Ingrid van Bergen) köstlich amüsiert. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, sammelt er Geld für den Vater (Paul Hörbiger) des getöteten Fahrers, um sofort als Untermieter in dessen Wohnung zu ziehen – in das verwaiste Zimmer des Jungen, in dem ein gemeinsames Bild mit dessen Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) steht, die mit im Porsche saß. Da trifft es sich gut, dass er in einer Nachtbar nach 10 Jahren seinem alten Freund und Armee-Kameraden Franz Möller (Wolfgang Wahl) wieder begegnet, der als Fahrer zur Bande der Autobahn-Verbrecher gehört. Und schon schließt sich der Kreis.

Der Gangsterboss (Charles Regnier) in seiner möblierten Unterkunft
Offensichtlich beschränkte sich der knapp 40jährige Kolanski während der 10 Jahre nach dem Kriegsende ausschließlich auf seine Polizei-Arbeit, denn weder verfügt er über soziale Bindungen, noch sonstige Verpflichtungen. Ein klassischer Drehbuch-Kniff, um dem Helden unbelastet ein neues Leben andichten zu können. Doch so konstruiert die Story-Anlage daher kam, so authentisch blieb der Film im Detail. „Banditen der Autobahn“ gab keinen Wirtschaftswunder-Optimismus wieder, sondern die Situation eines Landes nur wenige Jahre nach dem Kriegsende. Der Wunsch nach einem geordneten bürgerlichen Leben ist vorherrschendes Motiv der Protagonisten. Selbst die Mitglieder der Autobahn-Banditen leben in einer möblierten Wohnung und vertreiben sich die Abende in einem einfachen Nacht-Lokal. Als ihnen der Boden im Kölner Raum zu heiß wird, reicht ihr Geld gerade noch, um das Benzin Richtung Baden-Württemberg bezahlen zu können. Mehr Broterwerb als schillerndes Gangsterleben.

Weniger konkret, aber unmissverständlich ist der sexuelle Subtext des Films. Schon in einer frühen Szenen ziehen männliche Finger eine weibliche Hand vom Radio zurück und stellen es aus - der Grund dafür, warum der Liebhaber die Warnung der Polizei vor dem Schießbefehl auf der Autobahn überhörte. Ob es Eva Bergers Hand war, bleibt offen, aber für sie war die Beziehung mit dem jungen Mann eine Chance, ihrem bisherigen Leben zu entkommen, wie sie später einmal gegenüber Kolanski ausführt. Begriffe wie „Geliebte“ und „Animierdame“ fielen nicht im Film, um die weibliche Hauptfigur nicht zu diskreditieren, aber täuschen konnte man damit Niemand. Die Nachtbar, in der sie als Tänzerin arbeitet, ist das eigentliche Zentrum des Films.

Zwar versuchte die „Illustrierte Filmbühne“ (Beilage der PIDAX-DVD) mit Begriffen wie „untadeliger Beamter“ und „Lohn für seinen selbstlosen Einsatz“ in gewohnter Manier Eindeutigkeit herzustellen, konnte damit aber die Ambivalenz eines Films nicht überspielen, dessen Qualität in seiner Uneinheitlichkeit liegt. Ist die äußerliche Anlage noch konventionell und an der üblichen Erwartungshaltung orientiert, entwickelt der Film besonders im zentralen Teil einen pessimistischen Drive, der viel von der damaligen Realität widerspiegelt.


"Banditen der AutobahnDeutschland 1955, Regie: Géza von Cziffra, Drehbuch: Géza von Cziffra, Wolfgang Neuss, Rolf Thoeren, Darsteller : Eva Ingeborg Scholz, Hans Christian Blech, Paul Hörbiger, Charles Regnier, Wolfgang Wahl, Ellen Schwiers, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Josef Offenbach, Ingrid van BergenLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Cziffra:

"Die Beine von Dolores" (1957)

Sonntag, 11. Oktober 2015

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (1954) Wolfgang Liebeneiner

Die alten Freunde Pittes (Heinz Rühmann) und Hannes (Hans Albers)
Inhalt: Hannes (Hans Albers) kommt an Bord eines Schiffes der Handelsmarine nach acht Jahren auf See wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Er will endgültig an Land bleiben und freut sich auf das Wiedersehen mit seinem alten Freund Pittes (Heinz Rühmann), der auf der Reeperbahn das „Hippodrom“ betreibt, ein Vergnügungslokal mit Pferdedressur-Vorführungen. Schon auf dem Weg dorthin erfährt er, dass sich das Etablissement inzwischen „Galopp-Diele“ nennt, nicht die einzige Veränderung der letzten Jahre, wie Hannes schnell feststellen muss.

Pittes mit Louise (Fita Benkhoff)
Der Geschmack der Besucher der Reeperbahn hat sich erheblich gewandelt, weshalb die „Galopp-Diele“ inzwischen ein tristes Dasein mit nur noch wenigen Gästen führt. Auch Hannes Animierkünste – er schnappt sich ein Akkordeon und gibt ein paar Lieder zum Besten – können nur kurz für Abhilfe sorgen. Doch es gibt auch erfreuliches festzustellen, denn Anni (Helga Franck), die Tochter seines Freundes, ist inzwischen zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen, und wäre genau die richtige Wahl für den alten Frauenhelden, um endlich sesshaft zu werden. Er ahnt nicht, zu welchen Komplikationen das führt…

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" wurde der dritte und letzte gemeinsame Film der großen Stars Hans Albers und Heinz Rühmann. Dass man damit nach dem Krieg wieder an alte Erfolge anknüpfen wollte, lag nah - nicht ohne Grund nannte man den Film nach dem Schlager, den Hans Albers in "Große Freiheit Nr.7" (1944) so trefflich sang und bis heute zu anhaltendem Ruhm verhalf. Albers gesamte Rolle lehnte sich an seinen 1944 im Käutner-Film gespielten Charakter an, nur weniger tíefgründig und ambivalent angelegt. Erneut konnte das Hamburger Urgestein unter dem Namen "Hannes" seinen Charme und seine Gesangsstimme spielen lassen. 

Rühmanns solide Rolle war dagegen frei erfunden und kam an den Esprit seines Partners nicht heran. Zumindest zur Entstehungszeit des Films, denn die Filmgeschichte änderte die damalige Gewichtung. Während der 1960 gestorbene Albers langsam in Vergessenheit geriet, mehrte Rühmann noch jahrzehntelang seinen Ruhm als Schauspieler. Die DVD-Veröffentlichungen des Films werben heute nur noch mit seinem Namen. Das änderte aber nichts an der Wirkung ihrer damaligen Rollen. Rolf Olsen besetzte in seinem gleichnamigen Remake von 1969 die Rolle des "Hannes" nicht ohne Grund mit Curd Jürgens, einem nicht weniger charismatischen Darsteller als Albers.


"Tausend Mädchen müssen her!" - "Tausend nackte Mädchen müssen her!" - "Aber nur schöne!“ – „Und die such‘ ich aus!"

Die schaumgebadete Marion (Sybil Werden)
Kein Dialog aus einem Erotik-Film der späten 60er Jahre, sondern von zwei der populärsten deutschen Filmstars - Heinz Rühmann und Hans Albers. 1954, zu einem Zeitpunkt, in dem noch strenge moralische Standards galten, konnte ein solches Gespräch nur vor dem Hintergrund der Reeperbahn stattfinden, der berühmt-berüchtigten "sündigsten Meile der Welt". Für den gebürtigen Hamburger Hans Albers vertrautes Terrain, das er schon in "Große Freiheit Nr.7" (1944) betrat, in dem er als "Singender Seemann" auf der Bühne stand und den aus den 20er Jahren stammenden Schlager "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" zu andauernder Berühmtheit brachte. Nicht zufällig wurde dieser zum Namensgeber für einen erneuten St.Pauli-Film, in dem Albers wieder als "Hannes" seinen Charme, seine Sangeskunst und nicht zuletzt seine Schlagfertigkeit spielen lassen konnte.

"Große Freiheit" St.Pauli 1954
Doch anders als unter Helmut Käutners Regie im kurz vor dem Kriegsende entstandenen Vorgänger war Albers hier nicht der alles beherrschende Star, sondern bekam noch Heinz Rühmann zur Seite gestellt. Eine zuvor nur in "Bomben auf Cassino" (1931) und "Der Mann, der Sherlock Holmes war" (1937) praktizierte Kombination, die hier dem Versuch der beiden Mimen geschuldet war, ihre nach dem Kriegsende ins Stocken geratenen Karrieren wieder in Schwung zu bringen – eine Kalkulation, die aufging. Für Hans Albers blieben die 50er Jahre bis zu seinem Tod 1960 auf gleichbleibend gutem Niveau und für den elf Jahre jüngeren Heinz Rühmann, der im Jahr zuvor schon mit „Briefträger Müller“ (1953) aus dem Loch der Nachkriegsjahre herausgekommen war, bedeutete „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ eine weitere Forcierung seiner kommenden Erfolgsjahre (siehe dazu das „Heinz-Rühmann Porträt“). Eine Kalkulation, die auch der Story anzumerken war, die sich nicht nur bei „Große Freiheit Nr.7“ bediente, sondern ganz auf die Charaktere seiner beiden Hauptdarsteller zugeschnitten war.

Hannes will in Hamburg sesshaft werden
Hannes Wedderkamp (Hans Albers) kehrt nach acht Jahren auf See wieder nach St.Pauli zurück, um endlich sesshaft zu werden. Sein Weg führt ihn auf die Reeperbahn ins „Hippodrom“, das sein bester Freund Pittes Breuer (Heinz Rühmann) seit vielen Jahren leitet, inzwischen aber in „Galopp-Diele“ umbenannt wurde. Doch auch der zeitgemäßere Name half nicht, denn mit Pferdekunststückchen lassen sich auf der Reeperbahn der 50er Jahre keine Gäste mehr anlocken, so sehr sich Pittes auch als Animateur bemüht – einzig „Sex sells“. Statt Umsatz lauert nur der Gerichtsvollzieher, der die geliebten Pferde zur Schlachtbank führen will. Dagegen kann auch Hannes nichts ausrichten, auch wenn er sich wie einst das Schifferklavier schnappt, um mit schmissigen Liedern das Publikum anzulocken. Mit seinen Auftritten sorgte er in „Große Freiheit Nr.7“ noch für Furore, hier will Hannes seinem Freund das notwendige Geld leihen, um mit neuer Einrichtung eine moderne Revue auf die Beine stellen zu können.

Pittes mit Tochter Anni (Helga Franck)
Die vorhersehbare Story lebt vom Gegensatz Albers/Rühmann. Hannes und Pittes sind vor vielen Jahren gemeinsam zur See gefahren, auch wenn davon in der Gegenwart nur noch wenig zu spüren ist. Während Albers gewohnt überzeugend den Weltenbummler gab, der gegenüber jeder Frau seinen Charme spielen lässt, verkörperte Rühmann den soliden Familienvater, dem nach dem frühen Tod seiner Frau vor allem das Wohlergehen seiner inzwischen erwachsenen Tochter Anni (Helga Franck) am Herzen liegt. Mit Louise (Fita Benkhoff) lebt noch eine gleichaltrige Frau in Pittes‘ Haushalt, deren Charakter komplett konstruiert wirkt. Beider Verhalten entsprach ganz dem Klischee eines alten Ehepaars – sie kontrolliert ihn, er sucht sich Freiräume, körperliche Nähe Fehlanzeige – ohne aber verheiratet zu sein, da Pittes dazu keine Lust verspürt. Der Gedanke dahinter lag nah, denn keine weitere Person durfte das emotionale Dreieck Pittes, Hannes und Tochter Anni stören, das hier für die Dramatik sorgen sollte.

Hannes kümmert sich um das Liebespaar Anni und Jürgen (Jürgen Graf)
Denn wie sich schnell herausstellt ist Anni die leibliche Tochter von Hannes. Während der Hallodri auf den Weltmeeren unterwegs war, hatte der brave Pittes dessen schwangere Freundin geheiratet, um das Kind zu legitimieren. Pittes, der nur für sein Adoptivkind lebt, hat Angst, seinem alten Freund die Wahrheit zu sagen, da er befürchtet, dass er sie ihm daraufhin wegnimmt. Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, als er den Eindruck bekommt, dass der Frauenheld ausgerechnet Anni als Zukünftige ins Auge fasst. Wie zu erwarten kommt es zum Bruch zwischen den Freunden, aber nichts daran wirkt authentisch. Hannes betont zwar wiederholt, dass Annis Mutter seine einzige große Liebe war. Trotzdem hatte es ihn damals nicht gestört, dass sein bester Freund Pittes sie in seiner Abwesenheit geheiratet hatte, ohne dass er die nachvollziehbaren Gründe dafür kannte.

Pittes gerät in Schwierigkeiten
An einem echten Konflikt war die zwischen Komödie und leichtem Drama angelegte Story nicht interessiert, wie auch an den weiteren dramaturgischen Elementen deutlich wird. Die Gefahr einer Beziehung von Anni zu Hannes wird nicht ernsthaft erwogen, da die junge Frau ihren Chef (Jürgen Graf) liebt, Sohn des reichen Reeders Brandstetter (Gustav Knuth). Dieser steht der aus seiner Sicht nicht standesgemäßen Verbindung ablehnend gegenüber – eine Haltung die angesichts des sympathischen Gustav Knuth kaum Bestand haben durfte. Noch aufgesetzter wirkt die Kriminalstory um ein paar lichtscheue Gesellen (darunter Wolfgang Neuss als wenig tough auftretender Bandit), die verbotenerweise Ladung aus gesunkenen Kriegsschiffen stehlen wollen. Vielleicht konnte man Mitte der 50er Jahre noch etwas Thrill mit dem Modell eines versunkenen U-Boots und einer brennenden Zündschnur erzeugen, aber darüber hinaus hatte die Chose nur den Zweck, die Freunde wieder miteinander zu versöhnen.

Spaß auf der Reeperbahn
Wirklich von Bedeutung war das nicht, entscheidend blieb der Handlungsort St.Pauli Reeperbahn sowohl als klar definierte Heimat, als auch als außergewöhnlich freizügiger Lebensraum. Helmut Käutner setzte sich in „Große Freiheit Nr.7“ über die damals verordnete Moral hinweg, beschrieb Prostitution und außerehelichen Geschlechtsverkehr als Normalität in einem ernsthaften Kontext. Regisseur Wolfgang Liebeneiner, während der NSDAP-Diktatur eng mit dem Propaganda-Ministerium verbunden („Die Entlassung“, 1942), nach 1945 auch Verfechter engagierter („Liebe ‘47“, 1949) und satirischer Filme („1.April 2000“, 1950), verlieh „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ mehr einen komödiantischen Gestus, nutzte aber auch den moralischen Freiraum. Nicht in jeder Hinsicht – Anni ist ein Vorbild an anständiger Tochter und abschließend heiratet Pittes auch die geduldige Louise – aber so weit, dass der Spaß und die Lebenslust immer im Vordergrund bleiben. Rühmann und Knuth lassen es in den „Bumslokalen“ richtig krachen und Hannes teilt zeitweise das Bett mit der Tänzerin Marion (Sybil Werden). Für Hannes natürlich keine dauerhafte Beziehung, denn die hat er nur mit dem Meer – darin ähnelte Liebeneiners Film wieder dem Käutnerschen Vorbild.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" Deutschland 1954, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Gustav Kampendonck, Curt J.Braun, Darsteller : Hans Albers, Heinz Rühmann, Fita Benkhoff, Gustav Knuth, Helga Franck, Sybil Werden, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Montag, 22. Juli 2013

Wir Kellerkinder (1960) Hans-Joachim Wiedermann

Inhalt: Der Innenminister benötigt für die Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin dringend einen Film, in dem Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wurden, aber es gibt keinen solchen Film im Archiv der "neuen deutschen Schau". Deshalb werden Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) beauftragt, einen solchen Film in Berlins Straßen zu drehen. Doch auch gegen Geld will Niemand ein Hakenkreuz auf eine Wand malen - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - bis sie spät abends auf drei Musiker in Begleitung einer jungen Frau treffen, die sich dazu bereit erklären.

Während die Frau (Karin Baal) Schmiere steht, lässt sich Macke (Wolfgang Neuss) dabei filmen, wie er ein großes Hakenkreuz auf eine Glasscheibe malt - wie sich herausstellt, gehört das Fenster zum Luxus-Restaurant seines Vaters. Doch sie werden von der Polizei gestört, können aber in einen Keller fliehen, wo Macke den Männern vor deren Kamera die Vorgeschichte zu seiner Handlungsweise erzählt, die im Jahr 1938 in diesem Keller begann...


1960 wurde "Wir Kellerkinder" der kommerziell erfolgreichste Film in der Bundesrepublik Deutschland. Einerseits wegen der günstigen Produktionsbedingungen - die Handlung des Films, die Wolfgang Neuss mit den Kabarettisten der "Berliner Stachelschweine" und Gastauftritten bekannter Darsteller (Erik Schumann, Eric Ode) und Regisseure (Helmut Käutner) einspielte, benötigte nur wenige Lokalitäten - andererseits wegen seiner Idee, zuerst den Film in der ARD zu zeigen, bevor er in die Kinos kam. Für die Kinobetreiber bedeutete das eine große Respektlosigkeit, weshalb sie "Wir Kellerkinder" zuerst boykottierten - mit dem Ergebnis, dass die Zuschauer Schlange standen, als die ersten Kinos den Film doch vorführten.

Für Wolfgang Neuss, der es frühzeitig verstanden hatte, die Medien für seine Aktionen zu nutzen (so verriet er 1962 vor der Ausstrahlung der letzten Folge den Täter in der TV-Verfilmung des Durbridge Krimis "Das Halstuch", einem damaligen "Straßenfeger") bedeutete sein erster führend geschriebener Langfilm "Wir Kellerkinder" einen entscheidenden Schritt zu seiner großen Popularität als Kabarettist in den 60er Jahren. Bis ihm in den 70er Jahren ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie zuvor schon dem Film - er geriet in Vergessenheit. Betrachtet man den inzwischen zementierten Konsens, welche Filme frühzeitig einen kritischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und die folgenden „Wirtschaftswunder“ - Jahre wagten, wird neben Wickis „Die Brücke“ (1959) und Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) in der Regel noch „Wir Wunderkinder“ (1958) von Kurt Hoffmann genannt, „Wir Kellerkinder“ findet dagegen keine Erwähnung.

Wie die Ähnlichkeit der Filmtitel schon vermuten lässt, reagierte Neuss mit „Wir Kellerkinder“ unmittelbar auf Hoffmanns Film, an dem er gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Müller („Die zwei Wolfgangs“) maßgeblich beteiligt war. Seine Reaktion erhielt eine tragische Komponente, als Wolfgang Müller parallel zu den Dreharbeiten für „Das Spukschloss im Spessart“ (1960) - dem Nachfolgefilm des sehr erfolgreichen „Wirtshaus im Spessart“ (1958), an dem die beiden „Wolfgangs“ erstmals mit Kurt Hoffmann zusammen gearbeitet hatten - tödlich verunglückte. Mit dem Satz „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr“ wurde Wolfgang Neuss aus der Produktion komplimentiert - ein Zitat, dem nie widersprochen wurde, aber selbst wenn es genauso gelautet hätte, spricht Neuss’ fehlende Beteiligung an dem Film (und an allen weiteren Filmen Kurt Hoffmanns) schon genug für sich. Trotz dieses Schicksalsschlags führte Neuss das mit Müller begonnene Filmprojekt zu Ende – mit Wolfgang Gruner als Ersatz für seinen verstorbenen Partner.

In „Wir Wunderkinder“ war es erst seinen und Wolfgang Müllers satirischen Bemerkungen zu verdanken, dass Hoffmanns Film über die typische Wohlfühl-Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte hinaus kam, in „Wir Kellerkinder“ wurde Neuss noch deutlich konkreter und bissiger. Die Anlage der Story orientierte sich bewusst an Hoffmanns Film, indem Neuss nach einer Eingangssequenz wieder einen Rückblick auf die zurückliegenden Jahre gibt, hier beginnend im Jahr 1938, als der Erzähler Macke Prinz (Wolfgang Neuss) gerade 11 Jahre alt wurde. Mit seiner Geschichte will Macke Prinz gegenüber dem Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und dessen Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) von der "neuen deutschen Schau" begründen, warum er bereit war, ein Hakenkreuz auf die Fensterscheibe des Restaurants seines Vaters zu malen. Darum hatten ihn die beiden Männer gebeten, die für den Innenminister einen Film drehen sollten, bei dem ein Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wird, aber Niemand hatte den Job gegen Geld übernehmen wollen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nur Macke Prinz und seine beiden Freunde Arthur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst) hatten nicht gezögert.

Im Gegensatz zu „Wir Wunderkinder“, der einen historisch authentischen Rückblick auf die Jahre 1913 – 1957 warf, versuchte Neuss erst gar nicht, mit dessen kostenintensiver Ausstattung zu konkurrieren, sondern konzentrierte sich auf die inhaltlichen Konsequenzen. Dass er erst sieben Jahre den Kommunisten Knösel (Achim Striezel) vor den Nationalsozialisten im Keller versteckte – teilweise unter erschwerten Bedingungen, wenn der Keller bei Bombenangriffen stark frequentiert wurde - um danach seinen Vater (Willi Rose) vier Jahre lang vor der Entnazifizierung im Gefängnis zu bewahren, sollte keine äußerliche Realität widerspiegeln, sondern anschaulich verdeutlichen, wie schnell und wendig die Menschen auf die wechselnden ideologischen Anforderungen reagierten. Einzig Macke, Arthur und Adalbert fallen angesichts der Beweglichkeit ihrer Umgebung mit Übersprungshandlungen auf, was sie unmittelbar in die Heilanstalt bringt, wo sie zu Therapiezwecken die Wohnung des Doktors sauber halten dürfen. Die drei Insassen bekommen alle drei Jahre die Möglichkeit an den Orten, an denen ihr Krankheitsbild zu Tage trat – die Herrentoilette im Münchner Hofbräuhaus, das Theater in Cottbus und der Keller in Berlin – zu beweisen, dass sie inzwischen geheilt sind, indem sie dem dortigen Treiben der Menschen eine Stunde lang regungslos zusehen - eine fast unmöglich zu erfüllende Voraussetzung.

„Wir Kellerkinder“ bezog - anders als Hoffmanns „Wir Wunderkinder“ - nicht nur die Entwicklung der DDR mit ein, sondern teilte in sämtliche Richtungen aus. Weder gibt es hier einen besonders bösen Nationalsozialisten, noch irgendeinen Feingeist, sondern nur Durchschnittsbürger, die auch Ende der 50er Jahre noch die alten Parolen parat haben. Selbst der Alt-Kommunist Knösel geht am Ende in den Westen, um mit Büchern über seine Zeit in der DDR Kohle zu machen, und die Mär, in der DDR gäbe es keine Nazis, wird von Neuss wunderbar ad absurdum geführt – ausgerechnet der strammste Nazi seines Wohnblocks wird dort zum sozialistisch genormten Theaterleiter, verheiratet mit Mackes Schwester Almuth (Ingrid van Bergen), die früher als Jung-Mädel in der Partei engagiert war – selten gelang es besser, die Komplexität der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg auf den Punkt zu bringen.

Ob es an dieser treffenden, Niemanden schonenden Analyse lag, dass „Wir Kellerkinder“ inzwischen nahezu unbekannt ist, an der einfachen Inszenierung, die keine Chance gegen einen gut ausgestatteten Film wie „Wir Wunderkinder“ hatte - heute selbst nur noch Insidern bekannt - oder am generellen Niedergang von Wolfgang Neuss, der erst in den letzten Jahren vor seinem Tod 1989 von der links-alternativen Szene wieder entdeckt wurde, lässt sich schwer beurteilen, befreit aber nicht die Filmwissenschaft vor Kritik daran, an dem bis heute bestehenden Konsens, nur die Filme anzuerkennen, die schon zu ihrer Entstehungszeit akzeptiert wurden, festzuhalten. Wesentlich tiefer gehende, kompromisslosere Werke wie Staudtes „Kirmes“ (1960), Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) oder den hier besprochenen „Wir Kellerkinder“, um nur wenige Beispiele zu nennen, wurden bis heute weder wieder entdeckt, noch rehabilitiert - ein andauerndes Armutszeugnis.

"Wir Kellerkinder" Deutschland 1960, Regie: Hans-Joachim Wiedermann, Drehbuch: Wolfgang Neuss, Herbert Kundler, Thomas Keck, Darsteller : Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Ralf Wolter, Hilde Sessak, Ingrid van Bergen, Achim Strietzel, Eckart Dux, Willi Rose, Laufzeit : 87 Minuten

Freitag, 19. Juli 2013

Wir Wunderkinder (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: 1913 – in Neustadt, einem kleinen Ort in der Provinz, steht ein großes Ereignis bevor. Zur Einweihung des Völkerschlachtdenkmals soll ein Ballonfahrer nach Leipzig fliegen, um Kaiser Wilhelm II. die Ehre zu erweisen. Alle Bürger und Honoratioren der Stadt sind auf dem Feld angetreten, um dem Ballonfahrer die Ehre zu erweisen, nur die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisenfeld (Elisabeth Flickenschild), die am Rand des Felds in ihrem Wagen lebt, stört und wird von der Polizei entfernt. Allerdings haben auch die beiden Jungs Hans Boeckler und Bruno Tiches Unsinn im Kopf, doch während Hans erwischt und bestraft wird, gelingt es Bruno ungesehen in den Korb des Ballons zu klettern. Als dieser nur wenige hundert Meter entfernt wieder notlanden muss, ist die Angelegenheit so peinlich, dass Bruno ungestraft in der Schulklasse von seinen Erlebnissen mit Kaiser Wilhelm berichten darf.

Dieses Ereignis ist signifikant für den weiteren Lebensweg von Hans Boeckler (Hansjörg Felmy) und Bruno Tiches (Robert Graf), denn während Boeckler in den 20er Jahren unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen Philosophie in München studiert, macht Tiches Karriere bei der NSDAP…


Nach seinem großen Erfolg mit "Das Wirtshaus im Spessart", der Anfang 1958 in die Kinos gekommen war und Kurt Hoffmann die Gelegenheit gegeben hatte, hinter dem neckischen Treiben der Räuber satirische Spitzen auf Land und Leute loszulassen, nahm er sich mit der Romanvorlage "Wir Wunderkinder" von Hugo Harting einen deutlich kritischeren Stoff vor. Harting, dessen Roman "Ich denke of an Piroschka" Hoffmann 1955 ebenfalls verfilmt hatte, erzählt darin parallel zwei deutsche Lebensläufe, beginnend 1913 kurz vor dem Beginn der 1.Weltkriegs, noch zur Zeit Kaiser Wilhelms II., bis Mitte der 50er Jahre in der jungen Bundesrepublik Deutschland, die gerade die "Wirtschaftswunderjahre" erlebte.

Schon die erste Szene ist symptomatisch für die zukünftige Entwicklung der beiden Protagonisten - während der Knabe Hans Boeckel beim Start einer Ballonfahrt zur 100-Jahr-Feier der Völkerschlacht bei Leipzig wegen ungebührlichen Benehmens zu Strafarbeiten verdonnert wird, wird sein Klassenkamerad Bruno Tiches zum gefeierten Helden, weil der Ballon, in dessen Korb er verbotenerweise geklettert war, schon nach wenigen hundert Metern notlanden musste. Eine peinliche Angelegenheit für den Ballonfahrer und die Honoratioren der Stadt, weshalb Brunos schöne Geschichten von seinem persönlichen Empfang bei Kaiser Wilhelm II. erfolgreich die Runde machen dürfen. Dieses Geschick beweist Bruno Tiches (Robert Graf) auch in seiner weiteren Karriere - ist er nach dem Ende des 1.Weltkriegs noch beflissener Angestellter des örtlichen Bankhauses, dem potentesten Arbeitgeber der Kleinstadt, will er Mitte der 20er Jahre nichts mehr mit seinen jüdischen Arbeitgebern zu tun haben und geht nach München, um sich der NSDAP anzuschließen.

Dort trifft er auch wieder auf Hans Boeckel (Hansjörg Felmy), der in München Philosophie studiert. Doch damit enden die Parallelen, denn während Boeckel nach der Machtergreifung der NSDAP 1933 seinen Job als Feuilletonist bei der Zeitung verliert, macht Tiches Partei-Karriere. Boeckel bittet ihn erstmals um Hilfe, aber als dieser von ihm verlangt, Parteimitglied zu werden, bekennt er Farbe und lehnt ab  - mit der Konsequenz, dass er nur noch im Lager arbeiten darf. Nach dem 2. Weltkrieg begegnen sie sich zufällig wieder, um festzustellen, dass sich an ihren Rollen nichts geändert hat. Boeckel versucht noch mit Tauschhandel Nahrung für seine Familie aufzutreiben, während Tichel unter geändertem Namen schon zum erfolgreichen Geschäftsmann mutiert ist, der vom Schwarzmarkt profitiert - die Basis für seinen kommenden Reichtum und damit Einfluss und hohes Ansehen in der Bundesrepublik Deutschland wird gelegt.

Mit Bruno Tiches verkörperte Robert Graf überzeugend einen Typus, der der Realität sehr nahe kam. Er benötigte dafür nur wenige satirische Spitzen, denn Tiches ist kein Fanatiker, sondern ein Opportunist, der ein Gespür für den eigenen Vorteil hat. Sein Charakter lässt deutlich werden, dass Anpassungsfähigkeit und positive Selbstdarstellung die wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg sind. Eine bis heute gültige Regel, die nach dem 2.Weltkrieg besonders eklatant verdeutlichte, dass es zu keinem Bruch gekommen war, sondern das Diejenigen, die zuvor schon das Sagen hatten, auch danach über den größten Einfluss verfügten - notfalls indem sie ihren Namen und ihre Historie änderten. Der Dialog zwischen Tiches und Boeckel nach dem Krieg ist in dieser Hinsicht aufschlussreich. Wieder stilisiert sich Tiches zu einem Mann hoch, der erneut den Karren für Deutschland "aus dem Dreck zieht", wie er es auch schon in den 30er Jahren formulierte, und Boeckels damalige Ablehnung der Nationalsozialisten ist für ihn nur ein Anzeichen für dessen Unfähigkeit, sich klar zu positionieren  - wie üblich solche Argumentationen in der Nachkriegszeit gewesen sind, lässt sich leicht vorstellen.

Die Figur des Hans Boeckel ist dagegen idealisierter angelegt, auch wenn sich Felmy Mühe gab, eine gewisse Tatenlosigkeit auszustrahlen. Selbst das Schicksal geliebter und befreundeter Menschen - seine erste Freundin Vera (Wera von Frydtberg), auf die er jahrelang gewartet hatte, da sie ihre Lungenkrankheit in der Schweiz auskurieren musste, geht zu ihrem Vater nach Paris, und auch seinem früheren Klassenkameraden Siegfried Stein (Pinkas Braun), Sohn des jüdischen Bankiers seiner Heimatstadt, gelingt gerade noch rechtzeitig die Flucht - lässt ihn lange Zeit nicht erkennen, welche Gefahren von den Nationalsozialisten ausgehen. Er, der Ende der 20er Jahre seinen Doktor in Philosophie machte, hielt sie für eine vorübergehende Erscheinung und seine abschließende Aussage, mit "Tinte kann man kein brennendes Haus löschen" gab ihm Absolution. Denn abgesehen von dieser Passivität, ist Boeckel ein hehrer Charakter, der sich nicht einmal von der süßen Dänin Kirsten (Johanna von Koczian) an Silvester in Versuchung bringen lässt, da er noch mit Vera verlobt ist, die er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Erst als diese Beziehung geklärt ist, läuten die Hochzeitsglocken für ihn und Kirsten in Dänemark, auch wenn sie sich dafür gegen ihre Familie durchsetzen muss, die dem deutschen Bräutigam skeptisch gegenüber steht.

Die Konfrontation zwischen dem armen Schlucker Hans Boeckel und dem erfolgreichen Bruno Tiches konnte so abgeschwächt werden, denn während Boeckel über eine glückliche Familie mit zwei kleinen Kindern verfügt, lebt Tiches in unmoralischen Verhältnissen. Geschieden von seiner ersten Frau Evelyne Meisegeier (Ingrid van Bergen) hat er sich längst eine Jüngere zugelegt. Die gesamte Konstellation um die ledige Mutter von fünf Kindern, Mary Meisegeier (Elisabeth Flickenschild), die zu Zeiten Wilhelm II. noch als "Zigeunerin" abgelehnt wurde, dann als Schwiegermutter zu Tiches Entourage gehörte, um nach dem Krieg nach Argentinien "auszuwandern", atmet noch den Zeitgeist der 50er Jahre - zwar ironisierte der Film damit die Verlogenheit der Nationalsozialisten hinsichtlich deren Standards von Moral und Rassenideologie, bediente damit aber gleichzeitig bestehende Vorurteile. Autor Hugo Hartung sah in Familie Meisegeier, die sich vom Außenseiter zum glühenden Nazi wandelte (der Sohn der Familie lässt von Beginn an keinen Zweifel an seinem Antisemitismus), noch Potential, erkennbar an seinem letzten 1971 erschienenen Roman mit dem Titel "Wir Meisegeiers - der Wunderkinder 2.Teil".

Wie gewohnt von Kurt Hoffmann schwungvoll und unterhaltsam inszeniert, käme "Wir Wunderkinder" über einen nur latent kritischen Film nicht hinaus, gäbe es nicht die beiden Kabarettisten Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, mit denen er erstmals in "Das Wirtshaus im Spessart" zusammen gearbeitet hatte. Sie zeigen "Wir Wunderkinder" als "Film im Film", den sie von einer Bühne aus mit Kommentaren und Klaviermusik begleiten. Die Konzessionen, zu denen der Film in den 50ern noch gezwungen war, werden von ihnen deftig und unmissverständlich unterlaufen - wenn Bruno Tiches am Ende in einen Fahrstuhlschacht fällt und stirbt, dann enthebt Wolfgang Müller dieses scheinbare "Happy-End" gleich wieder. Während der Film die Bilder einer Beerdigung zeigt, zu der alle einflussreichen Persönlichkeiten aufmarschiert sind, um dem „verdienten Deutschen“ Tiches die letzte Ehre zu erweisen, erwähnt er, dass es so viele kaputte Fahrstühle nicht gibt, die angesichts der anderen "Tiches" repariert werden müssten - Kurt Hoffmann war nie kritischer als in „Wir Wunderkinder“, aber trotz des Gewinns eines "Golden Globes" als bester fremdsprachiger Film gehört er bis heute zu seinen weniger bekannten Werken.

"Wir Wunderkinder" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Eberhard Keindorff, Johanna Sibelius, Annemarie Selinko (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Johanna von Koczian, Robert Graf, Wera Frydtberg, Elisabeth Flickenschildt, Lina Carstens, Ingrid van Bergen, Ralf Wolter, Laufzeit : 103 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)

Mittwoch, 5. Juni 2013

Das Wirtshaus im Spessart (1958) Kurt Hoffmann

Inhalt: Obwohl der Moritatensänger (Rudolf Vogel) vor den Räubern im Spessart warnt und eine hohe Belohnung auf den Räuberhauptmann (Carlos Thompson) ausgesetzt ist, wagen sich die Wanderburschen Felix (Helmut Lohner) und Peter (Hans Clarin) in den finsteren Wald, ängstlich darauf vertrauend, dass sie als arme Schlucker nicht beraubt werden. Ganz anders sieht die Situation für die Comtesse Franziska von Sandau (Liselotte Pulver) und ihren Verlobten Baron Sperling (Günter Lüders) samt ihrer Begleitung aus, die mit ihrer Kutsche in eine Grube fahren und nicht mehr weiter können.

Zu ihrem scheinbaren Glück erscheinen wie zufällig Knoll (Wolfgang Neuss) und Funzel (Wolfgang Müller) an der Unglücksstelle, die ihnen den Tipp geben, die Nacht in einem nahe gelegenen Wirtshaus zu verbringen. Doch die beiden Räuber locken sie damit in die vorbereitete Falle, denn in dem abseits gelegenen Gasthaus taucht bald die Räuberbande mit dem Hauptmann an der Spitze auf, der sich ein ordentliches Lösegeld für die Comtesse erhofft. Um ihn zu täuschen, gibt sich Felix, der gemeinsam mit Peter auch im Wirtshaus untergekommen war, verschleiert als Comtesse aus, die selbst als Räuber verkleidet zu fliehen versucht. Doch als ihr klar wird, dass sie ihre Freunde damit im Stich lässt, schließt sie sich der Bande an…


Die Moritat um die Räuberbande im Spessart, die im 18.Jahrhundert spielen soll, war nicht nur die vierte Zusammenarbeit Kurt Hoffmanns mit Liselotte Pulver, sondern wurde einer der erfolgreichsten deutschen Filme der 50er Jahre, der folgerichtig mit „Spukschloss im Spessart“ (1960) und „Herrliche Zeiten im Spessart“ (1967) noch zwei Fortsetzungen nach sich zog, natürlich jeweils mit Liselotte Pulver in der Hauptrolle. Ein Erfolg dieser Größenordnung funktionierte nur mit einem genauen Gespür für den damaligen Publikumsgeschmack, weshalb der Zahn der Zeit deutlich mehr an "Das Wirtshaus im Spessart" genagt hat, als an einem weniger kompatiblen Werk wie "Die Zürcher Verlobung", den Helmut Käutner ein Jahr zuvor mit Lieselotte Pulver drehte.

Der Grund für den Erfolg der Geschichte um Comtesse Franziska (Liselotte Pulver) lag in der idealen Kombination damals beliebter Genres. Beginnend mit einem Vogelhändler und Moritatenerzähler (Rudolf Vogel), der dem Geschehen eine erzählerische Klammer gibt, liegt ein Schwerpunkt auf dem Gesang, der nicht kitschig klingt, sondern in einer Art Sprechgesang zwischen komödiantischen, albernen und sanft kabarettistischen Momenten wechselt. Besonders die beiden Erz-Komiker Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, die hier als gutmütige, leicht trottelige Räuber in das Geschehen eingreifen, dürfen sich auf diese Weise über kleinbürgerliches Denken amüsieren.

Die historisch anmutende Kulisse vor dem Hintergrund von Wasserschloss Mespelbrunn im Spessart, wirkt theatralisch künstlich mit betont schmutzigem Räuberlager und einem von waberndem Nebel umflorten düsteren Wirtshaus mitten im Wald. Eine bewusst herbei geführte Wirkung, denn trotz der gruseligen Atmosphäre macht Regisseur Hoffmann kein Geheimnis daraus, dass es sich hier um eine leicht abgedrehte Komödie handelt, deren Räubermilieu er für respektlose Bemerkungen und moralisch gewagte Konstellationen nutzte. Der dicke Pfarrer, der das Geschehen mit weisen Sprüchen und erhobenem religiösen Zeigefinger kommentiert, wirkt entsprechend deplaziert und lächerlich – eine sanfte Kritik an den kirchlichen Moralvorstellungen.

"Das Wirtshaus im Spessart" vermittelt aus heutiger Sicht ein so vieldeutiges, wie uneinheitliches Bild. Der historische Rahmen versucht trotz schöner Kostüme gar nicht erst authentisch zu wirken. Einerseits gibt es den Oberst eines Kavallerieregiments, dessen Auftritt an einen typischen preußischen Offizier (Hubert von Meyerinck) aus der Zeit von Wilhelm II. erinnert, obwohl der Film optisch früher angesiedelt ist, andererseits spielt Liselotte Pulver die junge Adlige in einer Mischung aus Rüpelhaftigkeit und Selbstbewusstsein, die für 1958 sehr modern war. Noch heute ist es gut nachvollziehbar, dass diese Mischung aus Märchen, gruseliger Räuber-Atmosphäre und Komödie mit vielen witzig frechen Sprüchen und Gesängen sehr gut ankam, besonders dank der burschikos, respektlosen Liselotte Pulver. Dazu werden Seitenhiebe auf das Militär, die Kirche, die adligen geldgierigen Führungskräfte und das Spießbürgertum im Allgemeinen abgegeben. Und zu alledem gibt es noch eine romantische Liebesgeschichte zwischen der Comtesse und dem Räuberhauptmann (Carlos Thompson).

Die Story selbst ist sehr einfach gehalten und liefert nur das Grundgerüst für die Gesänge und komödiantischen Szenen - und für die frivolen Momente zwischen unverheirateten Männlein und Weiblein. Leider geht dem wilden Treiben am Ende ein wenig die Luft aus, da auch „Das Wirtshaus im Spessart“ nicht ohne Happy-End auskommt und sich der Räuberhauptmann in Wirklichkeit als ganz lieber und dazu noch adliger Kerl entpuppt. Auch daran wird der Geist von 1958 sichtbar, der sich in einem akzeptierten Rahmen ein wenig Kritik leistet, letztlich aber doch die Erwartungshaltungen des Publikums an eine schöne unterhaltende Geschichte erfüllen will.

Trotz kleinerer Wagnisse wirkt "Das Wirtshaus im Spessart" heute altmodisch, da sich die kabarettistisch komödiantischen Anspielungen am damaligen Zeitgeist orientierten und inzwischen betulich und harmlos daher kommen. Auch den emanzipatorischen Ansatz hält der Film nicht durch, denn die lange Zeit in einer Hosenrolle agierende Liselotte Pulver akzeptiert am Ende ihre mädchenhafte Unterordnung, um die Erwartung an Romantik und die gewohnten Geschlechterrollen zu erfüllen. Die Räuberposse um eine Comtesse, die zusammen mit Freunden von Räubern entführt wird und als Mann verkleidet entfliehen kann, hat viel von ihrer damaligen Wirkung verloren, lässt aber den Spaß der Beteiligten an dem Film nach wie vor spüren, denn Kurt Hoffmann konnte eine Vielzahl komödiantischer Schauspieler von Hans Clarin, über Ralf Wolter bis Günter Lüders aufbieten. Und das damals führende Komikerpaar Neuss/Müller befand sich wie üblich in großartiger Spiellaune, weshalb "Das Wirtshaus im Spessart" auch heute noch bestens unterhalten kann.

"Das Wirtshaus im Spessart" Deutschland 1958, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Luiselotte Enderle, Kurt Hoffmann, Heinz Pauck, Darsteller : Liselotte Pulver, Carlos Thompson, Hans Clarin, Rolf Wolter, Günther Lüders, Helmut Lohner, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Rudolf Vogel, Ina Peters, Hubert von Meyerinck, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:

"Quax, der Bruchpilot" (1941)
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Ich denke oft an Piroschka" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)