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Donnerstag, 7. April 2016

Banditen der Autobahn (1955) Géza von Cziffra

In der Nachtbar: Wolfgang Wahl, Hans Christian Blech, Charles Regnier
Inhalt: Einer gerissenen Diebesbande unter der Leitung von Paul Barra (Charles Regnier) gelingt es immer wieder der Polizei zu entkommen. Erst suchen sie sich ein potentes Opfer, dann stoppen sie dessen Fahrzeug nachts auf der Autobahn, berauben ihn und schlagen ihn nieder. Die Polizei weiß nicht, dass der Opel danach im Laderaum eines Getränkelasters verschwindet, den Franz Möller (Wolfgang Wahl) entspannt an den Kontrollen vorbei lenkt. Um sich nicht weiter an der Nase herumführen zu lassen, beschließt die Polizeiführung Straßensperren aufzustellen - mit der klaren Anweisung nach dem zweiten Durchbruch von der Schusswaffe Gebrauch zu machen.

Kurt Heinze (Erich Scholz), dem sein Chef zu seiner Freude seinen Porsche für eine Dienstfahrt überlassen hatte, ahnt davon nichts. Seine Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz), die ihn auf der Fahrt begleitet, hatte das Radio ausgestellt, als die Warnung durchgesagt wurde. Im Anblick der nächtlichen Straßensperren und ohne die vergessenen Papiere unterwegs, gerät der junge Mann in Panik, hält nicht an und wird nach der zweiten Straßensperre tödlich von Maschinengewehr-Kugeln getroffen. Geschossen hatte Willi Kolanski (Hans Christian Blech). Die Polizei spricht ihn von jeder Schuld frei, aber die Öffentlichkeit hat dazu eine andere Meinung. Außerdem erfährt Kolanski, dass der Witwer Heinze (Paul Hörbiger) auf diese Weise auch seinen dritten und jüngsten Sohn verloren hat, nachdem die beiden Älteren im Krieg gefallen waren. Er beschließt, sich um ihn zu kümmern…


"Banditen der Autobahn" gehört in die Reihe der Nachkriegs-Filme, die trotz ihrer attraktiven Thematik und prominenten Besetzung vor und hinter der Kamera schnell in Vergessenheit gerieten und auch nicht im TV-Zeitalter der 60er und 70er Jahre ankamen. Die Frage nach dem Grund, macht diese Filme so interessant, denn meist entziehen sie sich einer eindeutigen Genre-Zuordnung, liefern überraschende Einsichten und vermitteln einen Eindruck ihrer Entstehungszeit.

Das gilt auch für "Banditen der Autobahn", den die PIDAX erstmals am 08.04.2016 auf DVD herausbrachte. Nicht nur, dass der Film vom Krimi bis zur Satire eine Vielzahl an Stilen vereinte, er wagte unter dem Deckmantel des Unterhaltungsfilms einen Blick in die damalige Realität - eher wenig förderlich für den Publikumserfolg. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 







Vorfreude auf die Porsche-Fahrt: Kurt, Freundin Eva und Chef
Maschinengewehrsalven hallen durch die Nacht. Ein Porsche hatte zwei Straßensperren der Polizei durchbrochen und damit den Schießbefehl ausgelöst. Der Fahrer stirbt, erweist sich aber als unschuldig. Er bekam den Wagen von seinem Chef für einen Geld-Transport überlassen, hatte aber die Papiere vergessen und war beim Anblick der Sperren auf der Autobahn in Panik geraten. Anlass für die polizeiliche Maßnahme waren die unaufgeklärten nächtlichen Überfälle auf der Autobahn, bei denen wiederholt Fahrer ausgeraubt und niedergeschlagen wurden. Der schwarze Opel Kapitän, mit dem die Räuber ihre Opfer zum Halten zwangen und danach entkamen, blieb spurlos verschwunden, egal wie schnell die Polizei vor Ort war und an den Ausfahrten kontrollierte. Angesichts des markigen Filmtitels "Banditen auf der Autobahn“ ein zu erwartendes Szenario, das sich aber schon nach wenigen Minuten erschöpft. Vielleicht der Grund dafür, warum der Film trotz der Mitwirkung der Kölner Polizei, die hier mehrfach beim Martinshorn gesättigten Großeinsatz auf der nachts nur spärlich befahrenen Autobahn gezeigt wurde, weder zur gängigen Krimi-TV-Ware gehören sollte, noch darüber hinaus Erwähnung fand.

Wolfgang Neuss singt über die Autofahrer und die Polizei...
Offensichtlich plante Regisseur Géza von Cziffra, Mitte der 50er Jahre im Komödien- und Musikfilm-Fach erfolgreich zu Hause („Musikparade“, 1956), etwas Besonderes, denn er hatte sich Robert Thoeren und Wolfgang Neuss an seine Seite geholt. Für den gebürtigen Österreicher Thoeren, der 1933 nach Frankreich emigriert war und später US-amerikanischer Staatsbürger wurde, war es die zweite Mitwirkung an einem Drehbuch in deutscher Sprache - nach "Abenteuer in Wien" (1952), einer österreichisch-US-amerikanischen Co-Produktion. Auf seiner Idee zu „Fanfare d’amour“ (Frankreich 1935) basierte Billy Wilders „Some like it hot“ (Manche mögen’s heiß, USA 1959), die zuvor schon von Kurt Hoffmann in „Fanfaren der Liebe“ (1951) neu verfilmt wurde. Zuletzt hatte er am Drehbuch zu „La minute de vérité“ (Geständnis einer Nacht, Frankreich 1952) mitgewirkt, später folgte der Entwurf zum Drama „Zwischen Zeit und Ewigkeit“ (1956) und die Thomas Mann Adaption „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ (1957). Auch für Wolfgang Neuss, der Von Cziffra schon seine erste Kinorolle in „Der Mann der sich selber suchte“ (1950) verdankte, war die Beteiligung an einem Film-Drehbuch Neuland. Sein Beitrag blieb aber streng kabarettistisch, denn er trat im Film als Chansonnier auf einer Kleinkunst-Bühne auf.

...Kolanskis Begleitung (Ingrid van Bergen) gefällt`s
Mit an Bord waren zudem sein Dauer-Partner Wolfgang Müller als Friseurgehilfe mit frecher Schnauze, Paul Hörbiger als demütiger Witwer, der zwei seiner Söhne im Krieg verloren hatte, bevor sein Jüngster Opfer der Polizeikugeln auf der Autobahn wurde, sowie Hans-Christian Blech als Polizist und unfreiwilliger Todesschütze, der parallel als harter Hund in der "08/15" (1954) – Trilogie reüssierte. Eine bunte Mischung, zu der noch Charles Regnier in der Rolle eines kultivierten Gang-Anführers mit Vorliebe für klassische Musik stieß, sowie die vielseitige Eva-Ingeborg Scholz, ebenfalls gerade in „08/15“ aktiv. Herausgekommen ist ein Unikat, das sich jeder Genre-Zuordnung verweigert. Zuerst Kriminalfilm wandelt sich „Banditen der Autobahn“ in Richtung Satire und Gesellschaftskritik, wird zur Sozialstudie mit dramatischen Elementen, bevor am Ende die Krimi-Handlung wieder aufgenommen wird.

Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) reagiert kühl auf Kolanski
Das Drehbuch schlug entsprechende Kapriolen. Wirkt Willi Kolanski (Hans-Christian Blech) nach seinen tödlichen Schüssen auf den unglücklichen Porsche-Fahrer noch professionell abgebrüht, bekommt er plötzlich Gewissensbisse. Beim Friseur muss er sich anhören, dass bei der Polizei nur schießwütige ehemalige Wehrmachtssoldaten beschäftigt sind, dann macht sich Wolfgang Neuss bei einem Kabarettbesuch per Chanson über die Uniformierten lustig. Verärgert verlässt Kolanski das Etablissement, während sich seine Begleitung (Ingrid van Bergen) köstlich amüsiert. Um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, sammelt er Geld für den Vater (Paul Hörbiger) des getöteten Fahrers, um sofort als Untermieter in dessen Wohnung zu ziehen – in das verwaiste Zimmer des Jungen, in dem ein gemeinsames Bild mit dessen Freundin Eva Berger (Eva Ingeborg Scholz) steht, die mit im Porsche saß. Da trifft es sich gut, dass er in einer Nachtbar nach 10 Jahren seinem alten Freund und Armee-Kameraden Franz Möller (Wolfgang Wahl) wieder begegnet, der als Fahrer zur Bande der Autobahn-Verbrecher gehört. Und schon schließt sich der Kreis.

Der Gangsterboss (Charles Regnier) in seiner möblierten Unterkunft
Offensichtlich beschränkte sich der knapp 40jährige Kolanski während der 10 Jahre nach dem Kriegsende ausschließlich auf seine Polizei-Arbeit, denn weder verfügt er über soziale Bindungen, noch sonstige Verpflichtungen. Ein klassischer Drehbuch-Kniff, um dem Helden unbelastet ein neues Leben andichten zu können. Doch so konstruiert die Story-Anlage daher kam, so authentisch blieb der Film im Detail. „Banditen der Autobahn“ gab keinen Wirtschaftswunder-Optimismus wieder, sondern die Situation eines Landes nur wenige Jahre nach dem Kriegsende. Der Wunsch nach einem geordneten bürgerlichen Leben ist vorherrschendes Motiv der Protagonisten. Selbst die Mitglieder der Autobahn-Banditen leben in einer möblierten Wohnung und vertreiben sich die Abende in einem einfachen Nacht-Lokal. Als ihnen der Boden im Kölner Raum zu heiß wird, reicht ihr Geld gerade noch, um das Benzin Richtung Baden-Württemberg bezahlen zu können. Mehr Broterwerb als schillerndes Gangsterleben.

Weniger konkret, aber unmissverständlich ist der sexuelle Subtext des Films. Schon in einer frühen Szenen ziehen männliche Finger eine weibliche Hand vom Radio zurück und stellen es aus - der Grund dafür, warum der Liebhaber die Warnung der Polizei vor dem Schießbefehl auf der Autobahn überhörte. Ob es Eva Bergers Hand war, bleibt offen, aber für sie war die Beziehung mit dem jungen Mann eine Chance, ihrem bisherigen Leben zu entkommen, wie sie später einmal gegenüber Kolanski ausführt. Begriffe wie „Geliebte“ und „Animierdame“ fielen nicht im Film, um die weibliche Hauptfigur nicht zu diskreditieren, aber täuschen konnte man damit Niemand. Die Nachtbar, in der sie als Tänzerin arbeitet, ist das eigentliche Zentrum des Films.

Zwar versuchte die „Illustrierte Filmbühne“ (Beilage der PIDAX-DVD) mit Begriffen wie „untadeliger Beamter“ und „Lohn für seinen selbstlosen Einsatz“ in gewohnter Manier Eindeutigkeit herzustellen, konnte damit aber die Ambivalenz eines Films nicht überspielen, dessen Qualität in seiner Uneinheitlichkeit liegt. Ist die äußerliche Anlage noch konventionell und an der üblichen Erwartungshaltung orientiert, entwickelt der Film besonders im zentralen Teil einen pessimistischen Drive, der viel von der damaligen Realität widerspiegelt.


"Banditen der Autobahn" Deutschland 1955, Regie: Géza von Cziffra, Drehbuch: Géza von Cziffra, Wolfgang Neuss, Rolf Thoeren, Darsteller : Eva Ingeborg Scholz, Hans Christian Blech, Paul Hörbiger, Charles Regnier, Wolfgang Wahl, Ellen Schwiers, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Josef Offenbach, Ingrid van Bergen, Laufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Cziffra:

"Die Beine von Dolores" (1957)

Mittwoch, 20. März 2013

08/15 (1954) Paul May


Inhalt: Sommer 1939 – der Gefreite Asch (Joachim Fuchsberger) und der Kanonier Vierbein (Paul Bösiger) leisten gemeinsam ihren Wehrdienst ab. Während Asch gut mit dem täglichen Drill zurecht kommt und auch immer wieder Zeit findet, sich den Liebesdingen außerhalb der Kaserne zu widmen, vergeht kein Tag, an dem Vierbein nicht gnadenlos schikaniert wird. Der musisch veranlagte, wenig sportliche junge Mann eignet sich als Opfer für seine Vorgesetzten, die selbst gerne Weib, Alkohol und Gesang frönen, um gleichzeitig von ihren Untergebenen eiserne Disziplin einzufordern.

Als Vierbein brutal zusammen geschlagen wird, reicht es Asch mit den Methoden der Unteroffiziere und er ersinnt einen Plan, diese gegeneinander auszuspielen…


Angesichts der Tatsache, dass sowohl die Romanvorlage von Hans Hellmut Kirst als auch der Film 1954 ein großer Publikumserfolg waren, ist davon auszugehen, dass es sich dabei um ein aus heutiger Sicht eher unkritisches Werk handelt. Betrachtet man allerdings die erhebliche Aufregung, die Kirsts Buch neun Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs verursachte, wird offensichtlich, dass er damit den Nerv seiner Zeit traf. Auch wenn der Begriff „08/15“ ein Maschinengewehr aus der Zeit des 1.Weltkrieges bezeichnete und in der Armee als Synonym für „üblich“ und später „veraltet“ schon lange im Gebrauch war, so ist es dem Film und der Buchvorlage zu verdanken, dass er in den allgemeinen Sprachgebrauch Einzug fand. Ein überzeugenderes Argument für die damalige Bedeutung ist nur schwerlich zu finden.

Als ehemaliger Wehrmachts-Offizier und Lehrer für Kriegsgeschichte verbrachte Kirst nach dem Krieg neun Monate lang in einem amerikanischen Internierungslager, von wo er als „unbelastet“ entlassen wurde. Franz-Josef Strauss warf ihm damals vor, ein Anhänger des Nationalsozialismus gewesen zu sein, und rief 1954 zum Boykott gegen dessen Roman auf. Der Grund lag aber keineswegs in Kirsts Vergangenheit, sondern weil sich dieser mit seiner Trilogie gegen die Wiedereinführung einer deutschen Armee aussprach und sich damit gegen Bundeskanzler Adenauer und dessen Verteidigungsminister Strauss stellte. Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass die unterschiedlichen Haltungen - angesichts der damals noch sehr gegenwärtigen Vergangenheit - nicht eindeutig parteipolitisch zugeordnet werden konnten.

Ob die „08/15“ – Trilogie ernsthaft als Gegenargumentation für eine militärische Aufrüstung in Deutschland hinzugezogen wurde, darf zumindest angesichts des Films bezweifelt werden. Zu schmal ist der Grat zwischen Kritik und Faszination an der Armee, als das damit eine eindeutige Ablehnung hätte hervorgerufen werden können. Aber konnte man das von einem langjährigen Soldaten, der ein Buch für eine Bevölkerung geschrieben hatte, deren männlicher Teil selbst größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand, wirklich erwarten? – Das die seriöse Kritik Film und Buch als „trivial“ ablehnten (und damit für eine bis heute gültige Einordnung sorgten), kann nicht als Argument dafür herhalten, dass das damals sehr konservative Feuilleton sich etwa an der mangelnden Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus störte. Viel mehr wurde der umgangssprachliche und plakative Stil kritisiert, der den Film aus heutiger Sicht erst für die Analyse interessant macht und der in seiner Zeit die Massenbegeisterung auslöste.

„08/15“ besitzt einerseits eine Authentizität im Hinblick auf die damalige menschliche Psyche, die selbst durch einen bestens recherchierten Dokumentarfilm nicht mehr so direkt vermittelt werden kann, andererseits - durch seinen fast völligen Verzicht auf den politischen Hintergrund des Nationalsozialismus - eine Allgemeingültigkeit der Beschreibung der inneren Abläufe einer Armee, die bis in die Gegenwart reicht. Dass die zeitgenössische Filmkritik den vulgären Charakter kritisierte, der den Spaß an der Armee betont hätte, mag Mitte der 50er Jahre gerechtfertigt gewesen sein. Heute wirken die Saufgelage und grölend gesungenen Lieder eher abstoßend. Kaum vorstellbar, dass ein junger Mann angesichts des dort gezeigten Treibens, Lust auf das „Abenteuer“ Armee bekommen hätte.

Im Gegenteil besteht heute sicherlich eine höhere Identifikation mit dem sensiblen, musisch veranlagten Kanonier Vierbein (Paul Bösiger), der in „08/15“ als Opfer herhalten muss, und durch die anhaltenden Schikanen beinahe in den Selbstmord getrieben wird. Kirst wollte mit dieser Figur die menschenverachtende und rücksichtslose Seite der Armee demonstrieren, aber an Hand des eigentlichen Helden, Gefreiter Asch (Joachim Fuchsberger), wird seine wirkliche Intention deutlich. Dieser ist zwar ein Freigeist, der dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber steht, aber auch ein besonders guter Soldat. Seine trickreiche Rache an diversen Vorgesetzten erfüllt eher den Komödiencharakter des Films, denn so geschickt er hier auch agiert, wäre er an wirklich hart agierenden Vorgesetzten gescheitert. Letztlich vermittelt „08/15“ keine umfassende Kritik an der Armee, sondern nur an der Inkompetenz und Unmenschlichkeit einiger seiner Mitglieder. Die höchsten Offiziere – hier in Persona des Major Luschke (Wilfried Seyferth) – verhalten sich dagegen immer in der Sache menschlich angemessen und souverän.

Aus heutiger Sicht wirkt „08/15“ verharmlosend. Die Wehrmacht hatte scheinbar mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun und wurde von verantwortlichen Männern geleitet, die auch in der Lage waren, interne Probleme zu lösen. Negative Auswüchse lagen immer nur in der Schuld Einzelner. Doch damit erfasst man nicht Kirsts Leistung, dessen Roman nicht ohne Grund von fast sämtlichen einflussreichen Stellen vehement abgelehnt wurde. Kirst nimmt hier die Position des „kleinen Mannes“ ein, indem er aus der Sicht eines Gefreiten eine Armeezeit schildert, die sicherlich Vielen aus dem Herzen gesprochen hat.

Trotz dieser wenig kritischen Sichtweise, die den niederrangigen Soldaten als Opfer der „Umstände“ stilisiert, überraschen doch viele provokante Details. In seinen besten Momenten, wenn der Film etwa dem schreienden Wachtmeister (Feldwebel) Platzek (Hans-Christian Blech) aufs Maul schaut, nimmt „08/15“ schon Bilder aus Kubricks „Full Metal Jacket“ vorweg. Die Szenen in der Unteroffizierkantine sind in ihrer rohen Vulgarität auch kein Ruhmesblatt für die Armee und die offenkundige Promiskuität, die sämtliche Beteiligten an den Tag legen, haben nichts von dem moralischen Anstand, der auch in der jungen Bundesrepublik noch lange gepredigt wurde. Auch zurückblickend erstaunt die Direktheit, mit der hier Sexualität - auch von weiblicher Seite her - eingefordert und gestattet wird.


Die wenigen Hinweise auf die politischen Verhältnisse (nur Aschs Schwester Ingrid darf als Mitglied des BDM ihre geistige Verwirrtheit bezeugen) lassen sich durch die Konzentration der Handlung auf den Kasernenhof im 1.Teil der Trilogie verkraften. Erst durch das Heraustreten aus dieser geschlossenen Anlage, wird in Teil 2 („08/15 – Zweiter Teil“, 1955) und 3 („08/15  In der Heimat“, 1955) zunehmend deutlicher, wie wenig der populäre Film 1954 in der Lage war, sich den schrecklichen Hinterlassenschaften der Nazi-Diktatur zu widmen.

„08/15“ hat es deshalb zurecht auf keine Liste der Anti-Kriegsfilme oder gar der Filme geschafft, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, aber man sollte seine Funktion trotzdem nicht unterschätzen. Mehr als über die Zeit, zu der die Handlung spielt (sie endet mit dem Beginn des 2.Weltkrieges am 01.09.1939), sagt der Film etwas über das Befinden der Deutschen Mitte der 50er Jahre aus, über ihre Haltung und (mangelnde) Fähigkeit zur Verarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit. Und auch über die Qualität der Diskussion, die zur Wiedereinführung einer deutschen Armee führte. Mit einem engagierten Werk wie Wickis „Die Brücke“ (1959) kann „08/15“ nicht mithalten, aber es ist in seiner Popularität näher an den tatsächlichen Empfindungen in Deutschland.

"08/15" Deutschland 1954, Regie: Paul May, Drehbuch: Paul May, Ernst Von Salomon, Hans Hellmut Kirst (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Paul Bösiger, Helen Vita, Hans Christian Blech, Mario Adorf, Laufzeit : 103 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Paul May: