Posts mit dem Label Willy Fritsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Willy Fritsch werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung, in deren Presse- und Propagandaamt Herbert Reinecker seit 1935 tätig war. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 

Montag, 22. April 2013

Die Drei von der Tankstelle (1930) Wilhelm Thiele


Inhalt: Als die drei Freunde Willy (Willy Fritsch), Kurt (Oskar Karlweis) und Hans (Heinz Rühmann) von einer längeren Reise wieder in die Heimat zurückkommen, müssen sie erfahren, dass ihnen außer ihrem Auto nichts mehr gehört. Der Gerichtsvollzieher steht schon vor der Tür und auch ihr Anwalt kann ihnen keine besseren Nachrichten übermitteln - wie viele Andere trieb auch sie der „schwarze Freitag“ in die Pleite.

Doch die Laune lassen sie sich nicht davon verderben, sondern beschließen spontan, nachdem sie mit leerem Tank liegen geblieben waren, eine Tankstelle zu eröffnen, die sie im Tausch gegen ihr Auto erwerben. Doch die Kundschaft stellt sich nur spärlich ein, weshalb es besonders erfreulich ist, dass ausgerechnet die hübsche Lilian (Lilian Harvey) häufiger vorbeikommt. Allerdings trifft sie dabei jedes Mal auf einen Anderen der drei Freunde, da sich diese mit der Arbeit abwechseln, und beginnt mit ihnen anzubändeln. Nicht erstaunlich, dass sich Jeder von ihnen Hoffnung macht...


"Die Drei von der Tankstelle" war nicht nur einer der ersten deutschsprachigen Tonfilme, sondern der erste Film der die musikalischen Darbietungen unmittelbar mit der Handlung verzahnte und damit nicht nur für die deutsche Filmoperette, sondern auch für das amerikanische Film-Musical wegweisend wurde. Am 1.Oktober 1937 wurde der Film in Deutschland verboten, was sich mit der großen Anzahl nicht mehr von den Nationalsozialisten geduldeten Künstlern erklären lässt, die wesentlich zum Gelingen des Films beitrugen. Aber auch der Leichtigkeit einer Story zu verdanken war, die zwar nur wenig Inhalt, aber viel Lässigkeit im Spiel der Geschlechter aufweist, die selbst modernen Filmen noch gut zu Gesicht stände.


1. Die Künstler:

In der Erinnerung an die Beteiligten fällt auf, dass der Film für viele von ihnen während der Hochphase ihrer Karriere entstand, die durch die Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 jäh abgebrochen wurde. Das gilt auch für den österreichischen Regisseur Wilhelm Thiele, der sich während der Stummfilmzeit als Spezialist für leichte Unterhaltungsfilme profiliert hatte. Auch nach "Die Drei von der Tankstelle" blieb er dem Metier treu und drehte unter anderen mit dem damaligen deutschen Filmstar Renate Müller zwei Filme ("Die Privatsekretärin", 1931), bevor er sich wegen seiner jüdischen Herkunft 1933 gezwungen sah, aus Deutschland wegzugehen. Schon 1935 entstand sein erster Hollywood-Film, aber an seine früheren Erfolge konnte er nicht mehr anknüpfen, auch nicht als er nach dem Krieg wieder in Deutschland als Regisseur arbeitete ("Der letzte Fußgänger", 1960 mit Heinz Erhardt).

Mit seiner Hauptdarstellerin Lilian Harvey hatte er zuvor schon mehrere Filme gedreht, darunter auch "Liebeswalzer" (1930), der sie zum ersten weiblichen UFA-Star des deutschen Tonfilms werden ließ. Ihre nachfolgenden Filme "Die Drei von der Tankstelle" und "Der Kongress tanzt" (1931) förderten ihre Reputation und brachten sie bis nach Hollywood, allerdings ohne den gewünschten Erfolg. Die Geschichte der deutsch-britischen Darstellerin ist ebenfalls nicht ohne Tragik, denn nach ihrer Rückkehr nach Deutschland kam sie im inzwischen von den Nationalsozialisten gelenkten Filmbetrieb nicht mehr zurecht und wirkte nur noch in wenigen Filmen mit. 1943 - sie war inzwischen nach Frankreich emigriert - wurde ihr die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt.

Dagegen ließ sich Oskar Karlweis, der heute Unbekannteste des männlichen Darsteller-Trios, nicht unterkriegen. Der jüdische Mime ging 1933 zurück nach Österreich, emigrierte in die USA und feierte vor allem als Bühnendarsteller große Erfolge - auch am Broadway. Das Schicksal der Emigration teilten auch die Drehbuchautoren Paul Frank und Franz Schulz mit unterschiedlichen Konsequenzen. Franz Schulz, der die Drehbücher zu Klassikern wie "Bomben auf Monte Cassino" ( 1931) schrieb und mit Regisseur Thiele mehrfach zusammen arbeitete, konnte als Autor schon in den 30er Jahren in Hollywood Fuß fassen, während Paul Frank noch viele Jahre in Europa vor den Nationalsozialisten flüchtete, bevor ihm 1941 die Überfahrt nach Amerika gelang. Dort kam er als Drehbuchautor nicht mehr zurecht und wurde später zum Pflegefall.

Das Schicksal der "Comedian Harmonists", die in "Die Drei von der Tankstelle" erstmals in einem Film auftraten, ist bekannter, aber ähnlich signifikant für den Aderlass des deutschen Films nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, da drei ihrer Mitglieder "nicht arischer" Herkunft waren. Hier sangen die sechs Vokalisten "Ein Freund, ein guter Freund" und "Liebling, mein Herz lässt dich grüßen", zwei ihrer berühmtesten Lieder, die auch als Schallplatte ein großer Erfolg wurden. Komponiert wurden sie von Werner Richard Heymann, der neben "Die Drei von der Tankstelle", unter anderen auch die Musik zu "Liebeswalzer", "Der Kongress tanzt" (mit dem bis heute berühmten Lied "Das gibt's nur einmal, das kommt nicht wieder") und "Bomben auf Monte Cassino" schrieb. Schon zu Murnaus "Faust -eine deutsche Volkssage" (1926) hatte er die Filmmusik geschrieben, benötigte aber nach seiner Emigration mehrere Jahre bis er auch in Hollywood - besonders an der Seite von Regisseur Ernst Lubitsch (unter anderen "Ninotschka" (1939) und "Sein oder Nichtssein"(1942)) - erfolgreich wurde. Der aus Königsberg stammende Komponist kehrte nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück und arbeitete auch aktiv am deutschen Nachkriegsfilm mit (unter anderen "Alraune", 1952).

Von den prägenden Künstlern des Films konnten einzig Willy Fritsch und Heinz Rühmann, die die gegensätzlichen Pole des männlichen Trios einnahmen, ihre Karrieren ungehindert fortsetzen und wurden später auch von der nationalsozialistischen Propaganda-Maschinerie eingespannt.

Im Gegensatz zu Heinz Rühmann war der nur wenig ältere Fritsch zu diesem Zeitpunkt schon ein großer Star und war mehrfach gemeinsam mit Lilian Harvey aufgetreten. Folgerichtig wurde er als Favorit der Protagonistin besetzt, während Heinz Rühmann den witzigen Side-Kick gab - eine Rolle, die seine Karriere beflügeln sollte.


2. Die Story:

Inhaltlich ist sie mit wenigen Worten zusammenzufassen. Drei enge Freunde - Willy (Willy Fritsch), Kurt (Oskar Karlweis) und Hans (Heinz Rühmann) - eröffnen aus der finanziellen Not heraus eine Tankstelle, die regelmäßig von der verwöhnten Tochter eines Großindustriellen, Lilian Cossmann (Lilian Harvey), angefahren wird. Sie flirtet mit allen drei Männern, so das Jeder von ihnen glaubt, seine Traumfrau gefunden zu haben, aber ihr Herz gehört nur Willy. Als sie ihnen bei einer Verabredung die Wahrheit sagen will, kommt es zum Eklat. Willy beschwert sich bei ihrem Vater, dem Konsul Cossmann (Fritz Kampers), über dessen schlechte Erziehung und denkt nicht daran, Lilian zu heiraten, sondern zieht mit seinen zwei enttäuschten Freunden davon. Natürlich ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen.

Auffällig daran ist das Selbstbewusstsein, mit dem hier Lilian Harvey agieren kann, gemeinsam mit Olga Tschechowa, die Lilians Vater als dessen zukünftige Frau wunderbar im Griff hat. Zwar kommt es einen Moment lang zu Willys moralischen Einwänden, als er dem Konsul die Leviten liest, aber wirklich ernst nimmt das Niemand. Im Gegenteil haben die Frauen längst einen neuen Plan, ihren Willen durchzusetzen, ohne deshalb Abbitte leisten zu müssen. Willy versucht zwar mit allen Mitteln standhaft zu bleiben, hat aber letztlich keine Chance gegen die süße Lilian.

Zu gewichtig sollte man den emanzipatorischen Aspekt nicht nehmen - auch der anfänglichen Pleite der drei jungen Herren, nebst dem Auftritt des Gerichtsvollziehers, fehlt jede Ernsthaftigkeit trotz ihres Bezugs zum "schwarzen Freitag" - aber angesichts der damaligen moralischen Standards überrascht die uneingeschränkt sympathische Charakterisierung einer weiblichen Hauptrolle, deren fröhliche Ausgelassenheit nicht von einer verantwortungsvollen, ernsthaften Haltung abgelöst werden musste - eine Veränderung, die zeitgenössische US-Komödie nach wie vor Frauenrollen abverlangen, die sich kurzfristig auf "moralischen Abwegen" befanden.


3. Die Musik:

Zu Verdanken ist das einer Musik, die beinahe jede Szene unmittelbar begleitet und dem Film eine Leichtigkeit verleiht, die ihn über moralische Bedenken einfach hinwegträgt. Die Art, wie hier die Freundschaft unter Männern besungen wird, hat nichts vom damals üblichen Corps-Geist alter Kameraden, sondern vermittelt den Eindruck von Herzlichkeit und Nähe. Am Ende, wenn Lilian endgültig mit Willy vereint ist, trösten sich Kurt und Hans miteinander.

Letztlich spielt es in "Die Drei von der Tankstelle" keine Rolle, ob der Film gerade der Romantik oder der Albernheit frönt, da er sich keinen Regeln unterwirft und bis zum Ende den Eindruck von frei und unabhängig handelnden Personen hinterlässt. Natürlich ist das nur ein Traum, aber nicht viele Unterhaltungsfilme haben ihn geträumt, sondern - wie etwa im Heimatfilm der 50er Jahre - eher die Vorzüge einer bestimmten Ordnung betont. Diese existiert hier nicht, weshalb sich "Die Drei von der Tankstelle" seine (nicht nur für einen deutschen Film) seltene Qualität bis heute bewahrt hat.

"Die Drei von der Tankstelle" Deutschland 1930, Regie: Wilhelm Thiele, Drehbuch: Franz Schulz, Paul FrankDarsteller : Willy Fritsch, Lilian Harvey, Oskar Karlweis, Heinz Rühmann, Olga TschechowaLaufzeit : 90 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Wilhelm Thiele:

"Tarzan und die Nazis" (Tarzan triumphs,1943) 

Samstag, 6. April 2013

Am Brunnen vor dem Tore (1952) Hans Wolff


Inhalt: Die drei Landstreicher Hans (Hans Richter), Nachtigall (Kurt Reimann) und Tünnes (Ludwig Schmitz) sind immer noch auf der Walz und kommen an eine kleine Tankstelle in der Nähe von Dinkelbühl, wo sich Kurt Kramer (Paul Klinger), erst seit kurzem Besitzer der Tankstelle, seine Mahlzeit mit ihnen teilt. Während sie weiter in die Stadt ziehen, um mit ihrem Gesang etwas Geld zu verdienen, taucht plötzlich Erich Bachner (Fritz Kösling) in Kramers Haus auf. Er ist aus dem Gefängnis ausgebrochen und auf der Flucht vor der Polizei, was Kramer aber nicht weiß. Deshalb gibt er ihm Briefpapier und bringt auch dessen Brief zu seiner Schwester Inge Bachner (Sonja Ziemann) nach Dinkelbühl, wo sie den Gasthof „Am Brunnen vor dem Tore“ führt, der von der Polizei überwacht wird. 

Inge bittet Kramer, sie mitzunehmen, um ihren Bruder zu treffen. Doch dieser ist inzwischen verschwunden, weshalb sie ergebnislos zu ihrem Gasthof zurückläuft. Dort trifft sie auf ihre alte Freundin Lilo (Marina Ried), die frisch geschieden wieder aus den USA zurückgekommen ist. Auch Inge hat schon länger nichts mehr von ihrem Verlobten Robert (Fritz Wagner) gehört, seitdem dieser vor einigen Monaten nach England zurück ging…


Weder handelt es sich um ein Hollywood-Privileg, noch wurde diese Marketingmethode erst in den letzten Jahren erfunden - das muntere Plagiieren erfolgreicher Filme, um einen Trend wirtschaftlich zu nutzen. Bobby E. Tüthke, der schon das Drehbuch zu „Grün ist die Heide“ (1951) geschrieben hatte, der einer der erfolgreichsten Filme der deutschen Nachkriegszeit wurde, versuchte bei der Drehbuchfassung zu "Am Brunnen vor dem Tore" allzu offensichtliche Parallelen zu vermeiden, konnte aber nicht verhindern, nur einen schwachen Abklatsch der Erfolgsformel abzuliefern, auch wenn es dem damaligen Publikum, dass nach solchen Geschichten gierte, egal gewesen sein wird.

Die Ähnlichkeit lag weniger am weiblichen Star Sonja Ziemann, die hier wie in vielen Filmen dieser Zeit im Mittelpunkt stand, sondern an der gesamten Konzeption. Schon der Filmtitel deutet darauf hin, der wieder einen bekannten Klassiker zitiert. Doch während Löns’ Ode an die Lüneburger Heide dem Film seinen Charakter gab, hatte "Am Brunnen vor dem Tore" mit dem Geschehen dieses Films nichts zu tun. Zwar wird Schuberts Kunstlied aus der "Winterreise" im Rahmen vieler weiterer Volkslieder besungen, aber darüber hinaus hat das Lied für die Story keine Bedeutung, ganz abgesehen von Schuberts Intentionen. Man könnte diese oberflächliche Nutzung eines populären Liedes schnell wieder vergessen, wenn dieser Umgang nicht signifikant für den gesamten Film wäre. Aus heutiger Sicht neigt man dazu, Heimatfilme dieser Ära in einen Topf zu schmeißen, aber der Qualitätsunterschied zwischen "Am Brunnen vor dem Tore" und dessen Vorbild "Grün ist die Heide" ist groß, auch wenn es in beiden Filmen um die üblichen Heimatfilm-Inhalte geht – Liebe, ein wenig Dramatik, Weib, Wein und Gesang vor schöner, intakter Kulisse.

Wie in "Grün ist die Heide" bekommt ein Familienmitglied von Sonja Ziemann (hier als Inge Bachner) Ärger mit der Polizei. Diesmal ist es nicht der wildernde Vater, sondern der Bruder, der versehentlich einer Verbrecherbande beim Raub eines wertvollen Bildes geholfen hatte. Sowohl dessen Verurteilung, die ein schlechtes Bild auf die deutsche Justiz wirft, da sie ohne stichhaltige Beweise gehandelt haben muss, als auch sein Ausbruch, um seine Unschuld zu beweisen, wirken unglaubwürdig und konstruiert. Künstlich wird hier mit dürftiger Logik versucht, ein Drama um einen Unschuldigen zu kreieren. In „Grün ist die Heide“ war der Vater tatsächlich ein Wilderer, ging es nicht um die Frage seiner Schuld, sondern um seine Intention zu jagen, die im Zusammenhang mit der Aussiedlerthematik stand. In „Am Brunnen vor dem Tore“ fehlen solche authentischen Emotionen.

Deshalb muss allein Inge Bachner (Sonja Ziemann) als Anlass für die weiteren Ereignisse herhalten. Aus heutiger Sicht ist es schwer nachvollziehbar, aber damals nahm das Publikum den Autoren ab, dass nicht nur sämtliche männliche Protagonisten in die Dame verliebt sind, sondern manche auch vor kriminellen Handlungen nicht zurückschrecken, um sie zu erobern. So positiv es aus heutiger Sicht scheinen mag, das die Aussiedlerproblematik hier keine Rolle mehr spielte und auch kein Bauernopfer als kriminelles Subjekt mehr hinzugezogen wurde, so deutlich wird gleichzeitig daran, dass "Grün ist die Heide" sehr viel näher an die damaligen Empfindungen herankam, während hier eine oberflächliche, aufgesetzt wirkende Geschichte abgespult wird. Das gilt auch für das äußere Ambiente, auch wenn Dinkelbühl mit seinem mittelalterlichen Stadtkern hier eine prächtige Kulisse abgibt, die aber innerhalb der Story austauschbar bleibt. Wie im Heimatfilm üblich, wollte man dem deutschen Publikum einen starken Kontrast zur Realität bieten, ohne kleinste Anzeichen von Kriegszerstörungen, aber es blieb bei dieser oberflächlichen Intention. Während der Hintergrund der Heidelandschaft in Verbindung mit den Löns-Liedern dem Film "Grün ist die Heide" erst die dichte Atmosphäre ermöglichte, kann "Am Brunnen vor dem Tore" nie ein komplexes Gefühl vermitteln.

Gut erkennbar am einzig unverändert übernommenen Detail, den drei Landstreichern Hans (Hans Richter), Nachtigall (Kurt Reimann) und Tünnes (Ludwig Schmitz), die sich diesmal 300 Kilometer weiter südlich befinden. Auch in "Am Brunnen vor dem Tore" liefern die Drei die besten Kabinettstückchen ab, aber ihr Witz wird innerhalb der konstruierten Story zunehmend klamaukhafter und hat seine ursprüngliche Funktion verloren - der leicht ironische Blick auf die Realitäten. Die Story um Tünnes, der fast zur Hochzeit gezwungen wird, ist billiger, frauenfeindlicher Humor, und auch wenn die Drei zum Schluss wieder weiter ziehen, hat man den Eindruck echter Freiheit, der sie - wenn auch romantisierend - in "Grün ist die Heide" noch umgab, endgültig verloren.

Auch "Am Brunnen vor dem Tore" war ein veritabler Publikumserfolg und erfüllte damit seinen Auftrag, aber die Qualitätsunterschiede im deutschen "Heimatfilm" waren erheblich. Zwar hadert der Film nur ein wenig mit der englischen Besatzungsmacht, und polarisiert damit aus heutiger Sicht weniger als "Grün ist die Heide", der ganz offen Partei für die Vertriebenen ergriff, aber das lässt nicht übersehen, dass der Film in seiner inneren Schlüssigkeit, in den Charakterisierungen und besonders in seiner gestalterischen Linie im Vergleich zum Vorgänger misslungen ist.

"Am Brunnen vor dem Tore" Deutschland 1952, Regie: Hans Wolff, Drehbuch: Bobby E. Lüthge, Rold DortenwaldDarsteller : Sonja Ziemann, Paul Klinger, Hans Stüwe, Fritz Kösling, Hans Richter, Willy FritschLaufzeit : 88 Minuten


Montag, 18. März 2013

Grün ist die Heide (1951) Hans Deppe

Inhalt: Der Oberförster (Josef Sieber) ist verzweifelt, da ein Wilderer in seinem Revier sein Unwesen treibt und er ihm nicht auf die Schliche kommt. Der junge Förster Walter Reiner (Rudolf Prack), der erst vor wenigen Wochen seine Stelle antrat, ist da wesentlich erfolgreicher und hätte den Wilderer beinahe auf frischer Tat ertappt.

Doch die Spur, die er verfolgte, führte ihn ausgerechnet zum nahe gelegenen Landschloss, in der die angesehene Familie Lüdersen zu Hause ist. Hier wohnt auch Helga (Sonja Ziemann), die hübsche Tochter von Lüder Lüdersen (Hans Stüwe), der bei seinem Bruder Gottfried untergekommen ist. Reiner hat ihren Vater in Verdacht, aber er bekommt zusehends Gewissensbisse, da er sich in dessen Tochter verliebt hat...


Erst seit 1968 werden die Besucherzahlen in den deutschen Kinos gezählt, da zuvor keine genauen Erhebungen gemacht wurden. Trotzdem steht es unzweifelhaft fest, dass die Zuschauerzahlen, die gerade deutsche Filme in den 50er Jahren erzielten, von zeitgenössischen Filmen kaum noch erreicht werden können. 1951, als "Grün ist die Heide" von etwa 16 Millionen Menschen gesehen wurde, gab es nur wenige alternative Unterhaltungsmöglichkeiten, aber das allein erklärt nicht den großen Erfolg dieses Films.

Die Gattung des 50er Jahre "Heimatfilms", die mit "Grün ist die Heide" ihre frühe Blüte erlebte (siehe "Die erste Boom-Phase - der Heimatfilm der Jahre 1951 bis 1954"), gilt heute als konservativ veraltet und filmisch uninteressant - quasi ein Relikt aus einer Zeit, mit dem man sich höchstens noch aus historischen Gründen beschäftigt. Eine unberechtigte Sichtweise, spiegelt die Gattung nicht nur das Lebensgefühl ihrer Zeit wider, sondern gibt es innerhalb des Genres große Qualitätsunterschiede. Besonders an "Grün ist die Heide" wird das erkennbar - ein Film, der viele Nachfolger erzeugte, die nicht annähernd dessen Dichte und Atmosphäre erreichten.


Unabhängig davon, wie man zu der Wilderer-Thematik steht, muss man Drehbuchautor Bobby E. Lüthge gute Arbeit bescheinigen. Er kombinierte aktuelle gesellschaftliche Probleme der Nachkriegszeit mit einer Liebesgeschichte und reicherte dieses Konglomerat mit heimatlicher Musik und Landschaftsbildern an, die in starkem Kontrast zur damaligen Realität in Deutschland standen. Dabei griff er auf Motive seines eigenen Drehbuchs zum 1932 entstandenen Original "Grün ist die Heide" zurück. Zwar fußte dieses ebenfalls auf den von dem Großstädter Hermann Löns geschriebenen Texten über die Lüneburger Heide, besaß aber nicht dessen Realitätsbezug - ein entscheidender Unterschied, der mit zum Erfolg des 1951er Remakes beitrug. 

Über der gesamten Handlung steht immer die Vertriebenen-Thematik und der damit verbundene Verlust der Heimat, der nicht nur die Bewohner der ehemaligen Ostgebiete betraf, sondern viele Menschen, die im Krieg ihre Wohnung oder Haus verloren hatten. Das gilt auch für Lüder Lüdersen (Hans Stüwe) und seine Tochter Helga (Sonja Ziemann), die nach der Vertreibung bei seinem Cousin und Gutsbesitzer Gottfried Lüdersen (Otto Gebühr) untergekommen sind. Der Film macht kein Geheimnis daraus, dass es sich bei Lüder Lüdersen um den Wilderer handelt, der schon lange vom Oberförster ergebnislos verfolgt wird. Doch sein zukünftiger Nachfolger Walter Rainer (Rudolf Prack), der gerade erst die Stelle angetreten hat, erwischt den Wilderer beinahe auf frischer Tat. Als er bei der Verfolgung an den Gutshof gelangt, wird er brüsk zurückgewiesen, angesichts der Unterstellung, es könnte sich bei dem Wilderer Jemand aus dem ehrwürdigen Hause handeln. Zudem begegnet der junge Förster noch Tochter Helga, für die er sich schnell begeistert, weshalb er unverrichteter Dinge wieder davon geht.

Von der Tochter zur Rede gestellt, gesteht ihr Vater, nur beim Jagen glücklich sein zu können, da er dann wieder das Gefühl der Heimatverbundenheit in Erinnerung an die eigenen Wälder empfinden kann. Auch wenn Helga ihm das Gewehr abnimmt und er versprechen muss, es nie wieder zu tun, steht außer Zweifel, dass Niemand im Publikum ihn deshalb verurteilt haben wird, obwohl es sich bei den Lüdersens um Mitglieder einer privilegierten Klasse handelte, die nur wenig mit den Problemen gemein hatte, die der Durchschnittsbürger damals bewältigen musste.

Die Stimme des Volkes spricht dagegen durch die drei Landstreicher Hannes (Hans Richter), Nachtigall (Kurt Reimann) und Tünnes (Ludwig Schmitz), die im Film die heimliche Hauptrolle einnehmen und nicht ohne Grund in gleicher oder ähnlicher Formation in anderen Filmen erneut antraten. Dank ihrer respektlosen Art, die das Geschehen teilweise auch ironisch kommentiert, verzeiht man die Romantisierung des Landstreichertums. In Anspielungen weisen die Drei mehrfach auf gesellschaftliche Probleme hin (zum Beispiel die schwierige Arbeitssituation), um sofort wieder einen Witz darüber zu machen. Die Akzeptanz, die sie bei der bürgerlichen Gesellschaft genießen, ist unrealistisch, aber da sie für die besten musikalischen Einlagen zuständig sind (bei dem Sänger Kurt Fröhlich handelte es sich um einen bekannten Opern-Tenor) entsteht für das Publikum ein Gleichgewicht zwischen der ärmlichen Grundsituation und der gleichzeitigen Meinungshoheit. Als die Drei Lüdersen helfen, dessen Gewehr in Sicherheit bringen und selbstverständlich kein Wort darüber verraten, ist das positive Urteil über den vertriebenen Landadeligen schon gesprochen.

Dagegen entwickelt sich die eigentliche Story über die langsam entstehenden Gefühle zwischen Helga und dem Förster linear und überraschungsarm und ist als reines Starvehikel für die damals seit Hans Deppes erstem Heimatfilm-Erfolg nach dem Krieg "Schwarzwaldmädel" (1950) sehr populären Sonja Ziemann und Rudolf Prack zu verstehen. Letztlich erweist sich diese Einfachheit als vorteilhaft für den Film, der vor allem von den vielen kleinen musikalischen und humorigen Einlagen und der optisch sehr schön in Szene gesetzten Lüneburger Heide lebt. Das ein Zirkusmitarbeiter, der dazu keinen gültigen deutschen Pass besitzt, am Ende als Bösewicht herhalten muss, verdeutlicht nur die allgemein verbreitete sehr konservative Stimmung, die auch in der unverhohlenen Haltung verborgen ist, die vom Wiedererhalt der ehemals deutschen Ostgebiete ausgeht. Das gemeinsame Singen des "Riesengebirge"-Liedes war sicherlich ein Höhepunkt des Films.

Aus heutiger Sicht verfügt der Film über viele veraltete, teils reaktionäre Elemente, deren Bedeutung inzwischen entweder überholt oder deren Attraktivität kaum noch vorhanden ist. Nur schwer vorwerfen kann man dem Film, dass er mit seiner Idealisierung des Landlebens, den Betrachter von seinem tristen Alltag ablenken wollte, denn letztlich haben populäre Filme auch heute keine andere Aufgabe. Unter diesem Gesichtspunkt ist "Grün ist die Heide" sehr gelungen, denn selten gelang eine ausgewogenere Mischung aus Starverehrung, dramatischer Geschichte, ironischem Witz und musikalischen Einlagen im deutschen Heimatfilm.

"Grün ist die Heide" Deutschland 1951, Regie: Hans Deppe, Drehbuch: Bobby E. Lüthge, Hermann LönsDarsteller : Sonja Ziemann, Rudolf Prack, Maria Holst, Willy Fritsch, Oskar Sima, Otto Gebühr, Hans Richter, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Hans Deppe:

"Schloss Hubertus" (1934)


Thematisch weiterführender Link:

"Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)