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Mittwoch, 18. Januar 2017

Drei Mann in einem Boot (1961) Helmut Weiss


Georg (Heinz Erhardt), Harry (Hans-Joachim Kulenkamff) und Jo (Walter Giller)...
Inhalt: Die Werbefachleute Jerome (Walter Giller), genannt „Jo“, und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen ein paar ruhige Tage am Bodensee verbringen. In der Sonne liegen und über einen neuen Slogan für einen Kunden nachdenken – die ideale Kombination aus Urlaub und Arbeit. Doch ganz will die Konzentration auf das Wesentliche nicht funktionieren. Jo hat Grit (Ina Duscha) kennengelernt und ist frisch verliebt und Harry muss feststellen, dass ihm Julischka (Ida Boros) hinterher gefahren ist, mit der er zuvor Schluss gemacht hatte. Eine für sie nicht akzeptable Entscheidung, weshalb sie ständige Aufmerksamkeit einfordert. 

...fahren in einem kleinen Motorboot vom Bodensee aus den Rhein entlang
In seiner Not erwirbt der gelernte Kapitän spontan ein kleines Motorboot, um sich auf dem Bodensee zurückziehen zu können. Während Jo eher unwillig mit an Bord kommt, ergreift der Kunsthändler Georg Nolte (Heinz Erhardt) die Gelegenheit, nachdem er zufällig ein Gespräch der beiden Männer über Harrys Plan belauscht hatte. Seine Frau Carlotta (Loni Heuser) lässt ihm keinen Moment der Ruhe, um ein wenig am Bodensee zu angeln. Für sie zählen nur gesellschaftliche Anlässe und Geschäftstermine, weshalb er ohne sie zu informieren spontan mit Jo und Harry in See sticht. Doch so einfach gibt es kein Entrinnen. Carlotta und die zurückgestoßene Julischka machen sich auf die Verfolgung...


Im Gegensatz zu Helmut Weiss' kurz zuvor herausgekommenem Film "Vertauschtes Leben" (1961) und dem 1962 folgenden "Auf Wiedersehen am blauen Meer" hat sich "Drei Mann in einem Boot" seine Popularität bis heute bewahrt. Das ist einerseits den drei Hauptdarstellern zu verdanken, andererseits fehlt dem Film der gehobene Zeigefinger der beiden anderen Helmut Weiss-Werke, die in dieser Phase der soziokulturellen Veränderungen in der BRD mit ihrer Warnung vor dem moralischen Verfall nicht allein standen. Ein Großteil dieser Filme, die gleichzeitig den Voyeurismus ihrer Betrachter bedienten, sind heute vergessen. Auch in "Drei Mann in einem Boot" lassen sich diese Tendenzen wiederfinden, aber der Film nahm sich schlicht weniger ernst.










Ursprünglich wollten Jo und Harry Arbeit und Freizeit kombinieren...
"Drei Mann in einem Boot...ganz zu schweigen vom Hund" beruft sich auf den gleichnamigen, zu seiner Zeit sehr populären Roman von Jerome K.Jerome, den der britische Schriftsteller 1889 herausbrachte. Aus der Ich-Perspektive beschrieb er den zweiwöchigen Ausflug dreier Freunde mit einem Ruder-Boot auf der Themse, der aber nur die Rahmenhandlung für eine Vielzahl komischer Geschichten und Anekdoten abgab. Auch in der Verfilmung von 1961 ist Jerome (Walter Giller) mit an Bord eines kleinen Motorschiffs, mit dem drei Männer erst auf dem Bodensee und dann auf dem Rhein herumschippern. Doch darüber hinaus hat der Film mit der Buchvorlage kaum etwas gemeinsam. Jerome lässt sich "Jo" nennen (wahrscheinlich war der Name damals im deutschen Film zu ungewöhnlich) und der Anlass für die Bootsreise war kein Ausflug unter männlichen Freunden, sondern die Flucht vor den Frauen.

...und Georg wollte in Ruhe angeln. Sie hatten aber die Rechnung ohne...
Obwohl die Männer im Filmtitel dominieren, beherrschen die Frauen die Szenerie als fordernde, kritisierende und kontrollierende Persönlichkeiten. Ganz konkret in Person von Carlotta Nolte (Loni Heuser), der Frau des Kunsthändlers Georg Nolte (Heinz Erhardt), und der ehemaligen Geliebten des Werbefachmanns Harry Berg (Hans-Joachim Kulenkampff), Julischka (Ida Boros), genannt „Fee“ von Wendorf, eine üppig gebaute ungarische Blondine mit entsprechend klischeehaftem Temperament. Besagte „Fee“ legt nicht nur Wert auf Luxus, sie räkelt sich auch im rosa Negligee in Erwartung ihres geliebten Harry auf dem Hotelzimmer. Womit sie als ernsthafte Partnerin schon disqualifiziert ist, zumal sie jede Zuwiderhandlung gegen ihren Willen ignoriert - auch das Harry ihre Beziehung beendet hatte. Angesichts ihres exaltierten und nervigen Auftretens, wäre es interessant gewesen, warum er überhaupt mit ihr zusammen war, aber solche komplexen Hintergedanken sparte der Film aus. Entscheidend war, dass Harrys Fluchtinstinkte auf eine breite Zustimmung trafen.

...Carlotta (Loni Heuser) und Julischka (Ida Boros) gemacht
Das galt auch für Georg Noltes Motivation. Seine Gattin Carlotta verkörpert den weiblichen Gegenentwurf zur emotionalen Julischka – die allein Vernunftgründe gelten lassende Unternehmergattin, die nur den nächsten Geschäftstermin im Blick hat. Anstatt irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen im gehobenen Ambiente beizuwohnen, will Georg am Bodensee in Ruhe angeln gehen. Flieht der eine Mann vor permanenter Aufdringlichkeit, sehnt sich der Andere nach den einfachen Genüssen des Lebens. Beide suchen nur ihre Ruhe auf dem kleinen Motorboot und haben die Sympathien auf ihrer Seite. Jo, der Dritte im Bunde, schließt sich ihnen aus Solidarität an, denn er hat den weiblichen Idealtyp abbekommen – die junge und schöne Grit (Ina Duscha). Dass es sich um die Tochter seines Mitstreiters Georg handelt, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, nur dass sie aus wohlhabender Familie kommt und angemessen selbstbewusst auftritt. Ihr Flirt wird schnell konkret, denn viel Zeit bleibt der Handlung nicht, bevor die Männer in See stechen, aber das aus ihrer Liebelei etwas Ernsthaftes werden wird, ist schon klar – nur der vermeintlich gestrenge Papa muss noch überzeugt werden.

Steuerfrau Beetje Ackerboom (Susanne Cramer)...
Im weiteren Verlauf der Handlung kommt noch eine vierte weibliche Protagonistin hinzu, die einerseits die nicht mehr genehme Julischka bei Harry ersetzen sollte, die dank der Schweizer Polizei – sie hatte keinen gültigen Pass – aus dem Verkehr gezogen wird, andererseits für die Rückbesinnung auf die weiblichen Werte stand. Zuerst gibt Beetje Ackerboom (Susanne Kramer) die toughe Steuerfrau eines Lastschiffs, die die Männer anzupacken weiß, aber als sie ausrutscht und von den drei Helden aus dem Rhein gefischt wird, entdeckt sie ihre weiche Seite. Der gelernte Seemann Harry hat es ihr gleich angetan und bei ihrer nächsten Verabredung trägt sie statt Arbeitsklamotten ein langes Kleid. Auch die Männer blieben nicht von Klischees verschont, aber mit den spaßigen Anspielungen auf ihre Unfähigkeit zu kochen und Ordnung zu halten, die regelmäßig in Slapstick-Einlagen mündeten, konnten sie gut leben. Am Ende - nach der allgemeinen Versöhnung - übernahmen wieder die Frauen ihr angestammtes Ressort und sorgten für Ordnung.

...legt eine rasante Wandlung hin
Angesichts der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den beliebten Stars Erhardt, Kulenkampff und Giller konnte diese Sympathie-Gewichtung kaum überraschen, zudem „Drei Mann in einem Boot“ den Geschlechter-Kampf von der lässigen Seite nahm und sogar Julischka noch ein versöhnliches Ende gönnte. Trotz der Leichtigkeit eines Rhein-Ausflugs mit Landschaftsaufnahmen, die nochmals tief in die Heimatfilm-Kiste griffen, lässt der hier verbreitete Humor den Konflikt zwischen den traditionellen Geschlechterrollen und einer im Wandel befindlichen Sozialisation, Anfang der 60er Jahre, nicht übersehen. Frivolitäten wechselten mit Moralpredigten und Anflüge weiblicher Emanzipation trafen auf das Beharren männlicher Hoheit. Regisseur Helmut Weiss und sein Autor Wolf Neumeister nahmen diese Entwicklung in ihrem folgenden gemeinsamen Film "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962) deutlich schwerer und winkten kräftig mit der Moralkeule, hier dagegen blieben sie noch zurückhaltend.

Jo bei der schnellen Überzeugung von Grit (Ina Duscha)
Das war auch den männlichen Darstellern zu verdanken, deren anklingende Macho-Allüren Niemand ernst nahm. Walter Giller und mehr noch Heinz Erhardt ironisierten mit ihrem Spiel die klassische männliche Autoritätsperson. Entsprechend endet der Film gegen die Erwartungshaltung, als eine Hand sanft den Nacken des Fahrers eines us-amerikanischen Cabriolets krault. Sie gehört Jo und am Steuer sitzt seine Braut Grit. 






"Drei Mann in einem BootDeutschland 1961Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Margarete Reinhardt, Richard Billinger, Wolf NeumeisterDarsteller : Heinz Erhardt, Walter Giller, Hans-Joachim Kulenkampff, Susanne Cramer, Ida Boros, Loni Heuser, Ina Duscha, Bum Krüger, Sepp Rist, Rolf Wanka, Willy Reichert, Laufzeit : 91 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

 "Die Feuerzangenbowle" (1944)

Sonntag, 28. Februar 2016

Die spanische Fliege (1955) Carl Boese

Sommer (Rudolf Platte) und Klinke (Joe Stöckel) vor der "spanischen Fliege"
Inhalt: Daxburg soll ein eigenes Amtsgericht bekommen. Für den Stadtrat und Unternehmer Heinrich Klinke (Joe Stöckel) prinzipiell eine gute Nachricht, wäre da nicht die alte Geschichte, die irgendwo in den Gerichtsakten vergraben ist. Zwar wurde die „Spanische Fliege“, wie die verführerische Varieté-Sängerin von ihm und seinen Freunden genannt wurde, vor 18 Jahren von den Moralwächtern des Staates ausgewiesen, aber Klinke sah sich wenige Monate später mit den Folgen seines Techtelmechtels konfrontiert. Und zahlte seitdem brav Alimente für seinen unehelichen Sohn. Sollte das Amtsgericht nach Daxburg kommen, könnte dieser Vorgang bekannt werden.

Dr. Gerlach (Hans Richter) erfährt Interessantes von Ambrosius (Paul Henckels)
Als er diese Sorge seinem Freund Hugo Sommer (Rudolf Platte) anvertraut, reagiert dieser überraschend. Den Sohn beansprucht der Vater dreier Töchter für sich selbst, schließlich zahle auch er seit 18 Jahren Alimente. Bald stellt sich heraus, dass die beiden Stadträte Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) ebenfalls für den damaligen Fehltritt zahlen, aber damit erschöpft sich das Thema noch nicht. Der junge Anwalt Dr. Gerlach (Hans Richter) tritt die Nachfolge des alten Dr. Ambrosius (Paul Henckels) an, der damals die Alimente-Zahlungen mit den vier Männern aushandelte, und gerät dadurch in den Besitz der Akten…


Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

Schön war's. Aber es hat gedauert. Nachrufe auf Ruth Leuwerik und Ettore Scola, zwei sehr von mir geschätzte Filmkünstler, kamen mir im Januar dazwischen, der Alltag sowieso. Aber der Beginn des Jahres ist nicht vergessen, der wie bisher bei jedem Hofbauer-Kongress für mich von bewusstseinserweiternder Qualität war, womit ich schon bei der "spanischen Fliege" bin, der den zweiten Kongresstag in Nürnberg am 08.01. einleitete. 

Fast könnten Erinnerungen an sonntägliche Nachmittage in den 70er Jahren aufkommen, an denen sich die Familie vor dem Bildschirm versammelte, um eine "alte Schwarz-Weiß"-Komödie zu sehen - Joe Stöckel, Rudolf Platte und Hans Richter erwiesen sich in solchen Situation als Garanten für beste Unterhaltung. So auch hier, nur dass "Die spanische Fliege" kein familientauglicher Dauergast im TV wurde und es auch auf kein anderes Medium schaffte. Ein Fall für das Hofbauer-Kommando, dass hier eine niederländische Version in 35mm zeigte. Dank deren Abneigung gegenüber Synchronisationen in OV mit holländischen Untertiteln.


Was führt der Bildhauer (Stanislav Ledinek) im Schilde? 
Dass es sich bei der "spanischen Fliege" um ein Potenzmittel handelt, gehörte Mitte der 50er Jahre noch zum Allgemeinwissen. Obwohl es in der Story nicht vorkommt – „die spanische Fliege“ ist der Kosename für eine verführerische Varieté-Tänzerin -  hatte Franz Arnold seinen 1913 herausgebrachten Bühnenschwank danach benannt, damit gezielt die Assoziationen eines Publikums anregend, dass von Sex nur hinter vorgehaltener Hand sprach. Der Erfolg seines ersten Theaterstücks gab ihm Recht, das eine Vielzahl weiterer Lustspiele aus Arnolds und Ernst Bachs Feder, seinem Compagnon, nach sich zog, in denen sie die bürgerliche Doppelmoral humorvoll sezierten. Komödien-Spezialist und Vielfilmer Carl Boese hatte schon 1931 mit „Die schwebende Jungfrau“ erstmals einen ihrer Texte verfilmt. Im selben Jahr folgten noch „Die spanische Fliege“ unter der Regie von Ernst Jacoby und drei weitere Kino-Adaptionen ihrer populären Bühnenwerke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war der Boom schlagartig vorbei und Arnold musste aus Deutschland emigrieren. Erst Anfang der 50er Jahre erlebten ihre Werke eine erneute Konjunktur im Kino.

Joe Stöckel - drei Jahrzehnte Dauergast auf der Komödien-Leinwand
Angesichts der Prüderie, die in den 50er Jahre in Deutschland vorherrschte, überrascht die Wiederentdeckung der in den moralischen Niederungen spielenden Stücke. Zumal sich ausgesprochene Prominenz darum kümmerte. Parallel zu seinen Heimatfilm-Erfolgen „Schwarzwaldmädel“ (1950) und „Grün ist die Heide“ (1951) drehte Hans Deppe „Die Nacht im Separee“ (1950) und „Der Fürst von Pappenheim“ (1952), unter Mitwirkung von Sonja Ziemann, Olga Tschechowa, Paul Hörbiger, Grethe Weiser, Viktor De Kowa und zweimal Georg Thomalla, nur um die Bekanntesten zu nennen. Auch Carl Boese griff 1952 wieder auf eine Vorlage des Duos Arnold/Bach zurück und verfilmte „Der keusche Lebemann“ - erneut mit Georg Thomalla und Grethe Weiser in tragenden Rollen. Dazu gesellten sich der aufgehende Stern am Heimatfilm-Himmel Marianne Koch und das Komödien-Urgestein Joe Stöckel. Umso bemerkenswerter ist es, dass diese Filme anders als viele Heimatfilme und Liebeskomödien dieser Zeit inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Auch im Fernsehen gehörten sie nicht zum Standard-Repertoire.

Hans Richter einmal als Schwerenöter (mit Jester Naefe)...
Das gilt auch für „Die spanische Fliege“, Boeses Remake der 31er Verfilmung, der neben Joe Stöckel noch mit Rudolf Platte, Paul Henckels, Hubert von Meyerinck, Ruth Stephan und Hans Richter aufwarten konnte. Letzterer in einer für ihn ungewohnten Rolle als trickreicher Rechtsanwalt, denn seit „Die Feuerzangenbowle“(1944) war Richter auf das „Enfant terrible“ festgelegt, gab in „Grün ist die Heide“ den Lautsprecher eines Landstreicher-Trios oder spielte in den „Knall und Fall“ – Filmen den Knall, ein wörtlich zu nehmender Name. Doch trotz seines seriösen Auftretens und seiner ernsten Absichten bei Hannelore Klinke (Jester Naefe), der Tochter des im Örtchen Daxburg einflussreichen Stadtrats und Unternehmers Heinrich Klinke (Joe Stöckel), spielte Richter auch hier den Störenfried, der ein seit 18 Jahren gehütetes Geheimnis aufzudecken droht.

...und als Anwalt der Damen vom Wohltätigkeitsverein
Damals hatten vier honorige Herren – neben Klinke, noch Hugo Sommer (Rudolf Platte) und die ebenfalls im Stadtrat sitzenden Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) – eine Affäre mit einer schönen Tänzerin, bis diese von der Sittenpolizei des Landes verwiesen wurde. Eine wenig verklausulierte Anspielung auf die Nationalsozialisten, die über den moralischen Anstand der Bürger wachten, selbst aber gerne hinsahen. Bei den vier verheirateten Männern kam ihr Einsatz offensichtlich zu spät, denn ihnen wird von dem Rechtsanwalt Dr. Ambrosius (Paul Henckels) die Rechnung in Form von Alimentezahlungen aufgemacht – für den Sohn der „spanischen Fliege“, den sie ein paar Monate später im Ausland gebar. Vier Männer zahlen für einen Sohn. Das an dieser Konstellation etwas nicht stimmen konnte, ist von Beginn an klar, aber weitere Ungereimtheiten kommen hinzu bis es in Daxburg kaum noch Jemanden gibt, der Interesse an der Aufdeckung der vollständigen Wahrheit hat, die alle zu überrollen scheint.

"Es ist mein Sohn" beharrt Hugo Sommer
Oberflächlich betrachtet gehört „Die spanische Fliege“ zum Typus der Moral-Komödien, in der ein einmaliger, zeitlich weit zurückliegender Fehltritt zur Lawine wird, weil sich der „Sünder“ beim Versuch, das Geheimnis zu wahren, immer tiefer in sein Lügengebäude verstrickt.  In der Regel enden diese Stücke mit einem geläuterten Protagonisten, dessen Ehre nach kurzer Abbitte wieder hergestellt ist – Happy-End und Wiederherstellung der Moral  inbegriffen. Das „Stillhalteabkommen“, mit dem Arnolds Bühnenstück endet, hat mit dieser Art „Happy End“ nichts gemein. Geläutert ist hier Niemand. Im Gegenteil schlägt die Angst vor der Aufdeckung des Seitensprungs regelmäßig um in den Stolz über den gezeugten „Sohn“ bis zur Anbetung der damaligen Geliebten in Form eines Fetischs. Obwohl es nicht auszuschließen ist, dass der körperliche Kontakt mit der Tänzerin bei einem Teil der Männer eher der Fantasie als der Realität entsprungen sein könnte, leugnet Niemand den lang zurückliegenden Fehltritt – besonders Platte und Stöckel gefallen sich gut im Selbstbild des feurigen Liebhabers.

Heiles Familienleben (Stöckel mit Erika von Thellmann)
Mit hohem Tempo und subversivem Witz entfaltete „Die spanische Fliege“ eine Situation, die sich nicht mehr in Wohlgefallen auflösen konnte. Wer deshalb hofft, die Beteiligten werden mit der Härte der Konsequenzen konfrontiert, wird enttäuscht werden. Daran ist nicht einmal den Ehefrauen gelegen. Selbst die gewohnt autoritär auftretende Elisabeth Flickenschildt als Frau Sommer, deren Ehemann Hugo vor ihr zittert, macht sich keine Illusionen hinsichtlich der Qualität ihrer Beziehung. Wichtig ist ihr nur, dass er weiterhin kuscht. Die bürgerliche Oberfläche blieb zwar gewahrt, überdeckte hier aber nur schwach die Bedürfnisse des Einzelnen und ließ die moralischen Anstandsregeln zur Makulatur werden.

"Die spanische Fliege" Deutschland 1955Regie: Carl Boese, Drehbuch: Edgar Kahn, Franz Arnold (Theaterstück), Darsteller : Joe Stöckel, Rudolf Platte, Hans Richter, Paul Henckels, Elisabeth Flickenschildt, Hubert von Meyerinck, Erika von Thellmann, Jester Naefe, Ruth Stephan, Albert FlorathLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:

"Fünf Millionen suchen einen Erben" (1938)

Dienstag, 30. Dezember 2014

Wenn wir alle Engel wären (1936) Carl Froelich

Christian Kempenich (Heinz Rühmann) erkundet das Kölner Nachtleben
Inhalt: Als beamteter Kanzlei-Vorsteher hat Christian Kempenich (Heinz Rühmann) eine leitende Position in dem kleinen Mosel-Ort. Er kann sich nicht nur ein Hausmädchen (Lotte Rausch) für seine Ehefrau Hedwig (Leny Marenbach) leisten, auch der Gesangslehrer Enrico Falotti (Harald Paulsen) gibt ihr privaten Unterricht. Auf Grund seiner gehobenen Stellung im Ort sieht sich Kempenich zudem als moralische Instanz, weshalb er am Himmelfahrtstag ohne Selbstzweifel zu einer Familientaufe in die Großstadt Köln fährt, die im Ort einen schlechten Ruf als Sündenpfuhl besitzt. Als er sich schon leicht angeheitert auf dem Rückweg zum Kölner Bahnhof befindet, weist er den Taxifahrer spontan an, ihn ins Vergnügungsviertel der Stadt zu fahren. Schließlich müsse er sich selbst ein Bild von den dortigen Versuchungen machen.

Hedwig Kempenich (Leny Marenbach) mit ihrem Gesangslehrer auf Moselfahrt
Seine Frau Hedwig begibt sich derweil am Nachmittag auf eine Moselfahrt mit einem Ausflugsdampfer. Ihr Gesangslehrer, der ein Auge auf die hübsche Frau geworfen hat, nutzt die Gelegenheit und folgt ihr auf das Schiff, wo er als bekannter Charmeur schnell in Form kommt. Zuerst abweisend, gefällt Hedwig vom Wein beschwipst die unterhaltsame Art des Sängers und wehrt sich auch nicht, als er sie gegenüber den begeisterten Mitfahrern als seine Frau ausgibt. Erst als sie nach langer Fahrt am Ziel ankommen und sie feststellt, dass kein Zug mehr zurückfährt, reagiert sie ernüchtert, er aber schlägt ihr vor, gemeinsam in einem Hotel zu übernachten.



"Wenn wir alle Engel wären" war schon der dritte Heinz Rühmann-Film, der 1936 in die Kinos kam - nach vier Filmen im Jahr zuvor und kurz vor der Premiere von "Lumpacivagabundus" (1936) in Österreich. Erneut spielte Heinz Rühmann einen jungen Mann zwischen Pflichtbewusstsein und Versuchung, weshalb die Besonderheit eines Films in Vergessenheit geraten scheint, ohne den es Rühmanns bekanntesten Film "Die Feuerzangenbowle" (1944) vielleicht nie gegeben hätte und der mit seinem wenig kaschierten sexuellen Subtext aus dem prüden Komödien-Einerlei der 30er Jahre herausstach, auch wenn das Drehbuch die Romanvorlage von Heinrich Spoerl leicht abschwächte. Dieser hatte es selbst verfasst, was einer Zäsur in Rühmanns Werk gleichkam, die dessen wachsenden Einfluss auf die Produktion seiner Filme kennzeichnete.


Schon 1934 hatte der Schauspieler erstmals die Hauptrolle in einer Spoerl-Verfilmung übernommen, aber "So ein Flegel" interpretierte den Roman "Die Feuerzangenbowle" sehr frei und ließ wenig von dem fantasievollen Charakter und der Hommage an selige Schulzeiten übrig. Verantwortlich für das Drehbuch war Hans Reimann, der als Co-Autor der literarischen Vorlage gilt, während Spoerl kein Mitspracherecht eingeräumt wurde. Auch „Wenn wir alle Engel wären“ geht auf ein von beiden Autoren gemeinsam verfasstes Theaterstück zurück - „Der beschleunigte Personenzug“ (1932 uraufgeführt) -, aber diesmal kam nicht nur Spoerls darauf basierende Buchvorlage von 1936 zum Zuge, ihm wurde zudem die Verantwortung für das Drehbuch übergeben, die er mit einer hohen Werktreue einlöste. Eine Initialzündung für die weitere Zusammenarbeit mit Heinz Rühmann, die zu ihren gemeinsamen Filmen „Der Gasmann“ (1941) und „Die Feuerzangenbowle“ führte, sowie zur Verfilmung des ebenfalls 1936 veröffentlichten Romans „Der Maulkorb“(1938) unter der Regie Erich Engels mit Ralph Arthur Roberts in der Hauptrolle.


Ob auch die Besetzung Carl Fröhlichs am Regie-Pult, seit 1933 NSDAP-Mitglied und betraut mit der Leitung des Gesamtverbandes der Filmherstellung und Filmverwertung, von Heinz Rühmann veranlasst wurde, bleibt Spekulation – beide drehten noch zwei weitere Filme zusammen, darunter „Der Gasmann“ – sicher lässt sich aber die Wahl Leny Marenbachs für die weibliche Hauptrolle auf seinen Einfluss zurückführen. Die beiden aus Essen stammenden Schauspieler waren zu dieser Zeit liiert, was dem frivolen Miteinander in „Wenn wir alle Engel wären“ sehr zu Gute kam. Marenbach spielte auch in ihren zwei folgenden Filmen „So ein Mustergatte“ (1937) und „Fünf Millionen suchen einen Erben“ (1938) an Rühmanns Seite, aber ihre Position veränderte sich. In „Fünf Millionen suchen einen Erben“ spielte sie nicht mehr seine Ehefrau, sondern gab die Verführerin, der Rühmann in seiner Rolle als verheirateter Erbe selbstverständlich widerstand – ein deutliches Anzeichen für die zunehmende Prüderie in seinen Filmen, von der sich „Wenn wir alle Engel wären“ noch wohltuend abhob.


Denn Heinrich Spoerl blickte tief hinter die Fassaden bürgerlicher Moral. Stilprägend für seinen Roman wie für den Film ist die "Empörung". Die leicht tuschelnde, hinter vorgehaltener Hand vorgetragene der Bewohner des kleinen Mosel-Ortes, wenn der angesehene Beamte Christian Kempenich (Heinz Rühmann) allein in die verruchte Großstadt Köln fährt, um dort bei einer Familientaufe zu verweilen, oder wenn Enrico Falotti (Harald Paulsen), stadtbekannter Charmeur, in dessen Abwesenheit seiner Frau Hedwig Kempenich (Leny Marenbach) private Gesangsstunden gibt. Oder die laute, das eigene schlechte Gewissen übertönende, wenn Christian Kempenich damit konfrontiert wird, dass aus einem Kölner Hotelzimmer Bettwäsche gestohlen wurde, in dem er angeblich mit Ehefrau genächtigt hatte, oder sich Hedwig Kempenich gegen jede Verdächtigung verwahrt, sie hätte, nachdem es auf einer Mosel-Schiffstour zu spät wurde, gemeinsam mit Falotti in einem Hotel übernachtet, um am nächsten Morgen die Heimfahrt anzutreten.

Umso mehr Beweise auftauchen, die diese Verdächtigungen erhärten, umso mehr flüchten die Ehepartner in neue, noch konstruiertere Ausreden, auch um die jeweilige Meinungshoheit zu erlangen. Denn wer scheinbar mehr Schuld auf sich geladen hat, muss sich die „ehrliche“ Empörung des Anderen gefallen lassen. Ein Zustand, der ständig zwischen den Partnern wechselt, bis sie sich trennen, obwohl ihr Umgang von Beginn an keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich lieben und auch sexuell begehren. Doch der Gerichtsverhandlung entkommen sie damit nicht, denn für die Staatsanwaltschaft steht fest, dass das Ehepaar in Köln übernachtet hat und die Bettwäsche mitnahm.

Tatsächlich hatte Christian Kempenich den Verlockungen der Großstadt nicht widerstehen können und begab sich in ein nächtliches Vergnügungs-Etablissement – Alkohol und ein überredungsfähiges Fräulein besorgten dann den Rest. Als er am frühen Morgen in einem Hotelzimmer aufwacht, liegt sie entkleidet im Bett und er angezogen daneben, aber er kann sich an nichts mehr erinnern. Ohne sich zu verabschieden, flüchtet er schnell von diesem Ort und hört nur noch wie sie „Bubi“ hinter ihm herruft. Offensichtlich nutzte die so Zurückgelassene die Situation aus, um sich an der Bettwäsche zu bedienen. Auch seine Frau Hedwig ließ sich vom hartnäckigen Gesanglehrer erst zu einer Moselfahrt überreden, die er dann dank seines charmanten Unterhaltungstalents so weit ausdehnte, dass weder Schiff, noch Zug zum Heimatort zurückfuhren. Ob sie im Hotel eine gemeinsame Nacht mit ihm verbrachte, wer weiß?

Heinrich Spoerl ließ diese Frage in seinem Roman offen, im Film wurde dagegen der Eindruck vermittelt, dass es nicht zur letzten Konsequenz gekommen war – der einzige Schwachpunkt der filmischen Adaption. Dabei spielt es letztlich keine Rolle, ob sie tatsächlich untreu gewesen sind, denn allein die Diskrepanz zwischen ihrem nach außen hin betonten moralischen Anspruch und ihrer nicht eingestandenen Schwäche bringt sie in ihre zunehmend schwierigere Lage – und droht so ihre intakte Ehe zu zerstören. Eine wie gewohnt mit leichter Hand von Spoerl erzählte Geschichte, die dank der schnellen und witzigen Dialoge der beiden sehr gut harmonierenden Hauptdarsteller höchst unterhaltend gelingt – und ganz nebenbei eine Doppelmoral geißelt, die die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse leugnet. Ein für seine Entstehungszeit gewagter Film, dessen offenherziger Umgang mit der Sexualität auch der rheinländischen Mentalität zu verdanken war, die der gebürtige Düsseldorfer Spoerl authentisch wiederzugeben wusste.

"Wenn wir alle Engel wären" Deutschland 1936, Regie: Carl Froelich, Drehbuch: Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Leny Marenbach, Elsa Dalands, Lotte Rausch, Harald PaulsenLaufzeit : 82 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Carl Froelich:

Samstag, 25. Oktober 2014

Die Herren mit der weißen Weste (1970) Wolfgang Staudte

Inhalt: Die Ankunft des Box-Promoters Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) in Berlin erzeugt große mediale Aufmerksamkeit, denn Stiegler war schon vor seinem Weggang in die USA kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil – 10 Jahre hatte Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) vergeblich versucht, Stiegler seine kriminellen Machenschaften nachzuweisen, bis ihn seine Pensionierung stoppte. Auch nach seiner Rückkehr plant Stiegler sogleich ein großes Ding. Während er wie gewohnt in der Öffentlichkeit auftritt und auf den Rängen des Olympiastadions Platz nimmt, sollen seine Bandenmitglieder die Zuschauereinnahmen des Bundesliga-Spiels ausrauben.

Doch der Plan misslingt, denn die Kasse ist schon leer geräumt. Offensichtlich ist ihnen Jemand zuvor gekommen. Stiegler ahnt nicht, dass sich die Beute im Hause Zänkers befindet, wo der Gerichtsrat gemeinsam mit seinen Gesangskameraden den Erfolg feiert. Natürlich heimlich, denn sein mit im Haus lebender Schwiegersohn (Walter Giller) ist der für die Untersuchung des Raubs verantwortliche Polizei-Inspektor und darf nichts davon erfahren. Schließlich haben die Pensionäre noch mehr vor…

"Die Herren mit der weißen Weste" erschien schon 2013 als DVD, aber die am 14.08.2014 von der PIDAX veröffentlichte Blue-Ray bedeutet qualitativ einen Quantensprung und wird dem Spätwerk Staudtes gerecht, von dem PIDAX auch schon die Fernsehserie "Kommissariat 9" (1975) herausbrachte. "Die Herren mit der weißen Weste" verfügt nicht mehr über Staudtes gesellschaftskritischen Biss, kann aber in seiner unangestrengten Inszenierung als Kleinod innerhalb der damaligen deutschen Komödienlandschaft überzeugen.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 











Fähnchen schwenkend stehen die Massen am Straßenrand, während die US-Army ihre jährliche Militärparade im Westteil der damals geteilten Stadt Berlin abhält. Für den Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) genau die richtige Kulisse, um mit seiner Altherren-Clique das nächste Ding zu drehen, denn die rasselnden Panzerketten setzen jede Alarmanlage außer Betrieb. Während der Juwelier fröhlich den vorbeifahrenden Waffengattungen zujubelt, wird hinter seinem Rücken die Auslage geräumt - und erneut zieht Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) den Kürzeren, der es ebenfalls auf die wertvollen Stücke abgesehen hatte, aber nur noch gähnende Leere vorfindet.

Horst Wendtland, in den 60er Jahren dank des großen Erfolgs der Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmreihen zu einem der führenden Produzenten in Deutschland aufgestiegen, verpflichtete als Regisseur Wolfgang Staudte, um das von ihm selbst verfasste Script zu "Die Herren mit der weißen Weste" in Szene zu setzen. Ein in zweierlei Hinsicht seltener Vorgang. Wendtland schrieb nur wenige Drehbücher und Staudte verfilmte in der Regel eigene Stoffe. Bis zu "Herrenpartie" (1964), der solch vehemente, teils persönliche Kritik erfuhr, dass er heute als das Ende der langjährigen gesellschaftskritischen Phase in Staudtes Schaffen gilt - eine etwas oberflächliche Betrachtung, da einige seiner späteren Arbeiten wie der selbst produzierte Film "Heimlichkeiten" (1968) inzwischen nahezu unbekannt sind.

"Die Herren mit der weißen Weste" scheint diese These dagegen zu bestätigen, denn die Gauner-Komödie um den Gangster Stiegler, den Gerichtsrat Zänker während seiner Amtszeit nie überführen konnte, jetzt aber gemeinsam mit seinen pensionierten Kameraden sowie seiner Schwester Elisabeth (Agnes Windeck) hinters Licht führt, ist reines Unterhaltungskino. Auch wenn der Film aus heutiger Sicht wieder über einigen Charme verfügt, wirkte er 1970 angesichts der aktuellen politischen Ereignisse und soziokulturellen Veränderungen mit seinen Heinz-Erhardt-Reimen und Running-Gags über Schwerhörigkeit aus der Zeit gefallen und bekräftigte die jungen Filmemacher in ihrer Haltung, die Wolfgang Staudte schon seit Beginn der 60er Jahre zu "Opas Kino" zählten. Zudem reihte sich der Film in die damalige Komödienlandschaft ein, die nach außen hin Modernität behauptete, letztlich aber bürgerliche Werte verteidigte – die Langhaarigen gehören zu Stieglers Gangsterbande und die sexuell freizügig auftretende Susan (Hannelore Elsner) ist natürlich ein Flittchen.

Dem ließe sich entgegnen, dass hier auch die seriösen Honoratioren munter und ohne Unrechtsbewusstsein stehlen, aber sie handeln selbstverständlich nicht aus eigennützigen Motiven, sondern um dem Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Zwar gewitzt und ohne Gewalt vorgehend, können ihre Taten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um Selbstjustiz handelt. Die Exekutive in Person von Zänkers Schwiegersohn, Inspektor Walter Knauer (Walter Giller), wird als sympathisch, aber wirkungslos wenig ernst genommen und spätestens wenn der mit Zänker befreundete Kommissar Berg (Siegfried Schürenberg) ankündigt, nach seiner Pensionierung ebenfalls zu der Senioren-Gang stoßen zu wollen, ist das Urteil über die Durchschlagskraft der Polizei gesprochen. Mit der kritischen Betrachtung verheimlichter Flecken, die sich auf den angeblich „weißen Westen“ diverser Herren befinden, hat Wendtlands Story nichts zu tun, sondern variierte komödiantisch die Meinung, dass Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln bekämpft werden müssten.

Dass der Film trotzdem ohne Peinlichkeiten und revanchistische Tendenzen auskam, ist nicht nur den sehr guten Darstellern und der zwar altmodischen, aber kurzweiligen Inszenierung zu verdanken, sondern das Staudte die Chose nicht besonders ernst nahm. So wie es Mario Adorf gelang, „Dandy“ Ziegler sympathische Züge zu verleihen, kann die Pensionisten-Gang den Spaß an ihrem kriminellen Tun nicht leugnen. Die Überführung des Gangsters wird so zu einem willkommenen Nebeneffekt ohne besondere Langzeitwirkung, denn die Herren (und Dame) wollen schließlich weiter ihrem Hobby frönen. Besonders Martin Held als Gerichtsrat gab hier einen Gegenentwurf zu seiner Rolle als Staatsanwalt mit NS-Vergangenheit aus Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“(1959). Sein Auftreten ist von Humor und Toleranz geprägt – trotz seines jahrelangen vergeblichen Versuchs, Ziegler zu überführen, verfällt er nie in irgendeine Form von Fanatismus.

Auch die Besetzung weiterer wichtiger Rollen wirkt wie ein Stelldichein vertrauter Staudte- und Horst Wendtland-Darsteller. Siegfried Schürenberg in seiner aus den Wallace-Filmen gewohnten Rolle des Polizei-Vorgesetzten, Walter Giller, in „Rosen für den Staatsanwalt“ noch Martin Helds Gegenspieler, diesmal als dessen Schwiegersohn und Rudolf Platte als Klein-Ganove mit Herz, der in „Herrenpartie“ den Chor-Leiter einer Herren-Gesangsgruppe spielte. Apropos Gesangsgruppe – dieses auch in „Die Herren mit der weißen Weste“ wiederholt auftretende Motiv erinnert nicht zufällig an Staudtes Satire über die Verdrängung der Gräueltaten der Wehrmacht im 2.Weltkrieg. In „Herrenpartie“ noch mit der Inbrunst des kulturellen Sendungsbewusstseins intoniert, dient die Gesangsprobe hier als vorgetäuschter Anlass für konspirative Treffen – das deutsche Liedgut erklingt vom Band.

Es sind diese ironischen, auch das eigene Werk zitierenden Momente, die Staudtes Film von typischer Komödien-Ware dieser Zeit unterscheiden. Sie gaben ihm die Gelegenheit, kleine Spitzen gegen die Mitnahme-Mentalität auszuteilen und wiesen die Fähnchen schwenkenden Massen am Rand der Militär-Parade als nützliche Idioten aus, hinter deren Rücken es sich leicht ein Ding drehen ließ.



"Die Herren mit der weißen Weste" Deutschland 1970, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Horst Wendlandt, Darsteller : Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Agnes Windeck, Hannelore Elsner, Sabine Bethmann, Herbert Fux, Rudolf Platte, Heinz Erhardt, Siegfried Schürenberg, Willi Reichert, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte:

Sonntag, 3. August 2014

Der Herr mit der schwarzen Melone (1960) Karl Suter

Inhalt: Vater Wiederkehr (Willy Fueter) reagiert überrascht, als plötzlich sein elegant gekleideter Sohn Hugo (Walter Roderer) in seine Zelle zu ihm gesperrt wird. Da er ihm jede Kompetenz abspricht, fehlt es ihm an Vorstellungskraft wie sein Sohn, dessen Anstellung als Reinigungskraft der Aschenbecher in einem Züricher Bankhaus nur seinen Beziehungen zu verdanken war, in einem Genfer Gefängnis landen konnte. Erst langsam ist er bereit, Hugo zuzuhören, dessen Geschichte an dem Tag begann, als sein Vater verhaftet wurde.

Weil ein Mitarbeiter ausfiel, durfte Hugo ausnahmsweise, begleitet von zwei Sicherheitsbeamten, den Geldsack zum Züricher Flughafen bringen, wo er wie jeden Tag nach Genf transportiert wurde. Kurz zuvor hatte er als Halter des Aschenbechers den deutschen Millionär Meißen (Gustav Knuth) und dessen Tochter (Sabine Sesselmann) kennengelernt, als diesen der Tresor der Bank stolz vorgeführt wurde, und hatte dabei erfahren, dass sie ebenfalls auf dem Weg nach Genf waren. Spontan kündigt er seine Stelle und baut als Hobby-Erfinder eine Holzkiste, in der er selbst Platz nimmt, und die er am nächsten Morgen als Luftfracht abholen lässt. So gelangt er in den Frachtraum des Flugzeugs, dass auch drei Millionen Franken an Bord hat...



Mit "Der Herr mit der schwarzen Melone" (1960) brachte die PIDAX am 22.07.2014 den ersten von zwei Filmen des Produzenten Erwin C.Dietrich heraus, die in Zusammenarbeit mit Regisseur Karl Suter und dem Schweizer Kabarettisten Walter Roderer entstanden. "So ein Mustergatte" (1959) folgt am 12.08.2014, entstand aber früher nach einer mehrfach verfilmten Vorlage, darunter mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Der nur für den Schweizer Markt produzierte Film erwies sich als so erfolgreich, dass Dietrich "Der Herr mit der schwarzen Melone" direkt auch für den deutschen Markt produzierte, weshalb er prominente deutsche Darsteller wie Gustav Knuth oder Hubert von Meyerinck engagierte. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).






Die Story vom ewigen Verlierer, der sich am Ende zum Sieger aufschwingt, gehört seit je her zum beliebtesten Komödienstoff, weil er noch Chancen in einer Situation vermittelt, die in der Realität nicht existieren. Auch Hugo Wiederkehr (Walter Roderer) gelingt der Absprung vom wenig geschätzten Aschenbecher-Reiniger einer Bank, dem sein im Gefängnis inhaftierter Vater (Willi Fueter) nichts zutraut und der von seiner Mutter (Walburga Gmür) noch wie ein kleiner Junge behandelt wird, zum angesehenen Geschäftsmann und zukünftigen Ehemann einer schönen Blondine (Sabine Sesselmann) - zudem Tochter eines Millionärs (Gustav Knuth) - nur dank eines Coups, der kaum Nachahmer finden wird. Um an die Geldsendung seiner Bank von Zürich nach Genf per Flieger zu gelangen, schließt der Hobby-Erfinder sich selbst in eine Holzkiste ein - innen bequem ausgestattet und mit ausreichend Werkzeug, Proviant und sonstigen Hilfsmitteln versehen - stiehlt während des Flugs den Inhalt des Sacks im Frachtraum und verlässt die Kiste als dreifacher Millionär.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" versucht gar nicht erst, dem Raub einen realistischen Anstrich zu geben. Schon während des Flugs geht fast alles schief, was schief gehen könnte. Ein als Versuchstier transportierter Hund schlägt an und die Kiste fällt fast zusammen, nachdem Hugo sie von Innen geöffnet hatte. Notdürftig flickt er sie zusammen, muss aber die Bretter auch dann noch von Innen richten, als der Gabelstapler die Kiste schon aus dem Frachtraum abholt. Da der von ihm befreite Hund ständig bellend um den Stapler läuft, wird ein Zollpolizist aufmerksam, im richtigen Moment aber durch ein flüchtendes Fahrzeug abgelenkt. Wohin die Kiste geliefert werden sollte und wie Hugo ihr letztlich unentdeckt entkam, beließen die Macher um Regisseur und Drehbuchautor Karl Suter gleich für sich, denn für die Wirkung des Films spielte das ebenso wenig eine Rolle, wie das hochwahrscheinlich positive Ende vorauszusagen.

Entscheidender ist der Schweizer Charakter des Films, der als zweite Zusammenarbeit von Produzent Erwin C.Dietrich, Regisseur Suter und Kabarettist Walter Roderer nach "So ein Mustergatte" (1959) entstand und mit populären Darstellern wie Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck und Sabine Sesselmann auch auf den deutschen Markt abzielte. In "So ein Mustergatte" hatte Roderer schon eine Heinz Rühmann-Rolle gespielt, der für die Darstellung des am Ende siegreichen kleinen Mannes berühmt wurde, aber der schlacksige, langhalsige Roderer ist ein gänzlich anderer Typus. Gemächlich agierend und ruhig formulierend, wird er leicht von seiner Umgebung übersehen und nicht ernst genommen. Diese Unsichtbarkeit ermöglicht es erst durch die Maschen Schweizer Gründlichkeit zu schlüpfen, deren behauptete Perfektion sich als Trugbild erweist.

Dieser selbstironische Gestus, gepaart mit einem amüsanten Seitenhieb auf europäische Befindlichkeiten der späten 50er Jahre - Hugo gerät an der Seite der hübschen Christine und ihres Vaters Generaldirektor Meißen (gewohnt sympathisch und locker von Gustav Knuth verkörpert) in eine europäische Wirtschaftskonferenz - unterscheidet "Der Herr mit der schwarzen Melone" wesentlich von den in der Regel aktionistischen, oft auch zu Albernheiten neigenden deutschen Komödien dieser Zeit. Selbst die abschließende Fluchtsequenz, in der Hugo ohne Führerschein mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt rast, gelang eher als Persiflage auf vergleichbare Komödiensequenzen - die Männer, die mit der Leiter eine Straße überqueren, kommen unbeschadet davon.

Von den Anspielungen auf hochnäsige Bankbeamte, bekanntlich besonders staatstragende Persönlichkeiten in der Schweiz, oder auf die Verhaltensmuster der High Society - sobald Hugo über Geld verfügt, benötigt er keines mehr - eine tiefergehende Gesellschaftskritik zu verlangen, wie es die zeitgenössische Presse bemängelte, wäre zu viel erwartet. "Der Herr mit der schwarzen Melone" versteht sich als unaufgeregte, sanft ironische Komödie in Schweizer Mundart (hochdeutsch untertitelt), die ganz auf den von Roderer gespielten Charaktertypus abgestimmt wurde und erstaunlich zeitlose Unterhaltung ohne peinliche Ausbrüche bietet, vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf das ruhige Tempo des Films ein.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" Schweiz 1960, Regie: Karl Suter, Drehbuch: Karl Suter, Alfred Bruggmann, Hans Gmür, Darsteller : Walter Roderer, Sabine Sesselmann, Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck, Willy Fueter, Bruno GanzLaufzeit : 88 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich: