Posts mit dem Label Hans Söhnker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Hans Söhnker werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 15. Januar 2016

Immer wenn der Tag beginnt (1957) Wolfgang Liebeneiner

Inhalt: Nachdem der Stadtschulrat sie kaum zu Wort kommen ließ, sondern ihr vermittelt hatte, dass er ihr nach zweimaligem Verstoß gegen die Vorschriften nur auf Grund des Lehrermangels eine weitere Chance gibt, führt Frau Dr. Burkhardts (Ruth Leuwerik) Weg direkt zum Schiller-Gymnasium, wo Direktor Cornelius (Hans Söhnker) über sie befinden soll. Dieser erweist sich als so autoritär, wie humorvoll, und nimmt sie gerne als einzige Frau ins Kollegium auf. Einzig hat er Bedenken, die Mathematik- und Physik-Lehrerin ausgerechnet bei der Oberprima einsetzen zu müssen.

Eine unbegründete Sorge, denn die junge Frau weiß sich durchzusetzen, stellt aber im Gegenteil schnell fest, dass die Klasse in Richtung Abitur-Prüfung hinter dem Lehrplan liegt. Zudem trifft sie in der nahe gelegenen Pension von Frl. Richter (Agnes Windeck) zu ihrer Überraschung auf einen der Schüler - Martin Wieland (Christian Wolff), dessen getrennt lebende Eltern sich nur finanziell um ihren Sohn kümmern. Aus Frau Dr. Burghardts Sicht ein unhaltbarer Zustand, der ihre Aufgabe zusätzlich erschwert.


Ruth Leuwerik 1924 - 2016
In Erinnerung an Ruth Leuwerik, mit 91 Jahren gestorben am 12.01.2016

Schon in den 70er Jahren, als meine Kino-Sozialisation begann, gehörte Ruth Leuwerik zu den vergangenen Stars. Seit 1963 war sie kaum noch im Kino zu sehen, auch ihre TV-Präsenz blieb auf wenige Rollen beschränkt. Wiederholt wurden vor allem ihre Adels-Rollen in "Königliche Hoheit" (1953) und "Königin Louise" (1957), jeweils an der Seite von Dieter Borsche, mit dem sie damals ein "Traumpaar " bildete. Dass zwischen beiden Filmen vier Jahre lagen - im damaligen Filmgewerbe eine Ewigkeit - und diese Rollen eher untypisch für beide Darsteller waren, wurde ignoriert. Dieser Eindruck blieb auch an mir haften und den jetzigen Nachrufen zu ihrem Tod ist dieser Einfluss noch immer anzumerken.

Inzwischen wird die Modernität ihrer Frauenrollen und ihr selbstbestimmtes Auftreten zwar wieder betont, aber die dazu gehörigen Filme sind größtenteils in Vergessenheit geraten - auch weil sich die damalige Tragweite nicht mehr ermessen lässt. Themen, wie die Pädagogik-Diskussion in "Immer wenn der Tag beginnt" wirken inzwischen veraltet, auch lassen sich manche Konzessionen ans Publikum hinsichtlich der emanzipatorischen Ausrichtung nicht übersehen. Filme wie Käutners "Die Rote" (1962), die darauf verzichteten, sind bis heute aus der Öffentlichkeit verschwunden. Tatsächlich ist Ruth Leuweriks Schönheit und ihr Spiel auch gemessen an heutigen Klischees von Unabhängigkeit und Eigenständigkeit geprägt. Es gilt mehr denn je, sie wieder zu entdecken.



Die knapp 30 Filme, die Ruth Leuwerik während ihrer Kino-Karriere zwischen 1952 und 1963 drehte, besitzen eine bemerkenswerte Signifikanz - ihre Beschränkung auf eine überschaubare Anzahl an Regisseuren, mit denen sie wiederholt zusammenarbeitete,  nahm einen fast symmetrischen Verlauf. Ihr Karrierebeginn stand unter dem Einfluss von Helmut Käutner und dessen künstlerischem Umfeld. Nach Harald Braun ("Vater braucht eine Frau" (1952) und "Königliche Hoheit" (1953)), häufiger Produzent von Käutners Filmen, und dessen früheren Regie-Assistenten Rudolf Jugert („Ein Herz spielt falsch“, 1953), besetzte Käutner selbst Ruth Leuwerik in der Hauptrolle zwei seiner Filme („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und "Ludwig II: Glanz und Elend eines Königs" (1955)). Auch gemeinsam mit Rolf Thiele entstand ein früher Film ("Geliebtes Leben" (1952)).

Sieht man von dem früh verstorbenen Harald Braun ab, ließ sie ihre Filmkarriere mit denselben Regisseuren Anfang der 60er Jahre wieder ausklingen. Thiele drehte mit ihr "Auf Engel schießt man nicht" (1960), Jugert "Die Stunde, in der du glücklich bist" (1961) und unter Käutner spielte sie noch dreimal, darunter in „Die Rote“ (1962) und "Das Haus in Montevideo" (1963). Einzig Alfred Vohrer konnte sie noch für zwei spätere Kinofilme gewinnen („Und Jimmy ging zum Regenbogen“ (1971)). In den fünf Jahren zwischen diesen beiden Phasen - im Zenit ihrer Popularität - arbeitete sie fast ausschließlich an der Seite von Wolfgang Liebeneiner. Nach dem großen Erfolg von "Die Trapp-Familie" (1956) und "Königin Louise" (1957) entstanden bis 1960 ("Eine Frau fürs ganze Leben") sieben gemeinsame Filme.

"Immer wenn der Tag beginnt" markiert als vierter Film dieser Reihe zwar die Mitte ihres Schaffens, blieb aber im Schatten ihrer großen Filmerfolge, obwohl George Hurdalek erneut das Drehbuch verfasste. Diesmal orientierte er sich weder an einer Biografie ("Die Trapp-Familie"), noch wählte er einen historischen Stoff wie in "Königin Louise", sondern entwarf ein Gegenwarts-Szenario. Hurdalek - 1942 am Propaganda-Film "Fronttheater" beteiligt - , der als Co-Autor vieler Käutner- und Jugert-Filme zum Bindeglied zwischen Früh- und Hochphase in Ruth Leuweriks Karriere wurde, betrat damit keineswegs Neuland. Im Jahr zuvor hatte er für das Drogen-Drama "Ohne dich wird es Nacht" (1956) das Drehbuch geschrieben, wenige Jahre später folgte die gesellschaftskritische Satire „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959).

„Immer wenn der Tag beginnt“ nahm sich scheinbar die seit 1956 populären „Halbstarken“-Filme zum Vorbild, die mit ihrem moralischen Gestus auf die sich verändernden soziokulturellen Veränderungen in der Bundesrepublik reagierten. Der damals 19jährige Christian Wolff spielte 1957 nach „Anders als du und ich“ und „Die Frühreifen“ schon seine dritte Rolle als schwer erziehbarer Jugendlicher, dessen Zukunft wegen des behaupteten moralischen Niedergangs gefährdet ist. Diesmal gab er den Oberprimaner Martin Wieland, ein verwöhntes Scheidungskind, das alleine in einer nahegelegenen Pension wohnt und seine um die Welt jettenden Eltern nur selten zu sehen bekommt. Die „Schule am Harthof“ in München, deren moderne, transparente Architektur von der jungen Demokratie, wie vom allgemeinen Unternehmergeist zeugte, bildete den stimmigen Hintergrund für das mit souveräner Autorität von Oberstudiendirektor Wolfgang Cornelius (Hans Söhnker) geleitete Jungen-Gymnasium.

„Wir haben die jungen Menschen geistig fit zu machen – für die Wissenschaft, für ihren Beruf“

lautet sein Credo gegenüber der neuen Lehrerin Frau Dr.Burkhardt (Ruth Leuwerik), die schon zweimal versetzt werden musste, weil sie gegen Auflagen verstoßen hatte. Im Gegensatz zu ihren Vorgesetzten ist sie der Meinung, dass der familiäre Hintergrund und damit die psychische Situation eines Schülers bei der Beurteilung eines Vergehens mit berücksichtigt werden sollte. Sie hatte einem Mädchen, das gestohlen hatte, nicht nur Geld geliehen, sondern sie auch vor der Polizei geschützt, weil sie von ihren berufstätigen Eltern vernachlässigt wurde. Cornelius argumentiert gegen diese Sichtweise mit der schieren Anzahl an Schülern – bei 1600 Gymnasiasten sei es unmöglich, die individuelle Situation des Einzelnen zu berücksichtigen. Einzig Disziplin sei gefragt.

Schon die Eingangssequenz, in der die Konfliktlinie zwischen der damaligen Auffassung von konservativer und moderner Lehrmethodik gezogen wurde, lässt deutlich werden, dass Hurdalek und Liebeneiner die Thematik nur sanft ausloteten. Der Direktor wirkt trotz seiner autoritären Haltung diskussionsbereit und die Mathematik- und Physik-Lehrerin legt höchsten Wert auf gutes Benehmen. Einzig das Fehlverhalten von Eltern wird von ihr als Ursache für die Probleme einzelner Schüler betrachtet – eine Mitte der 50er Jahre aufkommende Meinung, als erste Tendenzen sich verändernder Familienstrukturen, besonders hinsichtlich der Mutter-Rolle, spürbar wurden. Für die peinlichste Situation des Films sorgt entsprechend Martin Wielands Mutter (Christl Mardayn), die bei einem überraschenden Besuch ohne jegliches Feingefühl in eine Jugend-Party platzt und ihren Sohn blamiert. Kein Wunder, dass er sich in seine Lehrerin verliebt.

Abgesehen von dieser Szene, bleibt das auffälligste Merkmal des Films seine Unauffälligkeit. Weder die Unterrichtsstunden mit der Oberprima – seit der „Feuerzangenbowle“ (1944) klassischer Komödien-Stoff – noch deren Jazz-Begeisterung wurden für zugespitzte Situationen genutzt. Konflikte zwischen den Schülern gibt es nicht. Auf Sex oder Kriminalität, wie in den „Halbstarken-Filmen“ üblich, wurde gänzlich verzichtet. Selbst der Tod eines Schülers und das vom Hausmeister (Joseph Offenbach) entdeckte Tagebuch, in dem Martin über seine Liebe zu seiner Lehrerin fantasiert, können kaum Dramatik erzeugen. Innerhalb dieses unaufgeregten Szenarios wird schon die Entscheidung, bei einer Beerdigung Jazz zu spielen, zum Wagnis. Dass ganz am Ende noch Cornelius seine Studienrätin heiratet, kann nur als Konzession ans Publikum verstanden werden. Angeblich hatten sie sich gleich zu Beginn ineinander verliebt – zu spüren war es nicht.

Es ist diese untertemperierte Emotionalität, mit der „Immer wenn der Tag beginnt“ besticht, der keinen Moment die im Zentrum stehende souveräne Frauenrolle durch Gefühlswallungen diskreditierte. Sicherlich war das meist respektvolle Auftreten sowohl des Lehrer-Kollegiums, als auch der Primaner geschönt, so wie eine Frau innerhalb des männlich geprägten Umfelds im Film als Ausnahme verstanden werden wollte, aber das lässt nicht übersehen, wie sehr Ruth Leuwerik gegen damalige Klischees anspielte. Sie verband Schönheit, Intelligenz, Humor und Selbstbewusstsein zu einer starken Persönlichkeit, hinter der der sonstige Film nur eine Nebenrolle einnahm.

"Immer wenn der Tag beginnt" Deutschland 1957, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: George Hurdalek, Wolfgang Liebeneiner, Utz Utermann, Darsteller : Ruth Leuwerik, Hans Söhnker, Christian Wolff, Agnes Windeck, Friedrich Domin, Joseph Offenbach, Rex Gildo, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Montag, 11. Mai 2015

Studentin Helene Willfüer (1956) Rudolf Jugert

Inhalt: Helene Willfüer (Ruth Niehaus) wird feierlich die Doktorwürde von Professor Matthias (Hans Söhnker) verliehen – ein nicht selbstverständliches Ereignis. Zwar erweckte Helene sofort große Aufmerksamkeit bei ihrem Doktor-Vater, der die intelligente, engagierte junge Frau zu sich als Assistentin ins Forschungslabor holte, aber ihr Auftauchen setzte unaufhaltsame Prozesse in Gang. Yvonne Matthias (Elma Karlowa), die Ehefrau des Professors, erkennt in ihr sofort eine Nebenbuhlerin. 

Nicht nur, dass ihr Mann viel Zeit mit ihr im Labor verbringt, mehr noch ärgert Yvonne, dass Helene sich mit Dr. Reiner (Erik Schumann) anfreundet, einem Arzt, der wie sie der Musikleidenschaft frönt. Unglücklich in ihrer Ehe, war sie mit Dr. Reiner ein Verhältnis eingegangen. Doch im Gegensatz zu ihr leidet der junge Arzt, der sich selbst Schmerzmittel injiziert, an dieser Situation. Für ihn ist Helene ein Hoffnungsschimmer und er verliebt sich in die junge Frau. Sie scheint seine Gefühle zu erwidern, aber tatsächlich versucht sie nur ihre Gefühle für den Professor zu vergessen…


Ein großer Teil der in den 50er Jahren in Deutschland herausgekommenen Filme waren Remakes früher Tonfilme, häufig stammten die ersten Kinofassungen populärer Literatur noch aus der Stummfilmzeit. Auch "Studentin Helene Willfüer", basierend auf dem 1928 erschienenen Roman "Stud. chem. Helene Willfüer" von Vicki Baum, führt unmittelbar zurück in die Zeit der Weimarer Republik, erlebte 1930 am Ende der Stummfilm-Ära eine erste Verfilmung mit Olga Tschechowa in der Hauptrolle, und steht doch exemplarisch für das Frauenbild der 50er Jahre, das sich in den drei Jahrzehnten zuvor nur wenig gewandelt hatte. Autorin Vicki Baum, von deren Romanen heute nur noch "Menschen im Hotel" (verfilmt USA 1932 und Deutschland 1960) über einen gemäßigten Bekanntheitsgrad verfügt, verdankte "Stud. chem. Helene Willfüer" ihren Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Ihr blieb die Anerkennung der seriösen Literaturkritik zwar verwehrt, aber ihre der Unterhaltungsliteratur zugeordneten Bücher gestatten heute noch einen authentischen Blick in den damaligen Zeitgeist.

"Stud. chem. Helene Willfüer" entstand in der Phase einer "neuen Sachlichkeit" nach dem 1.Weltkrieg und zeichnete das Bild einer selbstständigen Frau, die Wert auf ein modernes, an pragmatischen Gesichtspunkten orientiertes attraktives Äußeres legte und trotz eines unehelichen Kindes ihr Studium zu Ende führte, um einem Beruf nachzugehen. Damit berührte Vicki Baum zwar Tabus, bewies aber Gespür für eine Gesellschaft im Wandel - ein Grund für ihren Erfolg, neben ihrem Geschick auch konservative Gemüter mit einem Ende zu befriedigen, das den Status quo wieder herstellte. Diese unentschiedene Haltung wurde ihr zwar vorgeworfen, lässt aber übersehen, wie sehr allein schon die Schilderung einer versuchten Abtreibung provozierte. Nicht nur in den 20er Jahren, auch der Drehbuch-Fassung zu Rudolf Jugerts Film ist dieser Kompromiss anzumerken, denn Mitte der 50er Jahre galten die in "Stud. chem. Helene Willfüer" publikumswirksam ausgebreiteten Lebensumstände einer jungen Studentin keineswegs als opportun. Im Gegenteil hatte die Zeit des Nationalsozialismus die vorsichtige Emanzipationsbewegung der 20er Jahre wieder zurückgeworfen.

„Die ist richtig – mit dem Einen kommt sie, mit dem Anderen geht sie“

Mit dieser wenig anerkennend gemeinten Aussage stand die Konzertbesucherin sicherlich nicht allein. Helene Willfüer (Ruth Niehaus) war in Begleitung ihres Doktor-Vaters Professor Matthias (Hans Söhnker) zum Konzert-Saal gekommen, um diesen gemeinsam mit dem Arzt Dr. Rainer (Erik Schumann), der zuvor als Dirigent das Konzert gegeben hatte, wieder zu verlassen. Eine Frau riskierte schnell ihren „guten Ruf“, doch Ruth Niehaus erwies sich als Idealbesetzung zwischen größtmöglicher Ernsthaftigkeit und einem frei bestimmten Leben. Wie schon in ihrer ersten Hauptrolle im Heimatfilm „Rosen blühen auf dem Heidegrab“ (1952) blieb ihre Sexualität hinter ihrem so schönen, wie züchtigen Äußeren nur unterschwellig spürbar und wirkte sie im Umgang mit den beiden Männern nie berechnend. Diese Position nahm Elma Karlowa als Yvonne Matthias ein, die Ehefrau des Professors, die ihn nicht nur mit Dr.Rainer betrügt, sondern alles unternimmt, um die Nebenbuhlerin Helene Willfüer auszuschalten. Karlowa, die schon in „Rosenmontag“ (1955) an der Seite von Ruth Niehaus spielte, gab hier den weiblichen Antipoden und schuf damit erst den Freiraum für Willfüers den damaligen Regeln widersprechendes Verhalten.

Es ist Jugert und seinem Drehbuchautoren Frederick Kohner hoch anzurechnen, dass sie diese negativ besetzte Figur nicht vollständig demontierten, sondern in ihrer Emotionalität menschlich nachvollziehbar werden ließen. Es bleibt der Moment in Erinnerung, in dem sie ihre Einsamkeit an der Seite eines Ehemanns ausdrückt, für den sie ihre Karriere als Musikerin aufgab, der seine Zeit aber am liebsten im Forschungslabor verbringt. Hans Söhnker, in den 50er Jahren prädestiniert für die Rolle des älteren Liebhabers („Männer im gefährlichen Alter“ (1953)), kann hier nur schwerlich vermitteln, wie es zu der Verbindung zu der sehr emotionalen Musikerin gekommen war. An Karlowas Seite wirkt er als Forscher seltsam passiv, fast schon hilflos gegenüber dem exaltierten Verhalten seiner Ehefrau. Wirklich konsequent ist er nur gegenüber Helene Willfüer, die er nicht nur sofort als Assistentin zu sich ins Labor holt, sondern niemals Zweifel an ihr äußert – weder als sie wegen Mordverdachts verhaftet wird, noch als sie ein uneheliches Kind bekommt.

Diese Idealisierung eines gereiften, hoch angesehenen Mannes, dessen Haltung außerhalb der vorherrschenden Meinung stand, hatte schon in Baums Roman die Funktion, eine größere Akzeptanz beim Leser für die Protagonistin zu erzeugen – und sorgte letztlich auch für deren Legitimation. Jugert deutete dieses Ende im Gegensatz zu Vicki Baum nur an, aber er blieb der Romanvorlage in ihrem unterhaltenden Charakter treu. Besonders Harald Juhnke als Kommilitone Meier und Ina Peters als quirlige Mitbewohnerin nehmen der Handlung viel von ihrer Ernsthaftigkeit. Wenn Juhnke sich den Säugling packt, um ihn mit modernen Methoden zu windeln, hat der Zuschauer schon fast vergessen, dass Helene Willfüer den Heiratsantrag des Kindsvaters ablehnte, weil sie ihre Karriere nicht als Ehefrau eines Landarztes aufgeben wollte, sondern stattdessen vorhatte, das Kind, von dem er nichts wusste, abzutreiben.

Die von Erik Schumann gespielte tragische Rolle des jungen Arztes, der lieber Musiker geworden wäre als die Familien-Tradition als Landarzt fortzusetzen, wurde in Jugerts Film zusätzlich in Richtung einer Kriminalhandlung gewichtet. Nach dem abgelehnten Heiratsantrag stirbt er durch eine Injektion, wofür Helene Willfüer verantwortlich gemacht wird, die den Toten auffindet. Die gesamte folgende nicht in Baums Roman enthaltene Gerichtssequenz wirkt übertrieben und sollte nur von den tatsächlichen Inhalten ablenken. Der Betrachter weiß, dass Helene unschuldig ist, aber Jugert überspielte damit die Zeit ihrer Schwangerschaft, die sie im Gefängnis verbringt, so wie der uneheliche Verkehr zwischen ihr und dem Verstorbenen zuvor nur angedeutet wurde. Auch von Seiten der Bevölkerung sind kaum kritische Stimmen zu hören. Einmal deutet Helene kurz an, dass sie wegziehen will, weil sie die unausgesprochenen Vorwürfe spürt, aber näher konkretisiert der Film das nicht.

Die Absicht dahinter liegt auf der Hand. Regisseur und Autor vermieden negativ besetzte Details, um die Identifikation mit der Hauptfigur aufrecht zu erhalten. Kombiniert mit einer Vielzahl an unterhaltsamen Elementen wurde der eigentliche Handlungsschwerpunkt relativiert, wodurch Helene Willfüers für die damalige Zeit ungewöhnlich mutige Konsequenz fast einen nebensächlichen Charakter erhielt. Das nahm „Studentin Helene Willfüer“ zu Unrecht die Reputation, denn gerade die Vorsicht, mit der Rudolf Jugert seine Handlung vorantrieb, vermittelt, wie gewagt es in den 50er Jahren noch war, eine selbstbewusst und eigenständig agierende Frau in den Mittelpunkt eines Unterhaltungsfilms zu stellen.

"Studentin Helene Willfüer" Deutschland 1956, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Frederick Kohner, Vicki Baum (Roman), Darsteller : Ruth Niehaus, Hans Söhnker, Elma Karlowa, Erik Schumann, Harald Juhnke, Otto WernickeLaufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rudolf Jugert:

Sonntag, 27. Juli 2014

Wegen Verführung Minderjähriger (1960) Hermann Leitner

Inhalt: Dr. Rugge (Hans Söhnker) ist ein anerkannter Lehrer am örtlichen Lizeum. Besonders die 17jährige Inge (Marisa Mell), die mit Rugges Tochter Karin (Cordula Trantow) in eine Klasse geht, schwärmt für ihn. Die hübsche junge Frau verbringt gerne ihre Freizeit mit ihrem Freund Paul (Walter Wilz) in Beatclubs und Bars – im Gegensatz zu Karin, die sich bei einer gemeinsamen Verabredung vehement gegen die Avancen von Pauls Freund wehrt.

Karin ist entsprechend skeptisch, als Dr. Rugge Inge bei sich aufnimmt, nachdem ihr mit ihm befreundeter Vater tödlich verunglückte. Sie bemerkt im Gegensatz zu ihrer Mutter (Heli Finkenzeller), die Inge ebenfalls freundlich begegnet, dass diese in ihren Vater verliebt ist und alles daran setzt, ihn für sich zu gewinnen…


Die ab Mitte der 50er Jahre aufkommende Welle an Filmen, die direkt an die Einhaltung der noch sehr konservativ geprägten Moralvorstellungen appellierten, übernahm diese Aufgabe von dem die Kinolandschaft bis dahin bestimmenden Heimatfilm. War die Idealisierung von Ehe und Familie, verbunden mit den gewohnten Geschlechterrollen, in den frühen Nachkriegsjahren noch selbstverständlich, verlor der Heimatfilm diese Vorbildwirkung in den späten 50er Jahren. Reagierend auf die wachsende wirtschaftliche Prosperität und aufkommende Reiselust der Deutschen lag das Gewicht des Heimatfilms zunehmend auf einer komödiantischen Handlung mit Gesangseinlagen in touristisch ansprechender Umgebung (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1958"). Parallel entstanden in Folge des großen Erfolgs von "Die Halbstarken" (1956) Filme, die konkreter auf die sich verändernde Sozialisation nach dem Krieg eingingen - sowohl um die Sensationsgier des Publikums zu befriedigen, als auch um vor den ausschließlich als negativ beschriebenen Konsequenzen zu warnen.

Dieser Prozess lässt sich auch im Werk des österreichischen Regisseurs Hermann Leitner nachvollziehen, der seine Karriere als Regie-Assistent bei "Der Hofrat Geiger" (1948) begann, eine Komödie im frühen Heimatfilm-Gewand, die 1961 mit "Mariandl" ein Remake erfuhr. Mit "Pulverschnee nach Übersee" (1956) und "Ferien auf Immenhof" (1957) gehörten seine ersten Regie-Arbeiten ebenfalls dem Genre an, bevor er mit "Lilli, ein Mädchen aus der Großstadt" (1958) einen zeitgenössischeren Stoff verfilmte, der sich im Rahmen einer Kriminal-Komödie mit der sich wandelnden Rolle der Frau in der Gesellschaft befasste. Mit den Dramen "Wegen Verführung Minderjähriger", "Verdammt die jungen Sünder nicht" (1961) und "Wenn beide schuldig werden" (1962) versuchte Leitner, der in den beiden folgenden Film auch am Drehbuch mitwirkte, eine seriöse Betrachtung der sich verändernden Sozialisation nach dem Krieg und zeigte deren aus seiner Sicht negativen Folgen auf.

Die Parallelen zwischen "Wegen Verführung Minderjähriger" zu Veit Harlans Homosexuellen-Drama "Anders als du und ich" (1957) sind offensichtlich - nicht nur wegen der als Rahmenhandlung fungierenden Gerichtsverhandlung, die dem Thema den Charakter von übergeordneter staatlicher Bedeutung verleihen sollte, sondern auch in der Formulierung der Schuldfrage. Nicht der Einzelne trägt Schuld, sondern die "modernen Zeiten", die damit als eine Art Krankheitsbild ausgewiesen wurden, gegen die es auch ein Gegenmittel geben musste. Wie innerhalb dieser moralisch konnotierten Dramen üblich, wird auch in "Wegen Verführung Minderjähriger" nur das äußere Bild propagiert, ohne zu hinterfragen, woran Ehen tatsächlich scheitern. Allein die wiederholte Bemerkung, ein Mann Anfang 50 wäre "im gefährlichen Alter" - nebenbei der Titel eines Films von 1954, in dem Söhnker auch die Hauptrolle spielte - suggeriert eine rein von außen kommende Gefährdung, gegen die nur angemessene Maßnahmen seitens der Ehefrau getroffen werden müssten. Die Anklage "Wegen Verführung Minderjähriger", der sich der Studienrat Dr. Stefan Rugge (Hans Söhnker) ausgesetzt sieht und von deren Entstehung er im Rückblick vor Gericht berichtet, wird entsprechend als Konsequenz aus der mangelhaften Vorsorge gegen diese zunehmenden Gefahren betrachtet.

Leitners nach einem Drehbuch Wolfgang Schnitzlers entstandener Film versuchte den Spagat zwischen erhobenem Zeigefinger und gleichzeitigem Verständnis und verzichtete im Gegensatz zu Harlan in „Anders als du und ich“ auf direkt Beschuldige. Zu verdanken ist das dem Spiel Hans Söhnkers, der in seiner Rolle als seriöser Studienrat konsequent bleibt, die 17jährigen Inge (Marisa Mell) nicht bloß stellt, sondern die Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Zwar sind die Rollen seiner jederzeit fair und ohne Eifersucht handelnden Ehefrau (Heli Finkenzeller) und seiner Tochter (Cordula Trantow) - den unschuldigen Teenager verkörpernd - idealisiert, aber Marisa Mell kann in einer ihrer ersten Rollen, in dem sie schon früh auf den Typus der Verführerin festgelegt wurde, als ehrlich Verliebte überzeugen.

Entscheidend für die Wirkung des Films ist aber, dass er die Sache beim Namen nennt. Es gibt Partys, fordernde junge Männer und willige Mädchen. Der Mittelteil des Films wird von einem zwar vergleichsweise braven Jazz- und Schlager-Konzert bestimmt, wird aber zum Ausgangspunkt des ersten Kusses zwischen Inge und ihrem Lehrer und führt später konsequenterweise zum Sex. Ob viele Betrachter damals die Mär von den angeblich früher entwickelten Mädchen nach dem Krieg ernsthaft glaubten, die quasi ohne eigenes Zutun zu Verführerinnen wehrloser Männer im „gefährlichen Alter“ wurden, darf bezweifelt werden. Die Warnung davor kam sowieso zu spät – die Zeiten ließen sich nicht mehr zurückdrehen und „Wegen Verführung Minderjähriger“ zeigt auch, warum.

"Wegen Verführung Minderjähriger" Österreich 1960, Regie: Hermann Leitner, Drehbuch: Wolfgang Schnitzler, Darsteller : Hans Söhnker, Marisa Mell, Heli Finkenzeller, Cordula Trantow, Walter WilzLaufzeit : 95 Minuten 

Nächtlicher Überraschungsfilm beim 13. Hofbauer-Kongress zu Nürnberg vom 24. bis 28.07.2014 

weitere im Blog besprochene Filme von Hermann Leitner:

"Verdammt die jungen Sünder nicht" (1961)

Freitag, 31. Mai 2013

Große Freiheit Nr.7 (1944) Helmut Käutner

Inhalt: Die Padua, das Schiff auf dem Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) als Seeleute arbeiten, hat endlich wieder im Hamburger Hafen angelegt. Sie freuen sich Hannes (Hans Albers) wieder zu sehen, der als „Singender Seemann“ in der „Großen Freiheit“ auf der Reeperbahn auftritt. Nach vielen Jahren gemeinsamer Seefahrt hatte Hannes sich entschlossen an Land zu bleiben, da ihn sein Bruder um viel Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance nahm, eine Ausbildung zu finanzieren, um nicht nur als einfacher Matrose zur See fahren zu können.

Doch trotz seines Erfolges auf der Reeperbahn ist er nicht glücklich, weshalb er nur unwillig zu seinem Bruder geht, als dieser ihn an sein Sterbebett ruft. Wiederholt macht er ihm Vorwürfe für das, was er ihm angetan hat, aber sein Bruder denkt nur an Gisa (Ilse Werner), seine frühere Geliebte, um die er sich nicht mehr gekümmert hatte. Er bittet Hannes, zu Gisa aufs Land zu fahren, wo sie bei ihrer Mutter auf dem Bauernhof arbeitet. Als er kurz darauf stirbt, kann Hannes trotz seines Grolls nicht anders, als seinen letzten Wunsch zu erfüllen. Gisa leidet unter den ständigen Vorwürfen ihrer Mutter, sich unverheiratet auf einen Mann eingelassen zu haben. Sie hält auch Hannes für unmoralisch, was dieser energisch von sich weist, aber er bietet Gisa an, mit ihm nach Hamburg zu kommen, wo er für sie sorgen wird. Erst zögert sie, aber nach erneuten Anschuldigungen ihrer Mutter entschließt sie sich, Hannes zu begleiten...


Obwohl Helmut Käutner 1943 wegen „Romanze in Moll“ mit dem Propaganda-Ministerium in Konflikt geraten war, da der melodramatische Film zu sehr einen individuellen Lebensentwurf herausstrich, durfte er mit „Große Freiheit Nr.7“ den ersten Agfa-Farbfilm der Terra - Filmgesellschaft drehen, der mit Hans Albers in der Hauptrolle als Würdigung der deutschen Handelsmarine gedacht war. Dazu gab es klare Vorgaben seitens des Ministeriums. Im Film durfte nichts auf den fortgeschrittenen Krieg hinweisen, sondern sollte eine positive Grundstimmung vorherrschen, um das Volk bei Laune zu halten. Um gegen diese Richtlinien nicht zu verstoßen, setzten in dieser Phase viele Regisseure auf historische oder fantastische Geschichten wie „Münchhausen“ (1943) unter der Regie von Josef von Báky, in dem Hans Albers die Titelrolle übernommen hatte. Auch die Gattung des Musikfilms galt als unverfänglich – ein Genre, das Regisseur Käutner vertraut war. Mit „Wir machen Musik“ hatte er zuletzt 1942 einen erfolgreichen Vertreter auf die Leinwand gebracht - mit Ilse Werner an der Seite von Marika Rökk.

Entsprechend versprach auch "Die große Freiheit Nr.7" eine mit vielen populären Nummern gespickte Musikrevue (unter anderen „La Paloma“ und „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“) zu werden, mit dem "Blonden Hans" Albers und Ilse Werner in den Hauptrollen und populären Komödianten wie Gustav Knuth und Günther Lüders in Nebenrollen. Dank nur weniger Aufnahmen im Hamburger Hafen – der größte Teil der Dreharbeiten fand in Prag statt – konnte Käutner Hinweise auf den Krieg vermeiden, verzichtete aber auch sonst auf jeden konkreten Bezug zur politischen Realität, obwohl die Handlung in der damaligen Gegenwart stattfand. Doch dieser äußerliche Anschein täuschte, denn Helmut Käutner nutzte die abwechslungsreiche Geschichte um Liebe, Reeperbahn und die Sehnsucht nach dem Meer, um ein authentisches Zeitbild zu schaffen, geprägt von nachvollziehbaren menschlichen Emotionen. Schon der geplante Titel „Große Freiheit“ stieß im Propagandaministerium auf Ablehnung, weshalb der mögliche Symbolcharakter mit der Hinzufügung der Hausnummer 7 abgeschwächt werden musste. Trotzdem fand Käutners Film keine Gnade vor den Augen Joseph Goebbels, dem die Handlung zu schwermütig und pessimistisch angelegt war, weshalb der Film nicht zur Aufführung kam. Selbst nach dem Krieg wurde „Große Freiheit Nr.7“ nicht empfohlen, da die Handlungsweise der Protagonisten als moralisch verwerflich galt.

Zwar beginnt der Film humorvoll, wenn sich die beiden Hamburger Seeleute Fiete (Gustav Knuth) und Jens (Günther Lüders) vor dem Landgang mit einem Kölner Kollegen über die Qualitäten ihrer jeweiligen Heimatstädte in die Haare kommen, aber schon als sie ihren alten Freund Hannes (Hans Albers) im Lokal „Große Freiheit Nr.7“ zu besuchen, wo er jeden Abend als „Singender Seemann“ auftritt, wird Wehmut spürbar. Hannes war lange Zeit gemeinsam mit Fiete und Jens auf dem Viermast-Schoner „Padua“ über die Meere gesegelt, bevor er sich entschieden hatte, an Land zu bleiben. Obwohl ihm die Herzen bei seinen Auftritten zufliegen, ist der eingefleischte Seemann Hannes mit seinem Job auf der Reeperbahn unglücklich, den er hatte annehmen müssen, weil ihn sein Bruder mehrfach um sein Geld betrogen hatte und ihm dadurch die Chance genommen wurde, eine Ausbildung auf See zu machen. Doch trotz seiner stattlichen Erscheinung bleibt er gutmütig bis zur Naivität, weshalb er gegen seine ursprüngliche Absicht auch den letzten Wunsch seines Bruders erfüllt und ihm auf dessen Sterbebett verspricht, sich um dessen ehemalige Geliebte Gisa (Ilse Werner) zu kümmern.

Diese lebt weit von Hamburg entfernt wieder bei ihrer Mutter auf einem Bauernhof, wo sie nach dem Tod des Vaters tatkräftig mitarbeiten muss. In wenigen Szenen schildert Käutner, welchen Anfeindungen sie in der ländlichen Gegend ausgesetzt ist, da sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten hatte. Sogar ihre Mutter schämt sich für sie, weshalb Hannes nicht viele Worte braucht, um sie dazu zu überreden, wieder nach Hamburg zurückzukehren. Käutner versucht gar nicht erst, Gisas Handlungsweise zu relativieren, sondern schildert sie als junge Frau, die ein Faible für direkt und frech daher kommende Kerle hat, ohne deshalb ihren Anstand in Frage zu stellen. Auch bei Hannes hinterlässt die hübsche Gisa einen großen Eindruck, weshalb er sich gerne um sie kümmert und sie zu sich in seine Wohnung nimmt, obwohl sich die Leute schnell das Maul darüber zerreißen.

Doch es ist seine Figur, die das kommende Missverständnis erst herauf beschwört. Während sie einfach ihre Emotionen lebt, kann er nicht aus seiner Haut. Weder erkennt er, dass er nicht Gisas Typ ist, noch dass ihn Anita (Hilde Hildebrand), die Chefin der „Großen Freiheit“, liebt. Käutner macht kein Geheimnis daraus, dass auch hier die Gesetze der Reeperbahn gelten. Ganz offensichtlich machen sich die Mädchen an die Matrosen heran, um Geld zu verdienen. Aus heutiger Sicht wirkt die damalige Anmache fast romantisch, aber das ist nur der veränderten Sichtweise auf die Sexualität geschuldet. Zudem spielt Günther Lüders den verprellten Seemann Jens auch in seinem Unglück mit einer gewissen Komik, was seine Enttäuschung etwas abschwächt. Hannes singt zwar dort, sieht sich aber moralisch über seiner Umgebung stehend, weshalb Anita für ihn nicht als „ernste“ Beziehung in Frage kommt. Stattdessen verbietet er Gisa, die sich seine Auftritte ansehen will, dorthin zu gehen, weil sich das für ein anständiges Mädchen nicht gehört. Dabei hätte das seine Chancen bei ihr wahrscheinlich erhöht, denn als Sänger ist er charmant und lässig, während er sonst versucht, besonders solide aufzutreten. Gisa lernt dagegen mit Willem (Hans Söhnker) genau den Typen kennen, auf den sie steht, obwohl es offensichtlich ist, dass er den Umgang mit Frauen gewöhnt ist.

Käutner schert sich in „Große Freiheit Nr.7“ weder um die Erwartungshaltung des Publikums, noch um irgendeine ausgleichende Gerechtigkeit, die es in der Realität nicht gibt. Gisa lebt ihre Emotionen, unabhängig von pragmatischen Erwägungen und trotz ihrer schlechten Erfahrungen mit Hannes’ Bruder, auch Willem, der stolz ist, kein Seemann zu sein, sondern bei Blohm & Voss arbeitet, will nicht auf seinen Spaß verzichten – an ihnen verdeutlicht Käutner, dass Unvernunft keine Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist, sondern dank der gepredigten Moralvorstellungen damals nicht existieren durfte. Am ehrlichsten und zuverlässigsten ist Anita, aber sie kann die Vorurteile nicht überwinden und wird zur tragischen Figur des Films. Vordergründig scheint Hannes’ Tragik größer, da er von Gisa zurückgewiesen wird, aber letztlich bleibt seine Braut die See. Er musste an Land scheitern, da er die dortigen Regeln nicht verstand. Den Seeleuten der Handelsmarine mit Hannes an der Spitze gehören die Sympathien, aber der Film lässt auch deutlich werden, dass sie vor echter Verantwortung an Land damit auch fliehen.

Käutner nutzte den Agfa-Film, um mit satten Farben und starken hell/dunkel Kontrasten seine am poetischen Realismus orientierte Bildsprache fortzuführen, wie er sie zuvor in seinen Schwarz/Weiß Filmen schon entwickelt hatte und in seinem folgenden Film „Unter den Brücken“ zur Meisterschaft führen sollte. Auch thematisch bleibt er dem Realismus nah, schildert das Leben in Hamburg lakonisch und ohne seine Figuren zu bewerten. Wie in Hannes melancholischen Liedern ist das Dasein eine Abfolge von Glück und Trauer, ohne Garantien auf irgendein Gelingen – eine der nationalsozialistischen Ideologie gänzlich widersprechende Sichtweise. „Große Freiheit Nr. 7“ hat sich seine Zeitlosigkeit nicht nur wegen seiner unvergesslichen Lieder und Hans Albers eindrucksvollem Spiel bis heute bewahrt.

"Große Freiheit Nr. 7" Deutschland 1944, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Richard Nicolas, Darsteller : Hans Albers, Ilse Werner, Hans Söhnker, Hilde Hildebrand, Gustav Knuth, Günther Lüders, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Käutner: