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Donnerstag, 23. März 2017

Weg in die Freiheit (1952) Alfred Weidenmann


Auf Hahnöversand
Inhalt: In „Weg in die Freiheit“ wird ein reformpädagogisches Konzept für jugendliche Straftäter dokumentiert, das diesen die Eingliederung nach der Haftzeit erleichtern soll. Auf der Elbinsel Hahnöversand - in der Nähe der Großstadt Hamburg gelegen, aber ein in sich abgeschlossener, überschaubarer Raum – entstanden schon in den 20er Jahren die geeigneten Gebäude für die in drei Stufen vorgenommene Erziehungsmethodik: der Zellentrakt, ein Wohngebäude mit Aufsicht und eine unbewachte Wohnanlage. Mit korrektem Verhalten und konstruktiver Mitarbeit können sich die jungen Männer die Erleichterung ihrer Haft von der Gefängniszelle bis zum Freigänger auf der Insel verdienen… 


Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952) 

Auf Grund seiner Rolle in der Hitlerjugend, die in dem Propagandafilm "Junge Adler" gipfelte, erhielt Regisseur Alfred Weidenmann - wie sein Drehbuchautor und Compagnon Herbert Reinecker - nach dem Ende des Nationalsozialismus keine Aufträge. Mit "Weg in die Freiheit" und drei weiteren Kurzfilmen stiegen sie 1952 wieder ins Filmgeschäft ein. Vordergründig scheinen beide Werke wenig miteinander zu tun zu haben. Hier der abendfüllende Unterhaltungsfilm, der im Krieg letzte Reserven mobilisieren sollte, dort ein dokumentarischer Kurzfilm über Resozialisierung im Strafvollzug. Tatsächlich drängt sich der Vergleich auf. In beiden Filmen stehen männliche Jugendliche im Mittelpunkt und ihre Position in der Gesellschaft - jeweils von großer politischer Anerkennung begleitet. "Junge Adler" lief zum 10jährigen Jubiläum der Filmabteilung der Hitlerjugend vor hohen NSDAP-Funktionären, "Weg in die Freiheit" wurde 1953 als "Kulturfilm" mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnet. 

Am 24.03.2017 gab es die seltene Gelegenheit "Weg in die Freiheit" als Vorfilm von "Die große Versuchung" (1952) im Berliner Zeughaus Kino zu sehen. Als Teil der Reihe "Zu den Verhältnissen", die noch mit drei weiteren Schwerpunkten über das deutsche Nachkriegskino bis Ende 2017 fortgesetzt wird - sehr empfehlenswert. 


Zuchthaus
In Reih' und Glied marschieren die Männer in Richtung Baracke, aber es handelt sich nicht um eine Militäreinheit, sondern um Strafgefangene auf dem Weg zum Haupttrakt des Gefängnisses. Ihre Gesichter sind ernst, ihr Blick nach unten gerichtet. Es sind Bilder aus der noch jungen BRD im Jahr 1952 und sie ähneln den Aufnahmen, die Regisseur Alfred Weidenmann wenige Jahre zuvor in "Junge Adler" (1944) auf die Leinwand brachte. Junge Männer, die in militärischer Formation zu ihrer Arbeit als Lehrlinge eines Flugzeugwerks schritten - nur das ihre Gesichter Freude und Begeisterung ausdrückten. Entstanden war "Junge Adler" zum 10jährigen Jubiläum des Filmschaffens der Propagandaabteilung der Hitler-Jugend, in der Weidenmann und sein Drehbuch-Autor Herbert Reinecker führende Positionen eingenommen hatten. "Weg in die Freiheit" wurde auf Veranlassung des "Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht" (FWU) produziert, das sich 1950 neu gegründet hatte. Mit der Zielsetzung „…die freie Volksbildung und die Jugendpflege zu fördern und damit der Allgemeinbildung zu dienen.“

Jugendstrafanstalt Hahnöversand
In den acht Jahren zwischen beiden Filmen hatte Weidenmann nur wenig gedreht. Der noch in der Phase des Nationalsozialismus begonnene "Die Schenke zur ewigen Liebe" wurde nicht mehr fertiggestellt. Nach Kriegsende geriet der Regisseur in russische Gefangenschaft und erhielt nach seiner Rückkehr auf Grund seiner NSDAP-Vergangenheit keine neuen Regie-Aufträge. Erst die FWU, für die er parallel drei weitere "Kulturfilme" schuf, ermöglichte ihm und seinem Compagnon Herbert Reinecker, dem es nach dem Krieg ähnlich ergangen war, wieder ins Filmgeschäft einzusteigen. Ende 1953 kam ihr nach "Junge Adler" erster gemeinsamer Langfilm „Ich und du“ in die deutschen Kinos – erneut mit Hardy Krüger in der Hauptrolle – und im folgenden Jahr „Canaris“ (1954) über den langjährigen Chef der „deutschen Abwehr“, der im März 1945 als Vaterlands-Verräter hingerichtet worden war. Einer der ersten westdeutschen Filme, die sich unmittelbar mit der jüngsten Vergangenheit beschäftigten.

Stufe 1: der Zellentrakt
„Weg in die Freiheit“ dokumentierte dagegen ein aktuelles Thema. Für die Auseinandersetzung mit der Resozialisierung von straffällig gewordenen Jugendlichen erhielt er 1953 das „Filmband in Silber“ für einen „Film, der das soziale Problem besonders eindrucksvoll behandelt“. Herbert Reinecker wurde mit dem gleichen Preis für sein Drehbuch ausgezeichnet, das den Weg der Wiedereingliederung in die Gesellschaft am Beispiel der Jugendvollzugsanstalt Hahnöversand, die auf einer Elbinsel unweit von Hamburg gelegen ist, nachzeichnete. Auf Grund der abgeschlossenen Lage ließ sich an diesem Ort ein pädagogischer Dreistufenplan umsetzen. Den jugendlichen Straftätern wird ausgehend von der traditionellen Verwahrung in einer Zelle ermöglicht, ihre Haftbedingungen durch Engagement und Einordnung zu verbessern. Über eine betreute Wohnanlage mit einem Aufseher, der jederzeit ein offenes Ohr für die jungen Männer hat, führt der Weg - begleitet von Schule und Berufsausbildung - zum Freigang auf der Insel und einer selbstverwalteten Unterkunft ohne Aufsicht.

Stufe 2: Betreuer im kontrollierten Wohnbereich
Der den Film aus dem Off begleitende Kommentator betonte, dass er diese Form der Resozialisierung nicht für „übliche Kriminelle“ geeignet hielt, sondern nur für Jugendliche, die ein wenig vom Pfad der Tugend abgekommen waren. Beispielhaft wurden junge Männer ins Bild gesetzt, deren Verfehlungen auf die Versuchungen der sich in der Nachkriegszeit schnell wandelnden Gesellschaft zurückgeführt wurde. Sie haben noch eine Chance verdient, für die sie hart arbeiten und sich unterordnen müssen. Ihre ernsten Gesichter sind von Demut und Zurückhaltung geprägt, Fehlverhalten wird mit der Zurücknahme von Privilegien bestraft. Die Inszenierung, die Weidenmann wählte, hätte aus "Junge Adler" stammen können. Gruppen junger Männer bei der Ausbildung in der Werkstatt, beim gemeinsamen Einsatz auf dem Feld oder bei sportlicher Betätigung. Wiederholt wechselt die Kamera in eine Totale, die den Einzelnen angesichts einer beeindruckenden Natur unwichtig erscheinen lässt. Nicht das Individuum zählt, sondern die Eingliederung in die Gemeinschaft.

Sieben Jahre waren seit dem Ende des Nationalsozialismus vergangen, die Diktatur war der Demokratie gewichen, aber an der Haltung der Gesellschaft gegenüber Kriminellen hatte sich wenig geändert. Reineckers Schilderung einer reformpädagogischen Idee, deren Anfänge auf die 20er Jahre während der Weimarer Republik zurückgingen, ist die Notwendigkeit zur Relativierung auf Grund des vorherrschenden Misstrauens anzumerken. Die Nationalsozialisten hatten das Experiment auf Hahnöversand nach ihrer Machtergreifung zugunsten traditioneller Methoden beendet. Einzig Drill und Strenge galten als probate Mittel. Die jungen Kriminellen, denen sich Weidenmann und Reinecker hier widmeten, hätten in "Junge Adler" keine Chance auf eine Teilnahme gehabt – dort galt die Begeisterung und Eingliederung in die Gruppe als ideologische Voraussetzung.

"Weg in die Freiheit"
Von Ideologie war hier nicht mehr die Rede, aber das klar definierte Regeln zu erfüllen waren, stand außer Frage. Grundlegend geändert hat sich daran bis heute nichts, aber die große Ernsthaftigkeit, mit der die Voraussetzungen für eine zweite Chance in „Weg in die Freiheit“ dokumentiert wurde, vermittelte den spröden Charme eines von Arbeit bestimmten Lebens. Trotzdem war Reineckers gedanklicher Ansatz für die Entstehungszeit progressiv, ist der Unterschied zu "Junge Adler" signifikant. Der Staat und damit dessen Kontrolle blieben im Nationalsozialismus immer gegenwärtig, hier dagegen bedeutete die Freiheit, in die der jugendliche Straftäter nach seiner Zeit auf Hahnöversand entlassen wurde, ein Vertrauensbeweis in dessen eigenständiges Handeln. 

"Weg in die Freiheit" Deutschland 1952Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Laufzeit : 16 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Junge Adler" (1944) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 
"An heiligen Wassern" (1960)

Sonntag, 24. Juli 2016

Das Haus in Montevideo (1951) Curt Goetz, Valerie von Martens


Inhalt: Für den Lehrer Professor Traugott Hermann Nägler (Curt Goetz) ist das Leben eine einzige Schulstunde. Seine zwölf Kinder wie auch seine Ehefrau Marianne (Valerie von Martens) müssen zu jeder Zeit seinen prüfenden Fragen Rede und Antwort stehen. Belehrungen, Zurechtweisungen und Bestrafungen sind an der Tagesordnung. Selbstverständlich sieht er sich als moralische Instanz, weswegen er vor vielen Jahren seine jüngere Schwester, als diese im Alter von 18 Jahren unverheiratet schwanger wurde, aus der Familie verstieß.

Als ihm der Pastor (Albert Florath) vom Tod seiner Schwester berichtet, berührt ihn das zuerst nur wenig. Bis er erfährt, dass sie ein großes Erbe hinterlässt. Um dieses antreten zu können, muss er zusammen mit seiner ältesten Tochter Atlanta (Ruth Niehaus) nach Montevideo fahren. Erst weigert er sich und zerreißt die beiliegenden Schiffskarten, aber dann nimmt die Neugier auf das mögliche Erbe zu und er reist mit Tochter und dem Pastor nach Uruguay… 




Schon 2007 brachte die "Edition Filmmuseum" die vier unter Curt Goetz Regie erschienenen Kinofilme auf Basis seiner Theaterstücke heraus und bis heute zählen sie zurecht zu den Bestsellern der insgesamt sehr empfehlenswerten Filmmuseum-Reihe.

Goetz' Filme (und die dazu gehörigen Dramen) beeinflussten entscheidend meine Beziehung zum deutschen Kino. In meiner Erinnerung liefen sie in den 70er Jahren wiederholt im deutschen Fernsehen, denn sie hinterließen einen so starken Eindruck bei mir, dass ich mich bei ihrer Wiederentdeckung 30 Jahre später an beinahe jedes Detail erinnern konnte. Dagegen erfuhr ich erst spät von der erneuten Verfilmung der Goetz-Stücke in den 60er Jahren mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle. Aus heutiger Vermarktungssicht wirken sie präsenter, aber - ganz subjektiv betrachtet - spielten sie, obwohl moderner und in Farbe gedreht, im damaligen Fernsehprogramm nur eine untergeordnete Rolle (Der grüne Link führt zur Bestellseite der Curt Goetz Filme). 





Professor Traugott Hermann Nägler (Curt Goetz), Lehrer am ortsansässigen Gymnasium, ist eine Horror-Figur. Ein autoritärer Patriarch, der seine zwölf Kinder wie Soldaten in Reihe aufstellen lässt und auch nicht davor zurückschreckt, sie körperlich zu züchtigen. Selbstverständlich erwartet er Dankbarkeit dafür. Als selbstgewählte moralische und geistige Instanz sieht Nägler es als seine naturgegebene Aufgabe an, seine Umgebung zu korrigieren und zu belehren. Das gilt auch für Ehefrau Marianne (Valerie von Martens), die er für etwas beschränkt hält - wie im Grunde genommen jeden anderen auch. Es überrascht entsprechend wenig, dass er vor Jahren dafür sorgte, dass seine Schwester von der Familie verstoßen wurde, weil sie als 18jährige unehelich schwanger wurde. Regelmäßig wird sie deshalb von ihm als warnendes Beispiel hervorgehoben.

Die große Kunst des Curt Goetz - Dramaturg, Regisseur und Hauptdarsteller in Personalunion - lag darin, dieser Figur Sympathien zu verleihen. Ohne die genannten Charaktereigenschaften abzuschwächen, ließ er auch die inneren Befindlichkeiten des Traugott Hermann Nägler durchscheinen. Seine Liebe für Frau und Kinder, seine Sorgen auf Grund ständiger Geldknappheit und seine nachrangige gesellschaftliche Stellung, unter der er leidet. Kombiniert mit seiner humorvollen, geistesgegenwärtigen Art, lassen sich seine Tiraden nicht nur besser ertragen, sondern tragen entscheidend zum Unterhaltungswert des Films bei.

Wichtig für die positive Positionierung dieser Rolle ist auch das Verhalten seiner Umgebung. Der zahlreiche Nachwuchs lässt sich durch die Autorität des Vaters nicht abschrecken und bleibt kindgerecht frech. Ehefrau Marianne weiß ihn zu nehmen und wirkt in ihrer Souveränität reifer und erwachsener als ihr Mann. Die reale Gleichberechtigung des Künstlerehepaars Götz / von Martens, das hier auch gemeinsam Regie führte, blieb in allen ihren Filmen trotz der jeweiligen Rollen-Charakteristik immer spürbar. Nicht zuletzt trug der von Albert Florath gespielte Priester zur Demontage des mit ihm befreundeten Traugott Nägler bei. Anders als der Gymnasiallehrer steht er leiblichen Genüssen und menschlichen Schwächen sehr aufgeschlossen gegenüber. Nicht nur, dass er einem guten Essen kaum widerstehen kann und einen Blick für schöne Frauen hat, er zeigt auch Verständnis für Traugotts Schwester und verurteilt die moralische Ächtung des selbst ernannten Tugendwächters.

Ähnlich zielgerichtet konstruiert ist der zweite Handlungsort Montevideo, dessen Exotik in größtmöglichem Gegensatz zur kleinstädtischen Heimat des Protagonisten stehen sollte. In Uruguay angekommen scheinen sich sämtliche Vorurteile gegenüber der südamerikanischen Lebensart zu bestätigen. Empfangen werden die deutschen Gäste von der so mondänen, wie erotischen Hausdame Madame de la Rocco (Lia Eibenschütz) – allein ihr Name hätte schon genügt – deren Führung durch die fantasievoll geschmückte, großzügig geschnittene Villa, in deren Zimmern sich eine Vielzahl junger hübscher Frauen tummeln, nur einen Schluss zulässt, auf welche Weise Traugotts verstorbene Schwester ihr vieles Geld verdient haben kann.

An Hand der Originalaufnahmen in Uruguay ist zu erkennen, dass der Film in der damaligen Gegenwart spielte. Wenige Jahre zuvor, 1945, erlebte das Theaterstück, das auf Curt Goetz‘ Einakter „Die tote Tante und andere Begebenheiten“ von 1924 basierte, seine Premiere am Broadway. Trotzdem finden weder Krieg, noch Nationalsozialismus Erwähnung in dem Vier-Akter, obwohl die Vergangenheit darin eine zentrale Rolle spielt. Curt Goetz deshalb Verharmlosung vorzuwerfen, wäre falsch. Sein Augenmerk galt den menschlichen Verhaltensmustern, besonders der verlogenen bürgerlichen Doppelmoral, der er mit einem klaren humanistischen Standpunkt gegenüber trat. Das Spiel mit den Vorurteilen, besonders hinsichtlich der Geschlechterrollen, war Bestandteil aller seiner Stücke – eine Sichtweise, die sich so generell, wie zeitlos verstand.

In „Das Haus in Montevideo“ führte Goetz den Betrachter mit südamerikanischem Flair und doppeldeutigen Dialogen aufs Glatteis der Vorurteile. Letztlich nur ein kleines Puzzlestück in der unterschwelligen Beeinflussung eines Publikums, das er sowohl mit seinen Theateraufführungen, als auch mit den drei Verfilmungen in den frühen 50er Jahren begeistern konnte. Angesichts der damals vorherrschenden Moralvorstellungen ein wahres Kunststück, dass ihm nur gelang, weil die von ihm verkörperte männliche Hauptfigur zur Identifikation einlud. Ein autoritärer Despot hätte nur abstoßend gewirkt, aber kombiniert mit Herz und Verstand bot sich Traugott Nägler als Stellvertreter für die damals vorherrschende Haltung an, zumal sie in eine so witzige, wie zeitgemäße Familiengeschichte eingebettet wurde.

Aus heutiger Sicht mag vieles daran altmodisch wirken, aber die grundsätzlichen Mechanismen sind geblieben. Das gilt auch für den inneren Konflikt, in den der Familienvater gerät, als seine scheinbar ehernen Standpunkte zu wanken beginnen. Dass er daraus die Konsequenz der Einsicht und Veränderung zog, ist bis heute unüblich und hat nichts von seinem Vorbildcharakter verloren. 

"Das Haus in MontevideoDeutschland 1951, Regie: Curt Goetz, Valerie von Martens, Drehbuch: Curt Goetz, Hans DomnickDarsteller : Curt Goetz, Valerie Von Martens, Albert Florath, Ruth Niehaus, Lea EibenschützLaufzeit : 88 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Curt Goetz: 

"Napoleon ist an allem schuld" (1938)

Montag, 25. April 2016

Marianne (1955) Julien Duvivier

Inhalt: Das Schuljahr in Schloss Heiligenstadt, einem abseits in den bayerischen Bergen gelegenen Jungen-Internat, beginnt. Unter der Leitung vom Professor (Friedrich Domin) erwartet die Jungen – Halbwaisen oder Söhne geschiedener Eltern - ein Leben ungezwungenen Lernens und großer Freiheiten. Innerhalb der Schülerschaft existieren Hierarchien. Es gibt die älteren Schüler wie Manfred (Udo Vioff), die eine Aufsichtspflicht ausüben, oder „Klein-Felix“ (Michael Ende), den Jüngsten, der von Niemandem ernst genommen wird. Für sehr stark hält sich die "Räuber-Bande" um ihren Hauptmann Alexis (Michael Verhoeven), die ihre Mitglieder nach strengen Kriterien auswählt und martialische Regeln pflegt.

Sie alle werden konfrontiert mit einem Neuankömmling, der sich nicht einordnen lässt. Vincent (Horst Buchholz) erhält schon bald den respektvollen Namen „Argentinier“, weil er in der südamerikanischen Pampa groß geworden ist und einen übernatürlichen Zugang zu allen Tieren besitzt. Obwohl sie ihm misstrauen, sind sie gleichzeitig von seiner Ausstrahlung fasziniert, weshalb die "Räuber-Bande" ihn als Mitglied aufnehmen will. Er soll ihnen helfen, in das geheimnisvolle Haus mit den geschlossenen Fenstern auf der anderen Seite des Sees einzudringen – eine Reise ins Unbekannte…


"Marianne" hatte ich zuvor noch nie gesehen, aber der Film war mir bei meinen Recherchen über den Heimatfilm, Marianne Hold oder Horst Buchholz schon früh aufgefallen. Das Wenige, was ich darüber fand, machte mich neugierig und weckte Erwartungen - nur gab es kein Herankommen an den Film. Entsprechend groß war meine Freude, dass die PIDAX ihn a15.04.2016 erstmals auf DVD herausbrachte.

Und meine Erwartungen wurden mehr als erfüllt. Wiederholt stellte sich heraus, dass gerade die Filme, die trotz prominenter Besetzung und populärer Thematik schnell in Vergessenheit gerieten, von außergewöhnlicher Qualität sind. Der Versuch dem Originatlitel "Marianne" mit der Hinzufügung "meine Jugendliebe"  mehr Publikumsaffinität zu verleihen, zeugt von der Hilflosigkeit gegenüber einem Film, der sich einfachen Zuordnung entzieht. "Meine Jugendliebe" klingt viel zu prosaisch gemessen an den Emotionen und der Fantasie, die Julien Duvivier und Autor Peter von Mendelssohn hier visualisierten(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Es gibt Filme, die wirken aus der Zeit gefallen - altmodisch oder ihr weit voraus. Und es gibt Filme, die nicht zum Werk eines Künstlers zu passen scheinen, weshalb sie schnell ausgeklammert werden. Oder der umgekehrte Fall tritt ein: sehr typisch, nur im Detail abweichend und damit auch gegen die geweckte Erwartungshaltung verstoßend. Und es gibt Filme, die zwar populäre Genres bedienen, diese aber so miteinander kombinieren, dass sie sich nicht mehr einordnen lassen. Oder welche, die einen hohen künstlerischen, quasi literarischen Anspruch erheben, gleichzeitig von einfachem, leicht verständlichem Zuschnitt bleiben. Auf "Marianne" treffen alle diese Kriterien zu.

Das beginnt bei den Mitwirkenden, deren Namen heute zwar nicht mehr geläufig sind, deren Schaffen aber bis in die Gegenwart populär geblieben ist. Obwohl er seit frühen Stummfilmzeiten in mehr als 70 Filmen hinter dem Regie-Pult stand, ist der französische Regisseur Julien Duvivier in Deutschland nahezu unbekannt, von den zwei ersten 1952 und 1953 entstandenen „Don Camillo und Peppone“- Filmen hat dagegen beinahe Jeder schon gehört. Für internationale Co-Produktionen wie diese wurde Duvivier häufig engagiert, auch mit deutschen Filmschaffenden arbeitete er mehrfach zusammen. Hildegard Knef spielte in „La fête à Henriette“ (1953) die weibliche Hauptrolle, später übernahm er die Regie bei „Das kunstseidene Mädchen“ (1960) und seinem letzten Film „Diaboliquement vôtre“ (Mit teuflischen Grüßen, 1967) - jeweils mit intensiver deutscher Beteiligung. Die Umstände der Entstehung von „Marianne“ fielen trotzdem aus dem Rahmen.

Die Schaffung zweier Sprachversionen mit unterschiedlicher Besetzung in tragenden Rollen war im internationalen Film-Business nicht ungewöhnlich, betonte in „Marianne“ aber noch zusätzlich die enge deutsch-französische Zusammenarbeit. Das Drehbuch stammte von Peter von Mendelssohn, der seinen eigenen 1932 veröffentlichten Roman „Schmerzliches Arkadien“ für die Verfilmung interpretierte. Unterstützt wurde er von dem späteren Regisseur und Dokumentarfilmer Marcel Ophüls, der wie Von Mendelssohn in Deutschland geboren wurde und vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flüchtete. Peter von Mendelssohn kehrte als britischer Staatsbürger nach dem Krieg wieder nach Deutschland zurück, Marcel Ophüls blieb bis heute ein Wanderer zwischen Frankreich und Deutschland. Auch der Filmtitel „Marianne“ besitzt eine übergreifende Bedeutung, denn die „Marianne“ gilt in Frankreich seit der „Französischen Revolution“ als nationales Symbol der Freiheit – jedes Rathaus besitzt eine „Marianne“-Büste.

Trotzdem lässt sich die Gewichtung einer deutschen Charakteristik nicht übersehen. Die Kulisse von Hohenschwangau mit dem eine zentrale Rolle spielenden Alpsee stehen symbolisch für die deutsche Romantik, der Handlungshintergrund des abgelegenen Jungen-Internats Schloss Heiligenstadt in den bayerischen Alpen war schon Mitte der 50er Jahre von altmodischem Zuschnitt, die kleinen Geschichten um die Jungen-Bande und ihre Aufnahme-Rituale erinnern an zeitgenössische Jugendliteratur. Die Bildsprache schien unmittelbar dem „Heimatfilm“ entnommen, der gerade auf dem Höhepunkt seiner Popularität angekommen war (siehe den Essay "Im Zenit des Wirtschaftswunders"), aber Duvivier stilisierte den Handlungsraum zu einem paradiesischen Ideal und hob ihn damit über die Realität – die tatsächliche geografische Lage spielte keine Rolle. Als Kritik am „Heimatfilm“-Genre war das nicht zu verstehen, sondern als Abbild eines subjektiven Standpunkts. Alles in „Marianne“ ist dem eigenen Empfinden untergeordnet. Die Grenze zwischen Ratio und Fantasie lässt sich nicht ziehen.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Manfred (Udo Vioff in seiner ersten Rolle), der selbst nur eine Nebenrolle einnimmt, als Freund von Vincent (Horst Buchholz) aber von dessen Erlebnissen in dem geheimnisvollen Schloss am anderen Ende des Sees erfährt. Der Film nimmt auf diese Weise eine doppelte subjektive Perspektive ein. Nur so lässt sich die Figur des „Argentiniers“ verstehen, wie die anderen Jungen den Neuankömmling Vincent nennen, da er in Südamerika aufwuchs. Mit ihm stößt etwas Neuartiges und Fremdes in die Idylle. Eine ideale Rolle für Horst Buchholz (in der deutschsprachigen Version), der ein Jahr später als „deutscher James Dean“ in „Die Halbstarken“ (1956) zum Star aufsteigen sollte. Die Verkörperung des Vincent besitzt schon viel von dem Rebell, für den Buchholz berühmt wurde, aber sein Einfluss kommt hier von Innen, nach Außen ist Vincent von fast übernatürlicher Freundlichkeit und Ehrlichkeit.

Betont wird dieser Eindruck noch durch seinen Umgang mit den Tieren des Waldes, die ihm bedingungslos vertrauen, oder seiner Beziehung zu dem jüngsten Schüler Felix (Michael Ande), der von den Anderen als „Klein-Felix“ ausgegrenzt wird. Dank seines emotionalen Überschwangs und seines Muts zum Irrationalen, nahm Buchholz dieser Figur gleichzeitig wieder die Künstlichkeit und verlieh ihr eine menschliche Dimension. Genauer, eine männliche Dimension, denn Peter von Mendelssohn erzählte autobiografisch gefärbt die so schöne, wie schmerzliche Erfahrung des Heranwachsenden von der ersten großen Liebe. Ihm gelang in seiner einzigen Filmarbeit der Spagat zwischen Historie und Gegenwart, zwischen authentischen Gefühlen und einer ins Künstliche gesteigerten Stilisierung. Die Frau existiert hier nur in zwei charakteristischen Versionen – als geheimnisvolle jungfräuliche Schönheit und als sexuell forderndes Wesen, oszillierend zwischen Wunsch- und Alptraum des Mannes.

Die französische Schauspielerin Isabelle Pia spielte die jugendliche Liselotte, die als einziges Mädchen ausnahmsweise auf dem Jungen-Internat unterrichtet wird. Sie ist pure Perfektion. Kühl und blond gibt sie im Innenhof des Schlosses ein Klavierkonzert. Ein Auftritt, der ihr unter ihren männlichen Mitschülern Respekt, aber keine Sympathien einbringt. Anders als Vincent, der zur Gitarre ein melancholisches südamerikanisches Lied singt. Sie begehrt ihn und macht aus ihren Gefühlen kein Geheimnis. Nackt bietet sie sich ihm an, konkret von Duvivier ins Bild gesetzt. Vincent weist sie zurück, aber es ist weniger eine klare Haltung, mehr ein Zurückschrecken vor ihrer direkten Sexualität. Als sie sich rächt, indem sie sein geliebtes Rehkitz tötet, schlägt er sie verzweifelt - für ihren Tod sorgen die Tiere selbst.

Auch die Aura um „Marianne“ ist ehrfurchtgebietend, aber es ist die Art von Gefahr, deren Überwindung einen Mann zum Helden werden lässt. Die selbsternannte „Räuber-Bande“ um ihren Anführer Alexis (Michael Verhoeven) und Vincents Zimmerkameraden Jan (Peter Vogel) plante schon lange, dem geheimnisvollen Schloss auf der anderen Seite des Sees einen Besuch abzustatten. Obwohl sie Vincent misstrauen, nehmen sie seine Hilfe an, lassen ihn aber bei ihrer Flucht allein zurück. Erst in den frühen Morgenstunden kehrt er zurück, begleitet von einem verheerenden Sturm. Er ist vollkommen verändert, fast paralysiert, denn er hat Marianne (Marianne Hold) kennengelernt, die von dem alten Schlossbesitzer und dessen brutalen Diener (Ady Berber) gegen ihren Wille festgehalten wird. So zumindest ist es aus den Worten Vincents zu vernehmen, denn einen Beweis für ihre Existenz gibt es nicht.

Marianne Holds Verkörperung einer unschuldigen Schönheit prädestinierte sie im „Heimatfilm“ zum Objekt der Begierde. Als „Fischerin vom Bodensee“ erlebte sie 1956 ihren endgültigen Durchbruch, wurde aber schon seit Luis Trenkers „Barriera a Settentrione“ (Duell in den Bergen, 1950) wiederholt in der Rolle einer bodenständigen jungen Frau besetzt, deren Eroberung zu einer Herausforderung für den männlichen Protagonisten wurde. Ihr Typus war so eng mit dem „Heimatfilm“- Genre verbunden, dass sie nach dessen Niedergang Anfang der 60er Jahre - obwohl erst Anfang 30 - keine Chance mehr im Film erhielt. 1964 spielte sie ihre letzte Rolle im Karl-May-Film „Der Schut“.

Ihre Besetzung in der Rolle der „Marianne“ war ein Glücksfall, lässt aber gleichzeitig deutlich werden, warum Duviviers Film im Gegensatz zu Marianne Holds parallel erschienenen Heimatfilmen schnell in Vergessenheit geriet. Die große Liebe wurde im Heimatfilm zum erreichbaren Ideal, in Von Mendelssohns Roman blieb sie eine unerreichbare Fantasie. So beglückend wie schmerzlich, so real wie irreal – und so zerrissen und schön wie dieser Film.  







"Marianne" Deutschland, Frankreich 1955, Regie: Julien Duvivier, Drehbuch: Julien Duvivier, Marcel Ophüls, Peter von Mendelssohn (Roman), Darsteller : Horst Buchholz, Marianne Hold, Udo Vioff, Isabelle Pia, Friedrich Domin, Ady Berber, Michael Verhoeven, Michael Ande, Peter VogelLaufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog "L'amore in città" besprochene Filme von Julien Duvivier:

"Don Camillo" (1952)