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Dienstag, 2. September 2014

Der Stoff, aus dem die Träume sind (1972) Alfred Vohrer

Inhalt: 1968 - Während in Prag die russischen Panzer auffahren, um die kurze Phase einer Liberalisierung, genannt der „Prager Frühling“, zu beenden, hat der Journalist Walter Roland (Paul Neuhaus) andere Probleme. Sein Chefredakteur will den Erfolgsautoren in seine neue Kampagne einbauen, mit der er die Verkaufszahlen der Illustrierten „Blitz“ weiter nach vorne bringen will. „Sex“ lautet das Mittel zum Zweck und Roland soll dazu die Serie „Mann total“ schreiben, bebildert von „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann), der schon die Nackten in seinem Studio antreten lässt.

Doch Roland wehrt sich gegen den Willen seines Chefredakteurs, obwohl dieser ihn wegen seiner Schulden unter Druck setzen kann, und erreicht als Gegenleistung, auch eine Reportage über einen geflüchteten tschechischen 11jährigen Jungen schreiben zu können. Gemeinsam mit Bertie fährt er zu dem Flüchtlingsauffanglager, um den Jungen zu interviewen. Dabei begegnen sie nicht nur der schönen Irina (Hannelore Elsner), die über die Grenze gekommen war, um ihren zuvor geflohenen Freund Jan Bilka wiederzufinden, sondern werden Zeuge, wie der Junge im Kugelhagel stirbt...


Für seine zweite Simmel-Verfilmung "Liebe ist nur ein Wort" (1971) hatte Alfred Vohrer auf den 1963 erschienenen gleichnamigen Roman zurückgegriffen, bevor er sich - wie gewohnt gemeinsam mit Drehbuchautor Manfred Purzer - nach "Und Jimmy ging zum Regenbogen" (1971) erneut an einen aktuellen Bestseller des österreichischen Schriftstellers heranwagte. Ein riskantes Unterfangen. Weniger, weil das Buch damals auf unzähligen deutschen Nachttischen lag, sondern weil Simmel in "Der Stoff, aus dem die Träume sind" die Verzahnung mehrerer Erzählebenen auf die Spitze trieb.

Politische Ereignisse wie die Niederschlagung des "Prager Frühling" 1968 und die daraus entstehende Flüchtlingswelle aus der Tschechoslowakei, kombinierte Simmel nicht nur mit einer Thriller-Story über die skrupellos vorgehenden Geheimdienste während des "Kalten Krieges" – eines seiner Lieblings-Themen -  sondern legte noch einen kritischen Disput zum Journalismus darüber, mit dem er zwischen engagierter Recherche und Anpassung an populistische Themen polarisieren wollte. Simmel griff dabei seine eigenen Erfahrungen bei der Illustrierten "Quick" auf (im Buch und Film "Blitz"), für die er in den 50er Jahren gearbeitet hatte und die Ende der 60er zunehmend auf Sex und Nuditäten setzte.

Die beiden Protagonisten Walter Roland (Paul Neuhaus) und „Bertie“ Engelhardt (Herbert Fleischmann) stehen entsprechend für die Spezies des zynischen Schreiberlings (Roland) und des nach Sensationen gierenden Fotoreporters (Engelhardt), die gemeinsam für die "Blitz" eine Serie über den "Mann total" kreieren sollen, die hemmungslos auf der Sexwelle reitet. Fleischmann, der in fast allen Simmel-Verfilmungen Vohrers zum Cast gehörte, überzeugt in seiner zwiespältigen Rolle, gibt zuerst den gewissenlosen Fotografen, der ohne zu Zögern die Tötung eines Kindes mit dem Objektiv festhält, bevor er sich zum Sympathieträger mausert.

Die Figur des Roland war in Vohrers Film dagegen von Beginn an als Identifikationsfigur angelegt. Dessen schlechter Ruf, über seinen Verhältnissen zu leben und kaum einen Weiberrock auszulassen, wird nur dezent angedeutet. Stattdessen offenbart er sich sofort als Mann mit Zivil-Courage, der von seinem Chefredakteur (Arno Assmann) zum Schreiben von "Mann total" gedrängt werden muss, sich als Gegenleistung aber eine Reportage über einen aus der Tschechoslowakei geflüchteten 11jährigen Jungen erstreitet. Harald Leipniz‘ lässige Stimme, mit der Paul Neuhaus interessanterweise nachsynchronisiert wurde, dessen optisch coole Ausstattung und nicht zuletzt sein Buddy „Bertie“ verliehen der eher eindimensional charakterisierten Figur des Journalisten das notwendige Charisma, um die Liebesgeschichte mit der schönen jungen Tschechin Irina (Hannelore Elsner) nachvollziehbar werden zu lassen – ein weiterer Baustein in Simmels komplexem Buch-Universum.

Doch damit nicht genug. Mit der etwa 60jährigen Louise (Edith Heerdegen) schuf der Autor noch eine Figur, die Vergangenheit und Gegenwart in ihrer von zunehmender Schizophrenie beeinflussten Geisteshaltung verband. Sie arbeitet in dem Auffanglager für Flüchtlinge, wo Roland und „Bertie“ ihre Reportage über den tschechischen Jungen beginnen, der in einem Kugelhagel stirbt. Dort lernen sie auch Irina kennen, der sie erst aus den Fängen eines Zuhälters helfen, bevor sie sie aus dem Heim befreien, um sie zu ihrem Freund Jan Bilka nach Hamburg zu bringen, der sie am Telefon verleugnet hatte. Die ältliche Louise folgt ihnen, läuft verwirrt über die Reeperbahn und halluziniert zunehmend zwischen Vergangenheit (schon die Nationalsozialisten hatten das Auffanglager für ihre Zwecke genutzt) und Gegenwart, wo sie von Todesahnungen geschüttelt immer mehr die Kontrolle über ihren Verstand verliert.

Damit orientierte sich Vohrer an Simmels Vorlage, in der die ältere Frau zum imaginären Zentrum der vielen Handlungsstränge wird, aber in der filmischen Umsetzung funktionierte das nicht. Schon die ersten Minuten, wenn „Der Stoff, aus dem die Träume sind“ (nach einem Shakespeare-Zitat aus „Der Sturm“, den Louise immer bei sich trägt) zwischen dokumentarischen Aufnahmen aus Prag und der Redaktionskonferenz zum Thema Sex hin und herspringt, lassen den Film nur langsam in Gang kommen. Zudem verzögerte Vohrers Vorliebe für einfrierende Bilder, um zu einem parallelen Handlungsort zu wechseln, das Tempo, verlieh dem Film aber die notwendige Struktur. Dagegen fügte sich das Auftreten von Louise mitsamt ihrer Fantasien nur selten in die Story ein, sondern unterbrach den Erzählfluss noch zusätzlich.

Vohrer und Purzer mussten an dem Versuch scheitern, möglichst viele Aspekte der Buchvorlage einzubeziehen. Die frühen Bilder von der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ haben nur die Funktion des Zeitkolorits, der getötete Junge spielt eine ebenso schnell vergessene Rolle in der Einführung wie die gesamte Flüchtlingsthematik, und selbst die Liebesgeschichte zwischen Roland und Irina bleibt angesichts der fehlenden Entwicklungszeit emotional klischeehaft. Viele interessante Episoden wie der Mord an einem eigenmächtig handelnden Taxifahrer, der ein Verbrechen beobachtet hatte, werden im Schnelldurchgang abgehandelt – nicht erstaunlich angesichts einer großen Nebendarstellerriege um Charles Regnier, Klaus Schwarzkopf, Paul Edwin Roth oder Hans Peter Hallwachs, die alle ihre Szenen bekamen.

Einzig auf der zunehmend gefährlicheren Recherche der beiden Journalisten und der Versuch, ihre Enthüllungsstory zu verhindern, lag das Gewicht der Handlung. Der daraus folgernde damalige Vorwurf gegenüber Simmel, er bediene gleichzeitig die Mechanismen, die er zu kritisieren vorgebe, ließe sich auch auf Vohrers Verfilmung übertragen, dessen Nacktszenen manchem Sexstreifen zur Ehre gereicht hätten. Doch diese Kritikpunkte fallen hinter dem zurück, was stattdessen sowohl in Simmels Buch, als auch Vohrers Film entstand: ein Kaleidoskop der frühen 70er Jahre. Der Story mag es an Stringenz mangeln, aber die ständigen Perspektiv- und Ortswechsel lassen aus vielen Puzzleteilen einen faszinierenden, höchst spannenden und für die Entstehungszeit erstaunlich objektiven Blick auf eine Welt entstehen, an deren von allen Seiten - West wie Ost - ausgeübten zerstörerischen Methoden der Film keinen Zweifel lässt.

"Der Stoff, aus dem die Träume sind" Deutschland 1972, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Paul Neuhaus, Herbert Fleischmann, Hannelore Elsner, Edith Heerdegen, Arno Assmann, Paul Edwin Roth, Klaus Schwarzkopf, Hans-Peter Hallwachs, Charles RegnierLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Mittwoch, 28. Mai 2014

Und Jimmy ging zum Regenbogen (1971) Alfred Vohrer

Inhalt: Manuel Aranda (Alain Noury) landet in Wien, um die Leiche seines ermordeten Vaters zu überführen, ahnt aber nicht, dass er seit seiner Ankunft beobachtet wird. Ein Profi-Killer wurde auf ihn angesetzt, der verhindern soll, dass Aranda zu viel über die Hintergründe des Todes seines Vaters erfährt. Der junge Mann hat viele Fragen, denn er begreift nicht, warum dieser von einer alten Frau getötet wurde, die danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord beging.

Für die Polizei scheint die Angelegenheit geklärt, weshalb er auf eigene Faust auf Spurensuche geht. Als er am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) erstmals deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) begegnet, ist schon das Gewehr des Killers auf ihn gerichtet, aber bevor dieser abdrücken kann, wird er selbst durch einen gezielten Schuss getötet – ein Vorgang, von dem Manuel Aranda nichts erfährt. Offensichtlich gibt es Interessenten, die nichts gegen seine Nachforschungen haben, sondern sich Vorteile davon versprechen…


Die Simmel-Offensive der frühen 70er Jahre

Zwar gelang dem österreichischen Journalisten und Schriftsteller Johannes Mario Simmel mit seinem Roman "Es muss nicht immer Kaviar sein" schon 1960 ein großer Erfolg, der es auch zu einer zeitnahen Verfilmung mit O.W. Fischer in der Hauptrolle brachte, aber erst Regisseur Alfred Vohrer begann 1971, nach seinem Abschied von dem Edgar-Wallace-Franchise mit "Der Mann mit dem Glasauge" (1969), mit sieben innerhalb von drei Jahren gedrehten Simmel-Filmen dessen schriftstellerisches Werk umfassend für das Kino zu adaptieren. Gemeinsam mit dem Autor Manfred Purzer, dessen moderner, von den späten 60er Jahren beeinflusster Stil  - sein erstes Drehbuch schrieb er zu "Komm nur, mein liebstes Vögelein" (1968), Regie Rolf Thiele - auch die aus den 50er und 60er Jahren stammenden Romane entsprechend des Publikumsgeschmacks Anfang der 70er Jahre modernisierte.

Nachdem sie zuvor bei "Inspektor Perrack greift ein" (1970) schon einmal erfolgreich zusammengearbeitet hatten, starteten sie die Simmel-Reihe mit dessen aktuellen Beststeller "Und Jimmy ging zum Regenbogen". Der eintretende Erfolg an den Kinokassen zog in schneller Abfolge weitere Verfilmungen nach sich, deren Chronologie zufällig wirkt. "Liebe ist nur ein Wort" (1971) basierte auf einem 1963 erschienenen Roman, "Der Stoff, aus dem die Träume sind" (1972) griff dagegen wieder Simmels neueste Veröffentlichung auf, bevor mit "Und der Regen verwischt jede Spur" (1972) ein Film im "Simmel-Stil" nachgeschoben wurde - eine Methodik, die an die späten Edgar-Wallace-Verfilmungen erinnerte, deren Drehbücher nicht mehr nach den Original-Romanen, sondern im „Wallace-Style“ verfasst wurden. Das Drehbuch dazu erdachte Purzer gemeinsam mit dem französischen Autor Michel Gast („Die Klosterschülerinnen“ (1972)) nach einer Kurzgeschichte von Alexander Puschkin.

Bei den 1973 folgenden Verfilmungen "Alle Menschen werden Brüder" und "Gott schützt die Liebenden“ kamen erneut ältere Romane von 1967 und 1957 zu Ehren, bevor Vohrer nach dem brandneuen Bestseller "Die Antwort kennt nur der Wind" 1974 seinen letzten Beitrag ablieferte. Manfred Purzer schrieb noch das Drehbuch zu dem 1962 erschienenen Roman „Bis zur bitteren Neige“, den der Fernsehregisseur Gert Oswald herausbrachte. Mit dem neunten Film der Simmel-Reihe „Lieb Vaterland magst ruhig sein“ (1976) auf Basis des letzten noch nicht verfilmten Simmel-Romans der 60er Jahre setzte Roland Klick, Regisseur und Autor in Personalunion, den vorläufigen Schlusspunkt.

Dass die seit mehr als 10 Jahren populären Romane Johannes Mario Simmels erst Anfang der 70er Jahre im großen Stil verfilmt wurden, war kein Zufall. Bei dem frühen „Es muss nicht immer Kaviar sein“ handelte es sich um eine gemäßigte Satire auf internationale Gepflogenheiten im Agenten-Milieu, deren Anspielungen nicht wehtaten, aber Simmels bevorzugte, seine eigene jüdische Vergangenheit reflektierende Beschäftigung mit den Verbrechen der Nazi-Zeit und deren mangelhafte Aufarbeitung in der Bundesrepublik nach dem Krieg, benötigte die gesellschaftspolitischen Veränderungen Ende der 60er Jahre, um auch im Kino große Publikumsschichten zu erreichen. Simmel bettete seine dramatischen Hintergründe in einen unterhaltenden Kontext, der ihm zu seinem eigenen Leidwesen über Jahrzehnte den Vorwurf der Trivialität einbrachte, der sich für Vohrer aber als ideal erwies. Erst die dezenten kritischen Aspekte verliehen den meist mit einer Liebesgeschichte verbundenen, publikumswirksam inszenierten Thrillern die notwendige Modernität, um sie aus der Masse herauszuheben, erwiesen sich für die Reputation der Simmel-Romane beim Feuilleton aber als wenig förderlich.


Und Jimmy ging zum Regenbogen

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" kann in dieser Hinsicht als prototypisch gelten, denn obwohl sich Vohrers erster Simmel-Film mit der bis heute aktuellen Thematik von Naziverbrechern auseinandersetzte, die nach dem Krieg ein bürgerliches Dasein führen konnten - auch dank der Interessen staatlicher Behörden - blieb er als reiner Unterhaltungsfilm in einer zunehmend verblassenden Erinnerung. Der junge französische Darsteller Alain Noury, der noch in "Und der Regen verwischt jede Spur" von Vohrer in der Hauptrolle besetzt wurde, und die ebenfalls in zwei Simmel-Filmen auftretende Doris Kunstmann verkörperten ein im Stil der frühen 70er Jahre attraktives Paar, deren Annäherung Vohrer mit einer weichgezeichneten Linse und romantischer Musik ins Bild rückte, die die innere Tragik ihrer Begegnung noch betonen sollte. In der Kombination mit den knallharten Interessen der widerstreitenden englischen, französischen und US-amerikanischen Geheimdienste - wie in fast allen Vohrer-Simmel-Verfilmungen mit Herbert Fleischmann als charismatischem Mittelpunkt - entwickelte sich daraus ein Verwirrspiel, das die jeweiligen Motive und inneren Zusammenhänge lange im Ungewissen belässt.

Manuel Aranda (Alain Noury) war nach Wien gekommen, um die Leiche seine Vaters zu überführen, aber die seltsamen Umstände seines Todes - eine alte Bibliothekarin hatte ihn ermordet, um danach mit einer Zyankali-Kapsel Selbstmord zu begehen - lassen ihm keine Ruhe, weshalb er sich gegen den Willen der Behörden um die Aufklärung der näheren Hintergründe bemüht. Schon am Grab der Mörderin Valerie Steinfeld, an dem er deren Nichte Irene Waldegg (Doris Kunstmann) erstmals begegnet, in die er sich sofort verliebt, entgeht er nur knapp und ohne sein Wissen einem Mordanschlag, dessen Hintergründe sich dem Betrachter zu diesem Zeitpunkt nicht erschließen. Denn Aranda hatte mit der gefährlich werdenden Suche nach der Vergangenheit seines Vaters noch nicht begonnen.

In Rückblenden aus der Zeit des Nationalsozialismus beginnt der Film eine parallele Handlung mit Valerie Steinfeld (Ruth Leuwerik) im Zentrum, deren jüdischer Ehemann geflohen ist und deren gemeinsamer Sohn Heinz (Franz Elkins) als Halbjude zunehmend in die Mühlen der Rassenpolitik gerät. Gemeinsam mit dem engagierten Anwalt Dr. Forster (Horst Tappert) versucht Valerie zu beweisen, dass sie ihren Mann betrogen hätte, und ihr Sohn nicht von diesem abstammt. Diese Szenen beeindrucken in der Konfrontation mit einer Gerichtsbarkeit, die über die Wahrheit dieser Schutzbehauptung urteilen soll, und demaskieren die Verlogenheit der rassistischen Argumentation. Besonders das der Halbjude Heinz trotz seiner Benachteiligung ein glühender Nazi ist, der seinen Vater hasst und seinen "Freispruch" sofort zum Eintritt in die Waffen-SS nutzt, bleibt als Symbol für die ideologische Verblendung in Erinnerung.

Diese Szenen verfehlen ihre kritische Wirkung nicht, aber sie gehen in einer mehr als 2stündigen Laufzeit unter, die sich nicht auf die tragischen Konsequenzen der mangelnden Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen beschränkte. Als hätte die Begegnung des Sohnes des Ermordeten mit der Nichte der Mörderin nicht genügt, um an Hand einer langsamen Aufklärung der Hintergründe für Spannung zu sorgen, kombinierte Simmel den Plot noch mit Geheimdienstinteressen, chemischen Waffen, Experimenten an Menschen und einer Vielzahl an Nebenschicksalen, die allein einen ganzen Film wert gewesen wären. Judy Winter als Prostituierte und Doppelagentin, sowie Horst Frank als SS-Mann, der sie trotz des Wissens über ihre Rolle verehrt, hätten eine tiefer gehende Betrachtung verdient gehabt, aber angesichts der Fülle an Themen und Schicksalen gelang es dem Film nicht, mehr als ein wenig an der Oberfläche zu kratzen.

Um "Und Johnny ging zum Regenbogen" - ein Zitat, dass zur Entschlüsselung eines Geheim-Codes führt – eine weiter gehende gesellschaftskritische Dimension zuzubilligen, bleibt der Film zu plakativ und klischeehaft. Besonders die Initialzündung der Story - der Grund für den Mord an dem alten Mann - wird zu sehr an den äußeren Umständen festgemacht, so perfide und menschenverachtend diese auch waren. Eine charakterliche Entwicklung der Betroffenen innerhalb von drei Jahrzehnten wurde dagegen nicht in Betracht gezogen. So offensichtlich diese Schwächen sind, sollten sie nicht übersehen lassen, dass nur auf diese Weise der Zugang zu großen Publikumskreisen gelang. Sowohl Simmels Roman, als auch Vohrers filmische Umsetzung spiegeln den Zeitgeist der frühen 70er Jahre nahezu ideal wider, als die noch sehr konservativ geprägte Gesellschaft erst langsam begann, sich der Auseinandersetzung mit ihrer unmittelbaren Vergangenheit zu nähern.

"Und Jimmy ging zum Regenbogen" Deutschland, Österreich 1971, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Manfred Purzer, Johannes Mario Simmel (Roman), Darsteller : Alain Noury, Doris Kunstmann, Horst Frank, Horst Tappert, Judy Winter, Ruth Leuwerik, Herbert Fleischmann, Heinz Baumann, Klaus SchwarzkopfLaufzeit : 133 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer: 

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Montag, 18. November 2013

Zinksärge für die Goldjungen (1973) Jürgen Roland

Regelmäßig kam es zu italienisch-deutschen Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren, die in der jeweiligen Sprachfassung in nahezu identischer Form in die Kinos kamen. "Zinksärge für die Goldjungen" (italienischer Titel: Il re della mala) war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn Jürgen Rolands Film an der Schwelle zum Poliziesco, wurde konzeptionell in zwei Fassungen gefertigt, die auf das Publikum der beiden Länder zugeschnitten waren. Die Unterschiede sind prägnant und gehen über den unterschiedlichen Namen der deutschen Hauptfigur (Otto Westermann/Hans Werner) hinaus - eine vergleichende Betrachtung und ein weiteres Bindeglied zwischen "Grün ist die Heide" und "L'amore in città" , meinem Blog zum italienischen Film.


Inhalt: Otto Westermann (Herbert Fleischmann) kontrolliert mit seiner Bande, die unter dem Deckmantel eines Kegelclubs ihre Treffen abhält, das Glücksspiel und die Prostitution in Hamburg und erpresst Schutzgeld. Wer nicht pünktlich bezahlt oder sich nicht bei Wetten an Westermann Forderungen hält, bekommt Besuch von seinen Männern, die auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken. Doch es bahnt sich Ärger für den Platzhirsch an, als der italo-amerikanische Unterweltboss Luca Messina (Henry Silva) ebenfalls plant, die friedliche Stadt Hamburg unter seine Fittiche zu nehmen.

Nachdem er mit Mutter (Ermelinda De Felice), Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und seiner Geliebten Kate (Véronique Vendell) aus den USA angekommen ist, geht er mit seinen Männern gezielt gegen Westermanns Geschäfte vor, übernimmt die Leitung und verlangt 40 Prozent von dessen Einnahmen. Doch so leicht lässt sich Werner nicht verdrängen und nimmt den Kampf an, der zunehmend außer Kontrolle gerät…


Betrachtet man Jürgen Rolands Film "Zinksärge für die Goldjungen" von Italien aus, kam er unter dem Titel "Il re della mala" (Der König des Bösen) im Juli 1974 erst spät an der Schnittstelle zwischen Mafia-Film und Polizieschi in die Kinos. Fernando Di Leos Trilogie über das organisierte Verbrechen hatte mit "Il boss" (Der Teufel führt Regie) 1973 ihren Abschluss gefunden und Andrea Bianchi Anfang 1974 mit "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) noch einen weiteren Mafia-Film nachgelegt, bevor die Hochphase des Polizieschi mit Umberto Lenzis "Milano odia: la polizia non vuole sparare" (Der Berserker, 1974) endgültig begann. An allen genannten Filmen war Henry Silva als Hauptdarsteller maßgeblich beteiligt, dem der Wechsel vom Unterweltboss zum Commissario spielend gelang.

Dass Jürgen Roland ihn ebenfalls in seinem Film über den Machtkampf zweier organisierter Verbrecherbanden in Hamburg besetzte, geht auf den unmittelbaren Einfluss der Di Leo-Trilogie zurück, verdeutlicht aber auch, dass sich Roland und seine Mitstreiter – der renommierte Drehbuchautor Werner Jörg Lüddecke („Das Beil von Wandsbek“, 1951) und Produzent Wolf C. Hartwig - auf der Höhe der Zeit befanden, denn ihr Film entstand noch vor Bianchis "Die Rache des Paten" und kam Ende 1973 in die deutschen Kinos. Produzent Hartwig hatte schon Mitte der 60er Jahre ein gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen und früh Ernst Hofbauer unterstützt, der ihm mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) und dessen Fortsetzungen einen großen finanziellen Erfolg einbrachte. Auch mit Jürgen Roland, der seit Ende der 50er Jahre ("Stahlnetz") als Genre Spezialist galt, hatte er schon bei "St.Pauli Report" (1971) und "Das Mädchen aus Hongkong" (1973) zusammengearbeitet, zu denen Autor Lüddecke jeweils das Drehbuch beisteuerte.

Trotzdem begingen sie nicht den Fehler, ohne italienisches Know-How an die geplante Story heranzugehen. Mit Coriolano Gori holten sie sich einen erfahrenen Komponisten ins Team, dessen Score das treibende Tempo des Films stimmungsvoll unterstützte. Zudem wurden neben Silva viele weitere Rollen international besetzt, was dem Konflikt zwischen dem deutschen und dem italo-amerikanischen Gangsterboss und deren Anhang die notwendige Authentizität verlieh. Besonderes Einfühlungsvermögen bewiesen die Macher auch damit, dass sie von einem deutschen und einem italienischen Cutter zwei unterschiedliche Fassungen fertigen ließen, die zwar auf das selbe Bildmaterial zurückgriffen und die selbe Story erzählten, trotzdem aber über entscheidende Unterschiede verfügen, die signifikant sind für die jeweiligen Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten in den zwei Ländern – ein Vergleich, bei dem die 5 Minuten längere deutsche Fassung ein wenig schlechter abschneidet.

In beiden Fassungen beginnt der Film mit einer Einleitung, die von einer Stimme aus dem Off begleitet wird, die der Story einen gewissen Realitätsbezug verleihen sollte. Hinsichtlich der Existenz des organisierten Verbrechens besteht daran kein Zweifel, aber „Zinksärge für die Goldjungen“ reduzierte die Handlung einzig auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gangster-Banden, ohne das die Strafverfolgungsbehörden hier irgendeine Rolle spielen, obwohl Schießereien, Hinrichtungen und wilde Verfolgungsjagden mitten in Hamburg an der Tagesordnung sind. Damit folgte Jürgen Roland strikt den Genre-Regeln, ohne der typischen Ausgewogenheit im deutschen Kriminalfilm Rechnung zu tragen. Auch dass der Italo-Amerikaner Luca Messina (Henry Silva) nach Hamburg kommt, um die Geschäfte von Otto Westermann (Herbert Fleischmann) zu übernehmen, benötigte keine schlüssige Intention – einmal äußert er gegenüber seiner Mutter, dass er noch ein paar gute Geschäfte machen will, bevor er sich auf Sizilien zur Ruhe setzen will, aber das wirkt nur wenig überzeugend, angesichts der üppigen Geldmittel und sehr guten Organisationsstruktur, die ihm in Hamburg von Beginn an zur Verfügung stehen.

Entscheidend für das Genre sind die emotionalen Abhängigkeiten – beide Bosse haben im Film Familie und sind damit angreifbar – und die entstehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, gepaart mit der ewigen Jagd nach dem eigenen Vorteil, die aus der zugespitzten Situation eines Machtkampfs zwischen zwei Verbrechersyndikaten eine Sicht auf menschliche Abgründe entstehen lässt, die realistischer ist als das Ergebnis einer ausgewogenen Betrachtungsweise. Auch wenn „Zinksärge für die Goldjungen“ inzwischen unter Genre-Fans Anerkennung findet, schloss sich dieser Meinung damals kaum Jemand an. Filme dieser Art – auch die italienischen Vorbilder – sahen sich in Deutschland dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung ausgesetzt, mit der eine schnelle Mark an der Kinokasse gemacht werden sollte. Der deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Macher versuchten, dieser vorhersehbaren Kritik entgegen zu treten, in dem sie die Szene, in der Karl von den Kung-Fu Kämpfern erschlagen wird, kürzten, und die Story mit Klischee-Witzen über italienische Gepflogenheiten anreicherten. Auch die konstruiert wirkende Liebesgeschichte zwischen dem flippigen Horst Janson als Westermann-Sohn und der attraktiven Patrizia Gori als Messina-Tochter, die im Gegensatz zu ihren Vätern, die sich hübsche Betthäschen halten, ganz brav heiraten wollen, lässt sich in italienischer Genre-Ware dieser Zeit kaum finden.

Sie blieb auch in der italienischen Fassung erhalten - im Gegensatz zu fünf Minuten, die fast ausschließlich Vorurteile gegenüber italienischen Gewohnheiten betrafen. Darf Luca Messinas „Mamma“ in „Zinksärge für die Goldjungen“ als streitbare und laute Mutter auftreten, die Moral predigt und Ohrfeigen verteilt, während sie in ihren Spaghetti wühlt, spielt sie in „Il re della mala“ kaum eine Rolle. Auch die Ärztin, die angesichts des Herzinfarkts von Lucas Mutter nach der Art der Krankenversicherung fragt, fehlt in der italienischen Fassung glücklicherweise. Deutsche Fans mögen angesichts der „Clementine“ – Darstellerin in Erinnerungen schwelgen, der Straffung der Szene, die zwischen der Hinrichtung Karls und Westermanns großzügigem Verhalten in Messinas Haus pendelt, kommt dieser Schnitt entgegen.

Teilweise mutet die Art, wie die von Jürgen Roland ursprünglich gewählte Szenenreihenfolge in der italienischen Fassung ummontiert wurde, abenteuerlich an. Der Brandanschlag auf den Striptease-Club kommt in „Il re della mala“ schon im Vorspann vor, um die Gewalttätigkeit der deutschen Gang früh zu betonen, und Westermanns Plan, die eigenen Überfälle und Hinrichtungen der Italo-Gang in die Schuhe zu schieben, erfolgt hier als unmittelbare Reaktion auf Messinas Übernahmeversuch. In der deutschen Fassung löst erst der Mord an seinem Sohn Karl diese Konsequenzen aus, was sein Verhalten im Auge des Zuschauers stärker legitimierte. Der italienische Schnitt versuchte so, dass Verhältnis zwischen den Banden ausgewogener zu gestalten – eine notwendige Maßnahme, da Silva in seiner Rolle wesentlich kompromissloser auftrat als Fleischmann.

Trotz dieser Unterschiede zwischen den Fassungen, die von der Anpassung an den jeweiligen Markt geprägt sind, ändern diese Details nichts an der grundsätzlichen Aussage eines Films, der konsequent und ohne zu beschönigen die Folgen einer ungebremsten Gewaltspirale zeigt, rasant inszeniert ist und bis zum Schluss hochspannend bleibt - getragen von zwei überzeugend agierendenden Protagonisten.

"Zinksärge für die Goldjungen" Deutschland / Italien 1973, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, August Rieger, Darsteller : Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassare, Dan van HusenLaufzeit : 83 Minuten

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