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Sonntag, 19. Juni 2016

Suzanne - die Wirtin von der Lahn (1967) Franz Antel

"Die Wirtin von der Lahn" (Teri Tordai) im Heimatfilm-Look
Inhalt: 1810 in Gießen an der Lahn: Während sich die Studenten unter der Führung von Anselmo (Mike Marshall) gegen die Willkür-Herrschaft des von Napoleon eingesetzten Statthalters Graf Dulce (Jacques Herlin) mit Spott-Gedichten auflehnen, verfolgt der wohlhabende Gastwirt Goppelmann (Oskar Sima) ganz eigene Ziele. Er will das an der Lahn gelegene Wirtshaus von der alten Besitzerin erwerben. Doch diese denkt gar nicht daran, ihm es zu verkaufen, sondern vererbt es spontan an Suzanne (Teri Tordai), die gerade mit ihrer Schauspieltruppe eingetroffen war, bevor sie stirbt.

Anselmo (Mike Marshall) als studentischer Aufrührer
Ein Schlag, den Goppelmann nicht wehrlos hinnimmt. Im Wissen, dass Anselmo mit einer Druckerpresse Flugblätter gegen die Obrigkeit herstellt, erpresst er ihn, seine Dichtkünste gegen die neue Wirtin an der Lahn zu richten. Er soll sie mit seinen Fünfzeilern moralisch diskreditieren, damit sie und ihre Leute aus der Stadt gejagt werden. Anselmo, der Suzanne noch nicht kennengelernt hat, murrt zwar, verbreitet mit seinen Gedichten aber schnell das Gerücht über die losen Sitten, die im Wirtshaus herrschen sollen. Doch die Reaktionen darauf fallen anders aus, als es Goppelmann erhofft hatte… 



"Es steht ein Wirthaus an der Lahn,
da kehren alle Fuhrleut' ein,
Frau Wirtin sitzt am Ofen,
die Fuhrleut' um den Tisch herum,
die Gäste sind besoffen"




So lautet der erste "Wirtinnen"-Fünfzeiler, dem noch viele Hundert folgen sollten. Heute ist die Bedeutung dieser aus dem 18.Jahrhundert stammenden Spottverse ebenso in Vergessenheit geraten wie Franz Antels früher Erotik-Film "Die Wirtin von der Lahn", der sich an den anzüglichen Gedichten orientierte und mit fünf Nachfolgern zur ersten erfolgreichen Erotikfilm-Reihe wurde.
Die Screenshots hier im Blog stammen von der italienischen Fassung, sind zwar recht grobkörnig, aber das Bildformat ist näher am Original als die deutsche Fassung.



Harald Leipnitz und Teri Tordai als Partner im Clinch...
"Liebesgrüße aus Tirol" (1965), "Ruf der Wälder" (1965), "Happy End am Wolfgangsee" (1966) - so lauteten die Titel der letzten drei gemeinsamen Filme von Regisseur Franz Antel und Drehbuchautor Kurt Nachmann, bevor sie "Suzanne - die Wirtin von der Lahn" 1967 herausbrachten. Seit sie Mitte der 50er Jahre ("Heimatland" (1955)) begannen, die deutsche Musik- und Heimatfilmlandschaft in Richtung Moderne zu trimmen, waren sie zu einem eingeschworenen Team geworden - den Niedergang des Genres in den 60er Jahren konnten sie trotzdem nicht verhindern (siehe den Essay „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Weder half die zeitgemäße Interpretation des Eschenbach-Stoffs in "Ruf der Wälder", noch die Frivolität in "Happy End am Wolfgangsee", dem der Film seine spätere Umbenennung in "00 Sex am Wolfgangsee" verdankte. Erst "Die Wirtin" belohnte das Wagnis, verstärkt auf die Sex-Karte zu setzen, und brachte den erhofften Erfolg an der Kinokasse nicht nur in Deutschland, sondern auch im Land des Co-Produzenten Italien.

...und auf Abwegen mit Caroline (Pascal Petite)...
Mit von der Partie waren auch die Ungarn und die Franzosen – im frühen Erotikfilm keine Seltenheit, um das Risiko auf viele Schultern zu verteilen. Diesem Einfluss war auch die Besetzung der Titelrolle mit der ungarischen Schauspielerin Teri Tordai zu verdanken, die der Reihe in allen sechs Folgen vorstand, während ihr männlicher Co-Partner Harald Leipnitz nach Teil 4 ausstieg. Die Internationalität in der Besetzung blieb ein Charakteristikum der „Wirtinnen“-Filme. Der US-Darsteller Mike Marshall gab ein Gastspiel als revolutionärer Student im Erstling, die Französin Pascal Petit bereicherte die ersten beiden Wirtinnen-Filme mit ihrer Erotik, ihr Landsmann, der Komiker Jacques Herlin, gehörte zum Inventar aller sechs Verfilmungen und die italienischen Erotik-Aktricen Femi Benussi und Edwige Fenech standen in Nebenrollen noch am Beginn ihrer Karrieren. Die schmissige Musik des Titelsongs stammte aus der Feder des italienischen Filmkomponisten Gianni Ferrio, aber die entscheidenden Ideengeber blieben Regisseur Antel und Autor Kurt Nachmann, die eine feine Mischung aus Historie, Heimatfilm und Erotikkomödie ersannen, die den Nerv des damaligen Publikums traf.

...und Anselmo
„Die Wirtin von der Lahn“ wurde nicht nur zur längsten Filmreihe im deutschsprachigen Kino mit einer weiblichen Hauptfigur im Zentrum des Geschehens, sie kam vor Oskar Kolles Aufklärungsfilmen („Das Wunder der Liebe“, 1968) und Erwin Dietrichs „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968) heraus und brachte es schon auf fünf Filme, bevor der „Schulmädchen-Report“ (1970) erstmals auf die Leinwand kam. Trotzdem taucht die Reihe in keiner Nachbetrachtung zur Entstehung des deutschen Sexfilms auf und wurde nur lieblos und ohne Zeitbezug auf Video oder DVD veröffentlicht. Dabei sind die Filme ein wunderbares Spiegelbild ihrer Zeit und geben ein Beispiel für die rasante soziologische Entwicklung der späten 60er Jahre – eine Wiederentdeckung:

Der Graf (Jacques Herlin) und sein Vasall (Gunther Philipp)...
Antel und Nachmann setzten früh auf ein probates Mittel, um größere Zuschauerschichten zu erreichen – die Historie. Wie der überragende Erfolg von „Die Nichten der Frau Oberst“ nach einer Romanvorlage von Guy de Maupassant wenig später erneut bewies, nahmen historisch-literarische Vorlagen dem Publikum die Berührungsängste vor dem Erotik-Film. Die anzüglich-derben fünfzeiligen Verse im Stil eines „Limericks“ über die „Wirtin von der Lahn“ besaßen ihren Ursprung im frühen 18.Jahrhundert und verstanden sich als Gegen-Reaktion auf die strengen bürgerlichen Moralvorstellungen. Wie diffizil der Umgang mit den Spott-Gedichten 1967 noch war, wird daran deutlich, dass besonders frivole Zeilen bis zur Unverständlichkeit verfremdet wurden. Auch das „Eingreifen der Sitten-Commission“ im Stil einer Tafel, die sich über das Bild schiebt, sobald nackte Haut zu sehen ist, war Witz und Notwendigkeit zugleich. Antel machte sich über die Zensur lustig, kam ihr aber gleichzeitig entgegen.

...wollen Anselmo an den Kragen, aber...
Dieser ständige Wechsel zwischen Moral und Unmoral ist charakteristisch für den gesamten Film, besonders aber für die Gestaltung der weiblichen Hauptfigur, die von Teri Tordai zwischen Emanzipation und Unterordnung, zwischen Freizügigkeit und Tugend angelegt wurde. Als Leiterin einer fahrenden Schauspieltruppe tritt sie selbstbewusst und bestimmt auf, zum Helden des Films wird aber der Student Anselmo (Mike Marshall), der sich gegen den Grafen Dulce (Jacques Herlin), einen Statthalter Napoleons, auflehnt, der die Menschen in Gießen und Umgebung unterdrückt. Suzanne wird Anselmos Geliebte, obwohl ihm die anzüglichen Verse über die „Wirtin von der Lahn“ zu verdanken sind. Ursprünglich setzte er seine fünfzeiligen Spott-Gedichte gegen die Obrigkeit ein und verbreitete sie auf Flugzetteln, aber der verschlagene Wirtshausbesitzer Goppelmann (Oskar Sima) hatte ihn gezwungen, auf diese Weise die angebliche Unmoral im „Wirtshaus an der Lahn“ zu besingen, um die lästige Konkurrentin loszuwerden, die durch Zufall Wirtshausbesitzerin geworden war.

...wichtiger ist das "Wirtshaus an der Lahn" und...
Der dahinter verborgene Widerspruch steht beispielhaft für die Entstehungszeit des Films. Die Spott-Verse über die „Wirtin von der Lahn“ versprachen ungenierte Erotik, in der Film-Handlung stehen sie aber für eine falsche Behauptung. Frau Wirtin und ihre Schauspiel-Truppe sind in Wirklichkeit ganz tugendhaft, was sie aber nicht daran hindert, dem geilen Grafen Dulce - durch die vielversprechenden Verse angelockt - einen Bordell-Betrieb im Wirtshaus vorzuspielen. Natürlich nur Theater, um Zeit zu gewinnen, damit der zum Tode verurteilte Anselmo noch begnadigt werden kann. Diese On/Off-Vorgehensweise hatte den Vorteil, ordentlich Frivolitäten und Nacktheit auf die Leinwand zu bringen, ohne die Protagonisten als unmoralisch zu diskreditieren. Teri Tordai trat zwar in verführerischen Posen auf, war aber nur für einen Mann zu haben. Als sie einmal allein über den Wipfeln der Umgebung durch die Landschaft schreitet, erinnert ihre Inszenierung unmittelbar an den Heimatfilm.

...seine Verlockungen
Unterstützend stand ihr in einer Nebenrolle Hannelore Auer zur Seite, die hier nur wenig als Sängerin in Erscheinung trat, sondern mehr um als so hübsches, wie anständiges Mitglied der Theatergruppe am Ende den netten Sohn des bösen Goppelmann zu ehelichen und gemeinsam mit ihm das „Wirtshaus an der Lahn“ weiter zu führen. So viel Ordnung musste 1967 im Erotikfilm noch sein.


Die Wirtin setzt sich gegen Göppelmann (Oskar Sima) durch
Diese inkonsequente Vorgehensweise wirkt aus heutiger Sicht altmodisch, lässt aber nicht übersehen, mit welchem Spaß die Beteiligten damals bei der Sache waren. Besonders im Zusammenspiel von Teri Tordai und Harald Leipniz wurden die nach außen hin behaupteten Konzessionen lässig hintertrieben. Leipniz als männliches Gegenstück in der Schauspieltruppe, der hier etwas konstruiert zum Offizier der französischen Armee gemacht wird, steht in einer nicht konkretisierten Beziehung zu Frau Wirtin und liefert sich mit ihr manches Wortgefecht. Am Ende erweisen sich ihre jeweiligen Techtelmechtel nur als Intermezzo und sie begeben sich wieder gemeinsam auf den Weg zu neuen Abenteuern – in einer fröhlichen Ungezwungenheit, die den gesamten Film prägte und ihn über jede Unzulänglichkeit der Handlung trug.

"Suzanne - die Wirtin von der Lahn" Deutschland, Italien, Frankreich, Ungarn 1967, Regie: Franz Antel, Drehbuch: Kurt Nachmann, Darsteller : Teri Tordai, Harald Leipnitz, Mike Marshall, Pascal Petite, Jacques Herlin, Hannelore Auer, Gunther Philipp, Oskar Sima, Franz Muxeneder, Laufzeit : 87 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Franz Antel:

"Warum habe ich bloss 2x ja gesagt" (1969)

Mittwoch, 18. Mai 2016

Straßenbekanntschaften auf St. Pauli (1968) Werner Klingler

Ingo Werner (Rainer Brandt) und Nachtclub-Boss Radebach (Reinhard Kolldehoff)...
Inhalt: Wiederholt bereitet die Kommissarin der Sittenpolizei Renate Petersen (Sibille Gilles) dem Nachtclub-Besitzer Radebach (Reinhard Kolldehoff) mit ihren Razzien auf der Reeperbahn Ärger. Dessen minderjährige Striptease-Tänzerinnen sorgen für gute Geschäfte, aber die ständigen Durchsuchungen und Kontrollen vergraulen seine besten Kunden, auch wenn Petersen ihm bisher noch nichts nachweisen konnte. Um bei Radebach dessen Assistenten Jensen (Jürgen Feindt) auszustechen, schlägt der Szene-Fotograf Ingo Werner (Rainer Brandt) vor, von Petersens 18jähriger Tochter Susanne (Suse Wohl) Nacktfotos zu schießen. Damit könnte man die Kommissarin erpressen.

...lassen sich bei ihrem Erfolgsprogramm nicht gerne stören
Radebach ist einverstanden, aber Werner überschätzt seine Wirkung auf die 18jährige. Zwar streitet sich die Schülerin oft mit ihrer strengen Mutter und hätte gerne mehr Freiheiten, aber nackt ausziehen will sie sich vor seiner Kamera nicht. Deshalb lässt Werner sein Model Gerti (Dagmar Lassander) auf das Mädchen los, die mit ihr früher in eine Klasse gegangen ist. Ihr gelingt es Susannes Vertrauen zu gewinnen und geht mit ihr ohne Wissen der Mutter abends in Radebachs Strip-Schuppen. Doch dann eskaliert die Situation…


St. Pauli - Sehnsuchtsort und moralischer Abgrund
Kein Ort steht mehr für den deutschen Erotik-Film der 60er Jahre. Die Geschichte der Reeperbahn als Vergnügungsmeile begann schon im 19.Jahrhundert, der deutsche Film brauchte bis in die 60er Jahre des 20.Jahrhunderts, bis er den Hamburger Stadtteil St. Pauli jenseits von Hans Albers-Lokalkolorit („Große Freiheit Nr.7“, 1944) als Handlungsort für sich entdeckte. 

Zwar hatten einzelne Filmemacher schon zuvor hinter die Kulissen der verlockenden Reklameschilder gesehen, aber erst die fortschreitende Liberalisierung ließ den ungehinderten Blick auf eine Welt zu, die längst legendär war. Genauer - sich aus heutiger Sicht schon im Niedergang befand. Der Grund für die Konjunktur des Bordellviertels mit seinen vielfältigen Vergnügungs-Etablissements lag nicht in einer plötzlich ausgebrochenen Toleranz, sondern in dessen Stellvertreterrolle für die soziokulturellen Veränderungen nach dem Krieg. Die Halbwelt eignete sich vorzüglich für „Sex-and-crime“-Stories mit dezenten Nacktaufnahmen, kombiniert mit der Warnung vor den Folgen des moralischen Verfalls.



Sittenpolizistin Petersen (Sibille Gilles) und Kommissar Torber (Günther Stoll)
„Straßenbekanntschaften auf St Pauli“ sind diese Voraussetzungen deutlich anzumerken. Schnell und preiswert setzte der Film auf den damaligen Boom im jungen Erotik-Film, geschickt mit einem Filmtitel werbend, der nur wenig mit der eigentlichen Story zu tun hatte. Anders als es auch das Filmplakat suggerieren sollte, spielte Prostitution hier nur eine Nebenrolle. Im Mittelpunkt stehen die Ereignisse in einer Striptease-Bar, in der bevorzugt Minderjährige auftreten. Deren Besitzer Radebach (Reinhard Kolldehoff) bekommt deshalb regelmäßig Besuch von der Polizei. Zwar endeten die Razzien bisher ergebnislos, da Jensen (Jürgen Feindt) - Radebachs „rechte Hand“ - die Mädchen immer rechtzeitig in einem Kellerversteck unterbringen konnte, aber Renate Petersen (Sibille Gilles), die Kommissarin der Sittenpolizei, beginnt zu nerven. Der einschlägig in der Szene bekannte Fotograf Ingo Werner (Rainer Brandt) will Jensen bei Radebach ausstechen und versucht Susanne (Suse Wohl), die 18jährige Tochter der Kommissarin, zu Nacktaufnahmen zu verführen, um Petersen damit zu erpressen.

Leider nur wenig St.Pauli Atmosphäre im...
Trotz der Lichtreklame zu Beginn, Aufnahmen von der Herbert-Straße und dem Hafengebiet wirkt der zentrale Handlungsort austauschbar, könnte die Strip-Bar in jeder größeren Stadt gelegen sein. Anders als bei Rolf Olsen („Der Arzt von St.Pauli“, 1968) oder Jürgen Roland („Polizeirevier Davidwache“, 1964), in deren Filmen die Reeperbahn die heimliche Hauptrolle einnahm und immer Sympathien für die hier lebenden und arbeitenden Menschen mitschwangen, ist das Viertel in „Straßenbekanntschaften auf St Pauli“ ein von anonym wirkenden dunklen Gassen geprägter reiner Sündenpfuhl. 

...Milieu (Jürgen Feindt mit honorigem Gast)
Vielleicht war der geringe lokale Bezug zu St. Pauli auch den begrenzten Produktionsmitteln zu verdanken.
1968 waren Schwarz-Weiß-Aufnahmen schon eine Ausnahme im erotischen Film. Sie könnten auf eine frühere Entstehungszeit hinweisen. Dafür spricht auch die Besetzung mit Günther Stoll, seit dem Durbridge-Dreiteiler „Melissa“ (1966) zum Star aufgestiegen, und Dagmar Lassander, die parallel in weiteren Erotik-Filmen („Andrea - wie ein Blatt auf nackter Haut“ (1968)) Hauptrollen spielte, bevor sie im italienischen Kino reüssierte, in eher untergeordneten Rollen. Stoll bekam in der zweiten Hälfte des Films als ermittelnder Kommissar zwar mehr Screentime, seine Figur blieb mit einem einzigen coolen Gesichtsausdruck aber ohne charakterliche Tiefe, und Lassander als Model Gerti stand story-technisch im Schatten der braven Susanne aus gutem Kommissariat-Hause. Für Suse Wohl - im Gegensatz zu Dagmar Lassander auch nackt zu sehen - blieb diese Rolle ihr einziger Film-Auftritt. Ein Wechsel in der Besetzung hätte „Straßenbekanntschaften auf St Pauli“ gut getan, aber vielleicht wirkte Lassander zu lasziv für eine Schülerin, die dank der Versuchungen einer liberalen Moderne auf die schiefe Bahn gerät.

Für die brave Susanne (Suse Wohl)...
Drehbuchautor Jürgen Knop besaß Erfahrungen im Genre („Treibgut der Großstadt“, 1967) und war wenig später am großartigen „Mädchen mit Gewalt“ (1970) beteiligt, aber in „Straßenbekanntschaften auf St.Pauli“ gelang die Mischung aus Sex-, Kriminalfilm und Sozialstudie nicht, weil der moralische Zeigefinger immer spürbar blieb. Der klischeehaften Mutter-Tochter Beziehung um einen leicht aufmüpfigen 18jährigen Teenager, der mit anderen Jugendlichen Zelten möchte und heimlich raucht, stand eine Halbwelt gegenüber, für die der Film keine Sympathien aufbrachte. Das lag besonders an der Gestaltung der eigentlichen männlichen Hauptrolle, dem vom späteren Synchronisations-Guru Rainer Brandt gespielten Fotografen Ingo Werner, der hier die Rolle des Verführers innehatte. Er agiert viel zu brachial und ohne Charme, um glaubwürdig vermitteln zu können, warum die Schülerin Susanne sich von ihm fotografieren lässt. Als sie sich ziert, nackt auszuziehen, fordert er von Gerti (Dagmar Lassander), sie soll sich an ihre frühere Mitschülerin heranmachen.

...wird die Begegnung mit Gerti (Dagmar Lassander) ...
Wie Gerti es gelang, Susannes Vertrauen zu gewinnen, ließ der Film lieber weg. Offensichtlich musste es genügen, dass sie inzwischen zum erfolgreichen Model geworden war, um Susanne von den Verlockungen des Nachtlebens zu überzeugen. Statt zu ihrer Oma zu fahren, geht sie lieber mit ihr in die Striptease-Bar von Radebach, wo sie an einem Model-Wettbewerb mitmacht und zur „Miss Nacht“ gewählt wird. Eine wenig glaubwürdige Wendung, die auf Werner Klinglers Einfluss zurückgehen könnte. Regisseur Klingler, damals schon Ende 60, war seit den frühen 30er Jahren im Filmgeschäft tätig und blieb sowohl während des Nationalsozialismus, als auch in den Boom-Jahren der 50er Jahre vielbeschäftigt. Noch 1962 verantwortete er den vierten Film der erfolgreichen Mabuse-Reihe „Das Testament des Dr.Mabuse“, aber seit 1965 hatte er keinen Regie-Auftrag mehr übernommen, vielleicht auch nicht bekommen.

...zum Alptraum.
Dass er 1968 im jungen Erotik-Film noch ein letztes Mal Regie führte (er starb vier Jahre später) überrascht nur vordergründig. In den späten 50er Jahren hatte er sich intensiv am damals aufkommenden Moralfilm beteiligt, mit dem bevorzugt die weibliche Jugend vor den Gefahren einer liberaleren Sexualität und veränderten Geschlechterrollen gewarnt werden sollte. Den Widerspruch, damit gleichzeitig den Voyeurismus männlicher Betrachter zu bedienen, erfüllte schon sein erster von drei „Arzt“-Filmen „Frauenarzt Dr. Bertram“ (1957), der trotz seines selbstgewählten moralischen Anspruchs ungeniert leicht bekleidete Mannequins zeigte. Auch sein Beitrag zum damals populären Kriegsfilm „Blitzmädels an die Front“ (1958) verband weibliche Schauwerte mit oberflächlicher Geschichtsverarbeitung. In dieser Hinsicht war „Straßenbekanntschaften auf St. Pauli“ eine konsequente Fortführung, verglichen mit den schillernden St.Pauli-Geschichten eines Rolf Olsen oder Jürgen Roland blieb Klinglers Film aber altbacken und wenig authentisch.

"Straßenbekanntschaften auf St. Pauli" Deutschland 1968, Regie: Werner Klingler, Drehbuch: Jürgen Buchmann, Jürgen KnopDarsteller : Günther Stoll, Rainer Brandt, Dagmar Lassander, Suse Wohl, Sibille Gilles, Rainhard Kolldehoff, Jürgen Feindt, Hilde Sessak, Evelyn KünnekeLaufzeit : 75 Minuten

Sonntag, 27. März 2016

Die Spalte 1971 Gustav Ehmck

Inhalt: Ein Teenager legt ein kleines Bündel auf die Gleise, doch bevor der herankommende Zug es überfahren kann, rettet eine ältere Frau das Baby vor dem sicheren Tod. Sie behält die kleine Sophie bei sich und zieht sie auf, doch nachdem sie gestorben ist, kommt ihre Enkeltochter in ein katholisches Erziehungsheim. Ihre Mutter, die sie damals töten wollte, schreibt ihr einmal aus dem Gefängnis, aber darüber hinaus gibt es keine familiäre Bindung für die Heranwachsende.


Für die Erzieher ist Sophie (Gerhild Berktold) ein hoffnungsloser Fall, dem sie nur mit absoluter Strenge zu begegnen wissen. Wenig überraschend bricht die inzwischen 15jährige mit Unterstützung ihrer Kameradinnen aus dem Heim aus und landet mittellos auf den Münchner Straßen. Ein junger Mann (Axel Schiessler) wird auf das ziellos umherstreifende hübsche Mädchen aufmerksam, spricht sie an und bietet ihr seine Hilfe an. Dankbar nimmt sie an und die Beiden kommen sich schnell näher…

Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

"Die Spalte" war ein Schock. Traf schon "Perle der Karibik" (1971) ins Mark, hallte die Wirkung meines persönlichen Abschluss-Films noch lange auf der Heimfahrt nach, während parallel "Mädchen beim Frauenarzt" (1971) das offizielle Programm beendete. Nicht nur der Schrecken saß tief, auch die Überraschung war groß. Die mir aus dieser Zeit bekannten Sex-Filme bedienten sich gerne den zahlreichen Gefahren der neuen Freiheit, nutzten diese aber vor allem als Anlass für ausschweifende Nacktdarstellungen. Für den meist männlichen Voyeur blieb alles ein großer Spaß. 

Den trieb Regisseur Ehmck dem Betrachter hier gründlich aus. Ursache dafür, warum "Die Spalte" danach schnell wieder in der Versenkung verschwand. Einzig auf einem italienischsprachigen Video wurde der Film Anfang der 90er Jahre noch einmal veröffentlicht. Die Screenshots stammen sowohl von dem Video (Beispiel oben links), wie der Aufführung im Nürnberger Komm-Kino (Beispiel oben rechts). 



"Die Spalte" kam im April 1971 in die deutschen Kinos, exakt zwischen dem Start von "Schulmädchen-Report - Was Eltern nicht für möglich halten" (1970) und dessen Nachfolger "Schulmädchen Report 2 - Was Eltern den Schlaf raubt" (1971). Die Reihe an Filmen, die das Erotik-Bedürfnis eines ausgehungerten deutschen Publikums Anfang der 70er Jahre befriedigen sollten, ließe sich beliebig verlängern. Die meisten von ihnen schafften es später auf diverse Videoträger und prägen bis heute das Bild einer harmlos-verruchten Sexwelle in Folge der 68er Generation. Dabei durfte der pädagogische Zeigefinger nicht fehlen, der den Nacktdarstellungen das nötige moralische Gegengewicht verlieh, um ein Abrutschen ins Schmuddel-Image zu vermeiden. Nur so ließen sich die hohen, weit in bürgerliche Schichten vordringenden Besucherzahlen erreichen. Der Widerspruch, voyeuristische Bedürfnisse zu befriedigen, gleichzeitig aber vor den Gefahren von Promiskuität und optischer Zurschaustellung für junge Frauen zu warnen, wurde zum Abbild einer sich nach außen hin modern und aufgeklärt gebenden Gesellschaft.

Übertreibung gehörte im jungen Sexfilm zum Geschäft. Einerseits durfte die weibliche Jugend hemmungslos ihren Trieb ausleben, andererseits wimmelte es nur so von Profiteuren ihrer frisch entdeckten sexuellen Freiheit. Vergewaltiger, Zuhälter und Spanner lauerten an jeder Ecke. Ingrid Steeger stirbt am Ende in „Ich, ein Groupie“ (1970) nackt und drogenabhängig auf Berlins Straßen, in Alois Brummers „Gefährlicher Sex frühreifer Mädchen“ (1971) steht gleich zu Beginn ein Hausmeister wegen angeblicher „Unzucht mit Minderjährigen“ vor Gericht, und in den „Schulmädchen-Report“-Filmen fand sich immer ein Busfahrer, Lehrer oder Familienvater, der die Unschuld jungfräulicher Mädchen bedrohte. Ernst nahm das Niemand. Im Gegenteil tanzten die Darstellerinnen so freizügig auf der Leinwand herum, dass die Schuldfrage schon geklärt war. Die Männer reagierten quasi nur und bestätigten damit das bis heute tief verwurzelte Vorurteil, die Frauen hätten sie durch ihr Verhalten und ihre Optik erst motiviert.

Auch in „Die Spalte“ fällt am Ende ein solcher Satz. „Keine Frau kann gegen ihren Willen zur Prostitution gezwungen werden“, sagt ein Polizist. Die vorherige Handlung belehrte den Betrachter eines Besseren. Es ist die Geschichte eines ungewollten Mädchens. Als Säugling rettet ihre Großmutter sie vor dem Tod. Sie wächst bei ihr auf, kommt aber nach deren Ableben in ein katholisches Erziehungsheim. Ihre Mutter, die sie damals auf die Zuggleise legte, schreibt ihr einmal aus dem Gefängnis - für ihre Betreuerin nur der Anlass, die Rechtschreibfehler korrigieren zu lassen. Sophie (Gerhild Berktold) befindet sich auf der untersten Sprosse der gesellschaftlichen Leiter – ein Dasein, dass Anfang der 70er Jahre über keinerlei Reputation verfügte. Im Heim gilt ausschließlich das Prinzip der Strenge und Sophie bestätigt mit ihrem Verhalten diese Vorgehensweise – renitent, unbelehrbar und offensichtlich frühreif gilt sie als hoffnungsloser Fall.

Ohne zu moralisieren oder emotional zu schüren, entfaltete Regisseur Gustav Ehmck die Geschichte eines unaufhaltsamen Niedergangs. Die damals 17jährige Gerhild Berktold, die nur ein weiteres Mal ebenfalls unter Ehmcks Regie in einem Kinofilm auftrat ("Heiß und kalt", 1972), darüber hinaus aber unbekannt blieb, spielte die Sophie mit größter Natürlichkeit und vollem Körpereinsatz. Sie ist sehr hübsch, aber ihre Nacktheit bediente keinen Voyeurismus. Im Gegenteil betonte Ehmck damit ihre totale Abhängigkeit – Sex dient in „Die Spalte“ fast ausschließlich der Erniedrigung und zur Machtausübung.

Trotzdem verfiel der Film nicht in Einseitigkeit. Der Regisseur und sein Autor Christian Rolf zeigten keine Berührungsängste bei der Widergabe der Realität vor dem Münchner Hintergrund: kleine deutsche Zuhälter, ein türkischer Platzhirsch (Dursun Firat), bürgerliche Freier und sexuelle Dienstleistungen für griechische Gastarbeiter im Keller eines Restaurants. Auch Sophie eignet sich nicht zur Identifikation - zu sperrig, naiv und ungebildet ist ihr Charakter. Aber ihr Verhalten ist immer nur Reaktion auf ihre Armut und soziale Abhängigkeit. Dank seines dokumentarischen Stils bewahrte der Film den notwendigen Abstand, um das Geschehen erträglich zu gestalten, mehr noch aber um dessen generellen Charakter zu betonen. Sophia ist kein Einzelschicksal. Eine linke Aktionsgruppe versucht die Mädchen von der Straße zu holen. Für die Polizei kein Grund zur Freude, denn die Zuhälter machen ihnen deutlich weniger Ärger, als die aufmüpfigen Studenten – Ruhe ist bekanntlich die erste Bürgerpflicht.

Gewalt, Ausbeutung und Prostitution sind in „Die Spalte“ kein Spiel zwischen Männer-Fantasie und moralischer Entrüstung, sondern erbarmungslose Realität. Auch als Warnung vor freizügiger Sexualität eignete sich die Figur der Sophie nicht, deren Schicksal mit den kecken Gymnasiastinnen aus dem „Schulmädchen-Report“ nichts gemein hat. In den Augen der Allgemeinheit galt sie von Beginn an als Verlorene. Eine Haltung, die auch „Die Spalte“ zu spüren bekam. Sex, nackte Tatsachen und ein bisschen Gefahr durften sein, aber ohne den Betrachter mit echten Problemen und seinen eigenen Vorurteilen zu konfrontieren. Der Geist, der hinter der im Sexfilm gepflegten Ambivalenz von Voyeurismus und moralischem Zeigefinger stand, sorgte auch dafür, dass „Die Spalte“ schnell in Vergessenheit geriet.

"Die Spalte" Deutschland 1971, Regie: Gustav Ehmck, Drehbuch: Christian Rolf, Darsteller : Gerhild Berktold, Dursun Firat, Axel Schiessler, Werner Umberg, Silvia Lasch, Maxi Maxi, Armin RichterLaufzeit : 85 Minuten

Freitag, 13. November 2015

Zarte Haut in schwarzer Seide (1961) Max Pécas

Inhalt: Daniela (Elke Sommer) wird von ihrer Mutter (Käthe Haack) zum Münchner Hauptbahnhof begleitet, von wo sie nach Rom fährt, um einen Job als Mannequin anzutreten. Aus einer Zeitschrift, die sie sich am Bahnhof kauft, erfährt sie den Grund für diese Chance – eine Kollegin war tot aufgefunden worden, weshalb die Stelle frei wurde. Für Daniela, die die Welt kennenlernen will, ist das egal, aber ihre Mutter macht sich große Sorgen. In Rom angekommen, scheinen diese Befürchtungen unberechtigt, denn Graf Castellani (Ivan Desny) erweist sich als so charmanter wie großzügiger Chef und empfängt Daniela sehr herzlich.

Ganz anders als Karl Bauer (Helmut Schmid), der im benachbarten Hotelzimmer mitten in der Nacht bei lauter Musik in seine Schreibmaschine tippt und Daniela weckt. Zudem dringt er noch in ihr Zimmer ein, um den Kerl kennenzulernen, der sich dort verbirgt. Ein Betrunkener hatte die Herrenschuhe versehentlich vor Danielas Zimmer geschoben. Nach dieser eher unerfreulichen ersten Begegnung fasst Daniela nur schwer Vertrauen zu dem Journalisten, der sich ständig in der Nähe Castellanis herumtreibt und ihn als Verbrecher bezeichnet…


Die 2004 herausgekommene DVD "Zarte Haut in schwarzer Seide" des nicht mehr existenten Labels "Starmedia" war ein typischer Schnellschuss der frühen DVD-Phase - körniges Bild, falsches Format, ein Screenshot als Cover und ein Begleittext, der keine Ahnung hatte. Bei dem "französischen Model Daniella" handelt es sich um die junge Deutsche Daniela, gespielt von Elke Sommer, die danach noch viele Filme in Europa drehte, nicht zuletzt mit Regisseur Max Pécas im folgenden Jahr. Für den Autoren des Covertextes ist "Zarte Haut in schwarzer Seide" dagegen ihr letzter europäischer Film bevor sie nach Hollywood ging.

Kurz, die DVD ist mies, aber trotzdem empfehlenswert, denn Max Pécas' zweiter Film, zudem seine einzige deutsche Produktion, ist als früher Erotikfilm ein rares Vergnügen. Und es ist kaum zu erwarten, dass es ihn einmal in adäquater Qualität geben wird.








Sorgenvoll verabschiedet die Mutter (Käthe Haack) ihre Tochter Daniela (Elke Sommer) am Münchner Hauptbahnhof. Die blonde junge Frau tritt in Rom eine Stelle als Mannequin an, die frei wurde, nachdem ihre Vorgängerin tot aufgefunden wurde - kein gutes Omen für einen Job in der Fremde. Noch während der Zug den Bahnhof verlässt, sind die kommenden Gefahren schon mit Händen zu greifen: Vergewaltigung, Prostitution, Mord. Was läge näher, als die Warnung vor dem moralischen Verfall in eine aufwühlende Sex-and-Crime-Story zu packen? - Elke Sommer hatte erst kurz zuvor in "...und sowas nennt sich Leben" (1961) ein Mannequin gespielt, dass sich unlauteren Annäherungen erwehren musste, Ivan Desny wurde als Playboy in "Geständnisse einer Sechzehnjährigen" (1961) zum Mordopfer und Helmut Schmid gab wenig später in "...denn das Weib ist schwach" (1961) einen in kriminelle Machenschaften verwickelten Anwalt zwischen zwei Frauen - erneut nach einem Drehbuch von Wolfgang Steinhardt, der auch die Story zu "Zarte Haut in schwarzer Seide" verantwortete.

Und das Erwartete geschieht. Der Leiter des Modestudios Graf Castellani (Ivan Desny) erweist sich als sinistre Persönlichkeit, die offensichtlich über Leichen geht, es aber glänzend versteht, junge Frauen mit seinem Charme zu überzeugen. Auch Daniela ist schnell von dem eleganten Lebemann begeistert und bereit, seinen Ausführungen Glauben zu schenken. Dagegen weckt Karl Bauer (Helmut Schmid), angeblicher Journalist, ihr Misstrauen. Erst stört er als Nachbar im angrenzenden Hotelzimmer ihre Nachtruhe, dann poltert er brachial in ihr Leben. Obwohl er sich für sie einsetzt, als wieder eine Frauenleiche gefunden wird, schenkt sie seinen Worten, Castellani wäre ein Verbrecher, keinen Glauben. Der Beginn eines verwirrenden Spionage- und Erpresserplots, der bis nach Paris führt und mit immer neuen Wendungen aufwarten kann, weshalb der Film auch in Richtung der damals populären „Edgar Wallace“-Reihe vermarktet wurde. Zur Enttäuschung falsch geschürter Erwartungen, denn „Zarte Haut in schwarzer Seide“ ist weder Moralkeule noch Gruselkrimi, sondern ein Max Pécas-Film.

Der Blick auf Pécas‘ folgenden ebenfalls mit Elke Sommer in der Hauptrolle entstandenen Film hilft, sich der ungewöhnlichen Kombination aus deutschem Drehbuch, deutschsprachigen Hauptdarstellern und französischer Regie anzunähern. Das Drama „Douce violence“ (Sie nennen es Liebe, 1962) entwickelt seine Story um eine Gruppe junger Menschen vor dem sonnigen Hintergrund der Mittelmeerküste. Ein Abbild der sich rasant verändernden Sozialisation der Nachkriegsgesellschaft – sexy und cool, eingeleitet von einem Johnny Halliday-Song und begleitet von der Musik Charles Aznavours. Dieser gab schon in Pécas‘ erstem Film "Le cercle vicieux" (Die Begierde treibt den Mann, 1960) den Takt vor und sorgte auch in „Zarte Haut in schwarzer Seide“ für eine Atmosphäre der Moderne, in der die Story nur den Hintergrund abgab für das eigentliche Thema – Sex. Noch vor seinem bekannteren Landsmann José Bénazéraf  („Seine frühen Erotikfilme 1963 – 1974“) ging Max Pécas konsequent den Weg in Richtung Sexfilm, der ihn Mitte der 70er Jahre auch zur Pornografie führte.

Seine Zusammenarbeit mit Wolfgang Steinhardt war in dieser Hinsicht kein Zufall, denn trotz dessen nur wenige Filme umfassenden Oevres zählt der Autor zu den prägenden Figuren der Früh-Phase des deutschen Erotik-Genres. Neben „...denn das Weib ist schwach“ schuf er im selben Jahr noch die Basis zu „Riviera-Story“ mit Ulla Jacobsson unter der Regie von Wolfgang Becker („Liebe wie die Frau sie wünscht“, 1957), um mit seinen Drehbüchern Mitte der 60er Jahre die Linie in Richtung Bénazéraf („St.Pauli zwischen Nacht und Morgen“, 1967) und „Unruhige Töchter“ (1967) zu schlagen - jeweils Produktionen von Erwin C. Dietrich. Zwar stellte Steinhardt seine Figuren gerne in ein kriminelles Umfeld, aber anders als in den Edgar-Wallace-Filmen, in denen nur die Side-Kicks für frivole Anklänge zuständig waren, während die weiblichen Hauptdarstellerinnen ein Vorbild an Tugendhaftigkeit abgaben, waren seine Protagonistinnen zentraler Teil des sexuell konnotierten Geschehens.

Zudem trieb die Kombination mit Max Pécas dem Drehbuch die letzten Avancen in Richtung Moralkeule aus. Das führte zu so seltsamen Blüten, dass Danielas Mutter ihre Tochter zweimal am Münchner Hauptbahnhof mit wedelndem Taschentuch verabschiedet. Pécas wiederholte die Szene mitten im Film noch einmal, nachdem Daniela aus Rom zurückgekehrt war, um gleich nach Paris weiter zu reisen – diesmal ohne offensichtliches Job-Angebot. In beiden Abschiedsszenen steht dieselbe Statistin als Mitreisende im Zug am Fenster, aber das spielte keine Rolle, denn der französische Regisseur war sowieso an keiner emotionalen Zuspitzung interessiert. Dass inzwischen ein weiterer Mord geschehen war und Graf Castellani die junge Frau für seine Zwecke eingespannt hatte – geschenkt, Muttern hat noch denselben sorgenvollen Blick im Gesicht wie zu Beginn.

Schöner ließ sich diese klassische Betroffenheitssequenz kaum aushebeln, die beispielhaft ist für einen Film, der sein turbulentes Geschehen ohne authentische Gefühlsregungen ausbreitete, sondern nur Klischeetypen aufeinandertreffen ließ – den egoistischen Verführer, die eifersüchtige Geliebte (Claire Maurier), den hemdsärmeligen Ermittler, den geheimnisvollen Vamp (Danik Patisson) und mittendrin die naiv wirkende Blondine. Deren optische Inszenierung lag Pécas besonders am Herzen, weshalb Elke Sommer in vielfältiger Form zu sehen ist - darunter als Fotomodell vor großstädtischer Kulisse, Hotelgast im Negligé, als unfreiwillige Stripperin, die sich von einer Gruppe Matrosen retten lässt, oder mit schwarzer Perücke in einem Nachtclub. So lange die Kamera ihre hübschen Beine einfangen konnte, spielten die Umstände für ihre Abenteuer nur eine untergeordnete Rolle.

„Zarte Haut in schwarzer Seide“ steht beispielhaft für den Typus des frühen deutschen Erotik-Films, dessen Unterwelt-Milieu dafür herhalten musste, um dezente Nacktaufnahmen auf die Leinwand bringen zu können. Regisseur Pécas ließ zwar keinen Zweifel an seinen tatsächlichen Intentionen aufkommen, konnte der Co-Produktion aber den deutschen Gestus nicht ganz austreiben – trotz ihrer sexy Auftritte blieb Elke Sommer immer auch ein braves Mädel.






"Zarte Haut in schwarzer Seide" Deutschland, Frankreich 1961Regie: Max Pécas, Drehbuch: Walter Ebert, Wolfgang Steinhardt, Darsteller : Elke Sommer, Helmut Schmid, Ivan Desny, Claire Maurier, Danik Patisson, Käthe Haack, Laufzeit : 85 Minuten

Montag, 26. Oktober 2015

Die Nichten der Frau Oberst (1980) Erwin C.Dietrich

Inhalt: „Frau Oberst“ Yanne (Karine Gambier), junge Witwe eines Offiziers, sorgt sich um ihre hübschen Nichten Florentine (Pascale Vital) und Julia (Brigitte Lahaie), die sich mehr miteinander vergnügen als mit Männern. Dabei steht Stallknecht Erik (Eric Falk) immer zur Verfügung und Florentine wird heftig von Simon (Mike Montana) umworben, der sie heiraten möchte. Selbstverständlich will sich die Angebetete vorher von dessen Qualitäten als Liebhaber überzeugen.

Auch für Julia hat Frau Oberst schon einen geeigneten zukünftigen Ehemann im Blick, einen Maler, den sie zuerst selbst ausprobieren will. Als sie sich in seiner Nähe über einen Maiskolben hermacht, braucht er nicht lange, um sie mit etwas Geeigneterem zu beglücken, womit er seine Prüfung schon bestanden hat. Auch auf dem von ihr geleiteten Gutshof kommt Bewegung in die Beziehungs-Konstellationen, nur „Frau Oberst“ scheint ihr Witwendasein noch allein fristen zu müssen…


Das "Nichten" - Double von 1968 und 1980 wirkt angesichts der selben Hintermänner Erwin C.Dietrich, Peter und Walter Baumgartner, sowie der Romanvorlage von Guy de Maupassant wie Original und Remake - oder wie der zweite Versuch, die Kuh nochmal zu melken. Eine oberflächliche Betrachtungsweise, denn die beiden Versionen stehen für den Anfang und das Ende der Karriere von Erwin C.Dietrich als Regisseur und mit Abstrichen auch als Drehbuchautor und Produzent. 

Und damit des Mannes, der den deutschsprachigen Sex-Film nicht nur prägte, sondern mehr als jeder Andere über die gesamte Phase von Mitte der 60er Jahre bis zu den frühen 80er Jahren intensiv begleitete - und damit alle Bewegungen des jungen, unmittelbar auf die soziokulturellen Veränderungen reagierenden Genres miterlebte. Der Vergleich beider Versionen gibt dank der ähnlichen Voraussetzungen einen Einblick in dessen rasante Entwicklung vom Aufstieg bis zum einsetzenden Niedergang.


Erbost unterbricht "Frau Oberst" (Karine Gambier) ..
Seit "Die Nichten der Frau Oberst" 1968 zum Publikumsrenner geworden waren, hatte es Erwin C.Dietrich wiederholt verstanden, Erfolgsformeln am Kinomarkt zu nutzen. "Mein Bett ist meine Burg" nannte sich der 1969 erschienene 2.Teil über die Nichten, in dem er zuvor nicht genutzte Szenen verarbeitete, und mit "Weiße Haut auf schwarzem Markt" (1969) sowie "Schwarzer Nerz auf zarter Haut" (1970) setzte er auf die Erinnerung des Publikums an seine frühe Produktion "Schwarzer Markt der Liebe" (1966). Zu einem Zeitpunkt, als Pornografie in Deutschland noch nicht legalisiert war, wandelte Dietrich die US-Porno-Filme "The devil in Miss Jones" und "Whatever happened to Miss September?" von 1973 in eine Softcore-Variante für den deutschen Markt. Obwohl beide Filme kaum Parallelen zu ihren berühmt-berüchtigten Vorbildern aufwiesen, spielten deren Titel "Der Teufel in Miss Jonas" (1974) und "Was geschah wirklich mit Miss Jonas?" (1974) unmissverständlich darauf an. Und liefen ebenso erfolgreich in den Kinos wie Dietrichs diverse Mädchen-Filme, die es von "Mädchen mit offenen Lippen" (1972) bis "Mädchen im Nachtverkehr" (1976) auf acht Ausgaben brachten.

...die Vergnügungen ihrer Nichten 
Von 1979 bis 1983 folgten noch drei Filme über "Sechs Schwedinnen". Was läge da näher, als auch den 1980 gedrehten "Die Nichten der Frau Oberst" in diese Reihe einzuordnen? - Eine Betrachtungsweise, die auslässt, dass Dietrich zwar gerne mit ähnlich klingenden Titeln jonglierte, keinen Film aber konkret wiederholte. Zudem gelten 12 Jahre im Film-Business als großer zeitlicher Abstand, um sich an einen früheren Erfolg anzuhängen, im noch jungen Erotik-Genre umfassten sie eine ganze Epoche. Entsprechend stehen die beiden "Nichten" - Filme für nicht weniger als für den Anfang und das Ende einer Phase in Deutschland, die ausgehend von der Liberalisierung der 60er Jahre einen Boom erlebte, der ab der Legalisierung der Pornografie Mitte der 70er wieder abebbte und in den frühen 80er Jahren ausklang. Die 68er Verfilmung des Guy de Maupassant-Romans sorgte dank des großen Publikumszuspruchs für die notwendige Akzeptanz am deutschen Kino-Markt und die 80er Variante gehörte zu den letzten Softcore-Filmen unter Dietrich, dessen Karriere als Regisseur größtenteils zwischen diesen beiden Fixpunkten stattfand.

Julia (Brigitte Lahaie) und Florentine (Pascale Vital) begeben sich auf die Suche...
Die Unterscheidung Soft-/Hardcore ist eine Erfindung der späten 70er Jahre, denn als der erste "Nichten"-Film herauskam, konnte von Hardcore noch keine Rede sein. Mitte der 70er Jahre hatte auch Dietrich mit zwei Fassungen seiner Filme experimentiert, war aber während der Zusammenarbeit mit Jesùs Franco (siehe "Die 70er Jahre Erotik-Connection") wieder von den expliziten Darstellungen abgekommen und pflegte in seinen letzten Regie-Arbeiten eine rein auf das weibliche Geschlecht konzentrierte Sichtweise, die nur sanft die Grenze zur Pornografie streifte. Geschlechtsakt und männliche Attribute wurden nur angedeutet, während die dem Hardcore-Bereich entstammende Riege attraktiver Darstellerinnen unverkrampft vor der Kamera agierte. Allen voran Brigitte Lahaie, die in Dietrichs letzten Filmen zu seiner festen Größe wurde.

...nach Männern, doch die Dorfjugend erkennt ihre Chancen nicht
"Die Nichten der Frau Oberst" wirkt aus heutiger Sicht wie ein letzter Versuch, das nicht explizite erotische Genre noch über die Zeit zu retten. Dietrich kombinierte ausgiebige Nacktdarstellungen mit langen Einblendungen des historischen Anwesens und der landschaftlichen Umgebung, die Story selbst auf ein Minimum reduzierend. Damit befand er sich auf der Höhe der Zeit, denn auch der Hardcore-Film hatte die Hochphase des Story-Tellings schon überschritten, mit dem er in den 70er Jahren versuchte, explizite Darstellungen mit einer schlüssigen Handlung zu verbinden, um die Akzeptanz beim bürgerlichen Publikum zu erhöhen. Mit dem beginnenden Siegeszug des Videos und dem gleichzeitigen Sterben der großen Pornofilm-Kinos verschwand diese Absicht zunehmend zugunsten möglichst umfangreicher Darstellungen sexueller Interaktionen.

Da sind Simon (Mike Montana) und...
In Dietrichs Film halten sich die Damen entsprechend kaum mit hochgeschlossener Kleidung auf, sondern tragen nur das nötigste, dessen sie sich möglichst schnell entledigen können. Selbst beim Reiten ist Florentine-Darstellerin Pascale Vital fast nackt, überwindet bemerkenswert gut den Hindernis-Parcours und springt auch mit Stöckelschuhen elegant vom Pferd. In der Inszenierung der attraktiven Frauen liegt die Stärke des Films, gewohnt gekonnt von Kameramann Peter Baumgartner umgesetzt und mit Walter Baumgartners Filmmusik unterlegt, dem eine eingängige, die luftige Liebeswelt auf dem Land betonende Melodie gelang. Leider auch die einzigen Vorzüge eines Films, der sich in seiner 90minütigen Laufzeit zunehmend wiederholt, in dem er die Damen und größtenteils aus Bediensteten bestehenden Herren nach immer gleichem Muster in allen Variationen kombinierte.

...Erik (Eric Falk) von anderem Kaliber
Dass die 80er Variante moderner wirkt als der 68er Erstling scheint zwingend, liegt aber nicht nur an den ausgiebigeren Nacktaufnahmen, sondern dass sich seitdem nicht mehr viel im Softcore-Genre getan hat. Der reine Erotik-Film spielt in der deutschen Kinolandschaft seit den frühen 80er Jahren keine Rolle mehr. „Die Nichten der Frau Oberst“ markierten schon das Ende einer Entwicklung, die sich rasant von den stark reglementierten Filmen der 60er Jahre über die Report-Filme und krachledernen Sex-Komödien bis zur selbstzweckhaften Darstellung sexueller Handlungen bewegt hatte - bei gleichzeitigem Verlust erzählerischer Qualitäten. Der Verweis auf Guy de Maupassant ist hier nur noch Marketing, denn außer den weiblichen Vornamen und der für ihre Nichten sorgenden Tante blieb nichts mehr von der 1886 erschienenen Romanvorlage „Le cousine de collonelle“ übrig.

Doch vor der Verehelichung bedarf es noch des Urteils der Frau Oberst...
Dietrichs Drehbuch zur 68er Version hatte sich noch an Maupassant orientiert (siehe meine Analyse zu „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968)), sein aktualisiertes Drehbuch basierte dagegen nur noch auf den damals schon gegenüber dem Roman vorgenommenen Änderungen. Sowohl die verjüngte, sexuell aktive Frau Oberst als auch deren promiskuitive Nichten kommen in Maupassants Roman nicht vor. Der französische Autor beschrieb sensibel die ersten erotischen Erfahrungen der beiden Schwestern innerhalb einer stark von Etiketten geprägten Gesellschaft. Ihre homoerotische Sexualität, die für Dietrich jeweils zum Auslöser seiner Filmhandlung wurde, findet erst zu Beginn des zweiten Teils statt, nachdem ihre Beziehungen zu ihren jeweils ersten Männern aus unterschiedlichen Gründen endeten. Maupassant begegnete ihrer lesbischen Liebe mit Sympathie, während Dietrich – ganz der Moral von 1968 verpflichtet – ihre empört reagierende Tante dazwischen gehen ließ.

...die auch gerne mit der Marquise (France Lomay) anbändelt
Wer nun glaubt, 1980 hätte sich dieses Ansinnen angesichts der inzwischen eingetretenen sexuellen Freizügigkeit geändert, irrt. Sex zwischen Frauen ist in „Die Nichten der Frau Oberst“ zwar an der Tagesordnung, aber nur zum voyeuristischen Vergnügen männlicher Zuschauer. Deren Selbstverständnis wird gar nicht erst in Frage gestellt, denn auch die bisher ausschließlich weiblichen Sinnenfreuden zugetane Marquise (France Lomay) wird am Ende von einem Mann „bekehrt“ – in dieser Hinsicht hatte sich bis 1980 nichts bewegt, blieb auch die zweite Nichten-Verfilmung im Vergleich zu Guy de Maupassants aus dem 19.Jahrhundert stammenden Roman rückständig.

"Die Nichten der Frau Oberst" Schweiz 1980, Regie: Erwin C.Dietrich, Drehbuch: Erwin C.Dietrich, Christine Lembach, Guy de Maupassant (Roman), Darsteller : Karine Gambier, Brigitte Lahaie, Pascale Vital, Eric Falk, Will Stoer, Mike Montana, France Lomay, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich: