Montag, 26. Oktober 2015

Die Nichten der Frau Oberst (1980) Erwin C.Dietrich

Inhalt: „Frau Oberst“ Yanne (Karine Gambier), junge Witwe eines Offiziers, sorgt sich um ihre hübschen Nichten Florentine (Pascale Vital) und Julia (Brigitte Lahaie), die sich mehr miteinander vergnügen als mit Männern. Dabei steht Stallknecht Erik (Eric Falk) immer zur Verfügung und Florentine wird heftig von Simon (Mike Montana) umworben, der sie heiraten möchte. Selbstverständlich will sich die Angebetete vorher von dessen Qualitäten als Liebhaber überzeugen.

Auch für Julia hat Frau Oberst schon einen geeigneten zukünftigen Ehemann im Blick, einen Maler, den sie zuerst selbst ausprobieren will. Als sie sich in seiner Nähe über einen Maiskolben hermacht, braucht er nicht lange, um sie mit etwas Geeigneterem zu beglücken, womit er seine Prüfung schon bestanden hat. Auch auf dem von ihr geleiteten Gutshof kommt Bewegung in die Beziehungs-Konstellationen, nur „Frau Oberst“ scheint ihr Witwendasein noch allein fristen zu müssen…


Das "Nichten" - Double von 1968 und 1980 wirkt angesichts der selben Hintermänner Erwin C.Dietrich, Peter und Walter Baumgartner, sowie der Romanvorlage von Guy de Maupassant wie Original und Remake - oder wie der zweite Versuch, die Kuh nochmal zu melken. Eine oberflächliche Betrachtungsweise, denn die beiden Versionen stehen für den Anfang und das Ende der Karriere von Erwin C.Dietrich als Regisseur und mit Abstrichen auch als Drehbuchautor und Produzent. 

Und damit des Mannes, der den deutschsprachigen Sex-Film nicht nur prägte, sondern mehr als jeder Andere über die gesamte Phase von Mitte der 60er Jahre bis zu den frühen 80er Jahren intensiv begleitete - und damit alle Bewegungen des jungen, unmittelbar auf die soziokulturellen Veränderungen reagierenden Genres miterlebte. Der Vergleich beider Versionen gibt dank der ähnlichen Voraussetzungen einen Einblick in dessen rasante Entwicklung vom Aufstieg bis zum einsetzenden Niedergang.


Erbost unterbricht "Frau Oberst" (Karine Gambier) ..
Seit "Die Nichten der Frau Oberst" 1968 zum Publikumsrenner geworden waren, hatte es Erwin C.Dietrich wiederholt verstanden, Erfolgsformeln am Kinomarkt zu nutzen. "Mein Bett ist meine Burg" nannte sich der 1969 erschienene 2.Teil über die Nichten, in dem er zuvor nicht genutzte Szenen verarbeitete, und mit "Weiße Haut auf schwarzem Markt" (1969) sowie "Schwarzer Nerz auf zarter Haut" (1970) setzte er auf die Erinnerung des Publikums an seine frühe Produktion "Schwarzer Markt der Liebe" (1966). Zu einem Zeitpunkt, als Pornografie in Deutschland noch nicht legalisiert war, wandelte Dietrich die US-Porno-Filme "The devil in Miss Jones" und "Whatever happened to Miss September?" von 1973 in eine Softcore-Variante für den deutschen Markt. Obwohl beide Filme kaum Parallelen zu ihren berühmt-berüchtigten Vorbildern aufwiesen, spielten deren Titel "Der Teufel in Miss Jonas" (1974) und "Was geschah wirklich mit Miss Jonas?" (1974) unmissverständlich darauf an. Und liefen ebenso erfolgreich in den Kinos wie Dietrichs diverse Mädchen-Filme, die es von "Mädchen mit offenen Lippen" (1972) bis "Mädchen im Nachtverkehr" (1976) auf acht Ausgaben brachten.

...die Vergnügungen ihrer Nichten 
Von 1979 bis 1983 folgten noch drei Filme über "Sechs Schwedinnen". Was läge da näher, als auch den 1980 gedrehten "Die Nichten der Frau Oberst" in diese Reihe einzuordnen? - Eine Betrachtungsweise, die auslässt, dass Dietrich zwar gerne mit ähnlich klingenden Titeln jonglierte, keinen Film aber konkret wiederholte. Zudem gelten 12 Jahre im Film-Business als großer zeitlicher Abstand, um sich an einen früheren Erfolg anzuhängen, im noch jungen Erotik-Genre umfassten sie eine ganze Epoche. Entsprechend stehen die beiden "Nichten" - Filme für nicht weniger als für den Anfang und das Ende einer Phase in Deutschland, die ausgehend von der Liberalisierung der 60er Jahre einen Boom erlebte, der ab der Legalisierung der Pornografie Mitte der 70er wieder abebbte und in den frühen 80er Jahren ausklang. Die 68er Verfilmung des Guy de Maupassant-Romans sorgte dank des großen Publikumszuspruchs für die notwendige Akzeptanz am deutschen Kino-Markt und die 80er Variante gehörte zu den letzten Softcore-Filmen unter Dietrich, dessen Karriere als Regisseur größtenteils zwischen diesen beiden Fixpunkten stattfand.

Julia (Brigitte Lahaie) und Florentine (Pascale Vital) begeben sich auf die Suche...
Die Unterscheidung Soft-/Hardcore ist eine Erfindung der späten 70er Jahre, denn als der erste "Nichten"-Film herauskam, konnte von Hardcore noch keine Rede sein. Mitte der 70er Jahre hatte auch Dietrich mit zwei Fassungen seiner Filme experimentiert, war aber während der Zusammenarbeit mit Jesùs Franco (siehe "Die 70er Jahre Erotik-Connection") wieder von den expliziten Darstellungen abgekommen und pflegte in seinen letzten Regie-Arbeiten eine rein auf das weibliche Geschlecht konzentrierte Sichtweise, die nur sanft die Grenze zur Pornografie streifte. Geschlechtsakt und männliche Attribute wurden nur angedeutet, während die dem Hardcore-Bereich entstammende Riege attraktiver Darstellerinnen unverkrampft vor der Kamera agierte. Allen voran Brigitte Lahaie, die in Dietrichs letzten Filmen zu seiner festen Größe wurde.

...nach Männern, doch die Dorfjugend erkennt ihre Chancen nicht
"Die Nichten der Frau Oberst" wirkt aus heutiger Sicht wie ein letzter Versuch, das nicht explizite erotische Genre noch über die Zeit zu retten. Dietrich kombinierte ausgiebige Nacktdarstellungen mit langen Einblendungen des historischen Anwesens und der landschaftlichen Umgebung, die Story selbst auf ein Minimum reduzierend. Damit befand er sich auf der Höhe der Zeit, denn auch der Hardcore-Film hatte die Hochphase des Story-Tellings schon überschritten, mit dem er in den 70er Jahren versuchte, explizite Darstellungen mit einer schlüssigen Handlung zu verbinden, um die Akzeptanz beim bürgerlichen Publikum zu erhöhen. Mit dem beginnenden Siegeszug des Videos und dem gleichzeitigen Sterben der großen Pornofilm-Kinos verschwand diese Absicht zunehmend zugunsten möglichst umfangreicher Darstellungen sexueller Interaktionen.

Da sind Simon (Mike Montana) und...
In Dietrichs Film halten sich die Damen entsprechend kaum mit hochgeschlossener Kleidung auf, sondern tragen nur das nötigste, dessen sie sich möglichst schnell entledigen können. Selbst beim Reiten ist Florentine-Darstellerin Pascale Vital fast nackt, überwindet bemerkenswert gut den Hindernis-Parcours und springt auch mit Stöckelschuhen elegant vom Pferd. In der Inszenierung der attraktiven Frauen liegt die Stärke des Films, gewohnt gekonnt von Kameramann Peter Baumgartner umgesetzt und mit Walter Baumgartners Filmmusik unterlegt, dem eine eingängige, die luftige Liebeswelt auf dem Land betonende Melodie gelang. Leider auch die einzigen Vorzüge eines Films, der sich in seiner 90minütigen Laufzeit zunehmend wiederholt, in dem er die Damen und größtenteils aus Bediensteten bestehenden Herren nach immer gleichem Muster in allen Variationen kombinierte.

...Erik (Eric Falk) von anderem Kaliber
Dass die 80er Variante moderner wirkt als der 68er Erstling scheint zwingend, liegt aber nicht nur an den ausgiebigeren Nacktaufnahmen, sondern dass sich seitdem nicht mehr viel im Softcore-Genre getan hat. Der reine Erotik-Film spielt in der deutschen Kinolandschaft seit den frühen 80er Jahren keine Rolle mehr. „Die Nichten der Frau Oberst“ markierten schon das Ende einer Entwicklung, die sich rasant von den stark reglementierten Filmen der 60er Jahre über die Report-Filme und krachledernen Sex-Komödien bis zur selbstzweckhaften Darstellung sexueller Handlungen bewegt hatte - bei gleichzeitigem Verlust erzählerischer Qualitäten. Der Verweis auf Guy de Maupassant ist hier nur noch Marketing, denn außer den weiblichen Vornamen und der für ihre Nichten sorgenden Tante blieb nichts mehr von der 1886 erschienenen Romanvorlage „Le cousine de collonelle“ übrig.

Doch vor der Verehelichung bedarf es noch des Urteils der Frau Oberst...
Dietrichs Drehbuch zur 68er Version hatte sich noch an Maupassant orientiert (siehe meine Analyse zu „Die Nichten der Frau Oberst“ (1968)), sein aktualisiertes Drehbuch basierte dagegen nur noch auf den damals schon gegenüber dem Roman vorgenommenen Änderungen. Sowohl die verjüngte, sexuell aktive Frau Oberst als auch deren promiskuitive Nichten kommen in Maupassants Roman nicht vor. Der französische Autor beschrieb sensibel die ersten erotischen Erfahrungen der beiden Schwestern innerhalb einer stark von Etiketten geprägten Gesellschaft. Ihre homoerotische Sexualität, die für Dietrich jeweils zum Auslöser seiner Filmhandlung wurde, findet erst zu Beginn des zweiten Teils statt, nachdem ihre Beziehungen zu ihren jeweils ersten Männern aus unterschiedlichen Gründen endeten. Maupassant begegnete ihrer lesbischen Liebe mit Sympathie, während Dietrich – ganz der Moral von 1968 verpflichtet – ihre empört reagierende Tante dazwischen gehen ließ.

...die auch gerne mit der Marquise (France Lomay) anbändelt
Wer nun glaubt, 1980 hätte sich dieses Ansinnen angesichts der inzwischen eingetretenen sexuellen Freizügigkeit geändert, irrt. Sex zwischen Frauen ist in „Die Nichten der Frau Oberst“ zwar an der Tagesordnung, aber nur zum voyeuristischen Vergnügen männlicher Zuschauer. Deren Selbstverständnis wird gar nicht erst in Frage gestellt, denn auch die bisher ausschließlich weiblichen Sinnenfreuden zugetane Marquise (France Lomay) wird am Ende von einem Mann „bekehrt“ – in dieser Hinsicht hatte sich bis 1980 nichts bewegt, blieb auch die zweite Nichten-Verfilmung im Vergleich zu Guy de Maupassants aus dem 19.Jahrhundert stammenden Roman rückständig.

"Die Nichten der Frau Oberst" Schweiz 1980, Regie: Erwin C.Dietrich, Drehbuch: Erwin C.Dietrich, Christine Lembach, Guy de Maupassant (Roman), Darsteller : Karine Gambier, Brigitte Lahaie, Pascale Vital, Eric Falk, Will Stoer, Mike Montana, France Lomay, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

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