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Freitag, 8. Juli 2016

Die Fastnachtsbeichte (1960) William Dieterle

Inhalt: 1913 – Mainz am Fastnachtssamstag. Ein Soldat (Rainer Brandt) schwankt auf den Beichtstuhl des Dom-Probst Canon Henrici (Friedrich Domin) zu, bricht aber nach wenigen Worten zusammen. Henrici lässt ihn in die Sakristei bringen und ruft einen Arzt, der aber nur noch den Tod des Mannes feststellen kann. Ihm fällt zudem auf, dass er trotz seiner Uniform kein Soldat sein kann – sein Haarschnitt entspräche nicht den Vorschriften.



Gleichzeitig erreicht Viola (Gitty Djamal) die Villa ihres Onkels Panezza (Hans Söhnker). Sie gehört zum italienischen Zweig der Familie und war seit ihrer Kindheit nicht mehr in Mainz, wird von ihrem Cousin Jeanmarie (Christian Wolff) aber sofort erkannt. Sie reagiert dagegen überrascht auf ihn, was sie mit ihrer langen Abwesenheit entschuldigt. Trotzdem gerät ihre Ankunft etwas ins Hintertreffen, denn die allgemeine Aufregung gehört ihrem Onkel, der in diesem Jahr gemeinsam mit der jungen Katharina (Helga Tölle) das Prinzenpaar bildet. Dass sich ihre Beziehung nicht allein auf den Karneval beschränkt, ahnt scheinbar Niemand…


In Erinnerung an Götz George, mit 77 Jahren gestorben am 19.06.2016

Dass zu Götz Georges Tod sofort an seine Rolle als Tatort-Kommissar Schimanski erinnert wird, ist naheliegend, lässt aber vergessen, dass er schon mehr als 25 Jahre vor "Duisburg - Ruhrort" (1981) als Schauspieler aktiv war, erst in den 60er Jahren dank der "Karl May"-Filme zum Kinostar aufstieg, um in den 70er Jahren zunehmend Fernseh-Präsenz zu zeigen. Neben vielen populären Rollen galt sein Augenmerk immer auch engagierten, in ihrer Entstehungszeit provokanten Werken wie den Staudte-Filmen "Kirmes" (1960) und "Herrenpartie" (1964). Auch "Die Fastnachtsbeichte" nach einer Novelle von Carl Zuckmayer gehörte in diese Kategorie, auch wenn der Verfilmung die Reputation als gesellschaftskritisches Werk damals nicht zugestanden wurde - aus heutiger Sicht eher eine Auszeichnung. 

Die in meinem Text aufgeführten Hintergrundinformationen, mehr aber noch die vergleichenden Überlegungen zur Literaturvorlage Zuckmayers verdanke ich der sehr ausführlichen Analyse eines Vortrags von 1996 aus Anlass der Nähe des Films zur Stadt Mainz. Nachzulesen auf der Web-Seite "Mainz-Minas" mit einer Fülle weiterer Informationen zum Film und dessen Entstehung. 


"Leider erliegt Götz George – wie schon in "Kirmes" – dem Trugschluss, asthmatisches Sprechen wirke schon bei einem Anfang-Zwanziger sehr eindrucksvoll." 

Was genau der Kritiker des "Film-Echo" gehört haben will, bleibt sein persönliches Geheimnis. Götz Georges Stimme klingt in "Die Fastnachtsbeichte" schon genauso vertraut wie mehr als 20 Jahre später in seiner bekanntesten Rolle als "Tatort" - Kommissar Schimanski - zwar ruhiger, scheinbar braver, aber selbstbestimmt und konsequent. Wie im erwähnten "Kirmes" (1960) spielte George auch hier einen jungen Soldaten, dessen äußerliche Angepasstheit nicht über seinen freien Willen hinwegtäuschen sollte. In "Kirmes" desertiert er kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, in "Die Fastnachtsbeichte" geht er 1913 - der 1.Weltkrieg steht kurz bevor - eine Beziehung mit der Prostituierten Rosa (Ursula Heyer) ein. Sein Verstoß gegen die bürgerlichen Regeln erwächst nicht aus Widerstandsgeist oder intellektueller Überzeugung. Er reagiert einzig aus dem Bauch heraus und steht in seiner monolithischen Ausstrahlung in Opposition zu einem Bürgertum, dessen Verlogenheit sich hinter einer Fassade aus Anstand und Moral versteckt. 

„Die lasche, auf Seelen- und Kostümpomp bedachte Regie des Hollywood-Spätheimkehrers William (Wilhelm) Dieterle vermochte der literarischen Vorlage nicht mehr abzugewinnen als matten Kino-Schwulst.“ („Der Spiegel“, 1960)

Wurde dem damals 22jährigen George in seinem schon siebten Kinofilm insgesamt eine gute Leistung bescheinigt – wenn auch mit Respektabstand zu den erfahrenen Darstellern Hans Söhnker, Friedrich Domin und Berta Drews, Götz Georges leibliche Mutter – kam die Inszenierung des Films schlechter weg. "Die Fastnachtsbeichte" wurde nicht nur Dieterles letzter deutschsprachiger Kinofilm, bevor er sich fast ausschließlich dem Fernsehen zuwandte, vermutet wurde zudem, dass ihn nach dem Misserfolg des Abenteuerfilm-Zweiteilers „Die Herrin der Welt“ (1960) vor allem wirtschaftliche Gründe bewogen, die Regie bei der Zuckmayer-Verfilmung zu übernehmen. „Zuckmayer“ ist auch das entscheidende Stichwort, denn Film-Umsetzungen zeitgenössischer Literatur hatten grundsätzlich einen schweren Stand beim Feuilleton – mit Vorliebe wurde die gesellschaftskritische Relevanz an der Vorlage gemessen.

Dabei hatte Carl Zuckmayer seinen Willen zur Verfilmung der im Jahr zuvor herausgegebenen Novelle deutlich zu verstehen gegeben und Drehbuchautor Kurt Heuser hatte sich eng an dessen Text gehalten. Es fehlen im Film nur wenige Figuren und Dialoge, entscheidend für die Intention der Story waren diese nicht. Das gilt auch für den Beginn, der sich wenig Mühe gibt, die Charaktere und ihre Motive näher zu erklären. Eine von Carl Zuckmayer gewollte Nebeneinanderstellung paralleler Geschehnisse, die in seiner Novelle dank der ausführlichen Beschreibung des Mainzer Lokalkolorits während der alljährlichen Fastnachtsfeierlichkeiten zwar weniger abrupt wirken als im Film, trotzdem aber den Einstieg erschweren. Der tödliche Zusammenbruch eines unbekannten Soldaten im Beichtstuhl des Dom-Probst (Friedrich Domin), die Ankunft von Viola (Gitty Djamal), einer jungen Italienerin, im Haus ihres wohlhabenden Onkels Panezza (Hans Söhnker) in Mainz oder die allgemeine Aufregung um dessen bevorstehenden Auftritt als Karnevalsprinz an der Seite der viel jüngeren Katharina (Helga Tölle) scheinen in keinem Zusammenhang zu stehen.

Die Einführung weiterer Haupt- und Nebenfiguren steigert noch die Verwirrung. Warum reagierte Viola so merkwürdig auf ihren Cousin Jeanmarie (Christian Wolff), der die hübsche junge Frau, die er seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte, mehr als freundlich begrüßte? – Welche Rolle spielt die ältliche Frau Bäumler (Bertha Drews) in Panezzas Haushalt und warum hasst sie ihren Sohn Clemens (Götz George)? – Dieser gerät zunehmend in den Strudel der Ereignisse. Madame Guttier (Hilde Hildebrandt) findet ihn betrunken in den Armen einer jungen Prostituierten. Als sie versucht ihn aufzuwecken, bezeichnet er sich als tot und schmeißt mit Geld nur so um sich. Auch eine Waffe fällt aus seiner Rocktasche, weshalb die Bordellbesitzerin die Polizei ruft. Clemens wird von der Polizei festgenommen und als es sich herausstellt, dass es sich bei dem Toten um seinen Bruder Ferdinand (Rainer Brandt) handelt, gerät er in Mordverdacht. Seine eigene Mutter beschuldigt ihn lauthals, ihr den geliebten Sohn aus Neid und Eifersucht genommen zu haben.

Diese Ausgangssituation und die langsame Aufklärung der tatsächlichen Zusammenhänge mithilfe von Rückblenden brachten der „Fastnachtsbeichte“ den Ruf einer Kriminalgeschichte ein. Für Zuckmayer nur der Rahmen eines doppelbödigen Spiels. Der Karneval mit seinen Maskeraden und Momenten moralischer Freiheit bildete den idealen Hintergrund für die Diskrepanz von Schein und Sein, ließ die heimlichen Sehnsüchte der Protagonisten ebenso erkennen, wie ihre Unfähigkeit sie auszuleben. Dass Selbstbetrug und Vortäuschung äußerlicher Moral tödliche Abläufe in Gang setzen, gehört heute zum Standard-Repertoire des Kriminalfilms. Die wenig spektakuläre Aufklärung des Mordes interessierte den Autor in diesem Zusammenhang aber nur am Rande, mehr lag sein Augenmerk auf der brüchigen Fassade einer bürgerlichen Gesellschaft am Vorabend des 1. Weltkriegs. Und das er seine 1959 herausgebrachte Novelle in diese Zeit versetzte lässt sich nur als Kommentar auf eine Gegenwart verstehen, deren prinzipiellen Mechanismen sich nicht verändert hatten.

Auch William Dieterles Film ist diese Nähe zur Gegenwart von 1960 anzumerken. Vielleicht nicht beabsichtigt, aber dank der zeitgenössischen Stadtbilder von Mainz und der Integrierung dokumentarischer Aufnahmen vom Rosenmontagszug der 50er Jahre, erzeugt „Die Fastnachtsbeichte“ trotz seiner authentischen Ausstattung nicht den Eindruck einer weit zurückliegenden, abgeschlossenen Historie – möglicherweise fehlte dem „Spiegel“-Kritiker, der den Film als „Kostümpomp“ verurteilte, noch der notwendige zeitliche Abstand für diese Sichtweise. Trotzdem ist die Kritik an der mangelnden Relevanz der Verfilmung nicht ungerechtfertigt. Bis auf Berta Drews als hasserfüllte Mutter loteten die Charaktere nur selten die menschlichen Abgründe aus. Hans Söhnker in der Rolle des Familienoberhaupts Panezza und die schöne Viola blieben menschlich nachvollziehbar, Jeanmaries im Film abgeschwächte Position zwischen zwei Frauen entsprach Christian Wolffs damaligem Typus als anständiger Vertreter der deutschen Nachkriegsjugend, Friedrich Domin gab einen so souveränen, wie toleranten Probst und Götz George wurde zum Sympathieträger. 

Doch diese Figuren-Konstellation täuscht über die Brisanz hinweg, die ihr Verhalten Ende der 50er Jahre noch auslöste. Auch Zuckmayers Theaterstücke und Erzählungen waren in ihrer Gesellschaftskritik eher unterschwellig und verdankten ihre Popularität nicht zuletzt ihrem hohen Unterhaltungswert. Den besitzt auch Dieterles Verfilmung, die nach ihrem sperrigen Beginn zunehmend zu fesseln vermag. Eine generelle Kritik an der Bürgerschicht ließ sich daraus zwar nur schwer herauszufiltern, aber die Sympathien gehörten eindeutig den gegen die Norm verstoßenden Protagonisten. 

"Die Fastnachtsbeichte" Deutschland 1960, Regie: William Dieterle, Drehbuch: Kurt Heuser, Carl Zuckmayer (Novelle), Darsteller : Hans Söhnker, Gitty Djamal, Götz George, Christian Wolff, Berta Drews, Grit Boettcher, Friedrich Domin, Rainer Brandt, Hilde Hildebrandt, Wolfgang Völz, Harry Engel, Laufzeit : 96 Minuten

Montag, 10. August 2015

Einer von uns beiden (1973) Wolfgang Petersen

Inhalt: Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) lebt in einem kleinen Zimmer in einer Hinterhauswohnung in Kreuzberg zur Untermiete. Mehr kann sich der gescheiterte Student nicht leisten, der vergeblich versucht, einen Verlag für sein Buch zu finden. Als er einen kleinen Recherche-Job übernimmt, entdeckt er zufällig, dass der renommierte Universitäts-Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit nicht selbst geschrieben, sondern einen englischen Text ins Deutsche übersetzt hatte. Er meldet sich in dessen Uni-Büro an und konfrontiert ihn mit dieser Tatsache. Für sein Stillschweigen verlangt er 10000 Mark und weitere monatliche Zahlungen.

Erste Begegnung: Professor und Ex-Student
Kolczyk zahlt, macht aber kein Geheimnis daraus, dass er sich das nicht dauerhaft gefallen lassen wird. Ziegenhals, der sein Geld in ein Auto steckt und in eine bessere Gegend umzieht, unterschätzt den Professor, der beginnt, in seinem Privatleben nachzuforschen. Dabei lernt er auch Miezi (Elke Sommer) kennen, eine Prostituierte, die in Kreuzberg bis vor kurzem mit Ziegenhals in einer Wohnung lebte. Doch bevor sich Kolczyk erneut mit ihr treffen kann, wird Mieze ermordet aufgefunden, weshalb wenig später ein Inspektor (Peter Schiff) der Berliner Polizei vor seiner Tür steht, der seinen Namen in ihrem Kalender fand. Auch für Ziegenhals interessiert sich der Inspektor, der erstaunt die hohe Zahlung des Professors an den jungen Mann registriert…


Bernd Ziegenhals (Jürgen Prochnow) ist wütend, sehr wütend. Erneut erhielt er sein Buch-Manuskript zurück, Absage inclusive. Obwohl er sein geisteswissenschaftliches Studium an der Freien Universität geschmissen hat, sind nur die Anderen an seiner Misere schuld - als Untermieter von Opa Melzer (Walter Gross) wohnt er in einem heruntergekommenen Altbau in Kreuzberg, gemeinsam mit Miezi (Elke Sommer), die hier anschaffen geht. Die Hochphase der 68er Studentenproteste an der FU lag nur wenige Jahre zurück, als Horst Bosetzkys unter dem Kürzel -ky seinen ersten Kriminalroman herausbrachte, den Regisseur Wolfgang Petersen wiederum als Grundlage für seinen ersten Kinofilm nahm - nur ist von einer klassenkämpferischen Attitüde hier nichts mehr zu merken.

Ziegenhals (Jürgen Prochnow) mit der Professoren-Tochter (Kristina Nel)
Dabei ist Bernd Ziegenhals der Idealtypus eines studentischen Bürgerschrecks, wie er Anfang der 70er Jahre noch provozierte - längere Haare, saloppe Kleidung, keinen Job und ein entspanntes Verhältnis gegenüber Kriminellen. Als er bei einem Quellenstudium zufällig feststellt, dass der bekannte Professor Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) seine Doktorarbeit komplett abgeschrieben hatte - er hatte eine us-amerikanische Arbeit einfach ins Deutsche übertragen - bedarf es keiner großen Überwindung, ihn zu erpressen. Schuldgefühle gegenüber dem Professor entwickeln sich auch nicht im weiteren Verlauf der Story. Im Gegenteil nimmt er sich nur das, was ihm aus seiner Sicht zusteht. Mit Umverteilung von oben nach unten oder der Demaskierung einer betrügerischen Elite hat das nichts zu tun - von seinem erpressten Geld kauft sich Ziegenhals zuerst einen Mercedes und zieht ins gutbürgerliche Zehlendorf.

Zuhälter Prötzel (Claus Theo Gärtner) macht Miezi (Elke Sommer) Ärger
Dass es in Bosetzkys Kriminalroman auch einen Mord gibt, erhöht nur die Dynamik in einem Duell auf Augenhöhe, dessen Ausgang bis zuletzt offen bleibt. Darüber hinaus spielt er nur eine geringe Rolle. Claus Theo Gärtner gab den Zuhälter so schmierig, dass dessen Schuld an Miezis Tod kaum in Zweifel steht – zumindest im Kiez. Peter Schiff als ermittelnder Inspektor interessiert sich dagegen mehr für Ziegenhals und Kolczyk, die Beide Miezi kannten – und stört damit ihre zuerst noch austarierte Konstellation. Es ist Jürgen Prochnows überzeugendem Spiel zu verdanken, dass der Erpresser Bernd Ziegenhals nicht unsympathisch herüber kommt. Ihm gelang die Schere zwischen lässigen Umgangsformen und intellektuellem Selbstverständnis, die sowohl seine Beliebtheit bei seinem Vermieter und den Kleinkriminellen im Kreuzberger Kiez, als auch seinen späteren Erfolg bei Ginny (Kristina Nel), der Tochter des Professors, glaubwürdig werden ließ.

Kolczyk (Klaus Schwarzkopf) im Kreis seiner Familie
Zu verdanken ist dieser Eindruck nicht zuletzt seinem Gegenspieler, Professor Kolczyk, der schon bei der ersten Geldübergabe betont, dass nur „Einer von uns beiden“ am Ende übrig bleiben wird. Zunehmend geht er fanatischer vor, um seine gehobene gesellschaftliche Position zu verteidigen. Auf diese Weise verschob Petersen die Sympathien langsam in Richtung des verkrachten Studenten und damit entgegen der damaligen Erwartungshaltung, die er allein schon durch die Besetzung der beiden Hauptrollen erzeugte. Während Klaus Schwarzkopf seit Jahren zu den beliebtesten TV-Darstellern gehörte – seine Verkörperung des „Tatort“ - Kommissars Finke zählt heute noch zu den herausragenden Leistungen des Genres – war Prochnow ein Newcomer, der zwar faszinierte, aber anti-bürgerliche Typen spielte. In der „Tatort“ – Folge „Jagdrevier“ (1973) hatte er erstmals gemeinsam mit Schwarzkopf unter Wolfgang Petersens Regie vor der Kamera gestanden - als aus dem Gefängnis geflohener Mörder, dessen Fall sich ebenfalls weniger eindeutig entwickelte als es zuerst schien.

Der Inspektor (Peter Schiff)
Mehr als dass Prochnow in seiner Rolle an Sympathie gewann, überraschte Klaus Schwarzkopfs Dekonstruktion eines hoch angesehenen Bürgers. Dazu trugen auch die stimmigen Nebenfiguren bei. Während Ziegenhals im Umgang mit den Menschen seiner Umgebung fair bleibt, kann sich Kolczyk nicht einmal mehr auf seine Frau (Ulla Jacobsson) einlassen, die versucht, ihm die Angst vor dem Ansehensverlust zu nehmen. Als sich Ziegenhals ernsthaft in die Tochter des Professors verliebt, neigt sich die Waagschale endgültig in Richtung des Erpressers. Ursache und Wirkung geraten in Vergessenheit, Ziegenhals‘ Verfehlungen wirken angesichts der kriminellen Energie des Professors als lässliche Sünde.

Treffen an der Mauer mit zwei Mercedes
„Einer von uns beiden“ kommt ohne konkret formulierte Gesellschaftskritik aus, zeitgenössische Aspekte scheinen angesichts eines rein um Besitz und Ansehen geführten Duells nebensächlich. Doch das täuscht. Geschickt spielte Petersen mit bürgerlichen und anti-bürgerlichen Klischees, manipulierte Erwartungshaltungen und Gerechtigkeitsempfinden vor der Kulisse einer Stadt im Umbruch. West-Berlin gibt ein unfertiges Bild ab, bestehend aus staubigen Straßen inmitten sanierungsbedürftiger Altbauten, kleinbürgerlichen Villen-Siedlungen, Betonplätzen entlang der Mauer und hohen Stahlbetonskelettneubauten. Eine Stadt, auf der Suche nach einer eigenen Identität – und damit das Abbild einer Gesellschaft im Wandel.

Schöne Neubauwelt in Gropiusstadt
Als Bernd Ziegenhals dem Professor auf der Baustelle eines Hochhausblocks in der Gropiusstadt voller Stolz erklärt, wo in seiner zukünftigen Wohnung die Essecke und der Fernseher stehen wird, ist er endgültig zum Spießer mutiert, ist nichts von seiner unangepassten Attitüde mehr übrig geblieben. Kolczyk hingegen, angesehenes Mitglied der Gesellschaft, hat jede bürgerliche Moral hinter sich gelassen und ist nur noch an seiner Rache interessiert. Sie haben ihre Identitäten getauscht – gesellschaftskritischer in seiner zynischen Konsequenz konnte das Ende nicht sein. 

"Einer von uns beiden" Deutschland 1973, Regie: Wolfgang Petersen, Drehbuch: Manfred Purzer, Hans Otto Besetzky (Roman), Darsteller : Klaus Schwarzkopf, Jürgen Prochnow, Elke Sommer, Berta Drews, Otto Sander, Ulla Jacobsson, Walter Gross, Christina Nel, Peter Schiff, Claus Theo Gärtner, Anita KupschLaufzeit : 101 Minuten

Freitag, 23. Januar 2015

Schleppzug M 17 (1933) Heinrich George, Werner Hochbaum

Inhalt: Bevor Henner (Heinrich George) mit seinem Schleppkahn in Richtung Berlin aufbricht, nimmt er Jakob (Wilfried Seyferth) an Bord, einen jungen Mann, der vor seinem prügelnden Vater geflüchtet ist. Jakob soll mit auf dem Schiff anpacken, aber auch seine Frau Marie (Berta Drews) und der kleine Sohn Franz (Joachim Streubel) freuen sich über den neuen Passagier, der in der kleinen Familie willkommen geheißen wird. Schon bald zeigen sich die Vorboten der Großstadt, werden die Bauten entlang der Flüsse dichter bis Henner das Zentrum Berlins erreicht – für ihn ein willkommener Ort der Abwechslung, den er nicht ohne Stolz seiner Familie und Jakob präsentiert.

Doch bevor er am kommenden Tag mit seiner Arbeit beginnen kann, wird er nachts zufällig Zeuge, wie zwei Männer und eine Frau entlang des Kais vor der Polizei flüchten. Henner sieht, dass die junge Frau von den zwei Männern im Stich gelassen wird, die ohne sie mit einem Motorboot davon fahren, und versteckt sie spontan vor den Polizisten. Mit einem Kuss bedankt sich Gescha (Betty Amann) bei ihm – ein Moment, den er nicht mehr vergessen kann. Am nächsten Tag begibt er sich in die Kneipen in der Hoffnung, sie wiederzusehen…


Angesichts der Urgewalt, die Heinrich George mit seiner massigen, dennoch beweglichen Gestalt ausstrahlt, scheint Schwäche nicht zu existieren. Er ist der selbstverständliche Souverän, jeder Situation gewachsen. Doch dieses Mannsbild eines Binnenschiffers, das George in "Schleppzug M17" verkörperte, täuscht. Sein breiter, das Bild einnehmender Rücken verbirgt seine innere Leere und Unzufriedenheit, die ein nur nach außen hin funktionierendes Dasein mit Ehefrau, Kind und eigenem Schiff kaschiert. Allein die kurze Begegnung mit einer jungen Frau in Berlin, der er - von ihren zwei Ganoven-Freunden im Stich gelassen - bei der Flucht vor der Polizei hilft, genügt um jedes verantwortliche Verhalten außer Kraft zu setzen. Eine Parallele zu seiner Rolle in "Das Meer ruft" (1933), der knapp zwei Monate zuvor in die Kinos gekommen war. Erneut spielte George einen Mann, dessen Sehnsucht nach einem anderen Leben ihn dazu treibt, seine Familie im Stich zu lassen.

War dieser Wunsch eines Seemanns, der sich nur auf dem Meer zu Hause fühlt, noch verständlich und blieb sein ehrliches Bemühen um Frau und Kind trotzdem offensichtlich, fehlt in „Schleppzug M17“ jede romantische Verklärung. Nur einen Moment ähneln sich die Bilder, als George hinter dem Steuerrad seines Schleppkahns ein Lied zum Besten gibt, während die Landschaft an ihm vorbeizieht. Aber dieser Eindruck zu Beginn des Films hält nicht lange vor – schon bald säumen Industrieanlagen das Ufer, taucht das Schiff in den Bauch der Großstadt und begrenzen hohe Kai-Mauern die Wasserwege. Nur selten bleibt Zeit in der kleinen Kajüte, denn die Arbeit auf dem Schleppkahn ist hart und alle müssen mit anpacken. Dem kräftigen Henner (Heinrich George) steht mit Jakob (Wilfried Seyferth) ein junger Mann zur Seite, den er im letzten Hafen aufgenommen hatte, da dessen betrunkener Vater die Familie terrorisierte, aber seine Frau Marie (Berta Drews) scheint dem zehrenden Leben nicht gewachsen zu sein – immer wieder erwähnt Henner ihren kränklichen Zustand. Einzig sein kleiner Sohn Franz bereitet ihm offensichtlich Freude.

Für Henner sind sein Schiff und das Wasser weniger Zufluchtsort, als notwendige Arbeitsgrundlage. Das erklärt, warum dieser unumstößlich wirkende, mit seiner Ehefrau rau umgehende Binnenschiffer nach der ersten Begegnung mit der hübschen Gescha (Betty Amann) jede Kontrolle verliert. Anstatt auf seinem Schleppkahn zu arbeiten und sich um seine Familie zu kümmern, begibt sich Henner in ein Berlin dunkler Kneipen und Nachtbars, in dem die Menschen versuchen, sich irgendwie von ihrem Dasein abzulenken. Ein größerer Kontrast zu dem einfachen Leben auf dem Schleppkahn ist kaum vorstellbar, kulminierend in dem Unterschied zwischen der Ehefrau und dem Großstadtmädchen Gescha. Es ist nicht allein die stets präsente Sexualität, die Henner in den Bann zieht, sondern eine die alltäglichen Widrigkeiten negierende Lebenslust, die die Menschen in die Vergnügungstempel treibt. Anders als das allgegenwärtige Wasser in „Das Meer ruft“ spielt in „Schleppzug M17“ die Großstadt Berlin die Hauptrolle als gleichzeitiger Ort der Sehnsucht und der Gefahr.

Mit Willy Döll war ein Autor für das Drehbuch verantwortlich, der zuvor schon in dem Stummfilm „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) sein Händchen für das Berliner Lokal-Kolorit bewiesen hatte, aber darüber warum Heinrich George hier neben Werner Hochbaum das einzige Mal in seiner Karriere auch auf dem Regie-Stuhl Platz nahm, lässt sich nur spekulieren ?











„Schleppzug M17“ wurde ein in mehrerer Hinsicht gewagter Film. Nicht nur, dass er weder das Stadt-, noch das Flussleben idealisierte, auch in den Charakterisierungen vermied er jede Eindeutigkeit. Zwar setzt Gescha geschickt ihren weiblichen Charme ein und weiß den Schiffer um den Finger zu wickeln, aber dahinter steht nicht nur Kalkül. Sie ist eine Verlorene, der Henner mit seiner Stärke imponiert. Als er sie zum Schleppkahn trägt, wehrt sie sich nicht, obwohl es nur schwer vorstellbar ist, dass sie das Leben auf dem Kahn erträgt. Marie scheint dagegen die Idealbesetzung als tüchtige Ehefrau, agiert aber sehr passiv und leidend. Diese Ambivalenz findet sich in allen Protagonisten wieder - bis hin zu Jakob, der Gescha verabscheut, weil sie aus seiner Sicht das Familienleben zerstört, das für ihn gerade zu einem neuen Zuhause geworden war. Seine traumatischen Erfahrungen treiben ihn dazu, die junge Frau mit Gewalt von dem Boot zu vertreiben.

Entscheidend ist aber die von George gespielte Hauptfigur. Obwohl Henner seine Frau betrügt und sich der Illusion hingibt, Gescha gewinnen zu können, bewahrt er sich sogar in peinlichen Momenten seine Standfestigkeit. Brachial geht Henner seinen Weg zwischen Wunschtraum und Pragmatismus und verliert sich weder in schlechtem Gewissen, noch in Erklärungen. Ein einziges Mal nimmt er Frau und Kind mit ins Stadtzentrum, um sie nach nur wenigen Schritten zugunsten der lockenden Gescha allein zurückzulassen. Marie und ihr kleiner Sohn verlaufen sich in den Straßen, gelangen erst spät und verzweifelt zum Boot zurück, doch von Henner gibt es keine Entschuldigung. Als Identifikationsfigur taugt sein Charakter nicht, aber an seiner Kraft scheitern letztlich alle anderen.

Vielleicht übernahm George die Regie, weil er den Mut hatte, einen solchen Protagonisten in den Mittelpunkt zu stellen, denn der Film gleicht seiner Darstellung des Binnenschiffers – roh, ungeschlacht, stark kontrastierend und von intensiver Körperlichkeit zeichnet er das Bild einer Sozialisation zwischen Angst, Mühsal und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Im Wissen über die unmittelbar nach den Dreharbeiten eintretende Machtergreifung der NSDAP wirkt „Schleppzug M17“ wie der Vorbote eines finsteren Zeitalters, denn auch Henner übersteht die wenigen Tage in Berlin nicht unbeschadet – körperlich robust geht er seinen Weg weiter, aber seine innere Leere bleibt.

"Schleppzug M 17" Deutschland 1933, Regie: Heinrich George, Werner Hochbaum, Drehbuch: Willi Döll, Darsteller : Heinrich George, Berta Drews, Betty Amann, Wilfried Seyferth, Joachim StreubelLaufzeit : 80 Minuten

Lief am zweiten Tag des 14. Hofbauer-Kongress' vom 02. bis 06.01.2015 in Fürth.