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Montag, 12. Oktober 2015

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (1969) Rolf Olsen

Hannes (Curd Jürgens) kommt nach acht Jahren wieder frei
Inhalt: Der nächtliche Einbruch in eine Apotheke im Stadtteil St.Pauli endet tödlich für den Besitzer, aber von den Tätern, die ihre Beute an einen anonym bleibenden Kontaktmann weiter reichen, fehlt jede Spur. Das organisierte Verbrechen hat längst die Reeperbahn im Griff. Auch für Pit Pitter Pittjes (Heinz Reincke), der ein altmodisches Hippodrom betreibt, sind Schutzgelderpressungen Alltag, aber mehr noch hat er Probleme mit dem Gerichtsvollzieher, der ihm auch noch seine Pferde pfänden will. In Zeiten, in denen nur noch Sex zählt, hat sein Etablissement längst ausgedient.

Hannes und sein bester Freund Pitter (Heinz Reincke)
Währenddessen wird sein alter Freund Hannes (Curd Jürgens) nach acht Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Sein erster Weg führt ihn gezwungenermaßen zum Kommissariat, wo ihn Kriminalrat Norbert Krause (Konrad Georg) empfängt, um ihn davor zu warnen, das Gesetz in eigene Hände zu nehmen. Denn Hannes beteuert nach wie vor seine Unschuld und will beweisen, dass ein Anderer seine damalige Geliebte ermordet hat. Nur so hat er eine Chance, seinen Ruf wiederherzustellen und damit sein Kapitänspatent zurückzuerhalten. Doch nach acht Jahren hat sich die Welt draußen stark verändert…

Nach zwei St.Pauli-Filmen wagte sich Rolf Olsen 1969 an einen Klassiker: "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins"  von 1954 mit den großen Stars Hans Albers und Heinz Rühmann in den Hauptrollen. Damals eine gleichwertige Besetzung gewichtete Olsen seine freie Interpretation wieder in Richtung des erfahrenen Seemanns "Hannes" - eine idealtypische Rolle für seinen favorisierten Hauptdarsteller Curd Jürgens.

Offensichtlich hatten die Macher der DVD zu Olsens Film nur das Original gesehen. Anders ist der Hüllentext "Hannes ist bis vor kurzem zur See gefahren, doch die Wehmut verschlägt ihn zurück nach St.Pauli, wo er sich zur Ruhe setzen will" nicht zu verstehen, der exakt den Inhalt des 54er Films wiedergibt. Auch das Cover-Foto, dass zwei Sekunden vor dem Filmende aufgenommen wurde, zeugt von wenig Kenntnis über Olsens Film. Nichtsdestotrotz eine lohnenswerte Anschaffung.







Hannes trifft eine alte Bekannte (Birke Bruck)
Ein Jahr nach "Der Arzt von St.Pauli" (1968) holte sich Regisseur Rolf Olsen erneut Curd Jürgens ans Set, um mit ihm einen weiteren St.Pauli-Film zu drehen. Diesmal sollte der charismatische Schauspieler in besonders große Fußstapfen treten, denn Olsen plante ein Remake des 1954 erschienenen „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“. Darin hatte das Hamburger Urgestein Hans Albers die Rolle des „Hannes“ gespielt, seine eigene Rolle als „Singender Seemann“ aus dem Helmut-Käutner-Film „Große Freiheit Nr.7“ (1944) zitierend, der den titelgebenden Schlager berühmt gemacht hatte. Albers zur Seite stand Heinz Rühmann als sein bester Freund Pittes, bei Olsen eine Rolle für Heinz Reincke, der neben Curd Jürgens zur Stammbesetzung der St.Pauli-Filme zählte. Doch während die Rollen der Filmstars Rühmann und Albers in der 54er Version gleichwertig angelegt waren, stand Reincke erwartungsgemäß im Schatten von Curd Jürgens, auf den die gesamte Handlung zugeschnitten wurde.

Hannes und Pitter: singend durch die Nacht auf der Reeperbahn
Diese unterschiedliche Gewichtung lässt schon erkennen, dass Rolf Olsen das Remake sehr frei interpretierte. In den Credits seines Films tauchten die Autoren der 54er Version konsequenterweise nicht auf - verantwortlich für das Drehbuch war allein der Regisseur, der der Handlung seinen gewohnten „Sex and Crime“- Stempel aufdrückte. Zudem war Curd Jürgens anders als Hans Albers kein großer Sänger, sollte aber ein paar der klassischen Reeperbahn-Schlager intonieren, was Olsen in einer zentralen Szene unterbrachte: Hannes (Curd Jürgens) und Pit Pitter (Heinz Reincke) streifen eine Nacht lang über die Reeperbahn, immer ein Lied auf den Lippen. Eine Parallele zum Albers/Rühmann-Film, in dem die beiden Protagonisten ebenfalls mit einer gemeinsamen Nacht auf der Reeperbahn ihr Wiedersehen feierten, aber interessanter sind die Unterschiede, die viel über die soziokulturelle Entwicklung der BRD in den voraus gegangenen 15 Jahren aussagen.

Der Kriminalrat (Konrad Georg) warnt Hannes
Hannes Rückkehr nach acht Jahren ist hier nicht der Seefahrt geschuldet, sondern einer langjährigen Gefängnisstrafe, die der frühere Kapitän wegen des Mordes an seiner Geliebten ableisten musste. Entsprechend desillusioniert spielte Jürgens einen Mann, der seine Unschuld beweisen will, um seinen Ruf wieder herzustellen – die einzige Chance, sein Kapitänspatent wieder zurück zu erhalten. Im Gegensatz zum gut gelaunt vom Schiff kommenden Hans Albers wird der Hannes der späten 60er sogleich mit Schutzgelderpressung, Mord und den kriminellen Machenschaften des nach außen hin ehrenwert auftretenden Geschäftsmanns Lauritz (Fritz Tillmann) konfrontiert, dessen Ehefrau es war, die Hannes angeblich tötete. Gegenüber dem hier von Olsen entfalteten Moloch wirkt die aufgesetzte Kriminalhandlung des Originals wie Sozialromantik, auch wenn der Regisseur hinsichtlich der Gewaltdarstellungen im Vergleich zu seinem „Der Arzt von St.Pauli“ zurückhaltender blieb.

Schutzgelderpresser (Karl-Otto Alberty und Erik Schumann) bei Pitter
Die Rettung des verschuldeten und aus der Mode geratenen Reeperbahn-Etablissements von Freund Pit, die im Rühmann/Albers-Film noch im Mittelpunkt stand, spielte hier dagegen kaum noch eine Rolle. Zwar zitierte Olsen die Szenen mit den falschen Etiketten für den Billigwein und die Rettung der Dressurpferde vor dem Schlachthaus, aber an eine Zukunft mit neuer Einrichtung und modernem Show-Programm glaubte hier Niemand mehr. Um die Finanzierung dafür zu übernehmen, fehlte Hannes - anders als seinem potenten Vorgänger - auch schlicht das nötige Kleingeld. Während der 54er Film einen ungebremsten Optimismus ausstrahlte, der soziale Schranken und finanzielle Schwierigkeiten mühelos überwand, entfaltete Olsen einen pessimistischen Blick auf eine dekadente und egoistische Gesellschaft – und nutzte diesen Hintergrund wie in „Der Arzt von St.Pauli“ für den Kampf des Einzelgängers gegen alle Widrigkeiten.

Hannes ist von Antje (Jutta D'Arcy) begeistert
Die Reeperbahn gab dafür den so faszinierenden, wie verkommenen Handlungsort ab, während sie dem sonst braven Geschehen im 50er Jahre Original einen Hauch von Unmoral verlieh. Die damals gewagte Konstellation um Pits Tochter Antje (Jutta D’Arcy) wurde von Olsen konkreter und authentischer angepackt. Hannes ist ihr leiblicher Vater, erfuhr aber nie davon, da Pit seine schwangere Freundin während er auf See war heiratete, um das Kind zu legitimieren. Antjes Mutter war früh verstorben, aber anders als seinem Vorgänger Heinz Rühmann wurde Reincke keine Pseudo-Ehefrau zur Seite gestellt, die die hausfraulichen Pflichten erledigte, ohne dem liebenden Vater Emotionen abzuringen. Den Job übernahm hier Cousine Martha, gewohnt resolut von Heidi Kabel gespielt. Auch stand noch kein zukünftiger Schwiegersohn aus reichem Haus parat, sondern verliebt sich Antje in ihren eigenen, höchst charmanten Vater.

Gemeinsam auf Helgoland kommen sie sich näher
Da Pit sich nicht überwinden kann, seinem Freund die Wahrheit zu sagen, kommt es wie im Original zum gemeinsamen Ausflug von Antje und Hannes nach Helgoland. Nur ein Zufall verhindert, dass sie sich küssen. Ein Wagnis, dass der 50er Jahre Film nicht einging. Die Fahrt nach Helgoland diente im Original nur dem Zweck, der Tochter und ihrem Verehrer ein paar gemeinsame Stunden zu verschaffen, heimlich von Hannes am unwilligen Schwiegervater vorbei organisiert. Nur ein Missverständnis brachte Pit dazu, seinen Freund über seine Vaterschaft aufzuklären – bei Olsen ist er dazu gezwungen. Auch die Konsequenzen daraus sind im Nachfolger ehrlicher. Kein künstlich dramatisierter Konflikt trennt die Freunde, da Hannes Pits Beweggründe versteht.

Die feine Gesellschaft um Unternehmer Lauritz (Fritz Tillmann)
Die Souveränität des alles beherrschenden Curd Jürgens bleibt das bestimmende Element in Olsens Film, der viel anreißt, aber wenig vertieft. Die privaten Szenen um die Tochter (Diana Körner) des kriminellen Unternehmers Lausitz nehmen leider zu wenig Raum ein im aktionistischen Geschehen. Ihre Empörung über Hannes - für sie der verurteilte Mörder ihrer Mutter - ihr Verhältnis zum Vater, die Party in dessen Villa oder ihre angedeutete Liebesbeziehung zu Till Schippmann (Fritz Wepper) bleiben Momentaufnahmen, höchstens für kurze Nacktszenen geeignet. Wepper, an beiden vorherigen unter der Regie Olsens entstandenen St.Pauli-Filmen beteiligt, wird hier zum reinen Stichwortgeber, ohne seiner Rolle eigene Konturen geben zu können. Das gilt auch für die Vielzahl an Schlägern und gedungenen Mördern, die hier die Leinwand bevölkern – selbst prägnante Darsteller wie Erik Schumann und Karl-Otto Alberty konnten sich nur wenig profilieren.

Nebenfiguren: Till (Fritz Wepper) und Unternehmertochter (Diana Körner)
Entscheidend für die Wirkung des Films war das nicht, worin sich beide Versionen von „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ wieder gleichen. Zwar hatte sich die Reeperbahn seit Mitte der 50er Jahre parallel zur allgemeinen Liberalisierung in Westdeutschland verändert, aber sie behielt als Ort der Extreme weiterhin die Hoheit über das Handeln der hier lebenden Menschen. Am Ende verlässt Hannes wie zuvor in „Große Freiheit Nr.7“ und der 54er Version wieder diesen Ort der Sehnsucht, um aufs Meer zurückzukehren. Doch diesmal ohne das schwermütige Gefühl des Scheiterns an Land, sondern voller Vorfreude auf die Seefahrt – und begleitet von Pitter. Das wäre Heinz Rühmann in seiner Rolle damals nicht eingefallen.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" Deutschland 1969, Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Rolf Olsen, Darsteller : Curd Jürgens, Horst Naumann, Heinz Reincke, Fritz Wepper, Jutta D'Arcy, Diana Körner, Fritz Tillmann, Erik Schumann, Christiane Rücker, Hans-Otto Alberty, Konrad Georg, Laufzeit : 98 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen:

Samstag, 19. April 2014

Der Arzt von St. Pauli (1968) Rolf Olsen

Inhalt: Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) praktiziert als Arzt an der Reeperbahn und besitzt das volle Vertrauen der hier arbeitenden und lebenden Menschen. Niemals würde er der Polizei Informationen geben und wegsehen, wenn sich Jemand in Not befindet. Als er in den frühen Morgenstunden mit seiner Arzttasche auf der Reeperbahn unterwegs ist, kommt er einer jungen Frau zu Hilfe, die von ein paar Männern zusammen geschlagen wird.

Er ahnt nicht, dass dieser Überfall im Zusammenhang mit Sex-Partys steht, die für eine Klientel reicher Geschäftsmänner veranstaltet wird und an der sein Bruder Klaus (Horst Naumann) beteiligt ist. Obwohl dieser als Gynäkologe in einem wohl situierten Hamburger Stadtteil arbeitet, hat er hohe Schulden und ist gezwungen, reiche verheiratete Damen, die bei ihm eine ungewollte Schwangerschaft beseitigen lassen wollen, für diese Partys gefügig zu machen. Unfreiwilligen Kontakt zu diesen Vorkommnissen erhält Jan Diffring, als sich der Seemann Hein (Fritz Wepper) an ihn wendet, um Informationen über seine Verlobte Margot (Christiane Rücker) zu erhalten, die nach seiner Rückkehr verschwunden ist. Er weiß nicht, dass Margot kräftig bei den Partys mitmischt…


Die Faszination des am Hamburger Überseehafen gelegenen Stadtteils St. Pauli als modernem Sündenbabel entstand aus dessen extremen Kontrast zum konservativen, stark regulierten Bürgertum in Deutschland. St. Pauli, genauer die Reeperbahn, wurde zum Synonym für den ausschweifenden Umgang mit Sex, Alkohol, Drogen und Gewalt und symbolisierte gleichzeitig Abgrund, Freiheit und Widerstand. Dieser Hintergrund ermöglichte Helmut Käutner in die "Große Freiheit Nr.7" (1944) eine authentische Geschichte von Menschen zu erzählen, die nicht nach den Vorstellungen der damaligen Machthaber handelten. Selbst harmlose Unterhaltungsfilme wie das späte Heinz Rühmann / Hans Albers -Vehikel "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" (1954) erhielten dadurch noch ein wenig Tragik und Realitätsbezug.

Auch international besaß St. Pauli den Ruf eines Ortes der Extreme. In "La fille de Hambourg" (Das Mädchen aus Hamburg, 1958) - nach dem ersten Drehbuch des Erotik-Pioniers José Bénazéraf - arbeitet die Protagonistin auf der „sündigen Meile“ und für Francesco Rosi war diese so glitzernde, wie unberechenbare Welt der geeignete Ausgangspunkt für sein Gastarbeiter-Drama "I magliari" (Auf St. Pauli ist die Hölle los, 1959). Parallel schuf der gebürtige Hamburger Jürgen Roland mit seinen in einem dokumentarischen Stil gehaltenen Kriminalfilmen ein realistisches Bild des Lebens an den Landungsbrücken. Mit der nach einem Drehbuch Wolfgang Menges entstandenen Fernsehserie "Stahlnetz" (ab 1958), dem exemplarischen "Polizeirevier Davidswache" (1964) und "4 Schlüssel" (1965) bereitete er den Boden für einen Mitte der 60er Jahre eintretenden St.Pauli-Trend. Die dort vorhandene untrennbare Einheit aus "Sex and Crime" erwies sich im Film als ideal für Tabubrüche im aufkommenden Erotik- und Exploitation-Genre.

Entsprechend ließ José Bénazéraf seinen einzigen deutschen Film "St.Pauli zwischen Nacht und Morgen" (1967) vor der Hamburger Kulisse spielen und der österreichische Regisseur Rolf Olsen drehte nach "Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn" (1967) noch fünf weitere St. Pauli-Filme bis zu "Käpt'n Rauhbein aus St. Pauli" (1971), die jeweils auf Basis eines selbst verfassten Drehbuchs entstanden. "Der Arzt von St. Pauli" folgte 1968 zwar als zweiter Film, steht aber für den eigentlichen Beginn der "Serie", da Curd Jürgens ab diesem jeweils die Hauptrolle übernahm. Neben Jürgens gehörten Heinz Reincke (5mal) als einfacher Kerl aus dem Milieu mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, und Fritz Wepper (3mal) als junger, manchmal über die Strenge schlagender, aber grundanständiger Love-Interest für wechselnde hübsche Damen zum festen Bestandteil des Casts. Von den weiblichen Darstellern durfte einzig Christiane Rücker - seit "Die Liebesquelle" (1965) für ihre freizügigen Rollen bekannt – zweimal ihren Körper demonstrieren.

Diese Voraussetzungen lassen schon das Grundgerüst des Olsenschen „St. Pauli – Panoptikums“ erkennen, das vom Überleben an einem Ort erzählt, der ständige Versuchungen bereithält – und damit gleichzeitig locken und abschrecken wollte. „Der Arzt von St. Pauli“ funktioniert in dieser Hinsicht beispielhaft, denn er erzählt die Geschichte eines gegensätzlichen Brüderpaars, beide Mitte 50, die die jeweilige Seite repräsentieren. Während Dr. Jan Diffring (Curd Jürgens) direkt an der Reeperbahn praktiziert und sich auch unentgeltlich der Prostituierten und Alkoholkranken annimmt, residiert sein Bruder (Horst Naumann) als Gynäkologe in einem mondänen Hamburger Stadtteil. Olsen scheute keine gängigen Klischees in der Gegenüberstellung eines engagierten Arztes und eines reichen, hoch verschuldeten Schnösels, der gut aussehende Damen aus reichem Hause, die sich zwecks einer Abtreibung an ihn wenden, gegen Bezahlung für Partys unter Geschäftskollegen sexuell gefügig macht. Die moralische Dimension lag klar auf der Hand - hier die einfachen, trotz ihrer zwielichtigen Profession als Prostituierte, Boxer oder Bar-Keeper, grundanständigen Menschen, dort die nach außen moralischen Anstand verkörpernden Großbürger, die Andere für ihre Vergnügungssucht ausbeuten - eine explosive Mischung, die Olsen, begleitet von erotischen Einlagen, zu ordentlichen Gewaltexzessen nutzte.

Hinsichtlich der einzelnen Charakterisierungen blieben einige Fragen offen, so lange sich die Protagonisten wie Rädchen in das Geschehen fügten. Die von Christiane Rücker gespielte Margot arbeitet als Animier-Mädchen bei den Partys der besseren Herren, verfolgt aber eigene Ziele, in dem sie die unter Drogen gesetzten Damen mit Fotos erpresst. Für die Organisatoren ein Ärgernis, das sich als tödlich für Margot herausstellt. Als ihr Mörder gerät der gerade in seinem Heimathafen eingetroffene Seemann Hein (Fritz Wepper) in Verdacht, der seit zwei Jahren mit ihr verlobt war und wenig begeistert darauf reagiert, dass sie plötzlich mit einem anderen Mann zusammenlebt und keine Lust mehr auf bescheidene Lebensverhältnisse hat. Wie es zu ihrer rigorosen Veränderung kommen konnte, lässt der Film ebenso offen, wie die Vergangenheit der beiden so unterschiedlichen Ärzte-Brüder. Jan Diffring erwähnt, dass es schon einmal zehn Jahre gedauert hätte, bis der Staat begriffen hätte, dass er nur seine Pflicht getan hätte (wie jetzt seine Pflicht als Mensch und Arzt). Das weist zumindest auf einen Bruch in seinem Lebenslauf hin, ohne die Zusammenhänge näher zu erläutern.

Trotz des Molochs aus Sex und Gewalt, den Rolf Olsen abwechslungsreich und spektakulär vor seinem Publikum ausbreitete, wurden gewisse Konzessionen eingehalten. Dieter Borsche spielt einen verständnisvollen, tief im Milieu verwurzelten Pfarrer, der immer ein Auge auf seine schwarzen Schäfchen hat - eine Rolle die er in „Der Pfarrer von St. Pauli“ nochmals interpretierte – und sowohl Seemann Hein bekommt zum Schluss ein anständiges Mädchen (Marianne Hoffmann) als Verlobte an die Seite gestellt, als auch Boxer Willi (Heinz Reincke) darf in den Hafen der Ehe mit einer Prostituierten einfahren. Trotzdem blieb Olsen dem St. Pauli - Image treu und vermied weitere Annäherungen an bürgerliche Positionen, wobei er neben dem lokalen Hintergrund vor allem vom Spiel Curd Jürgens profitierte, dem es gelang, die Rolle des Arztes zwischen Fatalismus und bärbeißigem Samaritertum anzusiedeln.

"Der Arzt von St. Pauli" Deutschland 1968, Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Rolf Olsen, Darsteller : Curd Jürgens, Horst Naumann, Heinz Reincke, Fritz Wepper, Christiane Rücker, Dieter Borsche, Laufzeit : 96 Minuten

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Dienstag, 25. Juni 2013

Die Brücke (1959) Bernhard Wicki

Inhalt: April 1945 - die 16jährigen Jungen der Schulklasse eines kleinen Ortes hoffen, dass sie noch zur Wehrmacht eingezogen werden, um Deutschland zum Sieg zu verhelfen. Zwar haben auch sie die alltäglichen Probleme Jugendlicher mit Eltern oder der ersten Liebe, aber vorherrschend bleibt ihre Begeisterung für einen Krieg, dessen Verlauf sie genau verfolgen, dabei jedes Wort der nationalsozialistischen Propaganda aufsaugend. Ihr Lehrer hatte diese Sichtweise lange Zeit unterstützt, sie aber angesichts der immer näher kommenden us-amerikanischen Armee inzwischen aufgegeben.

Doch seine Einsicht kommt zu spät. Voller Begeisterung folgen die Jungen dem Einzugsbefehl, obwohl die Erwachsenen ihre Rekrutierung für sinnlos halten. Dank der Einflussnahme ihres Lehrers und der Einsicht der Wehrmachts-Offiziere kommen sie nicht an die Front, sondern erhalten einen Wachposten an einer strategisch unwichtig scheinenden Brücke…



"Die Brücke" war nicht nur Bernhard Wickis erster abendfüllender Spielfilm, er gilt zudem als der erste deutsche Anti-Kriegsfilm, der das unmenschliche System des Nationalsozialismus ungeschönt wieder gegeben hat. "Die Brücke" wurde mit Preisen überhäuft bis hin zu einem "Golden Globe Award" und der Nominierung für den "Oscar" als bester fremdsprachiger Film - eine Vielzahl an Auszeichnungen, wie sie bis heute kaum ein anderer deutscher Film aufzuweisen hat, weshalb es nicht erstaunt, dass "Die Brücke" als einziger deutscher Film der Nachkriegszeit in den Filmkanon zur Schulbildung aufgenommen wurde. Angesichts seiner Entstehungszeit, Ende der 50er Jahre, als die damals populären Kriegsfilme noch den anständigen, nur unter einem mörderischen Regime leidenden Wehrmachtssoldaten in den Mittelpunkt stellten, erstaunt der allgemeine Konsens, den "Die Brücke" national wie international erfuhr, der dem Film einen bis heute andauernden Bekanntheitsgrad zusicherte.

Die Entstehung von "Die Brücke" hat eine längere Vorgeschichte, auch wenn die Story auf dem autobiografischen Roman von Gregor Dorfmeister basiert, der diesen 1958 unter dem Pseudonym Manfred Gregor veröffentlichte. Bernhard Wicki, in St.Pölten bei Wien geborener Schweizer Staatsbürger, wuchs zeitweise in Deutschland auf und machte sein Abitur in Bad Warmbrunn, Schlesien, bevor er später nach Berlin ging. Dort wurde er 1939 wegen seiner Mitgliedschaft bei der "Bündischen Jugend" verhaftet und war mehrere Monate im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Nach seiner Entlassung arbeitete er erst in Österreich, später wieder in Deutschland als Theaterschauspieler, bevor er Anfang 1945 mit seiner Frau Agnes Fink das Land verließ und in die Schweiz übersiedelte. Ab 1950 gehörte er zum Ensemble des bayrischen Staatsschauspiels in München, von wo aus er seine Filmkarriere begann.

Die Begegnung mit Helmut Käutner wurde zum entscheidenden Schritt in Richtung einer engagierten kritischen Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus. In Käutners 1954 entstandenem Film "Die letzte Brücke", der konsequent am Beispiel jugoslawischer Partisanen und einer deutschen Ärztin den Wahnsinn des Krieges demaskierte, spielte Wicki seine erste Hauptrolle. „Die letzte Brücke“ erfuhr internationale Anerkennung, kam für die Deutschen aber zu früh und ist heute fast vergessen. In "Die Zürcher Verlobung" (1957) spielte er ein weiteres Mal unter Käutner, bei dessen Film "Monpti" (1957) er als Regie-Assistent erstmals hinter der Kamera stand. Zuvor hatte er eine Rolle in Laslo Benedeks Film "Kinder, Mütter und ein General" (1955) übernommen, der früh die gleiche Thematik einer verführten Jugend behandelte, die kurz vor dem Ende des Krieges sinnlos geopfert wurde. Doch obwohl der Film ebenfalls den "Golden Globe Award" als bester fremdsprachiger Film gewann, ist er heute nahezu unbekannt. Ähnliches gilt für "Unruhige Nacht", der mit Bernhard Wicki als Priester unter der Regie des ehemaligen Widerstandskämpfers Falk Harnack 1958 entstand und die letzte Nacht eines Soldaten vor seiner Abordnung nach Stalingrad beschreibt.

Angesichts der engagierten und die Zeit des Nationalsozialismus kritisch betrachtenden Werke, an denen allein Bernhard Wicki beteiligt war, stellt sich die Frage, warum "Die Brücke" heute eine so singuläre Bedeutung besitzt und quasi als erster Anti-Kriegsfilm gilt? - Wickis an den expressiven Schwarz-Weiß-Bildern der Stummfilmzeit orientierte Optik, verleiht dem Ort des Geschehens eine karge, grobkörnige Anmutung, der Storyaufbau erfolgt zügig und ist klar strukturiert in drei Teile gegliedert - das Leben der Jugendlichen als Vorgeschichte, ihre Musterung und Stationierung an der Brücke, das eskalierende Gefecht - wodurch der beabsichtigte dokumentarische Charakter entstehen konnte. Mit dieser gestalterischen Konsequenz entfernte sich Wicki vom typischen deutschen Nachkriegskino, womit er dem allgemeinen Konsens eher widersprach, zumal in einer Phase, in der die Bereitschaft zur selbstkritischen Analyse noch kaum vorhanden war – Helmut Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) und Wolfgang Staudtes „Kirmes“ (1960) scheiterten bei Publikum wie Kritik grandios.

Entscheidend für den Erfolg des Films ist die konsequent aus dem Blickwinkel der 16jährigen Jungen erzählte Story, mit der Wicki Angriffspunkte vermied. Typisch war der Vorwurf einer klischeehaften Darstellung von Nationalsozialisten oder mangelnde Authentizität der realen Hintergründe, klassische Totschlagargumente, mit denen jeder kritische Ansatz zunichte gemacht werden konnte. Auch in „Die Brücke“ gibt es einen NSDAP-Bürgermeister, der seine Frau angeblich in Sicherheit bringt, um sich mit seiner Geliebten amüsieren zu können, so wie ein Vater eine Liebesbeziehung mit der jungen Angestellten seines Friseurladens hat, in die sein Sohn heimlich verliebt ist. Doch das bleiben kleine Geschichten am Rande, immer aus der Sicht der Jungen erzählt. Dagegen widmet sich Wicki ausführlich der Jugendliebe zwischen Klaus (Volker Lechtenbrink) und Franziska (Cordula Trantow), die ihren Höhepunkt hat, als sich Franziska beim Abschied einen Kuss erhofft, Klaus aber nur seine ihr zuvor geschenkte Uhr zurückhaben möchte, die er bei seinem soldatischen Einsatz angeblich benötigt. Der leere Blick des Mädchens, wenn er - sie kaum noch beachtend – mit kindlich wirkender Begeisterung seiner Mutter von dem Einzugsbefehl am Telefon berichtet, bleibt in Erinnerung - eine Szene, auf die sich Alle einigen können.

„Die Brücke“ vermischte typische Verhaltensweisen pubertärer junger Männer und die ihnen von einem mörderischen Regime anerzogenen Begriffe von Ehre und Vaterland, um die Ausbeutung auch der Jüngsten für eine sinnlose Sache zu verdeutlichen – doch den Hintergrund einer Gesellschaft, die diese Haltung erst ermöglichte, beleuchtete er nicht. Im Gegenteil reagieren die Erwachsenen fassungslos auf die Einberufungsbefehle der Jungen, die fast losgelöst von der sonst vorherrschenden Meinung voller Hoffnung in den Kampf ziehen. Auch die Soldaten, allen voran Heilmann (Günter Pfitzmann), halten nichts von dem Einsatz der „Volksfront“, mit der die Nationalsozialisten die Rekrutierung alter Menschen und Jugendlicher rechtfertigten, und versuchen die Jungen vor ihrem eigenen Eifer zu schützen. Neben dem diktatorischen System steht einzig der Lehrer, der seinen Schülern den selbst zerstörerischen Corps-Geist eintrichterte, als Schuldiger dar, hat seinen Fehler aber inzwischen eingesehen und versucht noch, die Jungen zu retten. Die tragischen Ereignisse, die zum Tod fast aller Jugendlicher führen, wirken wie eine Verkettung unglücklicher Umstände, gespeist aus Misstrauen und falschem Gehorsam, aber auch normalem männlichen Imponiergehabe, etwa wenn der Jüngste von ihnen bei einem Fliegerangriff stehen bleibt, weil ihn seine Kameraden zuvor in einer ungefährlichen Situation, bei der er sofort zu Boden gegangen war, ausgelacht hatten. 

Bernhard Wickis Film hat den Vorteil einer hohen Identifikation mit den jugendlichen Darstellern um Fritz Wepper, Folker Bohnet oder Michael Hinz - für fast Jeden von ihnen wurde „Die Brücke“ der Startschuss einer langen Karriere - weshalb die schonungslosen Bilder der verzweifelten und tödlich verwundeten Jungen ihre Wirkung bis heute nicht verloren haben. Das ihre Erziehung und Verblendung nur in einem Umfeld geschehen konnte, welches diesen Geist generell transportierte, lässt der Film hingegen weg, womit er ähnliche Kompromisse einging wie beinahe alle kritischen Filme dieser Phase - dank der Konzentration auf die Jugendlichen, fällt die oberflächliche Gestaltung der Erwachsenen nur weniger ins Gewicht. Für seine Entstehungszeit, aber auch wegen seiner Zugänglichkeit für ein junges Publikum, bleibt „Die Brücke“ ein wichtiger Beitrag des deutschen Films, sein singulärer Charakter steht dagegen signifikant für die Schwierigkeiten einer Vergangenheitsbewältigung, die sich hier auf einen gemeinsamen Nenner einigen konnte.

"Die Brücke" Deutschland 1959, Regie: Bernhard Wicki, Drehbuch: Michael Mansfeld, Karl-Wilhelm Vivier, Bernhard Wicki, Manfred Gregor (Roman), Darsteller : Fritz Wepper, Folker Bohnet, Michael Hinz, Volker Lechtenbrink, Günter Pfitzmann, Cordula Trantow, Siegfried Schürenberg, Laufzeit : 98 Minuten