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Montag, 18. November 2013

Zinksärge für die Goldjungen (1973) Jürgen Roland

Regelmäßig kam es zu italienisch-deutschen Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren, die in der jeweiligen Sprachfassung in nahezu identischer Form in die Kinos kamen. "Zinksärge für die Goldjungen" (italienischer Titel: Il re della mala) war in dieser Hinsicht eine Ausnahme, denn Jürgen Rolands Film an der Schwelle zum Poliziesco, wurde konzeptionell in zwei Fassungen gefertigt, die auf das Publikum der beiden Länder zugeschnitten waren. Die Unterschiede sind prägnant und gehen über den unterschiedlichen Namen der deutschen Hauptfigur (Otto Westermann/Hans Werner) hinaus - eine vergleichende Betrachtung und ein weiteres Bindeglied zwischen "Grün ist die Heide" und "L'amore in città" , meinem Blog zum italienischen Film.


Inhalt: Otto Westermann (Herbert Fleischmann) kontrolliert mit seiner Bande, die unter dem Deckmantel eines Kegelclubs ihre Treffen abhält, das Glücksspiel und die Prostitution in Hamburg und erpresst Schutzgeld. Wer nicht pünktlich bezahlt oder sich nicht bei Wetten an Westermann Forderungen hält, bekommt Besuch von seinen Männern, die auch vor kaltblütigem Mord nicht zurückschrecken. Doch es bahnt sich Ärger für den Platzhirsch an, als der italo-amerikanische Unterweltboss Luca Messina (Henry Silva) ebenfalls plant, die friedliche Stadt Hamburg unter seine Fittiche zu nehmen.

Nachdem er mit Mutter (Ermelinda De Felice), Tochter Sylvia (Patrizia Gori) und seiner Geliebten Kate (Véronique Vendell) aus den USA angekommen ist, geht er mit seinen Männern gezielt gegen Westermanns Geschäfte vor, übernimmt die Leitung und verlangt 40 Prozent von dessen Einnahmen. Doch so leicht lässt sich Werner nicht verdrängen und nimmt den Kampf an, der zunehmend außer Kontrolle gerät…


Betrachtet man Jürgen Rolands Film "Zinksärge für die Goldjungen" von Italien aus, kam er unter dem Titel "Il re della mala" (Der König des Bösen) im Juli 1974 erst spät an der Schnittstelle zwischen Mafia-Film und Polizieschi in die Kinos. Fernando Di Leos Trilogie über das organisierte Verbrechen hatte mit "Il boss" (Der Teufel führt Regie) 1973 ihren Abschluss gefunden und Andrea Bianchi Anfang 1974 mit "Quelli che contano" (Die Rache des Paten) noch einen weiteren Mafia-Film nachgelegt, bevor die Hochphase des Polizieschi mit Umberto Lenzis "Milano odia: la polizia non vuole sparare" (Der Berserker, 1974) endgültig begann. An allen genannten Filmen war Henry Silva als Hauptdarsteller maßgeblich beteiligt, dem der Wechsel vom Unterweltboss zum Commissario spielend gelang.

Dass Jürgen Roland ihn ebenfalls in seinem Film über den Machtkampf zweier organisierter Verbrecherbanden in Hamburg besetzte, geht auf den unmittelbaren Einfluss der Di Leo-Trilogie zurück, verdeutlicht aber auch, dass sich Roland und seine Mitstreiter – der renommierte Drehbuchautor Werner Jörg Lüddecke („Das Beil von Wandsbek“, 1951) und Produzent Wolf C. Hartwig - auf der Höhe der Zeit befanden, denn ihr Film entstand noch vor Bianchis "Die Rache des Paten" und kam Ende 1973 in die deutschen Kinos. Produzent Hartwig hatte schon Mitte der 60er Jahre ein gutes Gespür für den Zeitgeist bewiesen und früh Ernst Hofbauer unterstützt, der ihm mit dem "Schulmädchen-Report" (1970) und dessen Fortsetzungen einen großen finanziellen Erfolg einbrachte. Auch mit Jürgen Roland, der seit Ende der 50er Jahre ("Stahlnetz") als Genre Spezialist galt, hatte er schon bei "St.Pauli Report" (1971) und "Das Mädchen aus Hongkong" (1973) zusammengearbeitet, zu denen Autor Lüddecke jeweils das Drehbuch beisteuerte.

Trotzdem begingen sie nicht den Fehler, ohne italienisches Know-How an die geplante Story heranzugehen. Mit Coriolano Gori holten sie sich einen erfahrenen Komponisten ins Team, dessen Score das treibende Tempo des Films stimmungsvoll unterstützte. Zudem wurden neben Silva viele weitere Rollen international besetzt, was dem Konflikt zwischen dem deutschen und dem italo-amerikanischen Gangsterboss und deren Anhang die notwendige Authentizität verlieh. Besonderes Einfühlungsvermögen bewiesen die Macher auch damit, dass sie von einem deutschen und einem italienischen Cutter zwei unterschiedliche Fassungen fertigen ließen, die zwar auf das selbe Bildmaterial zurückgriffen und die selbe Story erzählten, trotzdem aber über entscheidende Unterschiede verfügen, die signifikant sind für die jeweiligen Erwartungshaltungen und Sehgewohnheiten in den zwei Ländern – ein Vergleich, bei dem die 5 Minuten längere deutsche Fassung ein wenig schlechter abschneidet.

In beiden Fassungen beginnt der Film mit einer Einleitung, die von einer Stimme aus dem Off begleitet wird, die der Story einen gewissen Realitätsbezug verleihen sollte. Hinsichtlich der Existenz des organisierten Verbrechens besteht daran kein Zweifel, aber „Zinksärge für die Goldjungen“ reduzierte die Handlung einzig auf die Auseinandersetzung zwischen den beiden Gangster-Banden, ohne das die Strafverfolgungsbehörden hier irgendeine Rolle spielen, obwohl Schießereien, Hinrichtungen und wilde Verfolgungsjagden mitten in Hamburg an der Tagesordnung sind. Damit folgte Jürgen Roland strikt den Genre-Regeln, ohne der typischen Ausgewogenheit im deutschen Kriminalfilm Rechnung zu tragen. Auch dass der Italo-Amerikaner Luca Messina (Henry Silva) nach Hamburg kommt, um die Geschäfte von Otto Westermann (Herbert Fleischmann) zu übernehmen, benötigte keine schlüssige Intention – einmal äußert er gegenüber seiner Mutter, dass er noch ein paar gute Geschäfte machen will, bevor er sich auf Sizilien zur Ruhe setzen will, aber das wirkt nur wenig überzeugend, angesichts der üppigen Geldmittel und sehr guten Organisationsstruktur, die ihm in Hamburg von Beginn an zur Verfügung stehen.

Entscheidend für das Genre sind die emotionalen Abhängigkeiten – beide Bosse haben im Film Familie und sind damit angreifbar – und die entstehende Spirale von Gewalt und Gegengewalt, gepaart mit der ewigen Jagd nach dem eigenen Vorteil, die aus der zugespitzten Situation eines Machtkampfs zwischen zwei Verbrechersyndikaten eine Sicht auf menschliche Abgründe entstehen lässt, die realistischer ist als das Ergebnis einer ausgewogenen Betrachtungsweise. Auch wenn „Zinksärge für die Goldjungen“ inzwischen unter Genre-Fans Anerkennung findet, schloss sich dieser Meinung damals kaum Jemand an. Filme dieser Art – auch die italienischen Vorbilder – sahen sich in Deutschland dem Vorwurf der Gewaltverherrlichung ausgesetzt, mit der eine schnelle Mark an der Kinokasse gemacht werden sollte. Der deutschen Fassung ist anzumerken, dass die Macher versuchten, dieser vorhersehbaren Kritik entgegen zu treten, in dem sie die Szene, in der Karl von den Kung-Fu Kämpfern erschlagen wird, kürzten, und die Story mit Klischee-Witzen über italienische Gepflogenheiten anreicherten. Auch die konstruiert wirkende Liebesgeschichte zwischen dem flippigen Horst Janson als Westermann-Sohn und der attraktiven Patrizia Gori als Messina-Tochter, die im Gegensatz zu ihren Vätern, die sich hübsche Betthäschen halten, ganz brav heiraten wollen, lässt sich in italienischer Genre-Ware dieser Zeit kaum finden.

Sie blieb auch in der italienischen Fassung erhalten - im Gegensatz zu fünf Minuten, die fast ausschließlich Vorurteile gegenüber italienischen Gewohnheiten betrafen. Darf Luca Messinas „Mamma“ in „Zinksärge für die Goldjungen“ als streitbare und laute Mutter auftreten, die Moral predigt und Ohrfeigen verteilt, während sie in ihren Spaghetti wühlt, spielt sie in „Il re della mala“ kaum eine Rolle. Auch die Ärztin, die angesichts des Herzinfarkts von Lucas Mutter nach der Art der Krankenversicherung fragt, fehlt in der italienischen Fassung glücklicherweise. Deutsche Fans mögen angesichts der „Clementine“ – Darstellerin in Erinnerungen schwelgen, der Straffung der Szene, die zwischen der Hinrichtung Karls und Westermanns großzügigem Verhalten in Messinas Haus pendelt, kommt dieser Schnitt entgegen.

Teilweise mutet die Art, wie die von Jürgen Roland ursprünglich gewählte Szenenreihenfolge in der italienischen Fassung ummontiert wurde, abenteuerlich an. Der Brandanschlag auf den Striptease-Club kommt in „Il re della mala“ schon im Vorspann vor, um die Gewalttätigkeit der deutschen Gang früh zu betonen, und Westermanns Plan, die eigenen Überfälle und Hinrichtungen der Italo-Gang in die Schuhe zu schieben, erfolgt hier als unmittelbare Reaktion auf Messinas Übernahmeversuch. In der deutschen Fassung löst erst der Mord an seinem Sohn Karl diese Konsequenzen aus, was sein Verhalten im Auge des Zuschauers stärker legitimierte. Der italienische Schnitt versuchte so, dass Verhältnis zwischen den Banden ausgewogener zu gestalten – eine notwendige Maßnahme, da Silva in seiner Rolle wesentlich kompromissloser auftrat als Fleischmann.

Trotz dieser Unterschiede zwischen den Fassungen, die von der Anpassung an den jeweiligen Markt geprägt sind, ändern diese Details nichts an der grundsätzlichen Aussage eines Films, der konsequent und ohne zu beschönigen die Folgen einer ungebremsten Gewaltspirale zeigt, rasant inszeniert ist und bis zum Schluss hochspannend bleibt - getragen von zwei überzeugend agierendenden Protagonisten.

"Zinksärge für die Goldjungen" Deutschland / Italien 1973, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, August Rieger, Darsteller : Herbert Fleischmann, Henry Silva, Patrizia Gori, Horst Janson, Véronique Vendell, Raf Baldassare, Dan van HusenLaufzeit : 83 Minuten

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Mittwoch, 12. Juni 2013

Der grüne Bogenschütze (1961) Jürgen Roland

Inhalt: Julius Savini (Harry Wüstenhagen) veranstaltet Führungen für interessierte Touristen in der Villa seines Chefs Abel Bellamy (Gert Fröbe), um sein Gehalt ein wenig aufzubessern. Der schwerreiche Amerikaner weilt derweil in den USA und ahnt nichts von der Nebenbeschäftigung seines Sekretärs, wird aber durch das Missgeschick eines Besuchers darauf aufmerksam gemacht. Ein etwas zu neugieriger Mann entdeckt eine Geheimtür, die sich mit dem Arm einer Bogenschützen-Statue öffnen lässt, was ihm einen grünen Pfeil einbringt, der sich tödlich in seinen Rücken bohrt.

Wieder zurück in London reagiert Bellamy sehr erbost darauf, dass Savini fremde Menschen in sein Haus ließ. Zudem war ihm der Ermordete nicht unbekannt, dem es dank des grünen Bogenschützen nicht gelang, das Geheimnis zu entdecken, dass sich hinter der Tür verbirgt. Diese führt zu einer versteckten Wohnung im Kellergeschoss, in der Bellamy eine alte Frau gefangen hält. Entsprechend nervös reagiert er, als er erfährt, dass er neue Nachbarn hat. Ein Mr.Howett (Hans Epskamp) ist in die Villa gegenüber eingezogen, gemeinsam mit seiner Adoptivtochter Valery (Karin Dor), eine geborene Bellamy…


Wie geplant kam beim vierten Edgar Wallace-Film der Rialto Filmgesellschaft wieder Regisseur Jürgen Roland an die Reihe, erneut mit Drehbuchautor Wolfgang Menge und Hauptdarsteller Klausjürgen Wussow an seiner Seite. Doch diese Planmäßigkeit täuscht, denn "Der grüne Bogenschütze" wurde ihr letzter Wallace - Film, eine von Jürgen Roland frühzeitig getroffene Entscheidung, die der Umsetzung deutlich anzumerken ist. Angesichts der großen Zahl späterer Edgar-Wallace-Filme, die häufig unfreiwillig komisch oder bewusst überzeichnet wurden, ist es in Vergessenheit geraten, dass "Der grüne Bogenschütze" die für Edgar Wallace-Krimis typischen Eigenarten schon zu einem frühen Zeitpunkt ins Extreme steigerte.

Die Käuzchen schreien sich die Seele aus dem Leib und die Nebelmaschinen laufen am Limit, wenn Valerie Howett (Karin Dor) nachts ein Boot besteigt, um die finster gelegene alte Villa des reichen Abel Bellamy (Gert Fröbe) zu besuchen - mehr waberndes England-Feeling ist kaum möglich. Allein Gert Fröbe ist die Ansicht des Films wert, so dick trägt er als schwergewichtiger Amerikaner auf, der eine alte Frau (Hela Gruel) in einer geheimen Wohnung im Keller seines Hauses festhält und auch sonst vor keiner kriminellen Missetat zurückschreckt. Wann hat es im Wallace-Film je einen charismatischeren Bösewicht gegeben, der seine Gesinnung keinen Moment verbirgt und alle Menschen wie Dienstboten behandelt, dessen tatsächlichen Pläne aber im Unklaren bleiben ?

Autor Wolfgang Menge gab sich in seiner Überarbeitung des ursprünglich von Wolfgang Schnitzler verfassten Drehbuchs die größte Mühe, die Verwirrung auf die Spitze zu treiben. Puzzleartig reiht er Szene an Szene und führt eine Vielzahl an Personen ein, ohne erzählerische Stringenz zu entwickeln. Im Gegenteil, wird die Story immer undurchsichtiger, desto mehr Fakten aufgedeckt werden - eine ironische Überspitzung der typischen Wallace-Eigenart, am Ende die unwahrscheinlichste Lösung zu präsentieren. Der als Basis dienende Kriminalroman "The green archer", den Edgar Wallace 1923 veröffentlichte, ist wesentlich nachvollziehbarer erzählt und rechtfertigte auch den Titel "Der grüne Bogenschütze", der im Film dagegen nur eine untergeordnete Rolle spielte. Seine abschließende Enttarnung wird fast nebensächlich abgehandelt - ein klarer Verstoß gegen die Erwartungshaltung des Publikums und signifikant für die Intention der Macher.

Sowohl die "Stahlnetz" - Fernsehserie (1958 - 1968), als auch der wenige Jahre später entstandene "Polizeirevier Davidswache" (1964) lassen in ihrer sachlichen, der Realität verpflichteten Inszenierung deutlich werden, warum Jürgen Roland und Wolfgang Menge mit dem Wallace-Universum nicht warm werden konnten. Schufen sie mit "Der rote Kreis" (1960) noch einen Zwitter zwischen strukturiertem Kriminalfilm und Wallace-Elementen, der im Gesamtwerk einen seriösen Eindruck hinterlässt, sollte "Der grüne Bogenschütze" zur großen Abschiedssause werden. Aus heutiger Sicht schwer vorstellbar, vermittelte diese vierte Wallace-Verfilmung innerhalb von weniger als zwei Jahren schon einen inflationären Charakter - gut aus Eddie Arents am Ende geäußerten Worten herauszuhören, der den plötzlich von außen kommenden Lärm damit erklärt, dass dort schon der nächste Wallace-Film entsteht. Für Arent das richtige Stichwort, denn er blieb der Serie treu, spielte aber in "Der grüne Bogenschütze" erstmals konsequent die Witzfigur, nachdem er in "Die Bande des Schreckens" (1960) schon Tendenzen in diese Richtung gezeigt hatte.

Für Klausjürgen Wussow als Inspector Featherstone blieb es dagegen der letzte Auftritt in einem Wallace-Streifen. Gegen seinen Machismo kam nicht einmal Joachim Fuchsberger an, denn die Verbindung zur schönen Valerie stellt er letztlich dadurch her, dass er ihre Mutter schon als seine Schwiegermutter betrachtet - Widerspruch zwecklos. Nicht einmal der Austausch von Zärtlichkeiten war noch notwendig, womit Roland die Geschlechter-Klischees der Reinl-Verfilmungen gelungen persiflierte, letztlich aber die Erwartungshaltungen des Publikums erneut nicht erfüllte.

Entsprechend hinterlässt "Der grüne Bogenschütze" im Wallace-Universum einen zwiespältigen Eindruck - dank des besonders schaurig finsteren Settings und der von Fröbe und Arent verkörperten Figuren, verbreitet der Film bestes Wallace-Feeling, welches die verwirrende Handlung mit ihren unerwarteten Brüchen dagegen nicht befriedigt. Erkennt man darin den Stilwillen seiner Macher, wird "Der grüne Bogenschütze" zu einer gelungenen Umsetzung, die sich selbst nicht ernst nimmt und die damaligen Klischees ironisch bricht - innerhalb des Wallace-Universums eine Ausnahme.

"Der grüne Bogenschütze" Deutschland 1961, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Wolfgang Menge, Wolfgang Schnitzler, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Klausjürgen Wussow, Karin Dor, Gert Fröbe, Wolfgang Völz, Eddie Arent, Harry WüstenhagenLaufzeit : 89 Minuten

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Dienstag, 16. April 2013

Der rote Kreis (1960) Jürgen Roland


Inhalt: Der Deliquent wird zu einer Guillotine geführt, doch das Vorhaben, das Todesurteil gegen ihn zu vollstrecken, misslingt, da der betrunkene Henker einen Fehler macht. Acht Jahre später hält ein Erpresser London in Atem, denn Jeder, der seinen Forderungen nicht nachkommt oder ihn an die Polizei verraten will, wird ermordet. Als Zeichen hinterlässt er einen Papierstreifen mit einem roten Kreis.

Auch Lady Doringham (Edith Mill) wird Opfer des Erpressers, als dieser von ihr verlangt, das Kollier der Familie Doringham gegen ein Imitat einzutauschen. Er hat sie in der Hand, denn er weiß, dass sie ihren viel älteren Ehemann betrügt. Dagegen will sich der ebenfalls erpresste Mr. Beardmore (Thomas Alder) wehren und nicht mehr länger ansehen, wie Scotland Yard ergebnislos versucht, den Mörder zu fassen. Er beauftragt den erfolgreichen Privatdetektiv Derrick Yale (Klausjürgen Wussow) mit der Angelegenheit…


Schon die erste Szene macht deutlich, dass es sich bei dem Mörder, der nach jeder Tat sein Zeichen - einen roten Kreis - zurücklässt, um keinen Wahnsinnigen handelt, sondern um einen ruhig und kalkuliert vorgehenden Verbrecher. Mit wenigen Worten erklärt er Lady Doringham (Edith Mill), die gerade von ihrem Liebhaber kommt, was er von ihr verlangt. Der Tod droht ihr nur, wenn sie seine erpresserische Forderung nicht erfüllt - oder bei Verrat.

Zu Beginn erzählt "Der rote Kreis" noch eine kleine Vorgeschichte, die in Paris spielt, und den gescheiterten Versuch zeigt, einen Mann per Guillotine ins Jenseits zu befördern, weil der betrunkene Henker einen Nagel zu tief eingeschlagen hatte. Vordergründig wirkt die Szenerie fremdartig, ganz abgesehen davon, das es offen bleibt, warum der verurteilte Mörder daraufhin lebenslänglich bekam, was ihm erst die Gelegenheit gab, aus dem Gefängnis zu entkommen. Einzig die Stimme aus dem Off, die vermittelt, dass dieses Missgeschick 8 Jahre später 25 Morde zur Folge haben sollte, stellt die Verbindung zum weiteren Geschehen her.

Im Gegensatz zu diesem ersten Eindruck entwickelt sich die weitere Story sachlich und rational in der Einführung der Protagonisten. Wie schon in der ersten Edgar-Wallace-Verfilmung "Der Frosch mit der Maske" (1959) spielte Ernst F.Fürbringer den Chef von Scotland Yard, dem diesmal Karl-Georg Saebisch als kurz vor der Rente stehender Ermittler Inspektor Parr zur Seite steht. Sein ruhiges und seinem Alter entsprechendes Tempo bleibt für den gesamten Film bestimmend, was diesem zu Gute kommt, da die wenigen Actionszenen wesentlich deutlicher hervortreten, als in einigen späteren Filmen, die vor lauter Morden manchmal den Überblick verlieren.

Ganz so viele Tötungsdelikte können auf den Betrachter auch nicht mehr zukommen, da 19 ungeklärte Morde bereits geschehen sind, wie der Privatdetektiv Derrick Yale (Klausjürgen Wussow) Mr. Beardmore (Thomas Alder) mitteilt, der ihn wegen der Unfähigkeit der Polizei mit der Angelegenheit beauftragt hatte, nachdem er selbst vom "Roten Kreis" bedroht wurde. Eine offensichtlich peinliche Situation für die Polizei, allerdings stellt sich Yale als besonnener Zeitgenosse heraus, der nicht an Konkurrenz interessiert ist, sondern daran, seinen Mandanten zu schützen, weshalb er bereitwillig mit der Polizei zusammenarbeitet.

Regisseur Jürgen Roland bleibt seinem aus der "Stahlnetz" Fernsehserie bekannten geradlinigen, nachvollziehbaren Stil treu, auch bedingt durch die erneute Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Wolfgang Menge, so dass der Betrachter dem verwickelten Geschehen problemlos folgen kann. Zu diesem gesellen sich Mr.Beardmors`s Neffe Jack (Thomas Adler), die geheimnisvolle und schöne Renate Ewert als Thalia Parr, deren Chef Froyant (Fritz Rasp) und ein seltsamer Franzose namens Marles (Richard Lauffen), der wieder eine Verbindung zur Pariser Vorgeschichte herstellt. Und - wie in vielen späteren Edgar-Wallace-Filmen üblich - Eddie Arent als Sergeant Haggett, der erst zur Mitte der Laufzeit eingreift, da sich Roland viel Zeit lässt für die Zusammenführung der verschiedenen Handlungsstränge.

Besonders Renate Ewerts Rolle ist bemerkenswert modern gestaltet, da sie erstaunlich frivol und selbstbewusst agiert, und hier trotz ihrer Rolle als Love-Interest nicht zum typischen Opfer wird. Auch ihre Beziehung zu einem der Männer, die bei Edgar Wallace Filmen in der Regel schnell feststeht, bleibt bei der Vielzahl der Interessenten und ihrer bis zuletzt schwer einschätzbaren Rolle lange offen. Neben diesen Qualitäten fallen auch die gut inszenierten Action-Szenen auf, besonders der Mord an Lady Doringham, die den Fehler begeht, die Erpressung der Polizei zu melden.

Dank der Zusammenarbeit von Yale mit der Polizei wird es zunehmend eng für den Erpresser, dessen Spur zurück nach Paris führt, und es kommt zu einem Ende, dass an einen Agatha Christie-Krimi erinnert, wenn Inspektor Parr in Hercule-Poirot-Manier den Täter im Kreis der Verdächtigen mit einem Trick überführt. Selbst der fast versöhnliche Schluss, der noch einmal die Ermittler und den Gesuchten zusammenführt, hat wenig vom üblichen Getöse, das normalerweise zum Tod des Mörders führt. Ganz abgesehen davon, dass die Lösung trotz aller Konstruiertheit nachvollziehbar ist und bei aufmerksamer Betrachtung des Geschehens vorausgesehen werden kann.

Obwohl "Der rote Kreis" schon einige typische Elemente beinhaltet, unterscheidet er sich dank seiner Ernsthaftigkeit und Strukturiertheit von den späteren Filmen der Edgar-Wallace-Reihe. Selbst Eddie Arent albert noch nicht herum, sondern glänzt mit schwarzem Humor. Dieser Tatsache ist es geschuldet, dass der zweite Edgar-Wallace-Film eher zu den unbekannten Filmen der Reihe gehört. Während der "Der Frosch mit der Maske" stilbildend für die späteren Filme wurde, überrascht es nicht, dass Jürgen Roland mit "Der grüne Bogenschütze" nur noch einen weiteren Film nach Edgar Wallace drehte, sondern stattdessen gemeinsam mit Wolfgang Menge Filme wie "Polizeirevier Davidswache" (1964) heraus brachte, deren Handlung eng an die Realität angelehnt wurde. Trotzdem ist "Der rote Kreis" auch für Wallace-Enthusiasten ein Erlebnis, weil er zwei Stile zusammenführte, die scheinbar nicht zusammengehören – eine schräge, plakative Handlung mit einem klassischen Krimi.

"Der rote Kreis" Deutschland, Dänemark 1960, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Wolfgang Menge, Egon Eis, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Renate Ewert, Klausjürgen Wussow, Ernst F. Fürbringer, Karl-Georg Saebisch, Fritz Rasp, Edith Mill, Eddie ArentLaufzeit : 88 Minuten

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Dienstag, 19. März 2013

Polizeirevier Davidswache (1964) Jürgen Roland


Inhalt: Die Polizei kann sich über Beschäftigungslosigkeit auf ihrem Polizeirevier mitten auf der Reeperbahn in St.Pauli nicht beklagen. Ständig werden Anzeigen aufgegeben, fühlen sich Freier betrogen, bestohlen oder auf andere Art um ihr hart verdientes Geld gebracht.

Neben diesen Routineaufgaben müssen sich Hauptwachtmeister Glantz (Wolfgang Kieling) und seine Kollegen auch mit Schwerverbrechern herumschlagen. Als Bruno Kapp (Günther Ungeheuer) nach 4 Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird, beschwört das eine Gefahr herauf, die nicht nur die Polizei direkt bedroht.


Das Thema "Polizeirevier Davidswache St.Pauli" bot sich für einen typischen deutschen Filmstoff an - schicksalsschwere Geschichten über gefallene Seelen auf der sündigen Meile, äußerlich mit liberalen Anstrich, aber der moralischen Keule im Hintergrund. Abenteuerliche Polizeifälle zum Thema Bandenkriminalität, Schutzgelderpressung und Prostitution mit Minderjährigen mit Kriminalbeamten, die unerschrocken in der Unterwelt aufräumen. Pseudo-komische Stories über Touristen, die sich ausnehmen lassen und jetzt Probleme haben, Anzeige zu erstatten, da sonst die Ehefrau zu Hause vom Ausflug auf die Reeperbahn erfährt.

Und was macht Jürgen Roland und sein Autor Wolfgang Menge aus dieser Thematik? – Sie verwenden exakt die zuvor genannten Storyelemente, enthalten sich dabei aber jeder Bewertung und kommen ohne moralischen Zeigefinger, Heroisierung oder Veralberungen aus. Zwei glückliche Faktoren kamen in Rolands Film zusammen. Der Regisseur, der in Deutschland durch seine "Stahlnetz" Fernsehserie bekannt geworden war, verwendete dabei einen fast dokumentarischen, lakonischen Stil. Seine Filme verfügten über eine klare Ästhetik und blieben emotional zurückhaltend. Da er sich in diesem Film gemeinsam mit Menge einer besonders "menschlichen" Umgebung annahm, gelang die Gratwanderung zwischen einer emotional angemessenen Dramatik, einem authentischen Bild Deutschlands Mitte der 60er Jahre in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs und einer ohne Übertreibungen auskommenden Darstellung der Realität.


Die eigentliche Story ist schnell erzählt und zieht drei Personen in ihren Mittelpunkt. Hauptwachtmeister Glantz (Wolfgang Kieling) hatte vor 4 Jahren den Kriminellen Bruno Kapp (Günther Ungeheuer) verhaftet, der jetzt wieder aus dem Gefängnis frei kommt. Auf ihn wartet seine Verlobte Margot (Hannelore Schroth), die ihn für einen anständigen Menschen hält. Tatsächlich ist Kapp aber ein brutaler Verbrecher, der dem Wachtmeister Rache geschworen hatte.

Diese Troika lebt von ihren überzeugenden Charakteren. Kieling spielt den Polizisten lakonisch ohne besondere emotionale Ausbrüche. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Selbst die Tiraden eines Strafverteidigers vor Gericht, bei dem er als Zeuge aussagen muss, lassen ihn nicht wütend werden. Dabei verschweigt Roland nicht, dass die Polizei gegenüber den Verbrechern im Nachteil ist, da sie nur rechtsstaatliche Mittel anwenden können. In der einzigen Szene, in der Glantz sich hinreißen lässt, ohne besondere richterliche Anordnung in ein Bordell einzudringen, weil er vermutet, dass dort eine Minderjährige zur Prostitution überredet wird, wird er gnadenlos abgestraft - auch von dem jungen Mädchen, dass seit wenigen Tagen 18 ist. Roland nimmt eine klare Haltung an gegenüber jeder Form von Selbstjustiz und plädiert er für eine demokratisch agierende Polizei, die sich menschlich nachvollziehbar verhält. Einzig in dieser idealisierten Charakterisierung liegt ein wenig Naivität, die dank des Verzichts auf jegliche Heroisierung der Polizei, als gerechtfertigter Wunsch an die Zukunft betrachtet werden kann – Mitte der 60er Jahre, als nur über eine Verstärkung der Polizei nachgedacht wurde, eine seltene Haltung.

Margot, die draußen auf Bruno wartet, verkörpert das durchschnittliche Bürgertum. Sie hat einen anständigen Beruf, ist bescheiden und träumt von einem Einfamilienhaus auf dem Land. Es ist rätselhaft ist, wie sie ausgerechnet an Bruno gekommen ist. Schnell wird für den Betrachter deutlich, dass sie einer naiven Täuschung obliegt und Roland hätte ihre Figur sehr leicht der Lächerlichkeit preisgeben können. Gerade die Szene, als sie Bruno vom Bahnhof abholt, ist signifikant für seinen überzeugenden Stil. Während Bruno schon überlegt, wie er möglichst schnell zu Waffen und Geld kommt, erzählt sie ihm von zugeteilten Bausparverträgen und Forelle in Aspik. Dem Film gelingt dabei genau die Gratwanderung zwischen Tragik und Komik. Das alles funktioniert besonders dank des Glanzstücks der Besetzung - Günther Ungeheuer ist als Bruno Kapp eine geniale Mischung aus gut aussehendem, coolen Gentleman und einem intelligent verschlagenen Gewaltverbrecher. Immer entspannt agierend, ohne sich zu lauten Worten hinreißen zu lassen, verkörpert er den charismatischen Typ, dem man zutraut, einerseits brutal durchzugreifen, andererseits attraktiv auch auf bürgerliche Frauen zu wirken. Daraus entsteht eine erhebliche Spannung, da ihm alles zuzutrauen ist. 

Trotz des Dramas zwischen den drei Protagonisten, bedeutet das Leben auf der Reeperbahn den Kern des Films. Roland erzählt viele kleine Geschichten, die sich in den zwei hier geschilderten Tagen abspielen - Szenen auf der Polizeiwache, in Bordellen, Striptease- und sonstigen Lokalen, im Gericht und auf der Straße - manchmal nur sekundenlang, dann eine längere Sequenz. Ob er einen angetrunkenen Möchtegern (hervorragend Hanns Lothar) eine sich selbst demaskierende Rede auf der Polizeiwache halten lässt oder wortlos Straßenszenen von spielenden Kindern zeigt, nie beansprucht er, etwas zu Ende zu erzählen, sondern hält nur kurz drauf und erreicht dabei eine atmosphärische Dichte, wie sie nur wenige deutsche Filme dieser Zeit aufweisen können.

"Polizeirevier Davidswache" Deutschland 1964, Regie: Jürgen Roland, Drehbuch: Wolfgang MengeDarsteller : Wolfgang Kieling, Hannelore Schroth, Günther Ungeheuer, Günther Neutze, Jürgen DraegerLaufzeit : 98 Minuten

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