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Freitag, 15. August 2014

Morituri (1948) Eugen York

Inhalt: Der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), dessen Frau (Winnie Markus) von der SS ermordet wurde, wird jeden Tag im Konzentrationslager gezwungen, die schon völlig entkräfteten Männer für den Arbeitsdienst freizugeben. Mit einer echten ärztlichen Diagnose hat seine Arbeit nichts zu tun, weshalb die Masse an ausgemergelten Leibern vor seinen Augen langsam verschwimmt, bis er in Trance von „arbeitstauglich“ in „untauglich“ wechselt, womit er die Männer quasi zum Tod verurteilt.

Während diese in einer Baracke auf ihre baldige Hinrichtung warten, kommt ihnen Dr.Bronek zu Hilfe und ermöglicht Ihnen die Flucht, indem er den Strom kurz ausschaltet und Bretter gibt, mit den sie über den Stacheldraht klettern können. Die meisten von ihnen werden erschossen, aber Bronek und vier Männer können in einem dichten Wald untertauchen, wo sie in einer kleinen Lichtung auf andere Flüchtlinge treffen. Diese ernähren sich von Hilfsgaben aus den umliegenden polnischen Dörfern und warten auf die heranrückende Front…

 "Morituri" (1948) gehört nicht nur zu den ersten Filmen, die nach dem Krieg in Westdeutschland entstanden, sondern setzte sich als einer der ersten mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinander - Nationalsozialismus, KZ, Judenverfolgung und Krieg. Produzent Arthur Brauner, der das Drehbuch auf Basis seiner eigener Erfahrungen als polnischer Jude schrieb, stieß auf erheblichen Widerstand bei der Umsetzung, weshalb die Finanzierung erst nach seinem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" feststand. Doch auch in den Kinos wurde der Film heftig abgelehnt und ein großer Misserfolg. Dass die PIDAX ihn ab dem 22.08.2014 wieder der Vergessenheit entreißt, war überfällig. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).










Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich die Schwierigkeiten vorzustellen, die sich vor einem jungen Produzenten auftürmten, als er unmittelbar nach dem Ende des 2.Weltkriegs im zerstörten Deutschland versuchte, ein Filmprojekt auf die Beine zu stellen. Doch mit einem derartig großen Widerstand hatte Arthur Brauner, ein überlebender polnischer Jude, nicht gerechnet, als er bei den Besatzungsmächten um eine Genehmigung nachsuchte. Sein selbst verfasstes Drehbuch trug autobiografische Züge in der Beschreibung von Flüchtigen und Untergetauchten, die sich unter lebensunwürdigen Umständen vor der SS und der Wehrmacht versteckten, aber trotz der kritischen Sichtweise auf die unmittelbare Vergangenheit brauchte er lange, um mit den Dreharbeiten beginnen zu können - zudem erst nach dem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" (1947), der ihm die notwendigen finanziellen Mittel einbrachte.

Für Brauner, einem der aktivsten und einflussreichsten Produzenten im deutschen Film nach dem Krieg bis in die Gegenwart, blieb die Mischung aus massenkompatiblen ("Die große Star-Parade" (1954)) und gesellschaftskritischen Themen ("Der 20.Juli" (1955)) stilprägend. Unabhängig davon bewies er immer auch ein Gefühl für angesagte, kassentaugliche Stoffe - nur sein Herzensprojekt "Morituri" (lateinisch „Die Todgeweihten“) erlitt völligen Schiffbruch und wurde nur in wenigen Kinos aufgeführt, die den Film nach der Premiere auf Grund heftiger Reaktionen des Publikums schnell wieder absetzten. Die reflektierte und ernsthafte Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Judenverfolgung kam für die Deutschen offensichtlich viel zu früh und erlitt das häufige Schicksal zeitnah erschienener gesellschaftskritischer Filme - erst wurde er abgelehnt, dann geriet er in Vergessenheit. Nur dem ersten Auftritt von Klaus Kinski verdankte der Film noch eine gelegentliche Erwähnung - bemerkenswert an dessen kleiner Rolle als KZ-Gefangener ist, wie sehr sie schon die psychopathischen Züge der Charaktere trägt, für die Kinski später berühmt werden sollte.

Dabei bemühte sich Brauner um das damalige Publikum und engagierte bekannte Filmschauspieler wie Winnie Markus („Sommerliebe“ 1942), Lotte Koch („Anschlag auf Baku“ 1942), Carl-Heinz Schroth („Krach im Vorderhaus“, 1941) und den Theater-Mimen Walter Richter für die Hauptrollen, die schon während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgreich waren. Regisseur Eugen York drehte zwar seinen ersten Kinofilm, war aber viele Jahre bei der „Universum“ für Kulturfilme verantwortlich und an der Propaganda-Serie „Liese und Miese“ beteiligt, was im Widerspruch zu Brauners späterer Aussage stand, nicht mit Wolfgang Staudte und Hildegard Knef wegen ihrer Nazi-Vergangenheit zusammenarbeiten zu wollen. Insgesamt verharrte die Inszenierung noch in den damaligen Konventionen und erinnert, bedingt durch die schwierigen Produktionsbedingungen, die nur wenige Außenaufnahmen zuließen, mehr an ein Theaterstück.

Frühjahr 1945 im besetzten Polen - nachdem der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), ermüdet von dem Anblick ausgemergelter Körper, denen er Arbeitsfähigkeit bescheinigen sollte, einige Männer nahezu in Trance als „arbeitsuntauglich“ bezeichnete, warten diese in einem Trakt des KZ auf ihr Todesurteil – bis Dr.Bronek, der sich freier bewegen kann, ihnen zur Flucht verhilft. Angesichts der schwer bewachten Konzentrationslager, wirkt diese spontane Aktion etwas naiv, aber Brauner ging es nicht um einen Ausbruchfilm, sondern um die Zusammenkunft von Flüchtlingen unterschiedlicher Beweggründe und Nationen an einem Ort. Mitten im Wald treffen die wenigen Überlebenden der Flucht auf eine Not-Gemeinschaft, die versucht so lange durchzuhalten, bis die Front bis zu ihnen vorgerückt ist und sie befreit werden.

Der Verzicht auf bewusst zugespitzte Gefahrenmomente zugunsten einer ruhigen, sprachlastigen Auseinandersetzung unter den Flüchtlingen - erst in den letzten Minuten steigert „Morituri“ sein Spannungspotential – war dem Erfolg des Films sicherlich nicht dienlich, ist so kurz nach dem Krieg aber erstaunlich in dem Versuch einer ausgewogenen Betrachtung. Ein junger Wehrmachtssoldat gerät zufällig in das Versteck und wird gefangen genommen. Einige der psychisch und physisch misshandelten Opfer wollen sich zuerst an ihm rächen, aber in einer Art Gerichtsverhandlung, die an Fritz Langs „M“ (1931) erinnert, beschließen sie, sich nicht wie ihre Peiniger zu verhalten und Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Indem Brauner die Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache reden ließ – konsequent ohne Untertitel, leider nicht immer überzeugend, da sich deutsche Darsteller polnisch, englisch und französisch ausdrücken mussten – betonte er noch den Zusammenhalt dieser zusammengewürfelten Gruppe, die die Utopie eines übergreifenden Friedens symbolisieren sollte.

Die klare Benennung der Nazi-Gräuel und das offensichtliche Leid der Opfer sind auch aus heutiger Sicht bemerkenswert, ebenso der Verzicht auf typische Nazi-Klischees oder Einzeltäter-Thesen, aber der verständliche Versuch Brauners, seinen engagierten Film dem damaligen Publikum schmackhaft zu machen, lässt diesen zu oft in Unterhaltungsfilm-Mechanismen verfallen mit einer netten Liebesgeschichte und komisch-herzig bis dramatisch angelegten Nebengeschichten. Geholfen hat es dem Film nicht – im Gegenteil. Die Mehrheit der westdeutschen Zuschauer lehnten „Morituri“ trotzdem als „deutschfeindlich“ ab, für einen kritischen Film blieb er dagegen zu oberflächlich und wirkte in seiner ideologiefreien Perspektive zu naiv. Erst mit dem zeitlichen Abstand wird die Leistung Brauners ersichtlich, der sich aus dem Blickwinkel eines unmittelbar Betroffenen ohne Ressentiments mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als einer der Ersten im Rahmen eines Unterhaltungsfilms auseinandersetzte.

"Morituri" Deutschland 1948, Regie: Eugen York, Drehbuch: Arthur Brauner, Gustav Kampendonk, Darsteller : Walter Richter, Lotte Koch, Carl-Heinz Schroth, Winnie Markus, Hilde Körber, Klaus KinskiLaufzeit : 84 Minuten

Montag, 5. August 2013

Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ákos Ráthonyi



Inhalt: Nachdem schon die dritte Frauenleiche in London aufgefunden worden war, der gelbe Narzissen auf den toten Körper gelegt wurden, glaubt Chefinspector Witheside (Walter Gotell) von Scotland Yard an einen psychopathischen Serienmörder. Doch der für eine internationale Fluggesellschaft arbeitende Agent Jack Tarling (Joachim Fuchsberger) denkt in eine ganz andere Richtung, nachdem Drogen entdeckt wurden, die in präparierten gelben Narzissen versteckt worden waren. Zudem kann es kein Zufall sein, dass die ermordeten jungen Frauen alle im Dunstkreis eines Nachtclubs beschäftigt waren, der dem reichen Geschäftsmann Raymond Lyne (Albert Lieven) gehört.

Lyne zeigt sich selbstverständlich unschuldig und kooperativ in der Zusammenarbeit mit der Polizei, abgesehen von einem verräterischen Telegramm, das auf eine Lieferung mit gelben Narzissen hinwies, aber plötzlich verschwunden ist. Selbst Lynes Sekretärin Anne Ryder (Sabine Sesselmann), die gegenüber Tarling das Telegramm zuvor noch erwähnt hatte, kann sich nicht mehr daran erinnern. Tarling und sein Mitarbeiter aus Hongkong, Ling Chu (Christopher Lee), verlegen ihre Nachforschungen deshalb immer mehr in das Umfeld des Nachtclubs, scheinen damit aber weitere Morde zu provozieren…


"Das Geheimnis der gelben Narzissen" war Mitte des Jahres schon die dritte Verfilmung eines Edgar-Wallace-Romans des Jahrgangs 1961und brach erneut den Besucherrekord, den erst wenige Monate zuvor der fünfte Edgar-Wallace-Film "Die toten Augen von London" aufgestellt hatte. Die Rialto Film, die in immer kürzeren Abständen neue Wallace-Filme produzierte, hatte sich wieder etwas Neues einfallen lassen, nachdem der ursprüngliche Plan, Harald Reinl und Jürgen Roland abwechselnd als Regisseure einzusetzen, mit Rolands Verzicht fallen gelassen werden musste. Bevor Reinl bei der siebten Rialto-Produktion "Der Fälscher von London" wieder auf dem Regiestuhl Platz nehmen sollte, entstand "Das Geheimnis der gelben Narzissen" als erster Edgar-Wallace-Film in Großbritannien, was dem Film nicht nur ein internationales Ambiente verlieh, sondern die ausschließlich an Originalschauplätzen entstandenen Außenaufnahmen ungewöhnlich authentisch erscheinen ließ.

Der international tätige, ungarische Regisseur Ákos Ráthonyi übernahm die Aufgabe, den englisch-deutsch co-produzierten Film in zwei verschiedenen Fassungen herzustellen, die für den jeweiligen Markt mit drei national bekannten Darstellern in den Hauptrollen besetzt wurden - für Deutschland waren neben Newcomerin Sabine Sesselmann, mit Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski zwei wichtige Wallace-Identifikationsfiguren am Start. Der restliche Cast, der an beiden Versionen mitwirkte, setzte sich etwa gleichberechtigt aus englischen und deutschen Darstellern zusammen, darunter mit Christopher Lee der bekannte englische Mime aus den Hammer-Film-Produktionen, sowie die im deutschen Film viel beschäftigten Albert Lieven und Ingrid van Bergen, die ihr verruchtes Lied "Bei mir ist alles Natur" auch in einer englischen Version sang. Während es für Ingrid van Bergen bei diesem einmaligen Engagement in einem Wallace-Krimi blieb, spielte Albert Lieven neben einem späten Auftritt in "Der Gorilla von Soho" (1968) noch die Hauptrolle in "Das Verrätertor" (1964).

Die außergewöhnlichen Umstände bei der Entstehung des Films, an dessen Drehbuch neben Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen - auch jeweils zwei deutsche und englische Autoren beteiligt waren, verliehen diesem eine hohe Werbewirksamkeit, die einen Teil des Erfolgs ausmachten. Besonders Christopher Lee konnte in seiner Rolle des geheimnisvollen chinesischen Ermittlers überzeugen, weshalb er in "Das Rätsel der roten Orchidee" (1962) ein Jahr und drei Wallace-Filme später sogar in der Hauptrolle besetzt wurde. "Das Geheimnis der gelben Narzissen"  wurde entsprechend zum Beginn einer experimentellen Phase in den deutschen Wallace-Verfilmungen, denn auch die zwischen den beiden Christopher Lee-Filmen entstandenen "Der Fälscher von London" (1961) und  "Die seltsame Gräfin" (1961) unterscheiden sich deutlich vom gewohnten Wallace-Film-Klischee.

Während die Idee einer englisch-deutschen Co-Produktion damals die Möglichkeit einer stimmigen Umsetzung des 1920 erschienenen frühen Wallace-Romans "The daffodil mystery" versprach, kehrte sich die allgemein positive Stimmung später ins Gegenteil. Das konsequent ernsthafte, die Originalstory geschickt modernisierende Drehbuch verzichtete nicht nur auf Eddie Arent als komischen Side-Kick - das einzige Mal in der frühen "Schwarz-Weiß"-Phase -  sondern auch auf eine übertrieben verwirrend gestaltete Handlung. Zwar geraten auch hier wieder  - wie bei Edgar Wallace gewohnt - unterschiedliche Interessen aneinander und ergeben ein tödliches Gemisch, aber die Nachforschungen von Joachim Fuchsberger als Agenten einer Fluggesellschaft, dessen Mitarbeiter aus Hongkong Ling Chu (Christopher Lee) und dem zuerst an einen psychopathischen Mörder glaubenden Chefinspector Witheside (Walter Gotell) verlieren nie den Zug zu einer Auflösung, die nicht an den Haaren herbeigezogen wirkt. Auch Klaus Kinskis frühe Darstellung eines psychisch gestörten Menschen - eine Steigerung seiner Rolle in "Die toten Augen von London" - verfügt hier noch über einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Auch optisch kann der Film - neben den körnigen Bildern eines nächtlichen London - mit den jeweils von Narzissen drapierten Leichen, schönen Frauen und einem erotischen Auftritt von Ingrid van Bergen überzeugen, verzichtete aber auf die gewohnt Nebel verhangenen, mit starkem hell-dunkel Kontrast versehenen Gruselszenen. Die Drogenthematik, besonders die Sucht der jungen Katya (Dawn Beret), wird nur oberflächlich als Hintergrund für die Kriminalstory genutzt, wie auch die Folterung durch Ling Chu verharmlost wird, aber sie sind Teil eines stimmigen Gesamtbilds, das ohne die typischen Relationen vieler Wallace-Krimis auskommt, die zwar mit gruseligen Schwerverbrechen schocken wollten, gleichzeitig aber moralischen Anstand predigten. Selbst Joachim Fuchsberger hält sich als Macho vom Dienst auffallend zurück, während Sabine Sesselmann nicht nur das beschützenswerte Opfer gibt.

Belohnt wurde diese gelungene zeitgenössische Umsetzung eines Wallace-Romans nicht, denn für die ab den 70er Jahren entstehende Fangemeinde wurde die Veröffentlichungspraxis im TV prägend, die sich nicht an der chronologischen Erscheinung der Filme orientierte, sondern an dem von Harald Reinl und Alfred Vohrer entwickelten typischen Wallace-Stil. Dagegen fällt "Das Geheimnis der gelben Narzissen" aus dem Rahmen, der auch nicht über die beliebten "trashigen" Elemente der späten Filme verfügt, sondern über eine seltene individuelle Qualität innerhalb des Wallace-Kosmos.

"Das Geheimnis der gelben Narzissen" Deutschland 1961, Regie: Ákos Ráthonyi, Drehbuch: Egon Eis, Gerhard F.Hummel, Horst Wendlandt, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Sabine Sesselmann, Albert Lieven, Ingrid van Bergen, Klaus Kinski, Christopher LeeLaufzeit : 91 Minuten

Donnerstag, 11. Juli 2013

Die toten Augen von London (1961) Alfred Vohrer

Inhalt: Erneut wird eine Leiche in der Themse gefunden, die keinerlei Gewaltspuren aufweist, weshalb die Polizei von „Tod durch Ertrinken“ ausgehen muss. Nur Inspector Holt (Joachim Fuchsberger) glaubt nicht an ein Unglück, da es sich jedes Mal um reiche ältere Herren aus Übersee handelte, die keine Verwandten mehr haben, dafür ihr Leben aber bei der selben Gesellschaft versichert hatten. Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), der Chef des Unternehmens, wirkt nicht nur seriös, sondern zeigt sich auch ehrlich betroffen. Inspector Holt ahnt nicht, dass Judd von „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) erpresst wird, wundert sich aber über dessen Umgang – auch sein Sekretär Edgar Strauss (Klaus Kinski) ist ein alter Bekannter der Polizei.

Um einen Zettel mit Blindenschrift entziffern zu können, die sie bei einer der Leichen gefunden haben, holt sich die Polizei Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die als ehemalige Blinden-Betreuerin dazu in der Lage ist. Inspector Long glaubt, dass die „Bande der blinden Hausierer“ unter der Leitung des „Blinden Jack“ (Ady Berber) wieder aktiv ist, den er im Blindenheim vermutet. Doch Reverend Dearborn (Dieter Borsche), der das Heim seit einiger Zeit leitet, hat Jack schon länger nicht mehr gesehen…


Der fünfte von der Rialto produzierte Edgar-Wallace-Film brachte einige Neuerungen, die zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen der inzwischen etablierten Reihe führen sollten. Erstmals unterbrach mit Alfred Vohrer ein neuer Regisseur die bisher alternierende Besetzung von Harald Reinl und Jürgen Roland. Roland hatte mit seiner ironischen Umsetzung des vierten Wallace-Streifens "Der grüne Bogenschütze" (1961) seinen Abschied genommen und Reinl, der normalerweise an der Reihe gewesen wäre, kam erst wieder beim siebten Wallace-Film "Der Fälscher von London" (1961) zum Zuge, da das Drehbuch zum geplanten "Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961) - der dann als sechster Film herauskam - noch überarbeitet werden musste.

Neben Alfred Vohrer traten weitere Akteure ins Rampenlicht, die prägend für die Wallace-Reihe werden sollten, allen voran Klaus Kinski, der hier in der Rolle des Sekretärs eines Versicherungsunternehmens noch einen für seine Verhältnisse gemäßigten Charakter spielte. Abgesehen von seinem Auftritt in der weniger bekannten Wallace-Verfilmung "Der Rächer" (1960), die nicht von der Rialto produziert wurde, steht  "Die toten Augen von London" für den Beginn eines nervösen, zum Irrsinn neigenden Verbrecher -Typus, auf den Klaus Kinski noch in vielen weiteren Genre-Filmen festgelegt sein sollte. Auch Dieter Borsche und Karin Baal als "Love-Interest" von Joachim Fuchsberger - immerhin schon zum dritten Mal in der männlichen Hauptrolle besetzt - traten erstmals in einem Wallace-Film auf, blieben aber seltene Gäste der Reihe. Dagegen begann hier der ehemalige österreichische Freistilringer Ady Berber seine Karriere als "Monster vom Dienst", die ihm bis zu seinem frühen Tod 1966 noch einige Rollen in diversen Kriminalfilmen, darunter zwei weiteren Wallace-Streifen („Das indische Halstuch“, 1963), einbringen sollte.

Das Drehbuch zu "Die toten Augen von London" übernahm ein alter Bekannter, denn mit Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen auftretend - setzte wieder der schon für die ersten beiden Wallace-Filme verantwortliche Autor die 1924 erschienene Romanvorlage "The dark eyes of London" in ein filmisches Konzept um. Entsprechend konservativ und deutlich ernsthafter als "Der grüne Bogenschütze" näherte sich Alfred Vohrer seinem ersten Wallace-Film und setzte dabei verstärkt auf die typischen Merkmale der Reihe. Nebelschwaden, starker Kontrast der Schwarz-Weiß Bilder (im Vorspann wurde erstmals Farbe eingesetzt) und beliebte Orte wie dunkle Hafengegenden, verwinkelte Gassen oder anrüchige Nacht-Clubs bildeten den Hintergrund für eine klassische Story, in der es an Leichen nicht mangeln durfte. Selbst der obligatorisch besetzte Eddie Arent als Sgt. „Sunny“ Harvey wurde entgegen seinen beiden letzten Auftritten wieder deutlich zurückgefahren und gibt einen ernsthaften Polizeibeamten mit kleinen Schrullen.

Opfer werden reiche, ältere Herren aus Übersee, die über keine weitere Verwandtschaft verfügen, aber hohe Versicherungen auf ihr Leben abgeschlossen haben  – zwar gelten sie offiziell als ertrunken, aber ihr doch sehr präzises Profil lässt auf eine perfide Planung schließen. Inspector Larry Holt (Joachim Fuchsberger) begreift schnell, dass die Männer ermordet wurden, kann seinen Verdacht aber nicht beweisen. Eine Spur führt zu der Greenwich-Versicherung, bei der alle Toten ihr Leben abgesichert hatten, aber Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), Rechtsanwalt und Chef des Unternehmens, dessen Bruder und Partner vor kurzem verstorben war, wirkt seriös und ist zudem Leidtragender der überraschenden Sterbefälle, da er gezwungen ist, die Versicherungssummen auszuzahlen. Bewegung kommt in die Angelegenheit als mit Gordon Stewart ein Mann in der Themse aufgefunden wird, der sein Erbe noch zuvor seiner Tochter vermacht hatte, die aber bei der Geburt gestorben sein soll, was nicht nur den Tätern zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Trotz vieler undurchsichtiger Vorgänge und Nebenfiguren, gelang es Alfred Vohrer den Überblick zu bewahren, weshalb die Story nachvollziehbar bleibt, auch wenn die Zufälle sich wie gewohnt häufen. Selbst hinter Nora Ward (Karin Baal) - ursprünglich dem Inspector nur zur Seite gestellt, um die Zettel mit Blindenschrift zu entziffern, die den Leichen zugesteckt wurden und ihn auf die Spur des von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) geleiteten Blindenheims bringen - verbirgt sich noch ein typisches Wallace-Geheimnis. Weniger geheimnisvoll entwickelte sich hingegen die Liebesgeschichte zwischen Nora und dem Inspector, der auf seine Macho-Allüren zwar größtenteils verzichtete, an Noras zukünftiger Rolle als Ehefrau und Mutter aber keinen Zweifel ließ – so viele Leichen auch die Themse herunter schwimmen, die moralische Ordnung blieb gewahrt.

Alfred Vohrer gelang mit „Die toten Augen von London“ ein großer Erfolg, der ihn zum wichtigsten und meist beschäftigten Regisseur der Reihe werden ließ. Er nahm die wesentlichen Standards der Reihe, die Harald Reinl schon in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) etabliert hatte, wieder auf, und entwickelte sie konsequent weiter, dabei weniger auf Humor, als auf eine ernsthafte Handlung setzend. Kombiniert mit den „Toten Augen“, mit denen der „Blinde Jack“ (Ady Berber) und Reverend Dearborn in die Kamera starren, entstand eine gruselige Atmosphäre, die die konventionelle Story vergessen ließ.

"Die toten Augen von London" Deutschland 1961, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Egon Eis, Wolfgang Lukschy, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Ida Ehre, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Harry Wüstenhagen, Eddie Arent, Joseph Offenbach, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Schmutziger Engel" (1958) 

Donnerstag, 21. März 2013

Der letzte Ritt nach Santa Cruz (1964) Rolf Olsen


Inhalt: Kurz nachdem er aus dem Gefängnis entlassen wurde, überfällt Pedro Ortiz (Mario Adorf) die Haftanstalt, um auch seinen Freund Carlos (Thomas Fritsch) zu befreien, den er dort kennengelernt hatte. Gemeinsam mit ihm, José (Klaus Kinski), Fernando (Sieghardt Rupp) und der schönen Juanita (Marisa Mell) will er sich endlich die Beute aus seinem Goldraub holen, die er in einem unwegsamen Berggelände versteckt hatte. Auch der Bar-Pianist Woody (Walter Giller) schließt sich der Gruppe an.

Doch zuvor will Ortiz sich noch an Rex Kelly (Edmund Purdom) rächen, der ihn damals ins Gefängnis gebracht hatte. Inzwischen arbeitet er nicht mehr als Sheriff, sondern als Vorstand einer Bank, weshalb Ortiz seine Frau (Marianne Koch) und seinen Sohn entführt, um ihn zu zwingen, seine eigene Bank auszurauben. Beide nimmt er auch auf den beschwerlichen Weg zu der versteckten Beute mit, weshalb sich Rex Kelly an seine Fersen heftet…


Die Produzenten von "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" hatten prinzipiell alles richtig gemacht, denn sie hatten die Zeichen der Zeit erkannt. Während sich der Erfolg des Italo-Westerns erst anbahnte - Sergio Leone drehte seinen ersten Western "Per un pugno di dollari“ (Für eine Handvoll Dollar) parallel, ebenfalls mit Marianne Koch in der weiblichen Hauptrolle - siedelten sie ihre Geschichte auch schon in den staubigen Gefilden der südlichen USA, im Grenzgebiet zu Mexico, an. Entscheidender für die Wegbereitung des Westerns im deutschen Kino, waren aber die Erfolge der Karl May -Verfilmungen "Der Schatz im Silbersee" (1962) und "Winnetou I" (1963), von dem sie konsequenterweise gleich Mario Adorf als Bösewicht übernahmen. Auch die Besetzung Klaus Kinskis als Bandit erwies sich als prophetisch, denn nach seinen Schurken-Rollen in den Edgar-Wallace Verfilmungen sollte "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" der Beginn einer langen Western-Karriere werden.

Die Verpflichtung Edmund Purdoms, einem damals populären englischen Darsteller, für die Heldenrolle Rex Kelly, war dem Versuch geschuldet, internationale Standards erreichen zu wollen, wie es im Euro-Western zu Beginn üblich war, aber die Besetzung zweier wichtiger Nebenrollen mit Walter Giller und Thomas Fritsch verweisen schon auf deutsche Eigenheiten. Giller war damals sehr populär, während Fritsch als viel versprechender Newcomer und jugendlicher Held galt, aber auch ihre Dreitagebärte können nicht darüber hinweg täuschen, dass sie in dem Western wie Fremdkörper agieren. Man könnte das als nebensächlich ansehen, wenn die Gestaltung ihrer Rollen nicht symptomatisch für das Drehbuch von Herbert Reinecker und Rolf Olsens Regie-Arbeit wäre, die erstmals im Western-Genre arbeiteten.

Es sind weniger die fehlende Härte und die trotz der staubigen Umgebung meist saubere Kleidung und glatten Gesichter, die im Gegensatz zu Leones für den Italo-Western stilbildenden Werk stehen - "Der letzte Ritt nach Santa Cruz" orientierte sich in dieser Hinsicht eindeutig an den Karl May-Verfilmungen - sondern die fehlende Authentizität in den Charakterisierungen, die an pubertäre Western-Fantasien erinnern und selbst klischeehafte US-Western nicht erreichen. Der Film hinterlässt über seine gesamte Laufzeit den Eindruck, als wollten ein paar deutsch/österreichische Filmemacher in ihrem Filmstudio-Sandkasten einmal Western spielen - angesichts einer Darstellerriege, die bei diversen späteren Gelegenheiten beweisen sollte, wie überzeugend sie dieses Szenario zu verkörpern in der Lage ist, ein Armutszeugnis.

Nun kann dieser Vorwurf auch einer Vielzahl der Karl-May Verfilmungen aus deutscher Produktion gelten, aber dort wurde eine intensive Identifikation mit den Protagonisten erreicht, die hier vollständig fehlt. Darin zeigt sich die Schwäche eines Drehbuchs, das Konflikte immer nur andeutet, ohne sich weiter auf sie einzulassen. So muss eine an TV-Vorabendserien erinnernde Familienkostellation, bestehend aus Frau und kleinem - in seiner piepsigen, altklugen Art, nervenden - Sohn reichen, um den anständigen Rex Kelly zu einem „Verbrechen“ zu motivieren, denn er ist gezwungen seine eigene Bank auszurauben, um sie zu retten, nachdem sie in die Gewalt des Bandenbosses Pedro Ortiz (Mario Adorf) geraten sind. Einen Moment besteht die Gefahr von seinem eigenen Nachfolger als Sheriff verhaftet zu werden, aber Kelly kann sich mit Gewalt befreien. Doch anstatt diesen inneren Konflikt auf Grund der ungerechfertigten Anschuldigung weiter zu verfolgen, die Edmund Purdom auch die Möglichkeit gegeben hätte, seiner sonst oberflächlichen Figur mehr Tiefe zu verleihen, kommt der Film nicht mehr darauf zurück.

Ähnliches gilt für seinen Gegenspieler Pedro Ortiz, der als sehr gefährlich gilt, was er zu Beginn auch unter Beweis stellt, indem er seinen Freund Carlos (Thomas Fritsch) aus dem Gefängnis befreit, aus dem er selbst erst kurz zuvor entlassen wurde. Für Carlos soll Ortiz eine Art Vaterfigur sein, aber ihre Beziehung lässt sich nicht nachempfinden, da der als Identifikationsfigur für die Jugend vorgesehene glattgesichtige Fritsch nur darauf aus ist, seinen guten Charakter zu beweisen, der mit Verbrechern nichts gemein hat – wie konnte der Knabe nur im Gefängnis landen? Noch unglaubwürdiger ist Woody Johnsons (Walter Giller) Anbiederung an Pedro Ortiz, denn seine penetrante unterwürfige Kriecherei müsste den selbst verliebtesten Gangster misstrauisch werden lassen. Leider erschließt sich auch die Beziehung zwischen der attraktiven Juanita (Marisa Mell) und Ortiz keinen Moment, obwohl sie gut vorstellbar ist, aber der Film verweigert sich familiengerecht jeder erotischen Andeutung.

Das zwingt den optisch überzeugenden Mario Adorf ständig dazu, zwischen üblem Schurken und inkonsequentem Weichling zu wechseln. Mal darf er den abtrünnigen, da inzwischen anständig gewordenen Carlos aus dem Hinterhalt erschießen, damit Fritsch den Heldentod sterben kann, mal nimmt er ohne Grund Kellys Frau mit auf den beschwerlichern Weg und betreut deren Sohn Steve, als wären sie auf einem Familienausflug. Ursprünglich hatte er sich an Kelly rächen wollen, der ihn ins Gefängnis gebracht hatte, doch während er kein Problem damit hat, einen hilflosen Großgrundbesitzer eiskalt zu ermorden, schickt er jedesmal einen seiner Männer vor, um Kellys Verfolgung zu unterbinden. Dabei besitzt er alle Trümpfe und könnte ihm seinen Willen diktieren. Stattdessen ermöglicht er es Kelly so, im Kampf Mann gegen Mann seine Streitmacht zu reduzieren. Man könnte darin auch die Demaskierung eines angeblich harten Burschen erkennen, bei dem es sich um einen Feigling handelt, aber dafür fehlt es Adorfs Rolle an charakterlicher Tiefe.

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" erinnert mehr an harmlose deutsche Unterhaltungsfilme als an einen spannenden Western, aber wahrscheinlich genügte es Anfang der 60er Jahre schon, dass Adorf und Kinski zwischendurch mordlüsternen Wahnsinn aufblitzen ließen und eine anständige Ehefrau und ihr blonder Junge in Gefahr gerieten, um den Betrachtern den Angstschweiß auf die Stirn zu zaubern. Mit den Rollen von Giller und Fritsch als angeblichen Verbrechern war der Zenit an Tiefgründigkeit und Differenziertheit zudem schon erreicht, weshalb man auf weitere Ambitionen in der Rollengestaltung verzichtete, sieht man von Marisa Mells krampfhaft, gequältem Gesichtsausdruck einmal ab, mit dem sie sich selbst in die Luft jagt.

Ob man dem Film heute noch einen gewissen, unfreiwilligen Charme zugesteht oder in ihm einen legitimen Vertreter des damaligen Zeitgeistes sieht, der einige Strömungen frühzeitig erkannte, liegt im Auge des Betrachters. "Der letzte Ritt von Santa Cruz" blieb einer der wenigen Versuche im deutschen Film, die härtere Gangart der Italo-Western mitzugehen, reihte sich hinsichtlich der Story und Charakterisierungen aber nur in die harmlosen, dafür aber kommerziell erfolgreichen Karl-May Filme ein.

"Der letzte Ritt nach Santa Cruz" Deutschland/Österreich 1964, Regie: Rolf Olsen, Drehbuch: Herbert ReineckerDarsteller : Mario Adorf, Edvard Purdom, Marianne Koch, Klaus Kinski, Walter Giller, Thomas Fritsch, Sieghardt Rupp, Marisa Mell, Laufzeit : 93 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Rolf Olsen: