Montag, 5. August 2013

Das Geheimnis der gelben Narzissen (1961) Ákos Ráthonyi



Inhalt: Nachdem schon die dritte Frauenleiche in London aufgefunden worden war, der gelbe Narzissen auf den toten Körper gelegt wurden, glaubt Chefinspector Witheside (Walter Gotell) von Scotland Yard an einen psychopathischen Serienmörder. Doch der für eine internationale Fluggesellschaft arbeitende Agent Jack Tarling (Joachim Fuchsberger) denkt in eine ganz andere Richtung, nachdem Drogen entdeckt wurden, die in präparierten gelben Narzissen versteckt worden waren. Zudem kann es kein Zufall sein, dass die ermordeten jungen Frauen alle im Dunstkreis eines Nachtclubs beschäftigt waren, der dem reichen Geschäftsmann Raymond Lyne (Albert Lieven) gehört.

Lyne zeigt sich selbstverständlich unschuldig und kooperativ in der Zusammenarbeit mit der Polizei, abgesehen von einem verräterischen Telegramm, das auf eine Lieferung mit gelben Narzissen hinwies, aber plötzlich verschwunden ist. Selbst Lynes Sekretärin Anne Ryder (Sabine Sesselmann), die gegenüber Tarling das Telegramm zuvor noch erwähnt hatte, kann sich nicht mehr daran erinnern. Tarling und sein Mitarbeiter aus Hongkong, Ling Chu (Christopher Lee), verlegen ihre Nachforschungen deshalb immer mehr in das Umfeld des Nachtclubs, scheinen damit aber weitere Morde zu provozieren…


"Das Geheimnis der gelben Narzissen" war Mitte des Jahres schon die dritte Verfilmung eines Edgar-Wallace-Romans des Jahrgangs 1961und brach erneut den Besucherrekord, den erst wenige Monate zuvor der fünfte Edgar-Wallace-Film "Die toten Augen von London" aufgestellt hatte. Die Rialto Film, die in immer kürzeren Abständen neue Wallace-Filme produzierte, hatte sich wieder etwas Neues einfallen lassen, nachdem der ursprüngliche Plan, Harald Reinl und Jürgen Roland abwechselnd als Regisseure einzusetzen, mit Rolands Verzicht fallen gelassen werden musste. Bevor Reinl bei der siebten Rialto-Produktion "Der Fälscher von London" wieder auf dem Regiestuhl Platz nehmen sollte, entstand "Das Geheimnis der gelben Narzissen" als erster Edgar-Wallace-Film in Großbritannien, was dem Film nicht nur ein internationales Ambiente verlieh, sondern die ausschließlich an Originalschauplätzen entstandenen Außenaufnahmen ungewöhnlich authentisch erscheinen ließ.

Der international tätige, ungarische Regisseur Ákos Ráthonyi übernahm die Aufgabe, den englisch-deutsch co-produzierten Film in zwei verschiedenen Fassungen herzustellen, die für den jeweiligen Markt mit drei national bekannten Darstellern in den Hauptrollen besetzt wurden - für Deutschland waren neben Newcomerin Sabine Sesselmann, mit Joachim Fuchsberger und Klaus Kinski zwei wichtige Wallace-Identifikationsfiguren am Start. Der restliche Cast, der an beiden Versionen mitwirkte, setzte sich etwa gleichberechtigt aus englischen und deutschen Darstellern zusammen, darunter mit Christopher Lee der bekannte englische Mime aus den Hammer-Film-Produktionen, sowie die im deutschen Film viel beschäftigten Albert Lieven und Ingrid van Bergen, die ihr verruchtes Lied "Bei mir ist alles Natur" auch in einer englischen Version sang. Während es für Ingrid van Bergen bei diesem einmaligen Engagement in einem Wallace-Krimi blieb, spielte Albert Lieven neben einem späten Auftritt in "Der Gorilla von Soho" (1968) noch die Hauptrolle in "Das Verrätertor" (1964).

Die außergewöhnlichen Umstände bei der Entstehung des Films, an dessen Drehbuch neben Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen - auch jeweils zwei deutsche und englische Autoren beteiligt waren, verliehen diesem eine hohe Werbewirksamkeit, die einen Teil des Erfolgs ausmachten. Besonders Christopher Lee konnte in seiner Rolle des geheimnisvollen chinesischen Ermittlers überzeugen, weshalb er in "Das Rätsel der roten Orchidee" (1962) ein Jahr und drei Wallace-Filme später sogar in der Hauptrolle besetzt wurde. "Das Geheimnis der gelben Narzissen"  wurde entsprechend zum Beginn einer experimentellen Phase in den deutschen Wallace-Verfilmungen, denn auch die zwischen den beiden Christopher Lee-Filmen entstandenen "Der Fälscher von London" (1961) und  "Die seltsame Gräfin" (1961) unterscheiden sich deutlich vom gewohnten Wallace-Film-Klischee.

Während die Idee einer englisch-deutschen Co-Produktion damals die Möglichkeit einer stimmigen Umsetzung des 1920 erschienenen frühen Wallace-Romans "The daffodil mystery" versprach, kehrte sich die allgemein positive Stimmung später ins Gegenteil. Das konsequent ernsthafte, die Originalstory geschickt modernisierende Drehbuch verzichtete nicht nur auf Eddie Arent als komischen Side-Kick - das einzige Mal in der frühen "Schwarz-Weiß"-Phase -  sondern auch auf eine übertrieben verwirrend gestaltete Handlung. Zwar geraten auch hier wieder  - wie bei Edgar Wallace gewohnt - unterschiedliche Interessen aneinander und ergeben ein tödliches Gemisch, aber die Nachforschungen von Joachim Fuchsberger als Agenten einer Fluggesellschaft, dessen Mitarbeiter aus Hongkong Ling Chu (Christopher Lee) und dem zuerst an einen psychopathischen Mörder glaubenden Chefinspector Witheside (Walter Gotell) verlieren nie den Zug zu einer Auflösung, die nicht an den Haaren herbeigezogen wirkt. Auch Klaus Kinskis frühe Darstellung eines psychisch gestörten Menschen - eine Steigerung seiner Rolle in "Die toten Augen von London" - verfügt hier noch über einen nachvollziehbaren Hintergrund.

Auch optisch kann der Film - neben den körnigen Bildern eines nächtlichen London - mit den jeweils von Narzissen drapierten Leichen, schönen Frauen und einem erotischen Auftritt von Ingrid van Bergen überzeugen, verzichtete aber auf die gewohnt Nebel verhangenen, mit starkem hell-dunkel Kontrast versehenen Gruselszenen. Die Drogenthematik, besonders die Sucht der jungen Katya (Dawn Beret), wird nur oberflächlich als Hintergrund für die Kriminalstory genutzt, wie auch die Folterung durch Ling Chu verharmlost wird, aber sie sind Teil eines stimmigen Gesamtbilds, das ohne die typischen Relationen vieler Wallace-Krimis auskommt, die zwar mit gruseligen Schwerverbrechen schocken wollten, gleichzeitig aber moralischen Anstand predigten. Selbst Joachim Fuchsberger hält sich als Macho vom Dienst auffallend zurück, während Sabine Sesselmann nicht nur das beschützenswerte Opfer gibt.

Belohnt wurde diese gelungene zeitgenössische Umsetzung eines Wallace-Romans nicht, denn für die ab den 70er Jahren entstehende Fangemeinde wurde die Veröffentlichungspraxis im TV prägend, die sich nicht an der chronologischen Erscheinung der Filme orientierte, sondern an dem von Harald Reinl und Alfred Vohrer entwickelten typischen Wallace-Stil. Dagegen fällt "Das Geheimnis der gelben Narzissen" aus dem Rahmen, der auch nicht über die beliebten "trashigen" Elemente der späten Filme verfügt, sondern über eine seltene individuelle Qualität innerhalb des Wallace-Kosmos.

"Das Geheimnis der gelben Narzissen" Deutschland 1961, Regie: Ákos Ráthonyi, Drehbuch: Egon Eis, Gerhard F.Hummel, Horst Wendlandt, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Sabine Sesselmann, Albert Lieven, Ingrid van Bergen, Klaus Kinski, Christopher LeeLaufzeit : 91 Minuten

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