Mittwoch, 7. August 2013

Das Schloss in Tirol (1957) Géza von Radványi



Inhalt: Comtesse Resi (Erika Remberg) lebt mitten in den Bergen Tirols im malerischen Schloss ihrer Vorväter, aber ihr Glück ist getrübt. Die Gerichtsvollzieher bereiten unter der Aufsicht des Rechtsanwalts Dr.Altbauer (Richard Romanovsky) die Versteigerung des Inventars vor, da sie die laufenden Kosten nicht mehr bezahlen kann. Die Comtesse hatte versucht, dass Schloss zu vermieten, aber bisher hatte sich kein Interessent gemeldet. Bis plötzlich laut knatternd ein kleiner Hubschrauber neben dem Schloss landet, diesem der junge Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) entsteigt und gegenüber Resi, die gerade die Kuh melkt, um ein Gespräch mit der Hausherrin bittet. Er möchte das Schloss, samt Personal und Inventar, für ein paar Tage mieten, um einen reichen amerikanischen Geschäftsmann (Gustav Knuth) zu beeindrucken, mit dem er ein großes Geschäft plant. Als Comtesse will er diesem seine Verlobte Gloria (Christiane Nielsen) vorstellen, die er am nächsten Tag erwartet. 

Resi, die ihn in dem Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen, rügt ihn wegen dieser Mogelei, lässt aber auch deutlich werden, dass ein paar Tage Miete zu wenig sind. In seinem Überschwang verspricht Thomas Stegmann, dass Schloss ein ganzes Jahr zu mieten, sollte das Geschäft erfolgreich verlaufen, da er es sich dann leisten kann. Mit dieser Aussicht lassen sich auch die Gläubiger überreden, nicht nur die Frist etwas zu verlängern, sondern auch das Personal für den US-Amerikaner zu spielen…


Der Heimatfilm "Das Schloss in Tirol" entstand mit Karlheinz Böhm in der Hauptrolle zwischen dem zweiten und dritten Teil der "Sissi" -Trilogie, die ihn zu einem großen Kinostar werden ließ. Anders als sein ebenfalls 1957 gedrehter Abenteuerfilm "Blaue Jungs", setzte "Das Schloss in Tirol", der zwei Monate vor "Sissi - Schicksalsjahre einer Kaiserin" (1957) in die deutschen Kinos kam, auf eine verwandte Thematik um Adel, Liebe und ein wenig Dramatik, ist aber trotzdem fast vollständig in Vergessenheit geraten, obwohl die äußerlichen Zutaten stimmten. An der Seite von Karlheinz Böhm spielte Erika Remberg - die zuvor neben Adrian Hoven in "Kaiserjäger" (1956) und gemeinsam mit Böhm in "Ich war ein häßliches Mädchen" (1955) zu sehen war - die hübsche, junge Comtesse Resi, und bereicherten die erfahrenen und beliebten Darsteller Maria Andergast, Richard Romanovsky und Gustav Knuth - ebenfalls ein wichtiger Protagonist in der "Sissi"-Trilogie - die Besetzung.

Der später in der Fernsehserie "Hallo - Hotel Sacher...Portier" (1973 - 1976) und ab 1971 als Wiener Tatort Kommissar erfolgreiche Fritz Ekhardt schrieb das Drehbuch gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Géza von Radványi, der vor und nach dem 2.Weltkrieg schon mehrere Produktionen geleitet hatte, aber erst mit "Der Arzt von Stalingrad" (1958) und "Mädchen in Uniform" (1958) bekannt werden sollte. Interessant ist die Beteiligung der Wiener Schriftstellerin Gina Kaus am Drehbuch, die nach ihrer Flucht vor den Nationalsozialisten 1938 in Hollywood arbeitete, dabei unter anderen am Drehbuch zu "All I desire" (All meine Sehnsucht, 1953) von Douglas Sirk mitwirkte, und deren 1940 geschriebener Roman "Teufel nebenan" 1956 unter dem Titel "Teufel in Seide" in Deutschland verfilmt wurde. Mit Kurt Nachmann war zudem noch ein weiterer Autor am Drehbuch beteiligt, der für einige der in den 50er Jahren üblichen Adaptionen beliebter Vorkriegsfilme verantwortlich war - wie "Heimatland" (1955), "Der Kongress tanzt" (1955) oder "Wenn wir alle Engel wären" (1956).

Die Autoren versuchten das Kunststück, die populäre Adels-Thematik und typische Elemente des Heimatfilms - beeindruckende Bergpanoramen und traditionelles Brauchtum - mit der Wirtschaftswundergegenwart und moderner Technologie zu kombinieren. Einerseits leugneten sie mit der Figur der Comtesse Resi (Erika Remberg), die nach dem Tod ihres Vaters allein für das herrschaftliche Schloss verantwortlich ist, die Tatsache, dass in Österreich seit 1919 das Führen eines Adelstitels untersagt war, andererseits schickten sie mit dem Ingenieur Thomas Stegmann (Karlheinz Böhm) einen Konstrukteur in die friedlichen Berge, der mit seinem eigenen Hubschrauber herbei geflogen kommt. Doch statt die Gegensätze aufeinander prallen zu lassen, schwelgt der Film abwechselnd in Landschaftsbildern und Hubschrauber-Kunststückchen. Vielleicht sollten damit unterschiedliche optische Bedürfnisse befriedigt werden, stattdessen entstand der uneinheitliche Charakter einer Handlung, die modernes Business und gefühlige Romantik so verband, dass sie letztlich beiden Seiten nicht gerecht wurde.

Die ersten Minuten des Films sind noch viel versprechend, wenn der Ingenieur Stegmann auf eine junge Frau trifft, die sich nicht als Comtesse und damit als Schlossherrin offenbart, sondern ihn im Glauben belässt, sie wäre nur das Hausmädchen. Ihr lockerer Umgangston wirkt modern, sein Anliegen das Schloss ein paar Tage mieten zu wollen, um ein Geschäft abzuwickeln, ebenso nachvollziehbar, wie ihre finanziellen Probleme, weshalb der Gerichtsvollzieher schon vor der Tür steht - kein seltener Vorgang im Heimatfilm, wie die „Immenhof“ (1955) – Filme mit Heidi Brühl schon zeigten. Dass die weitere Handlung jede Schlüssigkeit verliert, liegt nicht an der gewohnt konstruierten Verwechslungsgeschichte, sondern an der unnötigen Kombination mit angeblich modernen Geschäftspraktiken. Schon dass Stegmann anbietet, dass Schloss gleich für ein Jahr anzumieten, wenn das Geschäft mit dem US-Amerikaner erfolgreich verläuft, widerspricht jeder seriösen Kostenkalkulation und soll nur das Schauspiel der Gläubiger in Gang setzen, die in der Hoffnung, doch noch an ihr Geld zu kommen, sich bereit erklären, das Schlosspersonal zu mimen.

Die gesamte Hintergrundstory um den Hubschrauber – welcher junge Ingenieur, der einen Finanzier sucht, kann sich schon ein solches, wenn auch abgespecktes Gerät leisten? – wirkt zunehmend lächerlich. Nicht nur, dass Karlheinz Böhm im gut sitzenden Anzug und mit akkuratem Scheitel in den Hubschrauber steigt als wäre es eine bequeme Luxuslimousine, und das es gegenüber den zufällig am Schloss vorbei gekommenen Herren der „Vereinigten Motorwerke“ am Ende genügt, wenn er kurz sein futuristisches Verkehrskonzept vorträgt, dass diese nach etwa zehn Minuten ihre Unterschrift unter einen Millionenvertrag setzen, auch der angeblich so knallharte US-Kapitalist Jack Hover (Gustav Knuth), für den der ganz Zirkus erst veranstaltet wird, erweist sich als deutschstämmiger Heimatliebender, der sich in Sophie (Maria Andersgast) verguckt und den es nicht stört, dass er gerade sein in Jahrzehnten verdientes Vermögen am Aktienmarkt verloren hat („so etwas kommt ja ständig vor“) – hauptsache er kann sich von seiner Lebensversicherung noch ein kleines Häuschen in den Tiroler Bergen leisten.

Der Kritik an dieser dümmlichen und vereinfachenden Darstellung von Business und Technik ließe sich entgegnen, dass auch die diversen Dramen im deutschen Heimatfilm kaum glaubwürdiger gestaltet wurden, aber das hieße das Publikum zu unterschätzen. Dass sich Gloria (Christiane Nielsen), die Verlobte von Klaus Stegmann, als eitles und ehrgeiziges Fotomodell erweist, damit sie ohne großes Federlesen entsorgt werden kann, um dem Traumpaar nicht im Wege zu stehen, gehörte zum guten Ton im Heimatfilm – auch wenn die Frage, warum der männliche Held eine solche Frau zuvor noch heiraten wollte, nie beantwortet wird – aber die knatternde Nebenstory um den Hubschrauber und angebliche Deals mit der Wirtschaft störten die zarte Liebesgeschichte innerhalb der schönen Tiroler Berglandschaft athmosphärisch und ließen keine romantischen Emotionen zu. Der gedankliche Ansatz, einen Heimatfilm mit einer Technikstory zu verbinden, in der ein Hubschrauber nicht nur die Pferdekutsche ersetzt, sondern auch den ersten Tanz absolviert (Stegmann fliegt mit Resi Kreisel zu Walzermusik), ist zwar originell, aber zu schwach und inkonsequent umgesetzt, um dem Film einen kompakten Gestus zu verleihen.

"Das Schloss in Tirol" Österreich 1957, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Eckhardt, Gina Kaus, Kurt Nachmann, Géza von Radványi, Darsteller : Karlheinz Böhm, Erika Remberg, Gustav Knuth, Maria Andergast, Richard RomanovskyLaufzeit : 87 Minuten

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