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Freitag, 15. August 2014

Morituri (1948) Eugen York

Inhalt: Der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), dessen Frau (Winnie Markus) von der SS ermordet wurde, wird jeden Tag im Konzentrationslager gezwungen, die schon völlig entkräfteten Männer für den Arbeitsdienst freizugeben. Mit einer echten ärztlichen Diagnose hat seine Arbeit nichts zu tun, weshalb die Masse an ausgemergelten Leibern vor seinen Augen langsam verschwimmt, bis er in Trance von „arbeitstauglich“ in „untauglich“ wechselt, womit er die Männer quasi zum Tod verurteilt.

Während diese in einer Baracke auf ihre baldige Hinrichtung warten, kommt ihnen Dr.Bronek zu Hilfe und ermöglicht Ihnen die Flucht, indem er den Strom kurz ausschaltet und Bretter gibt, mit den sie über den Stacheldraht klettern können. Die meisten von ihnen werden erschossen, aber Bronek und vier Männer können in einem dichten Wald untertauchen, wo sie in einer kleinen Lichtung auf andere Flüchtlinge treffen. Diese ernähren sich von Hilfsgaben aus den umliegenden polnischen Dörfern und warten auf die heranrückende Front…

 "Morituri" (1948) gehört nicht nur zu den ersten Filmen, die nach dem Krieg in Westdeutschland entstanden, sondern setzte sich als einer der ersten mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinander - Nationalsozialismus, KZ, Judenverfolgung und Krieg. Produzent Arthur Brauner, der das Drehbuch auf Basis seiner eigener Erfahrungen als polnischer Jude schrieb, stieß auf erheblichen Widerstand bei der Umsetzung, weshalb die Finanzierung erst nach seinem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" feststand. Doch auch in den Kinos wurde der Film heftig abgelehnt und ein großer Misserfolg. Dass die PIDAX ihn ab dem 22.08.2014 wieder der Vergessenheit entreißt, war überfällig. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).










Es benötigt nicht viel Fantasie, um sich die Schwierigkeiten vorzustellen, die sich vor einem jungen Produzenten auftürmten, als er unmittelbar nach dem Ende des 2.Weltkriegs im zerstörten Deutschland versuchte, ein Filmprojekt auf die Beine zu stellen. Doch mit einem derartig großen Widerstand hatte Arthur Brauner, ein überlebender polnischer Jude, nicht gerechnet, als er bei den Besatzungsmächten um eine Genehmigung nachsuchte. Sein selbst verfasstes Drehbuch trug autobiografische Züge in der Beschreibung von Flüchtigen und Untergetauchten, die sich unter lebensunwürdigen Umständen vor der SS und der Wehrmacht versteckten, aber trotz der kritischen Sichtweise auf die unmittelbare Vergangenheit brauchte er lange, um mit den Dreharbeiten beginnen zu können - zudem erst nach dem Erfolg mit der Komödie "Herzkönig" (1947), der ihm die notwendigen finanziellen Mittel einbrachte.

Für Brauner, einem der aktivsten und einflussreichsten Produzenten im deutschen Film nach dem Krieg bis in die Gegenwart, blieb die Mischung aus massenkompatiblen ("Die große Star-Parade" (1954)) und gesellschaftskritischen Themen ("Der 20.Juli" (1955)) stilprägend. Unabhängig davon bewies er immer auch ein Gefühl für angesagte, kassentaugliche Stoffe - nur sein Herzensprojekt "Morituri" (lateinisch „Die Todgeweihten“) erlitt völligen Schiffbruch und wurde nur in wenigen Kinos aufgeführt, die den Film nach der Premiere auf Grund heftiger Reaktionen des Publikums schnell wieder absetzten. Die reflektierte und ernsthafte Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Judenverfolgung kam für die Deutschen offensichtlich viel zu früh und erlitt das häufige Schicksal zeitnah erschienener gesellschaftskritischer Filme - erst wurde er abgelehnt, dann geriet er in Vergessenheit. Nur dem ersten Auftritt von Klaus Kinski verdankte der Film noch eine gelegentliche Erwähnung - bemerkenswert an dessen kleiner Rolle als KZ-Gefangener ist, wie sehr sie schon die psychopathischen Züge der Charaktere trägt, für die Kinski später berühmt werden sollte.

Dabei bemühte sich Brauner um das damalige Publikum und engagierte bekannte Filmschauspieler wie Winnie Markus („Sommerliebe“ 1942), Lotte Koch („Anschlag auf Baku“ 1942), Carl-Heinz Schroth („Krach im Vorderhaus“, 1941) und den Theater-Mimen Walter Richter für die Hauptrollen, die schon während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgreich waren. Regisseur Eugen York drehte zwar seinen ersten Kinofilm, war aber viele Jahre bei der „Universum“ für Kulturfilme verantwortlich und an der Propaganda-Serie „Liese und Miese“ beteiligt, was im Widerspruch zu Brauners späterer Aussage stand, nicht mit Wolfgang Staudte und Hildegard Knef wegen ihrer Nazi-Vergangenheit zusammenarbeiten zu wollen. Insgesamt verharrte die Inszenierung noch in den damaligen Konventionen und erinnert, bedingt durch die schwierigen Produktionsbedingungen, die nur wenige Außenaufnahmen zuließen, mehr an ein Theaterstück.

Frühjahr 1945 im besetzten Polen - nachdem der polnische Arzt Dr.Leon Bronek (Walter Richter), ermüdet von dem Anblick ausgemergelter Körper, denen er Arbeitsfähigkeit bescheinigen sollte, einige Männer nahezu in Trance als „arbeitsuntauglich“ bezeichnete, warten diese in einem Trakt des KZ auf ihr Todesurteil – bis Dr.Bronek, der sich freier bewegen kann, ihnen zur Flucht verhilft. Angesichts der schwer bewachten Konzentrationslager, wirkt diese spontane Aktion etwas naiv, aber Brauner ging es nicht um einen Ausbruchfilm, sondern um die Zusammenkunft von Flüchtlingen unterschiedlicher Beweggründe und Nationen an einem Ort. Mitten im Wald treffen die wenigen Überlebenden der Flucht auf eine Not-Gemeinschaft, die versucht so lange durchzuhalten, bis die Front bis zu ihnen vorgerückt ist und sie befreit werden.

Der Verzicht auf bewusst zugespitzte Gefahrenmomente zugunsten einer ruhigen, sprachlastigen Auseinandersetzung unter den Flüchtlingen - erst in den letzten Minuten steigert „Morituri“ sein Spannungspotential – war dem Erfolg des Films sicherlich nicht dienlich, ist so kurz nach dem Krieg aber erstaunlich in dem Versuch einer ausgewogenen Betrachtung. Ein junger Wehrmachtssoldat gerät zufällig in das Versteck und wird gefangen genommen. Einige der psychisch und physisch misshandelten Opfer wollen sich zuerst an ihm rächen, aber in einer Art Gerichtsverhandlung, die an Fritz Langs „M“ (1931) erinnert, beschließen sie, sich nicht wie ihre Peiniger zu verhalten und Unrecht mit Unrecht zu vergelten. Indem Brauner die Menschen in ihrer jeweiligen Muttersprache reden ließ – konsequent ohne Untertitel, leider nicht immer überzeugend, da sich deutsche Darsteller polnisch, englisch und französisch ausdrücken mussten – betonte er noch den Zusammenhalt dieser zusammengewürfelten Gruppe, die die Utopie eines übergreifenden Friedens symbolisieren sollte.

Die klare Benennung der Nazi-Gräuel und das offensichtliche Leid der Opfer sind auch aus heutiger Sicht bemerkenswert, ebenso der Verzicht auf typische Nazi-Klischees oder Einzeltäter-Thesen, aber der verständliche Versuch Brauners, seinen engagierten Film dem damaligen Publikum schmackhaft zu machen, lässt diesen zu oft in Unterhaltungsfilm-Mechanismen verfallen mit einer netten Liebesgeschichte und komisch-herzig bis dramatisch angelegten Nebengeschichten. Geholfen hat es dem Film nicht – im Gegenteil. Die Mehrheit der westdeutschen Zuschauer lehnten „Morituri“ trotzdem als „deutschfeindlich“ ab, für einen kritischen Film blieb er dagegen zu oberflächlich und wirkte in seiner ideologiefreien Perspektive zu naiv. Erst mit dem zeitlichen Abstand wird die Leistung Brauners ersichtlich, der sich aus dem Blickwinkel eines unmittelbar Betroffenen ohne Ressentiments mit der nationalsozialistischen Vergangenheit als einer der Ersten im Rahmen eines Unterhaltungsfilms auseinandersetzte.

"Morituri" Deutschland 1948, Regie: Eugen York, Drehbuch: Arthur Brauner, Gustav Kampendonk, Darsteller : Walter Richter, Lotte Koch, Carl-Heinz Schroth, Winnie Markus, Hilde Körber, Klaus KinskiLaufzeit : 84 Minuten

Mittwoch, 10. Juli 2013

Das Beil von Wandsbek (1951) Falk Harnack

Inhalt: Albert Teetjen (Erwin Geschonneck) und seine Frau Stine (Käthe Braun) betreiben schon lange eine Metzgerei im Hamburger Stadtteil Wandsbek, aber ihre Geschäfte laufen immer schlechter, da sie mit den moderner ausgestatteten und größeren Läden nicht mehr mithalten können. Als die NSDAP an die Macht gekommen war, glaubte Teetjen, dass sich auch an seiner Situation etwas ändert, weshalb er in die Partei eintrat, aber inzwischen schwinden seine Hoffnungen. Doch seine Frau erinnert ihn an seinen Kriegskameraden aus dem Weltkrieg, Hans Peter Footh (Willy A.Kleinau), der es als SS-Standartenführer inzwischen zu großem Einfluss gebracht hat, doch ihr Mann weigert sich, ihn um Hilfe zu bitten. Erst als Stine zufällig an einen Briefumschlag mit einem Anschreiben der Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) gelangt – diese hatte den Umschlag der Mutter und ihrem behinderten Sohn gegeben, die unter ärmlichen Verhältnissen im Dachstuhl wohnen, damit sie sich an Footh wenden können – kann sie ihren Mann überreden, ein Bittgesuch an den früheren Kameraden zu richten.

Footh, der es sich feudal eingerichtet hat und ein luxuriöses Leben genießt, reagiert erst uninteressiert, bis ihm einfällt, dass Teetjen Schlachtermeister ist. Die NSDAP hat in Hamburg noch ein unerledigtes Problem, dass bisher verhindert, dass Adolf Hitler in die Hansestadt kommt. Vier Kommunisten waren zum Tode verurteilt worden, weil sie angeblich schuld am Tod von 18 Menschen sind, die bei Auseinandersetzungen mit der SA in Altona 1932 starben - doch das Todesurteil konnte noch nicht vollzogen werden, weil der zuständige Henker erkrankt war. Da käme der Bittsteller Teetjen für Footh gerade richtig…


Während die Kinoproduktion in der BRD erst langsam wieder anlief, hatte sich die DEFA unter sowjetischer Führung seit 1946 etabliert. Doch während den frühen Filmen wie Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) noch der ideologische Freiraum anzumerken war, unter dem sie entstehen konnten, galten Anfang der 50er Jahre schon genaue Anforderungen und Richtlinien, die sowohl die heroische Rolle des kommunistischen Widerstands betonen, als auch einen positiven Ausblick auf die Zukunft geben sollten. "Das Beil von Wandsbek" versprach eine angemessene Umsetzung, denn das Drehbuch basierte auf dem 1943 veröffentlichten Roman von Arnold Zweig, der den Selbstmord eines nationalsozialistischen Henkers, von dem er 1938 in der "Deutschen Volkszeitung" - einer von der KPD im Exil herausgegebenen Wochenzeitung - gelesen hatte, zum Anlass seines Romans nahm.

Zweig verband dieses Ereignis mit dem "Altonaer Blutsonntag" vom 17.Juli 1932 als die SA im Hamburger Stadtteil Altona aufmarschierte - eine bewusste Provokation, da das Arbeiterviertel traditionell als linksgerichtet galt. Es kam zu den erwartet schweren Auseinandersetzungen, in dessen Folge 18 Menschen starben, davon 16 durch Kugeln der Polizei. Die Ermittlungen, die sich allein gegen die Kommunisten richteten, brachten keine Ergebnisse, bis die Justiz kurz nach der Machtergreifung der NSDAP vier junge Antifaschisten und Kommunisten zum Tode verurteilte - ein Urteil, dass erst 1992 wieder aufgehoben wurde. Inzwischen ist es erwiesen, dass der Henker, der die Hinrichtung an den vier Männern vornahm, nicht - wie Zweig damals annahm - Derselbe ist, der später Selbstmord beging, aber der Autor entwickelte daraus eine Ereignisfolge, deren Intention sich unabhängig vom historischen Hintergrund erschließt. Für die DEFA war der Zusammenhang zum "Altonaer Blutsonntag" dagegen von wesentlicher Bedeutung, denn der Widerstand der Kommunisten gegen das nationalsozialistische Regime sollte zum Auslöser für das Scheitern eines Mannes werden, der sich von den Nationalsozialisten kaufen ließ. Mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle des Henkers Albert Teetjen und Falk Harnack, Widerstandskämpfer und seit 1948 künstlerischer Direktor der DEFA, auf dem Regiestuhl, der gemeinsam mit Wolfgang Staudte auch am Drehbuch mitwirkte, waren die Voraussetzungen für ein Gelingen des Films ideal. Entsprechend der Richtlinien wurde Arnold Zweigs Roman um eine Nebenhandlung erweitert, die den heldenhaften Widerstand der Kommunisten im III. Reich betonen sollte. 

Der Schlachtermeister Teetjen wendet sich an seinen früheren Kriegskameraden und jetzigen SS-Standartenführer Footh (Willy A.Kleinau), um ihn wegen seiner schwierigen materiellen Lage um Hilfe zu bitten, was schließlich dazu führt, dass er gegen viel Geld die Hinrichtung von vier unschuldigen Männer ausführt, da der zuständige Henker erkrankt ist. Damit hilft er der Hamburger NSDAP aus der Klemme, da Adolf Hitler nur unter der Voraussetzung, dass die vier Männer hingerichtet worden sind, seinen Besuch in der Hansestadt ankündigte. Diesen bei Arnold Zweig solitär erzählten Vorgang verbindet der Film mit den Aktivitäten einer funktionierenden kommunistischen Widerstandszelle. In einer frühen Szene des Films besucht die Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) einen behinderten jungen Mann, der mit seiner Mutter in einer ärmlichen Dachwohnung über der Fleischerei Teetjen lebt. Nicht nur, dass der selbstbewusste junge Mann keine Angst davor hat, die Bücher von Karl Marx und anderen verbotenen Autoren in seiner Bibliothek zu bewahren, auch sonst ist er aktiv antifaschistisch und stellt nachts Flugblätter her. Die Ärztin dagegen vertritt den Typus des Mitläufers. Sie war früher selbst kommunistisch, gehört inzwischen aber einer bürgerlichen Schicht an, die die Ideen der Nationalsozialisten zwar verabscheut, aber mit ihnen zusammen arbeitet, da sie den Ernst der Lage noch nicht begriffen hat. Deshalb übergibt sie der Mutter des jungen Mannes ein Empfehlungsschreiben an den einflussreichen SS-Mann Footh, um diesen um Unterstützung zu bitten - angesichts der Umstände eine absurde Idee, die aber dazu führt, dass Stine Teetjen (Käthe Braun), die Ehefrau des Schlachters, in den Besitz des Schreibens kommt, welches sie an ihren Mann weitergibt, der damit Footh anschreibt.

Diese konstruiert wirkende Eingangssequenz sollte die Mitwirkung der Kommunisten an der späteren Identifikation des Täters begründen und die daraufhin beschlossene Maßnahme, den Fleischer zu ächten, als Solidaritätsbewegung der Bevölkerung kennzeichnen. Als die Ärztin im Haus des SS-Mannes Wochen nach der Hinrichtung ihren Briefumschlag entdeckt und die Mutter des Jungen darauf anspricht, erfährt sie, dass diese den Umschlag an Frau Teetjen weiter gegeben hatte, womit klar wird, wieso sich die Teetjens plötzlich die Modernisierung ihres Fleischerladens leisten konnten. Doch bevor es dazu kommt, dient ihre Rolle dazu, nochmals den Heldenmut der Kommunisten zu betonen. Nachdem sie von einer im Sterben liegenden Kommunistin darauf hingewiesen wurde, prüft sie gemeinsam mit dem Gefängnisdirektor die Gerichtsakten und kommt zu dem Ergebnis, das das Todesurteil eine von den Machthabern gewollte Farce ist. Zudem besucht sie die vier Verurteilten in ihren Zellen und gibt damit Jedem von ihnen die Gelegenheit, seinen Standpunkt nochmals zu vertreten, Solidarität einzufordern und zum Kampf für die gerechte Sache aufzurufen, die am Ende siegen wird.

Angesichts der beißenden Darstellung der Nationalsozialisten um den ehrgeizigen und selbstverliebten SS-Standartenführer Footh wirken diese Szenen unrealistisch - kaum vorstellbar, dass sich eine Ärztin so frei und sprachlich unangepasst innerhalb eines so diffizilen Umfelds hätte bewegen können. Die wiederholten Warnungen vor den Nationalsozialisten, die bekunden sollten, dass die Kommunisten die Gefahr frühzeitig erkannten und den Widerstand nie aufgaben, wirken zunehmend bemüht und angesichts der realen Gefahr für jeden Regimegegner auch verharmlosend - der behinderte junge Mann verlässt nachts um eins den Dachstuhl seiner Wohnung, um zu einem in der Straße gelegenen Keller zu gehen, wo die Druckerpresse steht - standen aber ganz im Sinn der ideologischen Zielsetzung der DEFA. Um so mehr überrascht es, das „Das Beil von Wandsbek“ der erste DEFA-Film wurde, dessen Aufführung in der DDR verboten wurde und folgende Aussage des SED-Politbüros provozierte:

„Noch krasser offenbaren sich die Fehler des kritischen Realismus in dem Film „Das Beil von Wandsbek“, der nicht die Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse zu den Haupthelden macht, sondern ihren Henker. Die Verfilmung dieses Stoffes war ein ernster Fehler der DEFA-Kommission und des DEFA-Vorstandes.“

Tatsächlich spielten die „Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse“ in Zweigs Roman nur eine untergeordnete Rolle, denn er wollte am Beispiel des Fleischers die Propaganda der Nationalsozialisten, sich für die Arbeiter und einfachen Leute einzusetzen, als Lüge entlarven. An Hand des differenziert beschriebenen Charakters des Fleischers, der von den Nationalsozialisten für deren Zwecke missbraucht wird, verbunden mit den Vorgängen am „Altonaer Blutsonntag“, gelang Zweig das schlüssige Bild einer Gesellschaft im Übergang von der Weimarer Republik zur faschistischen Diktatur. Die Ächtung des Fleischers, nachdem sich das Gerücht in Wandsbek verbreitete, er hätte die Männer geköpft, drückte das innere Unbehagen einer Bevölkerung aus, die keineswegs hinter den Ideen der Nationalsozialisten stand, letztlich aber auch nicht in der Lage war, sich aufzulehnen. Der Fleischer und einmalige Henker wird zum schwächsten Glied einer sich verändernden Gesellschaft, nicht zur Zielperson einer konzertierten Aktion des Widerstands, wie es der Film positiv darzustellen versuchte.

Der Versuch misslang, weil „Das Beil von Wandsbek“ Arnold Zweigs Intention weiter transportierte und die Nebenhandlung den Charakter der nachträglichen Hinzufügung nicht verlor. Das war besonders dem überragenden Spiel Geschonnecks und Brauns zu verdanken, die das Ehepaar Teetjen menschlich nachvollziehbar verkörperten. Ihre Ängste und der damit verbundene Anpassungswille, ihre Leichtgläubigkeit und Kleingeistigkeit, seine Sturheit und das gewollt wirkende konservative Auftreten, ihre Eitelkeit und christliche Gesinnung, aber auch ihr Versuch, gemeinsam ein bisschen Glück erfahren zu wollen, entfalten ein komplexes Bild der menschlichen Psyche, von dem sich kein Betrachter lossagen kann. Zudem betonte Harnacks am Neorealismus orientierter Stil die Armut und Tristesse, und damit die Ausweglosigkeit ihrer Situation, die sich am Ende zu einem Bild zweier verlorener Menschen verdichtet, die gleichzeitig zu Tätern und Opfern werden.

Der Umgang mit der Thematik war signifikant für die Frühphase des „Kalten Krieges“. Während ein kritischer Stoff wie Arnold Zweigs Roman zu Beginn der 50er Jahre kaum eine Chance auf eine Verfilmung in der BRD hatte (erst 1982 wurde er in einem Fernsehfilm umgesetzt), galt es in der DDR die eigene Staatsdoktrin darin unterzubringen, die den kommunistischen Staat als das „bessere“ Deutschland darstellte. Dafür war Zweigs Blick auf die erste Hälfte der 30er Jahre nicht geeignet, denn der Versuch die Geschichte - wenn auch nur in wenigen Aspekten – umzuschreiben, musste misslingen, zu generell war seine Analyse eines Deutschlands auf dem Weg in die Diktatur. Regisseur Falk Harnack verließ die DDR 1952 als Reaktion auf das Filmverbot, der Film kam 1962 stark geschnitten in die DDR-Kinos – die privaten Szenen des Ehepaars wurden größtenteils entfernt – aber das alles konnte dem Film letztlich nichts anhaben, dessen grundsätzliche Aussage bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

"Das Beil von Wandsbek" DDR 1951Regie: Falk Harnack, Drehbuch: Falk Harnack, Wolfgang Staudte, Erich Conradi, Hans Robert Bortfeld, Arnold Zweig (Roman), Darsteller : Erwin Geschonneck, Käthe Braun, Gefion Helmke, Willy A.Kleinau, Claus Holm, Gisela May, Hilde SessakLaufzeit : 107 Minuten

Donnerstag, 11. April 2013

Die Mörder sind unter uns (1946) Wolfgang Staudte

Inhalt: Berlin 1945 - Susanne Wallner (Hildegard Knef) kehrt aus dem KZ nach Berlin in ihre Wohnung zurück, die bei den Bombenangriffen nicht zerstört wurde. Von dem Optiker Mondschein (Robert Forsch), der trotz der widrigen Situation wieder sein Geschäft geöffnet hat, wird sie freundlich begrüßt und schon davor gewarnt, dass in ihrer Mietwohnung ein Mann lebt. Hans Mertens (Wilhelm Borchert), vom Krieg stark traumatisiert, reagiert zuerst ungehalten auf die Heimkehrerin, will dann aber die Wohnung verlassen, nachdem sie vorgeschlagen hatte, sie sich zu teilen. Mit Mühe gelingt es ihr, ihn davon abzuhalten, kann aber nicht verhindern, dass er meistens im zerstörten Berlin unterwegs ist, um im Alkohol Vergessen zu suchen.

Als sie die Wohnung aufräumt, fällt zufällig ein Brief auf den Boden, der an eine Frau Brueckner (Erna Sellmer) gerichtet ist, deren Mann ihr den Brief vor seinem Tod geschrieben hatte. Als sie Mertens darauf anspricht, reagiert er nur ungehalten, weshalb sie sich selbst aufmacht, Frau Brueckner den Brief zu übergeben. Zu ihrer Überraschung erfährt sie dort, dass Ferdinand Brueckner (Arno Paulsen) nicht nur überlebt hatte, sondern bester Laune ist. Der frühere Hauptmann der Wehrmacht hatte eine Firma gegründet, die aus Stahlhelmen Kochtöpfe herstellt, und sieht gelassen der Zukunft Deutschlands entgegen…


Die große Anerkennung des "Neorealismus" im italienischen Film, die dessen Ruf nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich bestimmte, lässt vergessen, dass es im deutschen Film vergleichbare Tendenzen gab. Beginnend mit Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) entstanden so genannte "Trümmerfilme", die in ähnlich halb-dokumentarischer Form ein vom Krieg und Faschismus zerstörtes Land zeigten. Wie im Neorealismus vertraten diese ersten deutschen Nachkriegsfilme ein antifaschistisch geprägtes Weltbild, unter dessen Prämissen ein gerechter, humaner Staat entstehen sollte. Roberto Rossellini, der mit "Roma, città aperta" (Rom, offene Stadt) 1945 einen der ersten kritischen Filme drehte - noch während der Krieg im Norden Italiens tobte - warf 1948 auch einen genauen Blick auf das Nachkriegsdeutschland.

"Germania anno zero" (Deutschland im Jahr Null), obwohl in deutscher Sprache gedreht, blieb in Deutschland nahezu unbekannt - zu unbequem waren dessen inhaltliche Konsequenzen - aber auch in Italien hatten die neorealistischen Filme nur einen kleinen Anteil an einer Gesamtproduktion, die sich größtenteils dem Unterhaltungskino widmete. Der Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ war auch dort zu hören, aber in Deutschland erklang er lauter, da schon unmittelbar nach dem Krieg die Terminologie des „Kalten Krieges“ vorherrschend wurde und ein Film wie „Die Mörder sind unter uns“, der von der sowjetischen Besatzungsmacht mit Hilfe der neu gegründeten DEFA produziert wurde, keine faire Chance mehr bekam. Erst 1971 war der Film im westdeutschen Fernsehen zu sehen, während er in der DDR schon 1954 ausgestrahlt wurde. Trotzdem entsprach er noch keineswegs den später formulierten politischen Leitlinien der DEFA, sondern entstand in einem ähnlichen Freiraum wie die frühen neorealistischen Filme Italiens - als unmittelbare Reaktion auf die tatsächlichen Zustände.

Sowohl Wolfgang Staudte, als auch Roberto Rossellini arbeiteten zuvor für das staatlich gelenkte Kino unter den Faschisten, aber Staudte stand in Deutschland wegen seines angeblichen Sinneswandels zu einem „linken“ Regisseur deutlich mehr in der Kritik. Abgesehen davon, dass Staudte ähnlich wie Helmut Käutner, mit dem er Ende der 50er Jahre eine gemeinsame Produktionsfirma gründete, in den Jahren zuvor schon Probleme mit dem NS-Regime bekommen hatte, genügte alleine schon die Zusammenarbeit mit den Sowjets, den Film als linksgerichtet zu klassifizieren, obwohl keiner der Protagonisten mit einer politischen Richtung sympathisiert und selbst die abschließende Botschaft nur fordert, die Kriegsverbrecher für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen. Im Gegenteil erzählt „Die Mörder sind unter uns“ ein klassisches Drama über Schuld und Sühne, eingebettet in die Realität eines zerstörten Berlin kurz nach dem Ende des Krieges.

Die beiden Protagonisten Susanne Wallner (Hildegard Knef, die 1945 in Käutners „Unter den Brücken“ reüssierte) und Dr.Hans Mertens (Wilhelm Borchert) begegnen sich unter damals üblichen Umständen. Als sie wieder in ihre frühere Wohnung zurückkehrt, die bei den Bombenangriffen nicht zerstört wurde, lebt dort schon Mertens, der wie viele Andere nicht mehr in seine ursprüngliche Wohnung zurück konnte. Dass Susanne Wallner zuvor im KZ saß, wird nur einmal von Herrn Mondschein (Robert Forsch), der wieder als Optiker im Erdgeschoss des Hauses arbeitet, erwähnt. Sie selbst redet nicht einmal darüber, als ihr Hans Mertens vorwirft, sie hätte sich wohl vor den Bomben auf dem Land in Sicherheit gebracht. Wolfgang Staudte stellt Menschen in den Mittelpunkt, die nicht mehr in der Lage sind, über das Erlebte zu sprechen, weshalb der Film nie in Erläuterungen oder längere Dialoge verfällt, sondern die äußeren wie inneren Zustände mit starkem hell/dunkel Kontrast abbildet – die Ruinen und von Steinen bedeckten Straßen, das klar ausgeleuchtete Gesicht Susannes im Gegensatz zu Hans verdunkeltem Antlitz.

Beredt sind in „Die Mörder sind unter uns“ nur Diejenigen, die wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Die Klatschweiber im Treppenhaus, die sich darüber mokieren, dass ein Mann und eine Frau unverheiratet im Dachgeschoss zusammen leben, der selbst ernannte Wahrsager Bartolomaeus Timm (Albert Johannes), der die Unsicherheit der Menschen dazu nutzt, Geld damit zu verdienen, und Ferdinand Brueckner (Arno Paulsen), der in seiner Firma Stahlhelme zu Kochtöpfen verarbeiten lässt, womit er schon mehr als 100 Menschen in Lohn und Brot gebracht hat. Mit Brueckner charakterisierte Staudte sehr genau den Typus, der ohne Probleme wieder in den Alltag zurückfand und damit auch von den Verhältnissen profitierte. Das Frappierende an seiner Person liegt darin, dass er sich tatsächlich keiner Schuld bewusst ist, sich nicht mit den Dämonen der Vergangenheit herumschlägt, sondern offen und zukunftsgewandt auf Jeden zugeht, auch auf Mertens, der in der Wehrmacht unter ihm gedient hatte und ihm in einer schwierigen Situation geholfen hatte. Staudte gestaltet diese Figur so differenziert, dass Brueckner es ist, der Mertens dazu bringt, einer Mutter zu helfen, deren Kind keine Luft mehr bekommt. Bis zu diesem Zeitpunkt war er nicht in der Lage gewesen, wieder als Arzt zu arbeiten.

Ob Staudte damit bezweckt hatte, dieser Figur auch positive Seiten abzuringen, ist fraglich, denn zu penetrant jovial geht der ehemalige Wehrmacht-Hauptmann über jeden Gedanken an die Vergangenheit hinweg, auch als ihn Mertens direkt auf dessen Schießbefehl gegen Frauen und Kinder am Weihnachtsabend 1942 in Polen anspricht. Ob Kriegsverbrecher wie Brueckner für ihre Taten bestraft werden, wie Staudte unmissverständlich forderte, ist aus heutiger Sicht sekundär, denn nicht die Geschichte, die er hier nicht ohne Unterhaltungswert erzählt, lässt diesen Film unverzichtbar werden, sondern dessen Unmittelbarkeit in der Erfassung des damaligen Lebensgefühls. Angesichts dieses Films, lässt sich die Konfrontation zwischen Menschen, die unter dem erlebten Leid und eigenen Schuldgefühlen wie gelähmt reagierten, und Denjenigen, die ihr Verhalten nicht in Frage stellten, dafür aber schon tatkräftig die Zukunft angingen, intensiv nachempfinden.

Betrachtet man die Jahrzehnte, die in der Regel vorüber gehen, bevor selbst weniger eklatante Ereignisse aufgearbeitet werden, überrascht es nicht, dass die „Die Mörder sind unter uns“ 1946 keine Anerkennung fand – zu genau beschrieb der Film die damaligen Situation, ohne Antworten oder Lösungen anzubieten. Entsprechend ist seine Wirkung heute größer als kurz nach seiner Entstehung, nicht im Sinn einer Verarbeitung von Schuld, sondern als Warnung davor, ähnliche Zustände wieder zuzulassen.

"Die Mörder sind unter uns" Deutschland 1946, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang StaudteDarsteller : Hildegard Knef, Wilhem Borchert, Arno Paulsen, Robert Forsch, Erna SellmerLaufzeit : 81 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte: