Donnerstag, 11. April 2013

Die Mörder sind unter uns (1946) Wolfgang Staudte

Inhalt: Berlin 1945 - Susanne Wallner (Hildegard Knef) kehrt aus dem KZ nach Berlin in ihre Wohnung zurück, die bei den Bombenangriffen nicht zerstört wurde. Von dem Optiker Mondschein (Robert Forsch), der trotz der widrigen Situation wieder sein Geschäft geöffnet hat, wird sie freundlich begrüßt und schon davor gewarnt, dass in ihrer Mietwohnung ein Mann lebt. Hans Mertens (Wilhelm Borchert), vom Krieg stark traumatisiert, reagiert zuerst ungehalten auf die Heimkehrerin, will dann aber die Wohnung verlassen, nachdem sie vorgeschlagen hatte, sie sich zu teilen. Mit Mühe gelingt es ihr, ihn davon abzuhalten, kann aber nicht verhindern, dass er meistens im zerstörten Berlin unterwegs ist, um im Alkohol Vergessen zu suchen.

Als sie die Wohnung aufräumt, fällt zufällig ein Brief auf den Boden, der an eine Frau Brueckner (Erna Sellmer) gerichtet ist, deren Mann ihr den Brief vor seinem Tod geschrieben hatte. Als sie Mertens darauf anspricht, reagiert er nur ungehalten, weshalb sie sich selbst aufmacht, Frau Brueckner den Brief zu übergeben. Zu ihrer Überraschung erfährt sie dort, dass Ferdinand Brueckner (Arno Paulsen) nicht nur überlebt hatte, sondern bester Laune ist. Der frühere Hauptmann der Wehrmacht hatte eine Firma gegründet, die aus Stahlhelmen Kochtöpfe herstellt, und sieht gelassen der Zukunft Deutschlands entgegen…


Die große Anerkennung des "Neorealismus" im italienischen Film, die dessen Ruf nach dem zweiten Weltkrieg maßgeblich bestimmte, lässt vergessen, dass es im deutschen Film vergleichbare Tendenzen gab. Beginnend mit Wolfgang Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) entstanden so genannte "Trümmerfilme", die in ähnlich halb-dokumentarischer Form ein vom Krieg und Faschismus zerstörtes Land zeigten. Wie im Neorealismus vertraten diese ersten deutschen Nachkriegsfilme ein antifaschistisch geprägtes Weltbild, unter dessen Prämissen ein gerechter, humaner Staat entstehen sollte. Roberto Rossellini, der mit "Roma, città aperta" (Rom, offene Stadt) 1945 einen der ersten kritischen Filme drehte - noch während der Krieg im Norden Italiens tobte - warf 1948 auch einen genauen Blick auf das Nachkriegsdeutschland.

"Germania anno zero" (Deutschland im Jahr Null), obwohl in deutscher Sprache gedreht, blieb in Deutschland nahezu unbekannt - zu unbequem waren dessen inhaltliche Konsequenzen - aber auch in Italien hatten die neorealistischen Filme nur einen kleinen Anteil an einer Gesamtproduktion, die sich größtenteils dem Unterhaltungskino widmete. Der Vorwurf der „Nestbeschmutzung“ war auch dort zu hören, aber in Deutschland erklang er lauter, da schon unmittelbar nach dem Krieg die Terminologie des „Kalten Krieges“ vorherrschend wurde und ein Film wie „Die Mörder sind unter uns“, der von der sowjetischen Besatzungsmacht mit Hilfe der neu gegründeten DEFA produziert wurde, keine faire Chance mehr bekam. Erst 1971 war der Film im westdeutschen Fernsehen zu sehen, während er in der DDR schon 1954 ausgestrahlt wurde. Trotzdem entsprach er noch keineswegs den später formulierten politischen Leitlinien der DEFA, sondern entstand in einem ähnlichen Freiraum wie die frühen neorealistischen Filme Italiens - als unmittelbare Reaktion auf die tatsächlichen Zustände.

Sowohl Wolfgang Staudte, als auch Roberto Rossellini arbeiteten zuvor für das staatlich gelenkte Kino unter den Faschisten, aber Staudte stand in Deutschland wegen seines angeblichen Sinneswandels zu einem „linken“ Regisseur deutlich mehr in der Kritik. Abgesehen davon, dass Staudte ähnlich wie Helmut Käutner, mit dem er Ende der 50er Jahre eine gemeinsame Produktionsfirma gründete, in den Jahren zuvor schon Probleme mit dem NS-Regime bekommen hatte, genügte alleine schon die Zusammenarbeit mit den Sowjets, den Film als linksgerichtet zu klassifizieren, obwohl keiner der Protagonisten mit einer politischen Richtung sympathisiert und selbst die abschließende Botschaft nur fordert, die Kriegsverbrecher für ihre Taten zur Verantwortung zu ziehen. Im Gegenteil erzählt „Die Mörder sind unter uns“ ein klassisches Drama über Schuld und Sühne, eingebettet in die Realität eines zerstörten Berlin kurz nach dem Ende des Krieges.

Die beiden Protagonisten Susanne Wallner (Hildegard Knef, die 1945 in Käutners „Unter den Brücken“ reüssierte) und Dr.Hans Mertens (Wilhelm Borchert) begegnen sich unter damals üblichen Umständen. Als sie wieder in ihre frühere Wohnung zurückkehrt, die bei den Bombenangriffen nicht zerstört wurde, lebt dort schon Mertens, der wie viele Andere nicht mehr in seine ursprüngliche Wohnung zurück konnte. Dass Susanne Wallner zuvor im KZ saß, wird nur einmal von Herrn Mondschein (Robert Forsch), der wieder als Optiker im Erdgeschoss des Hauses arbeitet, erwähnt. Sie selbst redet nicht einmal darüber, als ihr Hans Mertens vorwirft, sie hätte sich wohl vor den Bomben auf dem Land in Sicherheit gebracht. Wolfgang Staudte stellt Menschen in den Mittelpunkt, die nicht mehr in der Lage sind, über das Erlebte zu sprechen, weshalb der Film nie in Erläuterungen oder längere Dialoge verfällt, sondern die äußeren wie inneren Zustände mit starkem hell/dunkel Kontrast abbildet – die Ruinen und von Steinen bedeckten Straßen, das klar ausgeleuchtete Gesicht Susannes im Gegensatz zu Hans verdunkeltem Antlitz.

Beredt sind in „Die Mörder sind unter uns“ nur Diejenigen, die wieder zur Tagesordnung übergegangen sind. Die Klatschweiber im Treppenhaus, die sich darüber mokieren, dass ein Mann und eine Frau unverheiratet im Dachgeschoss zusammen leben, der selbst ernannte Wahrsager Bartolomaeus Timm (Albert Johannes), der die Unsicherheit der Menschen dazu nutzt, Geld damit zu verdienen, und Ferdinand Brueckner (Arno Paulsen), der in seiner Firma Stahlhelme zu Kochtöpfen verarbeiten lässt, womit er schon mehr als 100 Menschen in Lohn und Brot gebracht hat. Mit Brueckner charakterisierte Staudte sehr genau den Typus, der ohne Probleme wieder in den Alltag zurückfand und damit auch von den Verhältnissen profitierte. Das Frappierende an seiner Person liegt darin, dass er sich tatsächlich keiner Schuld bewusst ist, sich nicht mit den Dämonen der Vergangenheit herumschlägt, sondern offen und zukunftsgewandt auf Jeden zugeht, auch auf Mertens, der in der Wehrmacht unter ihm gedient hatte und ihm in einer schwierigen Situation geholfen hatte. Staudte gestaltet diese Figur so differenziert, dass Brueckner es ist, der Mertens dazu bringt, einer Mutter zu helfen, deren Kind keine Luft mehr bekommt. Bis zu diesem Zeitpunkt war er nicht in der Lage gewesen, wieder als Arzt zu arbeiten.

Ob Staudte damit bezweckt hatte, dieser Figur auch positive Seiten abzuringen, ist fraglich, denn zu penetrant jovial geht der ehemalige Wehrmacht-Hauptmann über jeden Gedanken an die Vergangenheit hinweg, auch als ihn Mertens direkt auf dessen Schießbefehl gegen Frauen und Kinder am Weihnachtsabend 1942 in Polen anspricht. Ob Kriegsverbrecher wie Brueckner für ihre Taten bestraft werden, wie Staudte unmissverständlich forderte, ist aus heutiger Sicht sekundär, denn nicht die Geschichte, die er hier nicht ohne Unterhaltungswert erzählt, lässt diesen Film unverzichtbar werden, sondern dessen Unmittelbarkeit in der Erfassung des damaligen Lebensgefühls. Angesichts dieses Films, lässt sich die Konfrontation zwischen Menschen, die unter dem erlebten Leid und eigenen Schuldgefühlen wie gelähmt reagierten, und Denjenigen, die ihr Verhalten nicht in Frage stellten, dafür aber schon tatkräftig die Zukunft angingen, intensiv nachempfinden.

Betrachtet man die Jahrzehnte, die in der Regel vorüber gehen, bevor selbst weniger eklatante Ereignisse aufgearbeitet werden, überrascht es nicht, dass die „Die Mörder sind unter uns“ 1946 keine Anerkennung fand – zu genau beschrieb der Film die damaligen Situation, ohne Antworten oder Lösungen anzubieten. Entsprechend ist seine Wirkung heute größer als kurz nach seiner Entstehung, nicht im Sinn einer Verarbeitung von Schuld, sondern als Warnung davor, ähnliche Zustände wieder zuzulassen.

"Die Mörder sind unter uns" Deutschland 1946, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang StaudteDarsteller : Hildegard Knef, Wilhem Borchert, Arno Paulsen, Robert Forsch, Erna SellmerLaufzeit : 81 Minuten


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