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Samstag, 11. März 2017

Freddy unter fremden Sternen (1959) Wolfgang Schleif


Freddy und Stefan (Christian Malachet) haben es nach Kanada geschafft
Inhalt: Am Hafen von Toronto versucht Freddy Ullmann (Freddy Quinn) den 10jährigen Waisenjungen Stefan (Christian Malachet) mit ins Land zu nehmen, aber das wird ihm von der kanadischen Einreisebehörde verweigert. Doch Stefan, der ohne Papiere als blinder Passagier mit Freddy von Hamburg per Schiff über den Ozean gekommen war, weiß sich zu helfen und schlüpft durch die Beine eines Grenzpolizisten. Gemeinsam besuchen sie die Niagara-Fälle, bevor sie sich zu der alten Holzhütte begeben, die Freddy von seinem Onkel geerbt hat. Diese erweist sich nur noch als zerfallene Ruine inmitten eines riesigen Grundstücks, aber Freddy und Stefan beginnen sofort tatkräftig mit dem Wiederaufbau. 

Henry O'Brien (Gustav Knuth) versucht vergeblich, Freddy zu beeinflussen
Es dauert nicht lange, bis auch die Nachbarn auf die Neuankömmlinge aufmerksam werden. Manuela (Vera Tschechowa), verwöhnte Tochter des reichen Großgrundbesitzers Henry O’Brien (Gustav Knuth), begegnet Freddy erstmals, als dieser mit dem Ruderboot über den See kommt und berichtet ihrem Vater, der den jungen Mann gleich darauf zu sich einlädt. Doch seine Gastfreundschaft ist nicht ohne Hintergedanken, denn O‘Brien steht kurz vor dem Ruin. Er hatte sich verspekuliert und die Bank droht ihm seinen Besitz zu pfänden. Einzig die Kupfervorkommnisse auf Freddys Grundstück könnten ihn noch retten, weshalb er versucht, ihm das Grundstück für wenig Geld abzukaufen. Doch Freddy denkt nicht daran, es herzugeben… 


Unter fremden Sternen

Es kommt der Tag, da will man in die Fremde.
Dort wo man lebt, scheint alles viel zu klein.
Es kommt der Tag, da zieht man in die Fremde,
und fragt nicht lang, wie wird die Zukunft sein.
Fährt ein weißes Schiff nach Hongkong,
hab‘ ich Sehnsucht nach der Ferne.
Aber dann in weiter Ferne,
hab‘ ich Sehnsucht nach zu Haus.
Und ich sag zu Wind und Wolken:
"Nehmt mich mit. Ich tausche gerne
all die vielen fremden Länder
gegen eine Heimfahrt aus!"
 








Freddy singt "Unter fremden Sternen", die aber...
Aldo von Pinellis Text zum Titelsong "Unter fremden Sternen" traf die Botschaft des Films so genau, dass die Handlung damit obsolet gewesen wäre, aber dann hätte das Publikum nicht nur auf einen singenden Freddy Quinn verzichten müssen, sondern auch auf einen, der Action kann. Quinn betätigte sich als Holzfäller, hoch zu Ross, beim Sprung in reißende Fluten und als Lebensretter aus einem brennenden Haus. Nebenbei gewinnt er noch einen Wettbewerb im Schießen. Auch wenn dieser nicht im Bild zu sehen ist, hätte Niemand an diesem Ergebnis gezweifelt. Auf einen Mann wie Freddy Ullmann hatte Kanada nur gewartet. Und die Frauen ganz besonders.

...gar nicht so fremdartig daher kommen
Nach dem großen Erfolg mit "Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) setzte sich Texter und Autor Aldo von Pinelli - gemeinsam mit Co-Autor Gustav Kampendonk und Regisseur Wolfgang Schleif - sofort an dessen Fortsetzung, um das von ihnen entworfene Profil eines bodenständigen Mannes, der mit der Gitarre unter dem Arm und einem Lied auf den Lippen den Widrigkeiten des Lebens gelassen begegnet, weiter zu schärfen. Dabei kamen ihnen die im Gegensatz zum Erstling deutlich großzügiger vorhandenen Produktionsmittel entgegen. Gedreht wurde in Technicolor, zum Cast gehörten mit Gustav Knuth und Dieter Eppler bekannte Namen, dazu mit Vera Tschechowa, Helga Sommerfeld und Hannelore Elsner eine Schar junger vielversprechender Darstellerinnen und als Drehorte standen Toronto, die Niagara-Fälle und das weitläufige Panorama der kanadischen Landschaft statt der engen Gassen St.Paulis im Brennpunkt.

Stefan wird mit Gugelhupf verwöhnt...
Von dort hatte sich Freddy auf den Weg „unter fremde Sterne“ gemacht, aber sieht man von der Skyline Torontos und ein paar einsamen Elchen ab, hielt sich das Nordamerika-Feeling in engen Grenzen. Der Handlungsort mit weitläufigen Seen, dichten Wäldern und schneebedeckten Bergen im Hintergrund unterschied sich nur gering von der Alpenlandschaft im Heimatfilm, Sprachgrenzen existierten nicht und die Menschen vor Ort pflegten vertraute Gebräuche. Trotz kleiner Anfangs-Schwierigkeiten gilt Freddy hier keinen Moment als „Fremder“. Im Gegenteil sorgt er bei einer Geburtstags-Feier als „Hillbilly“-Sänger für folkloristische Stimmung. Klar, dass ihn auch der Händler Miller (Benno Sterzenbach) und der Großgrundbesitzer O’Brien (Gustav Knuth), zwei alteingesessen Platzhirsche, sofort respektieren. Kanada hat hier die Anmutung eines Deutschlands mit kostümierten Cowboys und Western-Kulissen, weshalb Freddys tatsächliche Heimat erst gar nicht thematisiert wurde.

...und Freddy von den Frauen
„Freddy unter fremden Sternen“ entstand für ein Publikum, das die Vorgeschichte kannte. Selbst die Anwesenheit eines 10jährigen Jungen an der Seite eines knapp 30jährigen Mannes, der in Kanada einwandert, warf keinerlei Fragen auf. Wie selbstverständlich wird Stefan als Freddys kleiner Freund angesehen, von der Damenwelt mit Gugelhupf und Pudding gemästet und darf zu allen Gelegenheiten seine altklugen Kommentare abgeben. Dass Christian Malachet als einziges Überbleibsel aus "Freddy, die Gitarre und das Meer" erneut zur Besetzung gehörte, war neben der Handlungskontinuität seiner Funktion als Störenfried zu verdanken. Die Macher um Aldo von Pinelli trieben in „Freddy unter fremden Sternen“ dessen Schlag bei Frauen auf die Spitze. Neben Millers vier Töchtern, von denen sich vor allem Ellen (Helga Sommerfeld) ins Zeug legte – Hannelore Elsner in ihrer ersten Filmrolle betrachtete die Balz-Rituale eher spöttisch -, trat besonders Manuela (Vera Tschechowa) im Auftrag ihres Vaters O’Brien als Verführerin auf den Plan und sorgte sogar beim coolen Freddy für weiche Knie.

Wenn Freddy für folkloristische Einlagen sorgt, ...
Hinter Manuelas Ambitionen steht ein fieser Plan, denn ihr Daddy ist von der Pleite bedroht, weshalb er billig an Freddys Grundstück herankommen muss, unter dessen Oberfläche sich wertvolle Kupfervorkommen befinden. Zuerst schickte er seinen Verwalter Ted O’Connor (Dieter Eppler) und dessen Helfershelfer vor, um das „Greenhorn“ unter Druck zu setzen, aber so ließ sich Freddy erwartungsgemäß nicht aus der Ruhe bringen. Erst Manuela verfügt über die notwendigen Mittel, wird aber dank Stefans Eingreifen am Austausch konkreter Zärtlichkeiten gehindert. Als Grund muss Susi aus "Freddy, die Gitarre und das Meer" herhalten, die in Deutschland angeblich auf ihn wartet, obwohl keine Rückkehr eingeplant war. Ursprünglich sollte sie nachkommen, sobald Freddy eine Existenz in Kanada aufgebaut hätte, aber das erwähnt nicht einmal mehr der penetrante Stefan.

...betrachtet ihn auch Manuela (Vera Tschechowa) mit anderen Augen
Von Pinelli, Kampendonk und Schleif standen vor einem Dilemma. Einerseits war von Beginn an klar, dass ihr Star am Ende wieder in die Heimat zurückkehrt, andererseits sollte „Freddy unter fremden Sternen“ ein Wohlfühl-Film und kein Auswanderer-Drama werden. Nicht nur der alte O’Brien wird reumütig und beichtet Freddy von seinen finanziellen Schwierigkeiten, auch die gar nicht mehr eingebildete Manuela entdeckt ihre wahren Gefühle für den singenden Helden, der ihrem Vater das Leben gerettet hatte. Selbst die kanadische Polizei agiert ähnlich konstruktiv wie die deutsche im Vorgängerfilm und überführt Ted als den wahren Übeltäter, worauf sich Alle einigen können. Welchen Grund hätte Freddy also gehabt, die gar nicht so fremden Sterne wieder zu verlassen? - Dafür musste erneut Stefan in die Bresche springen, der wegen fehlender Einwanderungspapiere von der Polizei nach Deutschland zurückgeschickt werden soll. Als sein Freund kann Freddy ihn nicht im Stich lassen und begleitet ihn.

Abschlussbild mit Planwagen und Gitarre
Eine mehr als dünne Drehbuchwendung, die keiner näheren Betrachtung standhält. Wie hätte Freddy reagiert, wenn es Stefan zu Beginn des Films nicht gelungen wäre, am Hafen bei der Passkontrolle an den Beamten vorbei zu schlüpfen? – War es nicht viel zu riskant, ihn als blinden Passagier mit nach Kanada zu nehmen? – Jetzt, nachdem sich alles gefügt und O’Brien einen fairen Preis für Freddys Grundstück gezahlt hatte, geht es mit den Taschen voller Geld nach Deutschland zurück. Und prompt denkt Freddy wieder an Susi und die beiden Ossenkamps in Hamburg-St.Pauli, aber es bedarf schon sehr der 50er Jahre-Brille, um das angesichts der süßen Manuela und der schneebedeckten Wipfel im Hintergrund als Happy-End zu begreifen. Nicht ohne Grund endete "Freddy unter fremden Sternen" mit den beiden Protagonisten auf dem Bock eines Planwagens und Freddys Griff zur Gitarre - die im Titelsong beschworene "Heimfahrt" sparte man lieber aus. 

"Freddy unter fremden Sternen" Deutschland 1959, Regie: Wolfgang Schleif, Drehbuch: Aldo von Pinelli, Gustav Kampendonk, Darsteller : Freddy Quinn, Gustav Knuth, Vera Tschechowa, Dieter Eppler, Christian Machalet, Benno Sterzenbach, Helga Sommerfeld, Hannelore Elsner, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Schleif: 

"Freddy, die Gitarre und das Meer" (1959) 
"Freddy und die Melodie der Nacht" (1960)

Sonntag, 11. Oktober 2015

Auf der Reeperbahn nachts um halb eins (1954) Wolfgang Liebeneiner

Die alten Freunde Pittes (Heinz Rühmann) und Hannes (Hans Albers)
Inhalt: Hannes (Hans Albers) kommt an Bord eines Schiffes der Handelsmarine nach acht Jahren auf See wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Er will endgültig an Land bleiben und freut sich auf das Wiedersehen mit seinem alten Freund Pittes (Heinz Rühmann), der auf der Reeperbahn das „Hippodrom“ betreibt, ein Vergnügungslokal mit Pferdedressur-Vorführungen. Schon auf dem Weg dorthin erfährt er, dass sich das Etablissement inzwischen „Galopp-Diele“ nennt, nicht die einzige Veränderung der letzten Jahre, wie Hannes schnell feststellen muss.

Pittes mit Louise (Fita Benkhoff)
Der Geschmack der Besucher der Reeperbahn hat sich erheblich gewandelt, weshalb die „Galopp-Diele“ inzwischen ein tristes Dasein mit nur noch wenigen Gästen führt. Auch Hannes Animierkünste – er schnappt sich ein Akkordeon und gibt ein paar Lieder zum Besten – können nur kurz für Abhilfe sorgen. Doch es gibt auch erfreuliches festzustellen, denn Anni (Helga Franck), die Tochter seines Freundes, ist inzwischen zu einer hübschen jungen Frau herangewachsen, und wäre genau die richtige Wahl für den alten Frauenhelden, um endlich sesshaft zu werden. Er ahnt nicht, zu welchen Komplikationen das führt…

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" wurde der dritte und letzte gemeinsame Film der großen Stars Hans Albers und Heinz Rühmann. Dass man damit nach dem Krieg wieder an alte Erfolge anknüpfen wollte, lag nah - nicht ohne Grund nannte man den Film nach dem Schlager, den Hans Albers in "Große Freiheit Nr.7" (1944) so trefflich sang und bis heute zu anhaltendem Ruhm verhalf. Albers gesamte Rolle lehnte sich an seinen 1944 im Käutner-Film gespielten Charakter an, nur weniger tíefgründig und ambivalent angelegt. Erneut konnte das Hamburger Urgestein unter dem Namen "Hannes" seinen Charme und seine Gesangsstimme spielen lassen. 

Rühmanns solide Rolle war dagegen frei erfunden und kam an den Esprit seines Partners nicht heran. Zumindest zur Entstehungszeit des Films, denn die Filmgeschichte änderte die damalige Gewichtung. Während der 1960 gestorbene Albers langsam in Vergessenheit geriet, mehrte Rühmann noch jahrzehntelang seinen Ruhm als Schauspieler. Die DVD-Veröffentlichungen des Films werben heute nur noch mit seinem Namen. Das änderte aber nichts an der Wirkung ihrer damaligen Rollen. Rolf Olsen besetzte in seinem gleichnamigen Remake von 1969 die Rolle des "Hannes" nicht ohne Grund mit Curd Jürgens, einem nicht weniger charismatischen Darsteller als Albers.


"Tausend Mädchen müssen her!" - "Tausend nackte Mädchen müssen her!" - "Aber nur schöne!“ – „Und die such‘ ich aus!"

Die schaumgebadete Marion (Sybil Werden)
Kein Dialog aus einem Erotik-Film der späten 60er Jahre, sondern von zwei der populärsten deutschen Filmstars - Heinz Rühmann und Hans Albers. 1954, zu einem Zeitpunkt, in dem noch strenge moralische Standards galten, konnte ein solches Gespräch nur vor dem Hintergrund der Reeperbahn stattfinden, der berühmt-berüchtigten "sündigsten Meile der Welt". Für den gebürtigen Hamburger Hans Albers vertrautes Terrain, das er schon in "Große Freiheit Nr.7" (1944) betrat, in dem er als "Singender Seemann" auf der Bühne stand und den aus den 20er Jahren stammenden Schlager "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" zu andauernder Berühmtheit brachte. Nicht zufällig wurde dieser zum Namensgeber für einen erneuten St.Pauli-Film, in dem Albers wieder als "Hannes" seinen Charme, seine Sangeskunst und nicht zuletzt seine Schlagfertigkeit spielen lassen konnte.

"Große Freiheit" St.Pauli 1954
Doch anders als unter Helmut Käutners Regie im kurz vor dem Kriegsende entstandenen Vorgänger war Albers hier nicht der alles beherrschende Star, sondern bekam noch Heinz Rühmann zur Seite gestellt. Eine zuvor nur in "Bomben auf Cassino" (1931) und "Der Mann, der Sherlock Holmes war" (1937) praktizierte Kombination, die hier dem Versuch der beiden Mimen geschuldet war, ihre nach dem Kriegsende ins Stocken geratenen Karrieren wieder in Schwung zu bringen – eine Kalkulation, die aufging. Für Hans Albers blieben die 50er Jahre bis zu seinem Tod 1960 auf gleichbleibend gutem Niveau und für den elf Jahre jüngeren Heinz Rühmann, der im Jahr zuvor schon mit „Briefträger Müller“ (1953) aus dem Loch der Nachkriegsjahre herausgekommen war, bedeutete „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ eine weitere Forcierung seiner kommenden Erfolgsjahre (siehe dazu das „Heinz-Rühmann Porträt“). Eine Kalkulation, die auch der Story anzumerken war, die sich nicht nur bei „Große Freiheit Nr.7“ bediente, sondern ganz auf die Charaktere seiner beiden Hauptdarsteller zugeschnitten war.

Hannes will in Hamburg sesshaft werden
Hannes Wedderkamp (Hans Albers) kehrt nach acht Jahren auf See wieder nach St.Pauli zurück, um endlich sesshaft zu werden. Sein Weg führt ihn auf die Reeperbahn ins „Hippodrom“, das sein bester Freund Pittes Breuer (Heinz Rühmann) seit vielen Jahren leitet, inzwischen aber in „Galopp-Diele“ umbenannt wurde. Doch auch der zeitgemäßere Name half nicht, denn mit Pferdekunststückchen lassen sich auf der Reeperbahn der 50er Jahre keine Gäste mehr anlocken, so sehr sich Pittes auch als Animateur bemüht – einzig „Sex sells“. Statt Umsatz lauert nur der Gerichtsvollzieher, der die geliebten Pferde zur Schlachtbank führen will. Dagegen kann auch Hannes nichts ausrichten, auch wenn er sich wie einst das Schifferklavier schnappt, um mit schmissigen Liedern das Publikum anzulocken. Mit seinen Auftritten sorgte er in „Große Freiheit Nr.7“ noch für Furore, hier will Hannes seinem Freund das notwendige Geld leihen, um mit neuer Einrichtung eine moderne Revue auf die Beine stellen zu können.

Pittes mit Tochter Anni (Helga Franck)
Die vorhersehbare Story lebt vom Gegensatz Albers/Rühmann. Hannes und Pittes sind vor vielen Jahren gemeinsam zur See gefahren, auch wenn davon in der Gegenwart nur noch wenig zu spüren ist. Während Albers gewohnt überzeugend den Weltenbummler gab, der gegenüber jeder Frau seinen Charme spielen lässt, verkörperte Rühmann den soliden Familienvater, dem nach dem frühen Tod seiner Frau vor allem das Wohlergehen seiner inzwischen erwachsenen Tochter Anni (Helga Franck) am Herzen liegt. Mit Louise (Fita Benkhoff) lebt noch eine gleichaltrige Frau in Pittes‘ Haushalt, deren Charakter komplett konstruiert wirkt. Beider Verhalten entsprach ganz dem Klischee eines alten Ehepaars – sie kontrolliert ihn, er sucht sich Freiräume, körperliche Nähe Fehlanzeige – ohne aber verheiratet zu sein, da Pittes dazu keine Lust verspürt. Der Gedanke dahinter lag nah, denn keine weitere Person durfte das emotionale Dreieck Pittes, Hannes und Tochter Anni stören, das hier für die Dramatik sorgen sollte.

Hannes kümmert sich um das Liebespaar Anni und Jürgen (Jürgen Graf)
Denn wie sich schnell herausstellt ist Anni die leibliche Tochter von Hannes. Während der Hallodri auf den Weltmeeren unterwegs war, hatte der brave Pittes dessen schwangere Freundin geheiratet, um das Kind zu legitimieren. Pittes, der nur für sein Adoptivkind lebt, hat Angst, seinem alten Freund die Wahrheit zu sagen, da er befürchtet, dass er sie ihm daraufhin wegnimmt. Ihm bleibt aber nichts anderes übrig, als er den Eindruck bekommt, dass der Frauenheld ausgerechnet Anni als Zukünftige ins Auge fasst. Wie zu erwarten kommt es zum Bruch zwischen den Freunden, aber nichts daran wirkt authentisch. Hannes betont zwar wiederholt, dass Annis Mutter seine einzige große Liebe war. Trotzdem hatte es ihn damals nicht gestört, dass sein bester Freund Pittes sie in seiner Abwesenheit geheiratet hatte, ohne dass er die nachvollziehbaren Gründe dafür kannte.

Pittes gerät in Schwierigkeiten
An einem echten Konflikt war die zwischen Komödie und leichtem Drama angelegte Story nicht interessiert, wie auch an den weiteren dramaturgischen Elementen deutlich wird. Die Gefahr einer Beziehung von Anni zu Hannes wird nicht ernsthaft erwogen, da die junge Frau ihren Chef (Jürgen Graf) liebt, Sohn des reichen Reeders Brandstetter (Gustav Knuth). Dieser steht der aus seiner Sicht nicht standesgemäßen Verbindung ablehnend gegenüber – eine Haltung die angesichts des sympathischen Gustav Knuth kaum Bestand haben durfte. Noch aufgesetzter wirkt die Kriminalstory um ein paar lichtscheue Gesellen (darunter Wolfgang Neuss als wenig tough auftretender Bandit), die verbotenerweise Ladung aus gesunkenen Kriegsschiffen stehlen wollen. Vielleicht konnte man Mitte der 50er Jahre noch etwas Thrill mit dem Modell eines versunkenen U-Boots und einer brennenden Zündschnur erzeugen, aber darüber hinaus hatte die Chose nur den Zweck, die Freunde wieder miteinander zu versöhnen.

Spaß auf der Reeperbahn
Wirklich von Bedeutung war das nicht, entscheidend blieb der Handlungsort St.Pauli Reeperbahn sowohl als klar definierte Heimat, als auch als außergewöhnlich freizügiger Lebensraum. Helmut Käutner setzte sich in „Große Freiheit Nr.7“ über die damals verordnete Moral hinweg, beschrieb Prostitution und außerehelichen Geschlechtsverkehr als Normalität in einem ernsthaften Kontext. Regisseur Wolfgang Liebeneiner, während der NSDAP-Diktatur eng mit dem Propaganda-Ministerium verbunden („Die Entlassung“, 1942), nach 1945 auch Verfechter engagierter („Liebe ‘47“, 1949) und satirischer Filme („1.April 2000“, 1950), verlieh „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ mehr einen komödiantischen Gestus, nutzte aber auch den moralischen Freiraum. Nicht in jeder Hinsicht – Anni ist ein Vorbild an anständiger Tochter und abschließend heiratet Pittes auch die geduldige Louise – aber so weit, dass der Spaß und die Lebenslust immer im Vordergrund bleiben. Rühmann und Knuth lassen es in den „Bumslokalen“ richtig krachen und Hannes teilt zeitweise das Bett mit der Tänzerin Marion (Sybil Werden). Für Hannes natürlich keine dauerhafte Beziehung, denn die hat er nur mit dem Meer – darin ähnelte Liebeneiners Film wieder dem Käutnerschen Vorbild.

"Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" Deutschland 1954, Regie: Wolfgang Liebeneiner, Drehbuch: Gustav Kampendonck, Curt J.Braun, Darsteller : Hans Albers, Heinz Rühmann, Fita Benkhoff, Gustav Knuth, Helga Franck, Sybil Werden, Wolfgang Neuss, Wolfgang Müller, Laufzeit : 106 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Liebeneiner:

Sonntag, 3. August 2014

Der Herr mit der schwarzen Melone (1960) Karl Suter

Inhalt: Vater Wiederkehr (Willy Fueter) reagiert überrascht, als plötzlich sein elegant gekleideter Sohn Hugo (Walter Roderer) in seine Zelle zu ihm gesperrt wird. Da er ihm jede Kompetenz abspricht, fehlt es ihm an Vorstellungskraft wie sein Sohn, dessen Anstellung als Reinigungskraft der Aschenbecher in einem Züricher Bankhaus nur seinen Beziehungen zu verdanken war, in einem Genfer Gefängnis landen konnte. Erst langsam ist er bereit, Hugo zuzuhören, dessen Geschichte an dem Tag begann, als sein Vater verhaftet wurde.

Weil ein Mitarbeiter ausfiel, durfte Hugo ausnahmsweise, begleitet von zwei Sicherheitsbeamten, den Geldsack zum Züricher Flughafen bringen, wo er wie jeden Tag nach Genf transportiert wurde. Kurz zuvor hatte er als Halter des Aschenbechers den deutschen Millionär Meißen (Gustav Knuth) und dessen Tochter (Sabine Sesselmann) kennengelernt, als diesen der Tresor der Bank stolz vorgeführt wurde, und hatte dabei erfahren, dass sie ebenfalls auf dem Weg nach Genf waren. Spontan kündigt er seine Stelle und baut als Hobby-Erfinder eine Holzkiste, in der er selbst Platz nimmt, und die er am nächsten Morgen als Luftfracht abholen lässt. So gelangt er in den Frachtraum des Flugzeugs, dass auch drei Millionen Franken an Bord hat...



Mit "Der Herr mit der schwarzen Melone" (1960) brachte die PIDAX am 22.07.2014 den ersten von zwei Filmen des Produzenten Erwin C.Dietrich heraus, die in Zusammenarbeit mit Regisseur Karl Suter und dem Schweizer Kabarettisten Walter Roderer entstanden. "So ein Mustergatte" (1959) folgt am 12.08.2014, entstand aber früher nach einer mehrfach verfilmten Vorlage, darunter mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Der nur für den Schweizer Markt produzierte Film erwies sich als so erfolgreich, dass Dietrich "Der Herr mit der schwarzen Melone" direkt auch für den deutschen Markt produzierte, weshalb er prominente deutsche Darsteller wie Gustav Knuth oder Hubert von Meyerinck engagierte. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).






Die Story vom ewigen Verlierer, der sich am Ende zum Sieger aufschwingt, gehört seit je her zum beliebtesten Komödienstoff, weil er noch Chancen in einer Situation vermittelt, die in der Realität nicht existieren. Auch Hugo Wiederkehr (Walter Roderer) gelingt der Absprung vom wenig geschätzten Aschenbecher-Reiniger einer Bank, dem sein im Gefängnis inhaftierter Vater (Willi Fueter) nichts zutraut und der von seiner Mutter (Walburga Gmür) noch wie ein kleiner Junge behandelt wird, zum angesehenen Geschäftsmann und zukünftigen Ehemann einer schönen Blondine (Sabine Sesselmann) - zudem Tochter eines Millionärs (Gustav Knuth) - nur dank eines Coups, der kaum Nachahmer finden wird. Um an die Geldsendung seiner Bank von Zürich nach Genf per Flieger zu gelangen, schließt der Hobby-Erfinder sich selbst in eine Holzkiste ein - innen bequem ausgestattet und mit ausreichend Werkzeug, Proviant und sonstigen Hilfsmitteln versehen - stiehlt während des Flugs den Inhalt des Sacks im Frachtraum und verlässt die Kiste als dreifacher Millionär.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" versucht gar nicht erst, dem Raub einen realistischen Anstrich zu geben. Schon während des Flugs geht fast alles schief, was schief gehen könnte. Ein als Versuchstier transportierter Hund schlägt an und die Kiste fällt fast zusammen, nachdem Hugo sie von Innen geöffnet hatte. Notdürftig flickt er sie zusammen, muss aber die Bretter auch dann noch von Innen richten, als der Gabelstapler die Kiste schon aus dem Frachtraum abholt. Da der von ihm befreite Hund ständig bellend um den Stapler läuft, wird ein Zollpolizist aufmerksam, im richtigen Moment aber durch ein flüchtendes Fahrzeug abgelenkt. Wohin die Kiste geliefert werden sollte und wie Hugo ihr letztlich unentdeckt entkam, beließen die Macher um Regisseur und Drehbuchautor Karl Suter gleich für sich, denn für die Wirkung des Films spielte das ebenso wenig eine Rolle, wie das hochwahrscheinlich positive Ende vorauszusagen.

Entscheidender ist der Schweizer Charakter des Films, der als zweite Zusammenarbeit von Produzent Erwin C.Dietrich, Regisseur Suter und Kabarettist Walter Roderer nach "So ein Mustergatte" (1959) entstand und mit populären Darstellern wie Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck und Sabine Sesselmann auch auf den deutschen Markt abzielte. In "So ein Mustergatte" hatte Roderer schon eine Heinz Rühmann-Rolle gespielt, der für die Darstellung des am Ende siegreichen kleinen Mannes berühmt wurde, aber der schlacksige, langhalsige Roderer ist ein gänzlich anderer Typus. Gemächlich agierend und ruhig formulierend, wird er leicht von seiner Umgebung übersehen und nicht ernst genommen. Diese Unsichtbarkeit ermöglicht es erst durch die Maschen Schweizer Gründlichkeit zu schlüpfen, deren behauptete Perfektion sich als Trugbild erweist.

Dieser selbstironische Gestus, gepaart mit einem amüsanten Seitenhieb auf europäische Befindlichkeiten der späten 50er Jahre - Hugo gerät an der Seite der hübschen Christine und ihres Vaters Generaldirektor Meißen (gewohnt sympathisch und locker von Gustav Knuth verkörpert) in eine europäische Wirtschaftskonferenz - unterscheidet "Der Herr mit der schwarzen Melone" wesentlich von den in der Regel aktionistischen, oft auch zu Albernheiten neigenden deutschen Komödien dieser Zeit. Selbst die abschließende Fluchtsequenz, in der Hugo ohne Führerschein mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt rast, gelang eher als Persiflage auf vergleichbare Komödiensequenzen - die Männer, die mit der Leiter eine Straße überqueren, kommen unbeschadet davon.

Von den Anspielungen auf hochnäsige Bankbeamte, bekanntlich besonders staatstragende Persönlichkeiten in der Schweiz, oder auf die Verhaltensmuster der High Society - sobald Hugo über Geld verfügt, benötigt er keines mehr - eine tiefergehende Gesellschaftskritik zu verlangen, wie es die zeitgenössische Presse bemängelte, wäre zu viel erwartet. "Der Herr mit der schwarzen Melone" versteht sich als unaufgeregte, sanft ironische Komödie in Schweizer Mundart (hochdeutsch untertitelt), die ganz auf den von Roderer gespielten Charaktertypus abgestimmt wurde und erstaunlich zeitlose Unterhaltung ohne peinliche Ausbrüche bietet, vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf das ruhige Tempo des Films ein.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" Schweiz 1960, Regie: Karl Suter, Drehbuch: Karl Suter, Alfred Bruggmann, Hans Gmür, Darsteller : Walter Roderer, Sabine Sesselmann, Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck, Willy Fueter, Bruno GanzLaufzeit : 88 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich: