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Montag, 23. Mai 2016

Schmutziger Engel 1958 Alfred Vohrer

Der souveräne Lehrer Dr. Agast (Peter van Eyck)
Inhalt: Gerade hatte der beliebte Studienrat Dr.Agast (Peter van Eyck) gemeinsam mit seinem Sohn Dieter (Jörg Holmer) das Ruderboot-Rennen im Doppelzweier auf der Innen-Alster gewonnen, als Beate (Corny Collins) ihn schon mit einem Blumenstrauß an der Anlegestelle empfängt. Die Blumen hatte sie zuvor ihrer Klassenkameradin Ruth (Sabine Sinjen) entwendet, die damit Dieter gratulieren wollte, für den sie schwärmt. Doch sie hat keine Chance gegen Beate, die es nicht nur auf ihren Lehrer abgesehen hat, sondern auch dessen Sohn schon auf ihrer Seite weiß.

Böses Mädchen (Corny Collins), braves Mädchen (Sabine Sinjen)
Dessen Begeisterung für Beate, die verwöhnte Tochter eines reichen Unternehmers, teilt Dr.Agast aber nicht, der sie im Gegenteil nicht nur im Unterricht kritisiert, sondern ihre ständigen Annäherungsversuche konsequent und eindeutig zurückweist. Dr.Agast, der als Favorit für das Amt des Direktors im neuen Schulgebäude gilt, interessiert sich stattdessen für seine neue Kollegin Norma Berg (Doris Kirchner), der er den Hof macht. Das bemerkt auch die eifersüchtige Beate, die sich das nicht gefallen lassen will…


Dr. Agast hilft Peter (Rex Gildo)
Als Alfred Vohrer 1958 erstmals bei "Schmutziger Engel" die Regie übernahm, besaß er schon langjährige Erfahrungen im Filmgeschäft. Gelernt hatte er unter Harald Braun, dem er seit den frühen 40er Jahren mehrfach assistierte, nachdem er als Soldat im Krieg seinen rechten Arm verloren hatte. In den 50er Jahren konzentrierte er sich auf die Synchronisations-Regie, bevor er im "Halbstarken-Film" reüssierte, so genannt nach dem gleichnamigen Horst Buchholz-Erfolg von 1956. Für das Drehbuch nach dem in der "Welt am Sonnabend" erschienenen Roman "Im Hauptfach: Liebe" war mit Harald G.Petersson ein Veteran verantwortlich. Schon in den 30er und 40er Jahren viel beschäftigt, startete der früher mit der inzwischen verstorbenen Schauspielerin Sybille Schmitz verheiratete Autor nach einer knapp 10jährigen Auszeit noch einmal richtig durch. Vohrer begleitete er bei einigen frühen Edgar-Wallace-Filmen ("Das Gasthaus an der Themse", 1962), noch mehr war er verantwortlich für die Erfolgsgeschichte der Karl-May-Filme. Nach seinen Drehbüchern entstanden "Der Schatz im Silbersee" (1962) und die "Winnetou"-Trilogie.

Studienrat Kalweit (Werner Peters) hält sich für geeigneter als Direktor
Neben diesen Voraussetzungen konnte "Schmutziger Engel" auch mit einem prominenten Cast überzeugen. An erster Stelle sei Peter van Eyck genannt, damals im Zentrum seiner Karriere. Bis zu seinem frühen Tod mit 58 Jahren im Jahr 1969 übernahm er ab Mitte der 50er Jahre Hauptrollen in mehr als 50 Kinofilmen. Daneben verfügt der Film über attraktive und populäre Darstellerinnen, beginnend bei der 17jährigen Sabine Sinjen, seit "Die Frühreifen" (1957) auf dem Weg zum Kino-Star, dazu Corny Collins, Dauergast im "Moral-Film" dieser Zeit ("Am Tag als der Regen kam", 1959), Doris Kirchner, Edith Hancke und Adelheid Seeck. Hans Nielsen, Werner Peters, Ralf Wolter und der junge Alexander "Rex" Gildo in männlichen Nebenrollen vervollständigten eine beeindruckende Besetzung, die die Frage aufwirft, warum der in Hamburg gedrehte "Schmutziger Engel" – alles andere als ein Anfänger-Werk - im Gegensatz zum Großteil von Vohrers Filmen in der Versenkung verschwand?

Beate (Corny Collins) weiß ihre Reize einzusetzen...
Dem ließe sich entgegnen, dass sehr nah am jeweiligen Zeitgeist orientierte Filme häufig dieses Schicksal ereilte. Besonders der wenig verklausulierte pädagogische Auftrag der Jugend-Problemfilme der späten 50er Jahre verlor schnell den Wettlauf gegen die Zeit. Junge Männer sollten vor dem Abrutschen in die Kriminalität gewarnt werden, junge Frauen galt es vor dem Verlust ihres Rufes zu bewahren, der durch sexuelle Liberalisierung und Emanzipation drohte. „Schmutziger Engel“ scheint in dieser Hinsicht prototypisch zu sein: gleich zu Beginn wird Peter Utesch (Rex Gildo) eines Diebstahls überführt, weshalb er von der Schule verwiesen wird. Er hatte einem Mädchen imponieren wollen. Nur Studienrat Dr.Torsten Agast (Peter van Eyck) gibt ihm noch eine Chance, bringt ihn an einem anderen Gymnasium unter und lässt ihn die von ihm übernommene Schuld abarbeiten. Eine souveräne Vorgehensweise, die an Heinz Rühmanns Rolle im parallel erschienenen „Der Pauker“ (1958) erinnert, hier aber nur eine Nebenrolle spielte.

...nur bei Papa (Hans Nielsen) gibt sie die brave Tochter
Im Mittelpunkt steht die Schülerin Beate (Corny Collins), Tochter aus reichem Unternehmer-Haus, gewöhnt alles zu bekommen was sie will. Mit ihrer offenen Sexualität verführt sie die Männer reihenweise – auch Peter Utesch wurde ihretwegen kriminell – nur am Studienrat Agast beißt sie sich die Zähne aus. Negative weibliche Figuren wie diese gehörten zum Standard-Repertoire des Moralfilms, ihr Beispiel sollte vor den Gefahren von Egoismus und Unmoral warnen. Doch damit endeten die Parallelen, denn in „Schmutziger Engel“ fehlte der gefährdete positive Gegenpol. Sabine Sinjen als Klassenkameradin Ruth ist mit ihrem Pferdeschwanz zwar positiv konnotiert, aber viel zu brav und blass, um als Identifikation dienen zu können. Im Gegensatz zu ihrer Rolle in „Die Frühreifen“, in dem sie neben Hauptdarstellerin Heidi Brühl fasziniert ist vom Luxus und Lebenswandel einer Gruppe junger Männer – und damit Gefahr läuft, moralisch abzurutschen – ist Ruth hier nur ein nettes Mädchen, ohne charakterliches Profil. Ihre Freundschaft zu der berechnenden Beate, mit deren Machenschaften sie nichts zu tun hat, wirkt unglaubwürdig.

Dr. Agast wirbt um die Kollegin Norma Berg (Doris Kirchner)
Diese Eindimensionalität durchzieht den gesamten Film. Anders als Hans Söhnker in „Wegen Verführung Minderjähriger“ (1960) gerät Peter van Eyck in seiner Lehrer-Rolle trotz der sich ungeniert anbietenden Schülerin keinen Moment in Versuchung. Stattdessen wird sein Werben um die neue Studienrätin Norma Berg (Doris Kirchner) von der korrektesten Seite gezeigt. Bevor sich der Witwer, der mit seinem jugendlichen Sohn Dieter (Jörg Holmer) ein freundschaftliches Verhältnis pflegt, Norma annähert, ihr auch nur das „Du“ anbietet, stellt er ihr einen Heiratsantrag. Dass Dr. Agast, nachdem sich Beate die Bluse in seiner Wohnung selbst zerrissen hatte, in die Mühlen des Gesetzes gerät, löst deshalb nur ein Scheindrama aus – selbstverständlich halten alle zu dem hochanständigen, beliebten Lehrer. Nur sein Sohn zeigt kurz Aversionen, da Beate ihn zuvor verführt hatte, und gemäß Rollenklischee Werner Peters als missgünstiger Kollege, der selbst gerne Direktor im neuen Schulgebäude werden möchte. Dass Beates Vater (Hans Nielsen) sich für seine Tochter einsetzt und den Lehrer anzeigt, wird dagegen akzeptiert – schließlich wendet sie bei ihm alle Tricks an.

Beate gesteht vor einem Tribunal ihrer Mitschüler die Wahrheit...
Es hätte nur an wenigen Stellschrauben gedreht werden müssen, um aus der Story ein ambivalentes Drama entstehen zu lassen. Die Andeutung einer Schwäche bei dem Lehrer, eine weniger konkrete Inszenierung des körperlichen Übergriffs in dessen Wohnung, die unterschiedliche Interpretationen zugelassen hätte, und eine Charakterisierung der Schülerin, die auch Verständnis für deren Jugend aufgebracht hätte. Das war offensichtlich nicht gewollt. Stattdessen zweifelt nicht einmal der Staatsanwalt an dem Angeklagten und von Rufschädigung ist in „Schmutziger Engel“ keinen Moment die Rede. Dessen am Ende wieder hergestellte Reputation war auch Ende der 50er Jahre, trotz der Vorurteile gegenüber sexuell aktiven Frauen, genauso unrealistisch wie das von den Mitschülern erzwungene Geständnis Beates, das den Tatbestand der Folter erfüllte und vor keinem Gericht Bestand gehabt hätte.

...kommt aber gut davon
Dem Unterhaltungswert des Films, der wie im Jugend-Problemfilm üblich auch freizügige Blicke zuließ, schadete das nicht, verhärtet aber den Eindruck, dass es Vohrer und Autor Petersson mehr um eine schöne Kolportage-Story als um pädagogische Aufklärung ging. In ihrem Film fehlte die entscheidende Essenz - die Warnung vor dem gesellschaftlichen Niedergang. Nicht nur dem Lehrer wurde ein Happy-End erster Klasse gegönnt, auch Beate muss nur wenig einstecken. Ihr Papa tadelt sie noch liebevoll, bevor sie den Flieger Richtung Schweizer Internat besteigt, schon begleitet von einem Kavalier, der ihren Koffer trägt. Einsicht in ihr vorheriges Verhalten oder gar Büßergang Fehlanzeige. Fast scheint es, als wollte Vohrer dem „Moralfilm“ mit „Schmutziger Engel“ am Ende eine lange Nase drehen.

"Schmutziger Engel" Deutschland 1958, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Harald G. Petersson, Roland Ragge (Roman), Darsteller : Peter van Eyck, Corny Collins, Sabine Sinjen, Doris Kirchner, Edith Hancke, Adelheid Seeck, Jörg Holmer, Werner Peters, Hans Nielsen, Rex Gildo, Ralf Wolter, Laufzeit : 90 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Bis dass das Geld euch scheidet" (1960)

Montag, 15. Februar 2016

Geheimaktion Schwarze Kapelle (1959) Ralph Habib

Inhalt: Auf Grund einer Warnung des Kellners in seinem Lieblings-Lokal kann der regime-kritische Journalist Robert Golder (Peter van Eyck) knapp seiner Verhaftung durch die Gestapo entkommen, um kurz darauf trotzdem überwältigt und entführt zu werden. Verantwortlich dafür ist eine Widerstandsgruppe aus der Führungsebene der Wehrmacht, die ihn als Boten benötigt. Er soll einer Vertrauensperson im Vatikan die Pläne Hitlers für den Westfeldzug übermitteln, damit in den betroffenen Ländern Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können. So soll eine weitere Eskalation des Krieges nach der Besetzung Polens verhindert werden und nach einer Absetzung Hitlers Friedensgespräche stattfinden.

Reichsführer SS Heinrich Himmler (Werner Peters) will das verhindern, kann aber den mit einem gefälschten Pass reisenden Golder nicht aufhalten, der unbeschadet nach Rom gelangt. Dort befindet sich eine Einsatztruppe der SS unter der Leitung von Hoffmann (Ernst Schröder), deren mörderisches Vorgehen aber argwöhnisch vom römischen Polizei-Präfekten (Gino Cervi) betrachtet wird. Deshalb sind sie gezwungen geschickt vorzugehen und setzen ihre beste Agentin (Dawn Addams) auf den Journalisten an…


"Geheimaktion schwarze Kapelle" erschien Ende der 50er Jahre in einer Phase, in der die Akzeptanz gegenüber Filmen, die sich mit der jüngeren Geschichte auseinandersetzten, stieg. Für Produzent Arthur Brauner bekanntes Terrain, aber der deutsch-italienisch-französischen Co-Produktion, die die PIDAX erstmals a23.12.2014 auf DVD herausbrachte, sind die Konzessionen deutlich anzumerken, die die Aufarbeitung des Nationalsozialismus damals noch erforderten.

Der erwähnte "Tatsachenbericht" über den Widerstand gegen Adolf Hitlers Kriegspläne verband unterschiedliche Aktionen zu einem Agenten-Stück mit Liebesaffäre, in dem keine reale Person außer dem Reichsführer SS Heinrich Himmler vorkam. Trotzdem hätte "Geheimaktion schwarze Kapelle" Anerkennung verdient gehabt, da sich der Film mit einem bis heute wenig bekannten Kapitel des Widerstands auseinandersetzte und gleichzeitig die veränderte Sozialisation Ende der 50er Jahre abbildete. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Schon Mitte der 50er Jahre waren Filme über den 1945 im KZ hingerichteten langjährigen Chef der deutschen "Abwehr" Wilhelm Canaris ("Canaris" (1954)) und das Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler in die Kinos gekommen - darunter der von Arthur Brauners CCC produzierte, mehrfach ausgezeichnete "Der 20.Juli" (1955) unter der Regie von Falk Harnack. "Geheimaktion schwarze Kapelle" berief sich auf ein weiteres Kapitel des Widerstands aus höchsten Kreisen der Wehrmacht. Der damalige Oberst und spätere Generalmajor Hans Oster hielt Kontakt zur obersten Heeresleitung und verriet Hitlers Pläne für den Westfeldzug an den niederländischen Militär-Attaché Bert Sas, um eine weitere Eskalation des Krieges nach der Besetzung Polens zu verhindern. Im Auftrag Osters und unter dem Schutz der „Abwehr“ versuchte parallel der Rechtsanwalt und Offizier der Wehrmacht Josef Müller - nach dem Krieg erster Vorsitzender der bayrischen CSU - über den Vatikan in Rom Kontakt zum britischen Botschafter aufzunehmen. Für den Fall, dass Hitler stürzt, sollte ein Friedensabkommen mit England vorbereitet werden.

Oster und viele seiner Mitstreiter wurden später von der Gestapo verhaftet und zum Tode verurteilt, aber ihr vergeblicher Versuch, die Nationalsozialisten aufzuhalten ist heute weit weniger bekannt als das Stauffenberg-Attentat. Noch unbekannter ist die deutsch-italienisch-französische Co-Produktion „Geheimaktion schwarze Kapelle“, obwohl Ende der 50er Jahre die Akzeptanz für eine kritische Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit stieg – Filme wie „Kriegsgericht“ (1959) mit Karlheinz Böhm oder Bernhard Wickis „Die Brücke“ (1959) erhielten hohe Anerkennung. Trotzdem galt die Thematik nach wie vor als heikel. Gut zu erkennen am Verhalten des Journalisten Robert Golder (Peter van Eyck), der die Geheim-Pläne für den Westfeldzug nur einem angesehenen Mitglied der Kirche überlassen will. Gebetsmühlenartig wiederholt er, kein Verräter am eigenen Volk sein zu wollen – ein Vorwurf, dem sich die Widerstandskämpfer noch in den 50er Jahren ausgesetzt sahen. Von Hans Oster sind die Worte überliefert:

„Man könnte nun sagen, dass ich ein Landesverräter sei, aber das bin ich in Wahrheit nicht. Ich halte mich für einen besseren Deutschen als all die anderen, die Hitler nachlaufen. Mein Plan ist und meine Pflicht sehe ich darin, Deutschland und damit die Welt von dieser Pest zu befreien.“ (Quelle: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Wikipedia)

Sieht man von dem geplanten Westfeldzug ab, unter dessen wiederholtem Aufschub durch Adolf Hitler die Glaubwürdigkeit des Widerstands litt, blieb im Film fast nichts von dieser realen Situation übrig. Autor Olaf Herfeldt hatte in seinem Roman die Übergabe der Angriffs-Pläne und den geheimen Treffpunkt in Rom zu einem Agenten-Thriller mit Liebesgeschichte vor pittoresker Kulisse kombiniert. Einzig der Reichsführer SS Heinrich Himmler (Werner Peters) als finsterer Strippenzieher im Hintergrund stand für die NS-Diktatur, seine Männer in Rom unter der Leitung von Hoffmann (Ernst Schröder) blieben dagegen austauschbare gedungene Mörder. Dieser weitgehende Verzicht auf ideologischen Ballast zeigte sich besonders bei den italienischen Protagonisten. Franco Fabrizi als aristokratischer Kontaktmann der Widerstandsgruppe mit schickem Cabriolet und Gino Cervi als römischer Polizeipräfekt walteten im Stil von Lebemännern. Zwar hing Benito Mussolinis Porträt im Polizei-Präsidium an der Wand, aber Erwähnung findet der „Duce“ im Film nicht. Im Gegenteil schien selbst der nach Gutdünken handelnde Präfekt schon im Widerstand gegen Nazi-Deutschland zu stehen.

Diese Konzession an die italienischen Co-Produzenten war möglicherweise ein Grund dafür, warum der Film in Deutschland wenig Reputation erfuhr, denn trotz der Freisprechung der obersten Heeresleitung von Schuld am kommenden Angriffs-Krieg – der Generaloberst (Werner Hinz) bleibt nach Beginn der West-Offensive gegen seine innere Überzeugung im Amt, um keinem Hitler-Gefolgsmann Platz zu machen – kamen die Bösewichte allein aus dem deutschen Lager. Dass die Hauptfigur souverän von Peter van Eyck verkörpert wurde, half nur bedingt, denn er legte seine Rolle gewohnt zwiespältig an: ein von den Ereignissen gebrochener, pessimistischer Charakter, der sich bedingungslos in die sexuell offensiv auftretende Tilla (Dawn Addams) verliebt, die als Agentin der SS auf ihn angesetzt wurde.

Zugunsten dieser Liebesgeschichte trat die ursprüngliche, mit dokumentarischen Aufnahmen über den Aufstieg Hitlers beginnende, politische Dimension des Films in den Hintergrund, auch weil der französische Regisseur Ralph Habib die Ereignisse in Rom im Stil der damaligen Gegenwart inszenierte. Nächtliche Partys, Strandleben in Ostia, die Nacktszene in der Umkleidekabine oder die gemeinsame Nacht in seinem Hotelzimmer – mit den späten 30er Jahren hatte das nur wenig zu tun. Betont wurde dieser Eindruck noch durch die Besetzung der weiblichen Hauptrolle mit der us-amerikanischen Schauspielerin Dawn Addams, deren Optik und ihr selbstbewusst, pragmatisches Auftreten einem modernen Frauenbild entsprachen. Addams, die als „Femme fatale“ kurz zuvor in „Die feuerrote Baronesse“ (1959) schon wenig aufregte, war mit ihrer reduzierten Erotik ideal besetzt, da sie trotz ihrer Rolle als Verführerin den moralisch geforderten Anstand wahrte – die notwendige Voraussetzung für die Akzeptanz des Liebespaars Golder/Tilla.

Trotzdem war diese Konstellation dem damaligen Publikum schwer zu vermitteln, wie am letzten Satz der Inhaltsangabe der „Filmbühne“ deutlich wird:

„Für Golder und Tilla bleibt nur noch die Hoffnung, das Glück ihrer Liebe in der Flucht nach Südamerika zu retten“ (Filmbühne Nr.5002, Beilage der Pidax-DVD)


Vielleicht wollte der Autor des Textes damit ein mögliches Happy-End konkretisieren, das die sonstigen historischen Umstände nicht hergaben, aber diesen Gefallen tat ihm der am Ende offen bleibende Film nicht. Für eine Aufarbeitung der realen Hintergründe des Widerstands gegen die Nationalsozialisten ist „Geheimaktion schwarze Kapelle“ historisch zu ungenau und zu unentschieden zwischen Polit-Thriller und Liebesgeschichte, aber als düsteres Zeitbild funktionierte er. Die desillusionierten Lebensentwürfe der beiden Protagonisten wiesen in ihrem Pessimismus schon in Richtung „Denn das Weib ist schwach…“ (1961), der ebenfalls auf Basis eines Drehbuchs von Hans Nicklisch entstand. Darin beschrieb er die Ernüchterung nach einem "Wirtschaftswunder"-Jahrzehnt mit großen sozialen Veränderungen – ein Einfluss der Gegenwart, Ende der 50er Jahre, der auch „Geheimaktion schwarze Kapelle“ anzumerken ist.

"Geheimaktion schwarze Kapelle" Deutschland, Italien, Frankreich 1959, Regie: Ralph Habib, Drehbuch: Hans Nicklisch, Olaf Herfeldt (Roman), Darsteller : Peter van Eyck, Dawn Addams, Werner Peters, Franco Fabrizi, Gino Cervi, Ernst Schröder, Werner Hinz, Laufzeit : 98 Minuten 

Mittwoch, 19. August 2015

Verführung am Meer (Ostrva) (1963) Jovan Zivanovic

Inhalt: Eva (Elke Sommer) verlässt die U-Bahn-Station und eilt in hochhackigen Schuhen über die winterlichen Straßen Berlins zu einem Termin. Ihr Aussehen ist gefragt bei der Vorstellung im Haus einer älteren Dame (Blaženka Katalinić), von der sich Eva einen gut bezahlten Job erhofft. Ihre Attraktivität überzeugt und sie erhält den Auftrag – 2000 DM bekommt sie sofort, die restlichen 2000 nach Erledigung.

Schon am nächsten Tag fliegt sie nach Dalmatien an die Adria-Küste, um dort als Urlauberin einzuchecken. Schnell lernt sie einen jungen Einheimischen (Branimir Tori Jankovic) kennen, der sich näher für die junge Blondine interessiert. Eva erwidert seine Avancen zwar nicht, freundet sich aber mit ihm an und erfährt so, auf welcher der vielen kleinen Inseln sich der von ihr gesuchte Mann (Peter van Eyck) befindet. Sie mietet sich ein Boot und legt an dessen Rückzugsort an, muss aber feststellen, dass er sich nicht nur verbarrikadiert hat, sondern auch die Hunde auf sie hetzt…


Als "Verführung am Meer" am 04.11.2014 von der PIDAX veröffentlicht wurde, nahm ich den Film zuerst nicht wahr. Zu wenig ließ er sich trotz Elke Sommer und Peter van Eyck in die deutsche Kino-Historie einordnen. Deutsch-jugoslawische Co-Produktionen waren zu dieser Zeit keine Seltenheit, aber bei "Verführung am Meer" lag die Sache irgendwie anders - bis ich mich näher mit Regisseur Zivanovic auseinander setzte und seinen Film „Čudna devojka“ entdeckte, den er ein Jahr zuvor mit dem selben Team gedreht hatte. Er kam unter dem Titel "Studentenliebe" 1963 in einer deutsch synchronisierten Fassung in die DDR-Kinos und hätte ich einen Wunsch frei, dann sähe ich ihn gerne auf DVD.

So sehr ich es schätze, dass die PIDAX "Verführung am Meer" wieder zugänglich machte, so sehr beließ sie es dabei, die falsche Erwartungshaltung an den Film zu unterstützen, die ihm schon zu seiner Entstehungszeit schadete. Die Überschrift "Vom Drehbuchautor von "Todesschüsse am Broadway" und "Dynamit in grüner Seide"" ist auch insofern falsch, dass Rolf Schulz, der die Drehbücher zu den genannten Filmen erst viele Jahre später schrieb, hier nur unterstützend tätig war. Stattdessen war der jugoslawische Autor Jug Grizelj dafür verantwortlich, der sein Drehbuch zu „Čudna devojka“ variierte. Die Parallelen zwischen beiden Filmen in der Charakterisierung einer jungen Frau in einer Phase, in der sich moralische Standards und die Geschlechterrollen zu ändern begannen, sind offenkundig - "Verführung am Meer" ist junges modernes Kino der frühen 60er Jahre im Geist der "Nouvelle vague" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 


"Und das übrige…ist das auch echt?"

Die hübsche Blondine bejaht. Sie will den Job und das Geld, denn sie mag die Dinge, die sie sich davon kaufen kann. Die eine Hälfte sofort, die zweite bei Erfolg. Ihr Auftrag wird nicht genannt, aber der deutsche Filmtitel lässt keinen Zweifel daran: "Verführung am Meer". Sie reist vom winterlichen Berlin an die jugoslawische Adria-Küste. Schnell bekommt sie Kontakt vor Ort, denn die junge als Urlauberin getarnte Deutsche weckt Begehrlichkeiten, die sie für ihre Zwecke nutzen kann. Sie verfolgt eine klare Strategie - ihre körperlichen Vorzüge am richtigen Ort so zu präsentieren, dass sie der Zielperson ins Auge fallen. An dessen Reaktion hegt sie keinen Zweifel.

Das Wort "Prostitution" fällt nicht im Film, aber die Unmoral ist mit Händen zu greifen. Elke Sommer ist "Eva" und sie nähert sich dem Mann, um ihn aus dem Paradies zu vertreiben. Sie täuscht eine Notlage vor, um den so herbei gelockten Peter (van Eyck) zum Sex zu verführen. Er, der auf einem felsigen Eiland vor der Adria-Küste sein Refugium abseits der Menschen gefunden hat, soll wieder in eine bürgerliche Existenz nach Deutschland zurückkehren. Verlockt von dem einzigen, was ihm in seiner selbst gewählten Einsamkeit vermeintlich fehlt - die Nähe zu einer Frau.

"Wer bist du?“ – „Ein Mann, und du?“ – „Eine Frau“

"Verführung am Meer" hätte eine böse, mahnende Geschichte erzählen können über vorgetäuschte Gefühle und die zunehmende sexuelle Verkommenheit in der Gesellschaft - Elke Sommer ("...und sowas nennt sich Leben", 1961) und Peter van Eyck ("Endstation 13 Sahara", 1963) besaßen ausreichend Erfahrung im Genre des Moralfilms - doch der Film wählte einen anderen Weg. Eva und Peter kommen sich näher und die junge Frau verliebt sich in den deutlich älteren Mann. Eine Entwicklung, die wiederum reflexartig den Verdacht provoziert, hier handelte es sich um eine lüsterne Alt-Herren-Fantasie, untermalt von den für diese Zeit offenherzigen Bildern einer hübschen jungen Frau. Dieser Vorwurf will oder kann den entscheidenden Unterschied zu einem solchen Männer-Traum vielleicht nicht erkennen - nicht der Mann steht hier im Mittelpunkt, sondern die Frau, aus deren Perspektive der Film erzählt wird.

Zwar entfaltet sich im Lauf der Handlung die Vergangenheit Peters und werden seine Beweggründe deutlich, warum er an diesem einsamen Ort lebt, aber sein Charakter erfährt keine Entwicklung. Ganz anders dagegen die junge Frau, auch wenn der Betrachter bis zum Schluss kaum etwas über sie weiß. Sie agiert, während er reagiert. Zuerst auf ihre Verführung, dann auf das beginnende Liebesspiel bis zur Offenbarung ihrer ursprünglichen Intention. Nicht der Mann ist es, der dank seiner moralischen und geistigen Überlegenheit bzw. seines liebenswerten Wesens der Frau den richtigen Weg weist – Grundvoraussetzung eines feuchten Männertraums – sondern sie selbst zieht eigene Konsequenzen. Peter wäre ihr sonst wie geplant auf den Leim gegangen.

„Du spielst mit mir?“ – „Und warum nicht?“

„Verführung am Meer“ ist ein Wunder. Er moralisiert, wertet und relativiert nicht, sondern erzählt eine einfache Geschichte inmitten einer in ihrer felsigen Kargheit wunderschönen Landschaft. Die üblichen halbseidenen Assoziationen – Sex, Nacktheit, junge Frau, älterer Mann – verfangen hier nicht, denn „Verführung am Meer“ oder schlicht „Ostrva“ (Inseln), wie der Film auf serbo-kroatisch heißt, ist tief im jungen jugoslawischen Kino der frühen 60er Jahre verankert, das sich an der französischen „Nouvelle Vague“ orientierte. Im Jahr zuvor hatte Regisseur Jovan Zivanovic die Romanverfilmung „Čudna devojka“ (Studentenliebe, 1962) herausgebracht – die Geschichte einer jungen Studentin, die unangepasst und sexuell offensiv ihren eigenen Weg sucht. „Cudna devojka“ spielte vor dem Hintergrund der sozialistischen Gesellschaft in Jugoslawien und war nur in der DDR in die Kinos gekommen, weshalb „Verführung am Meer“ – mit westdeutschen Produktionsgeldern entstanden und den Filmstars Elke Sommer und Peter van Eyck prominent besetzt - vordergründig wenig Gemeinsamkeiten mit seinem Vorgängerfilm aufzuweisen scheint.

Spela Rozin in "Cudna devojka" (Studentenliebe, 1962)
Tatsächlich überwiegen die Parallelen, denn Regisseur Zivanovic versammelte dasselbe Kreativ-Team um sich - nur um den damaligen Newcomer Rolf Schulz ergänzt, der für die deutschsprachigen Dialoge zuständig war. Gemeinsam mit Drehbuchautor Jug Grizelj, Kameramann Stevan Miskovic, Komponist Darko Kraljic und Cutterin Jelena Bjenjas variierte Zivanovic die in „Čudna devojka“ verfilmte Story einer selbstbewussten jungen Frau neu – vor dem Hintergrund einer Urlaubslandschaft und ohne offensichtliche Nähe zur gesellschaftspolitischen Tagesaktualität. Besonders in der Gegenüberstellung beider Filme wird deutlich, dass die Geschichte um Peter nur als Rahmen dient – die Charakterisierung der jungen Frau und ihr Weg der Selbstfindung blieb dem Geist von „Čudna devojka“ treu. Zivanovic betrachtete seine weiblichen Protagonistinnen mit Sympathie und verurteilte ihre offene sexuelle Attitüde nicht. Im Gegenteil erweisen sich Beide als intelligent und in der Lage ihr eigenes Verhalten zu hinterfragen und zu korrigieren.

Damit widersprach „Verführung am Meer“ den damaligen moralischen Standards, die einforderten, dass junge Frauen für ihr promiskuitives Verhalten büßen sollten. Zumindest ihr Ruf wurde nachhaltig beschädigt, wie auch ihre Auftraggeberin annimmt. Doch Eva ordnet sich nicht unter, sondern behält die Hoheit über ihr Handeln – am Ende wirkt ihr Verhalten moralischer als das der alten Dame. Unterstützt wurde Zivanovics Gespür für die beginnenden soziokulturellen Veränderungen durch eine kontrastreiche Bildsprache, deren Perspektiven die Menschen immer in Bezug zu ihrer Umgebung setzen. Mal verleiht er ihnen Dominanz, mal bleiben sie im Hintergrund oder assimilieren sich fast bis zur Unsichtbarkeit in der Landschaft. Obwohl nur wenige Minuten zu Beginn ins Bild gerückt, vermittelt der Weg Evas durch Berlin (auch wenn die Anordnung geografisch nicht logisch ist) eine Verlorenheit, die ihre späteren Motive verständlich werden lässt.

In stilistischer Hinsicht ähnelt „Verführung am Meer“ seinem Vorgänger „Čudna devojka“, aber Regisseur Zivanovic konnte für den westdeutschen Markt etwas mehr wagen – Elke Sommer inszenierte er in ihrer Erotik konkreter als zuvor Spela Rozin. Beim Publikum geholfen hat es ebenso wenig wie die Küstenlandschaft und die populäre Besetzung. Obwohl dem Film seine inszenatorischen Qualitäten nicht abgesprochen wurden, lassen die wenigen Kritiken die Unfähigkeit erkennen, sich auf die inneren Beziehungen der Protagonisten, besonders aber auf die weibliche Hauptrolle einlassen zu wollen - bis hin zu der zwar werbewirksamen, die Intention des Films massiv missverstehenden Bezeichnung einer „modernen Robinsonade“. Sowohl „Čudna devojka“ (Studentenliebe) als auch „Verführung am Meer“ waren hinsichtlich ihres Umgangs mit der Sexualität und den Geschlechterrollen ihrer Zeit voraus – und sind es immer noch.

"Verführung am Meer" Deutschland, Jugoslawien 1963, Regie: Jovan Zivanovic, Drehbuch: Jug Grizelj, Rolf Schulz, Darsteller : Elke Sommer, Peter van Eyck, Blazenka Katalinic, Branimir Tori Jankovic, Laufzeit : 76 Minuten

Montag, 4. Mai 2015

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit (1961) Harald Philipp

Inhalt: Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck) hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten Dr. Werner Rüttgen (Claus Holm), dass dieser den Mord an seiner Frau begangen hatte, um frei für seine Geliebte Helga Dahms (Susanne Rüttger) sein zu können, mit der er schon längere Zeit ein Verhältnis hatte. Doch Kesslers Ansicht basiert allein auf Indizien, weshalb die überraschende Zeugenaussage von Laura Beaumont (Eva Bartok), die kurz vor dem Ende seines Plädoyers im Zuschauerraum auftaucht, seine Argumentation zum Fallen bringt. Sie gibt dem Angeklagten ein Alibi.

Die Verhandlung wird unterbrochen, um die neue Sachlage prüfen zu können, aber Kessler muss sich der Haltung des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff) beugen, der die Freilassung des Angeklagten anordnet. Kessler glaubt der Zeugin nicht, da er sie von früher her kennt, aber mit dieser Ansicht steht er allein. Als kurz darauf, der Angeklagte ebenfalls an einem angeblichen Selbstmord stirbt – tatsächlich hatte der Täter die Tabletten ausgetauscht – und einen Brief hinterlässt, der den Staatsanwalt beschuldigt, er hätte ihn in den Tod getrieben, gerät Kessler noch mehr unter Druck. Auf eigene Faust beginnt er zu ermitteln und wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert…


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" , der von der PIDAX am 23.12.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht wurde, scheint aus der Reihe der Sozialdramen der späten 50er / frühen 60er Jahre heraus zu stechen, um die sich die PIDAX zuletzt umfangreich kümmerte, aber das täuscht. Zwar gehört der Film äußerlich dem Justiz-Thriller oder Kriminal-Genre an und reiht sich damit in die Mabuse- und Edgar-Wallace-Filme ein, die Anfang der 60er Jahre sehr populär waren, aber allein schon die Tatsache, dass der Film nicht annähernd über den Bekanntheitsgrad typischer Kriminalfilme dieser Zeit verfügt - unabhängig von deren Qualität - deutet eine weitere Ebene an. Wesentlich konsequenter als etwa in den Edgar-Wallace-Filmen kombinierte Regisseur Harald Philipp die Handlung mit den sozialen Veränderungen nach dem Krieg in Deutschland, speziell hinsichtlich des Wandels in der Sexualität.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Ein unbekannter Strippenzieher im Hintergrund, Mord, Spionage, Prostitution - und mitten drin ein engagierter Staatsanwalt, der versucht dieses Geflecht aufzulösen und den wahren Täter zu ermitteln. "Unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beginnt wie ein klassischer Gerichtsfilm mit dem Plädoyer des Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck), ändert aber schnell seinen Charakter in Richtung Kriminalfilm, als die überraschende Zeugenaussage der schönen Laura Beaumont (Eva Bartok) den vermeintlichen Mörder (Claus Holm) entlastet. Kessler muss ihn gegen seine Überzeugungen laufen lassen, will dieses Ergebnis, dass schwer seiner Reputation schadet, aber nicht hinnehmen. Doch mit seinen erneuten Nachforschungen wird er einem international agierenden Verbrecher-Ring zunehmend lästig und gerät selbst in Lebensgefahr.

Als "Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" im Oktober 1961 in die deutschen Kinos kam, stand die Premiere des achten Edgar Wallace-Streifens "Die seltsame Gräfin" (1961) kurz bevor und lag Peter von Eycks Auftritt in "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" (1960) schon mehr als ein Jahr zurück. Dessen Fortsetzung "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" (1961) sollte ebenfalls noch im Oktober erscheinen, allerdings ohne Van Eyck, der erst im fünften Teil („Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, 1963) wieder mitspielte. Der Eindruck entsteht, Regisseur und Drehbuchautor Harald Philipp wollte, nachdem er im Jahr zuvor zwei Kriegsfilme gedreht hatte ("Strafbataillon 999" und „Division Brandenburg“, 1960), ebenfalls auf die Gruselkrimi-Karte setzen, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Doch im Gegensatz zu den Wallace- und Mabuse-Filmen, die trotz erheblicher Qualitätsunterschiede im Film-Gedächtnis blieben und bis in die heutige Gegenwart wiederholt vermarktet und im Fernsehen gezeigt wurden, erreichte „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ nie deren Popularität.

Anders als die erfolgreichen Krimi-Reihen, deren Stories nur wenig Berührung mit der Realität aufwiesen, blieb Harald Philipp, der wie sein Co-Autor Fred Ignor in den 50er Jahren im Schlagerfilm aktiv war, mit seiner Story in der Gegenwart der BRD verankert. Zwar klingt die Aussage eines Beobachters der Gerichtsszene zu Beginn, der Staatsanwalt hätte die Geschworenen schon auf seine Seite gebracht, nach anglizistisch geprägter Dramatik, aber offensichtlich war es noch nicht im kollektiven Gedächtnis angekommen, dass es in Deutschland seit 1924 keine Geschworenen mehr gab. Für besonders schwere Delikte ist bis heute das „Schwurgericht“ zuständig, das nur noch mit dem Namen daran erinnert, aber der „Großen Strafkammer“ entspricht, der neben den zwei Schöffen drei Berufsrichter angehören. Im Film ist das gut an der Besetzung der Richterbank zu erkennen, so wie sich Harald Philipp auch sonst an die juristischen Gepflogenheiten hielt. Sowohl die Rolle des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff), der den ehrgeizigen Dr. Kessler in die Schranken weist, als auch des Strafverteidigers (Leon Askin) kommen ohne Polemik oder eine zugespitzte Konfrontation aus. Nachdem die Zeugenaussage den Angeklagten entlastet hatte, wurde er selbstverständlich aus der Haft entlassen.

Auch die Wallace-Krimis nutzten die in den 60er Jahren entstehenden Freiräume für sexuell offensivere Elemente, trennten gleichzeitig aber streng zwischen Gut und Böse und betonten das moralisch einwandfreie Verhalten des Helden und seines jeweiliges Love-Interests. In dieser Hinsicht ist „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ mutiger und direkter. Schon die Anspielung Dr. Kepplers auf die Teilnahme des verheirateten Konzern-Chefs Generaldirektor Delgasso (Rudolf Fernau) bei Partys einer Model-Agentur, ließ wenig an der tatsächlichen Aufgabe der Mannequins zweifeln. Die Nackt-Szene, in der der schwule Fotograf (Ralf Wolter) die Vorzüge der Mädchen ablichtet, hätte jedem frühen Erotik-Film zur Ehre gereicht. Besonders aber die Ausarbeitung der Dreieck-Konstellation zwischen Dr. Kessler, seiner Verlobten Ingrid Hansen (Marianne Koch) und der überraschend auftretenden Zeugin Laura Beaumont, lässt Harald Philipps ernsthaften Umgang mit den Veränderungen der Sozialisation nach dem Krieg erkennen.

Schnell stellt es sich heraus, dass der Staatsanwalt mit der schönen Französin vor Jahren eine Affäre hatte, die unglücklich für ihn endete. Seiner Verlobten hatte er davon nichts erzählt, weshalb diese zuerst eifersüchtig reagiert. Daraus hätte sich erneut die Mär vom angeblich untreuen Helden entwickeln lassen, der am Ende als Unschuldslamm die zukünftige Ehefrau in die Arme schließen darf. Stattdessen knistert es zwischen Kessler und der Schönen wieder gewaltig, als er versucht herauszubekommen, warum sie mit der geschickt platzierten Zeugenaussage seine Reputation beschädigen wollte. Zudem verfiel Phillip nicht in den gewohnten Reflex, eine sexuell offensive Frau einseitig als Luder zu diffamieren, sondern betrachtete sie mit Sympathie. Das gilt auch für Ingrid Hansen als optisch bravem Gegenpol, die nicht nur als Journalistin jederzeit selbstbewusst agiert, sondern auch als Verlobte ihre eigenen Schlüsse zieht. Peter van Eyck blieb gewohnt souverän innerhalb dieses Spannungsfelds, dessen Modernität den Film über die übliche Krimi-Ware dieser Zeit hinaus hob.

Dass „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ das Zusammenspiel dieser differenziert angelegten Charaktere, zu denen auch der großartige Wolfgang Reichmann in einer Nebenrolle als seltsam undurchsichtiger Freund gehört, mit einer Story um Industrie-Spionage und Call-Girl-Ring verband, führte zu einer falschen Erwartungshaltung. Der Krimi-Plot kommt nie richtig in Schwung und der Hintergrund für die Spionage-Tätigkeit spielt keine wirkliche Rolle. Im Subtext verbirgt sich, worum es Regisseur Philipp tatsächlich ging – um Sexualität und den Wandel der Geschlechterrollen. Die Öffentlichkeit wird zu Beginn noch ausgeschlossen, als die Geliebte (Susanne Rüttger) über ihr Verhältnis zu dem Angeklagten vor Gericht aussagt, aber diese Maßnahme wirkt veraltet angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der hier Prostitution, Erotikaufnahmen und unehelicher Sex als Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit dargestellt werden. Die Auflösung am Ende, um wen es sich bei dem „großen Unbekannten“ handelt, kann entsprechend Niemand mehr überraschen. Sie folgt nicht den Regeln eines Verbrechers, sondern eines in seinem Selbstbewusstsein erschütterten Mannes:

„Wie oft war ich schon unglücklich - mir laufen sie nicht hinterher wie dir!“


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" Deutschland 1961, Regie: Harald Philipp, Drehbuch: Harald Philipp, Fred Ignor, Darsteller : Peter van Eyck, Eva Bartok, Marianne Koch, Claus Holm, Wolfgang Reichmann, Werner Peters, Leon Askin, Ralf Wolter, Rudolf FernauLaufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Philipp:

Sonntag, 8. Februar 2015

Endstation 13 Sahara (1963) Seth Holt

Inhalt: In einem kleinen Ort am Rande der Sahara wird Martin (Hansjörg Felmy) abgeholt, um von dort zu einer kleinen Pump-Station in der Wüste gebracht zu werden, wo er für einen US-amerikanischen Öl-Konzern arbeiten soll. Er hat sich ebenso für fünf Jahre verpflichtet wie die anderen vier Männer, die unter der Leitung des deutschstämmigen US-Amerikaners Kramer (Peter van Eyck) ihrem eintönigen Job in der Einöde nachgehen.

Zwar stehen ihnen ein paar einheimische Arbeitskräfte als Dienstboten zur Verfügung, aber darüber hinaus bietet das Lager-Leben weder Komfort, noch Abwechslung, sieht man von den gemeinsamen Poker-Spielen ab, zu denen Kramer die Männer gegen ihren Willen nötigt. Einzig ein paar Prostituierte kommen in größeren Abständen zu Besuch, wie Martin bei seiner Ankunft feststellt, aber die Sehnsüchte der Männer können sie nur kurz vertreiben…


Mit "Endstation 13 Sahara" veröffentlicht PIDAX am 20.02.2015 nach "Ein Toter sucht seinen Mörder" (1962) auch den zweiten (und letzten) Versuch Arthur Brauners, mit einer deutsch-englischen Co-Produktion auf dem englischen Markt Fuß zu fassen. Gehörte "Ein Toter sucht seinen Mörder" zu dem - dank der Edgar-Wallace-Erfolge - damals sehr populären Mystery-Kriminal-Genre, fiel "Endstation 13 Sahara" als Verfilmung eines Theaterstücks scheinbar aus dem Rahmen. Tatsächlich setzte Brauner damit auf ein anderes erfolgversprechendes Sujet - den aufkommenden Erotik-Film. Mit der Besetzung Carroll Bakers, seit "Baby Doll" (1956) als verführerische Schönheit festgelegt, gelang Brauner ein vorausschauender Coup, auch wenn sein Film davon noch nicht angemessen profitierte. Ab den späten 60er Jahren sollte Carroll Baker im italienischen Film zu einer Ikone des erotischen Films werden - "Endstation 13 Sahara" liefert nicht nur dafür schon frühzeitige Argumente, sondern weist auf die Entwicklung des erotischen Films in Deutschland hin (siehe "Bis die Schulmädchen kamen - der erotische Film der 60er Jahre" (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 




Inmitten einer staubigen Wüstenlandschaft, abseits der Zivilisation, arbeiten sechs Männer an einem Außenposten eines US-amerikanischen Öl-Multis, die es aus England, Frankreich und Deutschland hierher verschlagen hat. Kramer (Peter van Eyck), ein US-Amerikaner mit deutschen Wurzeln, leitet seit vielen Jahren die kleine Einheit, deren Mitglieder sich für mindestens fünf Jahre verpflichten mussten, die Ölleitung und technischen Anlagen im afrikanischen Niemandsland zu überwachen.

Eine Ausgangssituation, die an "Le salaire de la peur" (Lohn der Angst) erinnert, den Henri-Georges Clouzot 1953 nach einer Romanvorlage des französischen Autors George Arnaud verfilmt hatte. Wie dieser spielt auch „Endstation 13 Sahara“ vor dem Hintergrund eines zugespitzten männlichen Mikrokosmos aus enttäuschter Vergangenheit und fehlender Zukunftsperspektive, der nur wenig Anlass zur Eskalation benötigt. Dass in beiden Filmen die US-Ölindustrie sowohl als Verursacher, als auch als Hoffnungsträger fungierte, sollte zwar deren weltweite wirtschaftliche Macht veranschaulichen, Kritik daran lässt sich aber allein im Subtext finden – beide Filme eint viel mehr ihr Interesse an zwischenmenschlichen Verhaltensweisen in Extremsituationen.

Darüber hinaus existieren noch weitere Gemeinsamkeiten. Auch „Endstation 13 Sahara“ basiert auf französischer Literatur, dem Theaterstück „Männer ohne Vergangenheit“ von Jean Martet, dessen Titel die psychische Situation der Protagonisten genauer hervorhebt als der neutralere Filmtitel. Erst die Verdrängung dieser Vergangenheit, die zum Auslöser dafür wurde, warum sich die Männer an diesem Ort verdingt haben, erklärt ihr gegenwärtiges Verhalten. Autor Martet ist inzwischen nahezu unbekannt - gut zu erkennen an der falschen Schreibweise seines Namens sowohl in den Film-Credits, als auch auf der DVD-Hülle der PIDAX. Dabei war sein Theaterstück früher entstanden als Arnauds Roman und wurde schon 1939 erstmals unter dem Titel „S.O.S. Sahara“ verfilmt – als deutsche Produktion mit einem ausschließlich französischen Cast. Darunter Charles Vanel in der Hauptrolle, der neben Peter van Eyck in „Lohn der Angst“ mitwirkte.

Eine erstaunliche, vielleicht zufällige Parallele zur Arthur Brauner-Produktion von 1962, die wie die 39er-Fassung von internationalem Zuschnitt war. Zwar verfügte der Cast neben Peter van Eyck mit Mario Adorf und Hansjörg Felmy über populäre deutsche Mimen, aber das Kreativ-Team stammte ausschließlich aus England. Regisseur Seth Holt und Autor Brian Clemens hatten zuvor bei der TV-Serie „Danger Man“ (Geheimauftrag für John Drake, 1960 – 1962) zusammen gearbeitet und mit Co-Autor Brian Forbes war ein auch als Schauspieler und Regisseur erfahrener Mann mit an Bord. Der größte Coup gelang Brauner aber mit der Verpflichtung von Carroll Baker in der weiblichen Hauptrolle. Die US-amerikanische Darstellerin, die später zum ständigen Gast im europäischen Film werden sollte, war seit „Baby Doll“ (1956) zum Filmstar aufgestiegen. Ein Ruhm, der sie auf ein Rollen-Klischee festlegte, das sie auch in „Sahara 13 Endstation“ trefflich bedienen sollte – als erotische Verführerin.

In dieser Konstellation zeigt sich auch der entscheidende Unterschied zu Clouzots „Lohn der Angst“ – nicht der lebensgefährliche Versuch, einem trostlosen Leben zu entkommen, erzeugte in „Sahara 13 Endstation“ die testosteron-geschwängerte Atmosphäre, sondern Sex. Die sprachlastige Handlung, der ihr theaterartiger Charakter anzumerken ist, spielt fast ausschließlich an der Pump-Station, konzentriert sich zuerst auf das Binnenverhältnis der sehr unterschiedlichen Männer, um dann durch die Hinzuziehung einer schönen Frau das mühsam aufrecht erhaltene Konstrukt zum Bersten zu bringen. Dabei ist Catherine (Carroll Baker) nicht allein, sondern wird von ihrem geschiedenen Mann Jimmy (Bigg McGuire) begleitet, der versucht hatte, sie umzubringen, indem er mit seinem Wagen in die Pump-Station raste – mit dem Ergebnis, dass er schwer verletzt im Bett liegt, während sie bei den Männern ihre Chancen auslotet.

Leider konnte der in den 30er Jahren entstandene Original-Text von mir nicht als Vergleich zur Drehbuch-Fassung hinzugezogen werden, aber die Charakterzeichnungen der Protagonisten wirken an die Erwartungshaltung eines 60er Jahre Publikums angepasst. Lassen die beiden britischen Mimen Ian Bennan und Denholm Elliott in ihrer Auseinandersetzung um einen Brief auf unterhaltsame Weise noch etwas von ihrer persönlichen Tragik durchschimmern, spielte Peter van Eyck erneut den desillusionierten, auf Grund schlechter Erfahrungen nach außen hin hart gewordenen Mann, wie er ihn seit „Lohn der Angst“ mehrfach variierte. Auch Mario Adorf verkörperte als grobschlächtiger Franzose einen eindimensionalen Rollen-Typus, spielte hier aber nur eine Nebenrolle, während besonders Hansjörg Felmys Auftreten nicht zu einem vielschichtigen Drama passt.

Der Eindruck, dass seine Rolle ein Gegengewicht zu der Gruppe gebrochener Charaktere bilden sollte, drängt sich auf. Zwar scheint auch er von negativen Erfahrungen getrieben an diesen einsamen Ort gekommen zu sein, aber seinem Selbstbewusstsein konnte das nichts anhaben. Ob in der Auseinandersetzung mit seinem autoritären Chef, beim ausführlich und spannend inszenierten Pokerspiel oder im Umgang mit der schönen Frau – Felmy blieb als Martin immer glattgesichtig und souverän und sollte dem Kino-Besucher offensichtlich als positive Identifikations-Figur dienen, während Carroll Baker die Schurkenrolle zukam. Der von ihr gespielten Catherine wurden weder Ängste, noch Selbstzweifel zugestanden – einzig egoistische Interessen scheinen sie anzutreiben, ohne das es ersichtlich wird, warum sie sich auf welche Männer einlässt.

„Sahara 13 Endstation“ kann als Gesellschaftsdrama entsprechend wenig überzeugen, auch wenn die nihilistische Grundstimmung des Stücks noch zu spüren ist. Viel mehr gehört Arthur Brauners Produktion zu den in den frühen 60er Jahren entstandenen erotischen Filmen, die ihre dezenten Nacktaufnahmen noch in eine komplexe Handlung integrierten, die nach außen hin die moralischen Standards wahrte. Die bei großer Hitze entstehende Extremsituation sollte das promiskuitive Verhalten der Männer entschuldigen, die Frau fungierte wie gewohnt als Verführerin und dafür bestraft, aber das konnte nur schwach kaschieren, dass es in „Sahara 13 Endstation“ vor allem um Sex geht – mit Carroll Baker als Idealbesetzung.

"Endstation 13 Sahara" Deutschland, England 1963, Regie: Seth Holt, Drehbuch: Brian Clemens, Bryan Forbes, Jean Martet (Theaterstück), Darsteller : Carroll Baker, Peter van Eyck, Hansjörg Felmy, Mario Adorf, Ian Bennan, Denholm Elliott, Bigg McGuire, Laufzeit : 91 Minuten