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Donnerstag, 21. November 2013

Anders als du und ich (§175) (1957) Veit Harlan

Inhalt: Der 17jährige Klaus Teichmann (Christian Wolff) ist nicht nur der Beste seiner Schulklasse, sondern auch ein begabter Maler, der sich der abstrakten Kunst widmet. Gemeinsam mit seinem besten Freund Manfred (Guenther Theil), der einen Roman schreibt, begeistert er sich für moderne, atonale Musik und gegenseitig spornen sie sich an, ihrer künstlerischen Passion zu folgen. Deshalb stellt Manfred seinen Freund auch dem Kunsthändler Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), einem Förderer der modernen Kunst, vor, der gerne junge Männer in seinem mondänen Haus zu gemeinsamen Kunst-Happenings versammelt.

Klaus Eltern, der Bankdirektor Werner Teichmann (Paul Dahlke) und seine Frau Christa (Paula Wessely), sehen seine Begeisterung nicht gerne, die sie unpassend für einen jungen Mann finden, aber Sorgen bereitet ihnen vor allem, dass sich Klaus trotz seines Alters nicht für Mädchen interessiert, sondern die Nähe von homosexuellen Männern bevorzugt. Während es sein Vater mit vergeblichen Verboten versucht, begibt sich seine Mutter zu einem Psychologen, um diesen um Rat zu bitten. Dessen Diagnose führt zu einer folgenschweren Entscheidung...


Regisseur Veit Harlan war während der Phase der nationalsozialistischen Diktatur für eine Vielzahl von Propagandafilmen verantwortlich, darunter der antisemitische Hetzfilm "Jud Süss" (1940), weshalb ihm noch 1944/45, kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs, alle verfügbaren Ressourcen an Mensch und Material für den Durchhaltefilm "Kolberg" (1945) zur Verfügung gestellt wurden, der von Goebbels Propagandaministerium als "kriegswichtig" erachtet wurde. Obwohl er 1950 endgültig von dem Vorwurf freigesprochen wurde, Mitschuld an dem Völkermord zu tragen - er hatte argumentiert, zur Regie von "Jud Süss" gezwungen worden zu sein - konnte er an die großen Erfolge der NS-Zeit nicht mehr anschließen. Fast alle seiner wenig erfolgreichen Nachkriegsfilme gerieten in Vergessenheit, darunter auch "Anders als du und ich (§175)" von 1957, obwohl dieser bei seinem Erscheinen einen Skandal auslöste und heftige Diskussionen hervorrief.

Ursprünglich sollte Harlans nach einer längeren Schaffenspause gedrehter Film - sein letztes Werk "Verrat an Deutschland" war Mitte 1955 in die Kinos gekommen - unter dem Titel "Das dritte Geschlecht" vertrieben werden, wurde aber von der "Freiwilligen Selbstkontrolle" stark moniert, weshalb Harlan gezwungen war, die ursprüngliche Fassung zu schneiden, einige Szenen nachzudrehen und den Film endgültig zu "Anders als du und ich (§175)" umzubenennen, womit er auf den Stummfilm "Anders als die Andern" aus dem Jahr 1919 anspielte, der sich erstmals offen mit der Homosexualität auseinandersetzte und frühzeitig die Streichung des §175 forderte, unter dem die Ausübung gleichgeschlechtlicher Liebe von Männern unter Strafe gestellt war. Veit Harlan behauptete, angesichts der Kritik an den anti-homosexuellen Tendenzen seines Films, die selbe Absicht gehabt zu haben, wodurch die These entstand, erst durch das Eingreifen der FSK, die das sittliche Empfinden der Mehrheit des deutschen Volkes gefährdet sah, wäre der homosexuellenfeindliche Gestus entstanden.

Einem Vergleich beider Fassungen kann diese These nicht standhalten, richtig ist aber, dass "Das dritte Geschlecht" den §175 zumindest in Frage stellte, während er in "Anders als du und ich (§175)" am Ende vollzogen wird, obwohl die Handlung dafür keine klaren Beweise liefern kann. Harlans Kritik am §175 lässt sich aus seiner Aussage "...dass es zweierlei Homosexuelle gibt – nämlich diejenigen, an denen die Natur etwas verbrochen hat, und diejenigen, die gegen die Natur verbrecherisch vorgehen..." (Zitat Veit Harlan) heraus lesen, womit er die Meinung vertrat, dass Menschen für etwas bestraft werden konnten, woran sie keine persönliche Schuld traf. Entsprechend angereichert ist sein Film mit wissenschaftlich anmutenden Vorträgen von Psychologen, die von der Gefährdung Jugendlicher und noch rechtzeitiger Heilbarkeit der "Krankheit" Homosexualität reden.

Es fällt entsprechend leicht, Harlan die selben perfiden Absichten zu unterstellen, wie er sie schon bei seinen geschickt inszenierten NS-Propagandafilmen bewiesen hatte, aber die Kritik der FSK, "Das dritte Geschlecht" würde die Homosexualität zu wohlwollend darstellen, lässt deutlich werden, dass Harlans Haltung in der BRD, Ende der 50er Jahre, schon einen progressiven Touch hatte. Angesichts der Ungeheuerlichkeit, dass der §175 erst 1994 endgültig aus dem Gesetzbuch gestrichen wurde, wird häufig vergessen, dass "Ehebruch", "Unzucht" - gemeint war außerehelicher Geschlechtsverkehr - und "Kuppelei" bis zur Strafrechtsreform 1969 ebenfalls noch mit Gefängnis bestraft werden konnten. Ursprünglich sollte bei dieser Reform das Strafmaß für "Ehebruch" sogar verdoppelt werden, was die neu gewählte Regierung unter Willi Brandt verhinderte - von einer generellen gesellschaftlichen Akzeptanz konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Rede sein.

Die von der FSK geforderten Schnitte an "Das dritte Geschlecht" betrafen deshalb nicht nur die angeblich zu positiv beleuchteten Aspekte der Homosexualität - das Gespräch mit einem sehr seriös wirkenden, homosexuellen Anwalt oder den internationalen Freundeskreis des Kunsthändlers Dr. Boris Winkler (Friedrich Joloff), der hier die Rolle des Verführers junger Männer spielte - sondern auch die sexuellen Interaktionen zwischen Mann und Frau. Die ausführlichen Nacktszenen von Ingrid Stenn in der Rolle der hübschen Gerda, die den 17jährigen, vom homosexuellen Fieber schon befallenen Klaus Teichmann (Christian Wolff in seiner ersten Rolle) mit weiblicher Verführungskunst heilen soll, wurden stark gestrichen  - das ihr kurz zu sehender nackter Busen nicht zum Skandal wurde, lag wahrscheinlich an der allgemeinen Thematik - und dem Psychologen wurden die Worte "die Liebe einer Frau" in den Mund gelegt, obwohl er vom Liebesakt redete, womit dem Film das Kunststück gelang, ausschließlich von Sex zu handeln, ohne diesen Begriff zu erwähnen.

Sollte Veit Harlan versucht haben, seine Intention ähnlich unterschwellig zu vermitteln wie in seinen Propagandafilmen, ist ihm das bei "Anders als du und ich (§175)" (ebenso wie bei der Urfassung "Das dritte Geschlecht") gründlich misslungen. Der Film verfügt weder über eine Story, noch einen klaren Handlungsbogen, sondern wirkt wie ein Flickenteppich aus Jugenddrama, Dokumentation, Kriminal- und Gerichtsfilm. Entscheidender ist aber die mangelhafte Charakterisierung der Protagonisten und damit die Schlüssigkeit ihres Handelns. Dass der zuvor so künstlerisch interessierte und sich für seinen Freund Manfred (Guenther Theil) einsetzende Klaus, nach dem Geschlechtsakt mit Gerda nur noch händchenhaltend und von Heirat redend (um die moralischen Regeln zumindest im Nachhinein noch zu erfüllen, obwohl klar ist, dass er nicht Gerdas erster Mann ist) mit ihr zu sehen ist - seine frühere Vergangenheit scheinbar vollständig hinter sich lassend - war selbst einem sittlich gefährdeten Publikum kaum zu vermitteln.

Der zuvor so engagierte und in seiner Aufmüpfigkeit gegen sein bürgerliches Elternhaus sympathische, intelligente junge Mann wird zu einem angepassten Duckmäuser - wenig erstaunlich, dass Harlans Film in der Publikumsgunst keine Chance hatte, da Klaus damit auch nach seiner Bekehrung nicht als Identifikationsfigur funktionierte. Um Nachahmungseffekte zu verhindern, gab sich Harlans Film in der Schilderung homosexueller Vergnügungen zudem bewusst intellektuell abgehoben und zog sich damit Kritik an seiner Sichtweise über zeitgenössische Kunst zu, die nicht weniger homophob daher kam. Im Vergleich zu erfolgreichen Filmen wie "Die Halbstarken" (1956) oder "Der Pauker" (1958), die ebenfalls die Verführung Jugendlicher und damit die Gefährdung der bürgerlichen Moral in dieser Zeit anprangerten, wird deutlich, dass "Anders als du und ich (§175)" jede Authentizität fehlte. Der Misserfolg des Films beweist, dass die Handlung selbst für ein Publikum unglaubwürdig wirkte, das der Homosexualität nicht wohlwollend gegenüber stand.

Angesichts der neuen Gesetzgebung in Russland, in der jede Homosexualität in der Öffentlichkeit bei Strafe verboten ist, um Heranwachsende nicht zu beeinflussen, fällt es schwer, "Anders als du und ich (§175)" unter dem Aspekt unfreiwilliger Komik oder als im Zeitkontext unterhaltenden Film zu beurteilen. Auch in Deutschland existieren die hier gezeigten Tendenzen noch, aber noch unerträglicher wirkt die Selbstgerechtigkeit, mit der die Eltern von Klaus, gespielt von Paula Wessely und Paul Dahlke, hier handeln. Die Fassungslosigkeit, mit der sie reagieren, als Christa Teichmann (Paula Wessely) wegen Kuppelei angeklagt wird, das eigene Empfinden, sich immer korrekt verhalten zu haben und nie gegen Gesetze zu verstoßen, ist auch heute noch verbreitet - und führt immer wieder dazu, härtere Gesetze zu fordern, ganz im Bewusstsein der eigenen moralischen Überlegenheit.

Als Christa Teichmann vor den Richter tritt, um ihr Urteil zu erfahren, erhält sie Zustimmung von der anwesenden Öffentlichkeit - eine Szene, die nur in "Das dritte Geschlecht" existiert und erstaunlicherweise in der Endfassung fehlt. Empfehlenswert sind beide Fassungen nicht, außer als Betrachtung einer Geisteshaltung, die bis heute nicht ausgestorben ist.

"Anders als du und ich (§175)" Deutschland 1957, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Fritz Lützkendorf, Hans Habe, Darsteller : Christian Wolff, Paul Dahlke, Paula Wessely, Hans Nielsen, Ingrid Stenn, Friedrich Joloff, Siegfried SchürenbergLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Veit Harlan:

"Kolberg" (1945)

Mittwoch, 24. April 2013

Kolberg (1945) Veit Harlan


Inhalt: 1813 – General Gneisenau (Horst Caspar) spricht bei König Friedrich Wilhelm III. (Claus Clausen) vor, um diesen aufzufordern, mit dem Volk gegen Napoleon zu ziehen. Dieser reagiert empört, da das Kriegshandwerk gelernt sein müsste, aber Gneisenau widerspricht ihm, denn die Verteidigung des Vaterlands sei eine Sache des Herzens. Er erinnert in diesem Zusammenhang an Kolberg, das 1806/07 den französischen Truppen Paroli bot – nicht dank des Militärs, sondern dank der Opferbereitschaft seiner Bewohner.

Kolberg 1806 – der Bürgerrepräsentant Nettelbeck (Heinrich George) hatte erfahren, dass Napoleons Truppen Berlin besetzt hatten und macht sich Sorgen, hinsichtlich der Schicksals seiner Stadt. Doch bei dem Ortskommandanten Loucadou (Paul Wegener) stößt er mit seinen Hinweisen zur Lagerung des Vorrats nur auf taube Ohren. Loucadou glaubt nicht, dass Napoleons Einheiten bis Kolberg vorrücken und hält auch nichts von Leutnant Schills (Gustav Diessl) Maßnahmen hinsichtlich der militärischen Ausbildung der Bürger. Auf dessen Kritik über den Zustand der rostenden Kanonen, reagiert er nur mit Zurückweisung. Als Napoleon Kolberg schriftlich auffordert, sich ihm unterzuordnen, müssen die Bürger Farbe bekennen. Loucadou will sich ergeben, aber Nettelbeck will ihre Ehre bis zum Tode verteidigen…


Obwohl "Kolberg" nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nur noch einmal in die westdeutschen Kinos kam - 1965 mit integrierten Erläuterungen, die aber nicht verhinderten, dass der Film nach Protesten wieder abgesetzt wurde - und seitdem als "Vorbehaltsfilm" von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung nur zu wissenschaftlichen oder pädagogischen Zwecken gezeigt werden darf, existieren eine Vielzahl an Informationen über einen Film, der zur teuersten Produktion während der Zeit des Nationalsozialismus wurde. Schon 1942 beauftragte Propaganda-Minister Joseph Goebbels Regisseur Veit Harlan mit diesem Projekt, das er als psychologische Kriegsführung begriff. Basierend auf den historischen Fakten um die Rolle der alten Hansestadt Kolberg während des napoleonischen Feldzugs gegen Preußen 1806/1807 sollte eine Beispiel für den erfolgreichen Widerstand aufrechter Deutscher gegen eine feindliche Übermacht gegeben werden, für die dem Regisseur und dessen Mitstreiter Wolfgang Liebeneiner, Produktionschef der UFA, jedes notwendige Mittel zur Verfügung gestellt wurde.

Entsprechend legendär sind inzwischen die Zahlen, die um die Entstehung des Farbfilms kursieren, der 8,8 Millionen Reichsmark gekostet haben soll. Tausende Uniformen wurden aus den Theatern der besetzten Länder requiriert, ebenso viele Pferde organisiert und mehr als 100.000 Soldaten für die Massenszenen freigestellt, während die Wehrmacht gleichzeitig an allen Fronten zurückgedrängt wurde. In Kolberg selbst konnte nicht mehr gedreht werden, weil die Stadt parallel zu der Entstehung des Films schon von der russischen Armee eingenommen wurde (was von der Propaganda bewusst verschwiegen wurde), aber in Potsdam-Babelsberg wurden die Stadthäuser detailliert nachgebaut, um die verheerenden Schäden der Kanonenkugeln der französischen Armee zu demonstrieren, während nebenan die Häuser nach Luftangriffen der Alliierten brannten.

Joseph Goebbels soll erbost reagiert haben, als er die erste Fassung des Films zu Gesicht bekam, denn Harlan hatte die Gräuel des Krieges genau geschildert, hatte verschüttete Kinder, getötete Frauen und Schwerverletzte gezeigt, um den Heldenmut der Weiterkämpfenden noch mehr zu betonen. Doch Goebbels war bewusst, dass dieser Anblick demoralisierend auf Betrachter wirken musste, die täglich mit den Konsequenzen des Krieges konfrontiert wurden. Auch die Rolle des Claus Werner (Kurt Meisel), der sich als musisch veranlagter Mensch allen kriegerischen Aktionen verweigert, war Goebbels zu stark betont, weshalb Harlan erhebliche Schnitte an seiner Urfassung vornehmen musste, was in einigen Sequenzen zu seltsamen Sprüngen führte und vom Tod wichtiger Protagonisten nur aus Dialogen zu erfahren ist, deren Zustandekommen aber nicht gezeigt wurde.

Trotzdem entstand dank der zur Verfügung stehenden technischen und finanziellen Mittel und der Besetzung der Hauptrollen mit großartigen Mimen wie Heinrich George, Paul Wegener, Horst Caspar, Gustav Diessl und Otto Wernecke, sowie Harlans unvermeidlicher Ehefrau Kristina Söderbaum als blondem deutschen Mädel, ein höchst beeindruckender Film, der inszenatorisch und im geschickten Aufbau einer Story, die die dramatischen Ereignisse langsam steigert und keinen Moment Zeit zum Luftholen lässt, überzeugen kann. Besonders die Dialoge mit dem Bürgerrepräsentanten Nettelbeck (Heinrich George) sind von einer Raffinesse, gespickt mit ironischen, hintergründig manipulierenden Anspielungen, die dem ersten Eindruck eines patriotischen Durchhaltefilms eher widersprechen.

Zwar wurden dem Major Gneisenau (Horst Caspar) die Worte Goebbels, die er bei seiner Rede vom "Totalen Krieg" im Sportpalast benutzte, fast gleichlautend in den Mund gelegt, aber im Gesamtkontext des Films wirken diese Worte - zudem sehr zurückhaltend und eher elegisch von Caspar vorgetragen - nicht patriotischer als viele von us-amerikanischen Filmen gewohnte, meist von Pathos triefende Reden. Zudem werden sich diese damaligen Zusammenhänge dem heutigen Betrachtern kaum erschließen, weshalb sich häufig die Frage stellt, warum "Kolberg" nach wie vor nur stark eingeschränkt und begleitet von pädagogischen Maßnahmen angesehen werden darf ?


Historien- oder Propagandafilm?

„Kolberg“ schildert ein historisch verbürgtes Ereignis, das den Tagebuchaufzeichnungen des Bürgerrepräsentanten Nettelbeck, der diese nach dem Ende der französischen Belagerung autobiographisch veröffentlichte, nachempfunden wurde. Auch das Schauspiel „Kolberg“ des im 19.Jahrhundert sehr beliebten Schriftstellers Paul Heyse stand Pate für das Drehbuch, wurde aber im Film nicht erwähnt, da der Autor im 20.Jahrhundert stark an Reputation verloren hatte und über einen „nichtarischen“ Hintergrund verfügte.

Entsprechend nah an den damals beteiligten Persönlichkeiten sind auch die Rollen gestaltet. Der Ortskommandant Loucadou (Paul Wegener) glaubt nicht daran, dass Napoleon es für nötig hält, seine Truppen nach Kolberg zu schicken, nachdem dieser schon Preussens Hauptstadt Berlin besetzt hatte. Nettelbecks Vorschläge hinsichtlich der Lagerung der Vorräte weist er empört zurück, nur wenig an den Belangen der Bürger interessiert. Doch auch die Kritik von Leutnant Schill (Gustav Diessl), der zuvor schwerverletzt Kolberg erreichte, am Zustand seiner Soldaten und deren Ausrüstung, wird von ihm nicht ernst genommen. Als dieser mit Nettelbecks Hilfe versucht, die Bürger der Stadt auf einen militärischen Angriff vorzubereiten, reagiert Loucadou mit der abschätzigen Haltung eines Soldaten, der Zivilisten nicht dafür geeignet hält, im Ernstfall kämpfen zu können.

Diese negative Darstellung der Figur des Ortskommandanten basiert auf den Aufzeichnungen Nettelbecks und wird von Historikern inzwischen angezweifelt. Tatsächlich sollte Loucadou recht behalten mit seiner Einschätzung, dass Napoleon (Charles Schauten) nicht vorhatte, Kolberg anzugreifen, denn er forderte schriftlich die Unterordnung unter seine Herrschaft – eine damals übliche Vorgehensweise, um nicht unnötig Ressourcen an Mensch und Material zu gefährden. Nettelbeck stellt diese Forderung beim Rat der zehn führenden Bürger der Stadt zur Diskussion, ohne einen Zweifel an seiner Haltung aufkommen zu lassen, diese mit Vehemenz zurückweisen zu wollen - letztlich der Auslöser für die weiteren Ereignisse, denn erst darauf hin schickte Napoleon seine Armee, um die Stadt zu unterwerfen. Nettelbecks Unbeugsamkeit und seine persönliche Sichtweise der Abläufe, ließen im frühen 19.Jahrhundert erst die Legende um „Kolberg“ entstehen, die Viele in einer wenig heroischen Phase mit Stolz erfüllte – für Goebbels die ideale Vorlage für seine Intention.

Am Aufbau des Films bis zur Ablösung Loucadous durch den neuen Ortskommandanten Gneisenau (Horst Caspar), die von Nettelbeck betrieben wird, nachdem Loucadou ihn wegen Auflehnung verhaften ließ, werden die geschickten manipulatorischen Maßnahmen unter dem Deckmantel historischer Abläufe sichtbar. Anstatt nach knapp anderthalb Jahrhunderten und mit dem Wissen um das weitere Geschehen, die Haltung Nettelbecks neutraler zu betrachten, wird sie mit allen filmischen Mitteln noch unterstützt. Nicht nur Loucadou wird als ignoranter Feigling charakterisiert, Jeder, der zu verstehen gibt, mit der Unterwerfung unter Napoleon sein Hab und Gut schützen zu wollen – zudem nur von wohlhabenden Großbürgern geäußert - gilt als egoistischer Verräter. Eine objektive Abwägung zugunsten des Schutzes aller Einwohner lässt „Kolberg“ nicht entstehen, da der Tod als „freier deutscher Bürger“ dem Leben unter der Herrschaft eines fremden Despoten unwidersprochen vorgezogen wird.

Entscheidend für die eindeutige Ausrichtung des Films ist die Sprache Nettelbecks, kombiniert mit Heinrich Georges Verkörperung eines „Übervaters“, die ihre Wirkung in ihrer geschickten Argumentation und modernen Ausdrucksweise bis heute nicht verloren hat. Kein Hurra-Patriotismus oder militärischer Überschwang ist aus seinen Worten zu hören, sondern ein aus tiefer Fürsorge für die Bürger seiner Stadt erfüllter Pragmatismus, der vergessen lässt, dass seine Haltung erst den unnötigen Konflikt mit der französischen Armee hervorruft. Im Gegenteil wirkt Nettelbeck beinahe wie ein Freiheitskämpfer, der sich erst gegen Loucadou stellt, dann aber auch von Gneisenau Respekt einfordert, immer unter der selbstverständlichen Voraussetzung, dass er weiß, was am besten für seine Leute ist. In diesem Zusammenhang wird auch Joseph Goebbels Forderung verständlich, diverse Sterbeszenen und Kriegsverletzungen heraus zu schneiden, denn das hätte Nettelbecks Reputation als Beschützer deutlich geschwächt.

Unterstützt wird Nettelbeck von Kristina Söderbaum als Bauerntochter Maria Werner, die hier für jeden Frauentypus gleichzeitig steht – die blonde Unschuld vom Lande, die Geliebte des Soldaten, die tapfere Kämpferin und die aufopferungsvolle Bürgerin. Während eine Vielzahl unterschiedlicher Männerrollen die Szenerie beherrscht, kommen außer ihr nur wenige Frauen in kleinen Nebenrollen vor. Offensichtlich wollten die Macher jedes Opfer unter Unschuldigen vermeiden, weshalb sich die pausbäckige, aber immer frisch geschminkte Maria allen Widrigkeiten entgegen setzt, um dabei regelmäßig von den Herren als „Kleines Mädel“, „Fräuleinchen“ und „Frauenzimmerchen“ bezeichnet zu werden. Eine Einschätzung, der sie mit keckem Augenaufschlag und gespielt devotem Verhalten zu begegnen weiß – ein idealisiertes Frauenbild aus männlicher Perspektive und keine historisch authentische Gestalt.

So wie „Kolberg“ auf den entscheidenden historischen Zusammenhang bewusst verzichtete. Das Ende der Beschießung Kolbergs wird im Film einem Streit unter französischen Offizieren zugewiesen, verantwortlich dafür war aber der 1807 ausgerufene „Tilsiter Frieden“, der Napoleon alle Machtbefugnisse beließ und die Hochphase seiner Herrschaft einläutete. Letztlich blieb der Widerstand der Kolberger Bürger ohne Bedeutung für die politischen Konsequenzen, war ihr Opfer und die Zerstörung ihrer Stadt vergebens. Das verschweigt der Film, sondern erzählt die Geschichte eines erfolgreichen Widerstands der Zivilbevölkerung gegen einen überlegenen Gegner aus der Sicht Gneisenaus, die er seinem König Friedrich Wilhelm III. (Claus Clausen) im Jahr 1813 vorträgt, um ihn zum Kampf gegen Napoleon zu motivieren. Vor dessen Fenster war schon das Volk versammelt, nur noch auf die Anweisungen des Königs wartend, womit der Film einen stellvertretenden Bezug zu den Menschen in Deutschland 1945 herstellte, die ebenfalls zum letzten Widerstand aufgefordert werden sollten.

Doch „Kolberg“ kam im März 1945 zu spät heraus und wurde in den wenigen noch nicht zerstörten Kinos trotz seiner überragenden Show-Werte nur spärlich besucht – im Gegensatz zu dem gleichzeitig laufenden, aber älteren Unterhaltungsfilm „Münchhausen“ (1943). Angesichts der damaligen Realität funktionierte die propagandistische Absicht nicht mehr, was die manipulatorische Wirkung aber nicht verringert. Im Gegenteil spielt „Kolberg“ geschickter auf der Klaviatur des „Heldenmuts“ und der „Opferbereitschaft“ als es die zeitgenössischen us-amerikanischen Filme können. Weniger plump und argumentativ geschickter verzichtet der Film auf ein übertriebenes Feindbild, sondern schildert die Franzosen neutral, ohne Ressentiments schüren zu müssen. Ähnlich wie in „Jud Süß“ (1940) ist es diese dramaturgische Qualität, verbunden mit einer beeindruckenden Bildsprache, die unterschwellig eine Wirkung erzeugt, die eine pädagogische Begleitung des Films auch heute noch sinnvoll erscheinen lässt – weder ist „Kolberg“ harmlose Unterhaltung, noch ein Historienfilm.

„Kolberg“ ist ein sehr gut erzählter, großartig gespielter und technisch überzeugend umgesetzter Film, der optisch beeindrucken kann, aber seine beabsichtigte emotionale Manipulation und die Zusammenhänge bei der Entstehung des Films zerstören diesen positiven Eindruck wieder.

"Kolberg" Deutschland 1945, Regie: Veit Harlan, Drehbuch: Veit Harlan, Alfred Braun, Thea von HarbouDarsteller : Heinrich George, Kristina Söderbaum, Horst Caspar, Gustav Diessl, Paul Wegener, Otto Wernicke, Paul Henckels,  Laufzeit : 104 Minuten


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