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Montag, 11. Mai 2015

Studentin Helene Willfüer (1956) Rudolf Jugert

Inhalt: Helene Willfüer (Ruth Niehaus) wird feierlich die Doktorwürde von Professor Matthias (Hans Söhnker) verliehen – ein nicht selbstverständliches Ereignis. Zwar erweckte Helene sofort große Aufmerksamkeit bei ihrem Doktor-Vater, der die intelligente, engagierte junge Frau zu sich als Assistentin ins Forschungslabor holte, aber ihr Auftauchen setzte unaufhaltsame Prozesse in Gang. Yvonne Matthias (Elma Karlowa), die Ehefrau des Professors, erkennt in ihr sofort eine Nebenbuhlerin. 

Nicht nur, dass ihr Mann viel Zeit mit ihr im Labor verbringt, mehr noch ärgert Yvonne, dass Helene sich mit Dr. Reiner (Erik Schumann) anfreundet, einem Arzt, der wie sie der Musikleidenschaft frönt. Unglücklich in ihrer Ehe, war sie mit Dr. Reiner ein Verhältnis eingegangen. Doch im Gegensatz zu ihr leidet der junge Arzt, der sich selbst Schmerzmittel injiziert, an dieser Situation. Für ihn ist Helene ein Hoffnungsschimmer und er verliebt sich in die junge Frau. Sie scheint seine Gefühle zu erwidern, aber tatsächlich versucht sie nur ihre Gefühle für den Professor zu vergessen…


Ein großer Teil der in den 50er Jahren in Deutschland herausgekommenen Filme waren Remakes früher Tonfilme, häufig stammten die ersten Kinofassungen populärer Literatur noch aus der Stummfilmzeit. Auch "Studentin Helene Willfüer", basierend auf dem 1928 erschienenen Roman "Stud. chem. Helene Willfüer" von Vicki Baum, führt unmittelbar zurück in die Zeit der Weimarer Republik, erlebte 1930 am Ende der Stummfilm-Ära eine erste Verfilmung mit Olga Tschechowa in der Hauptrolle, und steht doch exemplarisch für das Frauenbild der 50er Jahre, das sich in den drei Jahrzehnten zuvor nur wenig gewandelt hatte. Autorin Vicki Baum, von deren Romanen heute nur noch "Menschen im Hotel" (verfilmt USA 1932 und Deutschland 1960) über einen gemäßigten Bekanntheitsgrad verfügt, verdankte "Stud. chem. Helene Willfüer" ihren Aufstieg zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen der Weimarer Republik. Ihr blieb die Anerkennung der seriösen Literaturkritik zwar verwehrt, aber ihre der Unterhaltungsliteratur zugeordneten Bücher gestatten heute noch einen authentischen Blick in den damaligen Zeitgeist.

"Stud. chem. Helene Willfüer" entstand in der Phase einer "neuen Sachlichkeit" nach dem 1.Weltkrieg und zeichnete das Bild einer selbstständigen Frau, die Wert auf ein modernes, an pragmatischen Gesichtspunkten orientiertes attraktives Äußeres legte und trotz eines unehelichen Kindes ihr Studium zu Ende führte, um einem Beruf nachzugehen. Damit berührte Vicki Baum zwar Tabus, bewies aber Gespür für eine Gesellschaft im Wandel - ein Grund für ihren Erfolg, neben ihrem Geschick auch konservative Gemüter mit einem Ende zu befriedigen, das den Status quo wieder herstellte. Diese unentschiedene Haltung wurde ihr zwar vorgeworfen, lässt aber übersehen, wie sehr allein schon die Schilderung einer versuchten Abtreibung provozierte. Nicht nur in den 20er Jahren, auch der Drehbuch-Fassung zu Rudolf Jugerts Film ist dieser Kompromiss anzumerken, denn Mitte der 50er Jahre galten die in "Stud. chem. Helene Willfüer" publikumswirksam ausgebreiteten Lebensumstände einer jungen Studentin keineswegs als opportun. Im Gegenteil hatte die Zeit des Nationalsozialismus die vorsichtige Emanzipationsbewegung der 20er Jahre wieder zurückgeworfen.

„Die ist richtig – mit dem Einen kommt sie, mit dem Anderen geht sie“

Mit dieser wenig anerkennend gemeinten Aussage stand die Konzertbesucherin sicherlich nicht allein. Helene Willfüer (Ruth Niehaus) war in Begleitung ihres Doktor-Vaters Professor Matthias (Hans Söhnker) zum Konzert-Saal gekommen, um diesen gemeinsam mit dem Arzt Dr. Rainer (Erik Schumann), der zuvor als Dirigent das Konzert gegeben hatte, wieder zu verlassen. Eine Frau riskierte schnell ihren „guten Ruf“, doch Ruth Niehaus erwies sich als Idealbesetzung zwischen größtmöglicher Ernsthaftigkeit und einem frei bestimmten Leben. Wie schon in ihrer ersten Hauptrolle im Heimatfilm „Rosen blühen auf dem Heidegrab“ (1952) blieb ihre Sexualität hinter ihrem so schönen, wie züchtigen Äußeren nur unterschwellig spürbar und wirkte sie im Umgang mit den beiden Männern nie berechnend. Diese Position nahm Elma Karlowa als Yvonne Matthias ein, die Ehefrau des Professors, die ihn nicht nur mit Dr.Rainer betrügt, sondern alles unternimmt, um die Nebenbuhlerin Helene Willfüer auszuschalten. Karlowa, die schon in „Rosenmontag“ (1955) an der Seite von Ruth Niehaus spielte, gab hier den weiblichen Antipoden und schuf damit erst den Freiraum für Willfüers den damaligen Regeln widersprechendes Verhalten.

Es ist Jugert und seinem Drehbuchautoren Frederick Kohner hoch anzurechnen, dass sie diese negativ besetzte Figur nicht vollständig demontierten, sondern in ihrer Emotionalität menschlich nachvollziehbar werden ließen. Es bleibt der Moment in Erinnerung, in dem sie ihre Einsamkeit an der Seite eines Ehemanns ausdrückt, für den sie ihre Karriere als Musikerin aufgab, der seine Zeit aber am liebsten im Forschungslabor verbringt. Hans Söhnker, in den 50er Jahren prädestiniert für die Rolle des älteren Liebhabers („Männer im gefährlichen Alter“ (1953)), kann hier nur schwerlich vermitteln, wie es zu der Verbindung zu der sehr emotionalen Musikerin gekommen war. An Karlowas Seite wirkt er als Forscher seltsam passiv, fast schon hilflos gegenüber dem exaltierten Verhalten seiner Ehefrau. Wirklich konsequent ist er nur gegenüber Helene Willfüer, die er nicht nur sofort als Assistentin zu sich ins Labor holt, sondern niemals Zweifel an ihr äußert – weder als sie wegen Mordverdachts verhaftet wird, noch als sie ein uneheliches Kind bekommt.

Diese Idealisierung eines gereiften, hoch angesehenen Mannes, dessen Haltung außerhalb der vorherrschenden Meinung stand, hatte schon in Baums Roman die Funktion, eine größere Akzeptanz beim Leser für die Protagonistin zu erzeugen – und sorgte letztlich auch für deren Legitimation. Jugert deutete dieses Ende im Gegensatz zu Vicki Baum nur an, aber er blieb der Romanvorlage in ihrem unterhaltenden Charakter treu. Besonders Harald Juhnke als Kommilitone Meier und Ina Peters als quirlige Mitbewohnerin nehmen der Handlung viel von ihrer Ernsthaftigkeit. Wenn Juhnke sich den Säugling packt, um ihn mit modernen Methoden zu windeln, hat der Zuschauer schon fast vergessen, dass Helene Willfüer den Heiratsantrag des Kindsvaters ablehnte, weil sie ihre Karriere nicht als Ehefrau eines Landarztes aufgeben wollte, sondern stattdessen vorhatte, das Kind, von dem er nichts wusste, abzutreiben.

Die von Erik Schumann gespielte tragische Rolle des jungen Arztes, der lieber Musiker geworden wäre als die Familien-Tradition als Landarzt fortzusetzen, wurde in Jugerts Film zusätzlich in Richtung einer Kriminalhandlung gewichtet. Nach dem abgelehnten Heiratsantrag stirbt er durch eine Injektion, wofür Helene Willfüer verantwortlich gemacht wird, die den Toten auffindet. Die gesamte folgende nicht in Baums Roman enthaltene Gerichtssequenz wirkt übertrieben und sollte nur von den tatsächlichen Inhalten ablenken. Der Betrachter weiß, dass Helene unschuldig ist, aber Jugert überspielte damit die Zeit ihrer Schwangerschaft, die sie im Gefängnis verbringt, so wie der uneheliche Verkehr zwischen ihr und dem Verstorbenen zuvor nur angedeutet wurde. Auch von Seiten der Bevölkerung sind kaum kritische Stimmen zu hören. Einmal deutet Helene kurz an, dass sie wegziehen will, weil sie die unausgesprochenen Vorwürfe spürt, aber näher konkretisiert der Film das nicht.

Die Absicht dahinter liegt auf der Hand. Regisseur und Autor vermieden negativ besetzte Details, um die Identifikation mit der Hauptfigur aufrecht zu erhalten. Kombiniert mit einer Vielzahl an unterhaltsamen Elementen wurde der eigentliche Handlungsschwerpunkt relativiert, wodurch Helene Willfüers für die damalige Zeit ungewöhnlich mutige Konsequenz fast einen nebensächlichen Charakter erhielt. Das nahm „Studentin Helene Willfüer“ zu Unrecht die Reputation, denn gerade die Vorsicht, mit der Rudolf Jugert seine Handlung vorantrieb, vermittelt, wie gewagt es in den 50er Jahren noch war, eine selbstbewusst und eigenständig agierende Frau in den Mittelpunkt eines Unterhaltungsfilms zu stellen.

"Studentin Helene Willfüer" Deutschland 1956, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Frederick Kohner, Vicki Baum (Roman), Darsteller : Ruth Niehaus, Hans Söhnker, Elma Karlowa, Erik Schumann, Harald Juhnke, Otto WernickeLaufzeit : 97 Minuten

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Sonntag, 14. September 2014

Die feuerrote Baronesse (1959) Rudolf Jugert

In Erinnerung an Joachim Fuchsberger, mit 87 Jahren gestorben am 11.09.2014 

Inhalt: Frühjahr 1944 - Bei einem Fliegerangriff auf Deutschland springt der englische Agent Tailor (Joachim Fuchsberger), dank seiner deutschen Mutter die Sprache perfekt beherrschend, heimlich in der Nähe Berlins ab, verletzt sich aber bei der Landung leicht an den Zähnen. Erwartet wird er von einem Mitglied einer Fronttheater-Gruppe, bei der er unerkannt unterkommen kann, um unauffällig in der Hauptstadt herauszufinden, wie weit die Entwicklung der Atombombe schon fortgeschritten ist.

Als Kontaktperson wurde ihm die Spionin Szaga de Bor (Dawn Addams) genannt, bekannt als Nachclub-Sängerin „Die feuerrote Baronesse“, die er in Berlin aufsucht. Obwohl sie ihm einen wichtigen Hinweis gibt, traut Tailor der frivolen Dame nicht, da zuletzt ein Agent enttarnt wurde. Um näheres über einen wenig überzeugenden Archäologen zu erfahren, der höchstwahrscheinlich zu dem Atomwaffen-Forscherteam gehört, begibt er sich in die Zahnarztpraxis von Professor Reimer (Hans Nielsen), seine Zahn-Verletzung nutzend. Dabei begegnet er der hübschen Zahnarzthelferin Juliane (Wera Frydtberg), mit der er anbandelt, obwohl er weiß, dass es sich um die Tochter des Oberst der Gestapo Urbaneck (Paul Dahlke) handelt, ahnt aber nicht, wie nah dieser ihm schon auf den Fersen ist…


Der Trench steht ihm schon gut
"Der Frosch mit der Maske" (1959) unter der Regie Harald Reinls startete nicht nur die Edgar-Wallace-Reihe, sondern gilt auch für seinen Hauptdarsteller Joachim Fuchsberger als Sprungbrett weg von den Musikkomödien und Heimatfilmen der 50er Jahre ("Mein Schatz ist aus Tirol", 1958), hin zu einem der führenden deutschen Kriminalfilm-Darsteller der 60er Jahre. Dass er gemeinsam mit Harald Reinl zuvor schon zwei Kriegsfilme drehte ("Die grünen Teufel von Monte Cassino" und "U47 - Kapitänleutnant Prien", 1958), die seinen kommenden Status als Action-Helden förderten, ist noch bekannt, vergessen hingegen ist die kurze Phase seiner Zusammenarbeit mit Regisseur Rudolf Jugert, mit dem er zwischen 1958 und 1960 drei Filme drehte.

Gehört "Eva küsst nur Direktoren" (1958) noch in die Kategorie leichter Komödien, leitete ihr Anfang 1959 und damit vor "Der Frosch mit der Maske" herausgekommener zweiter Film "Die feuerrote Baronesse" schon einen Imagewandel für Fuchsberger ein. Seine Rolle als englischer Agent Tailor, der in Nazi-Deutschland herauszufinden versucht, wie weit die Entwicklung einer Atom-Bombe fortgeschritten ist, bot Fuchsberger die Möglichkeit, sich sowohl als smarter Frauen-Typ, als auch als souveräner Held in den Vordergrund zu spielen – selbst die Gelegenheit, in Ruhe seine Pfeife zu rauchen, ließ er sich von den Nazi-Schergen nicht verderben, obwohl diese ihm besonders in der Person eines mit allen Klischees gewaschenen SS-Obersturmbannführer (von Werner Peters mit gewohnter Perfidität gespielt) zunehmend auf den Leib rücken.

Trotz der von Jugert eingefügten dokumentarischen Aufnahmen, beanspruchte der Film keine historische Authentizität, sondern ist reine Fantasie in der Schilderung eines Katz-und Maus-Spiels zwischen dem nach seinem Fallschirm-Absprung bei einer Fronttheater-Gruppe untergetauchten Tailor und Oberst Urbaneck (Paul Dahlke) von der Gestapo, der ihm schnell auf der Spur ist. Zwar ließ „Die feuerrote Baronesse“ in Tailors Liebesgeschichte mit Juliane Urbaneck (Wera Frydtberg), Tochter des Gestapo-Obersts, auch bitter-süße Momente zu, und spielte der angebliche Heldentod ihres gefallenen Bruders auf die Propaganda-Lüge um den Flieger-General Ernst Udet an – die am Ende entdeckte Wahrheit über den Tod seines Sohnes zerstört das Weltbild Urbanecks – aber eine kritische Haltung gegenüber der jüngeren Vergangenheit entfaltete der Film darüber hinaus nicht, sondern ordnete alles einer Spannungs-Schraube unter, deren stark kontrastierenden Schwarz-Weiß-Bilder und leicht verruchten Anspielungen nicht zufällig auf die Edgar-Wallace-Reihe hinwiesen.

Autor J.Joachim Bartsch, der die Agenten-Story erdachte, schrieb nicht nur die Drehbücher zu den zwei Reinl-Kriegsfilmen, sondern war auch an zwei frühen Wallace-Verfilmungen der Rialto-Film-Produktionsgesellschaft beteiligt (nach „Der Frosch mit der Maske“ noch "Die Bande des Schreckens", 1960), so dass von einer stilistischen Linie in Fuchsbergers Schaffen gesprochen werden kann, in der "Die feuerrote Baronesse" zwischen Kriegs- und Kriminal-Genre einen zentralen Platz einnahm. Zudem schrieb Bartsch auch das Drehbuch zu Jugerts kommender Kolportage über den Mord an der Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959), deren libertäres Sexualverhalten hier die Nachtclub-Sängerin Szaga de Bor (Dawn Addams) übernahm, deren rotes Haar für den Filmtitel verantwortlich war.

Ihre Gesangs-Nummer mit erotisch anzüglichem Inhalt erinnert schon an spätere Wallace-Gepflogenheiten, ebenso ihre zwielichtige Rolle als Kontaktperson für Tailor, der ihr nicht traut und sie für eine Doppelagentin hält. Zwar verdankt er ihr einen wichtigen Hinweis, der ihn zu dem Zahnarzt Professor Reimer (Hans Nielsen) führt, aber lieber fängt er etwas mit dessen hübscher Zahnarzthelferin an als mit der frivolen Szaga de Bor, die sich ihm unverhohlen anbietet (auch wenn Dawn Addams dafür etwas zu brav wirkt). Zudem treibt sie ihre Spielchen mit dem Obersturmbannführer, der ihr in verklemmter sexueller Abhängigkeit zu Willen ist. So bekannt diese Voraussetzungen klingen, gelang es Jugert, daraus eine klar strukturierte, schlüssige Handlung in atmosphärischen Bildern zu entwickeln, die mit überraschenden Pointen aufwarten kann. Zwar wies der von Joachim Fuchsberger verkörperte Typus schon deutliche Charakteristika seiner zukünftigen Rollen auf, aber in ihrer moralischen Sichtweise war „Die feuerrote Baronesse“ im Vergleich zu den Wallace-Filmen weniger konservativ.

"Die feuerrote Baronesse" Deutschland 1959, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: J.Joachim Bartsch, Darsteller : Joachim Fuchsberger, Dawn Addams, Wera Frydtberg, Paul Dahlke, Hans Nielsen, Werner PetersLaufzeit : 96 Minuten

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Freitag, 2. Mai 2014

Ein Herz spielt falsch (1953) Rudolf Jugert

Zum 90.Geburtstag von Ruth Leuwerik am 23.04.2014:

Inhalt: Peter van Booven (O.W. Fischer), ständig pleite und von seinen Gläubigern verfolgt, will die junge Gerda (Gertrud Kückelmann) dazu überreden, ihr gemeinsames Kind abtreiben zu lassen. Mehr als ein kurzes Abenteuer wäre das zwischen ihnen nicht gewesen und sie würden auch nicht zusammenpassen. Ohne ihr Unglück weiter zu beachten, begibt er sich zu dem Chefarzt Professor Linz (Carl Wery), der mit seinem Vater befreundet war, um ihn um einen Eingriff bei Gerda zu bitten. Zuerst ihm wohlwollend begegnend, verweigert der Arzt empört Van Boovens Ansinnen und wirft ihn aus seiner Praxis.

Als er aus dem Krankenhaus tritt, begegnet er Sybilla Zander (Ruth Leuwerik), einer ehemaligen Klassenkameradin, die sich wegen ihrer Schmerzen am Hinterkopf bei dem mit ihr befreundeten Professor untersuchen lassen will. Er erkennt die unscheinbare, allein stehende junge Frau aus reichem Hause sofort wieder, die sich nicht verändert hat – schon während der Schulzeit hatte er sie „Alte Schachtel“ genannt. Wenig später kehrt er nochmals ins Krankenhaus zurück, da er seinen Hut vergaß, und wird zufällig Zeuge eines Gesprächs unter Ärzten, in dem Professor Linz seine tödliche Diagnose äußert. Sybilla hat seiner Meinung nach nur noch sechs Monate zu leben. Wieder in seiner kleinen Wohnung, erfährt er von seiner Vermieterin (Lina Carstens), dass ein ungehobelter Kerl nach ihm gefragt hätte, der bald wieder kommen will. Peter van Booven fasst einen perfiden Plan…


Ein Abenteurer, dem die Gläubiger im Nacken sitzen und dessen einzige Reaktion darauf, dass seine Geliebte schwanger ist, darin liegt, sich bei einem Arzt um eine Abtreibung zu bemühen, hört in dessen Praxis zufällig mit, dass eine frühere Klassenkameradin an einem unheilbaren Tumor leidet und nur noch wenige Monate zu leben hat. Zwar machte er sich schon damals über das altmodische, unscheinbare Aussehen der Industriellentochter lustig, aber angesichts des verlockenden Erbes, dass auf einen Schlag seine Probleme lösen könnte, setzt er seinen gesamten Charme ein, um ihre frühere Bekanntschaft wieder aufzufrischen. Mit Erfolg, denn die nach einer Operation noch geschwächte junge Frau, die nichts von ihrem tatsächlichen Zustand weiß - der mit ihr befreundete Arzt wagt es nicht, sie über ihren baldigen Tod aufzuklären - freut sich über dessen Aufmerksamkeiten und verliebt sich in den attraktiven Mann.

Angesichts dieser Schmonzette überrascht es nicht, dass der Text als Fortsetzungsroman Anfang der 50er Jahre in der "Hör Zu" veröffentlicht wurde, geschrieben von deren langjährigen Chefredakteur Eduard Rhein unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster. Entsprechend geringschätzig fielen die Kommentare der zeitgenössischen Kritiker ("oberflächlich konstruiert", "konventionell und falsch im Stoff") für einen Filmplott aus, der auch in heutigen Komödien vorstellbar wäre. Erst die Zusammenführung zweier gegensätzlicher kaum vorstellbarer Menschen unter emotional zugespitzten Bedingungen, die folgerichtig zu geschlechtsimmanenten Charakter Veränderungen führen - aus dem hässlichen Entchen wird ein schöner Schwan und aus dem egoistischen Schwerenöter ein verantwortungsvoller Ehemann. Äußerlich beschreitet "Ein Herz spielt falsch" genau diesen Weg, aber es wird deutlich, wie zeitlos, konkret und stimmig Regisseur Rudolf Jugert und seine Drehbuchautorin Erna Fentsch, Ehefrau von Carl Wery und mehrfache Mitstreiterin Jugerts („Ich heiße Niki“, 1952), die Romanvorlage umsetzten.

Dank seines Charmes vermied O.W. Fischer eine gänzlich unsympathische Gestaltung des berechnend vorgehenden männlichen Protagonisten Peter van Booven, aber an Konsequenz ließ er es nicht missen. Die von ihm schwangere Gerda (Gertrud Kückelmann) weist er zurück, bis sie sich das Leben nehmen will. Mit der Erinnerung an seinen verstorbenen Vater versucht er dessen Freund Professor Linz (Carl Wery) zu einer Abtreibung zu überreden und für den Blumenstrauß, mit dem er bei seiner früheren Klassenkameradin Sybilla Zander (Ruth Leuwerik) am Krankenbett Eindruck schinden will, verkauft er ein Andenken an den gefallen Sohn seiner Vermieterin (Lina Carstens). Selbst heute ließe sich kaum ein männlicher Filmstar auf das Risiko ein, eine ähnlich negativ besetzte Hauptfigur zu spielen, die Anfang der 50er Jahre zudem gegen die sehr viel konservativeren moralischen Standards verstieß. So überzeichnet diese Figur angelegt wurde, so authentisch vermittelt sie die häufig gebrochenen Lebensläufe in der Nachkriegszeit. O.W. Fischer spielte van Booven als Getriebenen, der nach dem Krieg die Kontrolle über sein Leben verloren hat und dem jedes Mittel recht ist, um seiner Notlage zu entkommen. Trotz dessen Charakterlosigkeit fiel es damals nicht schwer, sich mit dessen Situation zu identifizieren.

Ruth Leuwerik verkörperte das Gegenteil – eine altmodisch wirkende junge Frau, die von geradezu atemberaubender Verlässlichkeit und innerer Ruhe ist. Schon während ihrer gemeinsamen Schulzeit nannte sie Van Booven eine „Alte Schachtel“, aber diese Bezeichnung erweist sich hier als Prädikat. Denn im Gegensatz zu den üblichen Geschichten vom „Hässlichen Entchen“ ändert sie sich nicht, sondern gewinnt in den Augen des Betrachters gerade dadurch, dass sie sich selbst treu bleibt. Ruth Leuwerik, die zuvor schon zwei Filme an der Seite Dieter Borsches gedreht hatte und mit „Königliche Hoheit“ (1953, Regie Harald Braun) noch im selben Jahr eine weitere Zusammenarbeit folgen ließ, wurde durch „Ein Herz spielt falsch“ endgültig zum großen Filmstar. Zwei weitere gemeinsame Filme mit O.W. Fischer unter der Regie Helmut Käutners („Bildnis einer Unbekannten“ (1954) und „Ludwig II.: Glanz und Elend eines Königs“ (1955)) gaben Ruth Leuwerik erneut die Gelegenheit, einen selbstbewussten und eigenständigen Frauen - Typus zu spielen, der auch viel über ihre enge Zusammenarbeit mit Braun, Käutner und Jugert aussagt, die die frühen Jahre ihrer Karriere prägten und mit denen sie auch später wiederholt zusammen arbeitete.

Harald Braun, der einen Großteil der Käutner-Filme der 50er Jahre produzierte (bis er früh 1960 starb), besetzte sie erstmals in einer Hauptrolle in „Vater braucht eine Frau“ (1951) und Rudolf Jugert, seit Käutners erstem Film „Kitty und die Weltkonferenz“ (1939) als Regie-Assistent an dessen Seite tätig - bis er 1948 in „Film ohne Titel“ selbst erstmals die Regie übernahm – profitierte in „Ein Herz spielt falsch“ ungemein von Leuweriks exaktem und unaufgeregtem Spiel. Ihre Präsenz, die auch in den letzten Minuten des Films, als ihr Tod unmittelbar bevorsteht, jedes Abgleiten in Kitsch verhindert und O.W. Fischers schnelle Wandlung vom Saulus zum Paulus in den Hintergrund drängt, verlieh dem Film die notwendige Seriosität, um hinter dem klischeehaften Treiben den Angriff auf die damaligen Moralvorstellungen zu erkennen. „Ein Herz spielt falsch“ klingt zwar nach schicksalsschwerem Liebesdrama, aber Jugerts ein hohes Tempo vorlegender Unterhaltungsfilm wagte die Grobheit menschlicher Abgründe um eine zentrale Frauenfigur, die sich keinen gängigen Vorurteilen anbiederte.

"Ein Herz spielt falsch" Deutschland 1953, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Hans-Ulrich Hörster, Darsteller : Ruth Leuwerik, O.W. Fischer, Carl Wery, Getrud Kückelmann, Lina Carstens, Günther Lüders, Gert Fröbe, Ernst F. Fürbringer, Rudolf VogelLaufzeit : 98 Minuten

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Donnerstag, 12. Dezember 2013

Die Wahrheit über Rosemarie (1959) Rudolf Jugert

Inhalt: Nachdem Heinz Pohlmann (Jan Hendricks), der als Hauptverdächtiger galt, aus Mangel an Beweisen entlassen werden musste, verfügt der ermittelnde Kommissar (Hans Elwenspoek) über keine neue Spur im Mord an der Edel-Prostituierten Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee). Als der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) ihn besucht und mit den Worten beginnt, dass zwei Menschen die junge Frau umgebracht hätten, horcht er auf  - von zwei Mördern war er bisher nicht ausgegangen. Doch Guttberg versteht seinen Hinweis in psychologischer Hinsicht, denn neben dem ausführenden Täter wäre Rosemarie Nitribitt selbst schuld an ihrem Tod, wahrscheinlich schon mit ihrer ersten Entscheidung nach der Entlassung aus der Erziehungsanstalt, die ihr angebotene Arbeitsstelle nicht anzutreten, sondern stattdessen auf den Strich zu gehen.

Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, beginnt Guttberg die Geschichte der Nitribitt detailliert nachzuerzählen. In Frankfurt/Main angekommen leiht sie sich von einer älteren Prostituierten 80 Mark, um sich ein paar passende Klamotten zu kaufen. Obwohl sie mit diesem Startgeld schnell Gewinn macht, zahlt sie es nicht zurück, als sie erfährt, dass ihre Kollegin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, wo diese kurz darauf stirbt. Um an potente Kunden heranzukommen, begibt sie sich zur Anbahnung in Bars, was strafrechtlich verboten ist. Als sie beinahe von einer Polizeikontrolle erwischt wird, kommt ihr der ältere russische Geschäftsmann Alexander Woltikoff zu Hilfe (Walter Rilla), der sie als seine Begleiterin ausgibt. Er gesteht ihr, dass er sich in sie verliebt hat und sie für sich allein haben möchte…



Daran, um welche Wahrheit es sich in "Die Wahrheit über Rosemarie" handelt, lässt der Jugend- und Kriminalpsychologe Andreas Guttberg (Wolfgang Büttner) gegenüber dem ermittelnden Kommissar (Hans Elwenspoek) von Beginn an keinen Zweifel: zwei Personen haben seiner Meinung nach Rosemarie Nitribitt (Belinda Lee) getötet - ihr von der Polizei gesuchter (und bis heute nicht entdeckter) Mörder und sie selbst. Drehbuchautor J.J.Bartsch, der auch das Drehbuch zu Jugerts Vorgängerfilm "Die feuerrote Baronesse" (1959) schrieb und im Heimatfilm ("Die Prinzessin von St. Wolfgang", 1957) und Kriegsfilm-Genre ("Die grünen Teufel von Monte Cassino", 1958) zuvor an der Seite von Regisseur Harald Reinl tätig war, versuchte gar nicht erst, erhellende Fakten hinsichtlich des Kriminalfalls zu finden, sondern konzentrierte sich allein auf die Figur der jungen Frau aus schwierigen sozialen Verhältnissen, die - anstatt die Chancen zu nutzen, die ihr staatlicherseits geboten wurden - auf den Strich ging und damit letztlich die Hauptschuld an ihrem frühen Tod trug.

"Die Wahrheit über Rosemarie" ist in seiner moralischen Selbstgerechtigkeit, unterstützt von einfachsten psychologischen Weisheiten, die nur eindeutige kausale Zusammenhänge kennen, nahezu unerträglich und weist darin Parallelen zu Veit Harlans "Anders als du und ich (§175)" (1957) auf - nur dass es sich hier statt um Homosexualität um Prostitution handelt. Beide Filme verfolgten eine ähnliche Intention – ein gewisses Mitleid für die vom Virus der Unmoral Befallenen heuchelnd, sollte der semi-dokumentarische Stil zuerst die Gefahren des Verfalls demonstrieren, um daraufhin erzieherische, eine negative Vorbildwirkung verhindernde Maßnahmen zu propagieren. Zynisch ließe sich feststellen, der Tod der Frankfurter Edel-Prostituierten wäre den Machern entgegen gekommen, so folgerichtig wird er hier als Konsequenz ihres Lebensstils dargestellt.

Unterschiedlicher zu Rolf Thieles schon ein Jahr zuvor in die Kinos gekommener „Das Mädchen Rosemarie“ (1958) hätten Intention und Storyanlage kaum sein können. Während Thieles Film die Ereignisse um Rosemarie für einen satirischen Rundumschlag auf die verlogene Scheinmoral in der Wirtschaftswunder - BRD nutzte, in der die von Nadja Tiller gespielte Rosemarie trotz ihrer Berufswahl die sympathischste Figur abgab, spielte Belinda Lee ein Mädchen aus der Gosse, das dank ihrer Schönheit zwar auch Männer aus besseren Kreisen zu betören wusste, nie aber ihre primitive Herkunft überwinden konnte. Anstatt wohl situierte und verheiratete Freier in den Mittelpunkt zu stellen, die bei ihren Geschäftsterminen in der Großstadt Frankfurt Ablenkung von ihrem bürgerlichen Leben suchten, zauberte „Die Wahrheit über Rosemarie“ einen reichen älteren Herren russischer Herkunft (Walter Rilla) hervor, der es angeblich sehr ernst mit Rosemarie Nitribitt meint. Er verzeiht ihr Vorleben, finanziert Wohnung und Auto, verlangt aber, dass sie ihm treu ist, wenn er sich auf Geschäftsreise befindet.

Die gesamte Konstellation hat nur die Funktion, zu untermauern, dass Rosemarie ihre Chancen, ein bürgerliches Leben zu führen, nicht nutzte. Wieso ausgerechnet die junge, ihn kaum beachtende Prostituierte Gefühle, die „sich nicht kaufen lassen“, bei ihm erzeugt haben soll, bleibt das Geheimnis des älteren Herrn. Entsprechend wenig nimmt sie ihn und seine Bedingungen ernst und gerät in die Bredouille, als er sie zu sich nach Cannes einlädt und nach ihrem Verhalten während seiner Abwesenheit fragt. Nur weil sie lügt beendet er ihre Beziehung, hätte sie ihm gestanden, weiter als Prostituierte gearbeitet zu haben, hätte er ihr angeblich großzügig verziehen – eindeutiger konnte der Film die Schuld nicht zuweisen. Um zu begründen, wieso sie sich trotz dieser Zurückweisung einen luxuriösen Stil in Frankfurt samt Mercedes-Cabrio leisten konnte, ließ der Film den honorigen Russen noch in derselben Nacht an einem Herzinfarkt sterben, was die Nitribitt sofort dazu nutzt, Anspruch auf sein Erbe zu erheben, obwohl es dafür kaum eine Rechtsgrundlage gegeben haben dürfte.

Ausgehend von ihrer Vergangenheit bis zu ihrer Entlassung aus der Erziehungsanstalt – die einzigen echten Fakten, an denen sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ orientierte – erscheint die Charakterisierung der Nitribitt als etwas einfältiges, ungebildetes Mädchen realistischer als die schnell zur eleganten Dame reifende Prostituierte in Thieles Film. Doch das egoistische und zickige Auftreten, mit dem Belinda Lee in ihrer Rolle auch die wenigen ihr wohl gesonnenen Menschen vergrault, wirkt unglaubwürdig - selbst Karl Lieffen als sich um sie bemühender Zuhälter ist dagegen ein echter Sympathieträger - denn die real unscheinbarere Rosemarie Nitribitt wäre so kaum erfolgreich gewesen. Offensichtlich wollte der Film keinen Moment den Eindruck entstehen lassen, dass es irgendeinen, auch nur minutiösen Grund gäbe, um als Prostituierte zu arbeiten. Den einzig liebenden Mann ignorierte Rosemarie, während alle anderen Freier den Eindruck hinterlassen, jederzeit auf sie verzichten zu können oder sie sogar betrügen (Karl Schönböck). Selbst der Luxus, mit dem sie sich umgibt, verliert seine Wirkung, angesichts einer ständig unzufriedenen jungen Frau, die nichts zu schätzen weiß.

So einseitig wertend ihr Niedergang generell geschildert wurde, stehen besonders zwei Szenen signifikant für die moralische Haltung des Films. Paul Dahlke, der schon in Harlans „Anders als du und ich (§175)“ den Kampf gegen die Homosexualität antrat, spielt hier den braven, unscheinbaren Ehemann Reimer, der unter der Kontrolle einer wenig liebenswürdigen Ehefrau steht. Heimlich zweigt er sich Geld ab, bis er genügend zu besitzen glaubt, um zu Rosemarie Nitribitt gehen zu können. Erstmals scheint der Film die bürgerliche Scheinmoral aufzugreifen, aber Reimer will keinen Sex, sondern für Informationen über seine verschwundene Schwägerin zahlen, von der er glaubt, dass sie in den Prostitutionssumpf gezogen wurde. Verzweifelt prügelt er auf die junge Frau ein – eine Reaktion, die der Film keineswegs kritisch betrachtete, trotz der Scham, die Reimer danach empfindet. Ebenso eindeutig sind die Ausführungen des Polizeipsychologen, der am Beispiel seines Sohnes Fred (Claus Wilcke) demonstriert, dass es nur der richtigen Erziehung bedarf, um gegenüber den Versuchungen der Prostitution resistent zu sein. Rosemarie Nitribitt verliebt sich in den gut aussehenden jungen Mann und wendet alle weiblichen Tricks an, um ihn zu verführen – bis sie sich sogar vor ihm entblößt. Doch dank seiner "geistig gesunden" Haltung empfindet er nur Ekel.

„Die Wahrheit über Rosemarie“ ließe sich ähnlich wie Harlans Abhandlung über die Homosexualität nur im historischen Kontext als moralisches Abbild der späten 50er Jahre betrachten, bediente der Film nicht gleichzeitig die Sensationsgier der Zuschauer. Produzent Wolf C.Hartwig hatte schon mit seinem ersten Film „Adolf Hitler – ein Volk, ein Reich, ein Führer: Dokumente der Zeitgeschichte“ (1953) den Weg eines semi-dokumentarischen Stils betreten, mit dem er ein umstrittenes, aber beim Publikum attraktives Thema auf die Leinwand bringen konnte. Mit seinem nachfolgenden Film „Liebe, wie die Frau sich wünscht“ (1957) begann seine Beschäftigung mit dem Sex, die auf direktem Weg zum „Schulmädchen-Report“ (1970) führen sollte. Unter der Regie von Rudolf Jugert, der im Jahr darauf erneut mit Belinda Lee „Der Satan lockt mit Liebe“ (1960) unter der Produktion Hartwigs folgen ließ, widmete sich „Die Wahrheit über Rosemarie“ nur vordergründig einem realen Thema, dass Hartwig vor allem dazu nutzte, tiefe Einblicke in das Prostitutions-Gewerbe zu wagen.

Entsprechend nehmen die Szenen einer meist leicht geschürzten Belinda Lee bei der Ausführung ihrer Arbeit einen wesentlich größeren Teil ein als in Thieles Nitribitt - Film. Damit wies „Die Wahrheit über Rosemarie“ schon auf das spätere „Schulmädchenreport“ – Rezept hin. Begleitet von dem scheinbar seriösen Kommentar eines Psychologen wurde um Verständnis geworben, gleichzeitig aber moralischer Anstand gepredigt, um den Freiraum für die Darstellung gesellschaftlich tabuisierter Themen zu erhalten. Das relativiert die Handlung aus heutiger Sicht ein wenig, ändert aber nichts daran, dass der Film im Vergleich zu Thieles - auch das spätere Bild der Rosemarie Nitribitt prägende - Gesellschafts-Satire zurecht in Vergessenheit geriet.

"Die Wahrheit über Rosemarie" Deutschland 1959, Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: J.Joachim Bartsch, Darsteller : Belinda Lee, Wolfgang Büttner, Claus Wilcke, Walter Rilla, Karl Lieffen, Paul Dahlke, Hans Nielsen, Karl Schönböck, Lina CarstensLaufzeit : 95 Minuten

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Sonntag, 5. Mai 2013

Der Meineidbauer (1956) Rudolf Jugert


Inhalt: Als Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) erfährt, dass der Vater ihrer zwei Kinder, mit dem sie nicht verheiratet war, tödlich verunglückt ist, trauert sie um ihn, fühlt sich aber abgesichert, da er ihr versprochen hatte, ihr und den Kindern seinen Bauernhof zu vererben. Sie weiß nicht, das dessen jüngerer Bruder Mathias (Carl Wery) das Testament schon vor dessen Tod geöffnet hatte und einen Brief an ihn schickte, in dem er seine Enttäuschung darüber ausdrückte, den Hof nicht selbst zu erben.

Als sie ihre Stellung als Bäuerin einnehmen will, erklärt ihr Mathias, es gäbe kein Testament, was er auch vor Gericht beeidet, womit er Paula und ihre Kinder dazu zwingt, wieder zu ihrer Mutter zu ziehen, die in den Bergen eine ärmliche Schankwirtschaft betreibt. Doch der Gerichtsdiener (Joseph Offenbach) hatte in den Sachen des Verstorbenen den Brief gefunden, in dem dieser sich über das Testament beklagte, und beginnt ihn zu erpressen...


Regisseur Rudolf Jugert hatte viele Jahre an der Seite Helmut Käutners als Regie-Assistent gearbeitet, bevor er 1948 mit "Film ohne Titel" erstmals selbst Regie führte, nicht zufällig nach einem Drehbuch Käutners. Ab diesem Zeitpunkt konzentrierte er sich auf das Regie-Fach, drehte später mit "Nachts auf den Straßen" (1952) noch einen weiteren Film auf Basis eines von Käutner verfassten Drehbuchs, spezialisierte sich aber zunehmend auf den Unterhaltungsfilm, etwa mit Liebesdramen ("Illusion in Moll" (1952)) oder Romanverfilmungen ("Rosen im Herbst" (1955) nach Theodor Fontane). Heimatfilme gehörten nicht zu seinem Repertoire, weshalb "Der Meineidbauer" vordergründig aus seinem Schaffen heraus sticht, aber tatsächlich handelte es sich vor allem um eine Verfilmung des Dreiakters von Ludwig Anzengruber, auch wenn der Film einige für das Heimatfilm-Genre typische Merkmale aufweist.

Wie populär das 1871 in Wien uraufgeführte "Volksstück" war, wird daran deutlich, dass es sich schon um die vierte Filmversion handelte, deren letzte erst 15 Jahre zurücklag. Zwar entschlackte Drehbuchautorin Erna Fentsch - Ehefrau des Hauptdarstellers Carl Wery - Anzengrubers Bühnenstück, verzichtete auch auf einige Protagonisten, aber an der Ausgangssituation änderte sie trotz der in der damaligen Gegenwart spielenden Handlung nichts. Anzengrubers Intention, die Konsequenzen eines Fehlverhaltens noch für die kommenden Generationen aufzuzeigen, basierte auf einer Realität, die ihre Gültigkeit Mitte der 50er Jahre noch nicht verloren hatte.

Paula Roth (Heidemarie Hatheyer) war von dem Vater ihrer zwei Kinder, dem Gutsbesitzer Jakob Ferner, nie geheiratet worden, weshalb sie im Dorf einen schlechten Leumund besitzt und ihre Tochter und ihr Sohn ständigen Hänseleien ausgesetzt sind. Als Jakob nach einem Unfall im Krankenhaus stirbt, glaubt sie seinen Hof zu erben, da er ein Testament zu ihren Gunsten aufgesetzt hatte. Als sie dieses zum Nachweis aus dem Geheimfach des Sekretärs hervor holen will, ist es verschwunden. Sie ahnt nicht, dass Mathias Ferner (Carl Wery), der sein Leben lang als Knecht auf dem Hof seines Bruders beschäftigt war und nach dem Tod seiner Frau allein für seinen Sohn Franz (Hans von Bosordy) verantwortlich ist, das Testament verschwinden ließ, nachdem er es - fassungslos über den Inhalt - geöffnet hatte.

Seine Behauptung, von einem Testament nie etwas gewusst zu haben, hatte er vor Gericht beeidet, worauf hin er den Bauernhof zugesprochen bekam. Als unverheiratete Frau mit zwei unehelichen Kindern galt Paulas entgegengesetzte Meinung nichts. Doch Ferner hatte den Fehler begangen, seinem Bruder noch einen Brief an dessen Krankenbett zu schicken, in dem er das Testament erwähnt hatte. Nach dessen Tod fährt er zum Nachlassgericht, in der Hoffnung den Brief, der ihn des Meineids überführen würde, wieder zurück zu bekommen. Doch dieser befindet sich nicht unter den letzten Habseligkeiten des Toten, weshalb er sie bei Gericht belässt und beruhigt nach Hause fährt. Er ahnt zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dem Gerichtsdiener Ludwig Demuth (Joseph Offenbach) der Brief entgegen fällt, als er die Sachen ein letztes Mal untersucht. Bis dieser überraschend auf seinem Bauernhof auftaucht, um ihn zu erpressen.

Diese Konstellation widerspricht Anzengrubers ursprünglicher Intention, der das Wissen über den Meineid innerhalb der Familie beließ, um die gegenseitige Schuld noch zuzuspitzen. In seiner Fassung wurde der damals 12jährige Franz Zeuge der Lüge seines Vaters, profitierte aber selbst von der Erbschaft und hielt den Mund, auch als er zusehen musste, wie Paula (im Original "Vroni") und ihre Kinder vom Hof gejagt wurden. Er trägt entsprechend eine Mitschuld an deren Situation. Für einen Heimatfilm wäre deshalb die Wiederbegegnung mit Paulas inzwischen erwachsen gewordener Tochter Marei (Christiane Hörbiger) moralisch zu zwiespältig geworden. Zehn Jahre nachdem Paula gezwungen wurde, mit ihren Kindern zu ihrer Mutter zurückzukehren, die hoch in den Bergen eine schlecht beleumundete Schankwirtschaft betrieb, sollten sich Franz und Marei möglichst unbeschwert ineinander verlieben können - dabei kam ein außerhalb der Familie stehender Erpresser durchaus gelegen.

Trotz dieser Konzession an einen Unterhaltungsfilm, überzeugen die psychologisch genauen Dialoge zwischen der betrogenen Paula und dem sich moralisch im Recht glaubenden Mathias, die auf die qualitative Basis des Theaterstücks zurückzuführen sind. Diesen Charakter verliert der Film nie vollständig, auch wenn in der zweiten Hälfte versucht wird, mit Naturaufnahmen die auf wenige Räume beschränkte Handlung aufzubrechen. Obwohl die Gespräche zwischen dem Erpresser Demuth und dem "Meineidbauer" nicht in der literarischen Vorlage vorkommen, gehören sie in ihrer raffinierten Gestaltung zu den Höhepunkten des Films. Offenbach gelingt es, seine Forderung aus einer passiven, kleinbürgerlichen Haltung heraus zu formulieren, die beinahe den Eindruck entstehen lässt, er hätte ein legitimes Anrecht auf die erpresste Summe, während aus Carl Werys Spiel das schlechte Gewissen spricht, welches es ihm unmöglich macht, sich zu wehren.

Heidemarie Hatheyers Rolle ist dagegen von einem Selbstbewusstsein geprägt, das im Widerspruch zu ihrer Abhängigkeit steht und den Film in seiner zweiten Hälfte zunehmend in Richtung Heimatfilm drängt. Ihrer Situation fehlt die Tragik des Theaterstücks, denn ihre "Schankwirtschaft" hat mehr den Charakter eines Ausflugslokals für städtische Touristen - zudem inmitten einer idyllischen Landschaft gelegen - als den eines finsteren Molochs. Auch ihr früheres moralisches Ansehen spielt scheinbar keine Rolle mehr - der Chef der Grenzpolizei (Attila Hörbiger) möchte sie heiraten - und ihr Haus wirkt keineswegs ärmlich. Einzig aus ihren Worten ist ihre Verbitterung heraus zu hören und ihr Sohn Jakob (Heino Hallhuber), der gegen das Gesetz verstößt, bereitet ihr  Sorgen.

Anstatt den inneren Konflikt zu vertiefen, der bei Anzengruber für die weiteren dramatischen Ereignisse verantwortlich ist, verlegt "Der Meineidbauer" diesen in den Außenraum. Jakob versucht die finanzielle Situation seiner Mutter durch Schmuggeln aufzubessern, wodurch er mit den Grenzpolizisten in einen gefährlichen Konflikt gerät - ein typisches Motiv für den Heimatfilm, in dem Kriminalität häufig als Reaktion auf eine tragisch erhöhte Situation geschildert wurde. Die Schuld daran trägt allein Mathias, da er diese erst durch seinen Meineid herauf beschworen hatte. Auch hier gelingt es dem Film, trotz der wesentlich eindimensionaler gestalteten Charaktere, wieder zu den Ursprüngen der Vorlage zurückzukehren. Das Drama nimmt im Anzengruberschen Sinn seinen Lauf, auch wenn gewisse Konzessionen an den Mitte der 50er Jahre sehr populären Heimatfilm nicht zu übersehen sind.

"Der Meineidbauer" Deutschland 1956Regie: Rudolf Jugert, Drehbuch: Erna Fentsch, Ludwig Anzengruber (Bühnenstück), Darsteller : Heidemarie Hatheyer, Carl Wery, Christiane Hörbiger, Hans von Bosordy, Joseph Offenbach, Attila Hörbiger, Laufzeit : 100 Minuten

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