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Sonntag, 8. März 2015

...und sowas nennt sich Leben (1961) Géza von Radványi

Inhalt: Irene (Karin Baal) verbringt ihre Zeit meistens in einem angesagten Musik-Club, wo sie nicht nur den Chef Mario (Claus Wilcke), sondern auch die Musiker der jeden Abend aufspielenden Kapelle bestens kennt. Es ist kein Geheimnis, dass sie mit fast allen schon im Bett war, nur der Klavier-Student Martin (Michael Hinz), der sie liebt, wird von ihr zurückgewiesen. Außer sie braucht ein schickes Auto. Als sie ihr Freundin Britta (Elke Sommer) am Busbahnhof abholen will, ist Martin gerade Recht, um mit dem Cabriolet seines reichen Vaters (Wolfgang Lukschy) den Chauffeur spielen zu dürfen.

Für Irene ist der junge Mann ein Schwächling, was sie ihm erneut beweist, als es nach einem Streit zu einem Boxkampf zwischen ihm und dem kräftigen Bob (Karl-Otto Alberty) kommt. Sie verspricht Bob, mit ihm zu schlafen, wenn er absichtlich gegen Martin verliert. Eine Gelegenheit, die sich dieser nicht entgehen lässt und die Irene später Martin gegenüber zum Besten gibt. Doch sie merkt nicht, dass sie immer mehr an Rückhalt in ihrer Umgebung verliert…


"...und sowas nennt sich Leben"  wurde von der PIDAX am 27.01.2015 erstmals auf DVD veröffentlicht und gilt als später Vertreter des 50er Jahre Jugend-Dramas in Folge der durch "Die Halbstarken" 1956 los getretenen Welle. "...und sowas nennt sich Leben" entstand an der Schnittstelle zwischen den noch an Anstand und Moral appellierenden Filmen der späten 50er Jahre und der sich abzeichnenden zunehmenden Liberalisierung der 60er Jahre, die in Richtung Erotik-Film führte. Das macht den Film außergewöhnlich, der nicht mehr auf positive Vorbilder setzte, sondern das Bild einer rein an materialistischen Werten orientierten Gesellschaft entwarf, dass der Abschreckung dienen sollte - sicherlich einseitig und klischeehaft überzeichnet, aber im Detail näher an der Realität. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 









Die genetische Linie von "Die Halbstarken" (1956), dem ersten Film, der sich konkret mit den Auswirkungen der sozialen Veränderungen auf die Heranwachsenden in der Nachkriegszeit auseinandersetzte, zu "...und sowas nennt sich Leben" lässt sich leicht herstellen. Beide Filme wurden von Arthur Brauner produziert, Komponist Martin Böttcher zitierte seine eigene Filmmusik und populäre Jung-Schauspieler gaben sich in der Besetzungsliste ein Stelldichein, von denen einige schon Einsätze im moralisch-pädagogisch motivierten Film der späten 50er Jahre vorzuweisen hatten. Darunter Claus Wilcke ("Verbrechen nach Schulschluss" (1958)), Elke Sommer ("Am Tag als der Regen kam" (1959)) und besonders Karin Baal, die seit ihrer Hauptrolle an der Seite von Horst Buchholz in "Die Halbstarken" auf die Rolle gefährdeter junger Frauen ("Der Jugendrichter", 1960) festgelegt schien. Doch die vergangenen fünf Jahre waren auch an den Jugend-Dramen nicht spurlos vorüber gegangen. Die Modernisierung der Gesellschaft schritt so schnell voran, dass die in "Die Halbstarken" ausgesprochenen Warnungen aus Sicht des Jahres 1961 altmodisch wirken mussten.

Ob diese rasche Entwicklung Autor Willy Clever nach 10 Jahren ("Heidelberger Romanze" (1951)) noch ein letztes Mal dazu motivierte, ein Drehbuch zu verfassen, bleibt Spekulation, aber offensichtlich wollte er die ganz große Keule schwingen. Schon in der ersten Szene, in der eine junge Frau (Hannelore Elsner) nach einem Selbstmordversuch ins Krankenhaus gefahren wird - später stellt sich heraus, dass sie die Sache nur eingefädelt hatte, um ein Auto zu erpressen - erwähnt der Krankenpfleger, sie wäre schon der vierte Fall an diesem Tag. Ein ebenso gewöhnlicher Vorgang in der Großstadt (die Handlung spielt in Frankfurt/Main, gedreht wurde in Berlin) wie die ausschließlich materiell motivierten Taten fast aller Beteiligten.

Was zählt ist ein schicker Wagen und die dicke Kohle, andere Kriterien werden weder bei der Partnerwahl, noch bei der Freizeitgestaltung berücksichtigt. Geldsorgen wie noch in „Die Halbstarken“ scheinen dagegen passé. Das Thema Beruf bleibt entsprechend Nebensache, sieht man von Britta (Elke Sommer) ab, die als Mannequin jobbt. Nur die Elterngeneration sorgt für das notwendige Kleingeld, macht aber auch keine gute Figur. Der Witwer Dr. Bernhard Dirks (Alfred Balthoff), Vater von Irene (Karin Baal), ist weltfremd und merkt nicht, was seine Tochter treibt, und Martins Vater, Bauunternehmer Berger (Wolfgang Lukschy), toppt noch die jungen Leute in Sachen Rücksichtslosigkeit - besonders hinsichtlich seines Frauenverschleißes.

So vielfältig diese Verflechtungen klingen, in „…und sowas nennt sich Leben“ geht es vor allem um Sex. Genauer um die Warnung an die weibliche Jugend vor der Gefahr, ihren guten Ruf zu verlieren. Wolfgang Lukschy gab zwar gewohnt überzeugend einen egoistischen Chauvinisten, aber keineswegs eine gescheiterte Figur. Im Gegenteil wirkt der erfolgreiche Bauunternehmer mit sich im Reinen, nur etwas genervt von seiner Ehefrau (Heli Finkenzeller) und dem aus seiner Sicht zu weichen Sohn Martin (Michael Hinz). Als er ihm zu verstehen gibt, dass für ihn eine Frau wie Irene, die mit jedem Kerl ins Bett geht, nicht in Frage käme – er selbst ließ sich auch einmal von ihr verführen – dann zeigt sich darin nicht nur seine eigene Doppelmoral, sondern die vorherrschende Meinung in der Gesellschaft. Nicht er steht in der Kritik, sondern die Frauen, die so dumm sind, sich auf einen wie ihn einzulassen. Sie müssen sich nicht wundern, dann als Huren zu gelten.

Für Irene kommt diese Erkenntnis sowieso zu spät. Die junge Frau gilt als Wanderpokal und merkt nicht, dass sich ihre scheinbare Macht über die Männer als Trugschluss erweist. Als sie schwanger wird, will Niemand der Vater sein (schön abgeklärt Karl-Otto Alberty in seiner ersten Rolle), nur der naive Martin bietet sich als Ehemann noch an. Das ändert sich, als er von seinem Vater die Wahrheit erfährt, weshalb sie gezwungen ist, zum aus ihrer Sicht letzten Überzeugungs-Mittel zu greifen. Dank Karin Baals ambivalenten Spiels ist Irene keine rein negative Figur, wird ihr innerer Zwiespalt zwischen Auflehnung und Sehnsucht nach Liebe ebenso spürbar, wie Martins Gefühle für sie verständlich. Leider ließ sich der Film nicht auf diese Komplexität ein, sondern verfiel immer wieder in Extreme – Irenes unmittelbare Stimmungswechsel zwischen sanftmütigem Einlenken und zornigem Wutausbruch wirken unglaubwürdig und sollten die Vorurteile gegenüber der promiskuitiven Frau offensichtlich noch betonen.

Obwohl abwechslungsreich von  Géza von Radványi inszeniert, geriet „…und sowas nennt sich Leben“ als einer der letzten Vertreter der 50er Jahre-Moral-Filme schnell in Vergessenheit - vielleicht weil er keine positive Alternative mehr anbot, sondern das pessimistische Bild einer materialistischen Nachkriegsgesellschaft zeichnete. Etwas, das den Film aus heutiger Sicht sehr interessant macht. Während „Die Frühreifen“ (1957) der im Film angeprangerten jugendlichen Dekadenz eine fleißige, moralisch ehrbare Jugend gegenüberstellte, existieren solche Charaktere hier nicht mehr. Weder ein engagierter Lehrer („Der Pauker“ (1958)) oder verständnisvoller Pfarrer („Alle Sünden dieser Erde“ (1958)) verirrte sich noch in ein Geschehen, dass die wenigen „Anständigen“ zu Verlierern werden ließ. Martins Charakter eines musisch veranlagten Muttersöhnchens eignete sich nicht als Identifikationsfigur, auch seine verzweifelte Moralpredigt am Ende im Musik-Club verfehlt ihre Wirkung. Und Heli Finkenzeller in der Rolle seiner Mutter, die in "Wegen Verführung Minderjähriger" (1960) noch unerschütterlich an der Seite ihres beschuldigten Ehemanns stand, lebt ausschließlich für ihren Sohn - nicht mehr in der Lage, sich ihrem sie schamlos betrügenden Mann entgegen zu stellen. Als Vorbild taugt auch sie nicht.

Diese einseitig zugespitzte Situation sollte wahrscheinlich als abschreckendes Beispiel dienen, kam der Realität im Detail aber näher, als die noch Idealismus predigenden Jugend-Dramen, die den von ihnen angeprangerten moralischen Verfall nur wenigen Außenseitern zuschoben, gleichzeitig aber die Neugierde eines großen Publikums befriedigten. Dass sie zu einem der Wegbereiter für den in den 60er Jahre aufkommenden Erotik-Film wurden, ist eine ironische Fußnote der Filmgeschichte. Erst der Deckmantel der moralischen Empörung schuf den notwendigen Freiraum in noch sehr prüden Zeiten. An „…und sowas nennt sich Leben“ mit seinen dezenten Nacktaufnahmen, erotisch geschnürten jungen Frauen und der allgegenwärtigen Beischlaf-Thematik ist das sehr schön abzulesen. Das Ende des erhobenen Zeigefingers im Film bedeutete es aber nicht. Die Macher waren nur gezwungen, sich den Veränderungen anzupassen, was zu einer Kombination aus Erotik-Film und pädagogischem Auftrag führte („Sünde mit Rabatt“, 1968). Denn bekanntlich herrschte an Gefahrenpotential für die Jugend weiterhin kein Mangel.

"...und sowas nennt sich Leben" Deutschland 1961, Regie: Géza von Radványi, Drehbuch: Fritz Clever, Darsteller : Karin Baal, Michael Hinz, Wolfgang Lukschy, Heli Finkenzeller, Elke Sommer, Claus Wilcke, Hannelore Elsner, Ilse Pagé, Karl-Otto AlbertyLaufzeit : 91 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Géza von Radványi:

Montag, 30. September 2013

Das Mädchen Rosemarie (1958) Rolf Thiele

Inhalt: Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) hält sich in einem mondänen Frankfurter Hotel auf, um Kontakt zu wohlhabenden Herren aufzunehmen, die dort fernab ihrer Ehefrauen tagen, wird aber von dem Portier (Hubert von Meyerinck) des Hauses verwiesen. Dieser verdient sich etwas nebenbei, um selbst die zahlungskräftige Klientel mit einschlägigen Damen zu verkuppeln. Doch sein Rausschmiss kann nicht verhindern, dass sich Rosemarie vom Hinterhof aus mit dem Generaldirektor Bruster (Gerd Fröbe) für später verabredet. Als sie dessen aus der Garage fahrenden Mercedes 300 anhält und einsteigen will, trifft sie zu ihrer Überraschung auf Konrad Hartog (Carl Raddatz), der wie viele Herren den gleichen Wagentyp fährt. Da sie ihm auch gefällt, nimmt er sie stattdessen mit und beginnt mit ihr eine Liason. Er finanziert ihr ein Appartement, richtet und kleidet sie ein, während sie sich von ihren früheren Kumpanen Walter (Jo Herbst) und Horst (Mario Adorf) verabschiedet, die mit ihr eigentlich gemeinsame Sache machen wollten, weshalb sie wenig erfreut auf ihre Entscheidung reagieren.

Bald möchte sich Rosemarie nicht mehr mit der Rolle der heimlichen Geliebten abfinden, aber besonders Hartogs Schwester (Barbara Rütting) weiß zu verhindern, dass die gesellschaftlich nicht adäquate junge Frau an größeren Festivitäten teilnehmen kann. Nachdem sie Hartog erneut unter fadenscheinigen Gründen abgewimmelt hatte, begegnet sie dem französischen Industriellen Fribert (Peter van Eyck), der ihre Anziehungskraft sofort einzuschätzen weiß. Er verpasst ihr ein internationales damenhaftes Auftreten, worauf ihr die einflussreichen Männer reihenweise zu Füßen liegen – doch Fribert verfolgt dabei eigenmächtige Ziele…


Angesichts des inflationären Gebrauchs von "Kult" durch diverse Marketingabteilungen, wird die Austauschbarkeit und minimale Halbwertzeit heutiger mit diesem angeblichen Gütesiegel versehenen Produkte besonders im Vergleich zu den Ereignissen um eine Dame offensichtlich, die 1957 in Frankfurt/Main ermordet wurde - Rosemarie Nitribitt. Deutlich wird daran auch, dass die Verselbstständigung eines Namens und der damit zusammenhängenden Geschehnisse erst durch die Mythen entstehen, die sich darum ranken - obwohl der "Fall Rosemarie Nitribitt" zu einem festen Bestandteil der Annalen der Bundesrepublik Deutschland gehört und bis in die Gegenwart regelmäßige mediale Veröffentlichungen nach sich zieht, sind die realen Umstände kaum Jemandem bekannt, ganz abgesehen davon, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt wurde.

Dass sich Regisseur Rolf Thiele den Vorwurf der "Kolportage" gefallen lassen musste, als er nur wenige Monate nach Nitribitts Tod seinen Film "Das Mädchen Rosemarie" in die Kinos brachte, lag entsprechend nah, auch weil er damit unmittelbar ins Selbstverständnis der sich am eigenen Wirtschaftswunder delektierenden Politiker und Wirtschaftsbosse vorstieß. Mit dem Journalisten Erich Kuby nahm er zudem einen Drehbuchautoren mit an Bord, der sich als "Nestbeschmutzer von Rang" (Heinrich Böll) schon einen Namen gemacht hatte, und als links-liberaler Kritiker an der Regierungspolitik von vornherein unter Generalverdacht stand. Dabei hatte dessen Story über Leben und Tod der Rosemarie Nitribitt nur wenig mit der Realität gemein - weder interessierte er sich für ihre Vergangenheit, noch versuchte er, die näheren Umstände ihres Tode genauer zu beleuchten – sondern entwickelte die Geschehnisse um die Luxus-Prostituierte im Stil einer Satire. Eine notwendige Vorgehensweise, da jede größere Nähe zur Realität die Gefahr von falschen Verdächtigungen in einem schwebenden Verfahren hervorgerufen hätte.

Trotzdem versuchte das Auswärtige Amt die Teilnahme des Films am Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig zu verhindern, was den Bekanntheitsgrad noch zusätzlich erhöhte - die Folge davon waren ca. 8 Millionen Kinobesucher. Auch die Schwierigkeiten, die Rolf Thiele zuvor am Drehort in Frankfurt bekam, wirken aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, da im Film Niemand direkt beschuldigt wird, sondern die generelle Kritik an Wirtschaftswunderwahn, Doppelmoral und Vergangenheitsverdrängung in eine kabarettistische Form verpackt wurde, die nicht zufällig an Filme wie "Wir Kellerkinder" (1960) erinnert - Co-Autor Jo Herbst, Mitglied der „Berliner Stachelschweine“, war am Drehbuch beider Filme beteiligt. Herbst spielte zudem einen Vertreter des Prekariats, aus dem Rosemarie (Nadja Tiller) stammt, und gab gemeinsam mit Mario Adorf einige Gesangsnummern zum Besten. Auch die übrigen Schauspieler  - Gert Fröbe, Hubert von Meyerinck, Werner Peters, Peter van Eyck, Arno Paulsen, Horst Frank, Helen Vita, Karin Baal und Hanne Wieder (die in ihrer Rolle in "Spukschloss im Spessart" (1960) auf die Nitribitt-Figur anspielte) – gaben in „Das Mädchen Rosemarie“ Kostproben beliebter Klischeetypen, besonders Werner Peters und Gert Fröbe waren auf den Typus des spießigen deutschen Kapitalisten geradezu abonniert.

So harmlos die damaligen Späße heute wirken, so deutlich lässt sich an der Reaktion auf den Film die sehr konservative Haltung der 50er Jahre ablesen. Allein das deutsche Industriekapitäne unverhohlen die Dienste von Call-Girls für sich beanspruchten – sehr gelungen die Rolle des Hotel-Portiers (Hubert von Meyerinck), der immer genügend Kandidatinnen in seinem Notizbuch führte, fein säuberlich nach optischen Qualitäten gekennzeichnet – genügte schon als Provokation, so wie das parallele Absingen des Liedes „Wir hamm den Kanal voll“ zu marschierenden Bundeswehrsoldaten als Affront gegen eine staatliche Institution betrachtet wurde. Besonders die Party im Haus des Großindustriellen Willy Bruster (Gert Fröbe) ist entlarvend in ihrem biederen Versuch, dekadent sein zu wollen, und wenn am Ende - nach dem Mord an der zunehmend störenden Rosemarie Nitribitt - die Armada der Mercedeslimousinen (im Volksmund mit dem Beinamen „Adenauer“ versehen) davon fährt, dann kamen Thiele und Kuby den damaligen Empfindungen schon sehr nah. Wie gut sie den Zeitgeist erfassten, lässt sich allein an der Geschwindigkeit erkennen, mit der sie den Film nach dem Mord in die Kinos brachten. Rudolf Jugert drehte mit „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959) nur ein Jahr später einen weiteren Film zu dem Thema, an den sich heute kaum noch Jemand erinnert.

Zudem prägt ihr Film bis heute das Bild der Nitribitt und der sie umgebenden Insignien – im Gegensatz zu der ehemaligen Miss Austria Nadja Tiller, war die echte Nitribitt keineswegs von ähnlich genereller Schönheit und ihre Anziehungskraft auf ihre Freier und Liebhaber beruhte auf einer menschlichen Dimension, die in Thieles plakativ gehaltenem Film lange Zeit nicht vorkommt. Das muss den Machern bewusst gewesen sein, denn im letzten Drittel schwenkt der Film zunehmend von der Satire in Richtung eines ernsthaften Dramas. Offensichtlich versuchte Autor Kuby auch die Tragik hinter der Figur der Nitribitt zu erfassen, die sich eine feste Beziehung und ein traditionelles Leben wünschte, womit er auch verhindern wollte, sie eindimensional als gewinnsüchtige Prostituierte zu charakterisieren. Dank Nadja Tillers überzeugendem Spiel bleibt sie die Sympathiefigur des Films – eine erstaunliche Position angesichts ihres gesellschaftlichen Ansehens – aber dem Film ging der konsequent übertriebene Stil verloren, mit der er die 50er Jahre Wirtschaftswunderzeit zuvor so amüsant seziert hatte.

Die letzte Szene wiederholt wieder den Beginn des Films – nur mit Karin Baal in der Rolle des leichten Mädchens, das im Hotel Kontakt sucht – womit die Macher den ewigen Kreislauf aus Macht und Ohnmacht betonen wollten. Ein in seiner Signalwirkung sozialkritisches Ende, das die zuvor größtenteils aus Musiknummern und überzeichneten Klischees bestehende Handlung aber schwächte und dem Film einen uneinheitlichen Charakter verlieh, weshalb "Das Mädchen Rosemarie" den Ruf der Kolportage nie verlor, anstatt für seinen entlarvenden Gestus anerkannt zu werden.

"Das Mädchen Rosemarie" Deutschland 1958, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erich Kuby, Jo Herbst, Rolf Thiele, Rolf Ulrich, Darsteller : Nadja Tiller, Peter van Eyck, Gert Fröbe, Carl Raddatz, Mario Adorf, Jo Herbst, Werner Peters, Hanne Wieder, Horst Frank, Karin Baal, Hubert von Meyerinck, Helen Vita, Arno Paulsen, Laufzeit : 97 Minuten


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Montag, 22. Juli 2013

Wir Kellerkinder (1960) Hans-Joachim Wiedermann

Inhalt: Der Innenminister benötigt für die Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin dringend einen Film, in dem Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wurden, aber es gibt keinen solchen Film im Archiv der "neuen deutschen Schau". Deshalb werden Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) beauftragt, einen solchen Film in Berlins Straßen zu drehen. Doch auch gegen Geld will Niemand ein Hakenkreuz auf eine Wand malen - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - bis sie spät abends auf drei Musiker in Begleitung einer jungen Frau treffen, die sich dazu bereit erklären.

Während die Frau (Karin Baal) Schmiere steht, lässt sich Macke (Wolfgang Neuss) dabei filmen, wie er ein großes Hakenkreuz auf eine Glasscheibe malt - wie sich herausstellt, gehört das Fenster zum Luxus-Restaurant seines Vaters. Doch sie werden von der Polizei gestört, können aber in einen Keller fliehen, wo Macke den Männern vor deren Kamera die Vorgeschichte zu seiner Handlungsweise erzählt, die im Jahr 1938 in diesem Keller begann...


1960 wurde "Wir Kellerkinder" der kommerziell erfolgreichste Film in der Bundesrepublik Deutschland. Einerseits wegen der günstigen Produktionsbedingungen - die Handlung des Films, die Wolfgang Neuss mit den Kabarettisten der "Berliner Stachelschweine" und Gastauftritten bekannter Darsteller (Erik Schumann, Eric Ode) und Regisseure (Helmut Käutner) einspielte, benötigte nur wenige Lokalitäten - andererseits wegen seiner Idee, zuerst den Film in der ARD zu zeigen, bevor er in die Kinos kam. Für die Kinobetreiber bedeutete das eine große Respektlosigkeit, weshalb sie "Wir Kellerkinder" zuerst boykottierten - mit dem Ergebnis, dass die Zuschauer Schlange standen, als die ersten Kinos den Film doch vorführten.

Für Wolfgang Neuss, der es frühzeitig verstanden hatte, die Medien für seine Aktionen zu nutzen (so verriet er 1962 vor der Ausstrahlung der letzten Folge den Täter in der TV-Verfilmung des Durbridge Krimis "Das Halstuch", einem damaligen "Straßenfeger") bedeutete sein erster führend geschriebener Langfilm "Wir Kellerkinder" einen entscheidenden Schritt zu seiner großen Popularität als Kabarettist in den 60er Jahren. Bis ihm in den 70er Jahren ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie zuvor schon dem Film - er geriet in Vergessenheit. Betrachtet man den inzwischen zementierten Konsens, welche Filme frühzeitig einen kritischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und die folgenden „Wirtschaftswunder“ - Jahre wagten, wird neben Wickis „Die Brücke“ (1959) und Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) in der Regel noch „Wir Wunderkinder“ (1958) von Kurt Hoffmann genannt, „Wir Kellerkinder“ findet dagegen keine Erwähnung.

Wie die Ähnlichkeit der Filmtitel schon vermuten lässt, reagierte Neuss mit „Wir Kellerkinder“ unmittelbar auf Hoffmanns Film, an dem er gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Müller („Die zwei Wolfgangs“) maßgeblich beteiligt war. Seine Reaktion erhielt eine tragische Komponente, als Wolfgang Müller parallel zu den Dreharbeiten für „Das Spukschloss im Spessart“ (1960) - dem Nachfolgefilm des sehr erfolgreichen „Wirtshaus im Spessart“ (1958), an dem die beiden „Wolfgangs“ erstmals mit Kurt Hoffmann zusammen gearbeitet hatten - tödlich verunglückte. Mit dem Satz „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr“ wurde Wolfgang Neuss aus der Produktion komplimentiert - ein Zitat, dem nie widersprochen wurde, aber selbst wenn es genauso gelautet hätte, spricht Neuss’ fehlende Beteiligung an dem Film (und an allen weiteren Filmen Kurt Hoffmanns) schon genug für sich. Trotz dieses Schicksalsschlags führte Neuss das mit Müller begonnene Filmprojekt zu Ende – mit Wolfgang Gruner als Ersatz für seinen verstorbenen Partner.

In „Wir Wunderkinder“ war es erst seinen und Wolfgang Müllers satirischen Bemerkungen zu verdanken, dass Hoffmanns Film über die typische Wohlfühl-Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte hinaus kam, in „Wir Kellerkinder“ wurde Neuss noch deutlich konkreter und bissiger. Die Anlage der Story orientierte sich bewusst an Hoffmanns Film, indem Neuss nach einer Eingangssequenz wieder einen Rückblick auf die zurückliegenden Jahre gibt, hier beginnend im Jahr 1938, als der Erzähler Macke Prinz (Wolfgang Neuss) gerade 11 Jahre alt wurde. Mit seiner Geschichte will Macke Prinz gegenüber dem Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und dessen Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) von der "neuen deutschen Schau" begründen, warum er bereit war, ein Hakenkreuz auf die Fensterscheibe des Restaurants seines Vaters zu malen. Darum hatten ihn die beiden Männer gebeten, die für den Innenminister einen Film drehen sollten, bei dem ein Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wird, aber Niemand hatte den Job gegen Geld übernehmen wollen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nur Macke Prinz und seine beiden Freunde Arthur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst) hatten nicht gezögert.

Im Gegensatz zu „Wir Wunderkinder“, der einen historisch authentischen Rückblick auf die Jahre 1913 – 1957 warf, versuchte Neuss erst gar nicht, mit dessen kostenintensiver Ausstattung zu konkurrieren, sondern konzentrierte sich auf die inhaltlichen Konsequenzen. Dass er erst sieben Jahre den Kommunisten Knösel (Achim Striezel) vor den Nationalsozialisten im Keller versteckte – teilweise unter erschwerten Bedingungen, wenn der Keller bei Bombenangriffen stark frequentiert wurde - um danach seinen Vater (Willi Rose) vier Jahre lang vor der Entnazifizierung im Gefängnis zu bewahren, sollte keine äußerliche Realität widerspiegeln, sondern anschaulich verdeutlichen, wie schnell und wendig die Menschen auf die wechselnden ideologischen Anforderungen reagierten. Einzig Macke, Arthur und Adalbert fallen angesichts der Beweglichkeit ihrer Umgebung mit Übersprungshandlungen auf, was sie unmittelbar in die Heilanstalt bringt, wo sie zu Therapiezwecken die Wohnung des Doktors sauber halten dürfen. Die drei Insassen bekommen alle drei Jahre die Möglichkeit an den Orten, an denen ihr Krankheitsbild zu Tage trat – die Herrentoilette im Münchner Hofbräuhaus, das Theater in Cottbus und der Keller in Berlin – zu beweisen, dass sie inzwischen geheilt sind, indem sie dem dortigen Treiben der Menschen eine Stunde lang regungslos zusehen - eine fast unmöglich zu erfüllende Voraussetzung.

„Wir Kellerkinder“ bezog - anders als Hoffmanns „Wir Wunderkinder“ - nicht nur die Entwicklung der DDR mit ein, sondern teilte in sämtliche Richtungen aus. Weder gibt es hier einen besonders bösen Nationalsozialisten, noch irgendeinen Feingeist, sondern nur Durchschnittsbürger, die auch Ende der 50er Jahre noch die alten Parolen parat haben. Selbst der Alt-Kommunist Knösel geht am Ende in den Westen, um mit Büchern über seine Zeit in der DDR Kohle zu machen, und die Mär, in der DDR gäbe es keine Nazis, wird von Neuss wunderbar ad absurdum geführt – ausgerechnet der strammste Nazi seines Wohnblocks wird dort zum sozialistisch genormten Theaterleiter, verheiratet mit Mackes Schwester Almuth (Ingrid van Bergen), die früher als Jung-Mädel in der Partei engagiert war – selten gelang es besser, die Komplexität der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg auf den Punkt zu bringen.

Ob es an dieser treffenden, Niemanden schonenden Analyse lag, dass „Wir Kellerkinder“ inzwischen nahezu unbekannt ist, an der einfachen Inszenierung, die keine Chance gegen einen gut ausgestatteten Film wie „Wir Wunderkinder“ hatte - heute selbst nur noch Insidern bekannt - oder am generellen Niedergang von Wolfgang Neuss, der erst in den letzten Jahren vor seinem Tod 1989 von der links-alternativen Szene wieder entdeckt wurde, lässt sich schwer beurteilen, befreit aber nicht die Filmwissenschaft vor Kritik daran, an dem bis heute bestehenden Konsens, nur die Filme anzuerkennen, die schon zu ihrer Entstehungszeit akzeptiert wurden, festzuhalten. Wesentlich tiefer gehende, kompromisslosere Werke wie Staudtes „Kirmes“ (1960), Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) oder den hier besprochenen „Wir Kellerkinder“, um nur wenige Beispiele zu nennen, wurden bis heute weder wieder entdeckt, noch rehabilitiert - ein andauerndes Armutszeugnis.

"Wir Kellerkinder" Deutschland 1960, Regie: Hans-Joachim Wiedermann, Drehbuch: Wolfgang Neuss, Herbert Kundler, Thomas Keck, Darsteller : Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Ralf Wolter, Hilde Sessak, Ingrid van Bergen, Achim Strietzel, Eckart Dux, Willi Rose, Laufzeit : 87 Minuten

Donnerstag, 11. Juli 2013

Die toten Augen von London (1961) Alfred Vohrer

Inhalt: Erneut wird eine Leiche in der Themse gefunden, die keinerlei Gewaltspuren aufweist, weshalb die Polizei von „Tod durch Ertrinken“ ausgehen muss. Nur Inspector Holt (Joachim Fuchsberger) glaubt nicht an ein Unglück, da es sich jedes Mal um reiche ältere Herren aus Übersee handelte, die keine Verwandten mehr haben, dafür ihr Leben aber bei der selben Gesellschaft versichert hatten. Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), der Chef des Unternehmens, wirkt nicht nur seriös, sondern zeigt sich auch ehrlich betroffen. Inspector Holt ahnt nicht, dass Judd von „Flimmer-Fred“ (Harry Wüstenhagen) erpresst wird, wundert sich aber über dessen Umgang – auch sein Sekretär Edgar Strauss (Klaus Kinski) ist ein alter Bekannter der Polizei.

Um einen Zettel mit Blindenschrift entziffern zu können, die sie bei einer der Leichen gefunden haben, holt sich die Polizei Nora Ward (Karin Baal) zur Hilfe, die als ehemalige Blinden-Betreuerin dazu in der Lage ist. Inspector Long glaubt, dass die „Bande der blinden Hausierer“ unter der Leitung des „Blinden Jack“ (Ady Berber) wieder aktiv ist, den er im Blindenheim vermutet. Doch Reverend Dearborn (Dieter Borsche), der das Heim seit einiger Zeit leitet, hat Jack schon länger nicht mehr gesehen…


Der fünfte von der Rialto produzierte Edgar-Wallace-Film brachte einige Neuerungen, die zu einem weiteren Anstieg der Besucherzahlen der inzwischen etablierten Reihe führen sollten. Erstmals unterbrach mit Alfred Vohrer ein neuer Regisseur die bisher alternierende Besetzung von Harald Reinl und Jürgen Roland. Roland hatte mit seiner ironischen Umsetzung des vierten Wallace-Streifens "Der grüne Bogenschütze" (1961) seinen Abschied genommen und Reinl, der normalerweise an der Reihe gewesen wäre, kam erst wieder beim siebten Wallace-Film "Der Fälscher von London" (1961) zum Zuge, da das Drehbuch zum geplanten "Das Geheimnis der gelben Narzissen" (1961) - der dann als sechster Film herauskam - noch überarbeitet werden musste.

Neben Alfred Vohrer traten weitere Akteure ins Rampenlicht, die prägend für die Wallace-Reihe werden sollten, allen voran Klaus Kinski, der hier in der Rolle des Sekretärs eines Versicherungsunternehmens noch einen für seine Verhältnisse gemäßigten Charakter spielte. Abgesehen von seinem Auftritt in der weniger bekannten Wallace-Verfilmung "Der Rächer" (1960), die nicht von der Rialto produziert wurde, steht  "Die toten Augen von London" für den Beginn eines nervösen, zum Irrsinn neigenden Verbrecher -Typus, auf den Klaus Kinski noch in vielen weiteren Genre-Filmen festgelegt sein sollte. Auch Dieter Borsche und Karin Baal als "Love-Interest" von Joachim Fuchsberger - immerhin schon zum dritten Mal in der männlichen Hauptrolle besetzt - traten erstmals in einem Wallace-Film auf, blieben aber seltene Gäste der Reihe. Dagegen begann hier der ehemalige österreichische Freistilringer Ady Berber seine Karriere als "Monster vom Dienst", die ihm bis zu seinem frühen Tod 1966 noch einige Rollen in diversen Kriminalfilmen, darunter zwei weiteren Wallace-Streifen („Das indische Halstuch“, 1963), einbringen sollte.

Das Drehbuch zu "Die toten Augen von London" übernahm ein alter Bekannter, denn mit Egon Eis - wie immer unter dem Pseudonym Trygve Larsen auftretend - setzte wieder der schon für die ersten beiden Wallace-Filme verantwortliche Autor die 1924 erschienene Romanvorlage "The dark eyes of London" in ein filmisches Konzept um. Entsprechend konservativ und deutlich ernsthafter als "Der grüne Bogenschütze" näherte sich Alfred Vohrer seinem ersten Wallace-Film und setzte dabei verstärkt auf die typischen Merkmale der Reihe. Nebelschwaden, starker Kontrast der Schwarz-Weiß Bilder (im Vorspann wurde erstmals Farbe eingesetzt) und beliebte Orte wie dunkle Hafengegenden, verwinkelte Gassen oder anrüchige Nacht-Clubs bildeten den Hintergrund für eine klassische Story, in der es an Leichen nicht mangeln durfte. Selbst der obligatorisch besetzte Eddie Arent als Sgt. „Sunny“ Harvey wurde entgegen seinen beiden letzten Auftritten wieder deutlich zurückgefahren und gibt einen ernsthaften Polizeibeamten mit kleinen Schrullen.

Opfer werden reiche, ältere Herren aus Übersee, die über keine weitere Verwandtschaft verfügen, aber hohe Versicherungen auf ihr Leben abgeschlossen haben  – zwar gelten sie offiziell als ertrunken, aber ihr doch sehr präzises Profil lässt auf eine perfide Planung schließen. Inspector Larry Holt (Joachim Fuchsberger) begreift schnell, dass die Männer ermordet wurden, kann seinen Verdacht aber nicht beweisen. Eine Spur führt zu der Greenwich-Versicherung, bei der alle Toten ihr Leben abgesichert hatten, aber Stephen Judd (Wolfgang Lukschy), Rechtsanwalt und Chef des Unternehmens, dessen Bruder und Partner vor kurzem verstorben war, wirkt seriös und ist zudem Leidtragender der überraschenden Sterbefälle, da er gezwungen ist, die Versicherungssummen auszuzahlen. Bewegung kommt in die Angelegenheit als mit Gordon Stewart ein Mann in der Themse aufgefunden wird, der sein Erbe noch zuvor seiner Tochter vermacht hatte, die aber bei der Geburt gestorben sein soll, was nicht nur den Tätern zusätzliche Schwierigkeiten bereitet.

Trotz vieler undurchsichtiger Vorgänge und Nebenfiguren, gelang es Alfred Vohrer den Überblick zu bewahren, weshalb die Story nachvollziehbar bleibt, auch wenn die Zufälle sich wie gewohnt häufen. Selbst hinter Nora Ward (Karin Baal) - ursprünglich dem Inspector nur zur Seite gestellt, um die Zettel mit Blindenschrift zu entziffern, die den Leichen zugesteckt wurden und ihn auf die Spur des von Reverend Dearborn (Dieter Borsche) geleiteten Blindenheims bringen - verbirgt sich noch ein typisches Wallace-Geheimnis. Weniger geheimnisvoll entwickelte sich hingegen die Liebesgeschichte zwischen Nora und dem Inspector, der auf seine Macho-Allüren zwar größtenteils verzichtete, an Noras zukünftiger Rolle als Ehefrau und Mutter aber keinen Zweifel ließ – so viele Leichen auch die Themse herunter schwimmen, die moralische Ordnung blieb gewahrt.

Alfred Vohrer gelang mit „Die toten Augen von London“ ein großer Erfolg, der ihn zum wichtigsten und meist beschäftigten Regisseur der Reihe werden ließ. Er nahm die wesentlichen Standards der Reihe, die Harald Reinl schon in „Der Frosch mit der Maske“ (1959) etabliert hatte, wieder auf, und entwickelte sie konsequent weiter, dabei weniger auf Humor, als auf eine ernsthafte Handlung setzend. Kombiniert mit den „Toten Augen“, mit denen der „Blinde Jack“ (Ady Berber) und Reverend Dearborn in die Kamera starren, entstand eine gruselige Atmosphäre, die die konventionelle Story vergessen ließ.

"Die toten Augen von London" Deutschland 1961, Regie: Alfred Vohrer, Drehbuch: Egon Eis, Wolfgang Lukschy, Edgar Wallace (Roman), Darsteller : Joachim Fuchsberger, Karin Baal, Ida Ehre, Klaus Kinski, Dieter Borsche, Wolfgang Lukschy, Harry Wüstenhagen, Eddie Arent, Joseph Offenbach, Laufzeit : 95 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Vohrer:

"Schmutziger Engel" (1958) 

Montag, 8. April 2013

Die Halbstarken (1956) Georg Tressler


Inhalt: Berlin, Mitte der 50er Jahre: Überraschend trifft Freddy (Horst Buchholz) seinen jüngeren Bruder Jan (Christian Doermer) im Schwimmbad. Nachdem Freddy sich mit seinem strengen Vater (Paul Wagner) überworfen hatte, war er nicht mehr nach Hause zurückgekommen. Obwohl sie gleich in eine Schlägerei verwickelt werden, muss Jan feststellen, dass es seinem Bruder sehr gut zu gehen scheint. Dieser hat einen Job bei einer Tankstelle, zieht mit einer Bande herum, deren Chef er ist, und hat eine so attraktive wie selbstbewusste Freundin (Karin Baal).

Auch an Geld scheint es ihm nicht zu mangeln, weshalb Freddy und seine Freunde hauptsächlich in schicken Bars verkehren und ständig abfeiern. Bevor Jan merkt, dass sein Bruder dieses Leben mit Diebstählen und Hehlerei erkauft, ist er dem Sog schon erlegen. Doch auch Freddy bekommt zunehmend Schwierigkeiten, weil sein Bedarf ständig größer wird und auch seine Freundin Sissy ihn unter Druck setzt. Deshalb plant er das ganz große Ding...


Schon an der inzwischen altmodischen Bezeichnung aufmüpfiger Jugendlicher mit dem Begriff "Die Halbstarken" wird deutlich, dass der gleichnamige Film aus dem Zeitkontext Mitte der 50er Jahre betrachtet werden sollte. Der Film selbst lässt an der damals landläufigen Meinung wenig Zweifel, wenn er zu Beginn zwei Schrifttafeln zeigt, die darauf hinweisen sollen, dass es sich bei den hier gezeigten Jugendlichen um eine Minderheit handelt und diese "im Zwielicht von Erlebnisdrang und Verbrechen" heranwachsen. Diese eindimensionale Sichtweise und die daraus entstehende Konfrontation zwischen bürgerlicher Gesellschaft und der ersten Jugendbewegung nach dem Krieg, machen bis heute die Zeitlosigkeit eines Films aus, der den Generationskonflikt und das damalige Lebensgefühl unter den Heranwachsenden authentisch wiedergibt.

Die Zeitungen in Deutschland waren damals voll von Berichten über die scheinbar entartete Jugend, die sich im kleinbürgerlichen Nachkriegs-Deutschland an Rock'n Roll, Jeans, Lederjacken und Espressobars orientierten. Doch mit dem romantischen Flair, mit dem aus heutiger Sicht die 50er Jahre gerne verklärt werden, hatte das wenig gemeinsam, denn wer sich als Jugendlicher konsequent darauf einließ, wurde sofort als Krimineller betrachtet - noch bis Ende der 60er Jahre trug ein „anständig angezogener" Mann, unabhängig seines Alters, in der Öffentlichkeit Krawatte, auch wenn er nur ins Kino ging.

Der Film zeigt auch eine Phase großer sozialer Unterschiede. Die materiellen Möglichkeiten trennten in den „Wirtschaftswunderjahren“ zunehmend die bürgerlichen Schichten. Während der Großteil der Bevölkerung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, hatten die Wenigen, die es schon "geschafft" hatten, einen protzigen Wagen. "Die Halbstarken" ist nahezu dokumentarisch in seiner Darstellung des "normalen" Berlins der 50er Jahre. Bekannte Gebäude oder Monumente sind nicht zu sehen, ebenso werden nur wenige Kriegsschäden gezeigt - das Leben findet auf den Straßen statt oder in proletarischen Stadtteilen wie dem Wedding. Die großen Altbauwohnungen mit den hohen Räumen, den tapezierten Wänden und den schweren Möbeln strahlen Einfachheit und Armut aus - die sich darin aufhaltenden Erwachsenen wirken demütig und bescheiden.

Doch die Jugend beginnt sich an anderen Vorbildern zu orientieren, bewundert den Reichtum Einzelner und will nicht ihren hart arbeitenden Eltern nacheifern, sich für jeden Pfennig „die Finger dreckig machen“. Geschickt beginnt Regisseur Dressler seine Geschichte in einem öffentlichen Schwimmbad, das in seiner Sauberkeit wie ein neutraler, moderner Ort wirkt. Alles ist neu und schön und Freddy (Horst Buchholz) wirkt in seiner Badehose wie ein normaler Jugendlicher, der mit seiner Freundin, der 15jährigen Sissy (Karin Baal), schwimmen geht. Doch der Eindruck kippt, als sich Freddy aus nichtigem Anlass mit den Bademeistern anlegt und es zu einer großen Prügelei kommt, in die auch Jan (Christian Doermer), Freddys jüngerer Bruder, einbezogen wird.

Seitdem Freddy aus dem gemeinsamen Elternhaus abgehauen war, hatten sich die beiden Brüder längere Zeit nicht gesehen und waren sich im Schwimmbad zufällig über den Weg gelaufen. Jan ist überrascht, wie gut es seinem Bruder geht, der nicht nur eine hübsche Freundin und viele Freunde hat, sondern offensichtlich auch einen guten Job und viel Geld. Fasziniert begleitet er ihn und landet wenig später mit dessen kecker Freundin in einer Eisdiele. Als Jan nach Hause geht, um sich schnell umzuziehen, wird der Kontrast zwischen Freddys lockerem Leben und ihrem tristen Elternhaus deutlich. Der Vater wirkt streng und unnachgiebig und wirft seiner Frau ständig deren Mitschuld an ihrer finanziellen Misere vor, da er ihrem Bruder eine Bürgschaft gegeben hatte, die er nun an die Bank abzahlen muss. Ihre Mutter ist eine zarte Frau, die sehr darunter leidet, dass ihr großer Sohn Freddy nicht mehr zu Hause ist. Jan will ihr helfen und bittet Freddy deshalb um Geld. Er ahnt noch nicht, dass dieser gerade ein großes Ding vorbereitet.

Die ursprüngliche Intention für die Entwicklung des Films "Die Halbstarken" lag zwischen Sensationsgier und moralischem Zeigefinger. Einerseits sollte die Jugend "gewarnt" werden, andererseits zog der Film ein großes Publikum an, das sich an den "ungezogenen Jugendlichen" delektieren wollte. Das daraus ein guter Film wurde, liegt an Tresslers Inszenierung und Will Trempers Drehbuch, das nicht urteilte, sondern die damaligen gesellschaftlichen Bedingungen authentisch wiedergab und auch das Verhalten der Erwachsenen nicht idealisierte – besonders lag es aber an den ausgezeichneten Darstellern. Horst Buchholz als Freddy gelingt eine Mischung aus Angeber und sensiblem Familienmenschen. Sein Umgang mit den Kameraden ähnelt stark dem Verhalten seines Vaters, doch dank seines Charmes und seiner faszinierenden Ausstrahlung schart er eine Menge scheinbarer Freunde um sich, ohne das ihm klar wird, dass sie zwar unter seinen Tiraden leiden, ihn aber auch ausnutzen.

Seine Freundin Sissy, die von der damals 16jährigen Berlinerin Karin Baal mehr als überzeugend verkörpert wurde, beeinflusst ihn geschickt. Sie ist die negativste Figur des Films, die noch von den damaligen Geschlechterrollen bestimmt wurde. Ihre unmissverständliche Zielsetzung, als Frau der Armut entkommen zu wollen und nicht so wie ihre Mutter schuften zu müssen, wurde noch nicht akzeptiert. Während man jungen Männern ihre Verfehlungen nachsah, besonders wenn sie so attraktiv und sympathisch waren wie Horst Buchholz, der nicht ohne Grund nach diesem Film als "deutscher James Dean" zum großen Star wurde, so war die Gesellschaft noch weit davon entfernt, Nachsicht mit einer berechnenden Frau zu üben. Karin Baal war nach dieser Rolle lange Zeit auf diesen negativen Typus festgelegt und auch aus heutiger Sicht werden die meisten Zuschauer der hier vorgegebenen "Sympathiezuteilung" folgen.

In einem Punkt lagen die Schautafeln, die den Film einleiteten, richtig - Jugendliche, die damals wie Freddy und seine Freunde handelten, waren eine Minderheit und es dauerte noch bis Ende der 60er Jahre, bis die deutsche Gesellschaft toleranter wurde. Der Grund für diese Entwicklung wird in „Die Halbstarken“ aber schon deutlich und machte auch seinen Erfolg aus, der eine regelrechte Welle an moralisch motivierten Jugendfilmen nach sich zog.

"Die Halbstarken" Deutschland 1956, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Georg Tressler, Will TremperDarsteller : Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Viktoria von BallaskoLaufzeit : 97 Minuten

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