Montag, 22. Juli 2013

Wir Kellerkinder (1960) Hans-Joachim Wiedermann

Inhalt: Der Innenminister benötigt für die Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin dringend einen Film, in dem Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wurden, aber es gibt keinen solchen Film im Archiv der "neuen deutschen Schau". Deshalb werden Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) beauftragt, einen solchen Film in Berlins Straßen zu drehen. Doch auch gegen Geld will Niemand ein Hakenkreuz auf eine Wand malen - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - bis sie spät abends auf drei Musiker in Begleitung einer jungen Frau treffen, die sich dazu bereit erklären.

Während die Frau (Karin Baal) Schmiere steht, lässt sich Macke (Wolfgang Neuss) dabei filmen, wie er ein großes Hakenkreuz auf eine Glasscheibe malt - wie sich herausstellt, gehört das Fenster zum Luxus-Restaurant seines Vaters. Doch sie werden von der Polizei gestört, können aber in einen Keller fliehen, wo Macke den Männern vor deren Kamera die Vorgeschichte zu seiner Handlungsweise erzählt, die im Jahr 1938 in diesem Keller begann...


1960 wurde "Wir Kellerkinder" der kommerziell erfolgreichste Film in der Bundesrepublik Deutschland. Einerseits wegen der günstigen Produktionsbedingungen - die Handlung des Films, die Wolfgang Neuss mit den Kabarettisten der "Berliner Stachelschweine" und Gastauftritten bekannter Darsteller (Erik Schumann, Eric Ode) und Regisseure (Helmut Käutner) einspielte, benötigte nur wenige Lokalitäten - andererseits wegen seiner Idee, zuerst den Film in der ARD zu zeigen, bevor er in die Kinos kam. Für die Kinobetreiber bedeutete das eine große Respektlosigkeit, weshalb sie "Wir Kellerkinder" zuerst boykottierten - mit dem Ergebnis, dass die Zuschauer Schlange standen, als die ersten Kinos den Film doch vorführten.

Für Wolfgang Neuss, der es frühzeitig verstanden hatte, die Medien für seine Aktionen zu nutzen (so verriet er 1962 vor der Ausstrahlung der letzten Folge den Täter in der TV-Verfilmung des Durbridge Krimis "Das Halstuch", einem damaligen "Straßenfeger") bedeutete sein erster führend geschriebener Langfilm "Wir Kellerkinder" einen entscheidenden Schritt zu seiner großen Popularität als Kabarettist in den 60er Jahren. Bis ihm in den 70er Jahren ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie zuvor schon dem Film - er geriet in Vergessenheit. Betrachtet man den inzwischen zementierten Konsens, welche Filme frühzeitig einen kritischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und die folgenden „Wirtschaftswunder“ - Jahre wagten, wird neben Wickis „Die Brücke“ (1959) und Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) in der Regel noch „Wir Wunderkinder“ (1958) von Kurt Hoffmann genannt, „Wir Kellerkinder“ findet dagegen keine Erwähnung.

Wie die Ähnlichkeit der Filmtitel schon vermuten lässt, reagierte Neuss mit „Wir Kellerkinder“ unmittelbar auf Hoffmanns Film, an dem er gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Müller („Die zwei Wolfgangs“) maßgeblich beteiligt war. Seine Reaktion erhielt eine tragische Komponente, als Wolfgang Müller parallel zu den Dreharbeiten für „Das Spukschloss im Spessart“ (1960) - dem Nachfolgefilm des sehr erfolgreichen „Wirtshaus im Spessart“ (1958), an dem die beiden „Wolfgangs“ erstmals mit Kurt Hoffmann zusammen gearbeitet hatten - tödlich verunglückte. Mit dem Satz „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr“ wurde Wolfgang Neuss aus der Produktion komplimentiert - ein Zitat, dem nie widersprochen wurde, aber selbst wenn es genauso gelautet hätte, spricht Neuss’ fehlende Beteiligung an dem Film (und an allen weiteren Filmen Kurt Hoffmanns) schon genug für sich. Trotz dieses Schicksalsschlags führte Neuss das mit Müller begonnene Filmprojekt zu Ende – mit Wolfgang Gruner als Ersatz für seinen verstorbenen Partner.

In „Wir Wunderkinder“ war es erst seinen und Wolfgang Müllers satirischen Bemerkungen zu verdanken, dass Hoffmanns Film über die typische Wohlfühl-Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte hinaus kam, in „Wir Kellerkinder“ wurde Neuss noch deutlich konkreter und bissiger. Die Anlage der Story orientierte sich bewusst an Hoffmanns Film, indem Neuss nach einer Eingangssequenz wieder einen Rückblick auf die zurückliegenden Jahre gibt, hier beginnend im Jahr 1938, als der Erzähler Macke Prinz (Wolfgang Neuss) gerade 11 Jahre alt wurde. Mit seiner Geschichte will Macke Prinz gegenüber dem Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und dessen Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) von der "neuen deutschen Schau" begründen, warum er bereit war, ein Hakenkreuz auf die Fensterscheibe des Restaurants seines Vaters zu malen. Darum hatten ihn die beiden Männer gebeten, die für den Innenminister einen Film drehen sollten, bei dem ein Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wird, aber Niemand hatte den Job gegen Geld übernehmen wollen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nur Macke Prinz und seine beiden Freunde Arthur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst) hatten nicht gezögert.

Im Gegensatz zu „Wir Wunderkinder“, der einen historisch authentischen Rückblick auf die Jahre 1913 – 1957 warf, versuchte Neuss erst gar nicht, mit dessen kostenintensiver Ausstattung zu konkurrieren, sondern konzentrierte sich auf die inhaltlichen Konsequenzen. Dass er erst sieben Jahre den Kommunisten Knösel (Achim Striezel) vor den Nationalsozialisten im Keller versteckte – teilweise unter erschwerten Bedingungen, wenn der Keller bei Bombenangriffen stark frequentiert wurde - um danach seinen Vater (Willi Rose) vier Jahre lang vor der Entnazifizierung im Gefängnis zu bewahren, sollte keine äußerliche Realität widerspiegeln, sondern anschaulich verdeutlichen, wie schnell und wendig die Menschen auf die wechselnden ideologischen Anforderungen reagierten. Einzig Macke, Arthur und Adalbert fallen angesichts der Beweglichkeit ihrer Umgebung mit Übersprungshandlungen auf, was sie unmittelbar in die Heilanstalt bringt, wo sie zu Therapiezwecken die Wohnung des Doktors sauber halten dürfen. Die drei Insassen bekommen alle drei Jahre die Möglichkeit an den Orten, an denen ihr Krankheitsbild zu Tage trat – die Herrentoilette im Münchner Hofbräuhaus, das Theater in Cottbus und der Keller in Berlin – zu beweisen, dass sie inzwischen geheilt sind, indem sie dem dortigen Treiben der Menschen eine Stunde lang regungslos zusehen - eine fast unmöglich zu erfüllende Voraussetzung.

„Wir Kellerkinder“ bezog - anders als Hoffmanns „Wir Wunderkinder“ - nicht nur die Entwicklung der DDR mit ein, sondern teilte in sämtliche Richtungen aus. Weder gibt es hier einen besonders bösen Nationalsozialisten, noch irgendeinen Feingeist, sondern nur Durchschnittsbürger, die auch Ende der 50er Jahre noch die alten Parolen parat haben. Selbst der Alt-Kommunist Knösel geht am Ende in den Westen, um mit Büchern über seine Zeit in der DDR Kohle zu machen, und die Mär, in der DDR gäbe es keine Nazis, wird von Neuss wunderbar ad absurdum geführt – ausgerechnet der strammste Nazi seines Wohnblocks wird dort zum sozialistisch genormten Theaterleiter, verheiratet mit Mackes Schwester Almuth (Ingrid van Bergen), die früher als Jung-Mädel in der Partei engagiert war – selten gelang es besser, die Komplexität der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg auf den Punkt zu bringen.

Ob es an dieser treffenden, Niemanden schonenden Analyse lag, dass „Wir Kellerkinder“ inzwischen nahezu unbekannt ist, an der einfachen Inszenierung, die keine Chance gegen einen gut ausgestatteten Film wie „Wir Wunderkinder“ hatte - heute selbst nur noch Insidern bekannt - oder am generellen Niedergang von Wolfgang Neuss, der erst in den letzten Jahren vor seinem Tod 1989 von der links-alternativen Szene wieder entdeckt wurde, lässt sich schwer beurteilen, befreit aber nicht die Filmwissenschaft vor Kritik daran, an dem bis heute bestehenden Konsens, nur die Filme anzuerkennen, die schon zu ihrer Entstehungszeit akzeptiert wurden, festzuhalten. Wesentlich tiefer gehende, kompromisslosere Werke wie Staudtes „Kirmes“ (1960), Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) oder den hier besprochenen „Wir Kellerkinder“, um nur wenige Beispiele zu nennen, wurden bis heute weder wieder entdeckt, noch rehabilitiert - ein andauerndes Armutszeugnis.

"Wir Kellerkinder" Deutschland 1960, Regie: Hans-Joachim Wiedermann, Drehbuch: Wolfgang Neuss, Herbert Kundler, Thomas Keck, Darsteller : Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Ralf Wolter, Hilde Sessak, Ingrid van Bergen, Achim Strietzel, Eckart Dux, Willi Rose, Laufzeit : 87 Minuten

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