Montag, 1. Juli 2013

Die Fischerin vom Bodensee (1956) Harald Reinl

Inhalt: Wie jeden Tag ist Maria Gassl (Marianne Hold), begleitet von dem Nachbarjungen Loisl, auf dem Bodensee, um für ihren Lebensunterhalt zu fischen. Ihr Fang ist sowieso schon spärlich, aber als die Zwillingsschwestern Schweizer (Isa und Jutta Günther) absichtlich mit ihrem Motorboot in ihr Netz fahren, bleibt nicht mehr viel übrig. Gemeinsam mit Loisl versucht Maria die wenigen Fische auf dem Markt zu verkaufen, aber sie hat keine Chance gegen die Fischereifirma Bruckberger, die ihre gezüchtete Ware deutlich günstiger anbieten kann. Zufällig trifft sie auch auf Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), der erst seit kurzem wieder in seiner Heimat zurück ist, und der nicht wenig erstaunt auf die inzwischen erwachsen gewordene schöne junge Frau reagiert.

Sie macht ihm Vorwürfe, dass seine Firma ihrem Großvater die Fangrechte unter Preis abkaufen will und sie bewusst beim Fischen gestört wurde. Hans versteht zuerst nicht, wovon sie spricht, aber schnell bekommt er heraus, dass seine Eltern die wirtschaftliche Notsituation der alteingesessenen Fischer-Familie Gassl ausnutzen und die beiden Zwillingsmädchen die aus ihrer Sicht arrogante Maria bestrafen wollten. Er schreitet ein und bringt die Sache in Ordnung, aber Maria bleibt weiterhin abweisend ihm gegenüber, was ihn nur noch weiter antreibt…


Ein Jahr nach "Der Fischer vom Heiligensee" kam auch "Die Fischerin vom Bodensee" in die deutschen Kinos, unter der Regie von Harald Reinl, der zuerst Heimatfilme drehte, bevor er sich im Action- und Krimi-Genre („Der Frosch mit der Maske“ (1959)) einen Namen machte. Außer dem Fischer bzw. der Fischerin und dem dazugehörigen See vor einem atemberaubendem Berg-Panorama haben beide Filme nur wenig gemeinsam, denn während Heinz H.König ein ernsthaftes Melodrama entwarf, drehte Reinl ein Sammelsurium aus den beliebtesten Ingredienzien des Heimatfilm-Genres in der Tradition von "Grün ist die Heide" (1951). Die dramatische Liebesgeschichte um die schöne, aber arme und vaterlose Fischerin Maria Gassl (Marianne Hold) und den Sohn aus wohlhabendem Hause Hans Bruckberger (Gerhard Riedmann), wird umrankt von viel Bodensee-Folklore, alkoholgetränktem Überschwang („Im Himmel gibt’s kein Bier“), Gesang („Die Fischerin vom Bodensee“) und Bauernschwank - eine Mischung, die damals hervorragend ankam.

Die Konsequenz, mit der der Film die Klischees und Geschlechterrollen in einer abwechslungsreichen Inszenierung bediente, ist bemerkenswert und lässt "Die Fischerin vom Bodensee" zu einem exemplarischen Beispiel für das Heimatfilm-Genre werden. Männer und Frauenrollen werden hier eindeutig definiert, was sich schon am selbstbewussten Auftreten des naseweisen Fischerjungen Loisl beweist, der Maria Gassl bei ihrer Arbeit begleitet. Als gleich zu Beginn die Zwillingsschwestern Anny und Fanny Schweizer (in dieser Zeit notorisch mit Isa und Jutta Günther besetzt) mit ihrem Motorboot absichtlich das Fischernetz kaputt fahren, hat Loisl für die verwöhnten Fratzen aus reichem Hause nur Verachtung übrig. Tatsächlich kann ihnen ihr Vater Anton Schweizer (Rudolf Bernhard), ein erfolgreicher Holzhändler, nichts abstreiten, weshalb sie als ernsthafte Ehe-Kandidatinnen für den begehrten Junggesellen Hans Bruckberger nicht in Frage kommen. Trotz der nach außen hin behaupteten Freundschaft zwischen Bruckberger und den Zwillingsmädchen, behandelt er sie meist wie verzogene Gören, weshalb er sie auch dazu vergattert, nachts Marias Netz mit Fischen zu füllen, nachdem er von ihrem Anschlag erfahren hatte.

An der Verbindung zwischen ihm und einer der Schweizer-Töchter hat vor allem seine Mutter Stefanie Bruckmeier (Annie Rosar) Interesse, die den wirtschaftlichen Vorteil ihrer Familie im Auge hat. Annie Rosar gibt in der Nebenhandlung den Part der herrschsüchtigen Alten, die ihren Ehemann Karl (Joe Stöckel) so knapp hält, dass der eine uneheliche Tochter erfindet, um 100 Mark Alimente monatlich kassieren zu können, die er immer persönlich über die Grenze bringt. Gemeinsam mit seinem Freund Anton Schweizer nutzt er die Gelegenheit, um einmal im Monat am Stammtisch seinem Vergnügen nachgehen zu können. Reinl gestaltet diese Szenen im Stil eines Bauernschwanks, dessen Realitätsanspruch gegen Null geht, aber er nutzt die Konstellation für typische Seitenhiebe auf die Geschlechter, wobei die Männer deutlich besser wegkommen.

Während die Alte immer streng und diszipliniert den Laden führt, fragt man sich, wofür ihr Mann in dem Fischerei-Betrieb zuständig ist. Weniger hübsche Mägde beleidigt er ganz selbstverständlich wegen ihres Aussehens, während er seine Frau ständig zu besänftigen versucht. Darüber hinaus gibt er als gut gelaunter Dampfplauderer den Sympathieträger. Doch zunehmend gerät er gegenüber seiner Frau in Erklärungsnot, was ihn am Ende zu einer Notlüge zwingt, die dramatische Folgen hat – doch in diesem Moment begreift er, dass er ein Mann ist und setzt sich gegenüber seiner Frau durch, was sie sofort mit freudiger Unterwürfigkeit belohnt. Eine solche Situation wäre für seinen Sohn Hans unvorstellbar, den Gerhard Riedmann mit kernig, selbstbewusster Männlichkeit spielt. Im Gegensatz zu seinem Vater packt er - kaum wieder an den Bodensee zurück gekommen – in der Firma seiner Eltern an und begegnet auf dem Markt Maria, als sie versucht, ihre wenigen Fische zu verkaufen, die gerade so zum Überleben für sie und ihren Großvater (Joseph Egger) reichen, bei dem sie aufgewachsen ist. Ihre Mutter war bei ihrer Geburt gestorben und nahm das Geheimnis mit ins Grab, wer Marias Vater ist.

Marianne Hold hatte zwar seit „Duell in den Bergen“ (1950) unter der Regie von Luis Trenker schon mehrere Hauptrollen gespielt, aber „Die Fischerin vom Bodensee“ ließ sie zum großen Star in den späten 50er Jahren werden, ein Ruhm, der nur bis zum Ende der Heimatfilm-Ära anhielt – schon 1964 spielte sie in dem Karl-May-Film „Der Schut“ ihre letzte Rolle. Als Maria verkörperte sie das Idealbild einer unnahbaren, jungfräulichen Schönheit, die für einen echten Kerl zur Herausforderung werden muss. Der Wettkampf beim Maifest ist geradezu prototypisch zugespitzt, als sie - in der historischen Tracht einer unverheirateten jungen Frau gekleidet – zuerst kaum hinsehen kann, als Hans versucht, als Erster den Maibaum zu erklettern, um seinen dabei gewonnenen Tanz nach kurzer Zeit wieder abzubrechen. Ihre ständigen Zurückweisungen wirken angesichts der Tatsache, dass an ihren gegenseitigen Gefühlen von Beginn an kein Zweifel besteht, etwas übertrieben, erfüllen aber die Erwartungen an das Klischee, dass nur der stärkste und beste Mann die begehrenswerteste Frau erhält. Hans, der nicht daran zweifelt, sie zu erobern und zwischendurch auch schon mal anmerkt, man müsste sie wegen ihres Trotzes übers Knie legen, gewinnt sie letztlich, indem er sie gegen ihren Willen küsst – ein richtiger Mann nimmt sich seine Frau, die ihm danach hoffnungslos verfällt.

Dank der Lüge seines Vaters kommt es noch einmal zu einer kurzen Irritation zwischen ihnen, aber in „Die Fischerin vom Bodensee“ gibt es keine wirklichen Gefahren wie etwa in „Der Fischer vom Heiligensee“, sondern nur eine dramatische Liebesgeschichte inmitten eines fröhlichen und unbeschwerten Treibens in schönster landschaftlicher und historischer Umgebung, die sich als Urlaubsort geradezu anbietet. Dass sich am Ende auch die Vaterfrage klärt und Marias Armut damit Geschichte ist, setzt dem Ganzen noch die Krone auf, so dass letztlich nur zwei Fragen offen bleiben – soll man den Film wegen seiner vorhersehbaren Story und seines klischeehaften Weltbilds kritisieren oder eine Machart bewundern, die die damalige Erwartungshaltung des Publikums in Perfektion umsetzte und die damit verbundene Faszination bis heute transportieren kann?

"Die Fischerin vom Bodensee" Deutschland 1956, Regie: Harald Reinl, Drehbuch: Ernst Neubach, Karl-Heinz Busse, Harald Reinl, Darsteller : Marianne Hold, Gerhard Riedmann, Annie Rosar, Joe Stöckel, Josef Egger, Isa und Jutta GüntherLaufzeit : 88 Minuten

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