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Mittwoch, 18. Januar 2017

Drei Mann in einem Boot (1961) Helmut Weiss


Georg (Heinz Erhardt), Harry (Hans-Joachim Kulenkamff) und Jo (Walter Giller)...
Inhalt: Die Werbefachleute Jerome (Walter Giller), genannt „Jo“, und Harry (Hans-Joachim Kulenkampff) wollen ein paar ruhige Tage am Bodensee verbringen. In der Sonne liegen und über einen neuen Slogan für einen Kunden nachdenken – die ideale Kombination aus Urlaub und Arbeit. Doch ganz will die Konzentration auf das Wesentliche nicht funktionieren. Jo hat Grit (Ina Duscha) kennengelernt und ist frisch verliebt und Harry muss feststellen, dass ihm Julischka (Ida Boros) hinterher gefahren ist, mit der er zuvor Schluss gemacht hatte. Eine für sie nicht akzeptable Entscheidung, weshalb sie ständige Aufmerksamkeit einfordert. 

...fahren in einem kleinen Motorboot vom Bodensee aus den Rhein entlang
In seiner Not erwirbt der gelernte Kapitän spontan ein kleines Motorboot, um sich auf dem Bodensee zurückziehen zu können. Während Jo eher unwillig mit an Bord kommt, ergreift der Kunsthändler Georg Nolte (Heinz Erhardt) die Gelegenheit, nachdem er zufällig ein Gespräch der beiden Männer über Harrys Plan belauscht hatte. Seine Frau Carlotta (Loni Heuser) lässt ihm keinen Moment der Ruhe, um ein wenig am Bodensee zu angeln. Für sie zählen nur gesellschaftliche Anlässe und Geschäftstermine, weshalb er ohne sie zu informieren spontan mit Jo und Harry in See sticht. Doch so einfach gibt es kein Entrinnen. Carlotta und die zurückgestoßene Julischka machen sich auf die Verfolgung...


Im Gegensatz zu Helmut Weiss' kurz zuvor herausgekommenem Film "Vertauschtes Leben" (1961) und dem 1962 folgenden "Auf Wiedersehen am blauen Meer" hat sich "Drei Mann in einem Boot" seine Popularität bis heute bewahrt. Das ist einerseits den drei Hauptdarstellern zu verdanken, andererseits fehlt dem Film der gehobene Zeigefinger der beiden anderen Helmut Weiss-Werke, die in dieser Phase der soziokulturellen Veränderungen in der BRD mit ihrer Warnung vor dem moralischen Verfall nicht allein standen. Ein Großteil dieser Filme, die gleichzeitig den Voyeurismus ihrer Betrachter bedienten, sind heute vergessen. Auch in "Drei Mann in einem Boot" lassen sich diese Tendenzen wiederfinden, aber der Film nahm sich schlicht weniger ernst.










Ursprünglich wollten Jo und Harry Arbeit und Freizeit kombinieren...
"Drei Mann in einem Boot...ganz zu schweigen vom Hund" beruft sich auf den gleichnamigen, zu seiner Zeit sehr populären Roman von Jerome K.Jerome, den der britische Schriftsteller 1889 herausbrachte. Aus der Ich-Perspektive beschrieb er den zweiwöchigen Ausflug dreier Freunde mit einem Ruder-Boot auf der Themse, der aber nur die Rahmenhandlung für eine Vielzahl komischer Geschichten und Anekdoten abgab. Auch in der Verfilmung von 1961 ist Jerome (Walter Giller) mit an Bord eines kleinen Motorschiffs, mit dem drei Männer erst auf dem Bodensee und dann auf dem Rhein herumschippern. Doch darüber hinaus hat der Film mit der Buchvorlage kaum etwas gemeinsam. Jerome lässt sich "Jo" nennen (wahrscheinlich war der Name damals im deutschen Film zu ungewöhnlich) und der Anlass für die Bootsreise war kein Ausflug unter männlichen Freunden, sondern die Flucht vor den Frauen.

...und Georg wollte in Ruhe angeln. Sie hatten aber die Rechnung ohne...
Obwohl die Männer im Filmtitel dominieren, beherrschen die Frauen die Szenerie als fordernde, kritisierende und kontrollierende Persönlichkeiten. Ganz konkret in Person von Carlotta Nolte (Loni Heuser), der Frau des Kunsthändlers Georg Nolte (Heinz Erhardt), und der ehemaligen Geliebten des Werbefachmanns Harry Berg (Hans-Joachim Kulenkampff), Julischka (Ida Boros), genannt „Fee“ von Wendorf, eine üppig gebaute ungarische Blondine mit entsprechend klischeehaftem Temperament. Besagte „Fee“ legt nicht nur Wert auf Luxus, sie räkelt sich auch im rosa Negligee in Erwartung ihres geliebten Harry auf dem Hotelzimmer. Womit sie als ernsthafte Partnerin schon disqualifiziert ist, zumal sie jede Zuwiderhandlung gegen ihren Willen ignoriert - auch das Harry ihre Beziehung beendet hatte. Angesichts ihres exaltierten und nervigen Auftretens, wäre es interessant gewesen, warum er überhaupt mit ihr zusammen war, aber solche komplexen Hintergedanken sparte der Film aus. Entscheidend war, dass Harrys Fluchtinstinkte auf eine breite Zustimmung trafen.

...Carlotta (Loni Heuser) und Julischka (Ida Boros) gemacht
Das galt auch für Georg Noltes Motivation. Seine Gattin Carlotta verkörpert den weiblichen Gegenentwurf zur emotionalen Julischka – die allein Vernunftgründe gelten lassende Unternehmergattin, die nur den nächsten Geschäftstermin im Blick hat. Anstatt irgendwelchen gesellschaftlichen Anlässen im gehobenen Ambiente beizuwohnen, will Georg am Bodensee in Ruhe angeln gehen. Flieht der eine Mann vor permanenter Aufdringlichkeit, sehnt sich der Andere nach den einfachen Genüssen des Lebens. Beide suchen nur ihre Ruhe auf dem kleinen Motorboot und haben die Sympathien auf ihrer Seite. Jo, der Dritte im Bunde, schließt sich ihnen aus Solidarität an, denn er hat den weiblichen Idealtyp abbekommen – die junge und schöne Grit (Ina Duscha). Dass es sich um die Tochter seines Mitstreiters Georg handelt, weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht, nur dass sie aus wohlhabender Familie kommt und angemessen selbstbewusst auftritt. Ihr Flirt wird schnell konkret, denn viel Zeit bleibt der Handlung nicht, bevor die Männer in See stechen, aber das aus ihrer Liebelei etwas Ernsthaftes werden wird, ist schon klar – nur der vermeintlich gestrenge Papa muss noch überzeugt werden.

Steuerfrau Beetje Ackerboom (Susanne Cramer)...
Im weiteren Verlauf der Handlung kommt noch eine vierte weibliche Protagonistin hinzu, die einerseits die nicht mehr genehme Julischka bei Harry ersetzen sollte, die dank der Schweizer Polizei – sie hatte keinen gültigen Pass – aus dem Verkehr gezogen wird, andererseits für die Rückbesinnung auf die weiblichen Werte stand. Zuerst gibt Beetje Ackerboom (Susanne Kramer) die toughe Steuerfrau eines Lastschiffs, die die Männer anzupacken weiß, aber als sie ausrutscht und von den drei Helden aus dem Rhein gefischt wird, entdeckt sie ihre weiche Seite. Der gelernte Seemann Harry hat es ihr gleich angetan und bei ihrer nächsten Verabredung trägt sie statt Arbeitsklamotten ein langes Kleid. Auch die Männer blieben nicht von Klischees verschont, aber mit den spaßigen Anspielungen auf ihre Unfähigkeit zu kochen und Ordnung zu halten, die regelmäßig in Slapstick-Einlagen mündeten, konnten sie gut leben. Am Ende - nach der allgemeinen Versöhnung - übernahmen wieder die Frauen ihr angestammtes Ressort und sorgten für Ordnung.

...legt eine rasante Wandlung hin
Angesichts der Besetzung der männlichen Hauptrollen mit den beliebten Stars Erhardt, Kulenkampff und Giller konnte diese Sympathie-Gewichtung kaum überraschen, zudem „Drei Mann in einem Boot“ den Geschlechter-Kampf von der lässigen Seite nahm und sogar Julischka noch ein versöhnliches Ende gönnte. Trotz der Leichtigkeit eines Rhein-Ausflugs mit Landschaftsaufnahmen, die nochmals tief in die Heimatfilm-Kiste griffen, lässt der hier verbreitete Humor den Konflikt zwischen den traditionellen Geschlechterrollen und einer im Wandel befindlichen Sozialisation, Anfang der 60er Jahre, nicht übersehen. Frivolitäten wechselten mit Moralpredigten und Anflüge weiblicher Emanzipation trafen auf das Beharren männlicher Hoheit. Regisseur Helmut Weiss und sein Autor Wolf Neumeister nahmen diese Entwicklung in ihrem folgenden gemeinsamen Film "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962) deutlich schwerer und winkten kräftig mit der Moralkeule, hier dagegen blieben sie noch zurückhaltend.

Jo bei der schnellen Überzeugung von Grit (Ina Duscha)
Das war auch den männlichen Darstellern zu verdanken, deren anklingende Macho-Allüren Niemand ernst nahm. Walter Giller und mehr noch Heinz Erhardt ironisierten mit ihrem Spiel die klassische männliche Autoritätsperson. Entsprechend endet der Film gegen die Erwartungshaltung, als eine Hand sanft den Nacken des Fahrers eines us-amerikanischen Cabriolets krault. Sie gehört Jo und am Steuer sitzt seine Braut Grit. 






"Drei Mann in einem BootDeutschland 1961Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Margarete Reinhardt, Richard Billinger, Wolf NeumeisterDarsteller : Heinz Erhardt, Walter Giller, Hans-Joachim Kulenkampff, Susanne Cramer, Ida Boros, Loni Heuser, Ina Duscha, Bum Krüger, Sepp Rist, Rolf Wanka, Willy Reichert, Laufzeit : 91 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Weiss:

 "Die Feuerzangenbowle" (1944)

Donnerstag, 24. September 2015

Das gewisse Etwas der Frauen (1966) Luciano Salce

Noch muss sich Roberto (Robert Hoffmann) zurechtweisen lassen...
Inhalt: Roberto (Robert Hoffmann) lebt nur geduldet in einem herrschaftlichen Gebäude, das der Direktor (Gianrico Tedeschi) einer Knabenpension von seinem hoch verschuldeten und inzwischen verstorbenen Vater erwarb. Unter der Auflage, dass Roberto bis zu seiner Volljährigkeit hier Wohnrecht genießt. Trotz der Strenge seines Vormunds genießt er das Leben an diesem Ort, denn sowohl die Frau des Direktors (Sandra Milo), als auch das Hausmädchen Agnese (Orchidea De Santis) sind ihm sehr wohlgesonnen.

...doch bald beginnt das wahre Leben
Gestärkt von den ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht verdingt Roberto sich bei einer kleinen Autowerkstatt, wodurch er die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) kennenlernt, die Gefallen an dem jungen Mann findet. Sehr zum Ärger ihres Liebhabers Renzino (Vittorio Caprioli), der sich noch steigert, als Monica Roberto zu ihrem neuen Beifahrer macht. Auch für ihn kein reines Vergnügen, denn Monica kennt keine Grenzen, um ein Rennen zu gewinnen…


Die Liste deutsch-italienischer Co-Produktionen in den 60er und 70er Jahren ist lang, sagte aber in der Regel nur etwas über die Geldgeber aus, denn das jeweilige Kreativ-Team ließ sich meist einem Land zuordnen, von einzelnen Darstellern einmal abgesehen. Aus diesem Grund komme ich selten in die Situation, zwischen meinen Blogs wählen zu müssen, zudem ich eventuelle Verbindungen oder Einflussnahmen untereinander verlinken kann. Nur sehr wenige Filme wurden von mir - meist aus persönlichen Gründen - in beiden Blogs berücksichtigt.


"Come imparai ad amare le donne" oder auf deutsch "Das gewisse Etwas der Frauen" sollte Teil meiner Filmreihe zur "Commedia sexy all'italiana" werden, entstanden unter der Regie von Luciano Salce, einem wichtigen Wegbereiter der italienischen Erotik-Komödie. Die Einordnung des Films in meinen Italo-Filmblog "L'amore in città" stand deshalb nicht zur Disposition. Bis ich ihn mir ansah - in beiden Sprachfassungen, die glücklicherweise auf DVD vorliegen - und feststellte, dass sich hier die deutschen und italienischen Vorstellungen von erotischen Komödien begegneten. Mit dem erwartbar uneinheitlichen Ergebnis, dass mir die Gelegenheit gab, die Unterschiede genauer zu analysieren. 


Erotik im deutschen und italienischen Film nach dem Krieg

Protagonisten der Rahmenhandlung: Robert Hoffmann und Romina Power
Die Entwicklung des erotischen Films verlief in Deutschland und Italien ab den 50er Jahren parallel, spiegelte in ihrer Unterschiedlichkeit aber die jeweiligen Eigenarten beider Länder wider. Blieb in Westdeutschland das konservative Bürgertum bis weit in die 60er Jahre politisch bestimmend, entstand im Nachkriegs-Italien neben der christlichen Regierungspartei eine starke Linke, die nicht zuletzt das künstlerische Leben beeinflusste. Ein Großteil der prägenden Regisseure der 50er und 60er Jahre sympathisierte mit dem linksgerichteten Spektrum, viele von ihnen waren zumindest phasenweise Mitglied der kommunistischen Partei. Sexualität verstanden sie als antibürgerlich, als Protest gegen die von der katholischen Kirche bestimmten rigiden moralischen Gesetze im Land. Erotische Filme wie „I dolci inganni“ (Süße Begierde, 1960) mussten sich zwar optisch einschränken, propagierten aber eine aufgeklärte Moral mit gleichberechtigten Geschlechterrollen.

Zarah Leander singt im Salon "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön"
Dank des geringeren Einflusses der Kirche setzte in der BRD trotz des konservativen Klimas eine langsame Aufweichung der moralischen Normen ein. Zudem besaß die Freikörperkultur seit Beginn des Jahrhunderts in Deutschland Tradition und erhielt in den 50er Jahren vermehrt Zulauf, wie in Nossecks „Das verbotene Paradies“ (1958) thematisiert wurde, der eingebettet in eine moralisch einwandfreie Handlung junge Frauen nackt bei Sport und Gymnastik zeigen konnte. Hatte Hildegard Knef mit der Momentaufnahme ihres entblößten Oberkörpers in "Die Sünderin" 1951 noch für einen veritablen Skandal gesorgt – auch wenn dieser mehr dem als unmoralisch geltenden Inhalt zu verdanken war - dienten Nacktaufnahmen in Filmen wie "Anders als du und ich (§175)" (1957) oder "Alle Sünden dieser Erde" (1958) der Warnung vor dem allgemeinen moralischen Verfall. Unterschwellig bedienten sie die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums, wollten aber den sozialen Status Quo stärken und standen damit entgegen der Intention der italienischen Filmemacher.

Agnese (Orchidea de Santis) hat keine Chance bei Roberto...
Diese unterschiedlichen Voraussetzungen führten zu einer gegensätzlichen Entwicklung des erotischen Films beider Länder in den folgenden Jahren (siehe auch „Bis die Schulmädchen kamen“, Essay). Der deutschsprachige Erotikfilm wurde ab Mitte der 60er Jahre optisch immer freizügiger, nahm aber Themen wie Ehebruch oder frei gelebte Sexualität in der Regel die Tragweite mit Komödienhandlungen („Die Liebesquelle“, 1965) oder einem kriminell anrüchigen Hintergrund („Wenn es Nacht wird auf der Reeperbahn“, 1967) – der bürgerliche Kosmos sollte gewahrt bleiben. Dagegen richteten sich die Macher im italienischen Erotik-Film radikal gegen die vorherrschende Moral. Besonders in den zahlreichen Episodenfilmen von 1962 bis 1967 wurde mit Vergnügen durchgespielt, was offiziell nicht sein durfte – entweder zum Vorteil der aus der Norm ausbrechenden Protagonisten oder als bissige Satire auf die verklemmte Realität. Nur optisch bewahrten sie weiterhin Zurückhaltung.

...und Filmstar Margaret Joyce (Anita Ekberg) keine Zeit für die Liebe
An drei prägnanten deutsch-italienischen Co-Produktionen der 60er Jahre lassen sich diese unterschiedlichen Gewichtungen anschaulich demonstrieren. Entstand der Episoden-Film „L’amore difficile“ (Erotica) 1962 noch ganz unter italienischer Hoheit - mit Beteiligung von Nadja Tiller, Lilli Palmer und Bernhard Wicki - führte Ende der 60er Jahre bei „Warum habe ich bloß 2x ja gesagt“ (Professione bigamo, 1969) Franz Antel Regie. Zwar teilte sich die deutsche und italienische Seite Handlungsort, Drehbuch und Darsteller, aber vom gesellschaftskritischen Geist ließ sich bei der turbulenten Verwechslungskomödie nur in der italienischsprachigen Fassung noch etwas erahnen. 1966 kam es mit „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) zu einer deutsch-italienisch-französischen Zusammenarbeit, deren zwitterartiger Charakter sowohl die kommende „Commedia sexy all’italiana“ spüren ließ, als auch die Erwartungshaltung an eine deutsche Komödie mit frivolem Einschlag erfüllte.


Episodenform trifft auf Lustspiel


Was lustvoll beginnt...
Luciano Salce, dessen „La voglia matta“ (Lockende Unschuld, 1962) das erotische Komödien-Genre entscheidend beeinflusste, übernahm hier die Regie, überließ das Drehbuch aber Franco Castellano und Giuseppe Moccia (Castellano/Pipolo), mit denen er zuvor im Episodenfilm „Oggi, domani, doppodomani“ (1965) zusammengearbeitet hatte. Sowohl Salce („Le fate“ (Die Gespielinnen, 1966)), als auch seine Drehbuchpartner („Extraconiugale“ (Seitensprünge, 1964)) schätzten die damals populäre episodische Form, was sich auch in „Come imparai ad amare le donne“ (schöner als der deutsche Titel: Wie man lernt, Frauen zu lieben) nicht übersehen ließ. Zwar existiert ein grober Handlungsrahmen und stehen die Frauen, die Robertos (Robert Hoffmann) Weg zuvor begleitet hatten, am Ende bei seiner Hochzeit mit Irene (Romina Power) Spalier, aber ihre vorherigen Erlebnisse wurden in linear aneinander gereihten unabhängigen Einzelgeschichten erzählt.

...zwischendurch zu Irritationen führt...
Dass die Episodenform nicht konsequenter angewendet wurde, ist wahrscheinlich auf Willibald Eser zurückzuführen, der für den deutschen Einfluss am Drehbuch sorgte. Esers Verdienste als Autor lagen zwar ein paar Jahre zurück, aber bei Käutners „Der Traum von Lieschen Müller“ (1961) oder „Ingeborg“ (1960), eine Leinwand-Adaption des gleichnamigen Curt-Goetz-Bühnenstücks, hatte er sein Einfühlungsvermögen für unkonformistische Komödienstoffe schon bewiesen. Dem deutschen Kinobesucher traute er die italienische Kurzfilm-Variante aber offensichtlich nicht zu, denn er ließ die fünf Episoden von Robert Hoffmann ausführlich aus dem Off begleiten, um einen inhaltlichen Prozess zu vermitteln, der hier nicht existiert. Eine in der italienischen Version fehlende Geschwätzigkeit, die Überleitungen fabulierte und damit Zusammenhänge herstellte.

...endet doch ganz konventionell
Das gilt auch für die Rahmenhandlung, der ihre nachträgliche Konstruktion deutlich anzumerken ist. Die damals erst 15jährige US-Amerikanerin Romina Power wurde in ihren frühen Filmen („Femminine insaziabili“ (Mord im schwarzen Cadillac, 1969)) fast ausschließlich als verführerische Nymphe besetzt. Eine Rolle, die sie hier in der vierten Episode verkörperte, in der sie sich als minderjährige Nichte der Großindustriellen Olga (Zarah Leander) erst an Robertos Hals schmeißt, um ihn dann weinend der sexuellen Belästigung zu beschuldigen. Ein ernsthafter Vorfall, auf den im Film nicht weiter eingegangen wird. Stattdessen wurde diese Figur dazu auserkoren, um eine unglaubwürdige Liebesgeschichte um die einzelnen Episoden zu ranken. Obwohl in der Eingangssequenz und zwei hinein geschnittenen Szenen lasziv und selbstbewusst auftretend, mündet alles in Irenes kirchlicher Trauung mit Roberto, der zudem einen lukrativen Job in der Firma ihrer Tante erhält – eine Konzession an das deutschsprachige Publikum, denn eine ähnliche Legitimierung der zuvor gezeigten Frivolitäten lässt sich im italienischen Erotik-Film dieser Phase nicht finden.


Die Episoden

Roberto mit der Frau des Direktors (Sandra Milo)
Die einzelnen Episoden, in denen jeweils eine schöne, erfahrene Frau im Mittelpunkt steht, die Roberto in die Kunst der Liebe einweist, sind von sehr unterschiedlichem Zuschnitt und Qualität. Der Beginn im Knabenpensionat mit hübschem Hausmädchen (Orchidea de Santis in einer ihrer ersten Rollen) und der attraktiven Direktoren-Gattin (Sandra Milo) ist noch ganz traditionell. Das Motiv des Schülers, der von einer reifen Frau in die Liebe eingeführt wird, gehört zum Repertoire im italienischen Erotik-Film und wurde hier amüsant und atmosphärisch dicht umgesetzt. Sehr viel aktionistischer dagegen Episode zwei, die sich als Parodie auf die Emanzipation verstand, zeitweise aber in Albernheiten abrutschte. Die Rallye-Fahrerin Monica (Elsa Martinelli) nahm hier konsequent die männliche Position ein. Nachdem sie Roberto in einer Werkstatt kennenlernte, holte sie ihn zu sich nach Hause, wo sie aber noch einen Zweikampf gegen ihre Mitbewohnerin gewinnen muss, um sich das Recht auf ihn zu sichern. Der junge Mann selbst wird nicht gefragt, auch nicht, als er neben ihr auf dem Beifahrersitz bei einer Rallye Platz nehmen soll.

Im Zweikampf gewinnt Monica (Elsa Martinelli) das Recht auf Roberto
Als Kritik an männlichen Verhaltensmustern war das nicht zu verstehen, wie spätestens in der Endphase des Rennens deutlich wird. Dank eines Striptease hinter dem Steuer und der damit verbundenen Gewichtseinsparung fährt Monica als Erste über die Ziellinie. Für die Einführung in die Liebeskunst blieb da wenig Zeit, aber immer noch mehr als im dritten Teil, in dem Anita Ekberg ihre Rolle als Sex-Symbol persiflierte. Assistiert von Heinz Erhardt vertreibt sich Margaret Joyce (Anita Ekberg) die Zeit in Alltags-Klamotten beim Pokern. Bis sich plötzlich Roberto ankündigt, um seinen Job als Chauffeur anzutreten. Er wird stattdessen für den Gewinner eines Preisausschreibens gehalten, bei dem es eine Nacht mit dem bekannten Erotik-Star zu gewinnen gab, weshalb sie sich in einen Sexy-Fummel schmeißt und auf Verführerin macht. Allerdings nur für die Horde an Journalisten, denen sie eine Badeszene á la „La dolce vita“ (Das süße Leben, 1960) vorführt – die einzigen konkreten Nacktaufnahmen des Films. Doch die Erotik ist nur Fassade. Sobald die Nacht hereinbricht wendet sich Margaret Joyce wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung zu – dem Pokerspiel.

Heinz Erhardt pokert mit Anita Ekberg
Abgesehen von den Witzchen über den stotternden Gewinner, der eine halbe Stunde zu spät kommt, eine Episode im ironischen Geist der „Commedia all’italiana“. Und damit konträr zum folgenden längsten Abschnitt, dem der Charakter einer „deutschen Episode“ anhaftet. Nadia Tiller als Mode-Designerin Baronessa Laura, die die Rolle der reifen Verführerin übernahm, war stimmig besetzt, aber darüber hinaus fehlt es der Story an Stringenz. Auch weil Zarah Leander als Großindustrielle Olga jeden anderen an Präsenz übertraf und es sich nicht nehmen ließ, am Klavier eines ihrer Lieder zum Besten zu geben, dass sie zuvor 1938 in „Heimat“ gesungen hatte: "Eine Frau wird erst durch die Liebe schön". Ob Roberto als Autoverkäufer arbeitet, er seinen Bentley-Vorführwagen einer Horde Teenager überlässt, die Modenschau der Baronessa auf Marquis De Sade anspielt oder Irene ihn der sexuellen Belästigung bezichtigt – vieles geschieht hier, aber ohne schlüssige Intention.

Die Damen lassen bitten: Nadja Tiller und Zarah Leander mit Vittorio Caprioli
Bemerkenswert ist auch ein kurzer Dialog zwischen den zwei Unternehmerinnen, indem die Baronessa gegenüber Olga anmerkt, dass diese Art von Verantwortung für sie als Frauen doch zu groß wäre. Eine angesichts ihres selbstbewussten Auftretens unglaubwürdige Kleinmachung, die nur als weitere Konzession an ein Publikum zu verstehen ist, das in „Come imparai ad amare le donne“ ausschließlich mit sexuell selbstbestimmt auftretenden Frauen konfrontiert wurde. Zuletzt noch mit „Angelique“ – Darstellerin Michéle Mercier als Wissenschaftlerin, die in einer Art atomarer Zeitreise ihr eigenes „Angelique“-Image veralberte und den armen Roberto zum sexuellen Leistungssport antrieb.

Roberto mit der Atom-Wissenschaftlerin (Michèle Mercier)
Trotz der manchmal despektierlichen männlichen Sicht auf die Geschehnisse und einiger relativierender Details, eint alle Episoden die Rolle einer starken Frau, die sich der üblichen Geschlechterrolle entzog – Mitte der 60er Jahre noch eine echte Provokation. Roberto ist hübsch und kommt gut bei den Frauen an, bestimmt aber nie selbst über sein Leben. Darüber kann auch seine angebliche Karriere, sein abschließendes Lob an die ihn in der Liebeskunst unterrichtenden Frauen und die traditionelle Hochzeit mit einer 15jährigen Jungfrau nicht hinwegtäuschen – ganz abgesehen davon, dass diese zuvor sehr fordernd und wenig brav auftrat. Diese Qualitäten lassen leider nicht die stilistische Uneinheitlichkeit und inhaltliche Inkonsequenz einer Inszenierung übersehen, die die deutsche und italienische Komödien-Auffassung zu kombinieren versuchte. Als abwechslungsreiches Stimmungsbild seiner Zeit, dass den Weg einer sich verändernden Sozialisation weiter vorzeichnete, kann „Das gewisse Etwas der Frauen“ (Come imparai ad amare le donne) aber auch heute noch bestens unterhalten.

"Das gewisse Etwas der Frauen" Italien, Deutschland, Frankreich 1966, Regie: Luciano Salce, Drehbuch: Franco Castellano, Giuseppe Moccia, Willibald Eser, Darsteller : Robert Hoffmann, Romina Power, Nadja Tiller, Zarah Leander, Anita Ekberg, Heinz Erhardt, Elsa Martinelli, Sandra Milo, Vittorio Caprioli, Michèle Mercier, Laufzeit : 105 Minuten

Montag, 31. August 2015

Warum hab' ich bloß 2x ja gesagt? (1969) Franz Antel

Vittorio (Landa Buzzanca) mit italienischer Ehefrau (Raffella Carrà)...
Inhalt: Wie immer wird Vittorio Coppa (Lando Buzzanca) von seiner Frau Teresa (Raffaella Carrà) am Bahnhof in Rom verabschiedet, wo er als Zugbegleiter im Schlafwagenabteil seinen Dienst antritt. Seine Tour führt ihn wie gewohnt nach München, wo ihn seine Frau Ingrid (Teri Tordai) schon erwartet. Entsprechend wechselt Vittorio bei jeder Dienstfahrt Ehering und das Bild der Liebsten im Anhänger und freut sich über seine zwei schönen Ehefrauen. Ein schlechtes Gewissen kennt er nicht, denn er hat sie Beide schließlich ordentlich geheiratet, weshalb er seinem Schwager auch voller Überzeugung die Meinung geigt, weil dieser seine Frau betrogen haben soll.

...und deutscher Ehefrau (Teri Tordai)
Ganz im Sinn von Teresa, die stolz ist auf ihren anständigen Ehemann. Nur wundert sie sich, weshalb nach wie vor kein Nachwuchs unterwegs ist und bittet ihn, sie zu einem Arzt zu begleiten. Dr. Pellegrini (Jacques Herlin) erklärt ihm, dass bei seiner Frau alles in Ordnung ist, weshalb er ihn gerne untersuchen möchte. Vittorio kann sich dem nicht verweigern, aber er kennt den wahren Grund. Heimlich hat er Teresa die Anti-Baby-Pille untergejubelt, die seine Frau Ingrid nimmt, denn ein Kind würde sein schönes Arrangement nur gefährden. Doch noch weitere Schwierigkeiten tauchen auf…

Die am 23.10.2003 erschienene, keineswegs vergriffene DVD ist nicht wirklich empfehlenswert. Eine lieblose Veröffentlichung im falschen Bildformat (meine Screenshots stammen von der italienischen TV-Fassung), aber geschnitten, wie häufig behauptet wird, ist sie nicht. Franz Antel schuf von Beginn an zwei eigenständige Versionen, die mit kurzem Abstand nacheinander 1969 in die Kinos kamen. Nur in der italienischen Variante wurde eine einsekündige Sequenz heraus geschnitten, in der Andrea Rau einen Moment lang vollständig nackt von vorne zu sehen ist.

Dabei ist "Warum hab' ich bloß 2 x ja gesagt" insgesamt zurückhaltend hinsichtlich seiner erotischen Bilder. Sicherlich auch dem italienischen Markt geschuldet, der in dieser Hinsicht Ende der 60er Jahre noch viel konservativer war. Die "Commedia all'italiana" der 60er Jahre, die sich langsam in Richtung "Commedia sexy all'italiana" entwickelte, wollte mehr inhaltlich provozieren, weniger mit konkreten Nacktaufnahmen. Die Besonderheit des Films liegt in seiner ausgewogenen deutsch-italienischen Mischung und ist für mich ein Bindeglied zum Italo-Filmblog "L'amore in città" und ein wichtiger Baustein zu meinem Essay über die "Commedia sexy all'italiana".

  
Schon früh hatte Regisseur Franz Antel sein Gespür für den sich wandelnden Publikumsgeschmack bewiesen, weshalb es ihm seit „Kleiner Schwindel am Wolfgangsee“ (1949) gelang, mehr als zwei Jahrzehnte lang kontinuierlich im stark dem Zeitgeist ausgesetzten Heimatfilm-Genre erfolgreich zu arbeiten (siehe „Der Weg in die Moderne - der Heimatfilm der Jahre 1958 bis 1969“). Gemeinsam mit Drehbuchautor Kurt Nachmann, der ihn seit Mitte der 50er Jahre begleitete, war er maßgeblich für die Modernisierung des Genres verantwortlich, kombinierte den Heimat- mit dem Schlagerfilm und ließ auch die zunehmende sexuelle Liberalisierung einfließen („Happy End am Wolfgangsee“, 1966). Den konkreten Schritt in Richtung Erotikfilm wagten sie innerhalb des konservativen Genres aber noch nicht, sondern wählten einen historischen Hintergrund für die fiktive Geschichte um Suzanne - die Wirtin von der Lahn (1967).

Franz Antel, der sich das Pseudonym François Legrand zulegte, besetzte die Hauptrolle mit der in Deutschland bis dahin nahezu unbekannten ungarischen Schauspielerin Teri Tordai, stellte ihr Harald Philipp als männlichen Protagonisten zur Seite und kombinierte das Ganze mit populären Heimatfilm-Mimen wie Gunther Phillip, Franz Muxeneder und Oskar Sima. Nach den zwei schnell folgenden Fortsetzungen „Frau Wirtin hat auch einen Grafen“ (1968) und „Frau Wirtin hat auch eine Tochter“ (1969) hatte Antel nicht nur Erfahrungen in der deutsch-italienischen Zusammenarbeit gesammelt – Edwige Fenech und Femi Benussi hatten darin frühe Auftritte als erotischer Blickfang – sondern war offensichtlich gewillt, mit seinem internationalen Team eine zeitgenössische Komödie abzudrehen.

Willy Millowitsch als italienischer Minister
Neben der obligatorischen Teri Tordai verpflichtete er die junge Italienerin Raffaella Carrà ("Rose rosse per Angelica" (Der Unbesiegbare, 1968, Regie Steno)) für die zweite weibliche Hauptrolle und als männlichen Protagonisten den damaligen italienischen Komödienstar Lando Buzzanca („Il merlo maschio“ (Das nackte Cello, 1971)), der zuvor schon eine Rolle in „Frau Wirtin hat auch eine Tochter“ übernommen hatte. Dazu kamen eine Vielzahl populärer Mimen in den Nebenrollen – Heinz Erhardt, Willy Millowitsch, Edith Hancke, Fritz Muliar und Peter Weck auf deutschsprachiger Seite, der französische Darsteller Jacques Herlin (wie gewohnt im Louis de Funès-Modus) und Franco Giacobini für den italienischen Part. Nur für die dezenten Nacktaufnahmen war allein die deutsche Seite zuständig – außer Teri Tordai noch Ann Smyrner und die damals 22jährige Andrea Rau in einer ihrer ersten Rollen.

Heinz Erhardt und Lando Buzzanca als sprachgemischtes Doppel
Auch das Drehbuch wurde zu einer austarierten Co-Produktion. Kurt Nachmann und Günter Ebert, zuvor schon an „Frau Wirtin hat auch einen Grafen“ beteiligt, arbeiteten mit den erfahrenen Italienern Mario Guerra und Vittorio Vighi („James Tont operazione D.U.E.“ 1965, Regie Bruno Corbucci, Hauptrolle Lando Buzzanca)) zusammen und schufen auf diese Weise eine Kombination aus „Commedia sexy all’italiana“ und deutscher „Erotik-Komödie“, wie sie in dieser ausgeglichenen Form eine Ausnahme blieb. Die Handlung wurde gleichmäßig auf die Städte München und Rom verteilt, zwischen denen Vittorio Coppa (Lando Buzzanca) als Zugbegleiter des Schlafwagenabteils pendelt. Anstatt sich dort auszuleben, wie ihm regelmäßig unterstellt wird, verfügt er an beiden Zielorten über eine Ehefrau plus Wohnung und gesellschaftlichem Anschluss.  

Aus heutiger Sicht werden die erotischen Komödien der späten 60er/frühen 70er Jahre häufig undifferenziert und ohne historischen Zusammenhang betrachtet. Bei „Warum hab‘ ich bloß 2 mal ja gesagt“ (italienischer Filmtitel „Professione bigamo“ (übersetzt „Beruf Bigamist“)) kamen noch die unterschiedlichen soziokulturellen Voraussetzungen und die damit verbundenen Intentionen beider Länder hinzu.

„Dieses groteske deutsch-italienische Farb-Lustspiel hätte amüsant werden können, wurde jedoch durch überflüssige Sex-Attribute und einen Tiefschlag gegen die Ehemoral nur geschmacklos und peinlich. Ohne jede Befürwortung.“

Vittorio knöpft sich seinen fremdgehenden Schwager vor
Diese Reaktion des „Evangelischen Film-Beobachters“ galt in Deutschland Ende der 60er Jahre schon als konservativ, im erzkatholischen Italien, in dem zu dieser Zeit Ehescheidungen noch nicht legalisiert waren, bedeutete der sympathische Bigamist noch eine echte Provokation. Und stand damit ganz in der Tradition der „Commedia all’italiana“, die sich als Angriff auf Doppelmoral und tradierte Geschlechterrollen verstand. Deutlich wird der Unterschied zwischen beiden Ländern an der kleinen Nebengeschichte um die Anti-Baby-Pille. Für Vittorio, da sehr um die Aufrechterhaltung seines Arrangements bemüht, spielt sie eine große Rolle, weil ihm Nachwuchs nicht in den Kram passt. Während Ingrid (Terri Tordai) ganz selbstverständlich das Präparat nimmt, schmuggelt es Vittorio seiner italienischen Ehefrau Teresa (Raffella Carrà) als Medikament unter – Geburtenkontrolle wurde in Italien Ende der 60er Jahre noch streng geächtet.

Großfamilie in Rom...
Es ist müßig, über den Realitätsanspruch einer solchen Konstellation nachzudenken, da allein Lando Buzzancas Spiel und das seiner gut aufgelegten Mitstreiter keinen Zweifel an der überdrehten Situation lassen, die ganz in italienisch-deutschen Klischees badete. In Rom die in einem leicht herunter gekommenen Haus lebende generationsübergreifende Großfamilie, die jedes Detail mit größter Emotionalität kommentiert – Streiks und fremd gehende Machos sind selbstverständlich an der Tagesordnung – in München das modern eingerichtete Neubau-Appartement mit berufstätiger Ehefrau, die mehr Ehrgeiz von ihrem Ehemann erwartet. Dazu ein befreundetes Paar, das sich nur um sein Sexleben sorgt, und Nachbarn, die ungeniert mit dem Fernglas spannen. Größer könnte der Unterschied kaum sein – während Vittorio in Italien den moralischen Ehemann gibt, hat er in Deutschland nichts eiligeres zu tun, als sich auf seine Frau zu stürzen.

...und modernes Großstadtleben in München
Es wäre einiges herauszuholen gewesen aus dieser Versuchsanordnung, aber anders als Vittorio scheitert der Film an seinen Sprach- und Mentalitätsgrenzen. Die Italienische Fassung verfügt über einige schöne Ansätze, etwa wenn Vittorio seinen fremdgehenden Schwager zurechtweist, weil er sich moralisch überlegen fühlt - er hat schließlich seine beiden Frauen korrekt geheiratet. Auch die abschließende Gesichtsszene und das Vittorio am Ende gut davon kommt – der italienische Filmtitel „Professione bigamo“ erweist sich in dieser Hinsicht als stimmiger – sind eine wunderbare Satire auf die damalige Scheinmoral. Nur verwässern die vielen „deutschen“ Handlungsanteile diesen Eindruck. Dass es in Deutschland sexuell offener zuging, wird keinen Italiener provoziert haben, abgesehen davon, dass der spezifische Sprach-Witz von Heinz Erhardt, Willy Millowitsch und Edith Hancke auf Italienisch nicht mehr wirkt.

Püppi (Ann Smyrner) versucht wieder Pepp in ihr Eheleben zu bringen
In der deutschen Sprachfassung funktioniert ihr Humor selbstverständlich, aber dafür fehlt ihr jede anarchische Qualität. Zwar sollten das Spanner-Paar und Ann Smyrner als notgeile Püppi, deren Mann (Rainer Basedow) nach wenigen Ehejahren keine rechte Lust mehr verspürt, ironisch auf die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft anspielen, lagen damit aber ganz auf der Linie vieler Erotik-Komödien dieser Zeit, die damit gleichzeitig voyeuristische Bedürfnisse befriedigten. Auch der „Tiefschlag gegen die Ehemoral“, den der „Evangelische Film-Beobachter“ beklagt, besitzt nur die Kraft eines lauen Lüftchens. Schuld und damit unmoralisch ist nur Vittorio – und der ist bekanntlich Italiener. Die Ereignisse in Rom vermitteln typisches Lokalkolorit ohne doppelten Boden, auch wenn Willy Millowitsch als italienischer Minister mit kölschem Dialekt den Eindruck ein wenig stört.


Trotzdem ist „Warum hab‘ ich bloß 2 x ja gesagt“ allein wegen des Versuchs bemerkenswert, deutsche und italienische Eigenarten miteinander zu verbinden. Lando Buzzanca überzeugt wie gewohnt als Mischung aus Macho und Trottel – ein Typ, dem man die schönen Frauen genauso zutraut, wie das Chaos, dass er um sich herum anrichtet. Trotz seines Einsatzes ist aber kaum anzunehmen, dass Franz Antels Film in Italien erfolgreich lief – zu groß war der Anteil an deutschen Eigenarten. Der deutschen Komödie tat der italienische Einschlag dagegen gut und nahm der Chose ein wenig die kleinbürgerliche Betulichkeit vieler zeitgleich entstandener Komödien. Wann durfte am Ende schon ein überzeugter Bigamist der Gewinner sein?

"Warum hab' ich bloß 2x ja gesagt" Deutschland, Italien 1969, Regie: Franz Antel, Drehbuch: Kurt Nachmann, Günter Ebert, Mario Guerra, Vittorio Vighi, Darsteller : Lando Buzzanca, Teri Tordai, Raffaella Carrà, Ann Smyrner, Jacques Herlin, Franco Giacobini, Peter Weck, Edith Hancke, Fritz Muliar, Heinz Erhardt, Willy Millowitsch, Andrea RauLaufzeit : 85 Minuten 

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Samstag, 25. Oktober 2014

Die Herren mit der weißen Weste (1970) Wolfgang Staudte

Inhalt: Die Ankunft des Box-Promoters Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) in Berlin erzeugt große mediale Aufmerksamkeit, denn Stiegler war schon vor seinem Weggang in die USA kein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil – 10 Jahre hatte Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) vergeblich versucht, Stiegler seine kriminellen Machenschaften nachzuweisen, bis ihn seine Pensionierung stoppte. Auch nach seiner Rückkehr plant Stiegler sogleich ein großes Ding. Während er wie gewohnt in der Öffentlichkeit auftritt und auf den Rängen des Olympiastadions Platz nimmt, sollen seine Bandenmitglieder die Zuschauereinnahmen des Bundesliga-Spiels ausrauben.

Doch der Plan misslingt, denn die Kasse ist schon leer geräumt. Offensichtlich ist ihnen Jemand zuvor gekommen. Stiegler ahnt nicht, dass sich die Beute im Hause Zänkers befindet, wo der Gerichtsrat gemeinsam mit seinen Gesangskameraden den Erfolg feiert. Natürlich heimlich, denn sein mit im Haus lebender Schwiegersohn (Walter Giller) ist der für die Untersuchung des Raubs verantwortliche Polizei-Inspektor und darf nichts davon erfahren. Schließlich haben die Pensionäre noch mehr vor…

"Die Herren mit der weißen Weste" erschien schon 2013 als DVD, aber die am 14.08.2014 von der PIDAX veröffentlichte Blue-Ray bedeutet qualitativ einen Quantensprung und wird dem Spätwerk Staudtes gerecht, von dem PIDAX auch schon die Fernsehserie "Kommissariat 9" (1975) herausbrachte. "Die Herren mit der weißen Weste" verfügt nicht mehr über Staudtes gesellschaftskritischen Biss, kann aber in seiner unangestrengten Inszenierung als Kleinod innerhalb der damaligen deutschen Komödienlandschaft überzeugen.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 











Fähnchen schwenkend stehen die Massen am Straßenrand, während die US-Army ihre jährliche Militärparade im Westteil der damals geteilten Stadt Berlin abhält. Für den Oberlandesgerichtsrat a.D. Herbert Zänker (Martin Held) genau die richtige Kulisse, um mit seiner Altherren-Clique das nächste Ding zu drehen, denn die rasselnden Panzerketten setzen jede Alarmanlage außer Betrieb. Während der Juwelier fröhlich den vorbeifahrenden Waffengattungen zujubelt, wird hinter seinem Rücken die Auslage geräumt - und erneut zieht Bruno "Dandy" Stiegler (Mario Adorf) den Kürzeren, der es ebenfalls auf die wertvollen Stücke abgesehen hatte, aber nur noch gähnende Leere vorfindet.

Horst Wendtland, in den 60er Jahren dank des großen Erfolgs der Edgar-Wallace- und Karl-May-Filmreihen zu einem der führenden Produzenten in Deutschland aufgestiegen, verpflichtete als Regisseur Wolfgang Staudte, um das von ihm selbst verfasste Script zu "Die Herren mit der weißen Weste" in Szene zu setzen. Ein in zweierlei Hinsicht seltener Vorgang. Wendtland schrieb nur wenige Drehbücher und Staudte verfilmte in der Regel eigene Stoffe. Bis zu "Herrenpartie" (1964), der solch vehemente, teils persönliche Kritik erfuhr, dass er heute als das Ende der langjährigen gesellschaftskritischen Phase in Staudtes Schaffen gilt - eine etwas oberflächliche Betrachtung, da einige seiner späteren Arbeiten wie der selbst produzierte Film "Heimlichkeiten" (1968) inzwischen nahezu unbekannt sind.

"Die Herren mit der weißen Weste" scheint diese These dagegen zu bestätigen, denn die Gauner-Komödie um den Gangster Stiegler, den Gerichtsrat Zänker während seiner Amtszeit nie überführen konnte, jetzt aber gemeinsam mit seinen pensionierten Kameraden sowie seiner Schwester Elisabeth (Agnes Windeck) hinters Licht führt, ist reines Unterhaltungskino. Auch wenn der Film aus heutiger Sicht wieder über einigen Charme verfügt, wirkte er 1970 angesichts der aktuellen politischen Ereignisse und soziokulturellen Veränderungen mit seinen Heinz-Erhardt-Reimen und Running-Gags über Schwerhörigkeit aus der Zeit gefallen und bekräftigte die jungen Filmemacher in ihrer Haltung, die Wolfgang Staudte schon seit Beginn der 60er Jahre zu "Opas Kino" zählten. Zudem reihte sich der Film in die damalige Komödienlandschaft ein, die nach außen hin Modernität behauptete, letztlich aber bürgerliche Werte verteidigte – die Langhaarigen gehören zu Stieglers Gangsterbande und die sexuell freizügig auftretende Susan (Hannelore Elsner) ist natürlich ein Flittchen.

Dem ließe sich entgegnen, dass hier auch die seriösen Honoratioren munter und ohne Unrechtsbewusstsein stehlen, aber sie handeln selbstverständlich nicht aus eigennützigen Motiven, sondern um dem Gesetz zu seinem Recht zu verhelfen. Zwar gewitzt und ohne Gewalt vorgehend, können ihre Taten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um Selbstjustiz handelt. Die Exekutive in Person von Zänkers Schwiegersohn, Inspektor Walter Knauer (Walter Giller), wird als sympathisch, aber wirkungslos wenig ernst genommen und spätestens wenn der mit Zänker befreundete Kommissar Berg (Siegfried Schürenberg) ankündigt, nach seiner Pensionierung ebenfalls zu der Senioren-Gang stoßen zu wollen, ist das Urteil über die Durchschlagskraft der Polizei gesprochen. Mit der kritischen Betrachtung verheimlichter Flecken, die sich auf den angeblich „weißen Westen“ diverser Herren befinden, hat Wendtlands Story nichts zu tun, sondern variierte komödiantisch die Meinung, dass Verbrecher mit ihren eigenen Mitteln bekämpft werden müssten.

Dass der Film trotzdem ohne Peinlichkeiten und revanchistische Tendenzen auskam, ist nicht nur den sehr guten Darstellern und der zwar altmodischen, aber kurzweiligen Inszenierung zu verdanken, sondern das Staudte die Chose nicht besonders ernst nahm. So wie es Mario Adorf gelang, „Dandy“ Ziegler sympathische Züge zu verleihen, kann die Pensionisten-Gang den Spaß an ihrem kriminellen Tun nicht leugnen. Die Überführung des Gangsters wird so zu einem willkommenen Nebeneffekt ohne besondere Langzeitwirkung, denn die Herren (und Dame) wollen schließlich weiter ihrem Hobby frönen. Besonders Martin Held als Gerichtsrat gab hier einen Gegenentwurf zu seiner Rolle als Staatsanwalt mit NS-Vergangenheit aus Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“(1959). Sein Auftreten ist von Humor und Toleranz geprägt – trotz seines jahrelangen vergeblichen Versuchs, Ziegler zu überführen, verfällt er nie in irgendeine Form von Fanatismus.

Auch die Besetzung weiterer wichtiger Rollen wirkt wie ein Stelldichein vertrauter Staudte- und Horst Wendtland-Darsteller. Siegfried Schürenberg in seiner aus den Wallace-Filmen gewohnten Rolle des Polizei-Vorgesetzten, Walter Giller, in „Rosen für den Staatsanwalt“ noch Martin Helds Gegenspieler, diesmal als dessen Schwiegersohn und Rudolf Platte als Klein-Ganove mit Herz, der in „Herrenpartie“ den Chor-Leiter einer Herren-Gesangsgruppe spielte. Apropos Gesangsgruppe – dieses auch in „Die Herren mit der weißen Weste“ wiederholt auftretende Motiv erinnert nicht zufällig an Staudtes Satire über die Verdrängung der Gräueltaten der Wehrmacht im 2.Weltkrieg. In „Herrenpartie“ noch mit der Inbrunst des kulturellen Sendungsbewusstseins intoniert, dient die Gesangsprobe hier als vorgetäuschter Anlass für konspirative Treffen – das deutsche Liedgut erklingt vom Band.

Es sind diese ironischen, auch das eigene Werk zitierenden Momente, die Staudtes Film von typischer Komödien-Ware dieser Zeit unterscheiden. Sie gaben ihm die Gelegenheit, kleine Spitzen gegen die Mitnahme-Mentalität auszuteilen und wiesen die Fähnchen schwenkenden Massen am Rand der Militär-Parade als nützliche Idioten aus, hinter deren Rücken es sich leicht ein Ding drehen ließ.



"Die Herren mit der weißen Weste" Deutschland 1970, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Horst Wendlandt, Darsteller : Martin Held, Mario Adorf, Walter Giller, Agnes Windeck, Hannelore Elsner, Sabine Bethmann, Herbert Fux, Rudolf Platte, Heinz Erhardt, Siegfried Schürenberg, Willi Reichert, Laufzeit : 96 Minuten

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