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Montag, 27. Juli 2015

Flucht nach Berlin (1961) Will Tremper

Claus Baade (Christian Doermer) versucht die Bauern zu überzeugen
Inhalt: Während die Insassen laut Arbeiter-Kampflieder singen, fährt ein kleiner Bus in ein verlassen wirkendes Dorf mit wenigen heruntergekommenen Bauernhäusern. Claus Baade (Christian Doermer) als Vertreter der Partei leitet die Aktion und verteilt die Aufgaben an seine Mitstreiter. Einer von ihnen fragt nach der Polizei, aber Baade will erst einmal mit den Bauern sprechen, um sie mit Argumenten davon zu überzeugen, Mitglied in einer LPG zu werden. Doch er und seine Männer treffen auf erheblichen Widerstand und benötigen die Hilfe der Staatsmacht, um die Bauern in der Dorfkneipe versammeln zu können.

Hermann Gueden (Narziß Sokatscheff) fasst mit seiner Frau den Plan zu fliehen
Erneut versucht es Baade mit Argumenten, redet gezielt auf Hermann Gueden (Narziß Sokatscheff) ein, der nach dem Verschwinden des Bürgermeisters zum Sprachführer der kleinen Gemeinschaft wurde. Als dieser zur Überraschung der anderen Bauern plötzlich nachgibt, scheint Baade am Ziel zu sein, aber Gueden wollte nur Zeit gewinnen. Seine Frau und sein kleiner Sohn hatten sich inzwischen Richtung Berlin mit dem Zug abgesetzt, er selbst flieht unmittelbar nach Ende der Zusammenkunft zu Fuß. Baade bekommt Ärger mit seinen Partei-Genossen, denen der selbstbewusste, eigenständig handelnde junge Mann ein Dorn im Auge ist. Sie nehmen ihm den Parteiausweis weg und leiten ein Verfahren ein, aber Baade will sich das nicht gefallen lassen und begibt sich gegen deren Verbot nach Berlin zum Partei-Vorsitzenden Walter Ullbricht…


Mit "Flucht nach Berlin" liegt endlich auch Will Trempers erste Regie-Arbeit auf DVD vor. Dank der spezifischen Berlin-Seite "Darling Berlin", die Trempers atemberaubendes Genre-Werk nicht nur erstmals herausbrachte, sondern mit Interviews anreicherte, die mit Hauptdarsteller Christian Doermer und Filmkomponist Peter Thomas geführt wurden. Ein interessanter Blick in die Tiefen der 50er und 60er Jahre, auch wenn ich mir ein wenig mehr Hintergrundwissen und Hartnäckigkeit beim Interviewer gewünscht hätte. 

Zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang Trempers eigene furios geschriebene Erinnerungen in "Meine wilden Jahre" (Ullstein Verlag) und "Große Klappe - meine Filmjahre" (Ruetten & Loening, Berlin), die problemlos antiquarisch zu bekommen sind und mir nicht nur bei meiner Analyse zur Seite standen, sondern genauso viel Freunde bereiteten wie seine Filme.





"Denn "Flucht nach Berlin" wurde, trotz der sagenhaften Kritiken, ein Flop." (Will Tremper, Große Klappe - meine Filmjahre)

Durchbruch einer Polizeisperre
Hätte es noch eines Beweises bedurft, dass Genre-Filme mit zu großer Nähe zur Realität schlecht beim Publikum ankommen, "Flucht nach Berlin" hätte ihn erbracht. Dabei besaß Will Trempers erste in Eigen-Regie umgesetzte Story die besten Voraussetzungen. Wie seit "Die Halbstarken" (1956) von ihm als Drehbuchautor gewohnt, entwickelte er eine kompromisslose, klare Statements nicht scheuende Handlung, die er in hohem Tempo auf ein dramatisch zugespitztes Ende zusteuern lässt. Es ist die Geschichte zweier unterschiedlicher Männer, deren Begegnung zu Beginn des Films die Ereignisse auslöst, bis sie am Ende in einer Art Showdown wieder aufeinander treffen.

Frühe Konfrontation der beiden Protagonisten
Eine solche Konstellation steht und fällt mit der Qualität seiner Hauptcharaktere - und in dieser Hinsicht gelang Tremper eine atemberaubende Konstellation. Weder Claus Baade (Christian Doermer), noch sein Gegenspieler Hermann Gueden (Narziß Sokatscheff) sind echte Sympathen, aber ohne ihre an Rücksichtslosigkeit grenzende Durchsetzungsfähigkeit wären sie gar nicht in der Lage, in die Nähe ihres Ziels zu gelangen. Von dem glatten Gesicht des Musterschülers Baade und seiner technokratisch geschulten Ausdrucksweise sollte man sich nicht täuschen lassen – er ist kein Feigling. Nicht nur von den Bauern, auch von seinen Mitstreitern fordert er Konsequenz ein. Hermann Gueden, Sprecher der Bauern, steht ihm hinsichtlich Autorität und Selbstbewusstsein in Nichts nach. Sokatscheff verlieh dieser Figur neben ihrer Sturheit auch etwas Weltmännisches. Man nimmt ihm ab, dass er die wenig heldenhafte Schweizer Modejournalisten Doris Lange (Susanne Korda) davon überzeugen kann, ihm bei seiner Flucht zu helfen, obwohl er damit auch ihr Leben gefährdet. Aber er lässt sie auch nicht im Stich, als sie sich später als hinderlich erweist.

Gueden überzeugt die Mode-Journalistin (Susanne Korda), ihm bei der Flucht zu helfen
Diesem Duell auf Augenhöhe – praktisch begegnen sie sich nur zweimal - verdankt Trempers Film seine Komplexität und Tiefe. Dagegen ist der Hintergrund von größtmöglicher Plakativität. Die in abwechselnder Szenenfolge parallel beschriebene Flucht der beiden Protagonisten, die sie aus ganz unterschiedlichen Beweggründen ergreifen, findet vor einer gnadenlosen Diktatur statt. Überwachung, Polizeikontrollen und schwerbewaffnete Einheiten begleiten ihren Weg, Momente von Ruhe und Sicherheit erweisen sich als Illusion. Ständig zum Improvisieren gezwungen, konfrontieren sie Jeden, auf den sie bei ihrer Flucht treffen, damit, Stellung beziehen zu müssen. Es ist ein Land im Ausnahmezustand. Ob Gleiswärter, Soldat, Schaffner oder Binnenschiffer – Niemand kann sich sicher sein, schon geringes Fehlverhalten kann geahndet werden. Die Situation der beiden Männer bleibt ebenso ungewiss. Tremper drehte ständig weiter an der Spannungsschraube – Ausgang offen.

Baade muss seinen Parteiausweis abgeben
Nimmt man die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder hinzu, die den Anfangsszenen in dem aus wenigen Bauernhöfen bestehenden Dorf einen neorealistischen Touch und der Schilf-Landschaft am Wannsee beim abschließenden Höhepunkt einen unheimlichen Labyrinth-artigen Charakter verleihen, drängt sich der Vergleich zu den parallel überaus erfolgreich im Kino laufenden Edgar-Wallace-Filmen auf. Auch an schrägem Humor ist in Trempers Film kein Mangel, wenn er die Fluchtszenen mit den dekadenten Vergnügungen der Sommerfrischler auf dem Wannsee verzahnt. Da wird aus dem pechschwarzen Polizeihund, der gerade noch Baade gefährlich im Nacken saß, im nächsten Moment ein Strandschreck für Sonnenbadende, begleitet von Peter Thomas‘ Filmmusik, die das Geschehen auf der Leinwand mal mit Easy-Listening-Musik kontrastiert, mal im Stil von Paul Dessau die Trommeln rührt. Es lässt sich nur ein Argument dafür finden, warum den Film in Deutschland Niemand sehen wollte - alles in Trempers „Road Movie“ kam der Realität zu nah.

Der junge Soldat ist nicht in der Lage, auf Baade zu schießen
Anlass für seine Story, die zuerst als Roman im „Stern“ herauskam und noch parallel zu den Dreharbeiten lief, war die LPG-Kollektivierung in der DDR. Nach dem Krieg war es in der sowjetischen Besatzungszone zu einer Bodenreform gekommen, in der enteignete landwirtschaftliche Flächen in Parzellen bis zu 10 Hektar an Kleinbauern, Pächtern und Vertriebene aufgeteilt wurden. Auf Grund dieser geringen Größe wurden ab 1952 erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs) gegründet, um die Flächen betriebswirtschaftlich sinnvoll bearbeiten zu können. Diese anfänglich freiwillige Maßnahme wich Ende der 50er Jahre zunehmend einer vom Staat forcierten Zwangskollektivierung und traf damit auch die Bauern, die selbstständig bleiben wollten.

Der Polizeihund gerät auf den westdeutschen Strand
Claus Baade als Vertreter der Kommunistischen Partei leitet ein Kommando, dass den widerspenstigen Bauern eines kleinen Dorfes in der Nähe von Dessau, darunter Hermann Gueden als ihr heimlicher Anführer, von den Vorteilen der nach dem Vorbild sowjetischer Kolchosen gebildeten Genossenschaften überzeugen will. Tremper lässt von Beginn an keinen Zweifel daran, dass die Bauern keine Wahl haben, auch wenn Baade sich bemüht, nicht gleich mit der großen Keule zu kommen. Er glaubt daran, dass es den Bauern in einer LPG besser geht und will sie ernsthaft davon überzeugen. Ein Idealismus, der ihm auf die Füße fällt, als sich herausstellt, dass ausgerechnet Hermann Gueden unmittelbar nach der Versammlung geflohen ist. Dort hatte er zur Überraschung der anderen Bauern den Forderungen Baades nachgegeben – ein Bluff, wie sich herausstellt, um seiner Frau und seinem Kind einen Vorsprung für ihre Flucht nach Berlin zu verschaffen.

Eine letzte Ruhepause vor der Überquerung der Grenze
Dorthin versucht sich auch Gueden durchzuschlagen, während Baade vor ein Parteigremium zitiert wird, wo ihm sein Versagen vorgeworfen wird. Empört reagiert er auf die Einziehung seines Parteiausweises und beschließt, persönlich beim Generalsekretär der SED, Walter Ullbricht, in Berlin in dieser Sache vorzusprechen. Damit stellte Tremper zwei klassische Diktatur-Prototypen in den Mittelpunkt, die trotz ihrer unterschiedlichen Haltung dasselbe Schicksal erleiden - der Bürger, der seine Heimat verlässt, weil der Staat sein Leben zu sehr bestimmt, und der Idealist, dessen eigenständiges und korrektes Handeln unbequem für seine unmittelbaren Vorgesetzten wird. Beide werden zu Geächteten. Tremper relativierte weder deren Situation, noch die DDR als Diktatur, aber er stand auch konsequent zu seinen Protagonisten. Baade, vordergründig als strammer Partei-Kader eine negativ besetzte Figur, gewinnt dank seiner konsequenten Haltung an Profil. Obwohl er unmittelbar den Mechanismen des Polizeistaates ausgesetzt wird, unterscheidet er zwischen der Realität und seinen Idealen, für die er weiter kämpfen will – eine Haltung, die ihn zunehmend in Konflikte bringt. Und Gueden, anfänglich wenig umgänglich und egoistisch wirkend, erweist sich als hilfsbereiter und geduldiger Mensch. Es ist die Not, die ihn nach Westdeutschland treibt, nicht die Verheißung eines luxuriösen Lebens.

Westdeutsches Idyll
Dieser Luxus wurde von Tremper als Signifikanz für den Westen ins Bild gerückt, womit er die BRD ähnlich plakativ zuspitzte wie die DDR. Unmittelbar an der Demarkationslinie lebend, deren Überwindung 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau, nicht weniger lebensgefährlich war als danach, interessieren sich die Bewohner der westlichen Seite kaum noch für die Belange ihrer „Brüder und Schwestern“ im Osten. Flüchtende werden per Fernglas als Abwechslung vom Sonnenbaden betrachtet, bevor man sich wieder dem Schampus zuwendet. Die letzte Szene wurde ohne das Wissen von Will Tremper von der Produktionsgesellschaft herausgeschnitten, da dessen vermeintliches Happy-End mit dem Ruf „Es lebe die Freiheit“ aus dem Mund einer vom Champagner angeheiterten Boots-Insassin ein zu negatives Bild auf Westdeutschland warf. Nur Wenige wie Helmuth Käutner mit „Himmel ohne Sterne“ (1955) hatten sich zuvor an die innerdeutschen Befindlichkeiten gewagt, Niemand ging dabei so rigoros vor wie Will Tremper im Rahmen eines geradlinigen Genre-Films. Wie nah er damit der Realität kam, beweist sein Misserfolg.

"Flucht nach Berlin" Deutschland, Schweiz, USA 1961, Regie: Will Tremper, Drehbuch: Will Tremper, Darsteller : Christian Doermer, Narziß Sokatscheff, Susanne Korda, Gerda Blisse, Inge Drexel, Laufzeit : 100 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Will Tremper:

"Playgirl" (1966)

Montag, 25. November 2013

Die Frühreifen (1957) Josef von Báky

Inhalt: Wolfgang (Christian Doermer) arbeitet unter Tage in einer Essener Zeche. Obwohl er fleißig und sparsam ist, redet der ältere Kollege Messmann (Paul Esser) nicht mit ihm, da er mit dessen Tochter Inge (Heidi Brühl) befreundet ist. Wolfgang beabsichtigt sie zu heiraten, sobald er seine Weiterbildung beendet hat und es sich leisten kann, aber Inge, die ihre Ausbildung zu einer Verkäuferin in einem Essener Mode-Geschäft macht, ist er zu vernünftig und abwartend. Sie möchte etwas erleben und will ihn dazu überreden, sich ein Motorrad zu kaufen, damit sie gemeinsam Ausflüge machen können. Lange widersetzt er sich ihrem Wunsch, aber dann greift er seine Ersparnisse an, um sie nach einer Modenschau, wo seine hübsche Freundin als Mannequin auftritt, mit dem neu erworbenen Motorrad abzuholen.

Doch sein Plan misslingt, denn unter den Gästen befanden sich Günther (Peter Kraus) und seine Freunde, die die Mädchen nach der erfolgreichen Modenschau zu einer Party in die mondäne Villa von Günthers reichen Eltern einladen – anstatt zu Wolfgang steigt sie zu Freddy (Christian Wolff) in dessen Mercedes. Die jungen Männer um Günther verfolgen klare Absichten, aber Freddy gelingt es nicht, Inge herumzukriegen, die anstatt mit zu ihm zu kommen, am frühen Morgen allein nach Hause geht. Dort erwartet sie schon ihr Vater, um ihr die Leviten zu lesen, weshalb sie spontan ihren Koffer packt und auszieht. Als sie nach ihrem Arbeitstag keine Unterkunft findet und Wolfgang nur Unverständnis für ihre Reaktion zeigt, steht sie abends vor Freddys Tür und bittet ihn um Hilfe…


Der Filmtitel "Die Frühreifen" klingt nicht nur ähnlich altmodisch wie "Die Halbstarken", der 1956 mit Horst Buchholz in der Hauptrolle erfolgreich in den Kinos lief, sondern machte auch kein Geheimnis daraus, auf die selbe Thematik zu setzen: eine deutsche Jugend, die Gefahr lief, Anstand und Moral zu verlieren, verführt von den Errungenschaften eines Wirtschaftswunders, für das ihre Eltern hart arbeiten mussten. Auch Veit Harlans kurz zuvor gedrehter Film "Anders als du und ich (§175)" (1957) warnte unter dem Deckmantel der homosexuellen Thematik vor den Versuchungen der bis in bürgerliche Schichten vordringenden Moderne, die in allen drei Filmen nur zu abschreckenden Konsequenzen führen konnte: sexueller Missbrauch, Gefängnis oder Tod.

Wenig überraschend wurden mit Christian Wolff ("Anders als du und ich (§175)") und Christian Doermer ("Die Halbstarken") zwei wichtige Protagonisten der Vorgängerfilme auch in "Die Frühreifen" in tragenden Rollen besetzt, ergänzt von der damals erst 15jährigen Heidi Brühl, die dank der "Immenhof"-Filme schon ein großer Star in Deutschland war, erstmals Sabine Sinjen und nicht zuletzt Peter Kraus in einer scheinbaren Nebenrolle. Der 18jährige Kraus, der drei Jahre zuvor in "Das fliegende Klassenzimmer" (1954) seinen ersten Auftritt hatte, begann 1957 auch seine Gesangs-Karriere, besaß aber noch nicht die Reputation seiner Mitspieler Wolff, Doermer und Brühl. Regisseur Josef von Báky, der mit "Münchhausen" (1943) einen großen Erfolg während der NS-Zeit feierte, ohne sich vor den Propaganda-Karren spannen zu lassen, galt zudem als Spezialist für dramatische und gesellschaftskritische Filme – einen Ruf, den er schon kurz nach dem Krieg mit sogenannten „Trümmerfilmen“ ("...und über uns der Himmel" (1947)) gefestigt hatte.

Er ließ das Drehbuch nach dem Roman "Wer glaubt schon an den Weihnachtsmann" der Autoren Klaus Bloehmer und Peter Heim anfertigen, aber wie nah sich der Film an die literarische Vorlage hielt, lässt sich nicht mehr nachvollziehen, da diese - wie der Autor Bloehmer – heute unbekannt ist. Einzig Peter Heim verfügt noch über einen gewissen Bekanntheitsgrad, den er seinem Erfolg "Die Schwarzwaldklinik" verdankt, nach dem die gleichnamige Fernsehserie entstand. Letztlich spielt dieser Aspekt nur eine untergeordnete Rolle für die Bewertung des Films, da der dramatische Aufbau der in Essen, mitten im Ruhrgebiet, spielenden Handlung vorhersehbar blieb und die gängigen Klischees über die deutsche Jugend bedient wurden. Entsprechend nah liegt es, "Die Frühreifen" als veraltetes Abbild der konservativen deutschen Nachkriegsgesellschaft abzutun, aber ähnlich wie in "Die Halbstarken" gelang es auch hier, dank überzeugender Darsteller und eines im Detail mutigen Drehbuchs, die ursprüngliche Absicht des Films zu relativieren.

Christian Doermer wiederholte seine Rolle als solider junger Mann aus "Die Halbstarken", aber wie dort blieb er der unspektakulärste Charakter, weshalb seine Vorbildwirkung schwach geblieben sein dürfte. Zwar sollte der Sprung vom 10m -Turm zu Beginn auch eine verwegene Seite des jungen Arbeiters betonen, der täglich unter Tage fährt, sich weiter bildet und einen Teil seines Gehalts spart, aber Wolfgang (Christian Doermer) agiert gegenüber seiner Freundin Inge (Heidi Brühl) zu unbeweglich und altväterlich, um auf das Publikum attraktiv zu wirken. In der Realität hätte sein Typus sicherlich gute Chancen gehabt, aber im Film bedarf es anderer erzählerischer Mittel, wie der im Jahr darauf entstandene, thematisch verwandte Film "Der Pauker" (1958) bewies, der seine rückständige Botschaft konsequenter ausarbeitete. Dort spielte der inzwischen populär gewordene Peter Kraus zuerst die faszinierende Rolle, um - nachdem er aus den drohenden Konsequenzen die richtigen Lehren gezogen hatte - zu seinem anständigen jungen Mann zu reifen.

In "Die Frühreifen" wurde Peter Kraus dagegen noch als übler Charakter besetzt. Erst stiehlt er zum Spaß ein Auto, um es nach einer verwegenen Verfolgungsjagd mit der Polizei irgendwo abzustellen - er selbst besitzt als Sohn reicher Eltern ein eigenes Cabriolet - dann füllt er junge Mädchen mit Alkohol ab und filmt sie nackt, ohne auf irgendwelche Gefühle Rücksicht zu nehmen. Sein Spiel orientierte sich an James Dean, was besonders in der Schlussszene deutlich wird, in der er weinend zusammenbricht. Sollte der Film beabsichtigt haben, ihn als warnendes Beispiel einer dekadenten, egoistischen Jugend zu brandmarken, kann dieser Versuch nur als misslungen betrachtet werden. In seinem coolen Auftreten wurde Peter Kraus zum heimlichen Star des Films - schade, dass seine steigende Popularität ähnlich zwiespältige Rollen später nicht mehr ermöglichte.

Noch bemerkenswerter, wenn auch weniger plakativ und im Zeitkontext feststellbar, ist die von Heidi Brühl gespielte Rolle der jungen Verkäuferin Inge, deren strenger Vater (Paul Esser) ihr jeden Umgang mit jungen Männern verbietet und sie zu Hause tyrannisiert. Vordergründig spielt sie die Rolle der geläuterten Jugendlichen, die zuerst den Versuchungen erliegt, um nach schrecklichen Erfahrungen wieder auf den Weg der Tugend zurückzukehren, aber - selbst im Vergleich zum aktuellen Hollywood-Film - fiel ihr Buß-Gang sehr schwach aus, der sündig gewordenen Frauen normalerweise abverlangt wurde. Heidi Brühl agierte zudem erstaunlich selbstbewusst – erst zieht sie aus dem Elternhaus aus, beendet die Beziehung zum braven Wolfgang, nachdem dieser ihre Konsequenz kritisiert hatte, um wenig später mit dem attraktiven, aber psychisch gestörten Freddy (Christian Wolff) zusammen zu ziehen, den sie gemeinsam mit seinen reichen Freunden auf einer Party nach einer Modenschau kennengelernt hatte. Nachdem sie erwartungsgemäß mit den Abgründen hinter der glitzernden Fassade konfrontiert wurde, kehrt sie wieder zurück in ihre einfachen, aber anständigen Verhältnisse, ohne sich unterwerfen zu müssen – bis zum Ende verzichtete Josef von Báky auf die üblichen plakativen Korrekturen eines vorherigen Fehlverhaltens. Selbst die Rolle des evangelischen Vikars (Horst Brockmann), der sich als Tugendwächter in alle Angelegenheiten einmischt, wurde für die Entstehungszeit des Films modern angelegt.

Trotzdem lässt sich der Staub der 50er Jahre nicht vollends von „Die Frühreifen“ abschütteln. Die damaligen Aufreger erzeugen heute nur noch ein müdes Lächeln und Bakys Film ist anzumerken, wie sehr er sich um provozierende Details herum winden musste. Obwohl Inge und Freddy in einer Wohnung zusammenleben, sind sie nur einmal bei einem Kuss zu sehen – ihre wahrscheinliche Sexualität wird nicht thematisiert. Zwar lässt Günther (Peter Kraus) an Hand des gefilmten nackten Rückens der jungen und naiven Hannelore (Sabine Sinjen) keinen Zweifel daran, dass sie sich vor ihm auszog, gleichzeitig betont er aber, dass er darüber hinaus kein Interesse an dem Mädchen gehabt hätte. Ähnlich unrealistisch ist die Szene im Leichenschauhaus, denn die Polizei hätte die Jugendlichen auf diese Weise nicht konfrontieren dürfen – hier war der mahnende, moralische Zeigefinger wichtiger als die sonst schlüssige Milieuschilderung, die die eigentliche Qualität des Films ausmacht.

Die hier mit kontrastierenden Bildern von Fördertürmen und modernen Villen gezeigte materielle Diskrepanz war für die entstehenden Konflikte ausschlaggebend, und erinnert daran, dass die Phase eines großen sozialen Gefälles auch in der BRD noch nicht lange vorbei ist. Der nach dem 2.Weltkrieg einsetzende Wirtschaftsaufschwung verteilte die Einkommen zunächst sehr unterschiedlich. Während erfolgreiche Unternehmer sich jeden Luxus leisten konnten, war die Anschaffung eines Motorrads, wie sie hier - wie in „Der Pauker“ – thematisiert wurde, für die überwiegende Mehrheit der Arbeiter und Angestellten nur mit Ratenzahlungen möglich, verbunden mit der drohenden Gefahr, sich finanziell zu übernehmen. Eine starke Mittelschicht, die diese Unterschiede nivellieren konnte, befand sich erst im Aufbau. Filme wie „Die Frühreifen“ verstanden sich angesichts wachsender sozialer Brennpunkte als Appell an die Jugend, sich von den Verheißungen eines Luxus-Lebens nicht verführen zu lassen, bedienten aber gleichzeitig dessen Faszination. Heidi Brühl und Peter Kraus konnten in ihren Rollen dagegen anspielen, verkörperten als junge Stars aber den Wunsch nach Ruhm und sozialem Aufstieg.

"Die Frühreifen" Deutschland 1957, Regie: Josef von Báky, Drehbuch: Gerda Corbett, Heinz Oskar Wuttig, Peter Heim (Roman), Klaus Bloehmer (Roman), Darsteller : Heidi Brühl, Peter Kraus, Christian Doermer, Christian Wolff, Paul Esser, Sabine SinjenLaufzeit : 87 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Josef von Báky:

Montag, 8. April 2013

Die Halbstarken (1956) Georg Tressler


Inhalt: Berlin, Mitte der 50er Jahre: Überraschend trifft Freddy (Horst Buchholz) seinen jüngeren Bruder Jan (Christian Doermer) im Schwimmbad. Nachdem Freddy sich mit seinem strengen Vater (Paul Wagner) überworfen hatte, war er nicht mehr nach Hause zurückgekommen. Obwohl sie gleich in eine Schlägerei verwickelt werden, muss Jan feststellen, dass es seinem Bruder sehr gut zu gehen scheint. Dieser hat einen Job bei einer Tankstelle, zieht mit einer Bande herum, deren Chef er ist, und hat eine so attraktive wie selbstbewusste Freundin (Karin Baal).

Auch an Geld scheint es ihm nicht zu mangeln, weshalb Freddy und seine Freunde hauptsächlich in schicken Bars verkehren und ständig abfeiern. Bevor Jan merkt, dass sein Bruder dieses Leben mit Diebstählen und Hehlerei erkauft, ist er dem Sog schon erlegen. Doch auch Freddy bekommt zunehmend Schwierigkeiten, weil sein Bedarf ständig größer wird und auch seine Freundin Sissy ihn unter Druck setzt. Deshalb plant er das ganz große Ding...


Schon an der inzwischen altmodischen Bezeichnung aufmüpfiger Jugendlicher mit dem Begriff "Die Halbstarken" wird deutlich, dass der gleichnamige Film aus dem Zeitkontext Mitte der 50er Jahre betrachtet werden sollte. Der Film selbst lässt an der damals landläufigen Meinung wenig Zweifel, wenn er zu Beginn zwei Schrifttafeln zeigt, die darauf hinweisen sollen, dass es sich bei den hier gezeigten Jugendlichen um eine Minderheit handelt und diese "im Zwielicht von Erlebnisdrang und Verbrechen" heranwachsen. Diese eindimensionale Sichtweise und die daraus entstehende Konfrontation zwischen bürgerlicher Gesellschaft und der ersten Jugendbewegung nach dem Krieg, machen bis heute die Zeitlosigkeit eines Films aus, der den Generationskonflikt und das damalige Lebensgefühl unter den Heranwachsenden authentisch wiedergibt.

Die Zeitungen in Deutschland waren damals voll von Berichten über die scheinbar entartete Jugend, die sich im kleinbürgerlichen Nachkriegs-Deutschland an Rock'n Roll, Jeans, Lederjacken und Espressobars orientierten. Doch mit dem romantischen Flair, mit dem aus heutiger Sicht die 50er Jahre gerne verklärt werden, hatte das wenig gemeinsam, denn wer sich als Jugendlicher konsequent darauf einließ, wurde sofort als Krimineller betrachtet - noch bis Ende der 60er Jahre trug ein „anständig angezogener" Mann, unabhängig seines Alters, in der Öffentlichkeit Krawatte, auch wenn er nur ins Kino ging.

Der Film zeigt auch eine Phase großer sozialer Unterschiede. Die materiellen Möglichkeiten trennten in den „Wirtschaftswunderjahren“ zunehmend die bürgerlichen Schichten. Während der Großteil der Bevölkerung zu Fuß, mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs war, hatten die Wenigen, die es schon "geschafft" hatten, einen protzigen Wagen. "Die Halbstarken" ist nahezu dokumentarisch in seiner Darstellung des "normalen" Berlins der 50er Jahre. Bekannte Gebäude oder Monumente sind nicht zu sehen, ebenso werden nur wenige Kriegsschäden gezeigt - das Leben findet auf den Straßen statt oder in proletarischen Stadtteilen wie dem Wedding. Die großen Altbauwohnungen mit den hohen Räumen, den tapezierten Wänden und den schweren Möbeln strahlen Einfachheit und Armut aus - die sich darin aufhaltenden Erwachsenen wirken demütig und bescheiden.

Doch die Jugend beginnt sich an anderen Vorbildern zu orientieren, bewundert den Reichtum Einzelner und will nicht ihren hart arbeitenden Eltern nacheifern, sich für jeden Pfennig „die Finger dreckig machen“. Geschickt beginnt Regisseur Dressler seine Geschichte in einem öffentlichen Schwimmbad, das in seiner Sauberkeit wie ein neutraler, moderner Ort wirkt. Alles ist neu und schön und Freddy (Horst Buchholz) wirkt in seiner Badehose wie ein normaler Jugendlicher, der mit seiner Freundin, der 15jährigen Sissy (Karin Baal), schwimmen geht. Doch der Eindruck kippt, als sich Freddy aus nichtigem Anlass mit den Bademeistern anlegt und es zu einer großen Prügelei kommt, in die auch Jan (Christian Doermer), Freddys jüngerer Bruder, einbezogen wird.

Seitdem Freddy aus dem gemeinsamen Elternhaus abgehauen war, hatten sich die beiden Brüder längere Zeit nicht gesehen und waren sich im Schwimmbad zufällig über den Weg gelaufen. Jan ist überrascht, wie gut es seinem Bruder geht, der nicht nur eine hübsche Freundin und viele Freunde hat, sondern offensichtlich auch einen guten Job und viel Geld. Fasziniert begleitet er ihn und landet wenig später mit dessen kecker Freundin in einer Eisdiele. Als Jan nach Hause geht, um sich schnell umzuziehen, wird der Kontrast zwischen Freddys lockerem Leben und ihrem tristen Elternhaus deutlich. Der Vater wirkt streng und unnachgiebig und wirft seiner Frau ständig deren Mitschuld an ihrer finanziellen Misere vor, da er ihrem Bruder eine Bürgschaft gegeben hatte, die er nun an die Bank abzahlen muss. Ihre Mutter ist eine zarte Frau, die sehr darunter leidet, dass ihr großer Sohn Freddy nicht mehr zu Hause ist. Jan will ihr helfen und bittet Freddy deshalb um Geld. Er ahnt noch nicht, dass dieser gerade ein großes Ding vorbereitet.

Die ursprüngliche Intention für die Entwicklung des Films "Die Halbstarken" lag zwischen Sensationsgier und moralischem Zeigefinger. Einerseits sollte die Jugend "gewarnt" werden, andererseits zog der Film ein großes Publikum an, das sich an den "ungezogenen Jugendlichen" delektieren wollte. Das daraus ein guter Film wurde, liegt an Tresslers Inszenierung und Will Trempers Drehbuch, das nicht urteilte, sondern die damaligen gesellschaftlichen Bedingungen authentisch wiedergab und auch das Verhalten der Erwachsenen nicht idealisierte – besonders lag es aber an den ausgezeichneten Darstellern. Horst Buchholz als Freddy gelingt eine Mischung aus Angeber und sensiblem Familienmenschen. Sein Umgang mit den Kameraden ähnelt stark dem Verhalten seines Vaters, doch dank seines Charmes und seiner faszinierenden Ausstrahlung schart er eine Menge scheinbarer Freunde um sich, ohne das ihm klar wird, dass sie zwar unter seinen Tiraden leiden, ihn aber auch ausnutzen.

Seine Freundin Sissy, die von der damals 16jährigen Berlinerin Karin Baal mehr als überzeugend verkörpert wurde, beeinflusst ihn geschickt. Sie ist die negativste Figur des Films, die noch von den damaligen Geschlechterrollen bestimmt wurde. Ihre unmissverständliche Zielsetzung, als Frau der Armut entkommen zu wollen und nicht so wie ihre Mutter schuften zu müssen, wurde noch nicht akzeptiert. Während man jungen Männern ihre Verfehlungen nachsah, besonders wenn sie so attraktiv und sympathisch waren wie Horst Buchholz, der nicht ohne Grund nach diesem Film als "deutscher James Dean" zum großen Star wurde, so war die Gesellschaft noch weit davon entfernt, Nachsicht mit einer berechnenden Frau zu üben. Karin Baal war nach dieser Rolle lange Zeit auf diesen negativen Typus festgelegt und auch aus heutiger Sicht werden die meisten Zuschauer der hier vorgegebenen "Sympathiezuteilung" folgen.

In einem Punkt lagen die Schautafeln, die den Film einleiteten, richtig - Jugendliche, die damals wie Freddy und seine Freunde handelten, waren eine Minderheit und es dauerte noch bis Ende der 60er Jahre, bis die deutsche Gesellschaft toleranter wurde. Der Grund für diese Entwicklung wird in „Die Halbstarken“ aber schon deutlich und machte auch seinen Erfolg aus, der eine regelrechte Welle an moralisch motivierten Jugendfilmen nach sich zog.

"Die Halbstarken" Deutschland 1956, Regie: Georg Tressler, Drehbuch: Georg Tressler, Will TremperDarsteller : Horst Buchholz, Karin Baal, Christian Doermer, Jo Herbst, Viktoria von BallaskoLaufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Georg Tressler: