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Sonntag, 28. Februar 2016

Die spanische Fliege (1955) Carl Boese

Sommer (Rudolf Platte) und Klinke (Joe Stöckel) vor der "spanischen Fliege"
Inhalt: Daxburg soll ein eigenes Amtsgericht bekommen. Für den Stadtrat und Unternehmer Heinrich Klinke (Joe Stöckel) prinzipiell eine gute Nachricht, wäre da nicht die alte Geschichte, die irgendwo in den Gerichtsakten vergraben ist. Zwar wurde die „Spanische Fliege“, wie die verführerische Varieté-Sängerin von ihm und seinen Freunden genannt wurde, vor 18 Jahren von den Moralwächtern des Staates ausgewiesen, aber Klinke sah sich wenige Monate später mit den Folgen seines Techtelmechtels konfrontiert. Und zahlte seitdem brav Alimente für seinen unehelichen Sohn. Sollte das Amtsgericht nach Daxburg kommen, könnte dieser Vorgang bekannt werden.

Dr. Gerlach (Hans Richter) erfährt Interessantes von Ambrosius (Paul Henckels)
Als er diese Sorge seinem Freund Hugo Sommer (Rudolf Platte) anvertraut, reagiert dieser überraschend. Den Sohn beansprucht der Vater dreier Töchter für sich selbst, schließlich zahle auch er seit 18 Jahren Alimente. Bald stellt sich heraus, dass die beiden Stadträte Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) ebenfalls für den damaligen Fehltritt zahlen, aber damit erschöpft sich das Thema noch nicht. Der junge Anwalt Dr. Gerlach (Hans Richter) tritt die Nachfolge des alten Dr. Ambrosius (Paul Henckels) an, der damals die Alimente-Zahlungen mit den vier Männern aushandelte, und gerät dadurch in den Besitz der Akten…


Rückblick auf den 15.Hofbauer Kongress vom 07.01. bis 11.01.2016

Schön war's. Aber es hat gedauert. Nachrufe auf Ruth Leuwerik und Ettore Scola, zwei sehr von mir geschätzte Filmkünstler, kamen mir im Januar dazwischen, der Alltag sowieso. Aber der Beginn des Jahres ist nicht vergessen, der wie bisher bei jedem Hofbauer-Kongress für mich von bewusstseinserweiternder Qualität war, womit ich schon bei der "spanischen Fliege" bin, der den zweiten Kongresstag in Nürnberg am 08.01. einleitete. 

Fast könnten Erinnerungen an sonntägliche Nachmittage in den 70er Jahren aufkommen, an denen sich die Familie vor dem Bildschirm versammelte, um eine "alte Schwarz-Weiß"-Komödie zu sehen - Joe Stöckel, Rudolf Platte und Hans Richter erwiesen sich in solchen Situation als Garanten für beste Unterhaltung. So auch hier, nur dass "Die spanische Fliege" kein familientauglicher Dauergast im TV wurde und es auch auf kein anderes Medium schaffte. Ein Fall für das Hofbauer-Kommando, dass hier eine niederländische Version in 35mm zeigte. Dank deren Abneigung gegenüber Synchronisationen in OV mit holländischen Untertiteln.


Was führt der Bildhauer (Stanislav Ledinek) im Schilde? 
Dass es sich bei der "spanischen Fliege" um ein Potenzmittel handelt, gehörte Mitte der 50er Jahre noch zum Allgemeinwissen. Obwohl es in der Story nicht vorkommt – „die spanische Fliege“ ist der Kosename für eine verführerische Varieté-Tänzerin -  hatte Franz Arnold seinen 1913 herausgebrachten Bühnenschwank danach benannt, damit gezielt die Assoziationen eines Publikums anregend, dass von Sex nur hinter vorgehaltener Hand sprach. Der Erfolg seines ersten Theaterstücks gab ihm Recht, das eine Vielzahl weiterer Lustspiele aus Arnolds und Ernst Bachs Feder, seinem Compagnon, nach sich zog, in denen sie die bürgerliche Doppelmoral humorvoll sezierten. Komödien-Spezialist und Vielfilmer Carl Boese hatte schon 1931 mit „Die schwebende Jungfrau“ erstmals einen ihrer Texte verfilmt. Im selben Jahr folgten noch „Die spanische Fliege“ unter der Regie von Ernst Jacoby und drei weitere Kino-Adaptionen ihrer populären Bühnenwerke. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 war der Boom schlagartig vorbei und Arnold musste aus Deutschland emigrieren. Erst Anfang der 50er Jahre erlebten ihre Werke eine erneute Konjunktur im Kino.

Joe Stöckel - drei Jahrzehnte Dauergast auf der Komödien-Leinwand
Angesichts der Prüderie, die in den 50er Jahre in Deutschland vorherrschte, überrascht die Wiederentdeckung der in den moralischen Niederungen spielenden Stücke. Zumal sich ausgesprochene Prominenz darum kümmerte. Parallel zu seinen Heimatfilm-Erfolgen „Schwarzwaldmädel“ (1950) und „Grün ist die Heide“ (1951) drehte Hans Deppe „Die Nacht im Separee“ (1950) und „Der Fürst von Pappenheim“ (1952), unter Mitwirkung von Sonja Ziemann, Olga Tschechowa, Paul Hörbiger, Grethe Weiser, Viktor De Kowa und zweimal Georg Thomalla, nur um die Bekanntesten zu nennen. Auch Carl Boese griff 1952 wieder auf eine Vorlage des Duos Arnold/Bach zurück und verfilmte „Der keusche Lebemann“ - erneut mit Georg Thomalla und Grethe Weiser in tragenden Rollen. Dazu gesellten sich der aufgehende Stern am Heimatfilm-Himmel Marianne Koch und das Komödien-Urgestein Joe Stöckel. Umso bemerkenswerter ist es, dass diese Filme anders als viele Heimatfilme und Liebeskomödien dieser Zeit inzwischen in Vergessenheit geraten sind. Auch im Fernsehen gehörten sie nicht zum Standard-Repertoire.

Hans Richter einmal als Schwerenöter (mit Jester Naefe)...
Das gilt auch für „Die spanische Fliege“, Boeses Remake der 31er Verfilmung, der neben Joe Stöckel noch mit Rudolf Platte, Paul Henckels, Hubert von Meyerinck, Ruth Stephan und Hans Richter aufwarten konnte. Letzterer in einer für ihn ungewohnten Rolle als trickreicher Rechtsanwalt, denn seit „Die Feuerzangenbowle“(1944) war Richter auf das „Enfant terrible“ festgelegt, gab in „Grün ist die Heide“ den Lautsprecher eines Landstreicher-Trios oder spielte in den „Knall und Fall“ – Filmen den Knall, ein wörtlich zu nehmender Name. Doch trotz seines seriösen Auftretens und seiner ernsten Absichten bei Hannelore Klinke (Jester Naefe), der Tochter des im Örtchen Daxburg einflussreichen Stadtrats und Unternehmers Heinrich Klinke (Joe Stöckel), spielte Richter auch hier den Störenfried, der ein seit 18 Jahren gehütetes Geheimnis aufzudecken droht.

...und als Anwalt der Damen vom Wohltätigkeitsverein
Damals hatten vier honorige Herren – neben Klinke, noch Hugo Sommer (Rudolf Platte) und die ebenfalls im Stadtrat sitzenden Hartmann (Kurt Großkurth) und Breilmann (Hans Leibelt) – eine Affäre mit einer schönen Tänzerin, bis diese von der Sittenpolizei des Landes verwiesen wurde. Eine wenig verklausulierte Anspielung auf die Nationalsozialisten, die über den moralischen Anstand der Bürger wachten, selbst aber gerne hinsahen. Bei den vier verheirateten Männern kam ihr Einsatz offensichtlich zu spät, denn ihnen wird von dem Rechtsanwalt Dr. Ambrosius (Paul Henckels) die Rechnung in Form von Alimentezahlungen aufgemacht – für den Sohn der „spanischen Fliege“, den sie ein paar Monate später im Ausland gebar. Vier Männer zahlen für einen Sohn. Das an dieser Konstellation etwas nicht stimmen konnte, ist von Beginn an klar, aber weitere Ungereimtheiten kommen hinzu bis es in Daxburg kaum noch Jemanden gibt, der Interesse an der Aufdeckung der vollständigen Wahrheit hat, die alle zu überrollen scheint.

"Es ist mein Sohn" beharrt Hugo Sommer
Oberflächlich betrachtet gehört „Die spanische Fliege“ zum Typus der Moral-Komödien, in der ein einmaliger, zeitlich weit zurückliegender Fehltritt zur Lawine wird, weil sich der „Sünder“ beim Versuch, das Geheimnis zu wahren, immer tiefer in sein Lügengebäude verstrickt.  In der Regel enden diese Stücke mit einem geläuterten Protagonisten, dessen Ehre nach kurzer Abbitte wieder hergestellt ist – Happy-End und Wiederherstellung der Moral  inbegriffen. Das „Stillhalteabkommen“, mit dem Arnolds Bühnenstück endet, hat mit dieser Art „Happy End“ nichts gemein. Geläutert ist hier Niemand. Im Gegenteil schlägt die Angst vor der Aufdeckung des Seitensprungs regelmäßig um in den Stolz über den gezeugten „Sohn“ bis zur Anbetung der damaligen Geliebten in Form eines Fetischs. Obwohl es nicht auszuschließen ist, dass der körperliche Kontakt mit der Tänzerin bei einem Teil der Männer eher der Fantasie als der Realität entsprungen sein könnte, leugnet Niemand den lang zurückliegenden Fehltritt – besonders Platte und Stöckel gefallen sich gut im Selbstbild des feurigen Liebhabers.

Heiles Familienleben (Stöckel mit Erika von Thellmann)
Mit hohem Tempo und subversivem Witz entfaltete „Die spanische Fliege“ eine Situation, die sich nicht mehr in Wohlgefallen auflösen konnte. Wer deshalb hofft, die Beteiligten werden mit der Härte der Konsequenzen konfrontiert, wird enttäuscht werden. Daran ist nicht einmal den Ehefrauen gelegen. Selbst die gewohnt autoritär auftretende Elisabeth Flickenschildt als Frau Sommer, deren Ehemann Hugo vor ihr zittert, macht sich keine Illusionen hinsichtlich der Qualität ihrer Beziehung. Wichtig ist ihr nur, dass er weiterhin kuscht. Die bürgerliche Oberfläche blieb zwar gewahrt, überdeckte hier aber nur schwach die Bedürfnisse des Einzelnen und ließ die moralischen Anstandsregeln zur Makulatur werden.

"Die spanische Fliege" Deutschland 1955Regie: Carl Boese, Drehbuch: Edgar Kahn, Franz Arnold (Theaterstück), Darsteller : Joe Stöckel, Rudolf Platte, Hans Richter, Paul Henckels, Elisabeth Flickenschildt, Hubert von Meyerinck, Erika von Thellmann, Jester Naefe, Ruth Stephan, Albert FlorathLaufzeit : 94 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Carl Boese:

"Fünf Millionen suchen einen Erben" (1938)

Sonntag, 3. August 2014

Der Herr mit der schwarzen Melone (1960) Karl Suter

Inhalt: Vater Wiederkehr (Willy Fueter) reagiert überrascht, als plötzlich sein elegant gekleideter Sohn Hugo (Walter Roderer) in seine Zelle zu ihm gesperrt wird. Da er ihm jede Kompetenz abspricht, fehlt es ihm an Vorstellungskraft wie sein Sohn, dessen Anstellung als Reinigungskraft der Aschenbecher in einem Züricher Bankhaus nur seinen Beziehungen zu verdanken war, in einem Genfer Gefängnis landen konnte. Erst langsam ist er bereit, Hugo zuzuhören, dessen Geschichte an dem Tag begann, als sein Vater verhaftet wurde.

Weil ein Mitarbeiter ausfiel, durfte Hugo ausnahmsweise, begleitet von zwei Sicherheitsbeamten, den Geldsack zum Züricher Flughafen bringen, wo er wie jeden Tag nach Genf transportiert wurde. Kurz zuvor hatte er als Halter des Aschenbechers den deutschen Millionär Meißen (Gustav Knuth) und dessen Tochter (Sabine Sesselmann) kennengelernt, als diesen der Tresor der Bank stolz vorgeführt wurde, und hatte dabei erfahren, dass sie ebenfalls auf dem Weg nach Genf waren. Spontan kündigt er seine Stelle und baut als Hobby-Erfinder eine Holzkiste, in der er selbst Platz nimmt, und die er am nächsten Morgen als Luftfracht abholen lässt. So gelangt er in den Frachtraum des Flugzeugs, dass auch drei Millionen Franken an Bord hat...



Mit "Der Herr mit der schwarzen Melone" (1960) brachte die PIDAX am 22.07.2014 den ersten von zwei Filmen des Produzenten Erwin C.Dietrich heraus, die in Zusammenarbeit mit Regisseur Karl Suter und dem Schweizer Kabarettisten Walter Roderer entstanden. "So ein Mustergatte" (1959) folgt am 12.08.2014, entstand aber früher nach einer mehrfach verfilmten Vorlage, darunter mit Heinz Rühmann in der Titelrolle. Der nur für den Schweizer Markt produzierte Film erwies sich als so erfolgreich, dass Dietrich "Der Herr mit der schwarzen Melone" direkt auch für den deutschen Markt produzierte, weshalb er prominente deutsche Darsteller wie Gustav Knuth oder Hubert von Meyerinck engagierte. (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).






Die Story vom ewigen Verlierer, der sich am Ende zum Sieger aufschwingt, gehört seit je her zum beliebtesten Komödienstoff, weil er noch Chancen in einer Situation vermittelt, die in der Realität nicht existieren. Auch Hugo Wiederkehr (Walter Roderer) gelingt der Absprung vom wenig geschätzten Aschenbecher-Reiniger einer Bank, dem sein im Gefängnis inhaftierter Vater (Willi Fueter) nichts zutraut und der von seiner Mutter (Walburga Gmür) noch wie ein kleiner Junge behandelt wird, zum angesehenen Geschäftsmann und zukünftigen Ehemann einer schönen Blondine (Sabine Sesselmann) - zudem Tochter eines Millionärs (Gustav Knuth) - nur dank eines Coups, der kaum Nachahmer finden wird. Um an die Geldsendung seiner Bank von Zürich nach Genf per Flieger zu gelangen, schließt der Hobby-Erfinder sich selbst in eine Holzkiste ein - innen bequem ausgestattet und mit ausreichend Werkzeug, Proviant und sonstigen Hilfsmitteln versehen - stiehlt während des Flugs den Inhalt des Sacks im Frachtraum und verlässt die Kiste als dreifacher Millionär.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" versucht gar nicht erst, dem Raub einen realistischen Anstrich zu geben. Schon während des Flugs geht fast alles schief, was schief gehen könnte. Ein als Versuchstier transportierter Hund schlägt an und die Kiste fällt fast zusammen, nachdem Hugo sie von Innen geöffnet hatte. Notdürftig flickt er sie zusammen, muss aber die Bretter auch dann noch von Innen richten, als der Gabelstapler die Kiste schon aus dem Frachtraum abholt. Da der von ihm befreite Hund ständig bellend um den Stapler läuft, wird ein Zollpolizist aufmerksam, im richtigen Moment aber durch ein flüchtendes Fahrzeug abgelenkt. Wohin die Kiste geliefert werden sollte und wie Hugo ihr letztlich unentdeckt entkam, beließen die Macher um Regisseur und Drehbuchautor Karl Suter gleich für sich, denn für die Wirkung des Films spielte das ebenso wenig eine Rolle, wie das hochwahrscheinlich positive Ende vorauszusagen.

Entscheidender ist der Schweizer Charakter des Films, der als zweite Zusammenarbeit von Produzent Erwin C.Dietrich, Regisseur Suter und Kabarettist Walter Roderer nach "So ein Mustergatte" (1959) entstand und mit populären Darstellern wie Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck und Sabine Sesselmann auch auf den deutschen Markt abzielte. In "So ein Mustergatte" hatte Roderer schon eine Heinz Rühmann-Rolle gespielt, der für die Darstellung des am Ende siegreichen kleinen Mannes berühmt wurde, aber der schlacksige, langhalsige Roderer ist ein gänzlich anderer Typus. Gemächlich agierend und ruhig formulierend, wird er leicht von seiner Umgebung übersehen und nicht ernst genommen. Diese Unsichtbarkeit ermöglicht es erst durch die Maschen Schweizer Gründlichkeit zu schlüpfen, deren behauptete Perfektion sich als Trugbild erweist.

Dieser selbstironische Gestus, gepaart mit einem amüsanten Seitenhieb auf europäische Befindlichkeiten der späten 50er Jahre - Hugo gerät an der Seite der hübschen Christine und ihres Vaters Generaldirektor Meißen (gewohnt sympathisch und locker von Gustav Knuth verkörpert) in eine europäische Wirtschaftskonferenz - unterscheidet "Der Herr mit der schwarzen Melone" wesentlich von den in der Regel aktionistischen, oft auch zu Albernheiten neigenden deutschen Komödien dieser Zeit. Selbst die abschließende Fluchtsequenz, in der Hugo ohne Führerschein mit überhöhter Geschwindigkeit durch die Stadt rast, gelang eher als Persiflage auf vergleichbare Komödiensequenzen - die Männer, die mit der Leiter eine Straße überqueren, kommen unbeschadet davon.

Von den Anspielungen auf hochnäsige Bankbeamte, bekanntlich besonders staatstragende Persönlichkeiten in der Schweiz, oder auf die Verhaltensmuster der High Society - sobald Hugo über Geld verfügt, benötigt er keines mehr - eine tiefergehende Gesellschaftskritik zu verlangen, wie es die zeitgenössische Presse bemängelte, wäre zu viel erwartet. "Der Herr mit der schwarzen Melone" versteht sich als unaufgeregte, sanft ironische Komödie in Schweizer Mundart (hochdeutsch untertitelt), die ganz auf den von Roderer gespielten Charaktertypus abgestimmt wurde und erstaunlich zeitlose Unterhaltung ohne peinliche Ausbrüche bietet, vorausgesetzt der Betrachter lässt sich auf das ruhige Tempo des Films ein.

"Der Herr mit der schwarzen Melone" Schweiz 1960, Regie: Karl Suter, Drehbuch: Karl Suter, Alfred Bruggmann, Hans Gmür, Darsteller : Walter Roderer, Sabine Sesselmann, Gustav Knuth, Charles Regnier, Hubert von Meyerinck, Willy Fueter, Bruno GanzLaufzeit : 88 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Erwin C.Dietrich:

Montag, 30. September 2013

Das Mädchen Rosemarie (1958) Rolf Thiele

Inhalt: Rosemarie Nitribitt (Nadja Tiller) hält sich in einem mondänen Frankfurter Hotel auf, um Kontakt zu wohlhabenden Herren aufzunehmen, die dort fernab ihrer Ehefrauen tagen, wird aber von dem Portier (Hubert von Meyerinck) des Hauses verwiesen. Dieser verdient sich etwas nebenbei, um selbst die zahlungskräftige Klientel mit einschlägigen Damen zu verkuppeln. Doch sein Rausschmiss kann nicht verhindern, dass sich Rosemarie vom Hinterhof aus mit dem Generaldirektor Bruster (Gerd Fröbe) für später verabredet. Als sie dessen aus der Garage fahrenden Mercedes 300 anhält und einsteigen will, trifft sie zu ihrer Überraschung auf Konrad Hartog (Carl Raddatz), der wie viele Herren den gleichen Wagentyp fährt. Da sie ihm auch gefällt, nimmt er sie stattdessen mit und beginnt mit ihr eine Liason. Er finanziert ihr ein Appartement, richtet und kleidet sie ein, während sie sich von ihren früheren Kumpanen Walter (Jo Herbst) und Horst (Mario Adorf) verabschiedet, die mit ihr eigentlich gemeinsame Sache machen wollten, weshalb sie wenig erfreut auf ihre Entscheidung reagieren.

Bald möchte sich Rosemarie nicht mehr mit der Rolle der heimlichen Geliebten abfinden, aber besonders Hartogs Schwester (Barbara Rütting) weiß zu verhindern, dass die gesellschaftlich nicht adäquate junge Frau an größeren Festivitäten teilnehmen kann. Nachdem sie Hartog erneut unter fadenscheinigen Gründen abgewimmelt hatte, begegnet sie dem französischen Industriellen Fribert (Peter van Eyck), der ihre Anziehungskraft sofort einzuschätzen weiß. Er verpasst ihr ein internationales damenhaftes Auftreten, worauf ihr die einflussreichen Männer reihenweise zu Füßen liegen – doch Fribert verfolgt dabei eigenmächtige Ziele…


Angesichts des inflationären Gebrauchs von "Kult" durch diverse Marketingabteilungen, wird die Austauschbarkeit und minimale Halbwertzeit heutiger mit diesem angeblichen Gütesiegel versehenen Produkte besonders im Vergleich zu den Ereignissen um eine Dame offensichtlich, die 1957 in Frankfurt/Main ermordet wurde - Rosemarie Nitribitt. Deutlich wird daran auch, dass die Verselbstständigung eines Namens und der damit zusammenhängenden Geschehnisse erst durch die Mythen entstehen, die sich darum ranken - obwohl der "Fall Rosemarie Nitribitt" zu einem festen Bestandteil der Annalen der Bundesrepublik Deutschland gehört und bis in die Gegenwart regelmäßige mediale Veröffentlichungen nach sich zieht, sind die realen Umstände kaum Jemandem bekannt, ganz abgesehen davon, dass der Mord bis heute nicht aufgeklärt wurde.

Dass sich Regisseur Rolf Thiele den Vorwurf der "Kolportage" gefallen lassen musste, als er nur wenige Monate nach Nitribitts Tod seinen Film "Das Mädchen Rosemarie" in die Kinos brachte, lag entsprechend nah, auch weil er damit unmittelbar ins Selbstverständnis der sich am eigenen Wirtschaftswunder delektierenden Politiker und Wirtschaftsbosse vorstieß. Mit dem Journalisten Erich Kuby nahm er zudem einen Drehbuchautoren mit an Bord, der sich als "Nestbeschmutzer von Rang" (Heinrich Böll) schon einen Namen gemacht hatte, und als links-liberaler Kritiker an der Regierungspolitik von vornherein unter Generalverdacht stand. Dabei hatte dessen Story über Leben und Tod der Rosemarie Nitribitt nur wenig mit der Realität gemein - weder interessierte er sich für ihre Vergangenheit, noch versuchte er, die näheren Umstände ihres Tode genauer zu beleuchten – sondern entwickelte die Geschehnisse um die Luxus-Prostituierte im Stil einer Satire. Eine notwendige Vorgehensweise, da jede größere Nähe zur Realität die Gefahr von falschen Verdächtigungen in einem schwebenden Verfahren hervorgerufen hätte.

Trotzdem versuchte das Auswärtige Amt die Teilnahme des Films am Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig zu verhindern, was den Bekanntheitsgrad noch zusätzlich erhöhte - die Folge davon waren ca. 8 Millionen Kinobesucher. Auch die Schwierigkeiten, die Rolf Thiele zuvor am Drehort in Frankfurt bekam, wirken aus heutiger Sicht kaum noch nachvollziehbar, da im Film Niemand direkt beschuldigt wird, sondern die generelle Kritik an Wirtschaftswunderwahn, Doppelmoral und Vergangenheitsverdrängung in eine kabarettistische Form verpackt wurde, die nicht zufällig an Filme wie "Wir Kellerkinder" (1960) erinnert - Co-Autor Jo Herbst, Mitglied der „Berliner Stachelschweine“, war am Drehbuch beider Filme beteiligt. Herbst spielte zudem einen Vertreter des Prekariats, aus dem Rosemarie (Nadja Tiller) stammt, und gab gemeinsam mit Mario Adorf einige Gesangsnummern zum Besten. Auch die übrigen Schauspieler  - Gert Fröbe, Hubert von Meyerinck, Werner Peters, Peter van Eyck, Arno Paulsen, Horst Frank, Helen Vita, Karin Baal und Hanne Wieder (die in ihrer Rolle in "Spukschloss im Spessart" (1960) auf die Nitribitt-Figur anspielte) – gaben in „Das Mädchen Rosemarie“ Kostproben beliebter Klischeetypen, besonders Werner Peters und Gert Fröbe waren auf den Typus des spießigen deutschen Kapitalisten geradezu abonniert.

So harmlos die damaligen Späße heute wirken, so deutlich lässt sich an der Reaktion auf den Film die sehr konservative Haltung der 50er Jahre ablesen. Allein das deutsche Industriekapitäne unverhohlen die Dienste von Call-Girls für sich beanspruchten – sehr gelungen die Rolle des Hotel-Portiers (Hubert von Meyerinck), der immer genügend Kandidatinnen in seinem Notizbuch führte, fein säuberlich nach optischen Qualitäten gekennzeichnet – genügte schon als Provokation, so wie das parallele Absingen des Liedes „Wir hamm den Kanal voll“ zu marschierenden Bundeswehrsoldaten als Affront gegen eine staatliche Institution betrachtet wurde. Besonders die Party im Haus des Großindustriellen Willy Bruster (Gert Fröbe) ist entlarvend in ihrem biederen Versuch, dekadent sein zu wollen, und wenn am Ende - nach dem Mord an der zunehmend störenden Rosemarie Nitribitt - die Armada der Mercedeslimousinen (im Volksmund mit dem Beinamen „Adenauer“ versehen) davon fährt, dann kamen Thiele und Kuby den damaligen Empfindungen schon sehr nah. Wie gut sie den Zeitgeist erfassten, lässt sich allein an der Geschwindigkeit erkennen, mit der sie den Film nach dem Mord in die Kinos brachten. Rudolf Jugert drehte mit „Die Wahrheit über Rosemarie“ (1959) nur ein Jahr später einen weiteren Film zu dem Thema, an den sich heute kaum noch Jemand erinnert.

Zudem prägt ihr Film bis heute das Bild der Nitribitt und der sie umgebenden Insignien – im Gegensatz zu der ehemaligen Miss Austria Nadja Tiller, war die echte Nitribitt keineswegs von ähnlich genereller Schönheit und ihre Anziehungskraft auf ihre Freier und Liebhaber beruhte auf einer menschlichen Dimension, die in Thieles plakativ gehaltenem Film lange Zeit nicht vorkommt. Das muss den Machern bewusst gewesen sein, denn im letzten Drittel schwenkt der Film zunehmend von der Satire in Richtung eines ernsthaften Dramas. Offensichtlich versuchte Autor Kuby auch die Tragik hinter der Figur der Nitribitt zu erfassen, die sich eine feste Beziehung und ein traditionelles Leben wünschte, womit er auch verhindern wollte, sie eindimensional als gewinnsüchtige Prostituierte zu charakterisieren. Dank Nadja Tillers überzeugendem Spiel bleibt sie die Sympathiefigur des Films – eine erstaunliche Position angesichts ihres gesellschaftlichen Ansehens – aber dem Film ging der konsequent übertriebene Stil verloren, mit der er die 50er Jahre Wirtschaftswunderzeit zuvor so amüsant seziert hatte.

Die letzte Szene wiederholt wieder den Beginn des Films – nur mit Karin Baal in der Rolle des leichten Mädchens, das im Hotel Kontakt sucht – womit die Macher den ewigen Kreislauf aus Macht und Ohnmacht betonen wollten. Ein in seiner Signalwirkung sozialkritisches Ende, das die zuvor größtenteils aus Musiknummern und überzeichneten Klischees bestehende Handlung aber schwächte und dem Film einen uneinheitlichen Charakter verlieh, weshalb "Das Mädchen Rosemarie" den Ruf der Kolportage nie verlor, anstatt für seinen entlarvenden Gestus anerkannt zu werden.

"Das Mädchen Rosemarie" Deutschland 1958, Regie: Rolf Thiele, Drehbuch: Erich Kuby, Jo Herbst, Rolf Thiele, Rolf Ulrich, Darsteller : Nadja Tiller, Peter van Eyck, Gert Fröbe, Carl Raddatz, Mario Adorf, Jo Herbst, Werner Peters, Hanne Wieder, Horst Frank, Karin Baal, Hubert von Meyerinck, Helen Vita, Arno Paulsen, Laufzeit : 97 Minuten


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Sonntag, 18. August 2013

Herrliche Zeiten im Spessart (1967) Kurt Hoffmann

Inhalt: Nachdem die fünf zum Mond geschossenen Gespenster und früheren Räuber Onkel Max (Rudolf Rhomberg), Hugo (Joachim Teege), Toni (Hans Richter), Roland (Klaus Schwarzkopf) und Kathrin (Kathrin Ackermann) nach jahrelangem Aufenthalt im All endlich den technischen Defekt an ihrer Rakete beseitigen konnten, landen sie ausgerechnet auf dem Dach des Hotels von Annelieses Vater Konsul Mümmelmann (Willi Millowitsch). Anneliese (Liselotte Pulver) erinnert sie an die Comtesse Franziska, der sie schon mehrfach in der Vergangenheit geholfen hatten, weshalb sie ihr sofort ihre Unterstützung anbieten.

Ihr ist ihr us-amerikanischer Bräutigam Frank Green (Harald Leipnitz) am Tag der Hochzeit abhanden gekommen, weshalb diese zu platzen droht. Obwohl er aus dem Militärdienst austreten wollte, wurde er von General Teckel (Hubert von Meyerinck) dazu verpflichtet, an einer Abhöraktion teilzunehmen. Die fünf ehemaligen Räuber schlagen vor, ihn mit ihrer Rakete noch rechtzeitig zu holen, weshalb sie gemeinsam mit Anneliese starten. Doch sie beherrschen die Technik nach wie vor nicht richtig, weshalb sie anstatt an dem Militärbunker im tiefen Mittelalter landen…


Regisseur Kurt Hoffmann drehte 1971, obwohl selbst erst 60 Jahre alt, mit "Der Kapitän" seinen letzten Kinofilm - nur noch einmal sollte er 1976 eine Arbeit für das Fernsehen abliefern, einem Medium, an dem er sich nicht weiter interessiert zeigte. Sein Ruf als innovativer Spezialist für gehobene Unterhaltungsfilme hatte in den 60er Jahren zunehmend gelitten, obwohl seine Filme an der Kinokasse nach wie vor erfolgreich liefen. Die Verfilmungen der Tucholsky-Romane "Schloss Gripsholm" (1963) und "Rheinsberg" (1967) waren sehr populär, dazu brachte er mit "Dr.Hiob Prätorius" (1965) und "Hokuspokus" (1966) zwei Curt-Götz-Stücke erneut auf die Leinwand - jeweils mit seinen zwei bevorzugten Darstellern Heinz Rühmann und Liselotte Pulver in den Hauptrollen - , die beide für ihre hohen Zuschauerzahlen ausgezeichnet wurden. Einen Erfolg, den er auch bei der Umsetzung des damals aktuellen und erfolgreichen Romans "Morgens um Sieben ist die Welt noch in Ordnung" (1968) von Eric Malpass wiederholte.

Trotzdem galt Hoffmann bei der Filmkritik als altmodisch, da sich sein gediegener Unterhaltungs-Stil seit den 50er Jahren nur wenig verändert hatte. Eine Ausnahme in seinem Oevre bildeten neben "Wir Wunderkinder" (1958) die Spessart-Filme "Das Wirtshaus im Spessart" (1958) und "Das Spukschloss im Spessart" (1960), die als musikalisch-kabarettistische Nummern-Revuen ein wenig über die Stränge schlagen durften und Seitenhiebe auf die gesellschaftlich-politischen Entwicklungen in der Bundesrepublik austeilten. Dass Kurt Hoffmann gemeinsam mit Drehbuchautor Günter Neumann erneut zu der Spessart-Thematik griff, um mit "Herrliche Zeiten im Spessart" sieben Jahre nach dem zweiten Teil wieder die Räuber auf die Gegenwart loszulassen, kann nur als Versuch gewertet werden, sich inhaltlich und inszenatorisch den späten 60er Jahren zu nähern. Der Unterschied zum Vorgängerfilm "Das Spukschloss im Spessart" fiel entsprechend groß aus, nicht nur weil der Gesangsanteil auf ein Minimum reduziert wurde. Atmete die bundesrepublikanische Gegenwart damals noch den Zeitgeist der 50er Jahre, herrschte in "Herrliche Zeiten im Spessart" die Modernität der kommenden 70er Jahre - eklatant zeigt sich daran der gesellschaftliche Umbruch in den 60er Jahren.

Kein altes Wirtshaus oder ein verwunschenes Schloss bildeten mehr den Hintergrund, sondern ein moderner Hotelbau, der von Konsul Mümmelmann (Willy Millowitsch), Annelieses (Lieselotte Pulver) Vater, geleitet wird. Auch Liselotte Pulver, die hier mit Ende 30 einen ihrer letzten Kinoauftritte (und den letzten von zehn Filmen unter Kurt Hoffmann) absolvierte, bevor sie begann, hauptsächlich für das Fernsehen zu arbeiten, wirkte weniger mädchenhaft als in den Vorgängerfilmen, auch wenn ihre geplante Hochzeit mit dem US-Amerikaner Frank Green (Harald Leipnitz) den Rahmen für die episodenhafte Story abgibt. Dieser war auf Wunsch von Anneliese aus dem Militärdienst ausgeschieden, hatte aber die Rechnung ohne General Teckel (Hubert von Meyerinck) gemacht, womit die neben Liselotte Pulver zweite wesentliche Konstante der Spessart-Trilogie benannt ist. Während von Meyerinck, nach seiner Beamtenrolle in „Das Spukschloss im Spessart“, wieder in seine angestammte Rolle als fanatischer Militär schlüpfte, der Green zu sich beordert, womit er die Hochzeit gefährdet, konnte Liselotte Pulver nicht mehr die Rolle der Comtesse aus den zwei ersten Filmen annehmen, da sie diese in der Gegenwart von 1960 schon verkörpert hatte.

Trotzdem kommt es schnell zu der Widerbegegnung mit den fünf Räubern, die am Ende von „Das Spukschloss im Spessart“ als Gespenster zum Mond geschossen wurden. Auf Grund eines technischen Defekts mussten sie jahrelang im All verweilen, bis sie nach der Reparatur der Rakete ausgerechnet auf dem Hoteldach landen. Nur Hans Richter spielte erneut einen der fünf Räuber aus dem Vorgängerfilm, die ihr Gespensterdasein inzwischen wieder aufgegeben hatten. Aber um Logik musste sich das Drehbuch auch nicht kümmern, das die Rahmenhandlung nur dazu nutzte, die Protagonisten per Rakete durch die Zeit reisen zu lassen, um sie von der Vergangenheit bis in die Zukunft unterschiedliche Abenteuer erleben zu lassen, wo sie jedes Mal Hubert von Meyerinck als Militär und Harald Leipnitz als verhindertem Liebhaber begegnen sollten. Im Gegensatz zu „Das Spukschloss im Spessart“, das auch nur über einen rudimentären Handlungsfaden verfügte, ist diese filmische Anlage konsequenter, da der Episodencharakter klar herausgearbeitet wird.

Zudem gaben die von klamaukhaft bis komisch qualitativ sehr unterschiedlich angelegten Einzelstorys Kurt Hoffmann die Gelegenheit eine Vielzahl junger Schönheiten in erotischen Rollen auftreten zu lassen - Hannelore Elsner, Vivi Bach oder Gila von Weitershausen zeigten sich zwar leicht geschürzt, aber für barbusige Momente wurde trotzdem schon gesorgt, womit Hoffmann auf der Höhe der damals beginnenden „Nackt-Welle“ im Film angekommen war. Das galt allerdings weniger für die Satire, die sich ähnlich wie in den beiden ersten „Spessart“- Filmen von der harmlosen Seite zeigte. Galten die Anspielungen dort hauptsächlich damaligen bundesdeutschen Eigenheiten, ist die Thematik in „Herrliche Zeiten im Spessart“ zeitloser. Wie ein roter Faden spinnt sich die Kritik an militärischem Gehabe und dem menschlichen Drang, Konflikte auf dem Schlachtfeld auszutragen, durch die Rahmenhandlung und die jeweiligen Episoden – dabei auch geschickt die verbreitete Eigenart ironisierend, kriegerische Absichten in eine friedvolle Sprache zu kleiden – kommt dabei aber über einen konservativ geprägten Konsens nicht hinaus, der angesichts der heftigen Auseinandersetzungen um den sich parallel zuspitzenden Vietnam-Krieg nichts riskierte.

Sieht man von dieser sanft geäußerten Kritik am Militarismus einmal ab, bleibt eine Komödie zurück, die nur wenig aus dem deutschen Komödienallerlei der späten 60er/frühen 70er Jahre heraustrat, die mehr den deftigen als den filigranen Humor pflegten, wie er viele Filme Kurt Hoffmanns zuvor auszeichnete. Von dessen eleganten Stil ist hier nur noch wenig geblieben, weshalb es konsequent war, unter den geforderten Produktionsbedingungen nicht mehr weiter als Regisseur zu arbeiten. „Herrliche Zeiten im Spessart“ wurde kein schlechter Film, ist aber weder von eigenständigem, modernen Zuschnitt, noch verfügte er über die damals als altmodisch bezeichneten Qualitäten Hoffmanns, denen einige sehr gute Filme der Nachkriegszeit zu verdanken sind.

"Herrliche Zeiten im Spessart" Deutschland 1967, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Günter Neumann, Darsteller : Liselotte Pulver, Harald Leipnitz, Hannelore Elsner, Vivi Bach, Rudolf Rhomberg, Hubert von Meyerinck, Hans Richter, Laufzeit : 104 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Das Spukschloss im Spessart" (1960)
"Schloss Gripsholm" (1963)

Samstag, 17. August 2013

Das Spukschloss im Spessart (1960) Kurt Hoffmann

Inhalt: Die fünf Räuber Onkel Max (Georg Thomalla), Hugo (Curt Bois), Jockel (Hans Richter), Toni (Paul Esser) und als einzige Frau Katrin (Hanne Wieder) sollen unter der Aufsicht von Von Teckel (Hubert von Meyerinck) hingerichtet werden, aber dem Volk ist diese Strafe nicht hart genüg. Sie fordern, die Fünf in dem alten Wirtshaus im Spessartwald einzumauern, damit sie dort elendig verhungern. Von Teckel ist einverstanden und sperrt sie scheinbar für immer hinter einer Mauer ein, aber er konnte nicht mit den intensiven Arbeiten am Ausbau des Autobahnnetzes in der jungen Bundesrepublik Deutschland rechnen, denen Jahrhunderte später das Wirtshaus zum Opfer fiel. Inzwischen zu Gespenstern geworden, wollen sie sich eine neue Bleibe suchen, weshalb sie sich an das Schloss der Comtesse Franziska von Sandau erinnern, das in der Nähe gelegen ist.

Dort lebt inzwischen deren Nachfahre Charlotte (Liselotte Pulver), die nicht nur das alte Gemäuer von ihrem Vater geerbt hatte, sondern auch dessen Schulden. Deshalb steht ihr das Wasser bis zum Hals und die Pfändung des Schlosses kurz bevor. Die Ankunft der Gespenster erzeugt des nachts seltsame Vorkommnisse im Schloss, weshalb sie und ihre Tante Yvonne (Elsa Wagner) froh sind, als mit Martin „Dings“ (Heinz Baumann) ein junger Mann vor der Tür steht, der behauptet, in der Nähe einen Unfall gehabt zu haben, weshalb er um eine Unterkunft für eine Nacht bittet. Sie ahnen noch nicht, dass sein Besuch geplant war, aber die Gespenster, die sich Charlotte als ihre Freunde vorstellen, erweisen sich bald als hilfreiche Gesellen…


Nach dem großen Erfolg mit "Das Wirtshaus im Spessart" (1958), der seine kabarettistischen Seitenhiebe auf die Bundesrepublik Deutschland mit einer komödiantischen Geschichte aus alten Räuber-Zeiten und viel Musik verband, ließ Regisseur Kurt Hoffmann mit "Wir Wunderkinder" (1958) einen Film folgen, der seine Kritik unmittelbarer und vor einem ernsthafteren Hintergrund formulierte. Zu verdanken waren die respektlosen Anspielungen auf die "Wirtschaftswunderjahre" in beiden Filmen dem Duo Wolfgang Neuss / Wolfgang Müller, das besonders in "Wir Wunderkinder" zu Hochform auflief. Nach einigen weiteren Filmen des viel beschäftigten Regisseurs (unter anderen "Das schöne Abenteuer" (1959), ebenfalls mit Liselotte Pulver), die an den Kinokassen deutlich schwächer abschnitten und heute nahezu unbekannt sind, griff Hoffmann bei "Das Spukschloss im Spessart" erneut auf die alte Erfolgsformel zurück.

Zwar waren außer Hauptdarstellerin Liselotte Pulver, Hans Clarin, Hubert von Meyrinck in seiner ewigen Rolle als preußischer Kommiskopp (auch wenn er hier einen Bonner Staatsbeamten mimt) und Paul Esser Niemand der früheren Besetzung aus "Das Wirtshaus im Spessart" wieder mit an Bord, aber mit Hanne Wieder, Curt Bois, Hans Richter und Georg Thomalla wurde geeigneter Ersatz gefunden. Allerdings nicht für Wolfgang Neuss und Wolfgang Müller, nach dessen Unfall-Tod auch auf Neuss verzichtet wurde - ein herber Verlust, der sich deutlich in der Qualität der ironischen Anspielungen niederschlägt, die in „Das Spukschloss im Spessart“ gröber und weniger wirkungsvoll ausfielen, obwohl die Handlung diesmal in der Gegenwart spielte - zeitweise sogar unmittelbar in Bonn am Rhein, der damaligen Hauptstadt der BRD.

Um einen Zusammenhang zum ersten Film herzustellen, transferierten die Drehbuchautoren Heinz Pauck und Günter Neumann fünf der Räuber aus dem Spessartwald in die Gegenwart, wo sie diesmal als Geister ihr Unwesen treiben sollten. Der Film beginnt noch in der Vergangenheit, wo die Räuber statt am Strang zu enden, im titelgebenden Wirtshaus eingemauert werden, um sie dort qualvoller sterben zu lassen - Initiator dieses Vorgangs ist natürlich Hubert von Meyerinck als zackiger Offizier. Doch ein paar Jahrhunderte später, als das Wirtshaus einer Autobahntrasse weichen muss, kommen die Fünf wieder frei, die als Gespenster "überlebt" haben. Sie erinnern sich an das Schloss der Comtesse Franziska von Sandau, die in Teil 1 am Ende den Räuberhauptmann heiratete, und freuen sich, sie dort wieder zu sehen. Tatsächlich handelt es sich um deren Ur-Urenkelin Charlotte (Liselotte Pulver), die sie ebenfalls sofort in ihr Herz schließen, womit sich der Kreis zwischen den beiden Filmen schließt.

Auch in „Das Spukschloss im Spessart“ sind es wieder die Räuber, die für die respektlosen Sprüche und Anspielungen zuständig sind und sich nicht an die damals gängigen Moralvorstellungen halten mussten. Hanne Wieder darf deshalb eine hemmungslos promiskuitiv handelnde Schöne mimen, die vor allem im Duett mit Prinz Kalaka, den Hans Clarin als hektischen, sexgeilen Trottel gibt, ihre Reize einzusetzen weiß. Besonders an dieser Konstellation wird der stark angestaubte Charakter des Films sichtbar. Clarins zwar nicht unsympathische, aber klischeehafte Verkörperung eines reichen Scheichs, der nach Deutschland kommt, um die Finanzierung einer Talsperre zu übernehmen, lässt kaum ein Vorurteil aus, so wie Hanne Wieders Darstellung einer selbstbewusst erotisch auftretenden Frau keine emanzipatorische Züge trägt, da ihr nur als Räuberin aus dem Mittelalter ein solches Benehmen zugestanden wurde. Liselotte Pulver, die in „Das Wirtshaus im Spessart“ noch überzeugend in einer „Hosenrolle“ auftrat, verkörpert hier dagegen nicht nur Bravheit und Anstand pur, sondern wird in eine Liebesgeschichte mit dem jungen Martin Hartog (Heinz Baumann) verwickelt, die bemüht und konstruiert wirkt.

Deutlich wird daran auch, wie wenig „Das Spukschloss im Spessart“ letztlich riskierte. Für die wenigen konkreten Anspielungen – etwa wenn sich hinter dem Putz des Bonner Gerichtsgebäudes noch ein Hakenkreuz befindet, oder Hanne Wieder gegenüber Prinz Kalaka andeutet, es gäbe noch viel „Braune“ in Deutschland – sind ausschließlich die „Gespenster“ zuständig und als Karikatur auf den Bonner Beamten muss wie gewohnt einzig Hubert von Meyerinck herhalten. Dagegen wird das Potential um die Versteigerung des Schlosses der Comtesse - ein häufig gewähltes Motiv dieser Phase, siehe „Das Schloss in Tirol“ (1957) oder „Die Mädels vom Immenhof“ (1955) - verschenkt. Kaum hat Martin Hartog die bezaubernde Comtesse kennen gelernt, hat er seine ursprüngliche Intention, ihr Schloss unter einem Vorwand zu besuchen, um die Umbaumaßnahmen zu planen, schon vergessen. Er handelte im Auftrag seines Vaters, dessen Unternehmen Charlotte 100.000 Mark schuldet, weshalb die Pfändung kurz bevor steht. Eventuelle Seitenhiebe auf einen rücksichtslosen Kapitalismus wagte der Film natürlich nicht, denn nachdem sich Martin mit seinem Vater kurz entzweite, erweist sich dieser wenig später ebenfalls als anständiger Charakter, der Charlotte ihr Schloss nicht wegnehmen will. Als sich dann auch noch ein blöder US-Amerikaner findet, der 100.000 Mark für die fünf Gespenster bezahlt, um sie mit einer Rakete zum Mond zu schießen, ist nicht nur diese Schuld getilgt, sondern stellt sich auch die Frage, warum der Film nicht gleich mit hinauf geschossen wurde?

„Das Spukschloss im Spessart“, das sich selbst „Grusical“ nennt, da der Anteil an Gesangseinlagen gegenüber „Das Wirtshaus im Spessart“ deutlich gesteigert wurde, bedarf eines sehr nostalgischen Blicks, um sich an dem nur in seltenen Momenten ironischen, meist albernen und klischeehaften Treiben zu erfreuen – einzig die Tricks um die Gespenster können noch atmosphärisch überzeugen. Besonders Liselotte Pulver, deren erfrischendes Spiel immer auch selbstbewusste, emanzipatorische Züge trug, ist hier als nettes Mädel zu einseitig charakterisiert, während Heinz Baumann viel zu blass agiert, um nur einen Moment lang den knallharten Geschäftsmann zu verkörpern. Der Spagat zwischen kritisch-ironischen Anspielungen und einer unterhaltenden Komödie, der in „Das Wirtshaus im Spessart“ noch zeitweise gelang, wird in „Das Spukschloss im Spessart“ zu sehr an die Gespenster-Effekte und dem krampfhaften Bemühen, die Story im letzten Drittel noch nach Bonn zu versetzen, verschenkt, weshalb der Film den Eindruck eines Sammelsuriums hinterlässt, dessen Einzelteile nicht überzeugen können.

"Das Spukschloss im Spessart" Deutschland 1960, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Günter Neumann, Heinz Pauck, Darsteller : Liselotte Pulver, Heinz Baumann, Georg Thomalla, Hanne Wieder, Hans Clarin, Hubert von Meyerinck, Hans Richter, Laufzeit : 97 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:
"Drei Männer im Schnee" (1955)
"Heute heiratet mein Mann" (1956)
"Das Wirtshaus im Spessart" (1958)
"Wir Wunderkinder" (1958)
"Schloss Gripsholm" (1963)
"Herrliche Zeiten im Spessart" (1967)