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Sonntag, 11. Dezember 2016

Mein Schatz komm mit ans blaue Meer (1959) Rudolf Schündler


Lilo (Renate Ewert) und Hansi (Monika Dahlberg) mit Camillo Felgen von RTL
Inhalt: Camillo Felgen von Radio Tele Luxemburg stellt vor einem großen Publikum die Gewinnerinnen des „Bravo“- Preisausschreibens vor:  Lilo (Renate Ewert), von Beruf Maniküre, und Hansi (Monika Dahlberg), die ihrer Mutter im Haushalt hilft. Von ihr ist der auf den Rängen wild klatschende Bubi Hannemann (Harald Juhnke) so begeistert, dass er sie gegenüber seinem Freund schon als seine zukünftige Frau vorstellt. Der hält ihn für verrückt, aber Bubi hat einen konkreten Plan. Als LKW-Fahrer fährt er demnächst eine Tour nach Italien - genau dorthin, wohin auch die beiden jungen Frauen reisen sollen, um 10000 Mark zu gewinnen. 

Der Wohnwagen wurde von der "Bravo" übergeben - es kann los gehen...
Für diese fängt der eigentliche Wettbewerb jetzt erst an. Mit dem Wohnwagen, der ihnen von der „Bravo“ zur Verfügung gestellt wurde, sollen sie ans Mittelmeer und wieder zurückreisen. Innerhalb von drei Wochen und ohne eigenes Auto. Das Zugfahrzeug sollen sie sich per Anhalter organisieren. Zudem müssen sie unterwegs noch ein paar Aufgaben lösen, kontrolliert von Dr.Karin Beer (Christine Görner), die sie als Journalistin der „Bravo“ begleitet und für die Jugendzeitschrift berichtet. Doch bevor Bubi mit seinem LKW vor Ort sein kann, hat Lilo schon den ersten "Kavalier der Straße“ organisiert. 


"Das blaue Meer" - Sehnsuchtsbegriff des Tourismusfilms

"Das blaue Meer" symbolisierte in den 50er Jahren das Fernweh der Deutschen nach südlichen Gestaden. Mit der zunehmenden Stabilisierung des Arbeitsmarkts in den 50er Jahren und einem damit einhergehenden bescheidenen Wohlstand wuchs auch der Wunsch zu verreisen. Zuerst beschränkte man sich auf den Urlaub im eigenen Land - eine Entwicklung, auf die der "Heimatfilm" ab Mitte der 50er Jahre vermehrt mit der Betonung von Sehenswürdigkeiten und folkloristischen Elementen reagierte ("Die Fischerin vom Bodensee" (1956)) - aber schon wenige Jahre später strebten die Deutschen auch nach weiter entfernten Zielen. Über die Alpen nach Italien oder Jugoslawien, an das Mittelmeer.

Als Genre tritt der "Tourismusfilm" heute kaum in Erscheinung, da er sich vom Schlagerfilm nur wenig abgrenzte und sich stark an einem Zeitgeist orientierte, der sich vehement wandelte. "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" spiegelte den wachsenden Trend zu mehr Aktionismus und einer freizügigeren Optik wider, auch dank der Zusammenarbeit mit der aufstrebenden Jugendzeitschrift "Bravo", die ein besonders junges Publikum ansprechen wollte. Für ruhige Momente an beschaulichen Orten blieb da keine Zeit mehr. Am Beispiel der fünf Filme, die zwischen 1957 und 1966 das "blaue Meer" (einmal die "blaue Adria") in ihrem Titel führten, zeichnet der Blog diese Entwicklung nach:

                 - "Unter Palmen am blauen Meer" (1957)
                 - "Das blaue Meer und Du" (1959)
                 - "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" (1959)
                 - "Auf Wiedersehen am blauen Meer" (1962)
                 - "Komm mit zur blauen Adria" (1966) 


Lilo organisert den ersten "Kavalier" (Werner Finck)
Gemessen an den nackten Zahlen, gehörte die Urlaubsreise in den europäischen Süden Ende der 50er Jahre noch zu den exklusiven Vergnügungen in Deutschland - 1960 reiste etwa jeder Zehnte über die Alpen - im schnelllebigen Kino galt sie schon als alter Hut. Wie in den artverwandten Genres Heimat- und Schlagerfilm ging der Trend auch im Tourismusfilm zunehmend in Richtung Aktionismus. Es genügte nicht mehr, malerische Küstenorte vor der untergehenden Mittelmeer-Sonne ins Bild zu rücken, sondern es bedurfte einer abwechslungsreichen und zeitgemäßen Story. Das galt doppelt für eine aufstrebende Jugendzeitschrift wie die "Bravo", deren Auflage seit ihrer Premiere 1956 ständig gestiegen war und die in "Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" nicht einfaches "Product Placement" betrieb, sondern eng mit der Franz Seitz Filmproduktion zusammenarbeitete.

Dany Mann singt "Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin"
Offensichtlich zu beiderseitigem Vorteil, denn die Besetzung sowohl vor als auch hinter der Kamera sollte ein möglichst breit gefächertes Publikum erreichen. Der Schauspieler Rudolf Schündler, seit 1950 („Der Geigenmacher aus Mittenwald“) auch im Regie-Fach tätig, und die Autorin Ilse Lotz-Dupont („Wetterleuchten um Maria“, 1957) gehörten in den 50er Jahren zu den Aktivposten im Heimatfilm-Genre (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1958") und hatten schon mehrfach ihre Anpassungsfähigkeit an den Zeitgeist bewiesen. Anders als in "Das blaue Meer und Du", der im letzten Drittel zu einem bebilderten Reise-Prospekt mit Musik wurde, legten sie gemeinsam mit Co-Autor Franz Marischka ("Liebe, Sommer und Musik", 1956) das Gewicht auf eine turbulente Story mit einer großen Anzahl bekannter Film-Stars wie Renate Ewert, Joachim Fuchsberger, Harald Juhnke und Hans von Bosordy sowie den noch frischen Gesichtern von Christine Görner und Monika Dahlberg. Dazu gesellten sich diverse Show-Acts um die mitspielende Sängerin Dany Mann:

„Weil ich noch jung bin, gefährlich jung bin,
möcht‘ ich küssen, alles wissen, von der Liebe und vom Glück“ 

Lilo gefällt Mercedes-Fahrer Martin (Hans von Bosordy)...
singt sie gleich zu Beginn und gab damit das Motto eines Films vor, in dessen Mittelpunkt verschiedene Varianten der Beziehungsanbahnung stehen. Auch Dany Mann bekam mit dem Sänger Günther Frank einen Partner an die Seite gestellt, aber ihre Rollen als Annabelle und Tommy blieben im Schatten der drei „Haupt-Paare“. Tommy war seiner angebeteten Lilo (Renate Ewert) per Goggomobil an den Comer See gefolgt und Annabelle befand sich als Cousine des reichen Hoteliers Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) auf Grund des Bootrennens dort. Dass sie im Handumdrehen ein Paar werden, täuscht nicht darüber hinweg, dass sie wie ihre Musiker-Kollegen Ted Herold, Gus Backus oder das Orchester unter der Leitung von Max Greger ausschließlich für die Untermalung im Film zuständig waren.

...ahnt aber nicht, dass der Wagen seinem Chef Paul Marzez (Joachim Fuchsberger) gehört
Das galt auch für die geographischen Schönheiten im Hintergrund, auf die sich der Film entgegen der Betonung des „blauen Meers“ im Filmtitel nur selten konzentrierte. Stattdessen trieben die Macher das im Tourismusfilm beliebte Motiv des „Reisens per Anhalter“ auf die Spitze. Die zwei Gewinnerinnen eines „Bravo“- Preisausschreibens Lilo und Hansi (Monika Dahlberg) sollen mit einem von der Zeitschrift zur Verfügung gestellten Wohnwagen innerhalb von drei Wochen ans Mittelmeer und wieder zurück nach München reisen – ohne eigenes Zugfahrzeug. Das müssen sie sich per Anhalter organisieren. Damit noch nicht genug. Als Reise-Reporterin wird ihnen Dr. Karin Beer (Christine Görner) an die Seite gestellt, die nicht nur an einer Kolumne für die „Bravo“ arbeitet, sondern noch einige Überraschungs-Aufgaben parat hat, die die beiden jungen Frauen erfüllen müssen, wollen sie am Ende 10000 Mark gewinnen - darunter innerhalb eines Tages 10 Mark verdienen und eine Nacht im Gefängnis verbringen.

Spielchen auf dem Markus-Platz
Mit einer typischen Urlaubsreise hatte das nichts mehr zu tun. Entsprechend schnell wurden auch die touristischen Höhepunkte abgehandelt. Vor dem Anblick der Salzburg gibt Ted Herold einen Rock’n Roll auf einem Camping-Platz zum Besten, der Comer See dient als Ort für ein rasantes Schnellbootrennen und der Campanile am Markus-Platz bildet die pittoreske Kulisse für die abschließende Aufgabe mit „verbundenen Augen über einen verkehrsreichen Platz zu laufen“. Einmal sitzen Lilo und Hansi beim Rotwein auf einer Terrasse einer Osteria am Mittelmeer und betrinken sich aus Liebeskummer. Ein beschaulicher Ort, an dem sich auch viele Italiener aufhalten. Nur die Musik passt nicht dazu. Es erklingt der Schlager „So lange du einen Freund hast“ des österreichischen Vokal-Quartetts „Die blauen Jungs“, schunkelnde Gäste inclusive. Das „Blaue Meer“, Venedig und typische Italien-Vorurteile, wie der rasende Klein-LKW-Fahrer, der sich in den Bergen des Wohnwagens annimmt, bildeten nur den Rahmen, Authentizität war nicht gefragt.

Bubi (Hans Juhnke) macht die Sache mit Hansi klar...
„Mein Schatz komm mit ans blaue Meer“ hätte sich als Potpourri aus Schlager, Urlaubskulisse und einer Handlung ohne Anspruch auf Logik bis heute seinen Unterhaltungswert bewahrt, steckten die erstaunlich vielen weiblichen Hauptrollen nicht so tief in der Klischeekiste. Hansi ist der hausfrauliche Typ und erhält vom selbstbewussten LKW-Fahrer Bubi Hannemann (Harald Juhnke) schon bei der ersten Verabredung einen Heiratsantrag. Allein das sie „Eisbein mit Sauerkraut“ wie seine Mutter kochen kann, beflügelt seine Liebe. Einen Moment reagiert Hansi ob dieser wenig romantischen Argumentation beleidigt, worauf Bubi schnell einen Strauß Rosen ordern will. Doch sie stoppt ihn und begnügt sich mit einer Rose – sie müssten schließlich sparen. Die Kombination aus rustikalem Kraftfahrer und genügsamer, fleißiger Hausfrau ließe sich heute als ironische Überhöhung verstehen, war damals aber als Sympathieträger ernst gemeint.

...und Paul nimmt Dr. Karin Beer (Christine Görner) die Brille ab
Entgegengesetzt steht die flatterhafte Figur der Lilo, deren wichtigstes Kriterium für die Männer-Wahl in deren finanzieller Potenz zu finden ist. Selbstbewusst weiß sie ihre körperlichen Vorzüge ins Licht zu setzen und glaubt, jeden Mann um den Finger wickeln zu können. Natürlich einzig und allein, um den richtigen Ehemann für die zukünftige Vollversorgung sicherzustellen. Ein Anstand, um den sich die Kamera wenig scherte, die die schöne Renate Ewert meist stöckelnd und leicht geschürzt ins rechte Bild rückte. Selbstverständlich durfte Lilos berechnende Strategie nicht aufgehen. In Salzburg lernt sie den feschen Martin (Hans von Bosordy) kennen, der ihr mit seinem Mercedes-Cabriolet imponiert. Dass er nur der Mechaniker seines Chefs Marzez ist, verrät er ihr (noch) nicht. Der reiche Hotelier interessiert sich dagegen für die studierte Dr.Karin Beer, die hier für den berufstätigen, früh-emanzipierten Frauentyp steht, der seine weibliche Seite freudlos unterdrückt. Ein Fall für „Blacky“ Fuchsberger, der erst einmal dafür sorgt, dass sie ihre Brille abnimmt und ihre schönen Augen hervorkommen. Der Rest läuft dann von allein.

Nimmt man noch die ständig plappernde Annabelle hinzu, die gar nicht versteht, warum sie ihr Cousin stoppen will, ist das Frauenquartett an Vorurteilen komplett, ohne dass der Film diese Charakteristika besonders schwer nahm. Typischer Komödienstoff der späten 50er Jahre, der die beliebten Klischees ungeniert bediente. Am Ende kommen alle vier Damen unter die Haube und feiern den Gewinn von 10tsd Mark mit ihren zukünftigen Männern gemeinsam auf der „Bravo“-Bühne. Mit der „gefährlichen Jugend“ war es damit natürlich vorbei. 


"Mein Schatz komm mit ans blaue Meer" Deutschland 1959, Regie: Rudolf SchündlerDrehbuch: Ilse Lotz-Dupont, Franz MarischkaDarsteller : Joachim Fuchsberger, Christine Görner, Harald Juhnke, Monika Dahlberg, Hans von Bosordy, Renate Ewert, Dany Mann, Werner Finck, Gus Backus, Ted Herold, Ady Berber, Laufzeit : 93 Minuten

Montag, 31. Oktober 2016

Die zornigen jungen Männer 1960 Wolf Rilla


Inhalt: Während auf St.Pauli ein Pfarrer öffentlich vor einer großen Menschenmenge gegen die Verrohung der bürgerlichen Sitten anredet, befindet sich Fred Ploetz (Hansjörg Felmy), erfolgreicher Jung-Unternehmer einer Hamburger Werbe-Agentur, voll in seinem Element. Umgeben von hübschen Models feilt er an seiner nächsten Bilder-Strecke. Doch diesmal fällt ihm eine junge Frau ins Auge, die sich ihm nicht wie üblich an den Hals schmeißt. Die hübsche Studentin Kirsten (Gisela Tantau) ist so selbstbewusst wie anständig, eine Mischung die Fred ernsthaft zu interessieren beginnt. Er bemüht sich um sie und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er zuvor ständig wechselnde weibliche Bekanntschaften bevorzugte.

Seine neue Liebe hält ihn aber nicht davon ab, einen wenig seriösen Auftrag von einem seiner wichtigsten Kunden, dem Unternehmer Pflueger (Hans Nielsen), anzunehmen. Er soll dafür sorgen, dass ein Oberarzt, dessen Forschungsarbeit Pflueger aus geschäftlichen Gründen ein Dorn im Auge ist, die Reputation verliert. Ploetz plant schon seine Vorgehensweise, aber als er feststellt, dass es sich bei dem Arzt Dr.Schneider (Horst Frank) um einen alten Kriegskameraden handelt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Doch Pflueger hat auch die attraktive Irene (Dawn Addams) auf Dr.Schneider angesetzt.

Es dauert etwas, bis Fred (Hansjörg Felmy) zornig wird
"The angry young men" ist ein stehender Begriff für eine gegen ihre Väter-Generation aufbegehrende männliche Jugend, im 50er Jahre Hollywood-Kino personifiziert durch James Dean und Marlon Brando, in Deutschland in abgeschwächter Form durch Horst Buchholz ("Die Halbstarken" (1956)). Bei den "zornigen jungen Männern" in Wolf Rillas Film von 1960 handelte es sich dagegen um Enddreißiger, beruflich schon situiert, aber noch ohne familiäre Bindungen. Geschuldet war diese Situation der besonderen Lage nach dem Ende des Krieges. Wiederaufbau und Wirtschaftswunder hatten zwar eine sich wandelnde Sozialisation zur Folge, die moralische Standards und Geschlechterrollen zu verändern begann, insgesamt war die bundesdeutsche Gesellschaft 1960 aber noch sehr konservativ. Allein Männer trafen geschäftliche Entscheidungen und um bei der älteren Generation ernst genommen zu werden, bedurfte es eines angemessenen gesellschaftlichen Status.

Anwalt Faber (Joachim Fuchsberger) verweigert die Glorifizierung der Armee
Stellvertretend stehen die drei Hauptfiguren für prägende Berufsgruppen der jungen Republik: der Leiter einer Werbe-Agentur, der Oberarzt und der Rechtsanwalt. Gespielt wurden sie von drei populären Darstellern - Hansjörg Felmy, Horst Frank und Joachim Fuchsberger - die real jünger waren als die von ihnen verkörperten Männer des Jahrgangs 1922, deren Freundschaft noch auf ihrer gemeinsamen Zeit als Soldaten während des Kriegs fußte. Nur Joachim Fuchsberger, Jahrgang 1927, wurde 1943 noch eingezogen, Felmy und Frank waren dafür zu jung. Deutlich wird an dieser Konstellation nicht nur, wie bindend diese gemeinsame Erfahrung mehr als ein Jahrzehnt später noch war, sondern dass sich daraus ein moralischer Anspruch ableitete. Als Fred Ploetz (Hansjörg Felmy) in dem Arzt, gegen den er im Auftrag des Großindustriellen Pflueger (Hans Nielsen) integrieren soll, seinen alten Kameraden Gerd Schneider (Horst Frank) wieder erkennt, nimmt er Abstand von seinem Vorhaben. Zuvor ausschließlich an Geld und Vergnügen interessiert, beginnt Ploetz umzudenken. Die gemeinsame Soldatenzeit wird zum Ausgangspunkt seiner Läuterung und zur Auflehnung gegen die Machenschaften des rücksichtlosen Geschäftemachers.

Partytime bei Fred...
Fred Ploetz steht nicht nur im Mittelpunkt der Handlung, sondern ist die einzige Figur, der eine Entwicklung zugestanden wird, auch wenn der Anlass dafür aus heutiger Sicht konstruiert wirkt. An ihm, dem Werbefachmann - ein Berufsbild, das erst durch die Wirtschaftswunderjahre und dem damit aufkommenden Konsum populär wurde - arbeitete sich der moralisch aufklärerische Gestus des Films ab. Ploetz ist ein Hallodri, der seine Werbe-Firma nicht nur für zahlreiche Frauenbekanntschaften nutzt, sondern sich Jedem andient, der ihn ordentlich bezahlt. Hemmungen kennt er nicht, was sich auch in seinen Partys zeigt, die er großzügig mit viel Alkohol und Sex veranstaltet. Den Auftrag seines Großkunden Pflueger, die Forschungsarbeit des Oberarztes verschwinden zu lassen, nimmt er sofort an. Darin hatte dieser nachgewiesen, dass die von Pfluegers Firma in Lebensmitteln verwendeten chemischen Zusatzstoffe krebsverursachend sind. Das hätte Einfluss auf ein neues, lückenhaftes Lebensmittelgesetz, dass der Bundestag verabschieden will. 

"Die Handlung und die Figuren des Films sind frei erfunden, sollten dennoch Ähnlichkeiten mit bestehenden Zuständen erkennbar sein, so sind diese wohl unvermeidlich" (zu Beginn des Films eingeblendete Texttafel)

...und dessen Erkenntnisse im Krankenhaus dank Dr.Schneider
Der gebürtige Berliner und englische Staatsbürger Wolf Rilla, der als Kind mit seinen Eltern 1934 aus Deutschland emigriert war, und im Gegensatz zu seinem Vater, dem Schauspieler Walter Rilla, nach dem Krieg nicht mehr zurückkehrte, schuf mit „Die zornigen jungen Männer“ seinen einzigen deutschen Film nach einem Drehbuch des Schriftstellers Wolf Berthold. Dieser wurde in den 50er Jahren bekannt für seine in Illustrierten veröffentlichten „Tatsachenromane“, die in ihrer Mischung aus Kolportage, Unterhaltung und Gesellschaftskritik den Nerv der Zeit trafen und heute ein authentisches Bild des damaligen Lebensgefühls vermitteln können. Nach seinen Vorlagen waren zuvor „Nachts, wenn der Teufel kam“ (1957) über einen Serienmörder während der Zeit des Nationalsozialismus und der Anti-Kriegsfilm „Kriegsgericht“ (1958) entstanden, er entwarf aber auch ein zeitgenössisches Bild der Bundesrepublik in „Madeleine Tel.13 62 11“ (1958) und "Am Tag als der Regen kam" (1959), deren Schwerpunkt auf den sozialen Veränderungen nach dem Krieg lag.

Dr.Schneider (Horst Frank) erliegt der attraktiven Irene (Dawn Addams)...
Deren Mischung aus Gesellschaftskritik und moralischem Zeigefinger prägte auch „Die zornigen jungen Männer“. Die ernsthafte Thematik der Lebenmittelverunreinigung wird überdeckt von der Schilderung einer vergnügungssüchtigen Jugend. Die Offenlegung der Doppel-Moral des Staates, der eine Frau wegen „Beihilfe zur Unzucht“ verurteilen will, weil sie den Verlobten ihrer Untermieterin vor deren Hochzeit in ihrer Wohnung übernachten ließ, gleichzeitig aber gerne die Steuereinnahmen aus dem horizontalen Gewerbe einnimmt, wird kontrastiert von einem rückständigen Frauenbild. Diese ambivalente Haltung zeigte sich auch in den Charakterisierungen der Protagonisten. Horst Frank wird in seiner Rolle als Oberarzt zwar eine Schwäche für das weibliche Geschlecht zugestanden, die ihm beinahe zum Verhängnis wird, aber in seiner beruflichen Position bleibt er integer und standfest. Joachim Fuchsberger ist als Anwalt ganz charakterfester Profi. Ihre traditionellen Berufe werden nicht in Frage gestellt, das moderne Bild des Werbe-Grafikers, der sein Geld vor allem mit Fotos von leicht bekleideten Frauen zu verdienen scheint, dagegen schon.

...wie von Generaldirektor Pflueger (Hans Nielsen) beabsichtigt
Dass Hansjörg Felmy in seiner Rolle nicht vollständig demontiert wird, verdankt er dem Drehbuch-Trick, seine Verfehlungen in die Vergangenheit zu verlegen. Schon in einer der ersten Szenen des Films begegnet er der hübschen Studentin Kirsten (Gisela Tantau) und verliebt sich nach langer Zeit erstmals wieder, nachdem er in den Jahren zuvor nur wechselnde Affären hatte. Er beginnt eine ernsthafte Beziehung mit Kirsten und entdeckt sein Gewissen wieder. Trotzdem kommt er nicht ganz ungeschoren davon – so viel Strafe musste sein. Auch Hans Nielsen als gewissenloser Unternehmer Pflueger muss sich am Ende eine Niederlage eingestehen, aber der Film wagte nicht, die Rolle des Kapitalisten ernsthaft in Frage zu stellen. Als er erkennt, dass er diesmal an einen stärkeren Gegner gekommen ist, bewahrt er Contenance und zieht die Konsequenzen. Dass er bei seinem nächsten geschäftlichen Vorhaben mit mehr Skrupel vorgehen wird, ist deshalb nicht zu erwarten.

Die eigentlichen Verlierer in „Die zornigen jungen Männer“ sind die Frauen, genauer die beiden gegensätzlich gezeichneten weiblichen Protagonistinnen. Die englische Darstellerin Dawn Addams, im deutschen Film auf die Rolle der „Femme fatale“ festgelegt ("Die feuerrote Baronesse" (1959)), prostituiert sich im Auftrag Pfluegers, um den Oberarzt Schneider in eine verfängliche Situation zu bringen. Nach einer gemeinsamen Nacht klagt sie ihn fälschlich der Vergewaltigung an. Aus der Klemme hilft ihm dessen cooler Kamerad, Anwalt Dr.Jürgen Faber (Joachim Fuchsberger), der den Spieß einfach umdreht. Er macht sich an die attraktive Irene (Dawn Addams) heran, die sich in ihn verliebt und ihn mit zu sich nach Hause nimmt. Bevor sie im Bett landen, klärt Faber sie über seine wahren Absichten auf und fordert sie auf, ihre Anklage wieder zurückzuziehen, wenn sie verhindern will, dass ihre Liason bekannt wird. Sie hat keine Wahl, denn als Frau wäre sie diskreditiert und vor Gericht unglaubwürdig.

Moralpredigt
Die Studentin Kirsten ist das genaue Gegenteil von Irene, ein anständiges Mädchen. Obwohl Fred es ernst mit ihr meint, begeht er in einer Stress-Situation bei einer seiner Partys den Fehler, sie wegen ihrer Bravheit zu provozieren. Sie solle sich ihre Komplexe abreagieren und mit ein paar Anderen schlafen – einen Vorschlag, den sie noch in der gleichen Nacht umsetzt. Fred reagiert geschockt, ist sich seiner Schuld aber bewusst und macht ihr keine Vorwürfe. Doch das hilft Kirsten nicht mehr, die gegen die moralischen Prämissen verstoßen hatte. Mitten im Verkehr steigt sie aus seinem Auto und verschwindet verzweifelt in der Menge. Die Botschaft an die weiblichen Betrachter war eindeutig. Schon zu Beginn des Films spricht ein auf St.Pauli gegen die Verrohung der Sitten öffentlich auftretender Pfarrer direkt die Frauen an, die mit 20 nur an ihr Vergnügen denken, mit 30 aber ohne Freunde alleine in einer Dachkammer hausen werden. 

„Ein Film voller Pseudoproblematik, der seine Illustriertenherkunft nicht verbergen kann.“ (Lexikon des internationalen Films)

„Die zornigen jungen Männer“ wurde von der Filmkritik wenig positiv besprochen, aber das erklärt nicht, warum der unterhaltsame und abwechslungsreiche, zudem prominent besetzte Streifen fast vollständig aus dem Kino-Gedächtnis verschwand. So inkonsequent seine Mischung aus moralischem Zeigefinger und Gesellschaftskritik sein mochte, sie entsprach dem damaligen Zeitgeist. Deutlich wird in Wolf Rillas Film, dass die „sexuelle Revolution“ 1960 schon voranschritt. Freds Aufforderung an Kirsten griff früh einen Slogan aus den 68ern auf, wurde hier aber noch als negatives Beispiel eines dekadenten Lebenswandels hingestellt. Geholfen hat es nicht. Dem Film erging es wie vielen „Moral-Filmen“ seiner Zeit, die einerseits vor den Verwerfungen einer sich wandelnden Sozialisation warnten, gleichzeitig aber die Sex-Thematik als Aufhänger nutzten. Kombiniert mit der Kritik an einem Wirtschaftswunder-Kapitän – so dezent und wenig generell diese auch ausfiel – wagte sich Rilla damit gleich zweifach auf vermintes Feld. Offensichtlich zu früh, aber heute ein sehr guter Grund, den Film wieder zu entdecken. 

"Die zornigen jungen MännerDeutschland 1960Regie: Wolf RillaDrehbuch: Will Berthold (Roman), Darsteller : Hansjörg Felmy, Joachim Fuchsberger, Horst Frank, Dawn Addams, Hans Nielsen, Gisela Tantau, Armin Dahlen, Laufzeit : 83 Minuten