Mittwoch, 20. März 2013

08/15 (1954) Paul May


Inhalt: Sommer 1939 – der Gefreite Asch (Joachim Fuchsberger) und der Kanonier Vierbein (Paul Bösiger) leisten gemeinsam ihren Wehrdienst ab. Während Asch gut mit dem täglichen Drill zurecht kommt und auch immer wieder Zeit findet, sich den Liebesdingen außerhalb der Kaserne zu widmen, vergeht kein Tag, an dem Vierbein nicht gnadenlos schikaniert wird. Der musisch veranlagte, wenig sportliche junge Mann eignet sich als Opfer für seine Vorgesetzten, die selbst gerne Weib, Alkohol und Gesang frönen, um gleichzeitig von ihren Untergebenen eiserne Disziplin einzufordern.

Als Vierbein brutal zusammen geschlagen wird, reicht es Asch mit den Methoden der Unteroffiziere und er ersinnt einen Plan, diese gegeneinander auszuspielen…


Angesichts der Tatsache, dass sowohl die Romanvorlage von Hans Hellmut Kirst als auch der Film 1954 ein großer Publikumserfolg waren, ist davon auszugehen, dass es sich dabei um ein aus heutiger Sicht eher unkritisches Werk handelt. Betrachtet man allerdings die erhebliche Aufregung, die Kirsts Buch neun Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs verursachte, wird offensichtlich, dass er damit den Nerv seiner Zeit traf. Auch wenn der Begriff „08/15“ ein Maschinengewehr aus der Zeit des 1.Weltkrieges bezeichnete und in der Armee als Synonym für „üblich“ und später „veraltet“ schon lange im Gebrauch war, so ist es dem Film und der Buchvorlage zu verdanken, dass er in den allgemeinen Sprachgebrauch Einzug fand. Ein überzeugenderes Argument für die damalige Bedeutung ist nur schwerlich zu finden.

Als ehemaliger Wehrmachts-Offizier und Lehrer für Kriegsgeschichte verbrachte Kirst nach dem Krieg neun Monate lang in einem amerikanischen Internierungslager, von wo er als „unbelastet“ entlassen wurde. Franz-Josef Strauss warf ihm damals vor, ein Anhänger des Nationalsozialismus gewesen zu sein, und rief 1954 zum Boykott gegen dessen Roman auf. Der Grund lag aber keineswegs in Kirsts Vergangenheit, sondern weil sich dieser mit seiner Trilogie gegen die Wiedereinführung einer deutschen Armee aussprach und sich damit gegen Bundeskanzler Adenauer und dessen Verteidigungsminister Strauss stellte. Aus heutiger Sicht wird deutlich, dass die unterschiedlichen Haltungen - angesichts der damals noch sehr gegenwärtigen Vergangenheit - nicht eindeutig parteipolitisch zugeordnet werden konnten.

Ob die „08/15“ – Trilogie ernsthaft als Gegenargumentation für eine militärische Aufrüstung in Deutschland hinzugezogen wurde, darf zumindest angesichts des Films bezweifelt werden. Zu schmal ist der Grat zwischen Kritik und Faszination an der Armee, als das damit eine eindeutige Ablehnung hätte hervorgerufen werden können. Aber konnte man das von einem langjährigen Soldaten, der ein Buch für eine Bevölkerung geschrieben hatte, deren männlicher Teil selbst größtenteils aus ehemaligen Soldaten bestand, wirklich erwarten? – Das die seriöse Kritik Film und Buch als „trivial“ ablehnten (und damit für eine bis heute gültige Einordnung sorgten), kann nicht als Argument dafür herhalten, dass das damals sehr konservative Feuilleton sich etwa an der mangelnden Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus störte. Viel mehr wurde der umgangssprachliche und plakative Stil kritisiert, der den Film aus heutiger Sicht erst für die Analyse interessant macht und der in seiner Zeit die Massenbegeisterung auslöste.

„08/15“ besitzt einerseits eine Authentizität im Hinblick auf die damalige menschliche Psyche, die selbst durch einen bestens recherchierten Dokumentarfilm nicht mehr so direkt vermittelt werden kann, andererseits - durch seinen fast völligen Verzicht auf den politischen Hintergrund des Nationalsozialismus - eine Allgemeingültigkeit der Beschreibung der inneren Abläufe einer Armee, die bis in die Gegenwart reicht. Dass die zeitgenössische Filmkritik den vulgären Charakter kritisierte, der den Spaß an der Armee betont hätte, mag Mitte der 50er Jahre gerechtfertigt gewesen sein. Heute wirken die Saufgelage und grölend gesungenen Lieder eher abstoßend. Kaum vorstellbar, dass ein junger Mann angesichts des dort gezeigten Treibens, Lust auf das „Abenteuer“ Armee bekommen hätte.

Im Gegenteil besteht heute sicherlich eine höhere Identifikation mit dem sensiblen, musisch veranlagten Kanonier Vierbein (Paul Bösiger), der in „08/15“ als Opfer herhalten muss, und durch die anhaltenden Schikanen beinahe in den Selbstmord getrieben wird. Kirst wollte mit dieser Figur die menschenverachtende und rücksichtslose Seite der Armee demonstrieren, aber an Hand des eigentlichen Helden, Gefreiter Asch (Joachim Fuchsberger), wird seine wirkliche Intention deutlich. Dieser ist zwar ein Freigeist, der dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber steht, aber auch ein besonders guter Soldat. Seine trickreiche Rache an diversen Vorgesetzten erfüllt eher den Komödiencharakter des Films, denn so geschickt er hier auch agiert, wäre er an wirklich hart agierenden Vorgesetzten gescheitert. Letztlich vermittelt „08/15“ keine umfassende Kritik an der Armee, sondern nur an der Inkompetenz und Unmenschlichkeit einiger seiner Mitglieder. Die höchsten Offiziere – hier in Persona des Major Luschke (Wilfried Seyferth) – verhalten sich dagegen immer in der Sache menschlich angemessen und souverän.

Aus heutiger Sicht wirkt „08/15“ verharmlosend. Die Wehrmacht hatte scheinbar mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun und wurde von verantwortlichen Männern geleitet, die auch in der Lage waren, interne Probleme zu lösen. Negative Auswüchse lagen immer nur in der Schuld Einzelner. Doch damit erfasst man nicht Kirsts Leistung, dessen Roman nicht ohne Grund von fast sämtlichen einflussreichen Stellen vehement abgelehnt wurde. Kirst nimmt hier die Position des „kleinen Mannes“ ein, indem er aus der Sicht eines Gefreiten eine Armeezeit schildert, die sicherlich Vielen aus dem Herzen gesprochen hat.

Trotz dieser wenig kritischen Sichtweise, die den niederrangigen Soldaten als Opfer der „Umstände“ stilisiert, überraschen doch viele provokante Details. In seinen besten Momenten, wenn der Film etwa dem schreienden Wachtmeister (Feldwebel) Platzek (Hans-Christian Blech) aufs Maul schaut, nimmt „08/15“ schon Bilder aus Kubricks „Full Metal Jacket“ vorweg. Die Szenen in der Unteroffizierkantine sind in ihrer rohen Vulgarität auch kein Ruhmesblatt für die Armee und die offenkundige Promiskuität, die sämtliche Beteiligten an den Tag legen, haben nichts von dem moralischen Anstand, der auch in der jungen Bundesrepublik noch lange gepredigt wurde. Auch zurückblickend erstaunt die Direktheit, mit der hier Sexualität - auch von weiblicher Seite her - eingefordert und gestattet wird.


Die wenigen Hinweise auf die politischen Verhältnisse (nur Aschs Schwester Ingrid darf als Mitglied des BDM ihre geistige Verwirrtheit bezeugen) lassen sich durch die Konzentration der Handlung auf den Kasernenhof im 1.Teil der Trilogie verkraften. Erst durch das Heraustreten aus dieser geschlossenen Anlage, wird in Teil 2 („08/15 – Zweiter Teil“, 1955) und 3 („08/15  In der Heimat“, 1955) zunehmend deutlicher, wie wenig der populäre Film 1954 in der Lage war, sich den schrecklichen Hinterlassenschaften der Nazi-Diktatur zu widmen.

„08/15“ hat es deshalb zurecht auf keine Liste der Anti-Kriegsfilme oder gar der Filme geschafft, die sich kritisch mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen, aber man sollte seine Funktion trotzdem nicht unterschätzen. Mehr als über die Zeit, zu der die Handlung spielt (sie endet mit dem Beginn des 2.Weltkrieges am 01.09.1939), sagt der Film etwas über das Befinden der Deutschen Mitte der 50er Jahre aus, über ihre Haltung und (mangelnde) Fähigkeit zur Verarbeitung der unmittelbaren Vergangenheit. Und auch über die Qualität der Diskussion, die zur Wiedereinführung einer deutschen Armee führte. Mit einem engagierten Werk wie Wickis „Die Brücke“ (1959) kann „08/15“ nicht mithalten, aber es ist in seiner Popularität näher an den tatsächlichen Empfindungen in Deutschland.

"08/15" Deutschland 1954, Regie: Paul May, Drehbuch: Paul May, Ernst Von Salomon, Hans Hellmut Kirst (Roman)Darsteller : Joachim Fuchsberger, Paul Bösiger, Helen Vita, Hans Christian Blech, Mario AdorfLaufzeit : 103 Minuten 

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