Mittwoch, 27. März 2013

Strafbataillon 999 (1960) Harald Philipp


Inhalt: Während des 2.Weltkriegs genügten kleine Verfehlungen, um wegen Hochverrats oder Feigheit vor dem Feind angeklagt zu werden, in der Regel gefolgt von einem schnell vollzogenen Todesurteil. Doch als der Russland-Feldzug ins Stocken kam, benötigte die Wehrmacht jeden gesunden Mann, weshalb das Strafbataillon 999 ins Leben gerufen wurde, wo wegen geringer Verbrechen vorbestrafte Männer, Kommunisten oder Deserteure versammelt wurden, die zu sogenannten "Himmelsfahrtkommandos" ins Feld geschickt wurden.

Auch Ernst Deutschmann (Georg Thomas), ein Bakteriologe, wurde zum Dienst in dem Strafbataillon verurteilt, weil man ihm Selbstverstümmelung vorwarf, um sich dem Wehrdienst zu entziehen. Tatsächlich unternahm er einen Selbstversuch, um ein Serum zu entwickeln, aber er stand der SS im Wege, weshalb Dr.Kukil (Ernst Schröder), ein ehrgeiziges Parteimitglied, ein entsprechendes Gutachten verfasste. Im Lager trifft er auf weitere, ähnlich bestrafte Soldaten wie den ehemaligen Offizier Von Bartlitz (Werner Hessenland), der gegen den Befehl seiner Vorgesetzten gehandelt hatte, als er mit einem Rückzug das Leben seiner Soldaten rettete. Sie und die anderen verurteilten Kameraden geraten in die Fänge des Hauptfeldwebels Krüll (Werner Peters), der als Schleifer gefürchtet ist...


Als "Strafbataillon 999" 1960 in die deutschen Kinos kam, war das Urteil über den Film schon gesprochen. Die Geschichte basierte auf einem Roman des zwar sehr erfolgreichen, aber vom Feuilleton missachteten Vielschreibers Heinz G.Konsalik, dessen Werke zur Trivialliteratur gezählt werden - eine Einschätzung, die den Autor selbst nicht störte, da er sich seiner großen Leserschaft sicher sein konnte. Auf Grund dieses Erfolges war ein Jahr zuvor mit "Der Arzt von Stalingrad" erstmals einer seiner Romane verfilmt worden, aber diesmal schrieb Konsalik auch am Drehbuch, gemeinsam mit Wolfgang Menge, der bei der Fernsehserie "Stahlnetz" (ab 1958) schon ein gutes Händchen für kontroverse Stoffe bewiesen hatte.

Trotzdem wurde der Film nicht als seriöse Auseinandersetzung mit der Thematik begriffen, obwohl das "Strafbataillon 999" einen hohen Bekanntheitsgrad während des Krieges besaß und bis dahin noch keine historische Aufarbeitung erfahren hatte. Tatsächlich hatte es Konsalik mit der Realität nicht immer genau genommen, wie eine historische Studie Jahrzehnte später feststellen sollte. Er hatte die Situation übertrieben, indem er behauptete, die Männer wären ständig schikaniert und teilweise unbewaffnet an die Front geschickt worden, obwohl die Einheiten auch seriös befehligt wurden, und er hatte den Widerstands-Geist des Strafbataillons nicht erwähnt. Hitler musste die Division (die damals schon trotz ihrer Größe "Bataillon" genannt wurde) mehrfach verlegen oder zurückziehen lassen, da sie - von den politischen Häftlingen unterwandert - Angriffsstrategien verriet oder in großer Zahl zum Gegner überlief.

Zudem hatte Konsalik zur Identifikation einige edle Charaktere entworfen, die nicht nur aus fadenscheinigen Gründen verurteilt worden waren, sondern trotz dieser ungerechten Behandlung jederzeit mutig und fair - auch gegenüber ihrem Heimatland - blieben. Ähnlich wie in der "08/15" - Trilogie von 1954/55 machen zwar feige und sadistische Vorgesetzte den Soldaten das Leben schwer, aber Nazis gab es in der Wehrmacht offensichtlich keine. Einzig zu Beginn, als der Arzt Ernst Deutschmann (Georg Thomas) zu Unrecht wegen Selbstverstümmelung in Berlin verurteilt wird - er hatte im Selbstversuch ein von ihm entwickeltes Serum getestet - werden die Insignien der Machthaber sichtbar, während unter den Soldaten weder Hitlergruß, noch sonst irgendwelche Elogen an den "Führer" zu existieren scheinen.

Auch Sonja Ziemann, der einzige Star des Films, hatte - von kleinen Zugeständnissen an ein weibliches Publikum einmal abgesehen - vor allem die Funktion, den Unterschied zwischen den Schreibtischtätern in Berlin und den tapferen Kämpfern an der Front noch zu betonen. Julia Deutschmann (Sonja Ziemann) versucht die Verurteilung ihres Mannes wieder aufheben zu lassen und muss sich dabei mit dem windigen Arzt und Parteimitglied Dr. Kukill (Ernst Schröder), dessen Gutachten ausschlaggebend für das Urteil war, und dem zuständigen Standartenführer der SS auseinandersetzen. Doch während ihr Mann in Russland in Lebensgefahr gerät und Bomben über Berlin fallen, haben die Herren nur Augen für die schöne Julia, die sie mit eindeutigen Absichten bedrängen.

Der Vorwurf einer historisch ungenauen Darstellung und die Verharmlosung der Rolle der Wehrmacht ist gerechtfertigt, aber darüber hinaus macht "Strafbataillon 999" wenig falsch. So plakativ und mit einfachen Mitteln zuspitzend Konsalik vorgeht, so beeindruckend konkret ist der Film. Schon die ersten Szenen, die beispielhaft die Rigorosität zeigen, mit der die Männer zum Tode oder zum "Strafbataillon 999" verurteilt werden - letztlich gleichbedeutend mit einem Todesurteil - sind von schockierender Wirkung und beleuchten kritisch die unmenschliche Vorgehensweise der Gesetzesvertreter. Auch die Offiziere im Strafbataillon halten sich nicht zurück in ihrer Verachtung für die "Verbrecher", die in ihrer Einheit Dienst schieben müssen, und haben keine Probleme damit, sie in Todeskommandos zu verheizen - Nachschub steht ja genügend zur Verfügung.

Zwar gibt es mit Oberleutnant Obermaier (Heinz Weiss) eine menschlich anständige Ausnahme, aber dem gegenüber steht mit Hauptfeldwebel Krüll (Werner Peters) ein kleingeistiger Feigling, der als sadistischer Schleifer die Soldaten schikaniert. Entscheidend für die Wirkung des Films und seine für die Entstehungzeit Ende der 50er Jahre erstaunlich kritische Haltung, ist nicht diese vertraute Konstellation, sondern das der Film keine Konzessionen an die damaligen (und heutigen) Publikumserwartungen macht. Die langen Kriegshandlungen zum Ende des Films verdeutlichen nur die ausweglose Situation, in die die Soldaten geschickt wurden, und vermitteln keine heroischen Gefühle. Im Gegenteil verhöhnt das konsequente Ende jeden anständigen Gestus und lässt keinen Zweifel an einem Menschen verachtenden System.

"Strafbataillon 999" Deutschland 1960, Regie: Harald Phillip, Drehbuch: Wolfgang Menge, Harald Philip, Heinz G.Konsalik (Roman), Darsteller : Sonja Ziemann, Werner Peters, Georg Thomas, Ernst Schröder, Heinz Weiss, Laufzeit : 104 Minuten

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