Samstag, 23. März 2013

Ein Mann geht durch die Wand (1959) Ladislao Vajda


Inhalt: Herr Buchsbaum (Heinz Rühmann) hat es sich in seinem Leben eingerichtet. Er arbeitet als Finanzbeamter 3.Klasse in einem Büro für Mahnschreiben, lebt alleine in seiner kleinen Wohnung, besitzt kaum soziale Kontakte und seine größte Freude ist es, des abends in sein Briefmarkenalbum zu sehen und von fremden Ländern zu träumen.

Jede unvorhergesehene Veränderung reißt ihn aus seiner scheinbaren Selbstzufriedenheit und bereitet ihm schlechte Laune - egal ob es die neue Nachbarin ist, die ihn im Treppenhaus beschimpft, oder die dilettantische Klaviermusik, die ihn bei seiner abendlichen Meditation stört. Doch erst als mit Herrn Pickler (Hubert von Meyerinck) ein neuer Chef die Büroleitung übernimmt, wird er aus seiner Lethargie gerissen, denn dieser Despot macht ihm das Leben äußerst schwer.

Da kommt ihm eine neu entdeckte Fähigkeit zu Hilfe, die er nachts plötzlich entdeckt - er kann durch Wände gehen...

Heinz Rühmann befand sich nach schwierigen Nachkriegsjahren, die auch mit seiner Rolle im III. Reich zusammenhingen, seit Mitte der 50er Jahre wieder in der Erfolgsspur und drehte einen Kassenknüller nach dem anderen. Inmitten der Vielzahl erfolgreicher Komödien ("Charleys Tante" (1956), "Vater sein dagegen sehr" (1957), "Der brave Soldat Schwejk" (1960)) und moralisch belehrender Filme ( "Der Pauker" (1958), "Der Jugendrichter" (1960)) stechen die zwei Filme hervor, die Rühmann gemeinsam mit dem ungarischen Regisseur Ladislao Vajda drehte - "Es geschah am helllichten Tage" (1958) und "Ein Mann geht durch die Wand".

Obwohl sich beide Filme einem extremen bzw. fantastischem Thema widmeten, waren sie der Wirklichkeit der jungen Bundesrepublik näher als scheinbar realistischere Themen mit Rühmann als Lehrer, Richter oder allein erziehender Vater, denn bei diesen handelte es sich eher um Pseudo-Dramen, in denen Rühmann zwar ein humanistisches Bild seiner Figuren zeichnen konnte, die aber letztendlich nur die moralischen Ansichten ihrer Zeit bestätigten. Während Rühmanns Rollen auch immer Vorbildcharakter hatten und stellvertretend für eine generelle Haltung standen, konzentrierten sich die Filme unter Vajda auf eine individuelle Persönlichkeit. Der Unterschied blieb auch dem damaligen Publikum nicht verborgen, welches "Ein Mann geht durch die Wand" an den Kinokassen durchfallen ließ.

Dabei scheint der Film im Gegensatz zu "Es geschah am helllichten Tage" wieder auf Rühmanns angestammte Rolle als "Kleiner Mann" zurückzugreifen, der sich innerhalb einer scheinbar übermächtigen Umwelt behaupten muss. Doch hier gelang Rühmann als Herr Buchsbaum eine komplexere Sicht auf einen Verlierer, der als Beamter 3.Klasse mit dem Verfassen von Steuer-Mahnschreiben sein Dasein fristet. Seine sozialen Kontakte beschränken sich auf den Besuch eines Malers (Rudolf Rhomberg), dem er sein Erlebnisse mitteilt, während dieser – oft gar nicht zuhörend - seine nicht gegenständliche Kunst malt und ihn ständig um Geld bittet. Rühmann bleibt in seiner Darstellung immer langsam, spricht ruhig ohne besonderen Charme oder Witz und entwirft überzeugend eine Figur, die ihr Leben schon hinter sich hat und in ihrer (Selbst-)Zufriedenheit vor allem nicht gestört werden will. Hätte nicht der Sympathieträger Heinz Rühmann diese Figur verkörpert, wäre Herr Buchsbaum als verschrobener Zeitgenosse angesehen worden.

Dessen Leben wird erst empfindlich zerstört, als er einen neuen Chef bekommt. Statt des gemütlich, freundlichen Vorgesetzten, der ihn sehr schätzte, bekommt er es mit Pickler (Hubert von Meyerinck) zu tun, dessen Name Programm ist, da er über das Gemüt einer preußischen Pickelhaube verfügt. In dieser deutlich überzeichneten, in ihrer Bösartigkeit einseitigen Figur, treffen sich zwei scheinbar gegensätzliche Strömungen - die Vergangenheit mit ihrer autoritätsgläubigen Unterwürfigkeit und die Moderne in ihrer unmenschlichen Effektivität. Durch die Auseinandersetzung mit diesem allgemeinen Feindbild bekommt die Figur des Herrn Buchsbaum erst Profil, denn dieser wehrt sich gegen die Tiraden des neuen Chefs und nutzt seine überraschenden Fähigkeiten, ihn in den Wahnsinn zu treiben.

Zwischen diesen Vorgängen kommt es zu einer Schlüsselszene: Buchsbaum trifft seinen alten Lehrer, der sich darüber wundert, wieso es sein ehemaliger Klassenprimus nicht zu einer besseren Position gebracht hatte. Buchsbaum antwortet ihm, dass sein Leben voller unüberwindbarer Wände sei, worauf dieser entgegnet, dass es keine Wände gäbe, die man nicht bezwingen könnte. Dieser philosophische Ansatz wird in dem nach Marcel Aymé’s Novelle entstandenen Script geschickt umgesetzt, indem Buchsbaum eines Abends zufällig erkennt, dass er durch Wände gehen kann. Überzeugend spielt Rühmann einen Mann, der sich über diese Fähigkeit keineswegs freut, da diese eine unerwünschte Individualisierung bedeutet und erst als der Leidensdruck durch den neuen Vorgesetzten zu groß wird, beginnt er sich seiner neuen Möglichkeiten zu bedienen.

Mit dem Auftauchen des Herrn Pickler verliert „Ein Mann geht durch die Wand“ zunehmend seine Linie und entwickelt sich von der genau beobachteten Psyche eines Einzelgängers, dessen Lebensform durchaus auch ein kritisches Bild auf die Bundesrepublik und ihre Erwartungshaltung an seine Bürger wirft, zu einem typischen Rühmann-Lustspiel. Das liegt keineswegs an dem intelligenten Einfall, seinen Protagonisten durch die Wand gehen zu lassen, sondern ist der Tatsache geschuldet, Rühmann wieder die schon mehrfach gespielte Rolle des einfachen, aber anständigen Bürgers wiederholen zu lassen, die der großen Versuchung zwar einen Moment erliegt, aber letztlich den Pfad der Tugend nicht verlässt.

Die Figur des Herrn Pickler ist zu übertrieben, um damit ernsthaft Kritik an dem Gebaren von Vorgesetzten zu üben, weswegen dessen Demontage fast schmerzhaft populistisch wirkt. Die späteren „Supermann“-Episoden, in denen mit viel Presse-Brimborium Buchsbaums Fähigkeiten begleitet werden, sind natürlich unterhaltend – auch weil Rühmann inzwischen abgeklärter als zu Beginn agiert - ,aber sie verdeutlichen auch die verpassten Chancen, die das Thema in sich barg. Anstatt mit dieser „Super-Fähigkeit“ einen Weg aus der gesellschaftlichen Anpassung zu finden und damit „echte“ Wände zu durchqueren, erfährt Rühmanns Figur nur dahingehend eine Entwicklung, dass er im gesellschaftlichen Sinne „Erfolg“ hat – letztlich ist er am Ende angepasster als zu Beginn. Die Therapie war erfolgreich.

Trotzdem bleibt – neben dem Unterhaltungswert – ein positiver Eindruck zurück, weil die Darstellungen übertriebene Reaktionen vermeiden und selbst das unvermeidliche Happy-End subtil umgesetzt ist. Man muss dem Film im Zeitkontext der späten 50er Jahre und auch hinsichtlich der Erwartungen des Publikums an Heinz Rühmann zugestehen, dass er in seiner ruhigen Erzählform, die auf typische komödiantische Elemente größtenteils verzichtete, trotz der Aufweichung des Konzepts, ein auch aus heutiger Sicht nachvollziehbares Bild der Bundesrepublik entwirft und im Detail entlarvend bleibt.

"Ein Mann geht durch die Wand" Italien 1959, Regie: Ladislao Vajda, Drehbuch: Hans Jacoby, Marcel Aymé (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Hubert Von Meyerinck, Rudolf Vogel, Nicole Courcel, Peter Vogel, Lina Carstens, Fritz Eckhardt, Laufzeit : 99 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Ladislao Vajda:

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