Montag, 16. September 2013

Das schwarze Schaf (1960) Helmut Ashley

Inhalt: Nach dem Ende der sonntäglichen Messe wird direkt neben dem Kirchengebäude ein Toter entdeckt, der offensichtlich mit einem Hammer erschlagen wurde. Nachdem Inspector Graven (Herbert Tiede) erfahren hatte, dass nur ein sehr großer Mann einen solchen Schlag hätte ausführen können, steht sein Urteil fest und er schreitet zur Verhaftung. Doch Pater Brown (Heinz Rühmann) durchschaut im Gegensatz zu ihm den tatsächlichen Tatvorgang und kann den Täter überführen.

Damit schützt er den zu unrecht Verdächtigten vor einer Verurteilung, was ihm entsprechende Zeitungsberichte einbringt, nicht aber die Anerkennung des Bischofs (Friedrich Domin), der zwar die positiven Aspekte seines detektivischen Spürsinns sieht, diese aber im Sinne der Kirche nicht dulden kann. Um weitere Nebentätigkeiten zu unterbinden, versetzt er Pater Brown zu einer neuen Gemeinde, in der es schon viele Jahre keine Verbrechen mehr gegeben hat…


Dass Heinz Rühmann in "Das schwarze Schaf", der Ende 1960 in die Kinos kam, erstmals die Romanfigur "Father Brown" des englischen Kriminalbuchautors G.K. Chesterton verkörperte, hatte mehrere Ursachen. Zwei Jahre zuvor hatte er einen Polizeioffizier in "Es geschah am hellichten Tag" (1958) gespielt, an dessen Drehbuch neben Friedrich Dürrenmatt auch Hans Jacoby beteiligt war, der seit "Vater sein dagegen sehr" (1957) an den meisten Rühmann-Filmen dieser erfolgreichen Phase mitgearbeitet hatte. Gemeinsam mit István Békeffy schrieb er Heinz Rühmann die Rolle des "Pater Brown", wie die Figur in der deutschen Version heißt, auf den Leib - ein gottesfürchtiger, moralisch integrer Mann, dem Obrigkeitsdenken, Vorurteile und blinder Gehorsam fremd sind.

Diese Konstellation hatte neben der altersgerechten Rolle für den knapp 60jährigen Rühmann den Vorteil, dass sie keine Relativierungen benötigte, wie sie in seinen Filmen mit Familienanhang in der Regel vorgesehen wurden. Der katholische Priester Pater Brown (Heinz Rühmann) ist nur seiner Haushälterin Mrs. Smith (Lina Carstens) verpflichtet, die gezwungen ist, seine ständigen Umzüge mitzumachen. Und natürlich Gott, dessen Güte er für die Entstehungszeit des Films erstaunlich liberal auslegte. Nicht nur der ehemalige Einbrecher Flambeau (Siegfried Lowitz) gehört zu seinen Freunden, auch sonst erweist sich Pater Brown als tolerant. Souverän bewältigt er den ersten, zur Einführung des Protagonisten nur kurz geschilderten Kriminalfall des Films damit, dass er eine junge Prostituierte zu Hilfe holt, um ihren als Mörder überführten Vater dazu zu überreden, sich der Polizei zu stellen. Die sachliche Schilderung dieser Situation kommt ohne moralische Fingerzeige aus, womit sich der Film deutlich von seinen in dieser Zeit entstandenen Filmen wie "Ein Mann geht durch die Wand" (1959) oder "Max, der Taschendieb" (1962) unterschied, in denen Rühmanns Verstöße gegen die bürgerliche Ordnung jeweils in gesellschaftlicher Anpassung endeten.

Hier dagegen nicht. Auch wenn die Kirchenführung in Person des Bischofs (Friedrich Domin) gelassen auftritt und Browns Verdienste durchaus zu schätzen weiß, hinterlässt sie einen ungerechtfertigt strengen Eindruck. Aus heutiger Sicht einer säkular geprägten Gesellschaft wirkt diese Kritik an der katholischen Kirche zwar sehr dezent, bewies 1960 aber Mut, auch wenn Chesterton seine "Father Brown"-Romane freier auslegte. Sein "Father" war als "Weltgeistlicher" kein an einen festen Ort gebundener Priester, so dass er auch in einem Gefängnis in Chicago arbeiten konnte. Die meisten Fälle fanden aber in England statt, dessen Bewohner größtenteils der "Church of England" angehören, weshalb das Umfeld keineswegs so homogen wie im Film ausfiel. Um das in Deutschland gewohnte christliche Ambiente mit dem britisch geprägten Hintergrund verbinden zu können, wurde die Handlung ins streng katholische Irland verlegt. Angesichts dieser Bemühungen wird deutlich, dass Heinz Rühmanns Interpretation eines unvoreingenommenen Geistlichen, der konsequent seinen Überzeugungen folgt, auch wenn diese gegen die Anordnungen seiner Vorgesetzten verstoßen, im Zeitkontext modern angelegt war.

Zu Hilfe kam ihm dabei die allgemeine Begeisterung für Kriminalfilme im deutschen Kino, die seit der Edgar-Wallace-Verfilmung "Der Frosch mit der Maske" (1959) große Erfolge feierten - ein weiterer Anlass für die Entstehung der Pater Brown-Filme. Mit Fritz Rasp und Siegfried Lowitz gehörten zudem zwei prägende Edgar-Wallace-Darsteller der ersten Stunde zur Besetzung, aber die Einflussnahme erfolgte gegenseitig. Komponist Martin Böttcher wurde mit der Pater Brown-Erkennungsmelodie bekannt, bevor er im Jahr darauf begann („Der Fälscher von London“, 1961), auch die Musik zu Edgar-Wallace-Filmen zu schreiben. 1962 landete er mit der Musik zum Karl May-Film "Ein Schatz im Silbersee" seinen größten Erfolg. Auch Helmut Ashley, der nach vielen Jahren als Kameramann erstmals Regie führte, sollte zwei Jahre später die Leitung eines Edgar-Wallace-Films ("Das Rätsel der roten Orchidee" (1962)) übernehmen. Beim zweiten Pater-Brown Film "Er kann's nicht lassen" (1962) war zudem Egon Eis, unter dem Pseudonym Trygve Larsen einer der Initiatoren der Wallace-Reihe, für das Drehbuch verantwortlich und die "Omnia Deutsche Film Export", maßgeblich an der "Mabuse" - Filmreihe ("Die 1000 Augen des Doktor Mabuse" (1960)) beteiligt, übernahm den Vertrieb.

Entsprechend wenig fiel „Das schwarze Schaf“ stilistisch aus dem Rahmen. Etwas weniger reißerisch als die Wallace-Filme oder das „Mabuse“ – Franchise angelegt, ist den klar strukturierten Schwarz-Weiß-Bildern ihr Bemühen um die Darstellung einer anrüchigen „Halbwelt“ deutlich anzumerken. Auch die klischeehaften Charaktere können ihre deutsche Herkunft nicht verleugnen, vermitteln weder irisches Lokalkolorit, noch Internationalität und könnten eins zu eins in einem Edgar-Wallace-Film mitspielen. Ähnliches ließe sich zu dem wie gewohnt konstruierten Kriminalfall feststellen, dessen Aufklärung nicht nur das „Kaninchen aus dem Hut“, sondern den vollkommen unnötig geäußerten Hinweis eines Beteiligten benötigt - gäbe es nicht Heinz Rühmann als Pater Brown. Seine differenziert gespielte Figur besitzt deutlich mehr Profil als die üblichen Polizeioffiziere in den Wallace-Krimis, weshalb seine Eigensinnigkeit, gepaart mit Humor dem „Schwarzen Schaf“ bis heute einen vergnüglichen, altmodischen Charme verleihen kann.

"Das schwarze Schaf" Deutschland 1960, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Hans Jacoby, István Bekéffy, G.K.Chesterton (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Lina Carstens, Siegfried Lowitz, Fritz Rasp, Karl Schönböck, Friedrich Domin, Maria SebaldtLaufzeit : 89 Minuten

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