Samstag, 25. April 2015

Mädchen hinter Gittern (1965) Rudolf Zehetgruber

Inhalt: Während sie die Reizwäsche ihrer Mitinsassinnen der Erziehungsanstalt von der Trockenleine holt, erzählt Uschi (Elke Aberle) der Neuen, was deren Besitzerinnen so alles auf dem Kerbholz haben – Prostitution, Stripteasetänzerin oder die Verkuppelung von Klassenkameradinnen an alte Männer. Nur bei Karin (Heidelinde Weis) zögert sie, denn deren Schuld ist nicht nur ein großes Geheimnis, sondern sie gilt als besonders schwieriger Fall, weshalb sie von der Heimleitung in einem Einzelzimmer eingesperrt wurde.

Deshalb wird sie auch nicht Zeuge der Ankunft des neuen Pfarrers (Harald Leipnitz), der mit frischen, neuen Ideen der weiblichen Jugend den rechten Weg weisen will und sogleich eine überzeugende Vorstellung seines Könnens gibt. Er greift zur Gitarre und veranlasst die Mädchen mit schmissigen Rhythmen zum gemeinsamen Singen. Dass er diese Stellung antrat, hatte er Karin zu verdanken, die seinen Vorgänger vergrault hatte. Und sie lässt keinen Zweifel daran, auch ihn möglichst schnell wieder loswerden zu wollen…


Mit "Mädchen hinter Gittern"  setzte die PIDAX am 24.03.2015 die Reihe der moralisch-pädagogisch geprägten Filme der Nachkriegszeit weiter fort. Erstmals auf DVD veröffentlicht brach der Film des im Heimatfilm-Genre groß gewordenen Regisseurs Rudolf Zehetgruber, der später mit seiner Filmreihe über den Wunder-Käfer "Dudu" bekannt werden sollte, schon in die Phalanx der frühen Erotikfilme ein und spiegelte die Übergangs-Phase zwischen Moral-Drama und Sex-Film Mitte der 60er Jahre stimmig wider (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 



Schon in der unmittelbaren Nachkriegszeit, noch vor der Konstituierung der beiden deutschen Staaten, entstanden erste Filme, die konkret an die Moral der Jugendlichen appellierten. Offensichtlich galt es einer möglichen Kriminalisierung innerhalb dieser unsicheren und noch wenig regulierten Phase entgegenzuwirken, denn Filme wie "Wege im Zwielicht" (1948) oder "Mädchen hinter Gittern" (1948) zeigten die Konsequenzen für die jugendlichen Straftäter auf, auch wenn die des Mordes verdächtigte Hauptdarstellerin in "Mädchen hinter Gittern" am Ende rehabilitiert wird. Ab Mitte der 50er Jahre wurden diese pädagogisch motivierten "Moral-Filme" zu einem festen Bestandteil der Kinolandschaft ("Die Halbstarken" (1956)), mit der die Produzenten auf die sozialen Veränderungen in den 50er Jahren reagierten, gleichzeitig aber auch die Sensationslust der Zuschauer befriedigten. Getarnt als Warnung vor dem moralischen Verfall war es möglich, tabuisierte Themen wie unehelicher Geschlechtsverkehr, Prostitution oder Homosexualität zu behandeln, selbst einzelne Nacktdarstellungen konnten die sehr konservative FSK auf diese Weise passieren ("Anders als du und ich (§175)", 1957).

Die Reihe dieser die unaufhaltbare Modernisierung der Gesellschaft widerspiegelnden Dramen („…und sowas nennt sich Leben“, 1961) setzte sich bis zum Sex-Film der späten 60er Jahre konsequent fort. Missachtet von der seriösen Kritik, traf ihr verruchter, oft spekulativer Charakter zwar den Geschmack des Publikums, gerieten sie auf Grund ihrer Zeitgeist-Nähe aber schnell in Vergessenheit. Das galt auch für den 1965 entstandenen „Mädchen hinter Gittern“, der nicht zufällig den Titel des ebenfalls von Arthur Brauner produzierten 48er-Films zitierte. Regisseur Rudolf Zehetgruber schrieb zwar ein eigenes Drehbuch, orientierte sich in der Grundanlage einer wegen Mordverdachts inhaftierten Jugendlichen aber an dem Nachkriegsfilm und passte die Thematik an die wesentlich freizügigeren 60er Jahre an. Er schuf damit ein Werk, das genau zwischen Moral- und Sex-Film angesiedelt war und exemplarisch für diese Übergangsphase steht.

Betrachtet man den Werdegang des Regisseurs, überrascht vordergründig dessen Wahl eines solchen Filmstoffs - ein Eindruck, der täuscht. In den Anfängen seiner Karriere als Regie-Assistent stand der Wiener Zehetgruber dem Heimatfilm sehr nahe, dessen moralischer Auftrag nur ein volkstümliches Äußeres wählte. Besonders in der Spätphase des Genres, Ende der 50er Jahre, wurde die Trennlinie zwischen Heimat- und Moralfilm immer schmaler. In „Der Priester und das Mädchen“ (1958) unter der Regie Gustav Ucickys, dem Zehetgruber assistierte, spielten die schöne Landschaft und das dörfliche Umfeld nur noch eine Nebenrolle in einer Beziehungsgeschichte zwischen junger Frau, ihrem Verlobten und einem Priester. Das Drehbuch über die Fragilität des Zölibats verfasste Werner P. Zibaso, der später zu den aktivsten Autoren im Erotik-Film gehörte („Madame und ihre Nichte“, 1969). Selbst Regie führte Zehetgruber erstmals in einem Heimatfilm-Schwank mit dem vielsagenden Titel „Das Dorf ohne Moral“ (1960), bevor er sich intensiv dem Kriminalfilm widmete („Die schwarze Kobra“, 1963), der in Folge des Edgar-Wallace-Hypes exploitive Elemente auf der Kinoleinwand gesellschaftsfähig machte und ebenfalls zu einem Wegbereiter des Sex-Films wurde.

Ideale Voraussetzungen für „Mädchen hinter Gittern“, der kaum noch verklausuliert zwischen moralischem Zeigefinger und voyeuristischen Einblicken wechselte. Zwar spielt die Story in einer geschlossenen Besserungsanstalt für straffällig gewordene weibliche Jugendliche, aber trotz des manchmal strengen Blicks der Heimleiterin (Adelheid Seeck) erinnert der Charakter der Einrichtung mehr an eine Jugendherberge als eine staatliche Anstalt. Entsprechend klingt die Aufzählung der Straftaten durch die knuffige Uschi (Elke Aberle), für die die Mädchen „einsitzen“ müssen – Nymphomanie, Prostitution, Kuppelei - mehr nach Ritterschlag als Sozialdrama. Das gab Zehetgruber gleich zu Beginn die Möglichkeit, an Hand einer fröhlichen Duschszene wippende Brüste einzufangen. Auch der erste Auftritt von Harald Leipniz als neuem Fürsorge-Priester Johannes gerät zur Pop-Veranstaltung. Zuerst noch gelangweilt „Lang, lang ist’s her“ vor sich hin brummend, genügen ein paar Gitarren-Riffs durch den „modern denkenden“ Geistlichen, um bei den jungen Damen Tanzbuden-Feeling zu verbreiten. Widerstand, Frust, Perspektivlosigkeit? – Fehlanzeige.

Denn dafür ist allein Heidelinde Weis in ihrer Rolle als Karin zuständig. Ein besonders schwerer Fall, weshalb sie in einer Art Einzelzelle eingesperrt ist. Berührungspunkte zwischen ihrem dramatischen Schicksal und dem sonstigen Lagerleben gibt es fast nur über die allgegenwärtige Uschi, weshalb die damals schon bekannte Heidelinde Weis in keiner der Gemeinschafts-Nacktszenen mitwirkte. Auch Uschi-Darstellerin Elke Aberle wurde offensichtlich für keine der freizügigen Rollen gecastet, weshalb sie meist dann noch hochgeschlossen herumläuft, wenn ihre Mitinsassinnen längst ihre lästige Anstaltsuniform abgelegt haben. Begründet wird das mit ihrer komischen Art, kann aber nicht kaschieren, wie widersprüchlich Zehetgruber seine erzählerische Anlage entwickelte. Während er in der Rahmenhandlung die Erwartungen an einen Film über „leichte“ Mädchen erfüllte, sind es ausgerechnet erotische Aufnahmen, die Karin ins Unglück stürzten. Der gewissenlose Fotograf Frank Albin (Harry Riebauer) hatte zuerst ihre Mutter (Helga Marlo) erpresst und dadurch den Freitod ihres Vaters verursacht, bevor er auch Karin mit Marihuana süchtig machte und ebenfalls in kompromittierenden Posen fotografierte.

Dass Niemand durch ein paar Züge an einer Haschisch-Zigarette drogenabhängig und willenlos wird, hatte sich Mitte der 60er Jahre bestimmt auch bis zu Zehetgruber herumgesprochen. Offensichtlich sollte die Warnung vor Drogen möglichst eindrucksvoll erfolgen, weshalb Heidelinde Weis hier alle Register eines „kalten Entzugs“ zog, den ihr Pfarrer Johannes spontan verordnete, nachdem ihm klar wurde, weshalb die liebe Karin so renitent auftrat. Darüber ließe sich hinwegsehen, hätte es der Film gewagt, ihre Figur ein wenig zwiespältig zu belassen. Stattdessen erweist sie sich als reine Unschuld. Nicht nur, dass sie ohne ihr Wissen abhängig gemacht wurde, auch der angeblich von ihr erschlagene Fotograf erfreut sich bester Gesundheit, wodurch sie am Ende vollständig rehabilitiert wird. Bleibt nur die Frage offen, warum sie dann überhaupt in dem Heim bleiben musste? – Wussten weder das Jugendgericht, noch ihre sorgende Mutter davon? – Die Antworten gaben die Regeln des „Moral“-Films. Deren Botschaft galt nicht den „gefallenen“ Mädchen, sondern einer noch unschuldigen weiblichen Jugend, um diese vor den Gefahren freizügiger Sexualität und Drogen zu bewahren. Karins Odyssee sollte aufzeigen, in welche Situation auch ein anständiges Mädchen geraten konnte.

Dass diese Warnung beim Publikum ankam, ist anzuzweifeln. Zu offensichtlich bediente Zehetgruber mit den komödiantischen Szenen um die vielen hübschen Anstaltsinsassinnen den männlichen Voyeurismus. „Mädchen hinter Gittern“ wurde in seiner widersprüchlichen Inszenierung ein Abbild der Übergangsphase Mitte der 60er Jahre – teils Erotik-Film, teils Drama voll rückständiger Moralvorstellungen. Unter diesem Gesichtspunkt ein sehenswerter und jederzeit amüsanter Einblick in damalige Denkmuster.

"Mädchen hinter Gittern" Deutschland 1965, Regie: Rudolf Zehetgruber, Drehbuch: Rudolf Zehetgruber, Darsteller : Heidelinde Weis, Harald Leipnitz, Elke Aberle, Harry Riebauer, Sabine Bethmann, Adelheid Seeck, Ursula Herking, Uta LevkaLaufzeit : 90 Minuten

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