Mittwoch, 22. Mai 2013

Liane, das Mädchen aus dem Urwald (1956) Eduard von Bosordy


Inhalt: Eine internationale Gruppe um Thoren (Hardy Krüger) und die Ärztin Dr. Jacqueline Goddard (Irene Galter) forscht im afrikanischen Dschungel, als Thoren plötzlich eine verwilderte junge, weiße Frau (Marion Michael) entdeckt, was ihm zuerst Niemand glaubt. Doch wenig später, nachdem er von afrikanischen Stammeskriegern überwältigt wurde, ist sie es, die ihm die Freiheit schenkt, denn sie wird im Dschungel als Göttin verehrt. Als Thoren noch überlegt, wie er sich ihr nähern könnte, wird das Mädchen von anderen Mitgliedern der Gruppe gefangen und ins Lager gebracht.

Um ihre Identität festzustellen – sie trägt ein Amulett mit einem „L“ – funken sie ihre Entdeckung in die Welt hinaus, worauf auch der Hamburger Reeder Amelongen (Rudolf Forster) aufmerksam wird, der seine damals 2jährige Enkelin bei einem Schiffsunglück in der Region verloren glaubte. Sie hieß Liane und die Beschreibung könnte passen. In Begleitung von Thoren und dem Afrikaner Tanga (Jean Pierre Faye) wird Liane nach Hamburg gebracht, um sie dem Reeder vorzustellen, aber nicht alle freuen sich über ihre Ankunft…


Die Wildnis fernab zivilisatorischer Errungenschaften erlaubte eine Ausnahme von vorherrschenden konservativen Moralvorstellungen. Das galt nicht nur in literarischer Form, sondern frühzeitig für den Film, der "Tarzan" schon in der Stummfilmzeit eine leicht geschürzte Jane zur Seite stellen konnte, deren gemeinsames Leben im Baumhaus die Fantasien beflügelte, so brav dieses auch geschildert wurde. Der Mitte der 50er Jahre in Deutschland veröffentlichte Roman „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ der sonst unbekannt gebliebenen Schriftstellerin Anne Day-Helveg bediente sich ungeniert dieser "Tarzan" - Thematik, um die Geschichte eines weißen und - wie sich später herausstellen sollte - deutschen Mädchens im Dschungel zu erzählen, dass nicht zum muskelbepackten Helden, sondern zum Opfer verschiedener Interessen wird.

Am trivialen Inhalt dieser Story bestand kein Zweifel, aber die Mischung aus afrikanischer Exotik und einem blonden deutschen Mädchen war so erfolgreich, dass die filmische Umsetzung nicht lange auf sich warten ließ. Anders als künstlerisch ambitionierte Werke, sind es die am Massengeschmack orientierten Filme, die den damaligen Zeitgeist exakter widerspiegeln können, was die Analyse jenseits der inhaltlichen Qualität interessant werden lässt. Die Story selbst ist von so einfacher Machart, dass sie mit wenigen Worten zusammen gefasst werden kann - eine internationale Forschergruppe entdeckt im afrikanischen Dschungel zufällig eine junge hellhäutige Frau, fängt sie und bringt sie nach Deutschland, wo sie sich als Enkeltochter eines reichen Hamburger Reeders herausstellt. Da dieser schon seinen Neffen als Alleinerben eingesetzt hatte, gefährdet sie dessen Position, was dieser mit verbrecherischen Mitteln zu verhindern versucht.

Nicht dieser vorhersehbare Ablauf, sondern die Details, hinsichtlich der Geschlechterrollen, der Bewertung der Nationalitäten bis zur modernen Unternehmungsführung, lassen tief in die bundesrepublikanische Seele Mitte der 50er Jahre blicken. Das Projekt "Liane, das Mädchen aus dem Urwald" wurde entsprechend strategisch angegangen. Mit dem österreichischen Kameramann, Drehbuchautor und Regisseur Eduard von Bosordy stand ein erfahrener Leiter zur Verfügung, der schon in den 30er Jahren mehrere Abenteuerfilme gedreht hatte ("Kautschuk" (1938), "Kongo-Express" (1939)) und nach dem Krieg vor allem Komödien inszenierte, darunter kurz zuvor "Dany, bitte schreiben Sie" (1956) mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack in den Hauptrollen. Der schillernde Drehbuchautor Ernst von Salomon hatte schon bei der Umsetzung der „08/15“-Trilogie bewiesen, dass er keine Berührungsängste vor populären Stoffen hatte und mit Hardy Krüger verpflichtete man einen jungen, aufstrebenden Darsteller für die männliche Hauptrolle, der nicht ohne Grund einer der wenigen auch in Hollywood erfolgreichen deutschen Schauspieler werden sollte. Es ist vor allem seiner lässigen, sich nie ganz ernst nehmenden Umsetzung der Rolle zu verdanken, dass die hier gezeigten Klischees noch halbwegs erträglich blieben.

Die Auswahl der weiblichen Hauptrolle war nicht nur die schwierigste Aufgabe, sondern lässt die Veränderungen in der Bewertung von Erotik und Sexualität seit Mitte der 50er Jahre besonders deutlich werden. Heute in einer Zeit ständiger Verfügbarkeit von Pornografie, wäre es publizistischer Selbstmord eine 16jährige für eine Nacktrolle zu verpflichten – der Verdacht, damit pädophile Neigungen zu bedienen, läge zu nah, auch weil eine junge Erwachsene die Rolle gleichwertig spielen könnte. Die damaligen Produzenten des Films benötigten dagegen einen besonders unschuldig wirkenden, jugendlichen Typ, um die sehr dezenten Nacktbilder auf die Leinwand bringen zu können. Jede direkte Erotik musste vermieden werden, wozu auch Marion Michaels betont verspieltes Agieren beitrug. Selbst als sie die Hand von Thoren (Hardy Krüger) auf ihre bedeckte Brust legt - ein von ihr im Dschungel erlerntes Zeichen, um Zuneigung auszudrücken – vermittelt diese Handlung keine Sexualität. Das gilt auch für ihr Vorleben im Dschungel, denn obwohl sie in Tanga (Jean Pierre Faye) einen afrikanischen Beschützer hat, der auch mit ihr nach Deutschland reist („Er darf in der Küche essen“), war es unvorstellbar, das sie etwas miteinander gehabt hätten. Sie verliebt sich selbstverständlich in den deutschen Protagonisten, drückt diese Gefühle aber mit kindlicher Begeisterung aus, auf die Hardy Krüger mit einem gewissen väterlichen Verständnis reagiert, die Liebkosungen dabei freundlich abwehrend – Marion Michael durfte gar nicht erwachsen wirken.

Wie verlogen und kalkuliert diese Konstellation war, wird an der zweiten weiblichen Rolle offensichtlich, der französischen Ärztin Dr. Jacqueline Goddard (Irene Galter), die auch in Thoren verliebt ist. Durch einen Zufall erfährt er davon, macht aber deutlich, dass sie ihm zu intelligent und gebildet sei. Heute wäre eine solche Aussage ein Armutszeugnis für einen coolen Typen – zumindest würde es keiner mehr zugeben – damals war die Botschaft eindeutig. Die Beziehung des moralisch integren, männlichen Helden, der im Gegensatz zu den übrigen weißen Männern sogar die afrikanischen Ureinwohner für menschliche Wesen hält - wenn auch zweiter Klasse - zu einer unschuldigen, zu beschützenden jungen blonden Frau, war die Idealform der Erotik. Diese musste so unterschwellig wie möglich formuliert werden, um zwar einen gewissen Skandal hervorzurufen, den Film letztlich aber fast ungeschnitten in die Kinos zu bekommen. Die Rechnung ging an den Kinokassen auf, nicht aber für Marion Michael, deren früher Erfolg in dieser wenig die Reputation fördernden Rolle die erwartbaren Konsequenzen nach sich zog. Nachdem mit einem noch schwächeren Sequel „Liane, die weiße Sklavin“ (1957) finanziell nachgelegt wurde, reichte es später trotz einer schauspielerischen Ausbildung nicht mehr für weitere Erfolge. Nach schweren Depressionen entschied sich Marion Michael 1979 in die DDR umzuziehen, da die Menschen aus ihrer Sicht dort harmonischer miteinander umgingen.

Mit dem Österreicher Reggie Nalder verkörperte ein auf Finsterlinge festgelegter Mime den Gegenspieler Viktor Schöninck, der die Firma seines Onkels Theo Amelongen (Rudolf Forster) leitet und durch das Wiederauftauchen von Enkeltochter Liane (Marion Michael) seine Rolle als Alleinerbe gefährdet sieht. Doch schon bevor er sein intrigantes Spiel beginnt, wird er als Firmenchef diskreditiert. Ein Besuch seines Onkels in dessen Büro genügt diesem, um zu erkennen, dass statt tüchtiger Arbeiter nur junge Damen im Vorraum sitzen, die sich die Fingernägel lackieren. Was der alte Patriarch vom modernen Berufsleben hält, steht damit außer Frage, so wie sich Lianes Erziehung darauf beschränkt, die Höflichkeitsformeln zu lernen und in Pumps über Hamburgs von Luxuskarossen befahrenen Straßen zu stöckeln. Dass sie am Ende wieder in den Dschungel zurückkehrt, bedeutet keineswegs eine Kritik an der deutschen Zivilisation, sondern ermöglicht nur, erneut einen Schuss Exotik und barbusige afrikanische Tänzerinnen zu zeigen, deren Anblick der deutschen Prüfstelle - im Gegensatz zu dem der nackten weißen Frau - keinen Anlass zur Sorge bot. Damit schließt sich der Kreis eines Films, der einerseits ein rückwärts gewandtes Weltbild betonte, andererseits keine Hemmungen darin zeigte, sexuell verklemmte Bedürfnisse zu bedienen.

"Liane, das Mädchen aus dem Urwald" Deutschland 1956, Regie: Eduard von Bosordy, Drehbuch: Ernst von Salomon, Thomas Fough, Anne Day-Helveg (Roman), Darsteller : Marion Michael, Hardy Krüger, Irene Galter, Peter Mosbacher, Rudolf Forster, Reggie Nalder, Laufzeit : 78 Minuten

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