Sonntag, 20. Oktober 2013

Was der Himmel erlaubt (All That Heaven Allows, 1955) Douglas Sirk

Inhalt: Cary Scott (Jane Wyman) ist eine angesehene Bürgerin ihrer Kleinstadt. Nach dem Tod ihres Mannes kümmert sich nicht nur ihre beste Freundin Sarah (Agnes Moorehead) um sie, auch die übrigen Bewohner versuchen die Witwe wieder in das tägliche Leben zu integrieren, denn die Mittvierzigerin lebte zuletzt stark zurückgezogen und kümmerte sich nur noch um ihre erwachsenen Kinder, wenn diese sie einmal besuchten. Als sie sich erstmals wieder bei einem gesellschaftlichen Ereignis zeigt, sind auch die männlichen Verehrer nicht weit, die sich um die attraktive Frau bemühen.

Doch ihr sind die direkten Annäherungsversuche der älteren Herren unangenehm. Dagegen gefällt ihr die Anwesenheit ihres Gärtners Ron (Rock Hudson), der sich höflich und wohltuend zurückhaltend verhält. Sie beginnt sich langsam dem einige Jahre jüngeren Mann anzunähern. Cary ist erstmals seit dem Tod ihres Mannes wieder in der Lage, Gefühle zuzulassen, aber sie rechnet nicht mit dem vehementen Widerstand nicht nur ihrer Mitbürger, sondern besonders ihrer Kinder…


Eine Frau und ein Mann verlieben sich, wollen heiraten, trennen sich nach einem Streit und versöhnen sich wieder - die Story, die Douglas Sirk in "All that heaven allows“ (Was der Himmel erlaubt) erzählt, klingt vordergründig üblich und ist in ihrer Umsetzung doch bis heute einzigartig. Selbst die wenigen Remakes (darunter herausragend "Angst essen Seele auf" (1974) von Rainer Werner Fassbinder) verbeugen sich vor dem Original, indem sie dieses nicht kopierten, sondern im jeweiligen Zeitkontext interpretierten. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Sirk hier eine Geschichte erzählte, die in ihrer Struktur bis heute aktuell blieb.

Sirks Gestaltung des Films wird durch den Vergleich mit dem ein Jahr zuvor gedrehten Film "Magnificent Obsession" (Die wunderbare Macht, 1954) nachvollziehbar. Auch dort spielten Jane Wyman und Rock Hudson schon das Liebespaar, um das sich alles drehte, aber der Grund für den gesellschaftlich motivierten Widerstand gegen ihre Verbindung lag nicht am jeweiligen Status, sondern in den emotionalen Verstrickungen, die ihnen die bewusst unrealistisch konstruierte Story auferlegte. Ob Sirk der kritische Ansatz zu schwach war, lässt sich nur vermuten, aber "Was der Himmel erlaubt" wurde trotz ähnlicher gestalterischer Mittel in seiner Aussage konkreter.

Der Handlungsspielraum beschränkt sich auf einen sehr kleinen Bereich  - eine amerikanischen Kleinstadt und ihre Umgebung - und ist in ihrer Anlage von zeitloser Realität. Cary Scott (Jane Wyman), eine wohlhabende Witwe Mitte 40, lebt allein in ihrem großen Haus und kümmert sich um ihre zwei erwachsenen Kinder Kay (Gloria Talbott) und Ned (William Reynolds), wenn diese am Wochenende vom Studium nach Hause kommen. Gesellschaftlich ist sie sehr anerkannt, Mitglied des örtlichen Clubs und wird von ihrer besten Freundin Sarah (Agnes Moorehead) umsorgt, die sie auch dazu bringt, endlich einmal wieder an einem gesellschaftlichen Ereignis in der Stadt teilzunehmen.

Sirk inszeniert diese Abläufe im Stil amerikanischer Familienfilme, die in ihrer sozialen Dichte immer Idealtypisch wirken. Doch es sind die Details, die die unter der freundlichen Oberfläche verborgenen Zwänge verraten. Mit völliger Selbstverständlichkeit werden von allen Beteiligten Verhaltensweisen vorausgesetzt, nach der eine allein stehende Frau mittleren Alters zu agieren hat. Dabei wird ihr sogar nahe gelegt, sich einen neuen Mann zu suchen (auch von ihren Kindern), was einige der in Frage kommenden älteren Herren auf den Plan bringt. Deren teilweise rücksichtslos forderndes Verhalten lässt erste Risse im beschaulich harmonischen Beieinander erkennen, führt aber zu keinerlei Konsequenzen, da männliche Eroberungsmuster von den Frauen akzeptiert werden.

Typisch für Sirks Filme sind die großen Zeitsprünge zwischen einzelnen Szenen, mit denen er einerseits seine Story vorantreibt, andererseits das Gewicht der Handlung auf punktuelle Momente legt, während er Einwicklungen dazwischen nicht genauer schildert, sondern nur deren Auswirkungen verdeutlicht. Da er diese Zeitsprünge nicht äußerlich demonstriert, erfordert das vom Betrachter ein genaueres Hinsehen und erspüren der Veränderungen. So entwickelt er auch sensibel und in der zeitlichen Abfolge nachvollziehbar die Beziehung zwischen Cary und Ron (Rock Hudson), den sie kennenlernt, als er sich um den Garten ihrer Villa kümmert.

Diese sehr genaue und emotional nachfühlbare Beziehungsentwicklung ist von wesentlicher Bedeutung für das Gelingen des Films, da Sirk so dem Betrachter die Reinheit dieser Liebe demonstrieren kann, die emotional über den geforderten Verhaltensregeln anzusiedeln ist. Auch wenn die Beziehung einer älteren Frau zu einem jüngeren Mann - noch dazu unterschiedlichen Standes – heute nicht mehr über den damaligen provokanten Status verfügt, so lässt sich die Wirkung auf das damalige Publikum leicht nachvollziehen. Die Vorurteile, denen sich Cary durch ihre unmittelbare Umgebung ausgesetzt sieht, entsprachen einer generellen gesellschaftlichen Haltung und kein Satz, der in diesem Film fällt, und keine Reaktion (auch ihrer Kinder) wirken übertrieben oder gewollt gehässig. Angesichts der gleichzeitigen Akzeptanz, mit der sich eine junge Frau einen älteren reichen Mann nehmen konnte (von Sirk genüsslich demonstriert), kann man sich nicht des Gefühls erwehren, dass sich seit damals nicht viel verändert hat.

Dank des melodramatisches Ambientes, der bunten Farben und des überzeugenden Spiels seiner beiden Stars (deren Altersunterschied in "Magnificant Obsession" keine Rolle spielte), gelang es Sirk, das Publikum gegen ihre üblichen Vorurteile für das Paar einzunehmen. Zusätzlich noch gefördert durch Rons sehr sympathischen, männlich ruhigen Charakter, der verlässlich im amerikanischen Geist verankert ist. Auf Grund der wiederholt verwendeten Stilelemente werden Sirks Melodramen häufig nach ähnlichen Gesichtspunkten beurteilt, dabei überzuckerte er damit nur einen realen Konflikt, der als ernstes Drama beim Publikum kaum eine Chance gehabt hätte und nicht zu dem großen Erfolg geführt hätte. Nur an wenigen Details ließ Sirk die dahinter verborgene Ironie deutlich erkennen, etwa als er im letzten Bild den Hirsch, den Ron zuvor gefüttert hatte, noch einmal durchs Bild laufen lässt.


"Was der Himmel erlaubt" verfügt keineswegs über einen religiösen Hintergrund, wie der Titel vermuten lassen könnte, sondern betont im Gegenteil, das auf Erden nicht viel erlaubt ist. Sirk gelang damit das seltene Kunststück, einen so unterhaltenden wie berührenden Film für das große Publikum zu drehen, der in der Lage ist, Vorurteile anzugreifen und den Betrachter unmerklich dazu zwingt, sein Wertesystem zu hinterfragen.

"All that heaven allows" USA 1955, Regie: Douglas Sirk, Drehbuch: Edna L.Lee, Harry Lee, Peg Fenwick, Darsteller : Jane Wyman, Rock Hudson, Agnes Moorehead, Gloria Talbott, William Reynolds, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Detlef Sierck / Douglas Sirk:

"Zu neuen Ufern" (1937)
"La Habanera" (1937)
"Magnificent obsession" (Was der Himmel erlaubt, 1954)
"The tarnished angels" (Duell in den Wolken, 1957)

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