Sonntag, 18. September 2016

Von der Liebe besiegt (1956) Luis Trenker

Inhalt: Der Ingenieur Mario Clar (Wolfgang Preiss) wird zwar aus der Haft entlassen, aber nur bedingt unter der Auflage, nicht das Land zu verlassen. Nach wie vor gilt er als Hauptbeschuldigter an dem Einsturz einer Eisenbahnbrücke, bei dem in den Schweizer Bergen fast 40 Menschen starben. Clar bewahrt vor seiner 12jährigen Tochter, die ihn im Gerichtsgebäude freudig abholt, zwar Ruhe, aber seine Entscheidung steht schon fest. Er schreibt ihr, die bei seiner geschiedenen Frau (Marina Ried) lebt, noch einen Abschiedsbrief und begibt sich in die Berge, wo er sich in die Tiefe stürzen will.

Sein Plan misslingt, weil er einen Hirten durch herunterfallende Felsbrocken verletzt, die sich bei seinem hastigen Aufstieg lösen. Unter größter Anstrengung gelingt es ihm, den alten Mann bis zum Arzt (Armin Schweizer) des kleinen Bergdorfs zu tragen, wo er eine Nacht in einem Hotel verbracht hatte. Er selbst fällt vor Erschöpfung in einen ohnmachtsartigen Schlaf. Als er erwacht, sieht er nicht nur in das Gesicht der Arzttochter (Marianne Hold), die ihn gepflegt hatte, auch seine Ex-Frau und sein Compagnon Leo Seduc (Fritz Tillmann) stehen bald vorwurfsvoll in seinem Zimmer. 


Luis Trenker als launiger Gastgeber mit Marianne Hold und Wolfgang Preiss

"Von der Liebe besiegt" kam in der Hochphase des Heimatfilms in die deutschen Kinos, steht aber für den Beginn und das Ende der Film-Karrieren zweier prägender Genre-Repräsentanten. Letztmals führte Luis Trenker hier Regie nach eigenem Drehbuch, gleichzeitig wurde es sein vorletzter von vier Langfilmen mit der von ihm 1950 ("Barriera a Settentrione" (Duell in den Bergen)) entdeckten Marianne Hold. Diese war zwar schon mehrfach in tragenden Rollen besetzt worden, aber erst der wenige Monate zuvor herausgekommene "Die Fischerin vom Bodensee" (1956) ließ sie zum großen Heimatfilm-Star der späten 50er Jahre aufsteigen. Zudem agierte der damals 64jährige Trenker hier das letzte Mal selbst auf der Kinoleinwand. Ganz klassisch als Bergführer, der ein Rettungskommando anführt und - wie seit den 20er Jahren im Berg-Film gewohnt - persönlich in die Felswand steigt (siehe "Im Zenit des Wirtschaftswunders - der Heimatfilm der Jahre 1955 bis 1957"). 

Trotzdem blieb seine Rolle austauschbar und ohne Relevanz für die eigentliche Handlung. Er gefällt als launiger Hausherr einer hochgelegenen Berghütte und am Ende als Retter des verunglückten Mario Clar (Wolfgang Preiss), aber den Job hätte auch ein Anderer übernehmen können. Mit den Ereignissen, die erst zu den dramatischen Konsequenzen im Hochgebirge führten, hatte Trenkers Figur nichts zu tun. Das galt mit Abstrichen auch für Marianne Hold als Arzttochter, auch wenn der Titel „Von der Liebe besiegt“ etwas anderes vermitteln sollte. Entstanden war das Drehbuch nach Trenkers Roman „Schicksal am Matterhorn“ und es spricht viel dafür, dass der Film auch ursprünglich unter diesem Namen herauskommen sollte. Offensichtlich wollten die Macher die wachsende Popularität der Hauptdarstellerin nutzen, obwohl ihre Rolle dem Klischee widersprach.

Schon zu Beginn des Films ließ Trenker keinen Zweifel daran, dass Angela Gassard (Marianne Hold) nicht zum Genre-gewohnten Typus der Dorfschönheit gehörte, die nur auf den richtigen Kerl wartet. Ihr ganzes Auftreten als Tochter des ortansässigen Arztes (Armin Schweizer) zeugt von Eigenständigkeit und Selbstbewusstsein. Der kernige Bergführer Beni Kronig (Robert Freitag) schenkt ihr zwar aus Italien geschmuggelte Schuhe, aber Chancen hat er bei ihr keine. Da muss schon ein Mann wie der Ingenieur Mario Clar auftauchen – älter, gebildet, weltgewandt – um sie zu begeistern. Doch nicht er bemüht sich um sie, sondern sie kümmert sich um den psychisch schwer angeschlagenen Mann. Zwar den Anstand wahrend, ist sie es, die ihm mit ihrer Liebeserklärung wieder Lebensmut gibt.

Die Figur des Ingenieurs war im Heimatfilm nicht ungewöhnlich, denn der Kontrast Stadt/Land ließ sich in der Konfrontation eines rein nach rationellen Gesichtspunkten vorgehenden Planers mit einer traditionell lebenden Bevölkerung dramaturgisch zuspitzen. Das Ergebnis war zwiespältig. Einerseits wurde die heile Welt der Berge idealisiert, andererseits galten Talsperren, Brücken- und Tunnelbauwerke Mitte der 50er Jahre als Zeichen von Fortschritt und Schaffenskraft. Dieser Disput setzte sich auch in der Charakterisierung des Ingenieurs fort, der je nach Gesichtspunkt als Eindringling oder Heilsbringer angesehen wurde. Für eine positive Ausrichtung half die Verwurzelung in der Heimat. Der junge Mann, der nach Jahren der Ausbildung als Fachmann zurückkehrt („Waldrausch“ (1955)), verband Tradition und Zukunft in idealer Weise.

Leo Seduc (Fritz Tillmann) und seine Frau (Marina Ried) mit dem Abschiedbrief

Auch in „Von der Liebe besiegt“ ist dieser Konflikt gegenwärtig, fand aber auf einer anderen Ebene statt. Für Luis Trenker, der erst kurz zuvor seine Dokumentation „Gold aus Gletschern“ (1956) über den Bau des Wasserkraftwerks Kaprun herausgebracht hatte, ist der Ingenieur eine integre Figur. Auch wenn Mario Clar unter Vorbehalt aus dem Gefängnis entlassen wurde, weil er im Verdacht steht, den Einsturz einer Eisenbahnbrücke in den Bergen verursacht zu haben, bei dem viele Menschen starben. Die Gefahren erkannte Trenker dagegen in den Geschäftemachern, deren Streben nicht dem technischen Fortschritt galt, sondern allein ihrer persönlichen Bereicherung. Fritz Tillmann spielte den so verschlagenen wie gewieften Bauunternehmer Leo Seduc, der minderwertige Baustoffe bei dem Brückenbau einsetzte, um seine hohen finanziellen Bedürfnisse befriedigen zu können. Trotzdem sitzen ihm die Gläubiger weiterhin im Nacken, weshalb er einen perfiden Plan ersinnt, der den Tod des Ingenieurs mit einbezieht.

Die Dramatik entwickelt sich in Trenkers Film aus dem Spannungsfeld von Idee und Kapital, der Gegenüberstellung von untadeligem Forschungsgeist mit rücksichtslosem Profitdenken. Dass es sich bei dem Bauunternehmer und dem Ingenieur um Partner handelt, Leo Seduc zudem die Ex-Frau (Marina Ried) seines Compagnons geheiratet hatte und damit auch eine Art Stiefvater für dessen 12jährige Tochter wurde, verlieh der Handlung eine Komplexität, die sich auch in der ungewöhnlichen Charakterisierung des männlichen Helden widerspiegelte. Wolfgang Preiss strahlte in seinem Spiel zwar Ernsthaftigkeit und Anstand aus, aber als geschiedener Mann und Vater, der sich in die Berge begibt, um dort Suizid zu begehen – er gibt sich die Schuld an dem Tod der Verunglückten – war er Mitte der 50er Jahre ein denkbar ungeeigneter Kandidat für die Rolle des Liebhabers. Und bedurfte eines ebenso untypischen weiblichen Gegenparts.

Trotz der Berührung damaliger Tabus und einer nicht nur für den Heimatfilm außergewöhnlichen Drehbuch-Anlage, ist Trenkers Spätwerk in Vergessenheit geraten und zählt auch nicht zu Marianne Holds populären Filmen. Erklärbar wird das durch die fehlende Konsequenz, die Ausgangssituation aufrecht zu erhalten. Ist die Figur des Bauunternehmers zuerst noch differenziert gestaltet, wird er zum Ende hin zum panisch reagierenden Hasardeur. Es ist kaum noch vorstellbar, wie dieser Mann der langjährige Partner des Ingenieurs sein konnte und als Ehemann seiner Ex-Frau in Frage kam. Parallel zu dieser in die negative Einseitigkeit abdriftenden Charakterisierung wurde die männliche Hauptrolle aufgewertet. Dessen Selbstmord-Gedanken werden zunehmend in Richtung finanzielle Verantwortung für die Tochter gewandelt, die nach seinem vorgetäuschten Unfall-Tod eine hohe Versicherungssumme erhalten soll. Tatsächlich hat es Leo Seduc auf das Geld abgesehen.

Mehr noch widersprach das abschließende Kapitel des Films den zuvor aufgebauten Qualitäten, denn er gab dem Film eine Wendung in typische Heimatfilm-Gefilde. Mit einer mehr als dürftigen Begründung schickte er den Ingenieur und den bisher nur als Nebenfigur aufgefallenen Bergführer auf die Berggipfel, wo es zum klassischen Drama im Kampf um das weibliche Objekt kommt. Passend zu ihrer passiven Rolle trug Marianne Hold plötzlich Tracht, nachdem sie zuvor pragmatisch-modern gekleidet war. Geholfen hat es dem Film nicht, dessen aufgesetzt wirkendes Ende die Erwartungshaltung an einen Heimatfilm nicht mehr befriedigen konnte. Trenkers „Von der Liebe besiegt“ kam zwar nicht ohne Klischees aus, verband in seiner Anlage aber Elemente der Bergromantik mit den sozialen Veränderungen der 50er Jahre. Die Anspielungen auf Missstände der „Wirtschaftswunder“-Zeit, die Veränderungen im Familienbild sowie die selbstbewusst gestaltete Frauenrolle sind überraschend modern für das Genre und laden zu einer Wiederentdeckung ein. 

"Von der Liebe besiegtDeutschland 1956, Regie: Luis Trenker, Drehbuch: Kurt Heuser, Luis Trenker (Roman), Darsteller : Marianne Hold, Wolfgang Preiss, Fritz Tillmann, Robert Freitag, Marina Ried, Luis Trenker, Laufzeit : 92 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Luis Trenker: 

"Der Berg ruft!" (1938)

Keine Kommentare:

Kommentar posten