Dienstag, 24. Dezember 2013

Herrenpartie (1964) Wolfgang Staudte

Inhalt: Gemeinsam mit seinem Sohn Herbert (Götz George) und dem heimatlichen Männer-Gesangsverein, dem er vorsteht, verbringt Friedrich Hackländer (Hans Nielsen) seinen Urlaub in Jugoslawien an der Adria - selbstverständlich jederzeit bereit, in ein gemeinsames Lied zur Erbauung ihrer Umgebung einzustimmen. Auch vor ihrer Abfahrt zu einem neuen Ziel genießen sie noch einmal den Applaus, der für längere Zeit ihr letzter sein wird.

Auf Grund von Straßenbauarbeiten werden sie mit ihrem Kleinbus zu einem Umweg gezwungen, der sie über Serpentinen durch die karge Felslandschaft führt. Als ihnen das Benzin ausgeht, sind sie gezwungen den Wagen abzustellen, aber zu ihrer Freude entdecken sie ein Dorf ganz in der Nähe, von wo sie sich Hilfe erhoffen. Tatsächlich scheint ihr Ankunft sämtliche Bewohner aus den Häusern zu treiben, bei denen es sich ausschließlich um schwarz gekleidete Frauen handelt. Doch willkommen sind sie nicht...


Nach dem frühen Tod des Regisseurs und Produzenten Harald Braun endete 1960 das Projekt der gemeimsam mit Wolfgang Staudte und Helmut Käutner gegründeten Produktionsfirma FFP, die mit  "Der Rest ist Schweigen" (1959) und "Kirmes" (1960) zwei Filme herausgebracht hatte, die sich ohne die zu dieser Zeit notwendigen Relativierungen der jüngeren deutschen Vergangenheit gewidmet hatten. Im Gegensatz zu dem satirischen Film "Rosen für den Staatsanwalt" (1959), den Staudte zuvor erfolgreich in die Kinos gebracht hatte, verzichteten sie in ihrer ernsthaften Auseinandersetzung auf Konzessionen an den Publikumsgeschmack, weshalb sie bei der Kritik und an der Kinokasse durchfielen.

Nach "Kirmes" dauerte es vier Jahre - zwischendurch arbeitete Wolfgang Staudte für das Fernsehen ("Die Rebellion", 1962) oder verfilmte Klassiker wie die "Dreigroschenoper" (1962) - bis er noch einmal die Gelegenheit bekam, einen gesellschaftskritischen Film zu drehen - nach einem Drehbuch von Werner Jörg Lüddecke, mit dem er 1951 erstmals bei "Das Beil von Wandsbek" zusammen gearbeitet hatte. Der Film kam eher zufällig in einer deutsch-jugoslawischen Co-Produktion zustande, denn ursprünglich war Staudte das Manuskript zu dem Kriminal-Thriller "Der Sturm wird schweigen" angeboten worden, das er dankend ablehnte. In der Regel waren es damals Karl-May-Verfilmungen, die unter deutsch-jugoslawischer Hoheit entstanden - die jugoslawische Firma "Avala" war 1964 noch an "Old Shatterhand" und "Der Schut" beteiligt - aber als Lüddecke, statt wie gefordert "Der Sturm wird schweigen" zu überarbeiten, sein Drehbuch zu "Herrenpartie" vorlegte, war nicht nur Staudte, sondern auch die jugoslawische Seite sofort damit einverstanden.

Autor Lüddecke hatte zuvor schon mit "Nachts, wenn der Teufel kam" (1956) und "Das Totenschiff" (1959) bewiesen, das er kritische Themen unterhaltsam zu präsentieren wusste. Nach seiner Novelle entstand 1965 mit "Morituri" (1965) ein Hollywood-Film mit Marlon Brando und Yul Brynner in den Hauptrollen und für Regisseur Jürgen Roland lieferte er später die Drehbücher zu "Die Engel von St. Pauli" (1969), "St. Pauli Report" (1971) und "Zinksärge für die Goldjungen" (1973). Auch "Herrenpartie" ist die Verortung im Unterhaltungsfilm deutlich anzumerken - die achtköpfige Männer-Gesangsgruppe um deren Leiter Friedrich Hackländer (Hans Nielsen), Dirigent Werner Drexel (Rudolf Platte), sowie dem jungen, durchtrainierten Götz George als Hackländers Sohn Herbert absolviert ihre Dialoge im hohen Tempo und kommt schnell zur Sache. Der Beginn des Films, wenn sich Herbert (Götz George) mit offenem Hemd am Strand von Freunden verabschiedet, während die älteren Herren alle in Shorts am Bus noch schnell ein Ständchen zum Besten geben, erinnert nicht zufällig an eine Komödie.

Diesen Charakter behält "Herrenpartie" bis zum Schluss, häufig untermalt von rhythmisch-jazziger Musik oder dem Gesang der Männergruppe. Auch die naiv bis selbstgefälligen Kommentare zu Land und Leute in dem bei den Deutschen sehr beliebten Urlaubsland an der Adria und dem nicht ohne Eigenlob betonten Ansinnen, als höflicher Gast im Ausland auftreten zu wollen, weist Parallelen zu diversen Komödien der 50er und 60er Jahre auf, in denen deutsche Touristen, meist als Nebenfiguren auftretend, karikiert wurden. Als die acht Männer nach einer Autopanne - der Benzintank ist leer und die nächste Tankstelle weit entfernt - in ein abgelegenes Bergdorf verschlagen werden, dass nur von Frauen bewohnt wird, scheinen alle Voraussetzungen an eine konstruierte Komödien-Handlung erfüllt.

Doch das Gegenteil tritt ein, ohne dass es die acht Männer merken. Vollständig auf Urlaub, Sonnenschein und gute Laune eingestellt, verstehen sie die feindselige Haltung der in Schwarz gekleideten Frauen lange Zeit nicht. Selbst als diese weder bereit sind ihnen zu helfen, noch sie in irgendeiner Form willkommen heißen, glauben sie an ein Missverständnis auf Grund der Sprachbarriere und versuchen mit gutem Willen das Eis zu brechen - mit einem gesanglichen, zackig deutschen Willkommensgesang. "Herrenpartie" lässt nicht einfach zwei Welten, sondern zwei unterschiedliche Filmgenres aufeinander prallen. Während der Charakter der Story um die Männergruppe ihren unterhaltenden Gestus, auch als es zu Streitigkeiten zwischen den Protagonisten kommt, nicht verliert - die gefährliche Tragweite des Geschehens wird den Deutschen nie ganz bewusst - schildert Staudte die Lebensverhältnisse der jugoslawischen Frauen als Drama im neorealistischen Stil.

Sie haben die Hinrichtung ihrer Männer und Söhne durch die deutschen Soldaten im 2.Weltkrieg bis heute nicht überwunden und leben in fortdauernder Trauer. Miroslava (Mira Stupica) erkennt im Verhalten der deutschen Touristen das der früheren Besatzer wieder - ein Eindruck, der sich mit jedem weiteren Schritt der Männer, es sich im Ort ohne die Hilfe der Einwohner einzurichten, verstärkt, bis sich die Situation zuspitzt. Vergleichbar zu der anfänglich karikaturhaft wirkenden Gestaltung der Deutschen, scheint auch der seit fast zwanzig Jahren unverändert andauernde Hass der Frauen zuerst überzeichnet, aber zunehmend erweisen sich sämtliche Verhaltensmuster als Abbild der Realität.

Den Männern fehlt jedes Einfühlungsvermögen für die Situation der Frauen, da sie ihre eigene Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus verdrängt haben und sich keiner Schuld bewusst sind. Gleichzeitig verfallen sie angesichts der ihnen entgegen gebrachten und als ungerecht empfundenen Feindseligkeit in typische Muster, die den Eindruck der Einwohnerinnen noch verstärken, es mit deutschen Eindringlingen zu tun zu haben. Mit Herbert und der einzig nicht schwarz gekleideten, jung und modern wirkenden Seja (Milena Dravic) verfügen beide Seiten über scheinbar unbelastete Charaktere, die aber nicht als Vorbild idealisiert werden. Herbert freundet sich mit der kleinen Lia, dem einzigen Kind des Dorfes, an, deren Vertrauen den Männern später das Leben retten wird, und übt auch einige Male heftig Kritik, aber er bleibt trotzdem ein homogener Teil der Gruppe und bricht nicht mit ihr, ebenso wie Seja zwar versucht, Miroslava in ihrem Feldzug gegen die deutschen "Spießer" zurückzuhalten, nicht aber ihre solidarische Haltung mit den anderen Frauen verrät und zur versöhnlichen Anführerin wird.

"Herrenpartie" vermeidet in einer nur selten erreichten Konsequenz jede Eindeutigkeit. Nichts in diesem Film lässt sich einseitig bewerten, beginnend bei einem Stil, dessen Interpretation als "pendelnd zwischen politischer Satire und Schicksalstragödie" erst die Hilflosigkeit verdeutlicht, dem Film irgendeinen Rahmen geben zu wollen. Staudte und Lüddecke gelang es, widerstreitende Empfindungen gleichzeitig zuzulassen – Schuld und Unschuld, Hass und Verzeihen lassen sich hier genauso wenig auseinander dividieren wie tragische oder komische Momente. Wenn Friedrich Hackländer zum Schluss „Wir Deutschen sind immer bereit, schnell zu vergessen“ sagt, dann ist diese Aussage sowohl komisch, als auch tragisch in ihrer Ignoranz, und der Anblick der geistig verwirrten Mutter, die der Gesangsgruppe hinterher läuft, um ihnen selbst gebackenes Brot für ihren Sohn anzubieten, dessen Tod durch Erschießen sie nicht verkraftet hat, ist in seiner Absurdität gleichzeitig zum Lachen und zum Weinen.

Diese Komplexität, die nicht beruhigt und weder Lösungen, noch eindeutig Schuldige präsentiert, wurde „Herrenpartie“ zum Verhängnis – bis heute wurde Staudtes Film nicht rehabilitiert, dessen Aufführung in „Cannes“ von der damaligen deutschen Regierung untersagt wurde und ihm heftige persönliche Kritik einbrachte. Unterhaltung oder politisches Kino? – „Herrenpartie“ entschied sich nicht, wählte keinen künstlerisch zurückhaltenden, ausgewogenen Gestus, sondern nahm sich einer ernsten Thematik in Form einer Räuberpistole an, indem er einen deutschen Männer-Gesangsverein in den Bergen Montenegros auf eine Horde wilder Witwen treffen ließ, die zu Waffen und Sprengsätzen greifen – eine explosive Mischung, die in diesem grandiosen und in seiner Unfassbarkeit einmaligen Film nichts von ihrer Wirkung verloren hat.

"Herrenpartie" Deutschland, Jugoslawien 1964, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Werner Jörg Lüddecke, Arsen Diklic, Wolfgang Staudte, Darsteller : Götz George, Hans Nielsen, Rudolf Platte, Herbert Tiede, Mira Stupica, Milena Dravic, Laufzeit : 87 Minuten

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