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Donnerstag, 9. Februar 2017

Junge Adler (1944) Alfred Weidenmann


Dr. Voß (Paul Henckels) ist von Theos (Dietmar Schönherr) Leistungen nicht angetan
Inhalt: Theo Brakke (Dietmar Schönherr) lässt sich nach seinem Sieg in der Einer-Regatta feiern, aber sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, hat kein Verständnis für solche Vergnügungen, so lange die Schulleistungen des Gymnasiasten nicht in Ordnung sind. Theos Lehrer Dr. Voß (Paul Henckels) sieht nur noch geringe Chancen für ein erfolgreiches Abitur, was den Jungen nicht daran hindert, anstatt zu lernen in der Gastwirtschaft eine Runde auszugeben. Wie gewohnt lässt er anschreiben, da er nicht genügend Geld hat, aber nachdem er zudem noch in betrunkenem Zustand das Auto des Gastwirts (Aribert Wäscher) beschädigt hatte, wendet sich dieser direkt an seinen Vater. 

Sein Vater (Herbert Hübner), Direktor der Flugzeug-Werke, zieht die Konsequenz
Den Autoschaden erwähnt er nicht, aber die Zeche lässt er sich bezahlen, worauf Theo von seinem Vater zur Rede gestellt wird. Während er noch nach Ausflüchten sucht, ist die Entscheidung des Vaters schon gefallen. Er nimmt ihn vom Gymnasium und lässt ihn in seiner Fabrik zum Flugzeug-Mechaniker ausbilden. Er hofft, dass der verwöhnte Junge in der Gemeinschaft der Lehrlinge zur Vernunft kommt. Doch anders als Bäumchen (Hardy Krüger), der trotz seines jungen Alters mit Begeisterung in sein erstes Lehrjahr startet, tut sich Theo in der ungewohnten Umgebung schwer und kann sich nicht anpassen. Auch seine Kameraden, die ihm offen begegneten, reagieren verärgert…  


 Von "Junge Adler" (1944) bis "Weg in die Freiheit" (1952)

Seit den frühen 30er Jahren gehörten Alfred Weidenmann, Jahrgang 1916, und Herbert Reinecker, 1914 geboren, zu den führenden Köpfen in der Propaganda-Abteilung der Hitler-Jugend. 1935 mit 19 Jahren drehte Weidenmann seinen ersten Film für die HJ, seit 1942 war er Leiter der Hauptabteilung "Film" in der Reichsjugendführung, in deren Presse- und Propagandaamt Herbert Reinecker seit 1935 tätig war. Im 2. Weltkrieg gehörte er als Kriegsberichterstatter zu einer Propagandakompanie der Waffen SS. Mit "Hände Hoch! " hatte Weidenmann zwar 1942 seinen ersten abendfüllenden Spielfilm gedreht, aber erst "Junge Adler" sollte das erste gemeinsame Projekt der langjährigen Freunde werden. Und der Beginn einer Zusammenarbeit, die bis ins hohe Alter andauern sollte. Noch in den späten 90er Jahren drehte Weidenmann Folgen für die TV-Krimiserie "Derrick" auf Basis der Drehbücher Reineckers.

Nach "Junge Adler" kam es aber auf Grund des Zusammenbruchs des Nationalsozialismus mit dem Kriegsende 1945 zu einer längeren Schaffenspause. Weidenmann geriet in Kriegsgefangenschaft und schrieb nach seiner Entlassung Jugendbücher, Reinecker erhielt keine Anstellung als Journalist und arbeitete für einen Pressedienst. Der Kurzfilm "Illustrierte" wurde 1951 ihr erstes gemeinsames Projekt nach dem Krieg, mit "Ich und du" folgte 1953 ihr erster Kinofilm seit "Junge Adler" - nicht zufällig wieder mit Hardy Krüger in der Hauptrolle, der inzwischen zum Star avanciert war. Schon im Jahr darauf brachten sie mit "Canaris" einen der ersten Filme heraus, der sich kritisch mit der nationalsozialistischen Vergangenheit auseinandersetzte, auch wenn das Ergebnis umstritten war. Bemerkenswerter ist aber ihr Kurzfilm "Weg in die Freiheit" von 1952, der den deutschen Filmpreis für das "Beste Drehbuch" erhielt und als "Film, der das soziale Problem eindrucksvoll behandelt" ausgezeichnet wurde. Erneut standen junge Männer im Mittelpunkt und ihre Eingliederung in die Gesellschaft.

 
Begeistert verfolgen die angehenden Mechaniker einen Probeflug
Propagandaminister Joseph Goebbels vermutete angesichts des Misserfolgs des Films an den Kinokassen, dass man „augenblicklich keine politischen Filme sehen will“ (Quelle: Peter Longerich, Goebbels, Biographie, S.563). Vielleicht hätte ihm mehr zu denken geben sollen, dass „Junge Adler“, der seine Uraufführung am 24. Mai 1944 aus Anlass des 10jährigen Jubiläums des Filmschaffens der Hitler-Jugend in Anwesenheit hoher Parteifunktionäre erlebte, mit der damaligen Lebenswirklichkeit der Zuschauer nichts gemein hatte. Das galt auch für einen Kostümfilm wie den sehr erfolgreichen „Münchhausen“ von 1943, aber „Junge Adler“ betonte seinen Realitätsbezug und spielte unter den Auszubildenden einer großen Flugzeug-Werft. Hakenkreuze und Uniformen der Hitlerjugend – Symbole des Alltags, die im Unterhaltungsfilm sonst streng vermieden wurden – gehörten ebenso dazu, wie der Firmenchef, der Ausbilder oder der tägliche Leistungsdruck. Realistisch war daran trotzdem nichts.

So jung "Bäumchen" (Hardy Krüger) ist, Angst vorm Fliegen kennt er nicht
Das lag weniger an der Abwesenheit eines Kriegs, der längst in alle Lebensbereiche vorgedrungen war, als an der künstlichen Idealisierung einer Arbeitswelt, in der das Individuum zugunsten eines homogenen Gemeinschaftsgefühls vollständig zurücktrat. An der Qualität der Mitwirkenden lag es nicht. Regisseur Alfred Weidenmann und sein befreundeter Co-Autor Herbert Reinecker, beide langjährige verdiente Mitglieder der Hitlerjugend, ließen kaum einen Kniff aus, um dem Eindruck einer Gleichschaltung entgegenzuwirken. Ihre abwechslungsreiche, schnell geschnittene Inszenierung spielte geschickt auf der Klaviatur der Emotionen, unterstützt von einer Darstellerriege talentierter Newcomer. Für Dietmar Schönherr, Gunnar Möller und Eberhard „Hardy“ Krüger wurde „Junge Adler“ nicht zufällig der Ausgangspunkt einer großen Karriere.

Noch tanzt Theo aus der Reihe, aber bald schon...
Besonders der knapp 16jährige, noch kindlich wirkende Hardy Krüger – damals Schüler der Adolf-Hitler-Schule in Sonthofen –, der spielend die gesamte Bandbreite von Trauer bis zur Berliner Schnauze abdeckte, lieferte ein Identifikations-Musterbeispiel ab. Was war daran nicht individuell? - Gleiches galt auch für den von Dietmar Schönherr gespielten Fabrikanten-Sohn Theo Bracke, dessen selbstgefälliges Auftreten und schlechte Schulleistungen seinen Vater (Herbert Hübner) dazu veranlassen, ihn vom Gymnasium zu nehmen, um ihn zum Flugzeugmechaniker ausbilden zu lassen. Für den Schnösel sozusagen die Höchststrafe. Schönherr spielte die eingebildete Sportskanone, die seine Zeche nicht zahlt, das Auto des Gastwirts beschädigt und ihn noch erpresst, ihn nicht anzuzeigen, so überzeugend, dass Jeder ihm diese Konsequenz gegönnt haben wird.

...trennen ihn Welten von seinem dicklichen Kumpel aus Schulzeiten
Das lässt übersehen, dass sein Vater nicht mehr aus der Position eines nachsichtigen Verwandten, sondern aus der des Staats handelte, der noch einen letzten Versuch unternimmt, den jungen Mann zu einem nützlichen Mitglied der Gemeinschaft zu erziehen. Dass die anderen Lehrlinge nicht feindselig auf den Abkömmling der Oberschicht reagieren, wie man hätte erwarten können, sondern ihm trotz seines schlechten Benehmens noch eine Chance geben, idealisierte die Kameradschaft als einen Ort, der über jedem Klassendenken steht. Dass diese vermeintliche Offenheit an Bedingungen geknüpft war, wird schon an der Eingangssequenz deutlich, in der Theo überlegen ein Rennen im Einer-Rudern gewinnt. Anders als sein dicklicher Klassenkamerad, über den sich der Film lustig macht, verfügt Theo über die geforderten körperlichen und geistigen Grundlagen. Ihm fehlt es nur an der notwendigen Charakterbildung.

Spatz (Gunnar Möller) erkennt die Qualität in Wolfgangs Komposition
Männlich konnotierte Verhaltensmuster wie Technikbegeisterung, Mut, Leistungswille, Wettbewerb auf allen Ebenen und klare Ansprachen im Fall von Meinungsverschiedenheiten sind hier selbstverständliche Voraussetzungen. Der begnadete Musiker Wolfgang (Robert Fillippowitz), die einzige Figur, der ein gewisses Maß an Ängstlichkeit und Verzagtheit zugestanden wird, stellt seine Kunst in den Dienst der gemeinsamen Sache. Eine Ausnahme, die nur gewährt wird, weil seine Kameraden sie gemeinschaftlich mittragen. Entscheidend für diese künstlich überhöhte Homogenität ist der Verzicht auf Weiblichkeit. Darüber kann auch die Rolle von Theos älterer Schwester Annemie (Gerta Böttcher) nicht hinwegtäuschen, die ungewöhnlich oft bei den Auszubildenden vorbei sieht und sich zum dezenten Love-Interest des Ausbildungsleiters Roth (Willy Fritsch) entwickelt. Lässt sich die Abwesenheit gleichaltriger Mädchen mit der konservativen Moral erklären, ist das Fehlen der Mütter signifikant. Selbst Theo und Wolfgang, die einzigen Figuren mit familiärem Hintergrund, werden nur mit ihren gestrengen Vätern konfrontiert.

Ausbildungsleiter Roth (Willy Fritsch) und "Vater" Stahl (Albert Florath)
Auch Emotionen wie Heimweh oder Sehnsucht nach mütterlicher Fürsorge – bei Jungen dieses Alters normale Gefühle – existieren hier nicht. Die Gruppe wird zur Familie, der Ausbildungsleiter Roth sowie „Vater“ Stahl (Albert Florath), ein früherer Seemann, der sich um die Ausrüstung der Jungen kümmert, treten an die Stelle der Eltern. Willy Fritsch als stets gut aufgelegter Vorgesetzter, der immer ein offenes Ohr für seine „Jungs“ hat, ist der unrealistischste Charakter des Films. Strenge muss er nicht walten lassen, da ihm die Lehrlinge sein ihnen gewährtes Vertrauen zurückgeben. Nicht korrektes Verhalten wird auf Männerart innerhalb der Gruppe geklärt. Alfred Weidenmann und Herbert Reinecker leisteten gute Arbeit. Sie entwarfen einen Lebensraum, dessen Anziehungskraft verständlich ist. Aufgehoben in einer klar definierten Gemeinschaft, geleitet von einer gerechten Vaterfigur, eine spannende und anspruchsvolle Tätigkeit, Sport und Spaß in der Freizeit – welcher Junge sollte sich das nicht wünschen? 

Roth mit der allgegenwärtigen Alibi-Frau Annemie (Gerta Böttcher)
 „Junge Adler“ wurde nach dem Krieg als nationalsozialistischer Propagandafilm verboten, erhielt 1980 aber eine Freigabe ab 6 Jahren und war bis 1996 auf Video käuflich erwerblich. Erst seitdem wird er als „Vorbehaltsfilm“ eingestuft, der nur mit einer fachlichen Einführung öffentlich gezeigt werden darf. Angesichts eines Films, der den Charakter eines dreiwöchigen Ferienlagers mit Arbeitseinsatz vermittelt, scheint diese Maßnahme übertrieben. Hinterfragt werden sollte in diesem Zusammenhang Joseph Goebbels Einordnung als „politischer Film“. Sieht man von den Insignien der NSDAP einmal ab, wirkt in „Junge Adler“ vordergründig wenig politisch. Weder gibt es Aussagen über den Verwendungszweck der Flugzeuge, noch wird die aufopferungsvolle nächtliche Arbeit der Jugendlichen an den Pilotenkanzeln der Bomber in einen ideologischen Kontext gebracht. Als sie am nächsten Morgen übermüdet im Unterrichtssaal sitzen, wirken sie, als hätten sie zu lang gefeiert. Arbeitssicherheit, Überforderung, Verletzungsgefahr – alles kein Thema. „Junge Adler“ ist die pure Verharmlosung.

In der Nacht bei der Arbeit - die reine Freude für die "Jungs"
Eine Verharmlosung, die 1944 Niemand mehr täuschen konnte. Jedem damaligen Kinobesucher musste bewusst gewesen sein, worauf „Junge Adler“ abzielte, weshalb es überrascht, dass der penetrant optimistische Film, dessen dramatische Wendungen sich selbstverständlich in Wohlgefallen auflösen, von nationalsozialistischer Seite ausschließlich positiv besprochen wurde, galt doch Goebbels Maxime einer verklausulierten, nicht zu offensichtlichen Filmsprache. Mit dem heutigen zeitlichen Abstand verschwinden die realen Hintergründe zugunsten der Idealisierung einer homogen wirkenden Gruppe. Weidenmanns moderner Inszenierungsstil, das jungenhaft unbeschwerte Spiel der begabten Darsteller und der Verzicht auf einen konkreten Gegenwartsbezug lassen den Eindruck eines reinen Unterhaltungsfilms entstehen, der übersehen lässt, dass sich der Wert des Einzelnen nur an seinem Nutzen orientierte. Keine auf den nationalsozialistischen Propagandafilm beschränkte Intention, deren Negierung des Individuums nur innerhalb eines künstlichen Lebensraums wie in „Junge Adler“ ohne Repressalien und Ausgrenzungen funktioniert - in der Realität nicht. 

"Junge Adler" Deutschland 1944, Regie: Alfred Weidenmann, Drehbuch: Herbert Reinecker, Alfred Weidenmann, Darsteller : Dietmar Schönherr, Hardy Krüger, Gunnar Möller, Willy Fritsch, Herbert Hübner, Albert Florath, Paul Henckels, Gerta BöttcherLaufzeit : 101 Minuten 

weitere im Blog besprochene Filme von Alfred Weidenmann: 

"Weg in die Freiheit" (1952) 
"Der Stern von Afrika" (1957) 

Samstag, 11. Juli 2015

Schloss Hubertus (1934) Hans Deppe

Inhalt: Graf Egge (Friedrich Ulmer) und sein Revier-Jäger Franz Hornegger (Paul Richter) beobachten einen Adler, der entlang der Gebirgshänge kreist. Als Hornegger auf ihn anlegen will, hält ihn Egge davon ab. Er will erst wissen, wo der Adler seinen Horst hat, denn  er möchte an die Jungtiere herankommen. Ins Tal zurückkehrt trennen sich ihre Wege und Egge begibt sich zu seinem Schloss, wo er mitten in eine Geburtstagsfeier platzt. Seine Tochter Kitty (Hansi Knoteck) feiert ihren 18. Geburtstag und freut sich, endlich ihren Vater wiederzusehen, der während der Jagdsaison sonst nur im Gebirge verweilt.

Doch die Freude ist nur von kurzer Dauer, denn der Graf lässt keinen Zweifel an seiner Verachtung für die anwesenden Gäste, die an einer großen Tafel speisen. Einzig für seine Tochter war er gekommen, begrüßt auch seinen Sohn Tassilo (Arthur Schröder) nur kühl und ignoriert die hingehaltene Hand von Kittys Freundin Anna Herwegh (Grete Roman). Sie ist die Tochter seines Prozessgegners, weshalb er seinen Sohn, dem er zudem ein besonderes Interesse an der jungen Frau unterstellt, heftig für deren Anwesenheit kritisiert. Lange hält er es in dieser Gesellschaft nicht aus, verabschiedet sich allein von Kitty liebevoll und lässt die Anwesenden konsterniert zurück…



Ausgehend von meinem Essay "Vom Bergdrama zur Sex-Klamotte - Der Heimatfilm im Zeitkontext"  gehört mein erster Blick in die Tiefen des Genres nicht zufällig dem Ganghofer-Roman "Schloss Hubertus" und seinen drei Verfilmungen 1934, 1954 und 1973. "Schloss Hubertus", 1892 erschienen und erfolgreichster Roman des Heimatdichters Ganghofer, beinhaltete schon früh einige der wesentlichen Merkmale des Genres - Kontrast Moderne/Tradition, eine alles überragende Führungsfigur und das sehr spezifische Frauenbild von Tochter "Geislein" und ihre Liebe zum Maler Forbeck. Aber auch die Wilderer-Thematik, Armut, Kindstot, große materielle Unterschiede, Doppelmoral und die offensichtliche Abhängigkeit fast Aller vom Willen eines Einzelnen fanden Einzug in einen Roman, der aus heutiger Sicht gelesen keineswegs uneingeschränkte Sehnsüchte nach "der guten alten Zeit" weckt. 

Umso interessanter ist es, die Umsetzung der Romanvorlage mit wachsendem zeitlichen Abstand zu beobachten, auch weil die Filmrechte über mehr als ein halbes Jahrhundert in der Hand Peter Ostermayrs lagen, der sie 1918 noch von Ludwig Ganghofer selbst erwarb. Dank der Veröffentlichung aller drei Versionen auf DVD durch FILMJUWELEN, besteht endlich die Möglichkeit die Filme nicht nur mit dem Romantext zu vergleichen, sondern ihre Entwicklung genauer zu analysieren:             "Schloss Hubertus" (1954),   "Schloss Hubertus" (1973)


1. Ganghofer und die Stereotypen des Heimatfilms


Bei "Schloss Hubertus" handelte es sich schon um die zwölfte Ludwig Ganghofer-Verfilmung und doch wurde der Film in mehrerer Hinsicht stilbildend für das Heimatfilm-Genre bis in die Neuzeit. Obwohl Peter Ostermayr seit 1918 schon im Alleinbesitz der noch persönlich vom Autor erworbenen Filmrechte war, wurde „Schloss Hubertus“ nach „Der Mann im Salz“ (1921) und „Die Trutze vom Trutzberg“ (1922) erst seine dritte Produktion auf Basis eines Ganghofer-Romans. Die Verfilmung des Bühnenstücks "Der Geigenmacher vom Mittenwald" und damit den ersten Tonfilm auf Ganghofer-Basis hatte er im Jahr zuvor noch Franz Seitz überlassen, der ihn unter dem Titel "Die blonde Christel" (1933) herausgebracht hatte. Doch Ostermayr beließ es nicht bei der Produktion, sondern verantwortete erstmals auch die Drehbuchfassung – eine Konsequenz, die er bis Ende der 50er Jahre bei nahezu allen Ganghofer-Verfilmungen wiederholte. Auf Basis anderer Vorlagen schrieb er dagegen nur selten Drehbücher („Die Geierwally“ (1955)).

Graf Egge (Friedrich Ulmer) und Jäger Franz Hornegger (Paul Richter) 
Noch prägender für den Heimatfilm war die Besetzung des Regiestuhls, da diese über das Ganghofer-Universum hinausreichen sollte. Vor „Schloss Hubertus“ hatte Hans Deppe nur bei der Theodor Storm-Adaption „Der Schimmelreiter“ (1934) gemeinsam mit Curt Oertel Regie geführt, die meisten seiner bis in die 60er Jahre folgenden mehr als 60 Kinofilme blieben im Heimatfilm-Umfeld und machten Deppe zu einem der einflussreichsten Regisseure des Genres. Eine Karriere, mit der Hansi Knoteck nicht mithalten konnte. Auch für die damals erst 20jährige stand „Schloss Hubertus“ am Anfang einer sehr erfolgreichen Phase, die sie zum großen UFA-Star aufstiegen ließ. Doch nach dem Krieg spielte sie nur noch wenige Rollen – mit über 40 Jahren hatte sie als Frau keine Chance mehr in der auf jugendliche Schönheit getrimmten Branche. Anders als Paul Richter, der 1924 schon den Siegfried in „Die Nibelungen: Siegfrieds Tod“ unter der Regie von Fritz Lang verkörpert hatte und auf eine erfolgreiche Stummfilmzeit zurücksehen konnte. In „Schloss Hubertus“ spielte er mit dem Jäger Franz Hornegger eine wichtige positive Identifikationsfigur – eine Rolle, die er im 1954er Remake mit knapp 60 Jahren noch einmal wiederholte.

Der verschlagene Jäger Schipper (Hans Friedrich Schlettow)
Der Roman „Schloss Hubertus“ erschien 1895 in zwei Bänden und damit in einem Umfang, der eine Reduktion auf eine etwa 80minütige Laufzeit zwingend erforderlich machte. Noch während der NS-Zeit, mehr als 40 Jahre nach seiner Erstauflage, gehörte Ganghofers Roman zu den Bestsellern (Quelle: Tobias Schneider „Bestseller im Dritten Reich - Ermittlung und Analyse der meistverkauften Romane in Deutschland 1933-1944“, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte VfZ 1/2004), weshalb Peter Ostermayr bei seiner Drehbuch-Adaption davon ausgehen konnte, dass viele Zuschauer den Inhalt kannten. Das nutzte er, um auf den Großteil der Nebenhandlungen zu verzichten und um sich auf die prägenden Protagonisten zu konzentrieren. In einer neu erdachten Eingangssequenz fasste er in wenigen Minuten die wesentlichen Konflikte zusammen und führte den Betrachter damit direkt ins Geschehen.


2. Übervater und Führungsfigur

Betonte Ganghofer in seinem Roman die ständige Abwesenheit Graf Egges (Friedrich Ulmer) von seinem Schloss – er lebt während der Jagdsaison in einer im Hochgebirge gelegenen einfachen Hütte – trifft er in der Verfilmung gleich zu Beginn auf die Geburtstagsgesellschaft seiner Tochter Kitty (Hansi Knoteck). In seiner Jäger-Montur bildet der Graf einen starken Kontrast zu den festlich gekleideten Gästen, die er wenig freundlich behandelt. Nur kurze Zeit hält er es in deren Nähe aus, um während eines Liedvortrags von Anna Herwegh (Grete Roman) aufzubrechen, da ihm „sein Viehzeug“ lieber ist, wie er seinem Sohn Tassilo (Arthur Schröder) mitteilt, der ihm in sein Arbeitszimmer gefolgt war. Ihr weiteres Gespräch verläuft reserviert, denn der Vater wirft Tassilo die Anwesenheit von Anna Herwegh vor, die Tochter seines Prozessgegners, für die er offensichtlich mehr als Sympathie empfände. Einzig Kitty, die er „sein Geislein“ nennt, gilt seine Liebe, weshalb er ihr verspricht zum Todestag seines verstorbenen Sohns Willy wiederzukommen - der Sohn, der ihm am meisten nachgeraten war, aber früh den Tod fand.

Der Vater und sein "Geislein" (Hansi Knoteck)
Ostermayr traf damit zwar den Kern der Ganghoferschen Erzählung, änderte aber durch teilweise verfälschende Details die Gewichtung der Figuren. Den spielsüchtigen, arrogant standesbewussten Sohn Robert ließ er ganz weg, Graf Egges Jüngster Willy - von freundlichem Charakter, aber kränklicher Statur - stirbt im Roman erst spät, hätte aber kaum gegensätzlicher zu seinem Vater sein können. Auch die Beziehung zwischen Egge und seinem ältesten Sohn Tassilo, selbstbewusst und finanziell unabhängig, wurde von Ostermayr auf ein Minimum reduziert. Dessen Vollzug der Ehe mit Anna Herwegh erfährt der Betrachter später nur aus Tassilos Mund, der daraufhin erfolgte endgültige Bruch zwischen ihm und seinem Vater hatte sich schon in der Eingangsszene angebahnt. Dass Ostermayr aus der Münchner Opernsängerin Anna Herwegh nicht nur eine Freundin Kittys machte, sondern sie in die Nähe eines bei Ganghofer nicht existierenden Prozesses rückte, bleibt ein Schwachpunkt des Drehbuchs. Auf diesen zu Beginn noch dramatisch in den Raum gestellten Prozess, der angeblich Egges gesamtes Vermögen gefährdet, kommt die Handlung später nicht mehr zurück, auch Anna Herwegh selbst spielt keine Rolle mehr.

Sohn Tassilo (Arthur Schröder)
Offensichtlich wollte Ostermayr damit den Standesdünkel abschwächen, aus dem heraus Graf Egge die Verbindung zwischen seinem Sohn Tassilo und der Künstlerin aus München im Roman verurteilte. Damit unterstrich er dessen Naturburschen-Charakter, der ihm trotz seines groben Benehmens in der Eingangssequenz Sympathien einbringt. Der Kontrast zwischen den majestätischen Berggipfeln, von denen aus Egge in Begleitung seines Jägers Franz Hornegger (Paul Richter) zum Schloss kommt, um kurz darauf auf die dekadente Gesellschaft zu treffen, verfehlt seine Wirkung nicht – kaum ein Betrachter wird es ihm verdenken, dass er wieder dorthin zurückkehren möchte.

Entscheidender für die im Vergleich zu Ganghofers Charakterisierung positivere, weniger komplexe Ausrichtung dieser Figur ist der Verzicht auf das wichtigste Symbol in dessen Roman – der seitlich des Schlosses gelegene große Vogel-Käfig mit den eingesperrten jungen Adlern. Mehr als die „Krucken-Stube“, der typische Jäger-Raum mit den erbeuteten Geweihen an der Wand, steht der Käfig für den Fanatismus des Grafen und im Widerspruch zu dessen im Film behaupteter Naturverbundenheit. Weil sich die Adler gegenseitig im Käfig zerfleischen und ihre Zahl dezimiert ist, sucht Egge die Lage eines Adlerhorstes, um neue Jungtiere zu erbeuten. Der wahnwitzige Versuch, mit einer 60 Meter langen Leiter zum Adlerhorst zu gelangen, wurde Höhepunkt jeder Verfilmung von „Schloss Hubertus“, die dahinter stehende Intention dagegen abgeschwächt. Regisseur Harald Reinl zeigte in seiner Verfilmung von 1973 zwar den Adlerkäfig und die sich gegenseitig tötenden Tiere, verzichtete aber wie seine Vorgänger auf den Racheakt des durch den Adlermist erblindeten Grafen. Blindwütig im eigentlichen Sinn erschießt er die gefangenen Tiere, wird dabei von einer Kralle eines um sich schlagenden Adlers verletzt und stirbt wenig später an einer Blutvergiftung.

Auch der unbedingte Gehorsam, den Egge einfordert, beruhte im Roman nicht allein auf natürlicher Autorität. Detailliert beschrieb Ganghofer dessen finanzielle Alleinstellung. Die Abhängigkeit der in seinem Territorium lebenden Menschen von ihm ist allgegenwärtig. Als Franz Hornegger auf Grund einer Intrige seines Konkurrenten Schipper (Hans Adalbert Schlettow) seine Stellung als Jäger in Egges Revier verliert, ist seine gesamte Existenz gefährdet, sieht er sich gezwungen sein Haus zu verkaufen und wegzuziehen, weil er in der Nähe keine Arbeit mehr finden wird. Eheschließungen unterliegen praktischen Erwägungen, Kindersterblichkeit ist an der Tagesordnung und die Wilderei entsteht aus dem alleinigen Jagd-Verfügungsrecht eines Mannes über ein riesiges Gebiet. An Hand der Spielschulden, die Egge für seinen Sohn Robert begleichen muss, lässt Ganghofer die eklatanten materiellen Unterschiede deutlich werden – sind für einen Handwerker oder Förster 200 Mark mehr im Jahr von entscheidender Bedeutung, stellt er Robert wenn auch widerwillig einen Scheck in Höhe von 16000 Mark aus.

Ganghofer wertete nicht, zog auch die Autorität des Adels nicht in Zweifel – mit Tassilo gibt es einen selbstlosen Gegenentwurf zum alten Egge - und forcierte mit der Liebesgeschichte um Komtesse Kitty und den mittellosen jungen Maler Werner Forbeck manch romantische Träume, bettete die Handlung aber in einen realistischen Hintergrund. In der Filmversion blieb davon nicht viel übrig, aber Deppe und Ostermayr idealisierten weder das karge Leben in der Bergwelt, noch Egge als Führungsfigur. Friedrich Ulmer gelang es, hinter dem souveränen Auftritt auch die Sturheit und Verantwortungslosigkeit eines Mannes durchscheinen zu lassen, der erst durch persönliches Unglück zur Einsicht gebracht wird. Als Führungsfigur im nationalsozialistischen Sinn taugte er nicht.


3. Das Frauenbild

Neben Graf Egge galt die Konzentration des Films der Liebesgeschichte um Kitty. Im Roman liegt das Schwergewicht ebenfalls auf diesen beiden Handlungslinien, die nur wenige konkrete Berührungspunkte aufweisen, auch wenn Egge immer wieder die emotionale Nähe zu seinem „Geislein“ betont. Die einzige Begegnung des Malers Werner Forbeck (Hans Schlenck) mit Kittys Vater gehört deshalb zum festen Bestandteil aller Verfilmungen. Ohne zu wissen, dass es sich um den Grafen handelt, bittet der Maler den traditionell als Jäger gekleideten Egge, sich von ihm zeichnen zu lassen und bezahlt ihn danach noch dafür, dass er Modell gestanden hatte. Zudem äußert er ihm gegenüber die wenig schmeichelhafte Volksmeinung über den Grafen, was diesen aber nicht dazu bringt, sich zu erkennen zu geben. Eine Szene, die sowohl Sympathiepunkte für Egge brachte, als auch Forbeck schon als zukünftigen Schwiegersohn legitimierte. Weniger wegen seiner künstlerischen Fähigkeiten, mehr wegen seines so selbstbewusst wie freundlichen Auftretens.

Kitty und ihr Maler (Hans Schlenck) kommen sich schnell näher
Die sich kurz danach anbahnende Liebesgeschichte – Kitty gerät bei einem Unwetter in die Waldhütte, in der der Maler sich einquartiert hatte – verläuft gemessen an den sonstigen Dramen erstaunlich reibungslos. Forbeck ist nicht nur ein Freund ihres Bruders Tassilo, sondern wird von einem berühmten Kunstprofessor protegiert, der wiederum früher mit Fräulein von Kleesberg (Margarete Parbs), Kittys Tante und Anstandsdame, verbandelt war. Diese aus moralischen Gründen interessante Konstellation mit dem Professor fand ebenso wenig Eingang in die Verfilmung, wie das kurze Aufbrausen Forbecks gegenüber Kitty, als diese ihren Bruder für seinen Mut lobt, gegen den Willen des Vaters die Sängerin zu heiraten. Hätte er dessen finanziellen Hintergrund, wäre er auch mutiger, entgegnet er ihr – letztlich die einzige Irritation in der Liebesgeschichte, denn um eine Grafentochter heiraten zu können, muss er zuerst auf eigenen Füßen stehen können. 

Die gesamte Story um die jungfräuliche Kitty, die ihre große Liebe erlebt und am Ende nach vielen Tränen und Glücksmomenten auch folgerichtig heiratet, kontrastiert in ihrer vollständigen Abgehobenheit von der realen Welt das sonstige Geschehen. Vielleicht war es schon mutig von Ludwig Ganghofer, einen bürgerlichen Maler als zukünftigen Ehemann zu kreieren, weshalb es sich bei diesem natürlich um den begabtesten und vielversprechendsten seiner Generation handelt, der mit dem Porträt von Kitty die Goldmedaille gewinnt. Dank Hansi Knotecks wunderbarer Verkörperung einer so zarten, wie emotionalen jungen Frau, die in jedem Mann sogleich den Beschützerinstinkt weckte und sich ihren Spitznamen „Geislein“ damit mehr als verdiente, wurde sie zum Vorbild für unzählige höhere Töchter und deren Liebesleid und – freud. Nicht nur der Roman verdankte ihrer Geschichte einen Gutteil seines Erfolgs, auch Hansi Knotek machte die Rolle zum großen UFA-Star.

Ganz trauten Deppe und Ostermayr dem Frieden offensichtlich nicht, weshalb sie eine Szene einbauten, die ein wenig Spannung hineinbringen sollte. Schipper, der hinterhältige Büchsenspanner des Grafen, erzählt diesem von dem angeblichen Verhältnis zwischen seiner Tochter und dem Maler – und das sie sich heimlich alleine träfen. Sonst nur an der Jagd interessiert, stapft Egge wildentschlossen zu der Waldhütte, wo Kitty tatsächlich gerade noch den abreisewilligen Vorbeck antrifft. Dieser war dem Rat von Fräulein von Kleesberg gefolgt, wieder nach München zurückzukehren, um Kitty keine falschen Hoffnungen zu machen. Doch die verliebte Komtesse fordert zumindest einen zärtlichen Abschied ein, während sich ihr Vater gerade nähert. So scheint es, doch als er die Hütte betritt, findet er nur noch einen leergeräumten Raum vor. Diese nicht im Buch enthaltene Szene widersprach Ganghofers Intention – erst den sicheren Tod vor Augen erfährt Egge von Kittys Verbindung mit Vorbeck.


Zudem sollte die Besetzung des schnittigen Hans Schlenck in der Rolle des Künstlers dieser Figur ein wenig den fantasievollen Charakter nehmen. Das SS-Mitglied Schlenck, im Jahr zuvor als „Heideschulmeister Uwe Karsten“ (1933) bekannt geworden und im selben Jahr noch im Propagandafilm „Um das Menschenrecht“ (1934) als Frontkamerad Hans aktiv, spielte den Maler mit breiter Brust und geradlinigem Arbeitseifer. Selbst in Italien lässt er sich von seinen Kameraden nicht ablenken. In späteren Verfilmungen wurde diese Rolle mit weniger kernigen Typen besetzt, was Ganghofers Charakterisierung näher kam. Der Autor wählte einen anderen Weg, um das idealisierte Bild von Kitty etwas zu relativieren – zwei parallel erzählte Beziehungsgeschichten vom Jäger Franz und der jungen Mali (Herta Worell), die im Haushalt ihres Bruders dessen früh verstorbene Frau ersetzen muss, sowie vom Grafen Willi und seinem Techtelmechtel mit der Liesl, einem Mädchen aus dem Dorf.

Tante Gundi, die Anstandsdame (Margarete Parbs) mit einem Herz für die Liebenden
Ganghofer betrachtete diese von finanziellen Nöten, sozialen Abhängigkeiten und moralischen Vorbehalten beeinflussten Verbindungen mit Pragmatismus. Als Willi beim Fensterln abstürzt und stirbt, wird nicht nur sein Leichnam in einer Nacht- und Nebelaktion an eine unverfängliche Stelle geräumt, sondern Liesl noch am frühen Morgen mit einem grobschlächtigen Handwerker verlobt, der sich schon länger um sie bemühte, den sie aber nicht ausstehen kann. Liesls Mutter hatte ihre Hoffnung in eine Beziehung mit dem jungen Grafen gesetzt, doch nach dessen Tod muss schnell eine Alternative her – die Gefahr, dass Niemand sonst Liesl mehr nimmt, ist zu groß. In Ganghofers Roman machen die Männer keinen Hehl aus ihrer Meinung über die Frauen, deren Nutzen aus ihrer Sicht einzig im Kinderkriegen und der Haushaltsführung liegt. Auch Graf Egge, vor Jahren von seiner Frau verlassen worden, lässt außer seinem „Geislein“ kein „Weib“ gelten. Und Liesls frischer Ehemann prahlt damit, dass sie ihn jetzt, nachdem er sie geschlagen hatte, schon ein wenig mehr mag.

Mali (Herta Worell) und Franz sind sich schon versprochen
Bis auf die Figur der Mali als Zukünftige des anständigen Jägers Franz, ist nichts davon in Ostermayrs Drehbuch enthalten. Im Film stimmt Malis Bruder (Viktor Gehring) der Verbindung mit Franz zu. Eine Idee, auf die er im Roman nicht käme, da er sie braucht, um den Haushalt zu führen und auf die Kinder aufzupassen. In einer jüngeren Fassung des Romans von 2003 wurden Passagen von Ganghofers Enkel Bernhard Horstmann gekürzt, die dem heutigen Rollenverständnis von Mann und Frau nicht mehr entsprechen – eine unglückliche Konsequenz, die das damalige Frauenbild verharmlost. Ein Vorwurf, der auch dem Film zu machen ist, der die traditionellen Geschlechterrollen bestätigte, die inneren Zwänge aber aussparte. Ostermayr entsprach damit der allgemeinen Erwartungshaltung des Publikums, denn Gefahren sollten den Liebespaaren nur durch äußere Umstände drohen. Im Heimatfilm waren deshalb wackere Burschen gefragt, um sich als Beschützer einer holden Maid aufzuschwingen – unabhängig davon, ob es sich um eine Komtesse oder eine einfache Bauerntochter handelt.


4. Der Heimatbegriff

Die Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals in Erscheinung tretenden Heimatdichtungen eines Ludwig Ganghofer, Ludwig Thoma oder die Dramen von Ludwig Anzengruber reagierten auf die großen sozialen Veränderungen in dieser Phase. Die schnell fortschreitende Industrialisierung führte dazu, dass viele Menschen aus ländlichen Regionen in die Stadt zogen. Mit ihnen verschwanden langjährige Traditionen, zerfielen gewachsene Strukturen und die Rollen von Mann und Frau begannen sich zu wandeln. Dadurch wuchsen Ängste, die den Gegensatz Stadt/Land besonders aus der Sicht der Landbevölkerung zuspitzten. Stand das städtische Leben für Anonymität und Unsicherheit, galt das Landleben als Hort von Vertrautheit und Verlässlichkeit. Eine Sichtweise, die bis heute tendenziell vorhanden blieb. Nach den Zerstörungen des 2. Weltkriegs und im Angesicht einer noch ungewissen Zukunft, wusste der Heimatfilm dieses Lebensgefühl in den 50er Jahren geschickt zu bedienen – auch für die Städter wurde die scheinbar heile Welt einer intakten Landschaft zum Sehnsuchtsort.

Besonders Ganghofers Werk gilt als Vorbild für diese Idealisierung des Landlebens, wurden seine Romane doch über Jahrzehnte zur ständigen Quelle neuer Verfilmungen. „Schloss Hubertus“ kommt als frühem Tonfilm eine Vorreiterrolle zu, doch der Romanvorlage ist diese einseitige Ausrichtung nicht anzumerken. Der Schönheit der Bergwelt stehen die harten Lebensbedingungen gegenüber. Wer es sich leisten kann, wie die Familie Egge, verbringt die kalten Wintermonate in wärmeren Gefilden. Jagd als Vergnügen ist nur etwas für die reiche Elite, Franz Hornegger und seine Jäger-Kollegen verdienen damit ihren kargen Lebensunterhalt und Wilderei wird hart bestraft. Graf Egge, der die Moderne kritisch betrachtet, steht dessen Sohn Tassilo als Vertreter einer jüngeren und liberaleren Generation gegenüber. Der Rechtsanwalt schätzt auch die Großstadt - sowohl seine Frau Anna Herwegh, als auch der Maler Vorbeck sind Teil des Münchner Kulturlebens. Zwar gelten den in der Bergwelt beheimateten Menschen die Sympathien des Autors, aber ohne deren Lebensbedingungen zu idealisieren. Die „Heimat“ als übergeordneter Begriff taucht im Roman nicht auf. Sie ist selbstverständlich.

Deppes Verfilmung gewichtete einseitiger. Durch den Verzicht auf die Nebenhandlungen und die Verortung Anna Herweghs in der Region, entfiel im Film nicht nur die Stadt als Gegenpol, sondern auch Ganghofers Realismus. Der Wunsch des erblindeten Grafen an seine Tochter Kitty und ihren strammen zukünftigen Ehemann, bei ihm zu bleiben, betraf mehr den Fortbestand der Familientradition, weniger den Verbleib in der Heimat. Dass Forbeck mit Kitty nach München ziehen würde, stand außerhalb jeder Vorstellung. Und wenn er schon malen muss, ergänzt der Graf mit Blick auf einen Schwiegersohn, dem jede Künstler-Aura fehlt, dann die Berge und Wälder. Auch in der 34er Film-Version von „Schloss Hubertus“ ist Heimat noch selbstverständlich, wurde aber nicht mehr Ganghofers komplexer Betrachtungsweise ausgesetzt.

Trotz dieser Vereinfachungen blieb Peter Ostermayr in seinem Drehbuch dem Geist der Romanvorlage nah. Zu verdanken ist das auch Deppes ökonomischen, klar strukturierten Inszenierungsstil, der den Charakter der kargen, rauen Bergwelt stimmig vermitteln kann. Auf  ausschmückende, gar folkloristische Elemente verzichtete er völlig, nur im Zusammenhang mit den Liebesgeschichten gestattete er sich wenige humorvolle Momente. Dagegen ließ er keinen Zweifel am ständigen Druck, den der Graf mit seiner Jagd-Leidenschaft auf seine gesamte Umgebung ausübt – bis auch er schmerzhaft erkennen muss, dass er nur ganz klein ist angesichts der beeindruckenden Berg- und Tierwelt.

Ob Ludwig Ganghofer mit dem Ende einverstanden gewesen wäre, lässt sich anzweifeln. Fast unterwürfig wirkt der Graf, als seine letzte Frage seiner Tochter gilt: ob sie jetzt mit ihm zufrieden wäre? – Das Publikum sollte die abschließende Versöhnung und Familienzusammenführung als „Happy End“ verstehen, aber die Vorstellung, dass ein Mann wie Egge in Abhängigkeit von anderen Menschen und dazu noch unfähig, die Natur und die Jagd zu erleben, seine letzten Jahre im Schloss verbringt, widersprach dessen von Ganghofer entworfenen so zwiespältigen, wie eigenwilligen Charakter. Sein Tod im Roman - noch dazu durch einen Adler - ist eine Konsequenz, die Egge akzeptieren konnte.

"Schloss Hubertus" Deutschland 1934, Regie: Hans Deppe, Drehbuch: Peter Ostermayr, Philipp Lothar Mayring, Willy Rath, Ludwig Ganghofer (Roman)Darsteller : Hansi Knoteck, Friedrich Ulmer, Paul Richter, Arthur Schröder, Margarete Parbs, Hans Schlenck, Hans Friedrich SchlettowLaufzeit : 82 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Hans Deppe:

"Grün ist die Heide" (1951)


Thematisch weiterführender Link:

"Vom Bergdrama zur Sexklamotte - der Heimatfilm im Zeitkontext" (Grundlagen des Heimatfilm Genres)

Freitag, 23. Januar 2015

Schleppzug M 17 (1933) Heinrich George, Werner Hochbaum

Inhalt: Bevor Henner (Heinrich George) mit seinem Schleppkahn in Richtung Berlin aufbricht, nimmt er Jakob (Wilfried Seyferth) an Bord, einen jungen Mann, der vor seinem prügelnden Vater geflüchtet ist. Jakob soll mit auf dem Schiff anpacken, aber auch seine Frau Marie (Berta Drews) und der kleine Sohn Franz (Joachim Streubel) freuen sich über den neuen Passagier, der in der kleinen Familie willkommen geheißen wird. Schon bald zeigen sich die Vorboten der Großstadt, werden die Bauten entlang der Flüsse dichter bis Henner das Zentrum Berlins erreicht – für ihn ein willkommener Ort der Abwechslung, den er nicht ohne Stolz seiner Familie und Jakob präsentiert.

Doch bevor er am kommenden Tag mit seiner Arbeit beginnen kann, wird er nachts zufällig Zeuge, wie zwei Männer und eine Frau entlang des Kais vor der Polizei flüchten. Henner sieht, dass die junge Frau von den zwei Männern im Stich gelassen wird, die ohne sie mit einem Motorboot davon fahren, und versteckt sie spontan vor den Polizisten. Mit einem Kuss bedankt sich Gescha (Betty Amann) bei ihm – ein Moment, den er nicht mehr vergessen kann. Am nächsten Tag begibt er sich in die Kneipen in der Hoffnung, sie wiederzusehen…


Angesichts der Urgewalt, die Heinrich George mit seiner massigen, dennoch beweglichen Gestalt ausstrahlt, scheint Schwäche nicht zu existieren. Er ist der selbstverständliche Souverän, jeder Situation gewachsen. Doch dieses Mannsbild eines Binnenschiffers, das George in "Schleppzug M17" verkörperte, täuscht. Sein breiter, das Bild einnehmender Rücken verbirgt seine innere Leere und Unzufriedenheit, die ein nur nach außen hin funktionierendes Dasein mit Ehefrau, Kind und eigenem Schiff kaschiert. Allein die kurze Begegnung mit einer jungen Frau in Berlin, der er - von ihren zwei Ganoven-Freunden im Stich gelassen - bei der Flucht vor der Polizei hilft, genügt um jedes verantwortliche Verhalten außer Kraft zu setzen. Eine Parallele zu seiner Rolle in "Das Meer ruft" (1933), der knapp zwei Monate zuvor in die Kinos gekommen war. Erneut spielte George einen Mann, dessen Sehnsucht nach einem anderen Leben ihn dazu treibt, seine Familie im Stich zu lassen.

War dieser Wunsch eines Seemanns, der sich nur auf dem Meer zu Hause fühlt, noch verständlich und blieb sein ehrliches Bemühen um Frau und Kind trotzdem offensichtlich, fehlt in „Schleppzug M17“ jede romantische Verklärung. Nur einen Moment ähneln sich die Bilder, als George hinter dem Steuerrad seines Schleppkahns ein Lied zum Besten gibt, während die Landschaft an ihm vorbeizieht. Aber dieser Eindruck zu Beginn des Films hält nicht lange vor – schon bald säumen Industrieanlagen das Ufer, taucht das Schiff in den Bauch der Großstadt und begrenzen hohe Kai-Mauern die Wasserwege. Nur selten bleibt Zeit in der kleinen Kajüte, denn die Arbeit auf dem Schleppkahn ist hart und alle müssen mit anpacken. Dem kräftigen Henner (Heinrich George) steht mit Jakob (Wilfried Seyferth) ein junger Mann zur Seite, den er im letzten Hafen aufgenommen hatte, da dessen betrunkener Vater die Familie terrorisierte, aber seine Frau Marie (Berta Drews) scheint dem zehrenden Leben nicht gewachsen zu sein – immer wieder erwähnt Henner ihren kränklichen Zustand. Einzig sein kleiner Sohn Franz bereitet ihm offensichtlich Freude.

Für Henner sind sein Schiff und das Wasser weniger Zufluchtsort, als notwendige Arbeitsgrundlage. Das erklärt, warum dieser unumstößlich wirkende, mit seiner Ehefrau rau umgehende Binnenschiffer nach der ersten Begegnung mit der hübschen Gescha (Betty Amann) jede Kontrolle verliert. Anstatt auf seinem Schleppkahn zu arbeiten und sich um seine Familie zu kümmern, begibt sich Henner in ein Berlin dunkler Kneipen und Nachtbars, in dem die Menschen versuchen, sich irgendwie von ihrem Dasein abzulenken. Ein größerer Kontrast zu dem einfachen Leben auf dem Schleppkahn ist kaum vorstellbar, kulminierend in dem Unterschied zwischen der Ehefrau und dem Großstadtmädchen Gescha. Es ist nicht allein die stets präsente Sexualität, die Henner in den Bann zieht, sondern eine die alltäglichen Widrigkeiten negierende Lebenslust, die die Menschen in die Vergnügungstempel treibt. Anders als das allgegenwärtige Wasser in „Das Meer ruft“ spielt in „Schleppzug M17“ die Großstadt Berlin die Hauptrolle als gleichzeitiger Ort der Sehnsucht und der Gefahr.

Mit Willy Döll war ein Autor für das Drehbuch verantwortlich, der zuvor schon in dem Stummfilm „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) sein Händchen für das Berliner Lokal-Kolorit bewiesen hatte, aber darüber warum Heinrich George hier neben Werner Hochbaum das einzige Mal in seiner Karriere auch auf dem Regie-Stuhl Platz nahm, lässt sich nur spekulieren ?











„Schleppzug M17“ wurde ein in mehrerer Hinsicht gewagter Film. Nicht nur, dass er weder das Stadt-, noch das Flussleben idealisierte, auch in den Charakterisierungen vermied er jede Eindeutigkeit. Zwar setzt Gescha geschickt ihren weiblichen Charme ein und weiß den Schiffer um den Finger zu wickeln, aber dahinter steht nicht nur Kalkül. Sie ist eine Verlorene, der Henner mit seiner Stärke imponiert. Als er sie zum Schleppkahn trägt, wehrt sie sich nicht, obwohl es nur schwer vorstellbar ist, dass sie das Leben auf dem Kahn erträgt. Marie scheint dagegen die Idealbesetzung als tüchtige Ehefrau, agiert aber sehr passiv und leidend. Diese Ambivalenz findet sich in allen Protagonisten wieder - bis hin zu Jakob, der Gescha verabscheut, weil sie aus seiner Sicht das Familienleben zerstört, das für ihn gerade zu einem neuen Zuhause geworden war. Seine traumatischen Erfahrungen treiben ihn dazu, die junge Frau mit Gewalt von dem Boot zu vertreiben.

Entscheidend ist aber die von George gespielte Hauptfigur. Obwohl Henner seine Frau betrügt und sich der Illusion hingibt, Gescha gewinnen zu können, bewahrt er sich sogar in peinlichen Momenten seine Standfestigkeit. Brachial geht Henner seinen Weg zwischen Wunschtraum und Pragmatismus und verliert sich weder in schlechtem Gewissen, noch in Erklärungen. Ein einziges Mal nimmt er Frau und Kind mit ins Stadtzentrum, um sie nach nur wenigen Schritten zugunsten der lockenden Gescha allein zurückzulassen. Marie und ihr kleiner Sohn verlaufen sich in den Straßen, gelangen erst spät und verzweifelt zum Boot zurück, doch von Henner gibt es keine Entschuldigung. Als Identifikationsfigur taugt sein Charakter nicht, aber an seiner Kraft scheitern letztlich alle anderen.

Vielleicht übernahm George die Regie, weil er den Mut hatte, einen solchen Protagonisten in den Mittelpunkt zu stellen, denn der Film gleicht seiner Darstellung des Binnenschiffers – roh, ungeschlacht, stark kontrastierend und von intensiver Körperlichkeit zeichnet er das Bild einer Sozialisation zwischen Angst, Mühsal und der Hoffnung auf ein besseres Leben. Im Wissen über die unmittelbar nach den Dreharbeiten eintretende Machtergreifung der NSDAP wirkt „Schleppzug M17“ wie der Vorbote eines finsteren Zeitalters, denn auch Henner übersteht die wenigen Tage in Berlin nicht unbeschadet – körperlich robust geht er seinen Weg weiter, aber seine innere Leere bleibt.

"Schleppzug M 17" Deutschland 1933, Regie: Heinrich George, Werner Hochbaum, Drehbuch: Willi Döll, Darsteller : Heinrich George, Berta Drews, Betty Amann, Wilfried Seyferth, Joachim StreubelLaufzeit : 80 Minuten

Lief am zweiten Tag des 14. Hofbauer-Kongress' vom 02. bis 06.01.2015 in Fürth.