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Dienstag, 30. Dezember 2014

Wenn wir alle Engel wären (1936) Carl Froelich

Christian Kempenich (Heinz Rühmann) erkundet das Kölner Nachtleben
Inhalt: Als beamteter Kanzlei-Vorsteher hat Christian Kempenich (Heinz Rühmann) eine leitende Position in dem kleinen Mosel-Ort. Er kann sich nicht nur ein Hausmädchen (Lotte Rausch) für seine Ehefrau Hedwig (Leny Marenbach) leisten, auch der Gesangslehrer Enrico Falotti (Harald Paulsen) gibt ihr privaten Unterricht. Auf Grund seiner gehobenen Stellung im Ort sieht sich Kempenich zudem als moralische Instanz, weshalb er am Himmelfahrtstag ohne Selbstzweifel zu einer Familientaufe in die Großstadt Köln fährt, die im Ort einen schlechten Ruf als Sündenpfuhl besitzt. Als er sich schon leicht angeheitert auf dem Rückweg zum Kölner Bahnhof befindet, weist er den Taxifahrer spontan an, ihn ins Vergnügungsviertel der Stadt zu fahren. Schließlich müsse er sich selbst ein Bild von den dortigen Versuchungen machen.

Hedwig Kempenich (Leny Marenbach) mit ihrem Gesangslehrer auf Moselfahrt
Seine Frau Hedwig begibt sich derweil am Nachmittag auf eine Moselfahrt mit einem Ausflugsdampfer. Ihr Gesangslehrer, der ein Auge auf die hübsche Frau geworfen hat, nutzt die Gelegenheit und folgt ihr auf das Schiff, wo er als bekannter Charmeur schnell in Form kommt. Zuerst abweisend, gefällt Hedwig vom Wein beschwipst die unterhaltsame Art des Sängers und wehrt sich auch nicht, als er sie gegenüber den begeisterten Mitfahrern als seine Frau ausgibt. Erst als sie nach langer Fahrt am Ziel ankommen und sie feststellt, dass kein Zug mehr zurückfährt, reagiert sie ernüchtert, er aber schlägt ihr vor, gemeinsam in einem Hotel zu übernachten.



"Wenn wir alle Engel wären" war schon der dritte Heinz Rühmann-Film, der 1936 in die Kinos kam - nach vier Filmen im Jahr zuvor und kurz vor der Premiere von "Lumpacivagabundus" (1936) in Österreich. Erneut spielte Heinz Rühmann einen jungen Mann zwischen Pflichtbewusstsein und Versuchung, weshalb die Besonderheit eines Films in Vergessenheit geraten scheint, ohne den es Rühmanns bekanntesten Film "Die Feuerzangenbowle" (1944) vielleicht nie gegeben hätte und der mit seinem wenig kaschierten sexuellen Subtext aus dem prüden Komödien-Einerlei der 30er Jahre herausstach, auch wenn das Drehbuch die Romanvorlage von Heinrich Spoerl leicht abschwächte. Dieser hatte es selbst verfasst, was einer Zäsur in Rühmanns Werk gleichkam, die dessen wachsenden Einfluss auf die Produktion seiner Filme kennzeichnete.


Schon 1934 hatte der Schauspieler erstmals die Hauptrolle in einer Spoerl-Verfilmung übernommen, aber "So ein Flegel" interpretierte den Roman "Die Feuerzangenbowle" sehr frei und ließ wenig von dem fantasievollen Charakter und der Hommage an selige Schulzeiten übrig. Verantwortlich für das Drehbuch war Hans Reimann, der als Co-Autor der literarischen Vorlage gilt, während Spoerl kein Mitspracherecht eingeräumt wurde. Auch „Wenn wir alle Engel wären“ geht auf ein von beiden Autoren gemeinsam verfasstes Theaterstück zurück - „Der beschleunigte Personenzug“ (1932 uraufgeführt) -, aber diesmal kam nicht nur Spoerls darauf basierende Buchvorlage von 1936 zum Zuge, ihm wurde zudem die Verantwortung für das Drehbuch übergeben, die er mit einer hohen Werktreue einlöste. Eine Initialzündung für die weitere Zusammenarbeit mit Heinz Rühmann, die zu ihren gemeinsamen Filmen „Der Gasmann“ (1941) und „Die Feuerzangenbowle“ führte, sowie zur Verfilmung des ebenfalls 1936 veröffentlichten Romans „Der Maulkorb“(1938) unter der Regie Erich Engels mit Ralph Arthur Roberts in der Hauptrolle.


Ob auch die Besetzung Carl Fröhlichs am Regie-Pult, seit 1933 NSDAP-Mitglied und betraut mit der Leitung des Gesamtverbandes der Filmherstellung und Filmverwertung, von Heinz Rühmann veranlasst wurde, bleibt Spekulation – beide drehten noch zwei weitere Filme zusammen, darunter „Der Gasmann“ – sicher lässt sich aber die Wahl Leny Marenbachs für die weibliche Hauptrolle auf seinen Einfluss zurückführen. Die beiden aus Essen stammenden Schauspieler waren zu dieser Zeit liiert, was dem frivolen Miteinander in „Wenn wir alle Engel wären“ sehr zu Gute kam. Marenbach spielte auch in ihren zwei folgenden Filmen „So ein Mustergatte“ (1937) und „Fünf Millionen suchen einen Erben“ (1938) an Rühmanns Seite, aber ihre Position veränderte sich. In „Fünf Millionen suchen einen Erben“ spielte sie nicht mehr seine Ehefrau, sondern gab die Verführerin, der Rühmann in seiner Rolle als verheirateter Erbe selbstverständlich widerstand – ein deutliches Anzeichen für die zunehmende Prüderie in seinen Filmen, von der sich „Wenn wir alle Engel wären“ noch wohltuend abhob.


Denn Heinrich Spoerl blickte tief hinter die Fassaden bürgerlicher Moral. Stilprägend für seinen Roman wie für den Film ist die "Empörung". Die leicht tuschelnde, hinter vorgehaltener Hand vorgetragene der Bewohner des kleinen Mosel-Ortes, wenn der angesehene Beamte Christian Kempenich (Heinz Rühmann) allein in die verruchte Großstadt Köln fährt, um dort bei einer Familientaufe zu verweilen, oder wenn Enrico Falotti (Harald Paulsen), stadtbekannter Charmeur, in dessen Abwesenheit seiner Frau Hedwig Kempenich (Leny Marenbach) private Gesangsstunden gibt. Oder die laute, das eigene schlechte Gewissen übertönende, wenn Christian Kempenich damit konfrontiert wird, dass aus einem Kölner Hotelzimmer Bettwäsche gestohlen wurde, in dem er angeblich mit Ehefrau genächtigt hatte, oder sich Hedwig Kempenich gegen jede Verdächtigung verwahrt, sie hätte, nachdem es auf einer Mosel-Schiffstour zu spät wurde, gemeinsam mit Falotti in einem Hotel übernachtet, um am nächsten Morgen die Heimfahrt anzutreten.

Umso mehr Beweise auftauchen, die diese Verdächtigungen erhärten, umso mehr flüchten die Ehepartner in neue, noch konstruiertere Ausreden, auch um die jeweilige Meinungshoheit zu erlangen. Denn wer scheinbar mehr Schuld auf sich geladen hat, muss sich die „ehrliche“ Empörung des Anderen gefallen lassen. Ein Zustand, der ständig zwischen den Partnern wechselt, bis sie sich trennen, obwohl ihr Umgang von Beginn an keinen Zweifel daran ließ, dass sie sich lieben und auch sexuell begehren. Doch der Gerichtsverhandlung entkommen sie damit nicht, denn für die Staatsanwaltschaft steht fest, dass das Ehepaar in Köln übernachtet hat und die Bettwäsche mitnahm.

Tatsächlich hatte Christian Kempenich den Verlockungen der Großstadt nicht widerstehen können und begab sich in ein nächtliches Vergnügungs-Etablissement – Alkohol und ein überredungsfähiges Fräulein besorgten dann den Rest. Als er am frühen Morgen in einem Hotelzimmer aufwacht, liegt sie entkleidet im Bett und er angezogen daneben, aber er kann sich an nichts mehr erinnern. Ohne sich zu verabschieden, flüchtet er schnell von diesem Ort und hört nur noch wie sie „Bubi“ hinter ihm herruft. Offensichtlich nutzte die so Zurückgelassene die Situation aus, um sich an der Bettwäsche zu bedienen. Auch seine Frau Hedwig ließ sich vom hartnäckigen Gesanglehrer erst zu einer Moselfahrt überreden, die er dann dank seines charmanten Unterhaltungstalents so weit ausdehnte, dass weder Schiff, noch Zug zum Heimatort zurückfuhren. Ob sie im Hotel eine gemeinsame Nacht mit ihm verbrachte, wer weiß?

Heinrich Spoerl ließ diese Frage in seinem Roman offen, im Film wurde dagegen der Eindruck vermittelt, dass es nicht zur letzten Konsequenz gekommen war – der einzige Schwachpunkt der filmischen Adaption. Dabei spielt es letztlich keine Rolle, ob sie tatsächlich untreu gewesen sind, denn allein die Diskrepanz zwischen ihrem nach außen hin betonten moralischen Anspruch und ihrer nicht eingestandenen Schwäche bringt sie in ihre zunehmend schwierigere Lage – und droht so ihre intakte Ehe zu zerstören. Eine wie gewohnt mit leichter Hand von Spoerl erzählte Geschichte, die dank der schnellen und witzigen Dialoge der beiden sehr gut harmonierenden Hauptdarsteller höchst unterhaltend gelingt – und ganz nebenbei eine Doppelmoral geißelt, die die tatsächlichen menschlichen Bedürfnisse leugnet. Ein für seine Entstehungszeit gewagter Film, dessen offenherziger Umgang mit der Sexualität auch der rheinländischen Mentalität zu verdanken war, die der gebürtige Düsseldorfer Spoerl authentisch wiederzugeben wusste.

"Wenn wir alle Engel wären" Deutschland 1936, Regie: Carl Froelich, Drehbuch: Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Leny Marenbach, Elsa Dalands, Lotte Rausch, Harald PaulsenLaufzeit : 82 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Carl Froelich:

Sonntag, 26. Mai 2013

Der Gasmann (1941) Carl Froelich

Inhalt: Hermann Knittel (Heinz Rühmann), Beamter der Berliner Gaswerke, befindet sich kurz vor der Ankunft am Anhalter Bahnhof, als ihn ein fremder Mann (Walter Steinbeck) anspricht, der noch mit einem Pyjama bekleidet ist, womit er im Zug zur allgemeinen Belustigung beiträgt. Dieser bittet Knittel darum, ihm seinen Anzug zu verkaufen, damit er unerkannt den Bahnhof verlassen könnte. Knittel reagiert irritiert, wodurch er den Preis unbewusst in die Höhe treibt. Bis die Männer ihre Bekleidung tauschen und der kleine Beamte einen Scheck in Höhe von 10.000 Reichsmark in den Händen hält - eine für ihn unvorstellbar hohe Summe.

Zuerst noch ganz begeistert, beschließt er, nachdem er seine Frau (Anni Ondra) zu Hause nicht antraf, doch lieber zur Behörde zu gehen, um den Vorfall anzuzeigen. Nachdem er sich in den endlos scheinenden Gängen mehrfach verlaufen hatte, gerät er scheinbar an die richtige Stelle. Doch anstatt seine Befindlichkeiten zu verstehen, wird er von den Herren mit Fragen unter Druck gesetzt: hat er einem Verbrecher geholfen oder eine Notlage ausgenutzt, um einen Wucherpreis zu erzielen? – Er behauptet, der Scheck wäre sowieso nicht gedeckt, um sich der Situation zu entziehen, und begibt sich sofort zu einer Bank. Zu seiner eigenen Überraschung erhält er das Geld ohne weitere Probleme – eine verführerische Situation, die ihn erst in Schwierigkeiten bringen wird…


Davon ausgehend, dass Heinz Rühmann als Hauptdarsteller und Autor Heinrich Spoerl, entscheidend zum großen Erfolg der "Feuerzangenbowle" (1944) beigetragen haben, hätte der drei Jahre zuvor gedrehte Film "Der Gasmann" ein ähnlicher, weit über seine Entstehungszeit hinaus, bekannt bleibender Film werden können. Dass er es nicht wurde und im Gesamtwerk Rühmanns eher eine untergeordnete Rolle spielt, macht eine genauere Betrachtung des Films "Der Gasmann" so interessant.

Der größte Unterschied zu Heinrich Spoerls erstem Roman „Die Feuerzangenbowle“ von 1933 zeigt sich in der Entstehungsgeschichte zu „Der Gasmann“, denn der Autor schrieb ihn Ende der 30er Jahre in Berlin in Folge der erfolgreichen Verfilmungen von „Die Feuerzangenbowle" (in der ersten Fassung von 1934 unter dem Titel "So ein Flegel" heraus gebracht),  "Wenn wir alle Engel wären" (1936)  und "Der Maulkorb" (1938). Im Gegensatz zu seinen früheren Romanen, die der gebürtige Düsseldorfer in seiner rheinländischen Heimat ansiedelte, spielte "Der Gasmann" konsequenterweise in der deutschen Hauptstadt, lässt darüber hinaus aber neue Ideen vermissen. Die Geschichte ist eine leicht veränderte Variante von "Wenn wir alle Engel wären“, ohne dessen hintergründige, selbstkritische Komplexität. Statt von einem nachvollziehbaren, die damaligen moralischen Standards provozierenden Seitensprung zu erzählen, muss in „Der Gasmann“ eine übertrieben konstruierte Situation als Auslöser für die weiteren Ereignisse herhalten.

Der Beamte der Berliner Gaswerke Knittel (Heinz Rühmann) kehrt nach einer kurzen Dienstreise mit dem Zug nach Berlin zurück, als ein sichtlich erregter Mann in einem Pyjama (Walter Steinbeck), ihn dazu bewegen will, ihm seinen Anzug zu verkaufen. Desto mehr sich der Zug dem Anhalter-Bahnhof nähert, umso höher steigt der Preis, bis Knittel sich selbst im Pyjama wieder findet mit einem Scheck über 10.000 Reichsmark in der Hand. Angesichts der Preisverhandlungen, die sich zuerst noch unter 1.000 Reichsmark bewegten, überrascht die hohe Summe, denn auch ein deutlich niedrigerer Tausenderbetrag hätte seinen Zweck erfüllt, bedenkt man Knittels Monatsgehalt von etwa 270 Reichsmark. Diese Summe hatte nicht nur etwas Sensationelles an sich, weshalb Knittel zuerst an einen schlechten Scherz glaubte, sondern sollte dem Protagonisten vor allem die Sympathien erhalten. Denn wer würde bei 10.000 Reichsmark nicht weich werden? – Anders als in Spoerls sonstigen Romanen, die sich an alltäglichen menschlichen Verhaltensmustern orientierten, fehlt diesem Beginn der Realitätsbezug.

Zudem schwächte Spoerl in seinem Drehbuch die im Roman entlarvendere Betrachtung des Charakters, angesichts der großen Versuchung, ab. Die Filmcrew unter der Leitung von Carl Froelich, inzwischen Präsident der Reichsfilmkammer, der Spoerls "Wenn wir alle Engel wären" ebenfalls mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle 1936 noch wesentlich frivoler inszeniert hatte, wagte diese Komplexität 1941 offensichtlich nicht mehr, als Kinofilme ausschließlich beschwerdefrei unterhalten sollten. Dem zunehmenden Hang zur Prüderie ist es zu verdanken, dass Rühmann als Knittel selbst in Momenten "größter Verfehlungen" brav und bieder blieb. Im Roman wirkten seine Eskapaden, heimlich auszugehen und sich eine Geliebte (Erika Helmke) zuzulegen, der er zudem einen Parfümladen finanziert - dabei seiner Frau Erika (Anny Ondra) vorschwindelnd, mit einem Nebenjob Geld zu verdienen - noch gewagt, aber im Film scheint der einfache Angestellte nie Spaß daran zu finden, sondern wird nur von seiner Geliebten nach Strich und Faden ausgenommen, ohne auf seine (leiblichen) Kosten zu kommen - eine so unglaubwürdige, wie konstruierte Konstellation. Heinz Rühmann sollte in seiner Rolle ein geistiger Täter bleiben, der der Versuchung (über einen offensichtlich mehrere Wochen andauernden Zeitraum) nicht wirklich erliegt - für das Publikum eine noch verzeihliche Sünde. Wie verlogen diese Konzeption war, wird an seinem Schwager deutlich, der ihn überwachen sollte. Nachdem Knittel ihn mit "geliehenen" 50 Reichsmark bestochen hatte, hat dieser kein Problem damit, sofort mit einem „netten Fräulein“ zu verschwinden - er durfte sich menschlich fehlbar verhalten.

Knittel erkennt dagegen selbstkritisch die Oberflächlichkeit seines Handelns und kehrt reumütig in den Schoss der Familie zurück. Spörls Buchvorlage ist in dieser Hinsicht wesentlich differenzierter und ließ keinen Zweifel daran, dass Knittel den Versuchungen tatsächlich erlegen war, was auch dessen Rückkehr ins traute Heim erschwerte. Von schlechtem Gewissen geplagt überträgt er deshalb seiner Frau den üppigen Rest der großen Geldsumme, die darüber sofort eigenmächtig verfügt und ebenfalls den materiellen Versuchungen erliegt. Während der Roman ein Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern beibehielt, kommt Erika Knittel im Film deutlich schlechter weg. Ihre Kaufsucht wirkt angesichts des "schnell" zur Vernunft gekommenen Ehemanns, der sich angeblich nichts vorzuwerfen hat, maßlos - und ist schließlich schuld daran, dass Knittel zu Unrecht vor Gericht landet.

Man könnte die oberflächliche Komödie vom kleinen Beamten, der einmal groß rauskommen möchte, schnell vergessen, besäße die Inszenierung für ihre Entstehungszeit nicht einige außergewöhnliche Details. Der Film verstieß gegen das damalige Gebot Goebbels, Realitätsbezüge zu vermeiden, um die Bevölkerung vom Alltag abzulenken. Zwar wird der Krieg nicht explizit erwähnt, aber die Nachrichten, die Knittel im "Angriff am Abend" liest, sind von aktuellem Zeitbezug und betreffen Roosevelts Haltung zum Kriegseintritt der USA (natürlich aus Sicht der NSDAP interpretiert). Dazu gibt es erstaunlich realistische Einblicke, die auch die Geldknappheit der Bevölkerung nicht aussparen. Besonders der Weg zu den Behörden, den Knittel mehrfach beschreitet, wirkt Furcht erregend und verdeutlicht schon in einer frühen Szene, als er die Sache mit dem Scheck noch anzeigen will, wie auch lautere Absichten argumentativ ins Gegenteil gewandelt wurden. Später als die Polizei früh am Morgen bei Knittel klingelt und ihm dabei ihre Marke zeigt, sieht er gar nicht hin, wohl wissend, dass Niemand sonst um diese Zeit vor der Tür steht.

Nicht nur Deutschland wirkt in "Der Gasmann" wenig freundlich, auch die Filmkomödie beweist nur in wenigen Momenten Humor. Interessanterweise gilt der Film in vielen Publikationen als "Propagandafilm", ist es aber nicht im üblichen Sinne einer kritiklosen Verherrlichung. Offensichtlich galt es, der eigenen Bevölkerung die Grenzen aufzuzeigen. Obwohl Knittel nur dezent vom Pfad der Tugend abwich, gerät er durch sein Verhalten in große Gefahr, der er nur durch einen glücklichen Zufall am Ende entkommt. Das die Polizeimethoden und das Gerichtsverfahren - angesichts der Tatsache, dass man Knittel immerhin des Landesverrats verdächtigt - verharmlosend dargestellt werden, ist der äußerlichen Komödienform geschuldet, wird damals aber nicht missverstanden worden sein. Im Gegensatz zur Buchvorlage, die das behördliche Tun auch etwas spöttisch betrachtete und damit in das heiter menschliche Geschehen mit einbezog, sind im Film alle offiziellen Vertreter des Staates von unbeirrbarem Ernst und nur da sich Knittel als unschuldig erweist, bleibt er ungeschoren. Rühmann, der in seiner Rolle den „Hitlergruß“ zeigte – das einzige Mal in einem seiner Filme – wird so zum Vorbild des kleinen Mannes, der weiß, das Anstand und Ruhe erste Bürgerpflicht ist. Eine Umkehrung der Intention Heinrich Spörls, der in seinen Romanen immer Verständnis für die allzumenschlichen Verfehlungen zeigte.

Aus heutiger Sicht ergibt sich ein zwiespältiges Bild. Oberflächlich betrachtet erzählt der Film eine harmlos wirkende Geschichte mit einem typisch agierenden Rühmann als "kleinem Mann" auf Abwegen. Die realistische Sichtweise auf Behördenwillkür wirkt zudem fast gewagt. Bedenkt man aber, wie fortgeschritten 1941 schon die Judenverfolgung (Knittel verirrt sich in ein Büro mit der Aufschrift "Arier-Nachweis"), die Jagd auf Andersdenkende und der Krieg waren, dann zeigt sich hinter der Komödienfassade ein erschreckendes Bild Deutschlands.

"Der Gasmann" Deutschland 1941, Regie: Carl Froelich, Drehbuch: Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Anni Ondra, Walter Steinbeck, Erika Helmke, Gisela SchlüterLaufzeit : 89 Minuten

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Freitag, 10. Mai 2013

Das Herz der Königin (1940) Carl Froelich


Inhalt: Maria Stuart (Zarah Leander), ehemalige Königin von Schottland, ist seit vielen Jahren Gefangene der englischen Königin Elisabeth I. (Maria Koppenhöfer). Immer wieder versucht sie, diese mit Briefen von ihrer Unschuld zu überzeugen, aber Elisabeth liest ihre Briefe gar nicht erst, sondeern fällt das Todesurteil über sie.

In Gedanken lässt Maria Stuart nochmals die Zeit Revue passieren, als sie aus Frankreich in ihr Heimatland zurückkehrte, um Schottland zu regieren. Doch nicht nur das Volk lehnte sie ab, sondern auch die Machtinteressen der schottischen Lords sollten ihr das Leben schwer machen...


Als Zarah Leander 1940 "Das Herz der Königin" drehte, war sie schon zum großen UFA-Filmstar aufgestiegen, hatte es aber trotzdem verstanden, sich nicht zu sehr in der Nähe der Nazi-Machthaber aufzuhalten. Ihr Status erlaubte diese Eigenständigkeit, der auch darin deutlich wurde, dass sie im prüden Deutschland der 30er Jahre selbstbewusste und sexuell offensive Frauenfiguren spielen konnte. Trotzdem wäre es eine Illusion anzunehmen, dass sie den Propaganda-Interessen entkommen wäre, denn Joseph Göbbels, der sie persönlich sehr schätzte, wusste sie geschickt für seine Zwecke zu instrumentalisieren.

Die Rolle der "Maria Stuart" war Zarah Leander geradezu auf den Leib geschrieben. Die schottische Königin war nicht nur für ihre Schönheit berühmt, sondern hatte im französischen Exil, wo sie aufwuchs, musikalische Fertigkeiten gelernt. Als sie nach Schottland zurückkehrte, befand sie sich in Begleitung des italienischen Sängers David Riccio (Friedrich Benfer), der als ihr Privatsekretär arbeitete. Den rauen Gesellen im Norden der britischen Insel waren diese "französischen Sitten" äußerst suspekt, ebenso wie man der eher als emotional geltenden Königin die "harte Hand, die das Volk braucht" nicht zutraute. So konnte Zarah Leander quasi im historischen Sinn ihre Stärken ausspielen - ihr schöner Gesang, ihre emotionale, aber durchaus selbstsichere Art passten gut zu dem überlieferten Charakter der Maria Stuart.

"Das Herz der Königin" leistet sich dabei eine erzählerische Klammer, die Maria Stuart zu Beginn als Gefangene der englischen Königin Elizabeth I. (Maria Koppenhöfer) zeigt. Mehrfach hatte sie die Königin von ihrer Unschuld überzeugen wollen, aber diese hatte ihre Briefe ignoriert und verurteilte sie nach langer Gefangenschaft zum Tode. In Erwartung der Hinrichtung, lässt sie noch einmal ihr Leben seit der Ankunft in Schottland vor ihrem geistigen Auge ablaufen.

"Das Herz der Königin" hielt sich an die historischen Abläufe und versuchte, die damaligen Intrigen und Machtinteressen komplex zu schildern. In beeindruckenden, in ihrer Schwarz-weiß Schattierung dramatisch wirkenden Bildern entfaltet sich die Geschichte theaterartig. In einzelnen Szenen, die an nur wenigen Orten stattfinden, wird dialoglastig eine Situation aufgezeigt, die von Opportunismus und Hinterhältigkeit geprägt ist. Marias Halbbruder Jacob ( Walther Süssenguth), der in ihrer Abwesenheit das Land regierte, unterstützt zuerst seine Schwester, um später doch mit der englischen Königin gemeinsame Sache zu machen. Auch Lord Bothwell (Willy Birgel) hat eigensüchtige Interessen und täuscht sie. Einzig Maria Stuart und ihre Getreuen, besonders ihr Diener Olivier (Will Quadflieg), vermitteln einen ehrlichen Charakter.

Die Wahl Zarah Leander als schottischer Königin ließ von Beginn an keinen Zweifel daran, wem das Publikum seine Sympathie schenken würde. So konnte es sich Regisseur Carl Froelich leisten, die Charaktere der Gegner Marias ohne Übertreibungen zu schildern. Trotzdem war Froelich an einer objektiven Betrachtung der damaligen Situation in Schottland keineswegs interessiert, sondern zeichnete unterschwellig das negative Bild einer rücksichtslosen, expansiven englischen Politik. Diese Intention war angesichts des parallel stattfindenden Kriegs mit England gewollt, so das Froelich - der seit 1939 der Reichsfilmkammer als Präsident vorstand - als Regisseur den Willen seines direkten Vorgesetzten Joseph Goebbels umsetzte.

Tatsächlich wurde Maria Stuart in vielen internationalen Produktionen häufig verklärt, so dass „Das Herz der Königin“ keineswegs als besonders negativ für die englische Krone heraus sticht. Schon immer mochte das Publikum - auch in der Hollywood-Umsetzung - die unglückliche Königin mehr als die scheinbar hartherzige, unattraktive Elisabeth, die zudem noch ohne Mann und Kinder blieb. Das Maria Stuart in der Realität ziemlich arrogant gewesen sein soll, ihren Halbbruder Jakob als „Bastard“ ansah, der es nicht wert war zu regieren, und auch ihre Mitwirkung beim Tod ihres zweiten Mannes nie wirklich aufgeklärt werden konnte, wird hier nicht berührt. Zarah Leander ist ganz in ihrem Element als emotionale, liebevolle Regentin, die nur selbstlos das Beste für ihr Volk will. Alle Unglücke, Morde und sonstigen tragischen Ereignisse lassen keinen Schatten auf ihren hehren Charakter fallen. Selbst die schon kurz nach dem "Unfalltod" ihres Mannes erfolgte erneute Trauung mit Lord Bothwell, die damals dazu führte, dass Maria Stuart zugunsten ihres zu diesem Zeitpunkt einjährigen Sohnes abdanken musste, wird hier als eine für sie erzwungene Situation geschildert.

Dagegen werden der englischen Königin bösartige Sätze wie „Alle, die uns helfen, werden getötet“ in den Mund gelegt, als sie weitere Lords nach Schottland schickt, die Maria Stuarts vordergründig stützen sollen, tatsächlich aber ihre Basis aushöhlen. Solche Sätze sollten konkret vermitteln, das man den Engländern nicht trauen kann. Das die erzählerische Klammer den Film mit der Hinrichtung Maria Stuarts beendet, überrascht schon nicht mehr, denn so wird sie noch zur Märtyrerin hochstilisiert. Trotz dieser Intention gehört "Das Herz der Königin" nicht zu den auffälligen Propagandawerken, da die negative Sicht auf die englische Vorgehensweise eher subtil geschildert wurde und die tatsächlichen Ereignisse kaum verfälscht, sondern nur sehr einseitig betrachtet wurden. Die größte Parteinahme verbirgt sich letztlich in der Besetzung der Hauptrolle mit Zarah Leander, denn dadurch waren die Sympathien von vornherein verteilt.

"Das Herz der Königin" Deutschland 1940Regie: Carl Fröelich, Drehbuch: Harald Braun, Jacob Geis, Darsteller : Zarah Leander, Willi Birgel, Maria Koppenhöfer, Axel Von Ambesser, Hans  Mierendorff, Erich Ponto, Will Quadflieg, Laufzeit : 105 Minuten


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