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Montag, 22. Juli 2013

Wir Kellerkinder (1960) Hans-Joachim Wiedermann

Inhalt: Der Innenminister benötigt für die Eröffnung der Filmfestspiele in Berlin dringend einen Film, in dem Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wurden, aber es gibt keinen solchen Film im Archiv der "neuen deutschen Schau". Deshalb werden Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) beauftragt, einen solchen Film in Berlins Straßen zu drehen. Doch auch gegen Geld will Niemand ein Hakenkreuz auf eine Wand malen - wenn auch aus unterschiedlichen Gründen - bis sie spät abends auf drei Musiker in Begleitung einer jungen Frau treffen, die sich dazu bereit erklären.

Während die Frau (Karin Baal) Schmiere steht, lässt sich Macke (Wolfgang Neuss) dabei filmen, wie er ein großes Hakenkreuz auf eine Glasscheibe malt - wie sich herausstellt, gehört das Fenster zum Luxus-Restaurant seines Vaters. Doch sie werden von der Polizei gestört, können aber in einen Keller fliehen, wo Macke den Männern vor deren Kamera die Vorgeschichte zu seiner Handlungsweise erzählt, die im Jahr 1938 in diesem Keller begann...


1960 wurde "Wir Kellerkinder" der kommerziell erfolgreichste Film in der Bundesrepublik Deutschland. Einerseits wegen der günstigen Produktionsbedingungen - die Handlung des Films, die Wolfgang Neuss mit den Kabarettisten der "Berliner Stachelschweine" und Gastauftritten bekannter Darsteller (Erik Schumann, Eric Ode) und Regisseure (Helmut Käutner) einspielte, benötigte nur wenige Lokalitäten - andererseits wegen seiner Idee, zuerst den Film in der ARD zu zeigen, bevor er in die Kinos kam. Für die Kinobetreiber bedeutete das eine große Respektlosigkeit, weshalb sie "Wir Kellerkinder" zuerst boykottierten - mit dem Ergebnis, dass die Zuschauer Schlange standen, als die ersten Kinos den Film doch vorführten.

Für Wolfgang Neuss, der es frühzeitig verstanden hatte, die Medien für seine Aktionen zu nutzen (so verriet er 1962 vor der Ausstrahlung der letzten Folge den Täter in der TV-Verfilmung des Durbridge Krimis "Das Halstuch", einem damaligen "Straßenfeger") bedeutete sein erster führend geschriebener Langfilm "Wir Kellerkinder" einen entscheidenden Schritt zu seiner großen Popularität als Kabarettist in den 60er Jahren. Bis ihm in den 70er Jahren ein ähnliches Schicksal widerfuhr wie zuvor schon dem Film - er geriet in Vergessenheit. Betrachtet man den inzwischen zementierten Konsens, welche Filme frühzeitig einen kritischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus und die folgenden „Wirtschaftswunder“ - Jahre wagten, wird neben Wickis „Die Brücke“ (1959) und Staudtes „Rosen für den Staatsanwalt“ (1959) in der Regel noch „Wir Wunderkinder“ (1958) von Kurt Hoffmann genannt, „Wir Kellerkinder“ findet dagegen keine Erwähnung.

Wie die Ähnlichkeit der Filmtitel schon vermuten lässt, reagierte Neuss mit „Wir Kellerkinder“ unmittelbar auf Hoffmanns Film, an dem er gemeinsam mit seinem Partner Wolfgang Müller („Die zwei Wolfgangs“) maßgeblich beteiligt war. Seine Reaktion erhielt eine tragische Komponente, als Wolfgang Müller parallel zu den Dreharbeiten für „Das Spukschloss im Spessart“ (1960) - dem Nachfolgefilm des sehr erfolgreichen „Wirtshaus im Spessart“ (1958), an dem die beiden „Wolfgangs“ erstmals mit Kurt Hoffmann zusammen gearbeitet hatten - tödlich verunglückte. Mit dem Satz „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr“ wurde Wolfgang Neuss aus der Produktion komplimentiert - ein Zitat, dem nie widersprochen wurde, aber selbst wenn es genauso gelautet hätte, spricht Neuss’ fehlende Beteiligung an dem Film (und an allen weiteren Filmen Kurt Hoffmanns) schon genug für sich. Trotz dieses Schicksalsschlags führte Neuss das mit Müller begonnene Filmprojekt zu Ende – mit Wolfgang Gruner als Ersatz für seinen verstorbenen Partner.

In „Wir Wunderkinder“ war es erst seinen und Wolfgang Müllers satirischen Bemerkungen zu verdanken, dass Hoffmanns Film über die typische Wohlfühl-Betrachtung der jüngeren deutschen Geschichte hinaus kam, in „Wir Kellerkinder“ wurde Neuss noch deutlich konkreter und bissiger. Die Anlage der Story orientierte sich bewusst an Hoffmanns Film, indem Neuss nach einer Eingangssequenz wieder einen Rückblick auf die zurückliegenden Jahre gibt, hier beginnend im Jahr 1938, als der Erzähler Macke Prinz (Wolfgang Neuss) gerade 11 Jahre alt wurde. Mit seiner Geschichte will Macke Prinz gegenüber dem Reporter Kemskorn (Eckard Lux) und dessen Kameramann Kenschke (Ralf Wolter) von der "neuen deutschen Schau" begründen, warum er bereit war, ein Hakenkreuz auf die Fensterscheibe des Restaurants seines Vaters zu malen. Darum hatten ihn die beiden Männer gebeten, die für den Innenminister einen Film drehen sollten, bei dem ein Hakenkreuz-Schmierer auf frischer Tat ertappt wird, aber Niemand hatte den Job gegen Geld übernehmen wollen, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Nur Macke Prinz und seine beiden Freunde Arthur (Wolfgang Gruner) und Adalbert (Jo Herbst) hatten nicht gezögert.

Im Gegensatz zu „Wir Wunderkinder“, der einen historisch authentischen Rückblick auf die Jahre 1913 – 1957 warf, versuchte Neuss erst gar nicht, mit dessen kostenintensiver Ausstattung zu konkurrieren, sondern konzentrierte sich auf die inhaltlichen Konsequenzen. Dass er erst sieben Jahre den Kommunisten Knösel (Achim Striezel) vor den Nationalsozialisten im Keller versteckte – teilweise unter erschwerten Bedingungen, wenn der Keller bei Bombenangriffen stark frequentiert wurde - um danach seinen Vater (Willi Rose) vier Jahre lang vor der Entnazifizierung im Gefängnis zu bewahren, sollte keine äußerliche Realität widerspiegeln, sondern anschaulich verdeutlichen, wie schnell und wendig die Menschen auf die wechselnden ideologischen Anforderungen reagierten. Einzig Macke, Arthur und Adalbert fallen angesichts der Beweglichkeit ihrer Umgebung mit Übersprungshandlungen auf, was sie unmittelbar in die Heilanstalt bringt, wo sie zu Therapiezwecken die Wohnung des Doktors sauber halten dürfen. Die drei Insassen bekommen alle drei Jahre die Möglichkeit an den Orten, an denen ihr Krankheitsbild zu Tage trat – die Herrentoilette im Münchner Hofbräuhaus, das Theater in Cottbus und der Keller in Berlin – zu beweisen, dass sie inzwischen geheilt sind, indem sie dem dortigen Treiben der Menschen eine Stunde lang regungslos zusehen - eine fast unmöglich zu erfüllende Voraussetzung.

„Wir Kellerkinder“ bezog - anders als Hoffmanns „Wir Wunderkinder“ - nicht nur die Entwicklung der DDR mit ein, sondern teilte in sämtliche Richtungen aus. Weder gibt es hier einen besonders bösen Nationalsozialisten, noch irgendeinen Feingeist, sondern nur Durchschnittsbürger, die auch Ende der 50er Jahre noch die alten Parolen parat haben. Selbst der Alt-Kommunist Knösel geht am Ende in den Westen, um mit Büchern über seine Zeit in der DDR Kohle zu machen, und die Mär, in der DDR gäbe es keine Nazis, wird von Neuss wunderbar ad absurdum geführt – ausgerechnet der strammste Nazi seines Wohnblocks wird dort zum sozialistisch genormten Theaterleiter, verheiratet mit Mackes Schwester Almuth (Ingrid van Bergen), die früher als Jung-Mädel in der Partei engagiert war – selten gelang es besser, die Komplexität der Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg auf den Punkt zu bringen.

Ob es an dieser treffenden, Niemanden schonenden Analyse lag, dass „Wir Kellerkinder“ inzwischen nahezu unbekannt ist, an der einfachen Inszenierung, die keine Chance gegen einen gut ausgestatteten Film wie „Wir Wunderkinder“ hatte - heute selbst nur noch Insidern bekannt - oder am generellen Niedergang von Wolfgang Neuss, der erst in den letzten Jahren vor seinem Tod 1989 von der links-alternativen Szene wieder entdeckt wurde, lässt sich schwer beurteilen, befreit aber nicht die Filmwissenschaft vor Kritik daran, an dem bis heute bestehenden Konsens, nur die Filme anzuerkennen, die schon zu ihrer Entstehungszeit akzeptiert wurden, festzuhalten. Wesentlich tiefer gehende, kompromisslosere Werke wie Staudtes „Kirmes“ (1960), Käutners „Der Rest ist Schweigen“ (1959) oder den hier besprochenen „Wir Kellerkinder“, um nur wenige Beispiele zu nennen, wurden bis heute weder wieder entdeckt, noch rehabilitiert - ein andauerndes Armutszeugnis.

"Wir Kellerkinder" Deutschland 1960, Regie: Hans-Joachim Wiedermann, Drehbuch: Wolfgang Neuss, Herbert Kundler, Thomas Keck, Darsteller : Wolfgang Neuss, Wolfgang Gruner, Jo Herbst, Karin Baal, Ralf Wolter, Hilde Sessak, Ingrid van Bergen, Achim Strietzel, Eckart Dux, Willi Rose, Laufzeit : 87 Minuten

Mittwoch, 10. Juli 2013

Das Beil von Wandsbek (1951) Falk Harnack

Inhalt: Albert Teetjen (Erwin Geschonneck) und seine Frau Stine (Käthe Braun) betreiben schon lange eine Metzgerei im Hamburger Stadtteil Wandsbek, aber ihre Geschäfte laufen immer schlechter, da sie mit den moderner ausgestatteten und größeren Läden nicht mehr mithalten können. Als die NSDAP an die Macht gekommen war, glaubte Teetjen, dass sich auch an seiner Situation etwas ändert, weshalb er in die Partei eintrat, aber inzwischen schwinden seine Hoffnungen. Doch seine Frau erinnert ihn an seinen Kriegskameraden aus dem Weltkrieg, Hans Peter Footh (Willy A.Kleinau), der es als SS-Standartenführer inzwischen zu großem Einfluss gebracht hat, doch ihr Mann weigert sich, ihn um Hilfe zu bitten. Erst als Stine zufällig an einen Briefumschlag mit einem Anschreiben der Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) gelangt – diese hatte den Umschlag der Mutter und ihrem behinderten Sohn gegeben, die unter ärmlichen Verhältnissen im Dachstuhl wohnen, damit sie sich an Footh wenden können – kann sie ihren Mann überreden, ein Bittgesuch an den früheren Kameraden zu richten.

Footh, der es sich feudal eingerichtet hat und ein luxuriöses Leben genießt, reagiert erst uninteressiert, bis ihm einfällt, dass Teetjen Schlachtermeister ist. Die NSDAP hat in Hamburg noch ein unerledigtes Problem, dass bisher verhindert, dass Adolf Hitler in die Hansestadt kommt. Vier Kommunisten waren zum Tode verurteilt worden, weil sie angeblich schuld am Tod von 18 Menschen sind, die bei Auseinandersetzungen mit der SA in Altona 1932 starben - doch das Todesurteil konnte noch nicht vollzogen werden, weil der zuständige Henker erkrankt war. Da käme der Bittsteller Teetjen für Footh gerade richtig…


Während die Kinoproduktion in der BRD erst langsam wieder anlief, hatte sich die DEFA unter sowjetischer Führung seit 1946 etabliert. Doch während den frühen Filmen wie Staudtes "Die Mörder sind unter uns" (1946) noch der ideologische Freiraum anzumerken war, unter dem sie entstehen konnten, galten Anfang der 50er Jahre schon genaue Anforderungen und Richtlinien, die sowohl die heroische Rolle des kommunistischen Widerstands betonen, als auch einen positiven Ausblick auf die Zukunft geben sollten. "Das Beil von Wandsbek" versprach eine angemessene Umsetzung, denn das Drehbuch basierte auf dem 1943 veröffentlichten Roman von Arnold Zweig, der den Selbstmord eines nationalsozialistischen Henkers, von dem er 1938 in der "Deutschen Volkszeitung" - einer von der KPD im Exil herausgegebenen Wochenzeitung - gelesen hatte, zum Anlass seines Romans nahm.

Zweig verband dieses Ereignis mit dem "Altonaer Blutsonntag" vom 17.Juli 1932 als die SA im Hamburger Stadtteil Altona aufmarschierte - eine bewusste Provokation, da das Arbeiterviertel traditionell als linksgerichtet galt. Es kam zu den erwartet schweren Auseinandersetzungen, in dessen Folge 18 Menschen starben, davon 16 durch Kugeln der Polizei. Die Ermittlungen, die sich allein gegen die Kommunisten richteten, brachten keine Ergebnisse, bis die Justiz kurz nach der Machtergreifung der NSDAP vier junge Antifaschisten und Kommunisten zum Tode verurteilte - ein Urteil, dass erst 1992 wieder aufgehoben wurde. Inzwischen ist es erwiesen, dass der Henker, der die Hinrichtung an den vier Männern vornahm, nicht - wie Zweig damals annahm - Derselbe ist, der später Selbstmord beging, aber der Autor entwickelte daraus eine Ereignisfolge, deren Intention sich unabhängig vom historischen Hintergrund erschließt. Für die DEFA war der Zusammenhang zum "Altonaer Blutsonntag" dagegen von wesentlicher Bedeutung, denn der Widerstand der Kommunisten gegen das nationalsozialistische Regime sollte zum Auslöser für das Scheitern eines Mannes werden, der sich von den Nationalsozialisten kaufen ließ. Mit Erwin Geschonneck in der Hauptrolle des Henkers Albert Teetjen und Falk Harnack, Widerstandskämpfer und seit 1948 künstlerischer Direktor der DEFA, auf dem Regiestuhl, der gemeinsam mit Wolfgang Staudte auch am Drehbuch mitwirkte, waren die Voraussetzungen für ein Gelingen des Films ideal. Entsprechend der Richtlinien wurde Arnold Zweigs Roman um eine Nebenhandlung erweitert, die den heldenhaften Widerstand der Kommunisten im III. Reich betonen sollte. 

Der Schlachtermeister Teetjen wendet sich an seinen früheren Kriegskameraden und jetzigen SS-Standartenführer Footh (Willy A.Kleinau), um ihn wegen seiner schwierigen materiellen Lage um Hilfe zu bitten, was schließlich dazu führt, dass er gegen viel Geld die Hinrichtung von vier unschuldigen Männer ausführt, da der zuständige Henker erkrankt ist. Damit hilft er der Hamburger NSDAP aus der Klemme, da Adolf Hitler nur unter der Voraussetzung, dass die vier Männer hingerichtet worden sind, seinen Besuch in der Hansestadt ankündigte. Diesen bei Arnold Zweig solitär erzählten Vorgang verbindet der Film mit den Aktivitäten einer funktionierenden kommunistischen Widerstandszelle. In einer frühen Szene des Films besucht die Amtsärztin Dr. Käthe Neumeier (Gefion Helmke) einen behinderten jungen Mann, der mit seiner Mutter in einer ärmlichen Dachwohnung über der Fleischerei Teetjen lebt. Nicht nur, dass der selbstbewusste junge Mann keine Angst davor hat, die Bücher von Karl Marx und anderen verbotenen Autoren in seiner Bibliothek zu bewahren, auch sonst ist er aktiv antifaschistisch und stellt nachts Flugblätter her. Die Ärztin dagegen vertritt den Typus des Mitläufers. Sie war früher selbst kommunistisch, gehört inzwischen aber einer bürgerlichen Schicht an, die die Ideen der Nationalsozialisten zwar verabscheut, aber mit ihnen zusammen arbeitet, da sie den Ernst der Lage noch nicht begriffen hat. Deshalb übergibt sie der Mutter des jungen Mannes ein Empfehlungsschreiben an den einflussreichen SS-Mann Footh, um diesen um Unterstützung zu bitten - angesichts der Umstände eine absurde Idee, die aber dazu führt, dass Stine Teetjen (Käthe Braun), die Ehefrau des Schlachters, in den Besitz des Schreibens kommt, welches sie an ihren Mann weitergibt, der damit Footh anschreibt.

Diese konstruiert wirkende Eingangssequenz sollte die Mitwirkung der Kommunisten an der späteren Identifikation des Täters begründen und die daraufhin beschlossene Maßnahme, den Fleischer zu ächten, als Solidaritätsbewegung der Bevölkerung kennzeichnen. Als die Ärztin im Haus des SS-Mannes Wochen nach der Hinrichtung ihren Briefumschlag entdeckt und die Mutter des Jungen darauf anspricht, erfährt sie, dass diese den Umschlag an Frau Teetjen weiter gegeben hatte, womit klar wird, wieso sich die Teetjens plötzlich die Modernisierung ihres Fleischerladens leisten konnten. Doch bevor es dazu kommt, dient ihre Rolle dazu, nochmals den Heldenmut der Kommunisten zu betonen. Nachdem sie von einer im Sterben liegenden Kommunistin darauf hingewiesen wurde, prüft sie gemeinsam mit dem Gefängnisdirektor die Gerichtsakten und kommt zu dem Ergebnis, das das Todesurteil eine von den Machthabern gewollte Farce ist. Zudem besucht sie die vier Verurteilten in ihren Zellen und gibt damit Jedem von ihnen die Gelegenheit, seinen Standpunkt nochmals zu vertreten, Solidarität einzufordern und zum Kampf für die gerechte Sache aufzurufen, die am Ende siegen wird.

Angesichts der beißenden Darstellung der Nationalsozialisten um den ehrgeizigen und selbstverliebten SS-Standartenführer Footh wirken diese Szenen unrealistisch - kaum vorstellbar, dass sich eine Ärztin so frei und sprachlich unangepasst innerhalb eines so diffizilen Umfelds hätte bewegen können. Die wiederholten Warnungen vor den Nationalsozialisten, die bekunden sollten, dass die Kommunisten die Gefahr frühzeitig erkannten und den Widerstand nie aufgaben, wirken zunehmend bemüht und angesichts der realen Gefahr für jeden Regimegegner auch verharmlosend - der behinderte junge Mann verlässt nachts um eins den Dachstuhl seiner Wohnung, um zu einem in der Straße gelegenen Keller zu gehen, wo die Druckerpresse steht - standen aber ganz im Sinn der ideologischen Zielsetzung der DEFA. Um so mehr überrascht es, das „Das Beil von Wandsbek“ der erste DEFA-Film wurde, dessen Aufführung in der DDR verboten wurde und folgende Aussage des SED-Politbüros provozierte:

„Noch krasser offenbaren sich die Fehler des kritischen Realismus in dem Film „Das Beil von Wandsbek“, der nicht die Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse zu den Haupthelden macht, sondern ihren Henker. Die Verfilmung dieses Stoffes war ein ernster Fehler der DEFA-Kommission und des DEFA-Vorstandes.“

Tatsächlich spielten die „Kämpfer der deutschen Arbeiterklasse“ in Zweigs Roman nur eine untergeordnete Rolle, denn er wollte am Beispiel des Fleischers die Propaganda der Nationalsozialisten, sich für die Arbeiter und einfachen Leute einzusetzen, als Lüge entlarven. An Hand des differenziert beschriebenen Charakters des Fleischers, der von den Nationalsozialisten für deren Zwecke missbraucht wird, verbunden mit den Vorgängen am „Altonaer Blutsonntag“, gelang Zweig das schlüssige Bild einer Gesellschaft im Übergang von der Weimarer Republik zur faschistischen Diktatur. Die Ächtung des Fleischers, nachdem sich das Gerücht in Wandsbek verbreitete, er hätte die Männer geköpft, drückte das innere Unbehagen einer Bevölkerung aus, die keineswegs hinter den Ideen der Nationalsozialisten stand, letztlich aber auch nicht in der Lage war, sich aufzulehnen. Der Fleischer und einmalige Henker wird zum schwächsten Glied einer sich verändernden Gesellschaft, nicht zur Zielperson einer konzertierten Aktion des Widerstands, wie es der Film positiv darzustellen versuchte.

Der Versuch misslang, weil „Das Beil von Wandsbek“ Arnold Zweigs Intention weiter transportierte und die Nebenhandlung den Charakter der nachträglichen Hinzufügung nicht verlor. Das war besonders dem überragenden Spiel Geschonnecks und Brauns zu verdanken, die das Ehepaar Teetjen menschlich nachvollziehbar verkörperten. Ihre Ängste und der damit verbundene Anpassungswille, ihre Leichtgläubigkeit und Kleingeistigkeit, seine Sturheit und das gewollt wirkende konservative Auftreten, ihre Eitelkeit und christliche Gesinnung, aber auch ihr Versuch, gemeinsam ein bisschen Glück erfahren zu wollen, entfalten ein komplexes Bild der menschlichen Psyche, von dem sich kein Betrachter lossagen kann. Zudem betonte Harnacks am Neorealismus orientierter Stil die Armut und Tristesse, und damit die Ausweglosigkeit ihrer Situation, die sich am Ende zu einem Bild zweier verlorener Menschen verdichtet, die gleichzeitig zu Tätern und Opfern werden.

Der Umgang mit der Thematik war signifikant für die Frühphase des „Kalten Krieges“. Während ein kritischer Stoff wie Arnold Zweigs Roman zu Beginn der 50er Jahre kaum eine Chance auf eine Verfilmung in der BRD hatte (erst 1982 wurde er in einem Fernsehfilm umgesetzt), galt es in der DDR die eigene Staatsdoktrin darin unterzubringen, die den kommunistischen Staat als das „bessere“ Deutschland darstellte. Dafür war Zweigs Blick auf die erste Hälfte der 30er Jahre nicht geeignet, denn der Versuch die Geschichte - wenn auch nur in wenigen Aspekten – umzuschreiben, musste misslingen, zu generell war seine Analyse eines Deutschlands auf dem Weg in die Diktatur. Regisseur Falk Harnack verließ die DDR 1952 als Reaktion auf das Filmverbot, der Film kam 1962 stark geschnitten in die DDR-Kinos – die privaten Szenen des Ehepaars wurden größtenteils entfernt – aber das alles konnte dem Film letztlich nichts anhaben, dessen grundsätzliche Aussage bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren hat.

"Das Beil von Wandsbek" DDR 1951Regie: Falk Harnack, Drehbuch: Falk Harnack, Wolfgang Staudte, Erich Conradi, Hans Robert Bortfeld, Arnold Zweig (Roman), Darsteller : Erwin Geschonneck, Käthe Braun, Gefion Helmke, Willy A.Kleinau, Claus Holm, Gisela May, Hilde SessakLaufzeit : 107 Minuten

Dienstag, 7. Mai 2013

Quax, der Bruchpilot (1941) Kurt Hoffmann


Inhalt: Otto Groschenbügel (Heinz Rühmann), genannt „Quax“, steht in einer Reihe mit fünf anderen Männern auf einem Flugplatz, um seine Ausbildung als Pilot anzutreten, die er bei einem Preisausschreiben gewonnen hatte. Während ihr Fluglehrer Hansen (Lothar Firmans) die kommenden Aufgaben umreißt, wirkt Quax eher daran interessiert, Urlaub zu machen - und zwar „mit allem Komfort“. Doch daran ist auf dem Fliegerhorst nicht zu denken, denn die Männer schlafen zusammen in einer Baracke und Jeder muss mit anpacken. Auch der erste Flug, bei dem ihm Hansen zeigt, was ihn erwartet, stärkt seinen Wunsch noch, möglichst schnell wieder das Weite zu suchen. Als auch Hansen deutlich werden lässt, dass er engagierte Männer braucht und keine unmotivierten Angeber, packt Quax seine Sachen und kehrt in seinen kleinen Heimatort zurück, um weiter im Reisebüro zu arbeiten.

Tatsächlich hatte Quax nur an dem Preisausschreiben teilgenommen, um eine Reise zu gewinnen. Doch nachdem bekannt wurde, dass ihm der Hauptpreis zugefallen war, sprach sich das im Ort schnell herum und Quax genoss die große Aufmerksamkeit als zukünftiger Flieger. Entsprechend wird er von den Honoratioren der Stadt empfangen, die sich schon Gedanken darüber machen, wie sie ihm weitere Ehre erweisen können. Nachdem er bei einem Bankett die Erwartungen in ihn erfüllt hatte, indem er zum Besten gab, wie leicht er auch die gefährlichsten Situationen bewältigt hatte, und ihm seine Freundin Adelheid (Hilde Sessak), mit der zusammen in Urlaub fahren wollte, den Laufpass gegeben hatte, bleibt ihm nichts anderes übrig, als die Pilotenausbildung erneut anzutreten…


Heinz Rühmann war seit Beginn der 30er Jahren ein passionierter Pilot und eng mit dem im 1.Weltkrieg berühmt gewordenen Kampfflieger Ernst Udet befreundet, der inzwischen als Generalluftzeugmeister der Wehrmacht verantwortlich für die Organisation der Luftstreitkräfte war. Der Film "Quax, der Bruchpilot", dessen Grundidee auf den Versen Hermann Grotes beruhte, in denen sich dieser über die Probleme eines Flugschülers lustig macht, war folgerichtig eine Herzensangelegenheit für Rühmann, der nicht nur die Hauptrolle spielte und den Film produzierte, sondern als Pilot auch die Luftaufnahmen selbst übernahm. Die Besetzung des damals 30jährigen Kurt Hoffmann als Regisseur geht ebenso auf seinen Einfluss zurück, wie das Drehbuch von Robert A.Stemmle - mit Beiden hatte er zuvor schon mehrfach erfolgreich zusammen gearbeitet.

Angesichts dieses privaten Engagements wird Rühmanns spätere Äußerung, er hätte nie den Eindruck gehabt, an einem Propagandafilm mitzuwirken oder für die Wehrertüchtigung zu werben, verständlich, zumal "Quax, der Bruchpilot" ganz seinem gewohnten Rollentypus untergeordnet war. Als Otto Groschenbügel, genannt "Quax" gibt Heinz Rühmann hier wieder seine Paraderolle des kleinen Mannes, der es am Ende allen zeigt. Der Mitarbeiter eines kleinstädtischen Reisebüros hatte die Ausbildung zum Piloten bei einem Preisausschreiben gewonnen, worüber er aber nicht glücklich ist, denn anstatt des Hauptpreises hatte er es auf eine Reise abgesehen, auf die er mit seiner Freundin Adelheid (Hilde Sessak) gehen wollte. Entsprechend schnell gibt er die Ausbildung wieder auf, nachdem ihm sein Fluglehrer Hansen (Lothar Firmans) deutlich gemacht hatte, auf einen unmotivierten Angeber wie ihn sehr gut verzichten zu können und ihm der ans Militär erinnernde Drill zu viel geworden ist.

Doch die Geister, die er rief, wird Otto Groschenbügel so schnell nicht wieder los. In seiner Heimatstadt gilt er schon als Held und Ehrenbürger, während sich seine Freundin Adelheid inzwischen anderweitig orientiert hat. Wohl oder übel kehrt er an den Fliegerhorst zurück und fordert seine Ausbildung bei Hansen ein. Die Stärke des Films liegt in Rühmanns unnachahmlicher Verkörperung eines rigorosen Angebers, dem trotzdem die Sympathien des Publikums gehören. Anders als in seinen schwächeren Komödien, in denen er nur einen Moment lang auf dem Pfad der Sünde schreitet, bevor er schnell wieder zum Ehrenmann bekehrt wird - wie etwa in "5 Millionen suchen einen Erben" (1938)) - zieht er hier kräftig vom Leder und tritt selbst dann noch in jedes Fettnäpfchen, als er schon als begabter Pilot gilt und mit Marianne (Karin Himboldt) eine neue Liebe kennengelernt hatte.

Erst in der abschließenden Szene - nachdem das erwartete Happy-End schon eingetreten war - legt der inzwischen selbst zum Fluglehrer und damit zum Berufspiloten aufgestiegene "Quax" wert auf Disziplin und Kameradschaft, weshalb Rühmanns Rolle kaum als Vorbildcharakter für eine soldatische Karriere herhalten konnte, sondern phasenweise sogar wie eine Parodie darauf wirkte. Trotzdem war der Film nicht nur an den Kinokassen sehr erfolgreich, sondern gilt auch als einer der Lieblingsfilme Adolf Hitlers, den dieser sich mehrfach vorführen ließ. Erklärbar wird das an Hand der Figur des Fluglehrers Hansen. Im Kontrast zu dessen ernsthafter, disziplinierter Attitüde wirkt "Quax" wie ein schwer erziehbares Kind. Es ist kaum anzunehmen, dass der erfahrene Pilot Heinz Rühmann einem Angeber wie „Quax“ gerne auf dem Flughafen begegnet wäre, aber er nutzt den Freiraum einer sonst vorbildhaft agierenden deutschen Pilotengemeinschaft, um überzeugend einen spleenigen Individualisten zu mimen, der viel Zeit benötigt, bis er die hoch stehende gemeinschaftliche Verantwortung eines Piloten begreift - letztlich ein positiver Gradmesser für die Pilotenausbildung, sogar einen "Quax, der Bruchpilot" bekehrt zu haben.

In dieser abschließenden Konsequenz unterscheidet sich der Film von den typischen Rühmann-Komödien, die zwar häufig eine moralische Läuterung verlangten, selten aber eine so deutliche Veränderung des Charakters. Rühmanns Rollen zeichneten sich in der Regel dadurch aus, dass er sich letztlich immer treu blieb. Abgesehen von dieser Konzession an die Propaganda, hält sich der Film merklich zurück, werden weder Feindbilder genannt, noch Zusammenhänge zu militärischen Aktionen hergestellt. Das entsprach der damaligen Phase im deutschen Film, in der mehr der unterhaltende Charakter als konkrete Feindbilder betont werden sollten – trotzdem lassen die Kriegereignisse 1941 den Schluss zu, dass die immanente Botschaft gewollt war.

Die Luftwaffe galt unter Militaristen seit dem Ende des 1.Weltkriegs als Kriegs entscheidende Waffe, weshalb der Rüstungsentwicklung besondere Aufmerksamkeit zukam. Die „Luftschlacht um England“, mit der Deutschland von 1940/41 versuchte, das Land zur Kapitulation zu zwingen, galt zum Zeitpunkt des Erscheinens von „Quax, der Bruchpilot“ im Dezember 1941 schon als gescheitert und hatte große Verluste gefordert, weshalb es einen erheblichen Bedarf an zusätzlichen Piloten gab. Ernst Udet, Rühmanns alter Freund, hatte, nachdem ihm die Schuld an dem Fiasko gegeben wurde, im November 1941 Selbstmord begangen, was aber von der Propaganda zu einem tödlichen Unfall gewandelt wurde. Udet wurde mit einem Staatsbegräbnis beigesetzt und „Quax, der Bruchpilot“ konnte wenig später seinen fröhlichen Bruchpiloten auf die Leute loslassen.

Das patriotische Hervorheben eigener Leistungsstärke und die Betonung des Gemeinschaftsgeistes haben in internationalen Produktionen nach wie vor Tradition, weshalb „Quax, der Bruchpilot“ - losgelöst von den historischen Zusammenhängen – heute als wenig innovative Komödie erscheint, der vor allem die originellen Nebencharaktere fehlen. Fluglehrer Hansen musste zu sehr die oberlehrerhafte Position des Fluglehrers vertreten, um als Antipode dem bestens aufgelegten Hauptdarsteller Paroli bieten zu können, von dessen Leistung der gesamte Film lebt.

"Quax, der Bruchpilot" Deutschland 1941, Regie: Kurt Hoffmann, Drehbuch: Robert A.Stemmle, Darsteller : Heinz Rühmann, Lothar Firmans, Karin Himboldt, Hilde Sessak, Beppo Brem, Laufzeit : 85 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Kurt Hoffmann:

Donnerstag, 4. April 2013

Die Feuerzangenbowle (1944) Helmut Weiss


"Die Feuerzangenbowle" von 1944 gilt als die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von Heinrich Spoerl und damit als "Remake" von "So ein Flegel" aus dem Jahr 1934. Tatsächlich haben beide Filme wenig gemeinsam und erst der 1944er Film wurde zu einer "echten" Umsetzung des Buches. 


Inhalt: Dr.Hans Pfeiffer (Heinz Rühmann), ein erfolgreicher Schriftsteller, kommt etwas zu spät zu dem Treffen einer Herrenrunde, um festzustellen, dass die Honoratioren der Feuerzangenbowle schon stark zugesprochen haben und aufgedreht von alten Schulzeiten erzählen. In ihr Gelächter kann er nicht einstimmen, da er selbst nie auf eine staatliche Schule ging, sondern privat unterrichtet wurde. Alkoholselig fassen sie einen Plan, um ihm diese Erfahrung für ein paar Wochen zu ermöglichen. Sie lassen ihn wieder wie einen Pennäler aussehen und schicken ihn auf ein kleinstädtisches Gymnasium.

Dort angekommen, muss er feststellen, dass sich Niemand für den „Neuen“ interessiert und das seine flappsigen Sprüche bei den Klassenkameraden der Oberprima noch nicht recht ankommen. Zudem bestellt der Direktor (Hans Leibelt) ihn zu sich, damit er sich eine anständige Unterkunft besorgt und nicht im Hotel wohnt, was sich für einen Schüler nicht gehört. Er kommt bei der Witwe Windscheidt (Anneliese Würtz) unter, die ihn vor den Versuchungen junger Mädchen warnt, aber Pfeiffer war schon Eva (Karin Himboldt) begegnet, der Tochter des Direktors, deren Desinteresse ihn erst anspornt…


Die Geschichte ist inzwischen altbekannt. Als Heinz Rühmann erfuhr, das „Die Feuerzangenbowle“ nicht aufgeführt werden durfte, ging er persönlich zu Adolf Hitler, führte ihm den Film vor und erhielt so die Erlaubnis, den Film doch in die Kinos bringen zu können. Vom Propagandaministerium war kritisiert worden, dass der Film die Autorität des Lehrpersonals untergraben hätte, obwohl Heinz Rühmann die Rolle des Oberlehrers Brett (Lutz Götz) im Gegensatz zum Roman Heinrich Spoerls extra im nationalsozialistischen Sinne hatte umschreiben lassen. Dessen Schluss-Dialog mit dem Sympathieträger Bömmel (Paul Henckels mit überzeugendem rheinischen Idiom) verwies auf „eine neue Zeit“, die zu diesem Zeitpunkt schon längst vergangen war, und hatte mit Spoerls idealisierten Erinnerungen einer Schulzeit nichts zu tun.

Sein erster 1933 erschienener Roman, der die Grundlage für den bekanntesten Rühmann-Film bilden sollte, war ähnlich wie seine späteren Werke „Der Maulkorb“ oder „Wenn wir alle Engel wären“ eine Geschichte vom Niederrhein, die humoristisch und liebevoll einen durchaus kritischen Blick auf den Charakter der hier lebenden Menschen warf und ein stimmiges Zeitbild des frühen 20. Jahrhunderts nachzeichnete. Heinz Rühmann, der noch mit Vierzig wie ein Pennäler aussehen konnte, hatte sich als ideale Verkörperung der Spoerlschen Hauptfiguren erwiesen, weshalb er schon in „Wenn wir alle Engel wären“ (1936) und in „Der Gasmann“ (1941), der im Gegensatz zu Spoerls früheren Romanen in Berlin angesiedelt war, die tragende Rolle übernommen hatte. Beinahe vergessen ist dagegen, dass Rühmann die Rolle des Hans Pfeiffer schon früh in seiner Karriere spielte, in der ersten Adaption der „Feuerzangenbowle“, die unter dem Titel „So ein Flegel“ 1934 in die Kinos kam.

Heinz Rühmanns großer Einsatz für die zweite Fassung der „Feuerzangenbowle“ ist aus der Entwicklung seit dieser Zeit erklären. Nicht nur der Schauspieler, auch Heinrich Spoerl hatte seit Mitte der 30er Jahre eine erfolgreiche Karriere hingelegt - mehrfach hatten sie zusammen gearbeitet - aber zum Entstehungszeitpunkt von „So ein Flegel“ besaß der Autor noch kein Mitspracherecht bei dem damaligen Drehbuch, das die Originalstory stark abwandelte. Gemeinsam mit Helmut Weiss, der hier erstmals die Regie übernahm, aber schon lange zu Rühmanns Vertrauten gehörte, wollten Beide die Buchvorlage endlich kongenial umsetzen, was ihnen in einer fast penibel zu nennenden Art und Weise gelang. Bis auf die oben genannte Änderung in der Figur des Dr.Brett sind die Dialoge teilweise wörtlich aus dem Roman übernommen.

Da 1944 nur noch unproblematische, der Ablenkung von den Kriegswirren dienende Stoffe gedreht werden durften, schien die zu Beginn des Jahrhunderts spielende Geschichte geradezu ideal geeignet, aber Heinrich Spoerls Romane waren trotz ihres hohen Unterhaltungswerts immer auch eine Spur anarchistisch und entlarvend. Schon der Genuss der Titel gebenden „Feuerzangenbowle“ erzeugt bei der Herrenrunde die wildesten Fantasien, die schließlich dazu führen, den von einem Privatlehrer unterrichteten Dr.Hans Pfeiffer als Pennäler auf ein kleinstädtisches Gymnasium zu schicken, wo er für ein paar Wochen endlich in den Genuss seliger Oberprimanerzeiten kommen soll – eine im bürokratischen Deutschland schwer vorstellbare Umsetzung.

Doch davon ließ sich Spoerl nicht abhalten, sondern entwickelte ein Panoptikum, das zur Grundlage aller Filme über die Schulzeit werden sollte. Skurrile Lehrer, aufmüpfige Klassenkameraden, verschworene Gemeinschaften, Schulstreiche und nicht zuletzt die süßen Mädchen vom Lizeum gegenüber, erzeugten eine Atmosphäre, die jeden Betrachter unmittelbar an seine eigene Schulzeit erinnert, auch wenn diese nur wenig konkrete Parallelen mit dem hier gezeigten Geschehen aufweisen – denn Spoerls Geschichten folgen ihren Träumen und versuchten gar nicht erst, realistisch zu sein. Für die späte Phase des Nationalsozialismus war dieser idealisierte Gegenentwurf zum autoritären Schulbetrieb zu individuell, zu gleichberechtigt im Umgang zwischen Schülern und Lehrpersonal, weshalb „Die Feuerzangenbowle“ noch heute, sieht man von dem genannten Dialog einmal ab, uneingeschränkt empfohlen werden kann. Allein die Szene, in der Marion (Hilde Sessak) ihrem in die Kleinstadt entlaufenen Dr.Hans Pfeiffer zeigt, warum er wieder mit ihr nach Berlin zurückgehen soll, entsprach keineswegs den damaligen Moral-Vorstellungen.

Trotz dieser zeitlosen Qualitäten, sollten die Umstände der Entstehung nicht vergessen werden. Während im Film eine heile Welt gezeigt wird, mit einer Hauptfigur, die sich die Freiheit erlauben kann, für ein paar Wochen eine Auszeit vom Erwachsensein zu nehmen, waren einige der jungen Darsteller schon als Soldaten gefallen, bevor „Die Feuerzangenbowle“ uraufgeführt wurde. Auch für Heinz Rühmann blieb es nicht nur sein letzter vor dem Ende des Kriegs gezeigter Film, sondern auch sein letzter großer Erfolg für mehr als 10 Jahre. Der abschließenden Szene des Films kommt eine entsprechende Bedeutung zu. Nicht nur die Geschichte von Hans Pfeiffer war erfunden, entstanden in den von der Feuerzangenbowle benebelten Gehirnen, die in alten Erinnerungen schwelgten, sondern dem gesamten Film haftet bis heute etwas Unwirkliches an. 

"Die Feuerzangenbowle" Deutschland 1944, Regie: Helmut Weiss, Drehbuch: Heinrich Spoerl (Roman), Darsteller : Heinz Rühmann, Karin Himboldt, Hilde Sessak, Erich Ponto, Paul Henckels, Hans Richter, Laufzeit : 93 Minuten 

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Dienstag, 26. März 2013

Kleider machen Leute (1940) Helmut Käutner


Inhalt: Schneidergeselle Wenzel (Heinz Rühmann) bleibt abends noch in der Werkstatt, um den Frack für den Bürgermeister fertig zu nähen. Doch nachts beginnen seine Fantasien mit ihm durchzugehen und er schneidert sich den Frack selbst auf den Leib. Als am Morgen sein Chef den Bürgermeister empfängt, um ihm das gute Stück anzuziehen, kann Wenzel die Katastrophe nicht mehr verhindern und wird achtkantig rausgeschmissen – ohne Geld, nur mit dem Frack und wenigen Habseligkeiten bei sich.

Schwermütig sieht er in dem kalten Winter seinem Tod entgegen. Ein Puppenspieler (Erich Ponto), der den armen Wenzel versucht hatte zu trösten, sieht eine Kutsche halten und überzeugt den Kutscher davon, dass es sich bei dem Schneidergesellen um eine hochstehende Persönlichkeit handelt. Dieser glaubt darauf, in ihm den russischen Grafen zu erkennen, den er abholen sollte, aber nicht angetroffen hatte. Wenzel will zuerst nicht einsteigen, bis ihn Nettchen (Hertha Feiler), deren Kutsche verunglückt war, bittet, sie in die Nachbarstadt mitzunehmen. Er willigt ein und erzeugt mit seiner Ankunft große Aufregung unter den Bürgern und Honoratioren…


Der ersten Zusammenarbeit von UFA-Star Heinz Rühmann und Regisseur Helmut Käutner sollte erst viele Jahre später mit "Der Hauptmann von Köpenick" (1956) eine weitere folgen, zudem unter umgekehrten Vorzeichen. Heinz Rühmann erfreute sich 1940 seit Jahren großer Popularität und drehte mehrere Filme jährlich, während Käutners erster im Jahr zuvor gedrehter Film "Kitty und die Weltkonferenz" von der Zensurbehörde verboten worden war. Dagegen hatte Käutner 1956 viel Renomée erworben und war zu einem Stil prägenden Regisseur aufgestiegen, während hinter Heinz Rühmann schwierige Jahre nach dem Ende des 2.Weltkriegs lagen, die nicht zuletzt mit seiner zwiespältigen Beziehung zu den nationalsozialistischen Machthabern zusammen hing.

Für Käutners zweiten Film bedeutete die Besetzung Rühmanns und dessen Ehefrau Hertha Feiler in der weiblichen Hauptrolle die Chance, dass dieser von der Zensur verschont bleiben würde, da sie großen Einfluss im Propaganda-Ministerium besaßen. Zudem hatte er als Vorlage für sein Drehbuch mit "Kleider machen Leute" eine Novelle aus dem zweiten Teil des Novellenzyklus "Die Leute von Seldwyla"  von Gottfried Keller gewählt, die dieser zwischen 1860 und 1875 geschrieben hatte. Der Schweizer Schriftsteller Keller gilt heute als Meister des "bürgerlichen Realismus" des 19.Jahrhunderts, der die sozialen Verhältnisse seiner Zeit genau beschrieb und auch kritisch betrachtete, aber die Verlegung der Handlung in die Schweiz des vorigen Jahrhunderts machte aus diesem Stoff ein Lustspiel mit gemäßigt ironischen Anspielungen, das von der nationalsozialistischen Zensur als reiner Unterhaltungsfilm eingestuft wurde.

Tatsächlich wäre es zu viel der Interpretation, erkenne man in der Geschichte um den unfreiwilligen Hochstapler eine unterschwellige Kritik am Nationalsozialismus, aber dank Gottfried Kellers Grundlage kam die Rolle Rühmanns, obwohl er erneut als einfacher Mann des Volkes besetzt wurde, ohne die üblichen Klischees aus. Auch in den kurz zuvor und danach entstandenen Filmen "5 Millionen suchen einen Erben" (1938) oder "Der Gasmann" (1941) wurde er der Versuchung ausgesetzt, mehr sein zu können als es seinem einfachen Stand entsprach. Nur kurz erlag er jeweils dem Lockruf (des Geldes), um letztlich seinen ihm zustehenden Platz wieder einzunehmen - nicht ohne in "Der Gasmann" noch vor Gericht (komödiantisch) abgestraft zu werden. So eindeutig die Botschaft war - zudem ganz im Sinn der Machthaber - so beliebt machten diese Rollen Heinz Rühmann beim Großteil der Kinobesucher. "Kleider machen Leute" hat dagegen einen exakt gegensätzlichen Aufbau, schon weil die Versuchung, in die Rühmann zu Beginn gerät, auf seinem Fehlverhalten beruht.

Anstatt den Frack für den Bürgermeister korrekt fertigzustellen, erliegt der Schneidergeselle Wenzel (Heinz Rühmann) einen Moment lang seinen Träumen und kürzt das noble Kleidungsstück auf seine eigene Größe. Am nächsten Morgen wieder bei klarem Verstand, kann er nicht mehr verhindern, dass der Bürgermeister den viel zu kleinen Frack bemängelt und er von seinem Meister rausgeschmissen wird - statt einer anständigen Bezahlung mit dem Kleidungsstück als Abfindung. Dieses wird zu seiner Eintrittskarte in die bessere Gesellschaft, obwohl Wenzel sich mit Worten und Taten dagegen wehrt. Selbst Fluchtversuche werden unterbunden.

Kellers Novelle führt in eine Zeit zurück, in der jedes Detail der Bekleidung etwas über die gesellschaftliche Position seines Trägers verriet. Ein Verstoß gegen diese Regeln galt als unmöglich, weshalb Wenzels Frack für seine Umgebung mehr Bedeutung hatte, als sein Verhalten oder seine Sprache. Im Gegenteil wird jedes widersprüchliche Benehmen so interpretiert, dass es wieder in die vorgefasste Meinung, Wenzel sei in Wirklichkeit ein incognito reisender russischer Graf, passt. Wirklich geändert hat sich an dieser äußerlichen Beurteilung von Mitbürgern bis heute nichts, auch wenn sich die Insignien des Erfolges inzwischen geändert haben. Dass Wenzel diese Posse irgendwann mitmacht, liegt an Nettchen (Hertha Feiler), der Tochter des wohlhabenden Tuchmachers, in die er sich spontan verliebt. Zudem unterstützt der richtige russische Graf seine Position, da ihm das die Freiheit lässt, weiter unerkannt zu agieren.

Der Unterschied zu den typischen Rühmann-Komödien liegt nicht nur darin, dass er sich zuerst gegen die Versuchung wehrt, um ihr dann doch zu erliegen, sondern das sein Objekt der Liebe aus einer gesellschaftlich höheren Schicht stammt, anstatt das es sich wie üblich um das "liebe Frauchen" von nebenan handelt. Ein Happy-End war entsprechend nur möglich, wenn Wenzel seinen bisherigen Stand verlassen würde, worin Gottfried Kellers Intention lag. Dieser hatte es nicht auf den kleinen Schneidergesellen abgesehen, sondern auf die hohen Herren, deren Irrtum Konsequenzen haben sollte. Heinz Rühmann alias Wenzel versucht zwar noch, sich der Schande durch Flucht zu entziehen, aber Nettchen will nicht nur seine Frau werden, sondern ihre gesellschaftliche Position selbstbewusst verteidigen.

"Kleider machen Leute" hat teilweise einen märchenhaften Gestus, auch bedingt durch Käutners poetische, an Gemälde erinnernde Schwarz-Weiß-Bilder, die besonders in den Traumsequenzen und den Fastnacht-Szenen einen wunderschönen, unwirklich scheinenden Charakter annehmen. Damit wies er schon früh auf seinen am französischen "poetischen Realismus" orientierten Stil hin, den er in "Unter den Brücken" (1945) zu absoluter Reife brachte. Aber auch wenn der Inhalt des Films wenig realistisch erscheint, erzählt er doch ganz sanft von der Auflehnung gegen eine bestehende Ordnung.

"Kleider machen Leute" Deutschland 1940, Regie: Helmut Käutner, Drehbuch: Helmut Käutner, Gottfried Keller (Novelle), Darsteller : Heinz Rühmann, Hertha Feiler, Erich Odemar, Hilde Sessak, Erich Ponto, Laufzeit : 99 Minuten

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