Posts mit dem Label Wolfgang Reichmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Wolfgang Reichmann werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 4. Mai 2015

Unter Ausschluß der Öffentlichkeit (1961) Harald Philipp

Inhalt: Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck) hat keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten Dr. Werner Rüttgen (Claus Holm), dass dieser den Mord an seiner Frau begangen hatte, um frei für seine Geliebte Helga Dahms (Susanne Rüttger) sein zu können, mit der er schon längere Zeit ein Verhältnis hatte. Doch Kesslers Ansicht basiert allein auf Indizien, weshalb die überraschende Zeugenaussage von Laura Beaumont (Eva Bartok), die kurz vor dem Ende seines Plädoyers im Zuschauerraum auftaucht, seine Argumentation zum Fallen bringt. Sie gibt dem Angeklagten ein Alibi.

Die Verhandlung wird unterbrochen, um die neue Sachlage prüfen zu können, aber Kessler muss sich der Haltung des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff) beugen, der die Freilassung des Angeklagten anordnet. Kessler glaubt der Zeugin nicht, da er sie von früher her kennt, aber mit dieser Ansicht steht er allein. Als kurz darauf, der Angeklagte ebenfalls an einem angeblichen Selbstmord stirbt – tatsächlich hatte der Täter die Tabletten ausgetauscht – und einen Brief hinterlässt, der den Staatsanwalt beschuldigt, er hätte ihn in den Tod getrieben, gerät Kessler noch mehr unter Druck. Auf eigene Faust beginnt er zu ermitteln und wird mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert…


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" , der von der PIDAX am 23.12.2014 erstmals auf DVD veröffentlicht wurde, scheint aus der Reihe der Sozialdramen der späten 50er / frühen 60er Jahre heraus zu stechen, um die sich die PIDAX zuletzt umfangreich kümmerte, aber das täuscht. Zwar gehört der Film äußerlich dem Justiz-Thriller oder Kriminal-Genre an und reiht sich damit in die Mabuse- und Edgar-Wallace-Filme ein, die Anfang der 60er Jahre sehr populär waren, aber allein schon die Tatsache, dass der Film nicht annähernd über den Bekanntheitsgrad typischer Kriminalfilme dieser Zeit verfügt - unabhängig von deren Qualität - deutet eine weitere Ebene an. Wesentlich konsequenter als etwa in den Edgar-Wallace-Filmen kombinierte Regisseur Harald Philipp die Handlung mit den sozialen Veränderungen nach dem Krieg in Deutschland, speziell hinsichtlich des Wandels in der Sexualität.(Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite). 








Ein unbekannter Strippenzieher im Hintergrund, Mord, Spionage, Prostitution - und mitten drin ein engagierter Staatsanwalt, der versucht dieses Geflecht aufzulösen und den wahren Täter zu ermitteln. "Unter Ausschluss der Öffentlichkeit" beginnt wie ein klassischer Gerichtsfilm mit dem Plädoyer des Staatsanwalts Dr. Robert Kessler (Peter van Eyck), ändert aber schnell seinen Charakter in Richtung Kriminalfilm, als die überraschende Zeugenaussage der schönen Laura Beaumont (Eva Bartok) den vermeintlichen Mörder (Claus Holm) entlastet. Kessler muss ihn gegen seine Überzeugungen laufen lassen, will dieses Ergebnis, dass schwer seiner Reputation schadet, aber nicht hinnehmen. Doch mit seinen erneuten Nachforschungen wird er einem international agierenden Verbrecher-Ring zunehmend lästig und gerät selbst in Lebensgefahr.

Als "Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" im Oktober 1961 in die deutschen Kinos kam, stand die Premiere des achten Edgar Wallace-Streifens "Die seltsame Gräfin" (1961) kurz bevor und lag Peter von Eycks Auftritt in "Die 1000 Augen des Dr. Mabuse" (1960) schon mehr als ein Jahr zurück. Dessen Fortsetzung "Im Stahlnetz des Dr. Mabuse" (1961) sollte ebenfalls noch im Oktober erscheinen, allerdings ohne Van Eyck, der erst im fünften Teil („Scotland Yard jagt Dr. Mabuse“, 1963) wieder mitspielte. Der Eindruck entsteht, Regisseur und Drehbuchautor Harald Philipp wollte, nachdem er im Jahr zuvor zwei Kriegsfilme gedreht hatte ("Strafbataillon 999" und „Division Brandenburg“, 1960), ebenfalls auf die Gruselkrimi-Karte setzen, die sich damals großer Beliebtheit erfreute. Doch im Gegensatz zu den Wallace- und Mabuse-Filmen, die trotz erheblicher Qualitätsunterschiede im Film-Gedächtnis blieben und bis in die heutige Gegenwart wiederholt vermarktet und im Fernsehen gezeigt wurden, erreichte „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ nie deren Popularität.

Anders als die erfolgreichen Krimi-Reihen, deren Stories nur wenig Berührung mit der Realität aufwiesen, blieb Harald Philipp, der wie sein Co-Autor Fred Ignor in den 50er Jahren im Schlagerfilm aktiv war, mit seiner Story in der Gegenwart der BRD verankert. Zwar klingt die Aussage eines Beobachters der Gerichtsszene zu Beginn, der Staatsanwalt hätte die Geschworenen schon auf seine Seite gebracht, nach anglizistisch geprägter Dramatik, aber offensichtlich war es noch nicht im kollektiven Gedächtnis angekommen, dass es in Deutschland seit 1924 keine Geschworenen mehr gab. Für besonders schwere Delikte ist bis heute das „Schwurgericht“ zuständig, das nur noch mit dem Namen daran erinnert, aber der „Großen Strafkammer“ entspricht, der neben den zwei Schöffen drei Berufsrichter angehören. Im Film ist das gut an der Besetzung der Richterbank zu erkennen, so wie sich Harald Philipp auch sonst an die juristischen Gepflogenheiten hielt. Sowohl die Rolle des Generalstaatsanwalts (Alfred Balthoff), der den ehrgeizigen Dr. Kessler in die Schranken weist, als auch des Strafverteidigers (Leon Askin) kommen ohne Polemik oder eine zugespitzte Konfrontation aus. Nachdem die Zeugenaussage den Angeklagten entlastet hatte, wurde er selbstverständlich aus der Haft entlassen.

Auch die Wallace-Krimis nutzten die in den 60er Jahren entstehenden Freiräume für sexuell offensivere Elemente, trennten gleichzeitig aber streng zwischen Gut und Böse und betonten das moralisch einwandfreie Verhalten des Helden und seines jeweiliges Love-Interests. In dieser Hinsicht ist „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ mutiger und direkter. Schon die Anspielung Dr. Kepplers auf die Teilnahme des verheirateten Konzern-Chefs Generaldirektor Delgasso (Rudolf Fernau) bei Partys einer Model-Agentur, ließ wenig an der tatsächlichen Aufgabe der Mannequins zweifeln. Die Nackt-Szene, in der der schwule Fotograf (Ralf Wolter) die Vorzüge der Mädchen ablichtet, hätte jedem frühen Erotik-Film zur Ehre gereicht. Besonders aber die Ausarbeitung der Dreieck-Konstellation zwischen Dr. Kessler, seiner Verlobten Ingrid Hansen (Marianne Koch) und der überraschend auftretenden Zeugin Laura Beaumont, lässt Harald Philipps ernsthaften Umgang mit den Veränderungen der Sozialisation nach dem Krieg erkennen.

Schnell stellt es sich heraus, dass der Staatsanwalt mit der schönen Französin vor Jahren eine Affäre hatte, die unglücklich für ihn endete. Seiner Verlobten hatte er davon nichts erzählt, weshalb diese zuerst eifersüchtig reagiert. Daraus hätte sich erneut die Mär vom angeblich untreuen Helden entwickeln lassen, der am Ende als Unschuldslamm die zukünftige Ehefrau in die Arme schließen darf. Stattdessen knistert es zwischen Kessler und der Schönen wieder gewaltig, als er versucht herauszubekommen, warum sie mit der geschickt platzierten Zeugenaussage seine Reputation beschädigen wollte. Zudem verfiel Phillip nicht in den gewohnten Reflex, eine sexuell offensive Frau einseitig als Luder zu diffamieren, sondern betrachtete sie mit Sympathie. Das gilt auch für Ingrid Hansen als optisch bravem Gegenpol, die nicht nur als Journalistin jederzeit selbstbewusst agiert, sondern auch als Verlobte ihre eigenen Schlüsse zieht. Peter van Eyck blieb gewohnt souverän innerhalb dieses Spannungsfelds, dessen Modernität den Film über die übliche Krimi-Ware dieser Zeit hinaus hob.

Dass „Unter Ausschluß der Öffentlichkeit“ das Zusammenspiel dieser differenziert angelegten Charaktere, zu denen auch der großartige Wolfgang Reichmann in einer Nebenrolle als seltsam undurchsichtiger Freund gehört, mit einer Story um Industrie-Spionage und Call-Girl-Ring verband, führte zu einer falschen Erwartungshaltung. Der Krimi-Plot kommt nie richtig in Schwung und der Hintergrund für die Spionage-Tätigkeit spielt keine wirkliche Rolle. Im Subtext verbirgt sich, worum es Regisseur Philipp tatsächlich ging – um Sexualität und den Wandel der Geschlechterrollen. Die Öffentlichkeit wird zu Beginn noch ausgeschlossen, als die Geliebte (Susanne Rüttger) über ihr Verhältnis zu dem Angeklagten vor Gericht aussagt, aber diese Maßnahme wirkt veraltet angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der hier Prostitution, Erotikaufnahmen und unehelicher Sex als Teil der bundesrepublikanischen Wirklichkeit dargestellt werden. Die Auflösung am Ende, um wen es sich bei dem „großen Unbekannten“ handelt, kann entsprechend Niemand mehr überraschen. Sie folgt nicht den Regeln eines Verbrechers, sondern eines in seinem Selbstbewusstsein erschütterten Mannes:

„Wie oft war ich schon unglücklich - mir laufen sie nicht hinterher wie dir!“


"Unter Ausschluß der Öffentlichkeit" Deutschland 1961, Regie: Harald Philipp, Drehbuch: Harald Philipp, Fred Ignor, Darsteller : Peter van Eyck, Eva Bartok, Marianne Koch, Claus Holm, Wolfgang Reichmann, Werner Peters, Leon Askin, Ralf Wolter, Rudolf FernauLaufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Harald Philipp:

Mittwoch, 19. März 2014

Mörderspiel (1961) Helmut Ashley

Inhalt: Sorgfältig versucht Klaus Troger (Harry Meyen) die Spuren seines Mordes an einer blonden Frau, die tot auf ihrem Bett liegt, zu verwischen, aber seine Bemühungen erweisen sich scheinbar als umsonst, als der bekannte Modeschöpfer von Hein Kersten (Götz George), einem jungen Architekten, erkannt wird, während er das Haus der Toten verlässt. Troger gelingt es, sich dessen Stillschweigen zu erkaufen, indem er ein amouröses Abenteuer vortäuscht, aber ihm ist klar, dass diese Lüge nur kurz Bestand hat, sobald die Zeitungen von dem erneuten Frauenmord berichten werden.

Um den Zeugen unauffällig beseitigen zu können, begleitet er Kersten auf eine mondäne Party, auf der sich auch seine Ehefrau (Magali Noël) befindet, die ihn offensichtlich betrügt und nur Verachtung für ihn übrig hat. Die übrigen Anwesenden, die sich zu den besten Kreisen zugehörig fühlen, suchen abendliche Ablenkung, weshalb die Idee, das „Mörderspiel“ zu veranstalten, mit allgemeiner Begeisterung aufgenommen wird. An Hand von Spielkarten wird ausgelost, wer als Opfer, als Täter und als Polizist agiert, aber niemand rechnet damit, dass die Leiche echt ist…

"Mörderspiel" gehört zu den deutschen Filmen an der Schnittstelle zwischen Unterhaltungsfilm und Gesellschaftssatire, die fast zwanghaft dem Krimi-Genre zugewiesen wurden, um gar nicht erst in eine andere Richtung denken zu müssen. Das hat dem Ansehen des Films geschadet, dessen Qualitäten unter den typischen Erwartungshaltungen vieler Reszensenten begraben wurden, weshalb die am 07.03.2014 von der PIDAX herausgebrachte DVD die Möglichkeit bietet, sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen (Die grünen Links führen zur Amazon-Bestellseite).
















Als "Mörderspiel" 1961 in die bundesrepublikanischen Kinos kam, genügte es schon mit einem Mord an einer Frau zu beginnen, um Assoziationen an Hitchcock zu wecken - eine Werbebotschaft, die eine Erwartungshaltung schuf, an der der Film zu unrecht scheiterte. Auch der gleichnamige Kriminalroman von Max Pierre Schaeffer, der dem Drehbuch als Vorlage diente, ließ vermuten, dass es in Helmut Ashleys zweitem Film - wie schon in seiner ersten Regiearbeit "Das schwarze Schaf"(1960) - um die kriminalistische Suche nach einem Mörder ging, obwohl an dessen Identität vom ersten Moment des Films an kein Zweifel besteht. Zwar versuchen behandschuhte Hände die Spuren eines Tatorts in der Anfangsszene zu beseitigen, die konsequent aus der subjektiven Sicht des Mörders aufgenommen wurde, aber dazu äußert sich die Stimme Harry Meyens aus dem Off, weshalb sein Anblick in der Rolle des Modeschöpfers Klaus Troger keine Überraschung mehr bedeutet, als die Kamera ihre Perspektive wechselt.

Dieses vom Autoren-Team um Ashley hinzugefügte Vorspiel zur eigentlichen Handlung, die während einer Party der besseren Gesellschaft in einem modernen Loft spielt, unterschied den Film nicht nur von der literarischen Vorlage, sondern auch von typischer Genre-Kost, ist gleichzeitig aber der einzige Schwachpunkt des Films. Für einen mehrfachen Frauenmörder, dem die Polizei bisher ergebnislos nachjagt, handelt Troger viel zu amateurhaft, als er am frühen Abend aus dem Haus seines letzten Opfers tritt und prompt von dem jungen Architekten Hein Kersten (Götz George) gesehen und erkannt wird. Auch das es ihm nicht gelingt den Hausschlüssel zu entsorgen, ist unglaubwürdig - Kersten hört den Klang des fallenden Schlüssels und hebt ihn wieder auf. Regisseur Ashley bezweckte mit dieser leider nicht schlüssig durchdachten Idee eine Umkehrung der traditionellen Krimi-Handlung - nicht die Suche nach dem schon feststehenden Mörder sollte im Vordergrund stehen, sondern diejenige nach den Abgründen der Wirtschaftswunder-BRD.

An dem der PIDAX-DVD beigefügtem Nachdruck der "Illustrierten Film-Bühne" wird deutlich, dass Ashleys Intention schon beim Erscheinen des Films ignoriert wurde. Weder findet in dem Werbetext der Mord zu Beginn Erwähnung, noch der Fakt, dass Klaus Troger (Harry Meyen) nur deshalb auf die Party mitkommt, um den lästigen Zeugen unauffällig erledigen zu können. Der Tote während des "Mörderspiels" ist entsprechend ein Produkt des Zufalls, da ihn Troger mit Kersten in der Dunkelheit verwechselt. Damit nahm Ashley der Handlung jeden wesentlichen Aspekt einer typischen "Who done it"-Handlung, aber anstatt sich auf die entstehende Gesellschafts-Satire einzulassen, wurde Kritik an einer fehlenden Spannung geübt, die der Regisseur gezielt vermied. Der Blick sollte frei bleiben auf eine prototypische Ansammlung von angeblichen Erfolgstypen, die sich unfähig zur Selbstkritik in ihren geschwätzigen Posen gefallen.

"Mörderspiel" bemühte sich weder um Differenzierungen, noch leise Zwischentöne, aber für seine so brachiale, wie amüsante Abrechnung mit den Repräsentanten der "besseren" Gesellschaft - Geschäftsmann, Rechtsanwalt, Arzt, Architekt, Schauspieler, Journalist, Modeschöpfer - stand Ashley eine große Anzahl hervorragender Filmschaffender zur Verfügung. Co-Autor Thomas Keck hatte die Dialoge zu Wolfgang Neuss' Film "Wir Kellerkinder" (1960) geschrieben und war an "Der letzte Zeuge" (1960) von Wolfgang Staudte beteiligt, in dessen gesellschaftskritischen Film "Kirmes" (1960) Götz George und Wolfgang Reichmann zuvor die Rollen der Antipoden übernommen hatten. Reichmann glänzt hier als besoffener Arzt, aber besonders der als Sympathieträger besetzte George überrascht, indem er die hohle Fassade des äußerlich so jovialen Jung-Architekten entlarvt.

Auch Hanne Wieder ("Das Mädchen Rosemarie" (1958)) und Robert Graf ("Jonas" (1957)) stehen für das moderne deutsche Nachkriegskino, während die Fellini-Darstellerin Magali Noël ("La dolce vita" (Das süße Leben, 1960)) und der französische Mime Georges Rivière ("La vergine di Norimberga" (Die Gruft der lebenden Leichen, 1963)) zum internationalen Flair der deutsch-französischen Co-Produktion beitrugen. Bemerkenswert ist auch die Beteiligung von Eberhard Schröder als Regie-Assistent, der später zu einem wichtigen Protagonisten des Erotik-Films ("Die Klosterschülerinnen" (1972)) wurde. Ebenso lässt es sich nicht übersehen, dass mit dem zweifachen Oscar-Preisträger Sven Nykvist ("Fanny und Alexander" (1972)) ein Könner hinter der Kamera stand, der eine Handlung mit originellen Einstellungen einfing, die zuletzt Kriminalhandlung sein wollte. Angesichts der egozentrischen Selbstdarsteller, die hier die Szenerie beherrschen, wird der Serienmörder zur unscheinbaren Nebenfigur.

"Mörderspiel" Deutschland, Frankreich 1961, Regie: Helmut Ashley, Drehbuch: Helmut Ashley, Thomas Keck, Odo Krohmann, Max Pierre Schaeffer (Roman), Darsteller : Götz George, Harry Meyen, Wolfgang Reichmann, Robert Graf, Wolfgang Kieling, Hanne Wieder, Margot Hielscher, Magali Noel, Georges Rivière, Laufzeit : 76 Minuten


weitere im Blog besprochene Filme von Helmut Ashley:

Montag, 17. Juni 2013

Kirmes (1960) Wolfgang Staudte

Inhalt: Als Arbeiter die Grube für den Stützpfeiler eines Karussells ausheben, das für die Kirmes in einem kleinen Ort in der Eifel aufgebaut werden soll, finden sie ein Skelett, gemeinsam mit einem Stahlhelm und einem Gewehr. Da es sich offensichtlich um einen gefallenen Soldaten des 2.Weltkriegs handelt, erlahmt das Interesse der Schaulustigen schnell, aber im Haus der Mertens, wohin die Überreste erst einmal gebracht werden, herrscht helle Aufregung. Martha Mertens (Manja Behrens) begreift sofort, dass es sich nur um ihren Sohn Robert (Götz George) handeln kann, auch wenn ihr Mann Paul (Hans Mahnke) versucht, ihr diese Ansicht auszureden. Als sie darauf beharrt, macht ihr der Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann) klar, was es bedeutet, wenn bekannt würde, dass Robert mitten im Ort lag. Sein Andenken und das seiner Familie wären besudelt, denn er gelte dann als Deserteur und Vaterlandsverräter.

Diese wurden 1945 mitten im Ort standrechtlich erschossen. Während die US-Armee nur noch wenige Kilometer entfernt weiter voranschreitet, wird der Befehl Himmlers vorgelesen, Jeden sofort zu erschießen, der einem Deserteur hilft. Zudem gilt das Todesurteil für einen Vaterlandsverräter auch für dessen gesamte Familie. Während ihre kleine Tochter diese Anweisungen fröhlich nachplappert, macht sich Martha Mertens Sorgen um ihren Sohn Robert, von dem sie schon längere Zeit nichts mehr gehört hatte. Sie ahnt nicht, dass er sich in unmittelbarer Nähe in ihrem Haus versteckt hält, nachdem er aus der Armee geflohen war…


Die Filme "Der Rest ist Schweigen" (1959) und "Kirmes" (1960) nehmen im deutschen Nachkriegsfilm bis Mitte der 60er Jahre einen Sonderstatus ein, da sie von ihren Regisseuren Helmut Käutner und Wolfgang Staudte selbst produziert wurden, die 1958 gemeinsam mit dem Regisseur und Produzenten Harald Braun die "Freie Film Produktion" gegründet hatten, um unbeeinflusst von politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten Dritter ihre selbst verfassten Drehbücher umsetzen zu können. Es blieb bei diesen zwei Filmen - vielleicht dem frühen Tod Harald Brauns 1960 geschuldet - die beim Publikum und der Kritik scheiterten und in Vergessenheit gerieten, obwohl viele ihrer sonstigen Filme bis heute populär geblieben sind.

Besonders für Wolfgang Staudte bedeutete diese Konstellation endlich die Möglichkeit, seine kritische Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus nach seinen Vorstellungen fortzusetzen. Für seinen 1959 herausgebrachten Film "Rosen für den Staatsanwalt" hatte er erstmals,  seitdem er nicht mehr für die DEFA drehte (unter anderen "Die Mörder sind unter uns" (1946)), auch in der Bundesrepublik Deutschland eine positive Resonanz bei Publikum und Kritik erfahren, nahm den ihm zuerkannten Bundesfilmpreis aber nicht an - ein offensichtliches Bekenntnis dafür, dass ihm die kritische Relevanz des Films zu gering war. Verglichen mit dem bis heute anerkanntesten Anti-Kriegsfilm deutscher Produktion "Die Brücke" (1959) von Bernhard Wicki, der eine Vielzahl von Preisen erhielt, und dem trotz seiner Thematik sehr unterhaltsamen "Rosen für den Staatsanwalt" wird deutlich, warum "Kirmes" keine Chance hatte - Wolfgang Staudte verzichtete darin auf jede Distanz zum sogenannten "Durchschnittsbürger".

Stand in "Rosen für den Staatsanwalt" die Judikative im Mittelpunkt, deren Vertreter zum großen Teil unmittelbar vom nationalsozialistischen Regime in den demokratischen Rechtsstaat überwechselten, ohne das ihr früheres Handeln in Frage gestellt wurde - eine Phase, die erst jetzt offiziell aufgearbeitet wird und deren Ergebnis Staudtes damalige Kritik weit in den Schatten stellt - und betrachtete "Die Brücke" den nationalsozialistischen Wahnsinns, kurz vor dem Kriegsende noch ihre Jüngsten sinnlos in den Tod zu schicken, ohne die Verantwortung Aller dafür aufzuzeigen, verdeutlicht "Kirmes" am Mikrokosmos eines Dorfes in der Eifel den generellen Opportunismus jedes Einzelnen, der nicht nur ein unmenschliches Regime am Leben erhielt, sondern unfähig war, die Lehren daraus zu ziehen.

Bevor Staudte zu den Ereignissen in der Vergangenheit, kurz vor dem Ende des Krieges, wechselt, beschreibt er die Feststimmung in der Gegenwart, anlässlich der jährlichen Kirmes in dem kleinen Eifelort. Die typisch penetrante Ausgelassenheit wird kurz unterbrochen, als bei den Erdarbeiten für das Fundament eines Karussells ein Skelett mit Stahlhelm und Gewehr gefunden wird, aber die Attraktionen des Jahrmarkts ziehen die Aufmerksamkeit schnell wieder auf sich. Nur im Haus von Martha (Manja Behrens) und Paul Mertens (Hans Mahnke) herrscht Aufregung, denn Martha ist sofort klar, dass es sich bei dem Toten nur um ihren Sohn Robert (Götz George) handeln kann. Die Anwesenden – darunter der Bürgermeister Georg Hölchert (Wolfgang Reichmann), der Pfarrer (Fritz Schmiedel) und der Gastwirt Balthausen (Benno Hoffmann) – widersprechen ihr zuerst, aber als sie darauf beharrt und ihn anständig begraben lassen will, schwenken sie um und ändern ihre Argumentation. Roberts Name steht auf dem Denkmal für die Gefallenen des Krieges, aber wenn es bekannt werden würde, dass er hier im Ort gestorben ist, wäre sein Andenken als Deserteur besudelt.

Wolfgang Staudte hätte die etwa 10minütige Sequenz auch an das Ende des Films stellen können, um die Konsequenzen aus dem damaligen Handeln im Ungewissen zu lassen, aber ihm war nicht an einem Spannungsaufbau gelegen, sondern an der Sichtweise der Bürger der demokratischen Bundesrepublik Deutschland auf die kaum 15 Jahre zurückliegende Zeit der Diktatur. Die Protagonisten der Eingangsszene spielten auch die Hauptrollen während der letzten Kriegstage und ihre Reaktion auf den Skelettfund lassen sich bei den von Staudte geschilderten Ereignissen um den gerade 18jährigen Robert, der desertiert war, um in seinem Heimatdorf Unterschlupf zu suchen, nicht mehr ausblenden. Zu offensichtlich wird es, dass sich Niemand einer Schuld bewusst ist und dass Roberts Fahnenflucht nach wie vor als Vaterlandsverrat bewertet wird, gleichbedeutend damit, dass die damalige Entscheidung der NSDAP, auch die Jüngsten noch in einen aussichtslosen Kampf zu schicken, nicht verurteilt wird. Dass der jetzige Bürgermeister Hölchert damals schon als NSDAP – Ortsgruppenleiter fungierte, betont nicht allein die Unbelehrbarkeit der Bewohner, sondern ist signifikant für den reibungslosen Übergang nach dem Krieg, der keine echte Zäsur brachte.

Wie nah „Kirmes“ damit der Realität kam, lässt sich an der vehementen Ablehnung des Films erkennen, die Staudte von Seiten der Kritik und des Publikums entgegen schlug, und die dem Ansehen des Films einen bis heute bleibenden Schaden zufügte. Auffällig an den geäußerten Kritikpunkten ist, dass diese nicht auf die Kernaussage des Films eingehen, sondern nur Randaspekte benennen: die angeblich überzeichnete Figur des NSDAP-Manns, das eingeschränkte Umfeld einer dörflichen Gemeinschaft oder den konventionellen Storyaufbau. Tatsächlich legte Staudte sehr viel Wert darauf, Einseitigkeiten zu vermeiden. Sogar die extrem angelegte Figur des jovialen Hölchert, der nach außen hin die Ideale Adolf Hitlers predigt, angesichts der vorrückenden US-Armee aber vorsichtshalber Akten verbrennt und NS-Zeichen beseitigt, verhält sich wie ein typischer Machtmensch, der seinen Einfluss missbraucht. Gewalt wendet er nur dezent an. Seine Fähigkeit wider besseren Wissens auch die negativsten Situationen noch schön zu reden, privilegiert ihn geradezu für dieses Amt - Reichmanns Darstellung haftet weder etwas satirisches, noch übertriebenes an.

Auch die übrigen Protagonisten reagieren menschlich nachvollziehbar, wollen Robert sogar beistehen, verlieren aber den Mut angesichts eines Regimes, das Jedem mit der Todesstrafe droht, der einem Deserteur hilft, dabei auch die jeweilige Familie mit in die Sippenhaftung einschließend. Sehr gut wird Staudtes differenzierter Blick an der Figur des Pfarrers deutlich, der Robert zuerst vier Tage Asyl gewährt, bis er ihn von Ängsten übermannt wieder wegschickt. Als in der Kapelle Teile der Uniform Roberts gefunden werden, gerät er in Verdacht und wird brutal von der SS verhört, verrät den Flüchtigen aber nicht. Götz George spielte den Deserteur mit jungenhafter Attitüde, der es nicht mehr aushält, als Soldat zu kämpfen. Er will einfach nur nach Hause, ohne dabei politische oder soldatische Reden zu schwingen. Staudte gönnt ihm noch einen schönen Moment, als er mit der hübschen Annette (Juliette Mayniel), einer zwangsverpflichteten französischen Arbeiterin, eine Nacht verbringt, aber sie verrät ihn sofort, als sie unter Druck gerät. „Kirmes“ idealisiert und verteufelt Niemanden, sondern entwirft ein tödliches Geflecht aus Angst und Egoismus, dass selbst eine kleine, von den großen politischen Ereignissen unberührte Dorf-Gemeinschaft – auch die US-Armee zieht sofort weiter, weshalb die evakuierten Bewohner schnell wieder in ihre Häuser zurückkehren können – dazu bringt, einen aus ihrer Mitte in den Tod zu treiben.

Robert wird nicht gefasst oder ausgeliefert, sondern erschießt sich selbst, weil er den inneren Konflikt seiner Familie nicht mehr aushält – und wird in einem Bombenkrater mit seinen Utensilien entsorgt, um jeden Verdacht zu vermeiden. So schrecklich diese Ereignisse sind, so vermittelt „Kirmes“ doch Verständnis für die Reaktionen der Dorfbewohner und erhebt sich nicht über sie. Einzig die Figur des Ortsgruppenleiters Hölchert als willfähriger Vertreter eines mörderischen Regimes verdient keine Nachsicht. Der wahre Schrecken zeigt sich erst in der Gegenwart, nicht allein durch die Wahl dieses Mannes zum Bürgermeister, dessen pragmatischer Umgang mit den neuen Verhältnissen signifikant für die generelle Haltung dieser Zeit ist, sondern auf Grund der Weigerung, sich mit einer Phase auseinander zu setzen, die Jeden dazu bringen konnte, gegen seine inneren Überzeugungen zu handeln. Wolfgang Staudte ging es nicht um eine nachträgliche Verurteilung, sondern um das Verhalten in der Gegenwart. Lieber wird ein 18jähriger Junge nach wie vor als Verräter betrachtet, als sich der Auswirkungen und Folgen eines diktatorischen Regimes bewusst zu werden.

Von diesem Vorwurf konnte sich 1960, als „Kirmes“ in die Kinos kam, kaum Jemand freisprechen, zu konkret vertrat Staudte seine Meinung und zu genau traf er damit den Nerv, dabei konsequent auf unterhaltende und damit abschwächende Elemente in seinem Film verzichtend. An der grundsätzlichen Aussage des Films hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn der zeitliche Abstand den Blick darauf erleichtert, weshalb es an der Zeit wäre, „Kirmes“ wieder einem größeren Publikum zugänglich werden zu lassen, jenseits von kleinlichen Kritikpunkten.

"Kirmes" Deutschland 1960, Regie: Wolfgang Staudte, Drehbuch: Wolfgang Staudte, Darsteller : Götz George, Juliette Mayniel, Manja Behrens, Hans Mahnke, Wolfgang Reichmann, Fritz Schmiedel, Benno Hoffmann, Laufzeit : 96 Minuten

weitere im Blog besprochene Filme von Wolfgang Staudte: